Buch lesen: "Sternstunde der Mörder"

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Pavel Kohout
Sternstunde der Mörder

Roman

Deutsch von Karl Heinz Jähn

Saga

Für Jelena

Die Idee dieses Romans entstand am 13. April 1989 in San Nazzaro, Tessin, das Manuskript – zunächst unter dem Titel «Der Witwenschlächter» – in der Zeit vom 12. Juli 1992 bis 9. März 1995 an folgenden Orten:

Anacapri – Emmetten – Stuttgart – Düsseldorf – Hildesheim – Magdeburg – Wien – Zürs – Zell am See – Praha – Sázava – Capri – Berlin – Dresden – München, Eden Wolff

Februar

Als unmittelbar nach dem Jaulen der Sirene die Türklingel schrillte, war Elisabeth Baronin von Pommeren überzeugt, der tschechische Hausmeister sei da, um sie mit dem Fahrstuhl in den Keller hinunterzubringen; sie warf sich den schwarzen Pelz wieder über, den sie eben erst hinhängte, nahm ihr Luftschutzköfferchen, hakte die Sicherheitskette auf und wußte, daß sie ihrem Mörder geöffnet hatte.

Sie hatte den Mann mit der prallen Schultertasche flüchtig auf dem Vyšehrader Friedhof wahrgenommen, es war ihr nichts Ungewöhnliches mehr, daß die Tschechen bereits in aller Öffentlichkeit die Gräber ihrer Nationalheiligen schmückten, den deutschen Okkupanten zum Trotz. Er hatte den Eindruck eines Handwerkers gemacht, der dort auf einen Sprung bei seiner Runde vorbeikam, und sie bemerkte ihn deshalb nur flüchtig, weil sein Gesicht gegen die scharfe Sonne wie das eines Negers wirkte. Jetzt blickte sie in Augen wie aus Glas, farblos und ausdruckslos. Ohne jede Hast keilte er seinen abgewetzten Schuh mit der dicken Gummisohle zwischen Türflügel und Schwelle und schob ebenso langsam seinen in eine wattierte Bundjacke gezwängten Körper hinterdrein. Und schließlich sah sie die lange und seltsam schmale Klinge. Ein Tranchiermesser! erinnerte sie sich.

Die Baronin wußte, daß sie sterben würde, doch sie unternahm nichts, es zu verhindern. Nicht nur, weil ihr Schrei hier im obersten Stock, wo sie allein geblieben war, im Gedröhn der Flugzeugmotoren, das sie so in Prag noch nie gehört hatte, untergegangen wäre: Die Baronin wollte nicht mehr leben.

Als Katholikin durfte sie nicht Hand an sich legen, und so war sie schon seit langem auf die Strafe Gottes gefaßt. Dieser Krieg konnte nicht anders enden als mit der Vernichtung aller, die ihn gebilligt hatten! Ihren Mann hatte ein russischer Partisan erschossen, ihren Sohn ein Maquisard in der Bretagne. So schien es ihr nur verständlich, daß jetzt ein Mann vom tschechischen Widerstand kam, um auch an ihr Rache zu nehmen.

Das gewaltige Patrizierhaus begann zu beben. Ein überirdisches Glockengetön schwoll an. Die rasch näher kommenden Detonationen ließen die Fensterscheiben, die Lüsterbehänge und die Weingläser in der Vitrine immer stärker erzittern.

Barmherziger Gott! betete Elisabeth von Pommeren, in den Salon zurückweichend, als bitte sie den Gast herein, ob Bombe oder Messer, wenn es nur schnell geht!

Ihr Mörder stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu und öffnete mit der freien Hand die Tasche, die voller Riemen war.

Donnert es? fragte sich Oberkriminalrat Buback verwundert, jetzt im Februar? Doch noch ehe er zu Ende denken konnte, schlug es ein. Da wußte er, daß eine schwere Fliegerbombe verdammt nahe niedergegangen war.

Das Gebäude der Prager Gestapo, in dem er als Verbindungsmann des Reichskriminalpolizeiamts tätig war, schwankte eine ganze Ewigkeit wie wild, stürzte dann aber doch nicht ein. Es folgte die übliche Stille nach dem Schock, die angehaltene Zeit. Bis mit Verspätung die Sirenen aufheulten und die Referenten und die Sekretärinnen auf der Treppe draußen in den Schutzraum hinunterpolterten.

Unbewegt starrte er in die beiden Gesichter.

Der Keller der ehemaligen Petschek-Bank war ihm zuwider. Einige der Tresore waren zu Zellen umgebaut worden; wie es hieß, half man dort den Politischen ziemlich rigoros beim Erinnern nach. Diesmal blieb er jedoch vor Staunen hier oben: Es war, als hätten das Krachen und das Gerüttel Hilde und Heidi wiedererweckt.

Das gerahmte kleine Bild war mit ihm gemeinsam durch den Krieg gezogen. Seine Arbeitsstätten wechselten wie die Städte und Länder, doch überall lächelten ihm diese beiden gedankenvoll zu, das ältere und das jüngere Abbild einer still leuchtenden Anmut, in der er seinen Frieden fand. Über ihre Gesichter hinweg, die er im letzten Vorkriegssommer auf Sylt so lebensecht festgehalten hatte, erledigte er seine Beratungen und Verhöre, zumeist nahm er sie dabei überhaupt nicht wahr. Doch nicht eine Stunde gab es, da er sich nicht in einer Aufwallung von Freude bewußt war, daß sie beide irgendwo anwesend waren, in der Ferne, aber lebendig und die Seinen.

Im vorigen Jahr in Antwerpen hatte er sie auch vor Augen gehabt, als vor dem Rückzug die Männer aus anderen Abteilungen auf dem Hof Akten verbrannten. Er nieste gerade, denn der beißende Rauch reizte seine Schleimhäute, und eine Weile verstand er die fremde Stimme am Telefon nicht, die ihm zur Kenntnis gab, daß die beiden tot seien. Das Lächeln auf dem Foto, damals noch warm von ihrer Gegenwart in ihm, die zwischen Lebenden Entfernungen aufhebt, schloß das, was er hörte, aus. Der Offizier von der Berliner Zentrale las ihm darum den Polizeibericht vor.

In dem fränkischen, von mittelalterlichen Wehranlagen umgebenen Dorf, in das man zu seiner Erleichterung Hilde vorletztes Jahr aus dem bedrohten Dresden versetzt hatte, um Kriegswaisen zu unterrichten, wurde seit Menschengedenken nur Wein angebaut, es konnte auf keiner Zielliste der Alliierten stehen! Hilde und Heidi wurden als einzige von der verirrten Bombe getötet, die ohne Vorwarnung genau mittags auf das Haus mit der Lehrerwohnung fiel.

Als er das endlich begriffen hatte, erstarrten die lebhaften Gesichter auf dem Bild zu leblosen Grimassen. Er stellte dann das Foto noch auf weitere Schreibtische, doch es verströmte Grabeskälte, rief nichts in ihm wach. Nicht einmal Trauer. Bis zu dem Augenblick, als eine andere Bombe dicht neben ihm einschlug.

Ja! wußte er plötzlich, genau so muß es geschehen sein, wie jetzt in dieser Prager Mittagsstunde. Bestimmt haben sie einander gegenübergesessen, mit dem Stuhl und dem Teller für ihn am Tischende, woran sie seit seinem einzigen Besuch hartnäckig Tag für Tag festhielten. So war er auch in jenem Augenblick bei ihnen, als Luftdruck und Gluthitze sie ohne Angst und ohne Schmerz in Rauch und Asche aufgehen ließen!

Mit der unerwarteten Sprengbombe in unmittelbarer Nachbarschaft schien jetzt auch in ihm die befreiende Erkenntnis explodiert zu sein, daß der Engel eines gnädigen Todes seine Lieben hinaufgeholt hatte. Nun hatte er sie ihm wiedergegeben. Die erstarrten Züge auf dem glänzenden Papier wurden weich, die frühere Wärme kehrte in sie zurück, erneut waren sie beide mit ihm vereint, Hilde und Heidi, so wie er sie damals aufgenommen hatte und solange sie lebten. Dadurch tief bewegt, verstand er zunächst nur halbwegs die Nachricht, mit der Kroloff etwas später bei ihm eintrat.

Sein Adjutant und vielleicht auch Aufpasser, weil von der Gestapo zugeteilt, der sich täglich den hohen schmalen Schädel rasierte, um sein schütter werdendes Haar für die Friedenszeit zu kräftigen, meldete, ein Volltreffer habe das Eckhaus ihres Blocks weggerissen. Genau gegenüber dem Nationalmuseum, bedauerte er, ein paar Meter weiter, und den Tschechen wäre die Lust vergangen, sich über die noch rauchenden Trümmer des Zwingers zu freuen!

Ein paar Meter weiter, dachte Buback, und ich wäre ohne Schmerz und Angst mit ihnen vereint gewesen ... Zerstreut hörte er weiter zu und mußte sich die zweite Nachricht wiederholen lassen. Seit langem war er überzeugt, ihn könnte nichts mehr überraschen. Kroloffs Meldung beraubte ihn jedoch einer weiteren Illusion. Er entschied, über eine derartige Perversität müsse er selbst Standartenführer Meckerle Meldung machen.

Morava erkannte Prag nicht wieder. Ihm war, als sei die Stadt nach sechs Jahren aus dem Trauma der Münchener Kapitulation erwacht. Bei der Ausfahrt aus der Polizeigasse auf die Nationalstraße–Národní, wie die zweisprachige Tafel besagte, mußte sein Fahrer etliche Minuten warten, bis die Kolonnen der Feuerwehr- und Sanitätswagen samt ihrer Schleppe aus Ruß und Holzgas vorbeigeholpert waren. Auf den Gehsteigen trabten Männer und stolperten Frauen in ein und dieselbe Richtung: zur Moldau. Die verbotenen Radiostationen berichteten seit dem frühen Morgen über den vernichtenden nächtlichen Angriff auf Dresden, und der hiesige Bombenüberfall in der Mittagsstunde, so kurz er auch war, hatte die panische Furcht erzeugt, Prag könne vom gleichen Schicksal ereilt werden.

Diesen Gedanken teilte der Kriminaladjunkt nicht. Zum einen war er der geborene Optimist, zum andern glaubte er nicht, daß die Alliierten zum Ende des Krieges die Hauptstadt eines okkupierten Landes in Trümmer legen würden, dessen Unabhängigkeit sie bekräftigt hatten, und obendrein lagen bereits Meldungen vom Luftschutz vor, die besagten, daß hier nur einige Bomben von ein paar Flugzeugen abgeworfen worden waren. Auf der Polizeidirektion herrschte die Meinung vor, das Ganze sei der tragische Irrtum eines Navigators gewesen, den die Ähnlichkeit beider Großstädte getäuscht habe.

Trotzdem trat automatisch der Alarmplan in Kraft. Männer aller Abteilungen rückten zu den getroffenen Orten aus, um die Bergungsarbeiten zu beaufsichtigen und sich einen Überblick über Schaden und Verluste zu verschaffen. Auch Morava wollte sich auf den Weg machen und war überrascht, als Hauptkommissar Beran ihn vom Hof weg an den Schreibtisch zurückbeorderte.

«Katastrophen bringen nicht nur Samariter auf die Beine, sondern auch Marodeure, halten Sie, Morava, hier in der Direktion die Stellung!»

Der Chef der städtischen Kriminalpolizei war in der Masaryk-Republik zur Legende geworden und zum Schrecken der Prager Unterwelt, doch weil er damals schon hartnäckig fern allen Parteien gestanden hatte, zogen auch die Deutschen seine Kompetenz nicht in Zweifel. In diese fielen allerdings nur tschechische Übeltäter, seine eigenen verhörte und bestrafte gegebenenfalls auch der Apparat der Okkupationsmacht selbst.

Morava wußte, daß er seine Zeit eigentlich für die Bearbeitung der anstehenden Fälle zu nutzen hatte. Die immer näher rückende Front spülte vom Osten her nebst unglücklichen Menschen auch Gesindel aller Art heran. Für das war er nicht gerade in Stimmung. Er drehte das Radio an, um mehr über die Bombennaht zu erfahren, die sich wie das Werk einer gewaltigen Nähmaschine quer durch Prag von Smíchov über das Zentrum bis zu dem Außenbezirk Pankrác zog. Gesendet wurde ernste Musik, die Zensur bastelte anscheinend immer noch an einer möglichst harmlosen amtlichen Nachricht.

Ihn überkam der dringende Wunsch, Jitka zu sehen. Er wird es wieder einmal mit dem Verlangen nach ihrem köstlichen Ersatzkaffee begründen! So faßte er sich ein Herz und begab sich durch den Korridor in Berans Büro. Sie hob ihre großen braunen Augen zu ihm auf, die ihn stets aus der Fassung brachten. Was hat dieses scheue Schäfchen hier in dieser Abteilung für Widerwärtiges und Scheußliches verloren? Ach, anders wäre er ihr ja nie begegnet! Bevor er dazu kam, sie anzusprechen, ging das Telefon.

«Nein, bitte», sagte sie wie eine brave Schülerin, «der Herr Hauptkommissar ist dienstlich unterwegs ... nein, das weiß ich leider nicht ... alle sind nach dem Luftangriff bei den Sicherungsarbeiten, nur der Herr Kriminaladjunkt ist da ... ja, bitte sehr, ich übergebe!»

Sie reichte ihm den Hörer, und er versank so tief in ihrem ernsten Lächeln, daß er nicht gleich verstand, wer ihn da ankläffte.

«Wie heißen Sie?»

«Stellen Sie sich zuerst einmal selber vor!» gab er ärgerlich zurück.

«Rajner. Werde ich jetzt auch Ihren werten Namen erfahren?»

«Morava ... Jan Morava ... verzeihen Sie, Herr Polizeipräsident ...»

«So, also Morava!» fuhr die Stimme des gehaßten und gefürchteten Mannes seltsamerweise freundlicher fort, «hören Sie mir gut zu. Nehmen Sie sich einen Fahrer oder auch ein Taxi und machen Sie, daß Sie zum Moldaukai fünf kommen, oberster Stock, aber flott! Dort hat man eine prominente Deutsche umgebracht, auf verdammt häßliche Art, wie es aussieht.»

Moravas Gehirn sprang wieder an. Er wagte einzuwenden.

«Die deutschen Fälle löst die Gestapo selbst, Herr Präsi ...»

«Genau die will den Beran haben. Bevor ich ihn endlich aufgetrieben habe, melden Sie sich wenigstens an Ort und Stelle! Geben Sie Obacht, Mann, verstanden?»

Der verlängerte Arm der Nazis hatte aufgelegt, Morava hielt aber immer noch den Hörer ans Ohr, und sein Gesicht war offenbar blutrot. Jitka war zerknirscht.

«Du meine Güte, ich hab Ihnen nicht gesagt, wer das ...»

Er versuchte ein Lächeln.

«Ist nichts passiert, glauben Sie mir! Läßt sich ein fahrbarer Untersatz auftreiben?»

«Ich besorge Ihnen bestimmt was, warten Sie ein Momentchen unten!»

Er eilte ihr nach, verliebt in ihren schwebenden Gang. Um so größer war seine Eifersucht, als auch der Hausschönling, Garagenmeister Tetera, ihrer Bitte sofort nachgekommen war und ihn sogar höchstpersönlich mit seinem Dienstwagen fuhr, den er eben erst gewaschen hatte.

Kaum bogen sie hinter dem Nationaltheater nach links ab, als er Brandgeruch verspürte und gleich darauf die Rauchsäule erblickte. Das Eckhaus an der früheren Jirásek-Brücke, unter den Deutschen auf Dienzenhofer umbenannt, war halb zerstört und brannte. Sie rollten in ein schwarzes Gestöber hinein. Vom blauen Himmel herab rieselten Rußflocken und halbverbrannte Papierfetzen. Das Auto fuhr an einer Schlange stehender Straßenbahnen entlang und blieb vor einer Wagenburg aus Feuerspritzen stecken. Morava ertappte sich dabei, daß er nicht anders als sein Fahrer offenen Mundes in die Höhe starrte. An die Ermordeten hatte er sich mit der Zeit gewöhnt, die betrachtete er wie sonderbare Schaufensterpuppen. Aber noch nie hatte er die herausquellenden Eingeweide eines Wohnhauses gesehen.

Die vier Stockwerke, die ins erste herabgestürzt waren, hatten auf der Wand des benachbarten Mietshauses ein buntes Schachbrettmuster aus Farben, Tapeten und Kacheln zurückgelassen. An diesem hängengeblieben waren Bilder, Gobelins, Spiegel, Wandlampen, Bücherborde, Handtuchhalter und Kleiderhaken mit Morgenröcken, aber auch Wasch- und Klosettbecken. Morava dachte an deren Benutzer, und ihn schauderte. Den gewaltsamen Tod hatte er bei seinem Handwerk als die schlimmste Verletzung der Normen des Zusammenlebens begreifen gelernt; er hatte gewöhnlich ein Motiv, das zuweilen krankhafter Natur, doch stets erkennbar war. Die Austilgung so vieler Menschen, die jene Flieger obendrein als ihre Schutzengel angefleht hatten, ergab nicht den geringsten Sinn.

Ein erregter Polizist forderte sie auf zu verschwinden. Morava schickte den Garagenmeister fort und fragte sich zugleich, ob der sich nicht bei Jitka seinen Dank abholen würde. Dann zeigte er seinen Ausweis und schlich sich zwischen den Helfern und deren Geräten durch bis zur Nummer fünf, dem zweiten Haus neben dem bombardierten. Die paar verstümmelten Leichen auf Planen und Brettern nahm er bloß zur Kenntnis, sie erinnerten ihn an seine üblichen Fälle. Er gab vor allem darauf acht, daß er sich in den Pfützen bei den Hydranten die Schuhe aus Lederersatz nicht kaputtmachte.

Vergebens betätigte er die einzige Klingel, die wohl zum Hausmeister führen mußte. Dann drückte er prüfend auf die Klinke der schweren, zweiflügeligen Tür und stellte fest, daß sie nicht verschlossen war. Der mit Marmormosaiken verkleidete und mit der Aufschrift Salve geschmückte Hausflur lenkte seine Schritte zu einem Aufzug aus dunklem Holz, geräumig wie ein kleines Zimmer. Vornehm, bedächtig und geräuschlos trug er ihn in die Höhe. Noch beim Aussteigen oben glaubte er, an der falschen Adresse zu sein.

Kurz darauf flog die einzige Wohnungstür der Etage auf, und auf der Schwelle stand ein Typ im Ledermantel, der nichts anderes als ein Gestapomann sein konnte.

«Der Hauptkommissar? Na endlich!»

«Ist unterwegs», sagte Morava, «ich bin sein Assistent, mich schickt der Herr Polizeipräsident Rajner.»

Das gute Deutsch tat seine Wirkung. Mit einer Kinnbewegung bedeutete der Kerl ihm um einiges höflicher, ihm zu folgen. Im Salon standen ein paar Männer. Und auf dem Tisch lag etwas, das er noch nie gesehen hatte. Als ihm aufging, was das war, hob sich ihm nach Jahren wieder der Magen.

Von der kleinen Parkbank auf der Smíchover Seite der Moldau her tat sich ein märchenhaftes Bild vor ihm auf. Ein Blick wie aus der Loge, dachte er bewegt, oder direkt wie von der Empore! Trotz des frühen Nachmittags drang die Februarsonne nicht durch den Panzer der kalten Luft, ihm jedoch war geradezu heiß. Er knöpfte sich die wattierte Bundjacke auf, stellte das Gepäck zwischen seine Füße und breitete die Arme auf der Rücklehne aus. Schlaff hingelagert betrachtete er das Theater gegenüber und fand allmählich wieder zu sich.

Er genoß es, von keinem gestört zu werden. Die sonst so lebhafte Uferpromenade war menschenleer, die Stadt verhielt sich wie ein eingerollter Igel, der immer noch Gefahr wittert. Nur um das zertrümmerte Eckhaus auf der Flußseite gegenüber schwärmten Feuerwehrleute und Sanitäter. Verständlicherweise interessierte ihn vor allem das Haus, das er unlängst verlassen hat, wie lange war das wohl her? Er richtete den Blick auf sein linkes Handgelenk, sah deutlich die Zeiger der Armbanduhr, war aber außerstande, sich zu konzentrieren.

Er muß eine gewisse Zeit gelaufen sein. Erst nachdem er wie im Traum an den brennenden Trümmern vorüberkam und über die mit Scherben und Ziegelsplittern besäte Brücke schlenderte, ja viel später noch, als er schon auf der Bank hier ausruhte, ertönte drüben das Feuerwehrsignal, und das erste Spritzenauto erschien. Dafür langten zwei Personenautos viel früher, als er erwartete, bei Seinem Haus an. Dieser Mensch! fiel ihm ein, dieser Schwachkopf, der mich auf der Treppe grüßte. Den hätte ich Auch ...

Nein! Er konnte nicht einfach so einen Unschuldigen umbringen, schon gar nicht einen Mann. Er ist kein Verbrecher, er ist ein Werkzeug. Er ist auserwählt, um zu Läutern. Darum wurde ihm auch die Art und weise vorgeschrieben. Damals in Brünn hat er gepfuscht, ja schmählich versagt. In den Zeitungen hieß es, wer derartiges tun kann, muß Abartig veranlagt sein. Doch er war nur ungeschickt. Und verschuldete damit, daß man die Botschaft nicht erkannte. Sein Glück, daß er wegen seines Versagens nicht selbst bestraft wurde!

Man brauchte mich noch!

Er lachte laut auf vor Freude, daß es heute so perfekt klappte. Was müssen die dort für Augen machen? Was sagen sie dazu? Diesmal werden sie begreifen! Sie werden ganz anders über ihn schreiben! Vielleicht bringen sie auch ihr Foto, bestimmt, so etwas läßt sich doch nicht mit Worten schildern. Ihn erregte der Gedanke, daß sie ihm so von selbst einen Beweis beschaffen: ein unbestreitbar getreues Abbild seines Werkes, so sehr dem Bild ähnlich, das Sie ihm einst als Vorbild zeigte.

Eigentlich kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein, was in der Wohnung alles vor sich ging. Wie er sich erinnerte, war er auf seltsame Art abwesend, während er es tat, als lenkte ihn wirklich ein fremder Wille. Was er machte, sah und hörte, erreichte weder sein Bewußtsein noch sein Gefühl. Es wurde aufgezeichnet. Und begann sich erst jetzt, mit Verspätung, wie ein rückwärts laufender Film abzuspulen.

Die Vergangenheit wurde wieder gegenwärtig, mit der Sonne löschte sie auch den Fluß vor ihm aus, tatsächlich erlebte er erst jetzt jeden seiner Handgriffe im Dämmerlicht des Zimmers nach, nahm jede ihrer Reaktionen wahr. Und er staunte über seine Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit, mit der er so rasch und exakt diese schrecklich, schrecklich komplizierte Aufgabe erfüllte. Nein, er war nicht mehr der armselige Stümper aus Brünn; ohne es zu bemerken, reifte er in diesen scheinbar fruchtlosen Jahren zu einem Meister heran, vergleichbar mit jenem unbekannten Maler ...

Auch sie hat das merken müssen! Während das Brünner Flittchen noch bettelte und wie von Sinnen kreischte, sich dabei sogar bemachte, pfui! gerade das stieß ihn am meisten ab, erkannte diese hier augenblicklich sein Recht an. Vielleicht hätte sie auch ohne Knebel nicht geschrien, doch das konnte er nun doch nicht riskieren. Sie hörte auf zu leben, ohne daß er es gleich gewahrte, da sie auch nachher noch fast hündisch die Augen auf ihn richtete. Er tat, was noch zu tun war, und als er zurücktrat, sah er, daß Es gut war.

Damit war der Film zu Ende, das Licht ging an, und wieder war der Fluß da. Er bemerkte, daß die Rast ihn noch mehr ermüdete. Mitleidlos gebot er jedoch seinen erschlafften Muskeln, ihn samt seiner Tasche aufzuheben und durch die wenig vertraute Stadt zu bewegen, auf der Suche nach einem Ort, wo er Ihr, die ihm den Befehl erteilt hat, die Ausführung melden wollte. Am besten in einer Kirche doch!

€6,99
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0+
Umfang:
560 S. 1 Illustration
ISBN:
9788711461433
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Bookwire
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