Buch lesen: "Tango mortale"
Pavel Kohout
Tango mortale
Roman
Aus dem Tschechischen
von
Silke Klein
Saga
Der tschechisch-deutsch-italienischen Schauspielerin und leidenschaftlichen Tangotänzerin Jitka Frantová-Pelikánová gewidmet.
P. K.
Die Stufen des Dramas nach Aristoteles:
Die Personen werden vorgestellt.
Die Personen treffen aufeinander.
Die Personen machen sich schuldig.
Die Personen beschuldigen sich.
Die Personen werden verurteilt oder sittlich gereinigt.
Dann bekommt das Drama einen Sinn.
Exposition
I. Giulietta
Mit einem Schluck Single-Malt-Whisky begann sie jeden ihrer Flüge, denn sie hatte sich ihr ganzes langes Leben nicht damit abfinden können, dass ein Haufen Metall, der sehr viel schwerer war als Luft, fliegen konnte. Auch diesmal füllte sie sich rechtzeitig aus der Hausbar ihren silbernen Flachmann, den ihr Vittorio geschenkt hatte, wann? zum Fünfzigsten, und der war schon lange im Nebel der Zeit verschwunden. Aus der gecharteten Cessna stieg ihr Lieblingspilot aus, den sie sich rechtzeitig bei der Firma hatte bestellen können.
»Hallo, Michal!«
»Ich grüße Sie, Fürstin! Wir haben uns ja lange nicht gesehen.«
»Eben. Also sind Sie schon wieder geschieden?«
»Irgendwie habe ich das bisher nicht geschafft.«
»Nein! Immer noch die Australierin?«
»Neuseeländerin.«
»Ja ... da hat Sie wohl endlich eine wirklich gekapert?«
»Es sieht so aus. Wir erwarten bald ein Kind.«
»Soweit ich weiß, ist es das dritte!«
»Ja, soweit ich weiß.«
»Allerdings hat Sie das, wie wir alle wissen, noch nie daran gehindert, auszufliegen.«
»Zum ersten Mal droht eher, dass sie ausfliegt.« Er grinste und wollte ihr die Treppe hinaufhelfen, doch wie immer wehrte sie ab und stieg selber hoch.
Mickel Comar, entgegen seinem ursprünglichen tschechischen Namen Komár, also Mücke, ein zwei Meter großer junger Mann, war ein Kosmopolit, der drei Weltsprachen beherrschte, doch mit ihr sprach er nur in der gemeinsamen Muttersprache – Mährisch, wie sie stolz das Tschechische in der Region Haná bezeichnete. Michal, der zum ersten Mal im franko-kanadischen Montréal das Wort »Mama« von sich gab, hatte das kleine Einmaleins im anglo-kanadischen Vancouver gelernt und im italo-schweizerischen Locarno Technik studiert, wo sein Vater Vorlesungen über Völkerrecht hielt, und er hatte sich seine Muttersprache perfekt in Wort und Schrift erhalten, wenngleich seine Eltern, die nicht an die Dauerhaftigkeit der politischen Erwärmung der sechziger Jahre glaubten, sofort nachdem sie ihren ersten Reisepass erhalten hatten, emigrierten. Was sie während der komplizierten Anfangsjahre bei seinen zwei Geschwistern in Amerika nicht geschafft hatten, kompensierten sie bei ihrem Jüngsten, der schon in Kanada zur Welt kam und der dann nach der Rückkehr normaler Verhältnisse in seiner freien Heimat der King war, als er seinen auf ihn eifersüchtigen Brüdern ihre Flirts übersetzte. Giulietta hatte ihn kennengelernt, als er sie, damals noch zusammen mit Vittorio, von Cannes zurückflog, wo sie der Jury bei einem Wettbewerb junger Balletttänzerinnen vorgesessen hatte; während er Vittorio die Treppe hinabhalf, rief er seinem vorbeigehenden Kollegen »Ahoj!« zu. Michal war anscheinend beliebt und als Pilot zuverlässig, denn man musste ihn bei der Gesellschaft Aviatica mindestens einen Monat im Voraus buchen. In den zehn Jahren, in denen sie ihm mindestens einmal in drei Monaten begegnet war, hatte er es zweimal zum Vater gebracht und sich zweimal scheiden lassen, wenngleich er die Christusjahre, also dreiunddreißig, noch nicht erreicht hatte. Die offensichtliche Unbeständigkeit war eigentlich das Einzige, was störend an ihm war, um als Hauptkandidat in ihrem immer dringlicher werdenden Plan zu gelten; lange hatte sie sich auf Anraten ihres Rechtsanwalts angeschickt, ihn bei der nächsten besten Gelegenheit für ein paar Tage zu buchen, um Zeit zu haben, ihn ordentlich zu durchleuchten, doch gerade heute hatte sie dazu nicht die geringste Lust.
Zu ihrem runden Geburtstag unternahm sie eine Reise, die sie vierzig Jahre lang aufgeschoben hatte. Michal wunderte sich, dass niemand mit ihr »dorthin« flog. Deshalb war seine nächste Frage für sie keine Überraschung.
»Prinzessin, ist dies heute das erste Mal oder waren Sie schon einmal mit jemand anderem dort?«
»Das könnte ich Ihnen nicht antun, Michal.«
»Und wie kam es dazu ... so auf einmal?«
»Familienangelegenheiten. Ich kann sie nicht länger aufschieben.«
»Wartet jemand auf Sie?«
»Peppino mit seinem Wagen.«
»Ich meinte jemand, der sich auskennt.«
»Nein, ich habe dort niemanden mehr.«
»Schade, dass ich weitere Kunden habe, ich würde für Sie gern den Reiseführer durch Prag spielen.«
»Mein Fehler, dass mir das nicht eingefallen ist, aber ich will eigentlich woanders hin.« Sie hatte keine Lust, sich ihm anzuvertrauen, und er war zu gut erzogen, als dass er sie weiter ausgefragt hätte, so stellte er nur noch eine Frage:
»Und in welchem Hotel wohnen Sie?« Sie sagte ihm den Namen, den sie selbst erst seit gestern kannte.
»Das ist Extraklasse. Zuletzt hat Obama dort residiert.« Dann wechselte er das Thema. »Haben Sie mich auch für den Rückflug gebucht?«
»Ich habe leider keine Ahnung, wann ich zurückkommen werde.« Er nahm es zur Kenntnis, wünschte ihr wie immer »happy landing« – worauf sie ihm wie immer antwortete, dass dies ganz an ihm liege – und überließ sie dem Steward. Diesen älteren Italiener musste sie logischerweise schon irgendwann an Bord einer der Aviatica-Maschinen getroffen haben, doch der hatte sich nicht in ihr Gedächtnis eingeprägt, was, wie sie meinte, nur daran liegen konnte, dass er keine Persönlichkeit hatte. Sie hegte keinen Wunsch, und so verließ er mit einer Verbeugung die Kabine, schob die Verbindungstüre zu und zog sich ins Cockpit zurück.
Der Salon für die Reisenden war in den teuersten Cessnas individuell eingerichtet, in diesem war sie schon mehrmals geflogen, ihn schmückten Reproduktionen von Gemälden aus der Sixtinischen Kapelle. Sie wusste längst, dass diese Maschine gern von Diplomaten des Vatikans genutzt wurde, deshalb befand sich hier auch ein altertümlicher Betstuhl. Der kleine, aber elegant eingerichtete Raum war für sechs Reisende bestimmt, von denen jeder seinen Ledersitz in eine Liege verwandeln konnte. Wie immer küsste sie ihr Medaillon, nahm den Flachmann aus der Handtasche, schraubte den Verschluss mit dem kalibrierten Kelch ab und trank ihr obligatorisches »Hütchen«, wie sie sagte, Malt-Whisky, den Vittorio direkt von einer irischen Schnapsbrennerei bezogen hatte, wo sie ihn gemeinsam auf der Hochzeitsreise gekostet hatten. Sofort spürte sie jene Leichtigkeit, die sie an die drehenden Hebefiguren des Pas de deux in den Armen eines perfekten Partners erinnerten. Als Michal an den Anfang der Startbahn gerollt war und der Düsenflieger wie ein Rennpferd aus der Box startete, hatte sie sich mit dem Gedanken angefreundet, dass diese Tonnen Masse wirklich in die Luft aufsteigen können.
Sie wusste, dass die Reise gegen den Strom so vieler Jahrzehnte knapp zwei Stunden dauern würde, trotzdem war sie überrascht, wie schnell ihr Michal über das Bordtelefon mitteilte, sie würden gerade die Grenzen ihrer alten Heimat überfliegen. Seit dem Start waren achtzig Minuten vergangen, und sie wurde sich bewusst, dass sie die ganze Zeit halb sitzend, halb liegend verbracht hatte, völlig »abgeschaltet«, reglos und ohne einen einzigen Gedanken. Sicherheitshalber hatte sie sich noch ein zweites Hütchen genehmigt, auf dass es sie auch weiterhin nicht nur vor Erinnerungen, sondern auch vor der Versuchung bewahren möge, aus dem Fenster zu schauen. Sie hielt es erst nicht mehr aus, nachdem die Maschine schnell an Höhe verlor und Michals Stimme sie fragte, ob er über der Stadt kreisen solle.
»Müssen Sie das?«
»Nein, ich kann auch gleich über Kladno zur Landung ansetzen.«
»Dann tun Sie das, ich will keine Zeit verlieren.« Sie gab nicht zu, wegen der Silhouette des »Radschin« feuchte Augen bekommen zu haben. Nun nahm sie zum dritten Mal einen Schluck, versteckte den zugeschraubten Flachmann in der Handtasche und richtete entschlossen ihren Blick auf den nahenden Erdboden.
Sie überflogen ein paar verbliebene Fördertürme, die ihr im Gedächtnis geblieben waren, als sie das letzte Mal von hier aus gestartet war. Von Ruzyně bis fast zu ihnen hatte damals die Sowjetarmee sämtliche Wiesen besetzt, am gesamten Horizont entlang parkten Hunderte Panzer und Militärlaster. »Eklig wie Gewürm!«, hatte Viktor gesagt, und sie hatte den Rest der Strecke nach Rom durchgeweint. Die ehemaligen Felder waren nun unter zahllosen Bauten verschwunden, die für alle Vorstädte westlicher Metropolen typisch waren und die Prag offensichtlich einholen wollte. Da hatte sich auch schon – dafür war Michal besonders bekannt! – die Cessna weich an die Landebahn geheftet, die die Okkupanten 1968 vorzeitig geöffnet hatten, doch die Maschine bog nicht zu dem modernen Komplex ab, der mit Dutzenden Armen ausgestattet war, sondern rollte weiter, von ihnen weg, so als wollte sie sie bis zur Stadtmitte bringen. Erst nach einer Weile erinnerte sie sich an die Information ihres Reisebüros, dass man ihr das bezahlt hatte, was man als »Regierungsflughafen« bezeichnete. Nachdem Michal die Motoren ausgeschaltet hatte, meinte sie, das Flughafengebäude aus ihrer Jugend zu erkennen, wo man seine Bekannten noch direkt bis zu den Flugzeugen begleiten und sie dort auch wieder hatte begrüßen dürfen. Nun parkten hier ein paar kleine Maschinen und vor ihnen ein weißer Rolls-Royce Ghost, neben dem mit Mütze ihr Chauffeur, Kellner, Bodyguard und Mann ihrer Köchin und Zofe, Peppino, stand. Wieder küsste sie das Medaillon und betrat die Vergangenheit.
II. Leo
Dieser Freitag war schon seit Mitternacht schwarz. Die Milonga im Prager Stadtteil Karlín endete für ihn mit einem Fiasko, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Die hässliche Engländerin, die ihm dreißig Pfund Sterling versprochen und ihn dann dreimal eine Dreiviertelstunde lang mit ihren Knochen durchbohrt hatte, war endlich austreten gegangen, und so konnte er sich wenigstens etwas erholen, doch sie war recht lange dort, also schickte er eine Garderobendame zu ihr. Durch sie erfuhr er, dass von der Toilette ein weiterer Zugang ins Lokal und von dort aus auf die Straße führte; die Nacht war so warm, dass die Betrügerin keinen Mantel brauchte. Seine Stimmung wurde auch dadurch nicht besser, dass ihn seine Erfindung, »der große Topf«, vor einem totalen Minusgeschäft bewahrte. Den Topf hatte der Rest der Truppe schon im Frühjahr als gute Art einer Kollektivversicherung akzeptiert, er machte mühselige Konkurrenzkämpfe und Betrügereien überflüssig; er bekam aus diesem Gemeinschaftstopf wenigstens sechshundert Kronen, weil die anderen ein anständiges Geschäft gemacht hatten, doch sie verdarben es ihm mit gepfefferten Kommentaren.
Auf dem Weg nach Hause wurde er unverfroren von einem Taxifahrer betrogen, doch angesichts dessen Bizeps wollte es Leo nicht auf eine Konfrontation mit ihm ankommen lassen. Auf dem Bett fand er einen Brief seiner älteren Schwester Věra, in dem sie ihn recht unsanft aufforderte, endlich die zwanzigtausend Kronen rauszurücken, die sie ihm für einen neuen Laptop geborgt und die er bis Ende vergangenen Jahres versprochen hatte, zurückzuzahlen. In einem Anflug von Hoffnungslosigkeit surfte er im Internet und wollte riskanterweise sein gesamtes Bargeld im Hasardspiel einsetzen, doch zum Glück wusste er sich zu beherrschen. Und beim späten Frühstück rauschte er wieder mit seiner Mutter zusammen.
Es war nicht das erste Mal, dass sie ihm vorhielt, die gut laufende Firma, in der er Karriere hätte machen können, verlassen zu haben, doch nie zuvor hatte sie das Wort verwendet, das ihn umso mehr in Rage brachte, als er es schon lange erwartet hatte. Das Gespräch hatte dabei ganz unschuldig begonnen.
»Robert hat dich angerufen.« Das war sein bester Freund aus der Hochschulzeit.
»Was wollte er?«
Noch drei Jahre nach Studienabschluss hatten sie zusammen in der Firma Sonnymat gearbeitet, ehe er gegangen war. Robert hatte nie aufgehört, ihm dies vorzuhalten, und Leo hatte sich deshalb allmählich von ihm zurückgezogen.
»Dich auf ein Bier einladen.«
Jetzt freute ihn dies, denn die neue Truppe ging ihm langsam aber sicher auf die Nerven. Robert war ein Grübler, man konnte sich mit ihm immer intelligent unterhalten, außerdem sagte er nicht dreimal in jedem Satz »Spacko« wie Kája, Míra und Lád’a ohne Unterschied; Leo deprimierte am meisten, dass er unwillkürlich selber mit diesem Spacko-Geschwätz begonnen hatte.
»Hat er mir eine Nachricht hinterlassen, wo und wann?«
»Du sollst ihn anrufen.«
Darauf nahm das Gespräch eine jähe Wende: »Er hat mich gefragt, was du jetzt machst.«
»Und was hast du ihm gesagt?«
»Was hätte ich denn sagen sollen?«
»Na, dass ich auf Bestellung Webseiten kreiere!«
»Und tust du das?« Er wurde langsam wütend.
»Das tue ich!«
»Und was ist das eigentlich?«
»Mama, du hast dich während meines gesamten Studiums nicht dafür interessiert, jetzt wirst du das kaum mehr verstehen!«
»Und Papa versteht das?«
»Papa weiß das!«
»Und weshalb fragt er mich dann, womit du dein Geld verdienst?«
»Er fragt dich? Warum?«
»Wahrscheinlich deshalb, weil ich tagsüber mit dir zu Hause bin.«
»Dann musst du doch auch am besten wissen, womit ich mein Geld verdiene.«
»Na, mit diesen Seiten wahrscheinlich nicht.«
»Wie willst du das wissen?«
»Weil du immer, wenn ich in dein Zimmer schaue, schläfst.« Er geriet in Rage.
»Du spionierst mir also hinterher?? Meine eigene Mutter?«
»Und wer anderes sollte dich warnen?«
»Wovor denn bitte schön!!«
»Leo, was soll eine Mutter machen, die auf ihren Sohn stolz war, weil er mit lauter Einsen sein Studium absolviert hatte, wenn er jetzt mit Tanzen sein Geld verdient?« Das traf ihn.
»Wer hat dir das gesagt?«
»Ich bin dir gestern hinterhergegangen.«
»Wohin ...?«
»Nach Karlín.«
»Wie bist du, bitte schön, auf die Idee gekommen, mich in Karlín zu suchen?«
»Das stand in deinem Kalender ...«
»Mama, ich verbitte mir, dass du meine Sachen durchsuchst, als wäre ich in der Pubertät, ich bin ein erwachsener Mann!!« Und dann fiel das Wort.
»Wie kann ein erwachsener und studierter Mann einen Gigolo abgeben ...?«
Er schaute sie an und konnte nicht antworten, deshalb tat er das Einzige, wozu er in diesem Moment in der Lage war: er rannte aus der Küche, knallte die Tür zu, holte sein Sakko und den Beutel mit den Tanzschuhen aus seinem Zimmer und warf anschließend auch noch laut die Wohnungstür hinter sich zu. Ja, das Wort hatte sich ihm schon lange in sein Gehirn gegraben wie ein Wurm in einen Apfel, doch erst ausgesprochen bekam es die abstoßende Form, die auch ihn schreckte. Es stimmte, sämtliche Bemühungen, vom Computer unbeleckten Senioren die Verwaltung von Webseiten anzubieten, waren ohne Reaktion verhallt. Es stimmte auch, dass er seit dem Moment, in dem sein Sozialversicherungsanspruch erloschen war, nur von dem gelebt hatte, was er sich »ertanzt« hatte. Es stimmte, dass er sich in gefährlicher Weise daran gewöhnt hatte. Es stimmte sogar auch, dass dies von Anfang an recht viel Geld abwarf, denn der argentinische Tango war gerade »in«, öffentliche und private Milongas kamen in Mode und fanden in Prag und der weiteren Umgebung jeden zweiten Tag statt. Es stimmte aber auch, dass die Einkünfte nicht ausreichten, um bei seiner Schwester die Schulden zu bezahlen und nach einem halben Jahr wieder seinen Beitrag zum Haushalt zu entrichten, wenn er schon dort lebte, ohne Wohnung und Verpflegung bezahlen zu müssen. Und vor allem stimmte es, dass er spürte, wie er sich langsam aber sicher erniedrigte und dabei wahrscheinlich nicht mehr in der Lage war, diesen Prozess irgendwie aufzuhalten.
In diesem Zustand ratloser Gereiztheit streifte er ein paar Stunden ziellos durch die Straßen, bis ihm die Füße wehtaten. Bis zur heutigen Milonga dauerte es noch ein Stück des Nachmittags, das er am liebsten verschlafen hätte. Da er nicht wusste, wo und wie er für den Abend Kraft schöpfen konnte, kam er auf den Gedanken, sich im Multikino am Anděl eine Karte für die nächsten zwei Vorstellungen zu kaufen, und er hatte Glück: beide Filme waren so langweilig, dass es ihm wirklich gelang, auch mit der notwendigen Pause, zweimal für neunzig Minuten einzuschlafen. Anschließend stellte er fest, dass er sogar Verspätung hatte und die Truppe ohne ihn beginnen würde, was ihn mit seinem heutigen Pech bei der Auswahl der »Süchtigen«, wie sie die begierigen Damen bezeichneten, um die sie am Anfang losten, benachteiligen würde, denn er hatte meistens das Glück des »ersten Abfischens«. Als er auf dem Jirásek-Platz aus der Straßenbahn ausstieg und zum Lokal Mánes spurtete, wurde er beinahe von einem so herrlichen Auto überfahren, dass er auf dem Bürgersteig stehen blieb und mit den Augen die weißglänzende Limousine der Marke Rolls-Royce verzehrte, die die höchste Typenbezeichnung Ghost, also Geist, trug und die Prager Kreuzung wirklich wie eine Erscheinung passierte. Er lief ihr ein Stück hinterher und sah von Nahem, wie der Chauffeur die hintere Tür öffnete und sich die hohe Mütze vom Kopf zog. Eine alte Dame in jugendlichen Jeans stieg aus.
III. Prag
Prag zeigte ihr sein freundlichstes Gesicht und begrüßte sie mit dem schönen Wetter des bevorstehenden Sommers. Signore Bartolo, der Direktor ihres Lieblingsreisebüros in Rom, der sich wie ein hoher kirchlicher Würdenträger bewegte und auch so sprach, hatte zweifelsohne die Leitung des Prager Grandhotels mit seinen Mails, Anrufen und Interventionen über Skype so gedrillt, dass diese sich auf sie ebenso vorbereitet hatte wie auf Obama. Als Peppino, der schon einen Tag zuvor mit den Koffern angekommen war und im Flughafenhotel geschlafen hatte, vor dem Haupteingang vorfuhr, so als sei dort eine weiße Yacht gelandet, öffneten die Boys in Livree gleichzeitig beide Flügel der Eingangstür, und der Hoteldirektor sprach sie, eine Rose in der Hand haltend, in englischer Sprache mit dem richtigen Titel an – »Serene highness!« – also »Prinzessin«. Natürlich hatte er für sie dieselbe Suite wie für den amerikanischen Präsidenten hergerichtet, denn Bartolo hatte sicher auch nicht versäumt anzudeuten, dass sie als Witwe eines Mannes, der darüber hinaus viele Jahre Senator war, auch weiterhin Mitglied des Klubs führender italienischer Politiker und vor allem des europäischen Hochadels sei. Allerdings wusste er nicht und konnte deshalb das Personal nicht darauf aufmerksam machen, dass sie Tschechisch sprach, somit sprachen anfangs alle mit ihr Englisch, während sie das Vergnügen hatte, solche Aufforderungen zu verstehen wie »Franta, du sollst ihr die Aufzugtür aufhalten!« oder »Idiot, zerkratz den teuren Koffer nicht!«. Sie wollte nicht, dass sich daraus ein riesiger Skandal entwickelte, deshalb gab sie ihr Geheimnis schnell preis und betonte, die paar Bemerkungen überhört zu haben. Wiederum amüsierte sie, dass der »Idiot mit dem Koffer«, als er sich für das reichliche Trinkgeld mit einem Diener bedankte, sie mit »Frau Prinzessin« ansprach. Im selben Augenblick stellte sich die Hoteldame mit ihrer Assistentin ein, unter ihrer Leitung wurden alle Sachen aufgehängt und verstaut. Aus ihrem Gesichtsausdruck schloss sie, dass selbst die schöne Frau Obama keine drei Paar Tanzschuhe mit sich geführt hatte.
Dann nahm sie einen weiteren Schluck irischen Whisky, legte sich in die Wanne für zwei, schaltete Whirlpool und Fernseher gleichzeitig ein und sah die ersten tschechischen Nachrichten seit den letzten vierzig Jahren, in denen dem Idol des Prager Frühlings, Alexander Dubček, Tränen in den Augen standen, nachdem die erschöpften Reformatoren und zufriedenen »Konservativen« aus Moskau zurückgekehrt waren, wo man gerade den »vorübergehenden Aufenthalt der Bruderarmee« in der Tschechoslowakei, die somit zum sowjetischen Gubernium wurde, unterschrieben hatte. Ihr Viktor bezeichnete den Versuch, den Totalitarismus zu demokratisieren, von Anfang an als kindlich naiv. »Ein Hase bringt dem Bären nicht bei, Gras zu fressen!« Das Ergebnis des Eintauschs des bösen Fridolin Novotny gegen den braven Pierrot Dubček kommentierte er mit einem Bonmot: »Ein alter Saustall mit neuem Personal«. Und das Weinen des Ersten Sekretärs über das Ergebnis der Moskauer Gespräche, dessen Kern den Bürgern verborgen blieb, widerte ihn förmlich an. »Die Unterstützung von fünfzehn Millionen im Rücken zu haben, in denen sich die Okkupationsarmee wie Zucker auflöst, und alles derart zu vergeigen, dafür müsste sich jeder ehrliche Politiker erschießen!« In Rom konnte man kein tschechisches Fernsehen empfangen, und nach Viktors Tod begann sie, die Zeitungen, die ihnen Bekannte aus Prag über verschiedene Boten geschickt hatten, ungelesen wegzuwerfen. Die Exilzeitungen lasen sie schon seit längerer Zeit nicht mehr, denn den eingefleischten Demokraten Viktor hatten ihr primitiv radikaler Antikommunismus und auch die Kleinkriege der verschiedenen Emigrantenwellen abgestoßen. »Im Totalitarismus Winzlinge, in der Freiheit Riesen!« Was sie jetzt von der Badewanne aus sah, waren die Bilder des Lebens eines unbekannten Landes, wo sich selbst die Sprache verändert hatte, an eine so nachlässige Aussprache konnte sie sich nicht erinnern. Von allen Gesichtern sprach sie nur das von Präsident Havel an, der gerade seinen ersten Film drehte.
Als er im ersten Jahr seines Präsidentenamtes während eines Staatsbesuches auch nach Capri gekommen war, hatte sie dort gerade, schon mit Giorgio, die traditionellen Ferien im Quisisana verbracht, und für das Bankett in dem berühmten Hotel erhielt sie natürlich eine Einladung. Kaum hatte sie Havel tschechisch begrüßt, gab er ihr den Vorzug vor seinem eigenen Dolmetscher. Und als er festgestellt hatte, wer sie war, wich er nicht mehr von ihrer Seite und verbrachte entgegen dem Protokoll mit ihr den größten Teil des Abends. Er habe sie zwar nie, entschuldigte er sich, im Nationaltheater tanzen sehen, doch er habe sie als Star verehrt, der alle großen Diskussionstribünen des damals weltbekannten politischen Prager Frühlings geziert habe. Er habe auch Viktor gekannt, doch er war zu gut erzogen, als dass er die Witwe gefragt hätte, warum der große Dichter damals nirgendwo teilgenommen habe, somit sei er dann nur ihretwegen emigriert. Ein bisschen hatte sie sich in Havel auf Capri verliebt, er war damals ein faszinierender Mann auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, vergöttert von der freien Welt. In dem TV-Spot erinnerte er sie jetzt in fast erschütternder Weise an den ermatteten Viktor und auch an Vittorio in den letzten Monaten ihres Lebens, und sie wurde von Traurigkeit übermannt. Ehe diese jedoch sich in ihr festsetzen konnte, stieg sie aus der Wanne, trank ein weiteres »Hütchen« und setzte sich an den Computer.
Fünf Minuten später wusste sie, dass der Argentino heute in dem guten alten Restaurant Mánes getanzt würde, fast erschrak sie ob dieses schicksalhaften Refrains. Zehn Minuten später zog sie Sportkleidung an, und nach einer halben Stunde hatte sie mit Make-up neben Dutzenden von Falten auch ein paar Jahrzehnte mit weggewischt. Sie wagte es nicht, gleich beim ersten Mal durch diese ihr fremd gewordene Stadt zu Fuß zu gehen, und so fuhr Peppino sie ins Slavia. Am Nationaltheater zitterten ihr vor Erregung die Knie. Sie gab ihm die Anweisung, genau um acht wieder hier vorzufahren, und sie versuchte, schneller ins Café zu gelangen, als die an der Straßenbahn wartenden Gaffer die Aufmerksamkeit von der weißen Limousine auf sie übertragen hatten. Eine Sekunde später fühlte sie sich so, als hätten Engel sie nun kopfüber in die Stadt ihrer Jugend getragen.
Sie konnte nicht beurteilen, ob sie die ursprüngliche Möbelgarnitur sah, doch sie glaubte daran, als sie die durchsichtige grüne Muse sah, die auf dem Tisch eines Absinth-Trinkers saß, das berühmte Bild hing schon dort, als sie das erste Mal nach Prag gekommen war, und zwar gleich mit dem festen Entschluss, die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium zu absolvieren. Damals hatte sie allein dagesessen – die Eltern waren längst tot, bis auf ihren »Fast-Vater«, wie sie ihn nannte, dem sie es dann stolz heimzahlte, dass er sie völlig verleugnete, nachdem er der Mutter weggelaufen war –, wie auf ein Märchenschloss hatte sie von hier aus bei Sodawasser auf die beiden Trigen geschaut, die sich über dem Nationaltheater erhoben, und sie träumte einen unerfüllbaren Traum. Diese Erinnerung wurde aus dem Meer von Applaus hervorgespült, den sie sieben Jahre lang als Coppélia, Odetta und Odile oder Julia, ihre Namensvetterin, auslöste. Auf diesen Namen verzichtete sie dann in Italien aus nüchternen Gründen durch die Annahme der italienischen Variante Giulietta, der sich dort besser aussprechen ließ. Im Unterschied zu den meisten Leuten, die in Form von Fotografien oder Filmausschnitten in die Vergangenheit reisen, waren ihr Stimmen und Klänge im Gedächtnis geblieben. Und so hörte sie auch jetzt die bedrohlichen Eingangstöne zu Prokofjew, die schon von Beginn an den Tod ankündigten – Tjamtadamta tjamtadamta tjamtadamta tiidaa, tjamtadamta tjamtadamta tjamta ...
»Womit kann ich dienen?« Der Kellner vermutete in ihr eine deutsche Touristin, und sie übernahm diese Rolle.
»Haben Sie türkischen Kaffee? Aber nicht den orientalischen ...«, erinnerte sie sich, »ich meine den, Sie nennen ihn hier doch turek ...« Das wusste er zu schätzen.
»Sie waren schon in Prag!«
»Ja, aber das ist schon lange her!«
»Macht nichts, den turek machen wir immer noch!« Statt eines Glases mit einer aromatisch duftenden schwarzen Flüssigkeit, die so dick war, dass der Löffel darin stand, brachte er eine Tasse irgendwas, das an zusammengegossenes Wasser aus Kartoffelschalen erinnerte. Als sie jedoch davon trank, war auch ihr Magen sofort wieder zu Hause, der hier und im gegenüberliegenden Gebäude jahrelang dreimal während einer Probe und dreimal während einer Vorstellung nach dieser Brühe verlangt hatte. Seltsam, dachte sie, der Magen und die Sprache sind eigentlich eine übertragene Heimat, die den Menschen nie verlässt. Am Klavier, das zu dieser Zeit noch stumm war, lagen Zeitungen, deren Namen sich verändert hatten, einige waren länger, einige kürzer geworden. Was sie las, vergaß sie gleich wieder, sie nahm nur das Ambiente des Cafés wahr. Fort war die Horde von ausgelassenen Studenten der Filmakademie der musischen Künste, die direkt über dem Café ihren Sitz hatte, verschwunden waren auch die einsamen Rentner, die hier bei Sodawasser ihre Zeitungen lasen, schämten sie sich nun vor den Ausländern oder können sie sich nicht mal mehr das Wasser leisten? Es überwogen hier die fast einheitlich gekleideten Tschechen in Krawatten, die ernst über auf dem Tisch ausgebreiteten Dokumenten diskutierten, sie tippte auf Manager. Ihre Rührung wich, als sie merkte, dass von dieser fast unveränderten Kulisse eine Kraft ausging, die der durchsichtigen Muse ähnelte, die sie auch einst vor ihrer schicksalhaften Aufnahmeprüfung und später fast vor jeder Vorstellung im Nationaltheater ergriffen hatte. Das Klavier ertönte und servierte Musik, die sie schon längst als globalisiert bezeichnete, weil diese sie fast in allen Cafés des Westens sowohl betäubte als auch langweilte, die schon lange ihr einstiges Flair verloren hatten. Sie schaute auf die Uhr, es war fast acht, sie legte eine etwas größere Banknote auf den Tisch, die sie zusammen mit dem Flugticket bereits in Rom bekommen, aber noch nicht gründlich angeschaut hatte, und sie schaffte es gerade in dem Moment auf die Straße, als Peppinos weißer Schoner anlegte. So wie sie es abgemacht hatten, öffnete er nicht die Tür, um nicht den Verkehr zum Erliegen zu bringen, sie sprang behände selbst in den Wagen und wies ihn an, vor der Brücke nach links abzubiegen. Der Fahrzeugplebs stand für den Ghost wie üblich Spalier, alle bremsten, um ihn sich anzuschauen, und nach nicht ganz einer Minute war sie am Mánes, konnte gerade so ihre Stadt- gegen die Tangoschuhe mit einem ordentlichen hohen Absatz eintauschen, Peppino hielt in einer Ecke des Bürgersteigs vor der Abfahrt zum Kai und bekam von ihr die Anweisung, um Mitternacht wieder zu erscheinen, er konnte seine Verwunderung nicht verbergen, dass er so früh kommen sollte, doch sie wollte sich für morgen richtig ausschlafen, wo sie mit dem Prager Genius loci zusammenzutreffen beabsichtigte.
Im Mánes war sie in ihrem Leben oft gewesen, auf Partys und bei den schicksalhaften Versammlungen des Jahres achtundsechzig, doch vor allem: im Mánes hatte sie zum ersten Mal ihr Viktor der Erste angesprochen, wie sie ihn bezeichnete, um ihn von Vittorio zu unterscheiden; sie war fest entschlossen, gerade heute in allerreinster Form ihre Sehnsucht nach beiden auszutanzen. Wo hier das Tanzparkett war, davon hatte sie keine Ahnung, doch sie bemerkte einen jungen Mann, der wahrscheinlich auch stehen geblieben war, um das beste Auto der Welt in der luxuriösesten Version zu sehen, und sie fragte ihn.
»Wissen Sie, wo hier heute getanzt wird?«
Er wusste es: »Unten.«
»Eine normale Milonga?«
»Ja.«
Erst jetzt bemerkte sie, dass er Schuhe im Beutel dabei hatte. »Gehen Sie hin?«
»Ja ...«
Nach dem Gesetz aller Milongas auf dieser Welt duzte sie ihn sofort. »Und, hast du eine Partnerin?«
»Nein ...«
Zufrieden hakte sie sich bei ihm ein. »Jetzt hast du eine.«
Leo kam sich vor wie jemand, der urplötzlich von einem Fluch befreit war. Eine tschechischsprachige Millionärin aus Italien, wie das Kennzeichen des göttlichen Wagens verriet, die hier in Jeans einen Partner für einen Tango argentino suchte – davon hatte er bis jetzt nur träumen können. Tschechinnen zahlten selten mehr als einhundertfünfzig Kronen für eine Tanda, bei den Touristinnen überwogen speckige Rucksackträgerinnen, die einen Gegendienst in ihrem Hotel anboten, doch für Sex hatte Leo immer genug Gelegenheit, und vor allem konnte man nicht davon leben. Ein Glücksgriff waren deshalb die Ehefrauen der Prager Diplomaten, die sich wahrscheinlich untereinander geeinigt hatten, dass sie pro Tanda fünfzehn Euro zahlen würden, leider nicht einen Cent mehr, aber glücklicherweise auch nicht weniger, also musste man nicht um sie losen. Die Streichhölzer, das hatte Kája so ausgedacht, wurden auf vier unterschiedliche Längen gestutzt, wenn unter den Süchtigen kein bekanntes Gesicht war und man »blind« wählen musste, dann loste man zumindest um die Hübscheste der Hässlichen.