Buch lesen: "Von Herzen"

Schriftart:

Peter Spans

Von Herzen

Thriller


© Atrium Verlag AG, Zürich, 2020

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Atrium Verlag unter Verwendung einer Illustration von Peter Spans

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-03792-163-0

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Am schlimmsten wird es, wenn es jemand besonders gut meint.

TEIL EINS

Eckerd
EIN HUND

Lolita sah hinaus in den roten Regen.

Abgefischt.

So spät würde niemand mehr suchen. Weil niemand mehr davon ausgehen konnte, dass es noch was zu finden gab.

Weit hinten im peitschenden Regen bewegte sich etwas. Tatsächlich war da jemand, er hastete von Hauseingang zu Hauseingang, rein und raus durch die Wasservorhänge, die von überfluteten Dachrinnen fielen. Ein dürrer Mann. Er hielt etwas über dem Kopf, das zu schmal war, um Schutz zu bieten.

Der Mann verschwand durch den Wasserfall des nächsten Eingangs. Lolita lehnte unter dem muschelförmigen Vordach an der tagwarmen Wand und sog die feuchte Luft ein.

Stadtpatina. Bordstein, Asphalt, Gummi, Pisse, Spucke, Eisen, vielleicht Blut. Von irgendwoher frischer Beton. Der Regen wusch es aus, spülte es heran. So musste es sein, wenn man ein Hund war.

Lolita stellte sich gern vor, etwas anderes zu sein.

DAMALS : PORCS DE LA MORT

Eckerd reckte seine Haselgerte in den Himmel.

»Verehrtes Publikum, heute werden sie Zeuge einer nie da gewesenen Darbietung! Porcs de la mort!«

Elmar, der Großvater, hatte sich nicht setzen wollen. Nur widerstrebend ließ er sich von Eckerds Vater Bernhard auf den Baumstamm ziehen, der seit Jahren auf der Wiese lag.

»Was redet der so geschwollen?«

»So redet ein Zirkusdirektor nun mal.«

»Du redest auch geschwollen.«

»Schau’s dir an. Ist doch mal was anderes.«

Elmar machte ein Gesicht, als ob was anderes übel riechen würde.

Eckerd beobachtete die beiden aus dem Augenwinkel.

Bernhard staunte über das Hindernis aus alten Brettern. Mit sieben hätte er so was nicht hinbekommen. Zwei rosa Schweine dösten neben Eckerd einige Meter entfernt von dem Hindernis, während auf der anderen Seite in gleicher Entfernung ein weißes bei Marthe wartete, Eckerds kleiner Schwester.

Eckerds roter Schopf leuchtete vor der tief stehenden Sonne. Sein gemalter Zwirbelbart bog sich unter erhabener Miene.

»Maria, Josef! H.G!« Eckerd ließ seine Gerte sirren.

Maria und Josef galoppierten mit atemberaubender Geschwindigkeit auf das Hindernis zu.

H.G. war Albino, weswegen er schlecht hörte, aber nach einem scharfen Stupser der spitzen Füßchen von Marthes kopfloser Barbie sprintete er auf Maria, Josef und das Hindernis zu.

Bernhard spürte seinen Puls, als alle drei Schweine zugleich absprangen und es aussah, als ob sie in vollem Galopp über dem Hindernis kollidieren müssten. Für einen Sekundenbruchteil schienen sie übereinander in der Luft zu schweben, ein rosa-weiß-rosa Banner. Sie flogen haarscharf aneinander vorbei, um dann wie grotesk kurzbeinige Springpferde auf dem versteppten Gras in effektvollen Staubwolken zu landen.

»Padaaaah!« Eckerd ahmte eine Fanfare nach.

Bernhard sprang auf und applaudierte, dass seine schwieligen Hände brannten und ihn die Traurigkeit, die ihn sonst umfing, für einen kleinen Moment losließ. Er stupste Elmar an.

»Hast du Schweine schon mal so was machen sehen?«

»Sie verlieren Gewicht dabei.«

»Damit kann er zum Zirkus!«

»Er nennt sie Maria und Josef.«

Eckerd kam, um sich lang und breit loben zu lassen.

»Und H.G.«

Bernhard klopfte Eckerd auf die Schulter. »Toll. Wofür steht denn H.G. eigentlich?«

»Heiliger Geist.«

Elmar stand auf. »Das reicht.«

»Das ist, weil er so weiß ist. Wie ein Geist.«

Elmar versuchte, dem heiligen Geist einen Strick überzuwerfen, aber der drehte ihm mit einem Grunzen das Hinterteil zu. Er packte Josef am Nacken und legte ihn an die Leine. Der quiekte verwundert, dann trottete er Elmar hinterher.

»Sag Opa, er soll Josef wieder herbringen!«

Bernhard applaudierte noch einmal besonders laut. »Das war eine unglaubliche Vorstellung, mein Sohn!«

Eckerd sonnte sich im Stolz seines Vaters und machte einen Kratzfuß wie vor einem sehr großen Publikum.

Das dumpfe Knacken aus dem Schuppen war kaum bis zur Wiese zu hören, aber es ließ Eckerd stocken, denn er kannte es, seit er denken konnte. Dann verbeugte er sich tiefer und ausladender als zuvor, während Bernhards Miene zu ihrem schwermütigen Ausdruck zurückfand.

RICHTUNG ROT

Frank keuchte. Normalerweise rannte er nicht. Warum auch? Bis vorhin war es ein guter Tag gewesen, viele Leute hatten sich in der Herbstsonne treiben lassen, mit reichlich Wechselgeld von Bier-, Eis- oder Würstchenkäufen in den Taschen, und er hatte gearbeitet. Irgendwann war er auf einer Parkbank eingenickt, bis ihn der Wolkenbruch aufgeschreckt hatte. Er musste lange weggetreten gewesen sein, einige Meter entfernt glomm eine einzelne Straßenlaterne in dem dichten Regen. Froh, dass ihm niemand seinen Koffer geklaut hatte, hastete er zum nächsten Hauseingang und sprang durch die Wasserwand, die von einer überfluteten Regenrinne niederging, um sich im Trockenen zu vergewissern, dass seine Tageseinnahmen noch da waren. Und sein Werkzeug.

Danach hatte er sich Richtung Stadtmitte bewegt, indem er sich von Haus zu Haus gearbeitet hatte. Er war ohnehin schon durchnässt gewesen, als ihn das Unwetter geweckt hatte, und in den Eingängen war es deutlich wärmer.

Hinter der Haustür, vor der er gerade nach Luft rang, ging Licht an. Jemand würde kommen, er würde ihn für einen Penner halten, er würde miese Laune haben und Ärger machen, weil er bestimmt Lust auf Ärger hatte. Frank rappelte sich auf und zwang sich wieder durch das Wasser hinaus in den Regen.

Er hatte eine neue Gegend ausprobiert. Viele kleine Cafés mit Tischen auf den Straßen. Einträglich, aber weit draußen. So spät fuhren hier offensichtlich keine Öffentlichen mehr, und bisher war nicht ein Taxi an ihm vorbeigefahren. Eigentlich überhaupt kein Auto. Sein Handy lag zu Hause, normalerweise wüsste Frank auch nicht, wen er damit anrufen sollte. Erneut durchtränkt, erreichte er den nächsten Eingang. Er fror.

Langsam hört der Spaß auf.

Frank hatte ein Ziel, ein entferntes rotes Leuchten. Es war lange kaum näher gekommen, aber jetzt trennte ihn nur noch eine breite Kreuzung davon.

Zivilisation.

Frank steckte seine Hand durch den Vorhang aus Wasser, der vom Dach auf die Straße fiel, und spähte darunter hinaus auf die andere Straßenseite.

Rotes Neon. Ein Schriftzug.

Von Herzen.

Im Schutz eines geschwungenen Vordachs lehnte eine ranke Silhouette in einem hautengen Dress lasziv rauchend an einer bunt bemalten Wand. Vielleicht ein Puff. Oder ein Varieté, so verrückt, wie der Eingang bemalt war.

Frank fror, aber er zögerte, dorthin zu gehen. Seine letzte Prozedur lag schon einige Stunden zurück, und es könnte Probleme geben, wenn er so in den Laden ging. Er könnte es jetzt machen, aber es wäre bizarr, wenn ihn jemand währenddessen im Hauseingang antraf.

Frank holte tief Luft, hob seinen Koffer über den Kopf und rannte Richtung Rot.

DER MANN

Paul brachte keine Gegenwehr mehr zustande.

Das infernalische Dröhnen drang in sein Innerstes und zerquetschte seine Seele zu einem pechschwarzen Brei.

Paul lag und spürte den Schnee, der auf ihn herabfiel. Der sich auf seiner perfekt gebügelten Polizeiuniform nicht auflösen wollte, Staub und Sand maroden Mörtels, den jeder vorbeidonnernde Zug aus der geziegelten Arkade über ihm rüttelte.

Ob ein Reisender je einen Gedanken daran verschwendet hatte, dass der Zug, in dem er über eine Brücke fegte, jemandem darunter die Seele zerquetschte? Wohl kaum. Sie waren alle auf irgendeinem Weg. Nur Pauls Wege waren zu Ende.

Zu Ende legte sich um seinen Hals und würgte ihn. Er hatte sich in die verlassene Werkstatt unter der Eisenbahnbrücke verkrochen, als ihm alle anderen Möglichkeiten ausgegangen waren.

Er tastete nach dem Rand der fleckigen Matratze und stöhnte, als er sich auf die Seite zog. Scharfe Kälte drang an Schulter und Bein, quälte ihn zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins. Paul hatte sich in sich selbst verlaufen und darüber mit dem überdimensionalen Tauchsieder in einer der korrodierten Zinkwannen Wasser brodeln lassen, bis sich dichter Dampf überall niedergeschlagen und die Matratze, auf der er lag, durchtränkt hatte. Nass verströmte sie einen noch viel schrecklicheren Geruch als trocken, und da war es schon kaum zu ertragen gewesen. Paul fiel ein, dass er sich irgendwann mal an der Stelle übergeben hatte, an der jetzt sein Gesicht lag.

Das Donnern eines weiteren Zuges folterte Paul, bis er sich zurück auf den Rücken rollen ließ, wo das erkaltete Wasser die letzte Wärme aus ihm sog. Es musste Stunden her sein, dass er den Tauchsieder in die Wanne gelegt hatte. Er musste etwas tun. Er öffnete ein Auge.

Es dauerte, bis er sich an das fahle Licht der Straßenlaterne gewöhnt hatte, das durch das staubige Oberlicht des hölzernen Werkstatttors fiel. Die dichten Nebelschwaden verbargen die Wände und die gewölbte Ziegeldecke des Raums, sie lichteten sich nur am Tor, wo es sie durch die Spalten der grob gezimmerten Bretter nach draußen sog.

Aufstehen.

Er müsste zu dem klemmenden Tor wanken, es aufstoßen und den schrecklichen Nebel in die Nacht schicken. Allerdings, im Licht der Straßenlaterne wären die Schwaden wie Rauchzeichen. Der Dampf würde ihn verraten. Er verriet ihn jetzt schon, indem er durch die Bretter drang. Es war ja nicht seine Werkstatt.

Nichts war seins.

Es war eine große Wanne, in dem der Sieder Wasser zum Kochen brachte, etwa so groß wie eine Badewanne. Er hatte es nur anwärmen wollen, um darin einzuschlafen, dann war er auf der Matratze weggedämmert. Der Sieder war sein Feind. Aber aufzustehen, sich in den Waschraum zu schleppen und ihn vom Strom zu trennen, war ein Unterfangen gigantischen Ausmaßes, das langwierige mentale Vorbereitung erforderte.

Paul zitterte. Auf der nassen Matratze würde er erfrieren, was an sich in Ordnung war, aber er wollte auf keinen Fall so gefunden werden – nass und stinkend, seine Uniform paniert mit einer Schicht grauen Mörtelstaubs.

Er zog sich halb von der schmatzenden Matratze auf den schmierigen Betonboden, wo er eine Zeit lang liegen blieb. Über den nassen Beton zu kriechen, würde seiner Uniform noch mehr schaden und seinen Körper noch schneller auskühlen als die nasse Matratze. Die Kälte stach, und einschießendes Adrenalin fraß sein Phlegma. Paul hatte seinem Körper keinen bewussten Befehl dazu gegeben, aber er richtete sich auf.

Er wankte durch den dichten Dampf in den Waschraum, den ein breiter Spindschrank mit einer Reihe von Türen bis auf einen schmalen Durchgang vom Hauptraum trennte. Dort tastete Paul sich zu den Wannen und verbrannte sich an dem brodelnden Wasser, als er den Tauchsieder am Kabel herauszog.

Erschrocken ließ er ihn auf den nassen Boden fallen, wo er zischte und weiß-rot glühte. Paul packte das Stromkabel an der nächsten Windung und riss daran. Irgendwo im Dunst riss es, sodass sich das Brodeln legte. Paul keuchte. Sein Atem klang, als käme er von weit her. Der Nebel dämmte. Paul hielt den Atem an. Es war wirklich still. Und doch spürte Paul, dass er da war, der andere.

Paul konnte nur das Unmittelbare in den Schwaden erkennen, aber er spürte, wie er angestarrt wurde, wie die Augen des anderen an ihm saugten. Paul nahm sich zusammen. Er trat vor und starrte zurück.

Paul kannte den Mann sehr gut. Er hatte sein Leben zerstört. Ihm alles genommen. Seine Beziehungen. Den Job, den er geliebt hatte. Die Ehre.

Der Perverse.

Paul schrie ihn an. Der Mann schrie zurück. Paul ballte die Fäuste, der Mann tat es auch und bleckte die gelben Zähne, als ob er hinter seinem klebrigen Vollbart grinste. Hass stieg in Paul auf, er schlug zu. Der Mann schlug auch, aber Paul traf ihn mit voller Wucht. Er zertrümmerte ihm das Gesicht, dass es in tausend Stücke platzte.

Paul keuchte. Sein Puls raste, Blut lief aus seiner Faust, Scherben steckten darin. Er zog einige heraus. Mehr Blut. Er spürte nichts.

Lange starrte er in das gezackte Loch, das seine Faust geschlagen hatte. Toilettenartikel, Schlaftabletten und Scherben. Ungesundes Pulsieren in der blutenden Hand schrie nach Beachtung. Einsetzender Schmerz machte ihn klarer.

Klarheit ist grauenvoll.

Paul hievte ein Bein über die Kante der noch dampfenden Zinkwanne und sah zu, wie sein polierter Lederschuh versank. Das Wasser verbrühte ihn nicht mehr, es war nur noch sehr heiß. Paul ließ den Fuß auf den Grund sinken, zog das andere Bein nach und ließ sich in die Hitze gleiten. Sein ausgekühlter Körper brüllte vor Schmerz, dass es ihm fast die Sinne raubte. Trotzdem nahm er zufrieden zur Kenntnis, dass seine Uniform im Wasser besser aussah. Er begutachtete seine Hand wie ein beschädigtes Bauteil. Aus den größeren Schnitten troff Blut im Rhythmus seines Pulses.

Lächerlich!

Eine Million Mal hatte Paul daran gedacht, sich umzubringen. Tausend Mal fand er, dass es ein guter Tag zum Sterben war. Hunderte von Szenarien hatte er ersonnen, wie er seinem Leben ein Ende setzen könnte, Dutzende davon hatte er versucht, und mit keinem einzigen war er erfolgreich gewesen. Paul war willens zu sterben, aber er, dem jede Würde genommen war, wollte wenigstens danach in Würde gefunden werden, was sich schwieriger gestaltete, als er sich gedacht hatte.

So grausam das Schicksal seit dem einen verhängnisvollen Tag zu ihm gewesen war, gerade eben hatte es ihm die Entscheidung abgenommen. Mit einem Schlag hatte Paul den Perversen gerichtet, und sich dazu. Wie elegant. Nur noch ein bisschen warten. Einfach Ende. Stille. Und bitte keine Wiedergeburt.

Paul spürte, wie die letzte Kraft aus ihm wich, matt ließ er die Faust ins Wasser sinken und beobachtete, wie sie langsam hinter den rot-schwarzen Schleiern verschwand, die sein Blut im Wasser zog. Über den Wannenrand hinweg blickte Paul zum Ausgang des Waschraums, durch den der dichte Nebel drängte.

Ausgang. Ausgänge bedeuteten Neuanfänge. Sie folgten auf Entscheidungen und Ergebnisse. Sie bedeuteten einen Anfang oder ein Ende. Nicht mehr für Paul. Nie wieder würde er auf seinen Beinen durch diesen Ausgang gehen, vielmehr sehnte er sich danach, dass seine körperbefreite Seele auf dem dichten Nebel hinausgetragen würde, um sich irgendwo da draußen für immer aufzulösen.

Im Ausgang lehnte eine schemenhafte Gestalt.

Trotz der Hitze kroch Kälte in Paul hoch. Der Perverse war besiegt, er starb gerade, er konnte nicht dort lehnen. Außerdem war der Schemen kleiner als er. Sein knochenweißes Gesicht war auffallend flächig, soweit man es im Dunst auf die Entfernung ausmachen konnte. Aus seiner schwarzen Kapuze standen die leuchtend weißen Ohren eines Golems heraus, ansonsten war er schwarz, der Tod.

So klein und schmächtig ist er also, dein Tod.

Panik stieg in Paul auf. Er wollte hier in Frieden sterben und nicht irgendwo hingezerrt werden. Er hob die blutende Hand wieder aus dem Wasser.

Reality check.

Paul hatte gelesen, dass man herausfinden konnte, ob man träumte, indem man seine Hand schnell hin und her drehte. Träumte man, sah sie nach jeder Drehung anders aus, weil das Hirn mit der Erzeugung einer schnellen Abfolge imaginärer Bilder durcheinanderkam; man hatte dann mehrere Daumen oder Rosen statt Finger. Paul drehte die Hand hin und her. Nach jeder Drehung waren es vier Finger und ein Daumen, die pulsierend bluteten. Allerdings weniger stark.

Du blutest aus.

Der Tod wechselte das Stand- und Spielbein, aber er kam nicht näher. Er schien seelenruhig zu warten, bis es vorbei war. Ein guter Tod, dachte Paul.

Paul konnte spüren, wie sich sein Bewusstsein aus ihm löste. Der Ausgang verschwamm, der Tod verschwamm. Alles wurde zu einem tiefen Schwarz, aus dem eine hohe Männerstimme flüsterte, sanft und rau. Die Stimme, die der Anfang von allem Schlechten gewesen war.

»Hamster, kleiner Hamster.«

Sie sagte es wieder und wieder, bis Dreijährige in rüschenübersäten Prinzessinnenkostümen aus dem Schwarz an die Wanne traten. Sie hatten putzige Hamstergesichter, die ihn neugierig aus schwarzen Augen anstarrten. Sie quiekten vergnügt, dann hielten sie inne.

Bitte nicht.

Die Hamstermädchen kreischten. Und alles hörte auf.

VIERZIG

Vor dürren Menschen musste man sich in Acht nehmen. Mehr als vor Fleischigen. Der Dürre rannte ohne Jacke durch den kalten Regen von Haus zu Haus, mit einem Geigenkoffer auf dem Kopf. Als er näher kam, zündete Lolita eine Zigarette an.

Noch auf der anderen Straßenseite wechselte Frank in einen o-beinigen Gang, den er für männlich hielt, klemmte den Koffer unter den Arm und schlenderte unter das geschwungene Vordach.

»N Abend. Was ist das hier für ein Laden?«

Lolita unterdrückte ein Husten. Sie hätte mit einem verlebten Bariton gerechnet, aber aus dem Dürren kam nur ein keuchendes Falsett. Sie schickte den Rauch in die Nacht.

»Was denkst du, was es ist?«

Frank taxierte Lolita, bis er merkte, dass sie dasselbe tat. Der Laden, die Bar, das Restaurant, der Puff oder was immer es war, hatte einige Fenster zur Straße, aber die zugezogenen, blutroten Samtvorhänge blockten jeden Blick ins Innere. Die Motive der wilden Malereien auf der Wand, die sich bis über die Eingangstür zogen, waren so wirr, dass Frank in ihnen keinen Hinweis fand, was dahinter vor sich gehen mochte. Er spähte durch die offene Tür, aber auch der schwarzblaue Vorraum verriet ihm nichts.

»Also … das rote Licht, der Name, wie du da stehst …«

»Wie stehe ich denn da?«

»Mit dem engen Leder … da kann man ja draufkommen …«

»Dass ich Motorrad fahre?«

»Ja … genau.«

»Mit Korsett?«

Lolita hielt ihre langfingrige, lederne Hand auf. »Zwanzig.«

»Wofür?«

»Wegen dem, was du sagen wolltest.«

»Ich hab’s ja nicht gesagt.« Frank überlegte, was passierte, wenn er nicht zahlte. Zu was sie fähig war, dass sie allein in der Nacht eine Tür bewachte. Wer herauskam, wenn es Ärger gab. Ihm war kalt. »Ich hab’s auch nicht gedacht.«

Frank zuckte, als ihr Mittelfinger in seine Rippen stieß.

»Vierzig.«

Er fror. Er konnte ihrem Blick nicht standhalten, also kramte er Scheine und Münzen aus dem Geigenkoffer und klatschte sie in die schlanke Hand.

»Okay, was ist das für ein Laden?«

»Dreißig.«

»Weißt du was? Ich finde es selbst raus.«

Lolita biss sich auf die Unterlippe. Frank klang wie ein Meerschweinchen.

Er schob sich an ihr vorbei in den schummrigen Vorraum, ein paar Schritte weiter sah er sich nach ihr um. Im Rechteck der offenen Tür ließ Lolita seine Scheine auf ihrer ranken Silhouette verschwinden. Die Münzen warf sie nacheinander in den Regen.

Es spiegelte sich nicht im Geringsten in ihrer Miene, aber der Dürre machte Lolita gute Laune.

Er hatte sie Hure nennen wollen.

Das hieß, dass sie die richtigen Signale sandte.

WILLKOMMEN

Frank zögerte, über die riesige Zunge in den aufgerissenen Frauenmund zu treten.

Am Ende des schummrigen Vorraums hatte er die hölzerne, weit ausgestreckte Zunge entdeckt, die durch volle Lippen, an weißen Zähnen vorbei tief in den Rachen des mannshohen Mundes führte, wo ein schwerer Samtvorhang den Blick in den Raum dahinter verwehrte. Frank wäre am liebsten umgedreht, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, gleich wieder an der Dunkelroten vorbeizuschleichen, zumal er sich nicht erinnern konnte, wann er zuletzt so gefroren hatte. Er spähte durch einen Spalt im Samt.

Auf einer kleinen Tanzfläche, die von etwa einem Dutzend samtgepolsterter Sitznischen mit hohen Lehnen gesäumt wurde, saugte eine junge, kleine Kugelrunde im neonpinken Synthetikpullover am Hals eines älteren Hageren im teuren Anzug zu einem vor Wehmut triefenden Bossa nova. Er japste, als sie sich mit ihrem ganzen Gewicht an seinen Hals hängte, und musste niesen, als ihre Arme ihm Pulloverflusen in die Nase rieben. Nachdem er ihre Zehen ein paar Umdrehungen lang über das Parkett geschleift hatte, versuchte er sie abzustreifen. Schließlich resignierte er, schleppte sich mit ihr am Hals in Nische Nummer vier, über deren Eingang der Name Glamouria glitzerte wie eine Swarovski-Brosche, wie auch sonst viele Details in Strass glitzerten. Der Hagere fiepte, als sie sich auf ihn fallen ließ, dann hechelte er.

Frank sah das Klavier. Und drei Podeste mit Mikrofonen.

Scheiße, die haben ne Band. Aber vielleicht nicht jeden Tag.

Frank trat aus dem Vorhang. Ihm fiel auf, dass jede der Nischen ein Telefon besaß, immer passend zum Thema der Nische.

»Bäh!« Die Kugelrunde kippte dem Hageren seinen Rotwein ins Gesicht, packte den paillettenbesetzten Hörer des Glamour-Phones vom Glittertisch der Vier und wählte eine Nummer.

Licht blendete über der Nische auf, und die Musik trat in den Hintergrund. Der Begossene starrte ins Helle, als die Stimme der Kugelrunden aus allen Lautsprechern dröhnte.

»Halloo, hier ist eure Tina. Ich wollte nur sagen, dass ich immer, immer an die ganz, ganz große Liebe glaube, und ihr erreicht mich heute unter der Neun. Aber Mädels, wählt nicht die Vier. Außer, ihr wollt ein Hundefrauchen sein und euch von einem hechelnden Freak von oben bis unten ablecken lassen. Gebt nicht auf, die Liebe kommt! Gute Nacht!«

Das Licht erlosch, nachdem Tina den Hörer auf die Gabel geknallt hatte. Sie trat hoch erhobenen Hauptes aus der Vier, flanierte an den anderen Nischen vorbei, und als niemand von seiner Tischplatte aufsah, ließ sie sich in die Neun fallen, den Bergdieb, ein Crossover aus Dirndl und Krachlederner aus tiefgrünem Samt und besticktem Wildleder, das Tinas pinker Neonpullover überschrie.

Auf dem Weg zur Bar hielt sich Frank im Schatten, aber Tina entdeckte ihn trotzdem, presste sich lasziv in die Polster, leckte sich über die dünnen Lippen, streckte den Zeigefinger in seine Richtung und krümmte ihn verführerisch im Rhythmus der Polka, die gerade einsetzte. Frank schlich zu der prächtigen, hölzernen Bar und kletterte auf einen Hocker neben einen Gast, der in ein Gespräch mit der Frau hinter der Bar vertieft war. Frank versuchte, eine Gesprächslücke abzupassen, aber der Mann redete in einer Tour.

Diese Frau … feine Züge und helle, fast leuchtende Haut.

Frank überlegte, ob sie schön war. Schön, ja. Aber vor allem anders.

Zu anders zum Anbaggern.

Zumindest war unklar, was passieren würde, wenn man es versuchte.

»He, machst du mir n Bier, bitte?«

Sie hörte dem anderen mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu, wobei sie Anteil an jeder vorhersehbaren Wendung seiner banalen Erzählung nahm. Frank trat hinter ihn, machte ein durstiges Gesicht, dass seine geröteten Augen heraustraten, und wedelte mit seinen dünnen Armen, dass seine nassen Ärmel spritzten.

»He, Schöne, mach mir mal n Bier, bitte!«

Ihr Blick war nicht unfreundlich. Gar nicht. Er sagte nur, dass Franks Betragen ihm Strafminuten eingehandelt hatte.

Frank machte beschwichtigende Bewegungen, kletterte ein paar Meter weiter auf einen Barhocker und ließ den Geigenkoffer auf die Fußraste unten am Tresen fallen. Er war froh. Sie hatte nicht eine Miene über seine hohe Stimme verzogen.

Er überlegte, ob er hungrig war. Neben der Bühne warteten einladend gedeckte Tische in einem eigenen, schummrig gemütlichen Bereich. Ein einziger, dicker Mann saß da, sein kindliches Gesicht glühte rosig über einer Vorspeise, und als die Ranke in ihrem dunkelroten Leder eintrat, wedelte er mit seinen speckigen Ärmchen. Sie schwebte an seinen Tisch und wartete in umwerfender Pose, bis er genug Scheine aus einem perlenbestickten Portemonnaie in ihre Hand gelegt hatte, dass sie auf den Stuhl neben ihm glitt.

Durchnässt, wie er war, beschloss Frank, einfach sitzen zu bleiben und sich weiter umzuschauen. Er war immer noch ohne Bier und ohne eine Ahnung, was er hier sollte und wollte. Dennoch hieß ihn alles hier irgendwie von Herzen willkommen.

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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
30 Juli 2024
Umfang:
430 S. 1 Illustration
ISBN:
9783037921630
Rechteinhaber:
Bookwire
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