Buch lesen: "Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde"
Natalka Sniadanko
Der Erzherzog,
der den Schwarzmarkt regierte,
Matrosen liebte und
mein Großvater wurde
Roman
Aus dem Ukrainischen von
Maria Weissenböck
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
1907
1969–2008
1895–1912
1998
1895–1912
Das Schloss
Korrekturen der Korrekturen
Das geheime Leben im Schloss
Mit dem Zug nach Wieliczka
Fünf Sprachen erlernen und Wein um zehn Uhr vormittags
Zu Fuß ins Gymnasium
Mit dem Zug nach Worochta
Das feierliche Leben im Schloss
Weihnachten
Lussin
Ostern
1975
1915–1939
2008
1915–1939
2008
1950–2000
1970–1980
1950–2000
1915–1939
1950–2000
1980–1990
1915–1939
1985
2000–2008
1895–1915
1990
1906
1985
1976
1887
1848–1914
1853–1914
1970
1867
1980–1990
1915–1939
1984
1978
1985
1919
1994
1914
1993
1915
1998
1975
1950–1985
1998
1915
1998
1985
1917
1998
1917
1998
1918
1999
1918
1995
1918
2004
1918
2004
1918
2004
1918
2004–2008
1919–1921
2008
1921
2004–2006
1921
2001
1919–1922
2008
1922
1968
2008
1934
2008
1939
2008
1944
1945
1945
1945
1945
2004–2006
1946
1946
2008
1947
1947
1947–1985
2008
Glossar
Folgende Werke hat die Autorin ihrer Arbeit am Buch zugrundegelegt
Natalka Sniadanko
Zur Autorin
Impressum
Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag
1907
Aus einer alten Zeitung, die Halyna in der Truhe mit den Sachen ihrer Großmutter gefunden hatte, erfuhr sie vom Lokführer Felix Pfeiffer aus Bohdaniwka. Die Großmutter hatte aus der Zeitung ein Schnittmuster gemacht. Darauf stand geschrieben, dass Felix Pfeiffer am 22. November von seiner Frau verlassen worden war, genau an ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Der Lokführer nahm sich vor, sie mit einer Zeitungsannonce und mithilfe der Polizei suchen zu lassen. Felix’ Frau Bronislawa wurde als mittelgroß, mit braunem Haar und einer Warze im Gesicht beschrieben. Sie trug bei ihrem Verschwinden ein cremefarbenes Kleid und einen weißen Hut. Halyna sah diesen zornigen, vielleicht aber auch verstörten jungen Mann sofort vor sich und hielt sein Bild auf einem Blatt Papier fest. In ihrer Vorstellung hatte er leicht gelocktes, sorgfältig pomadisiertes Haar, schmale Lippen, braune Augen, eine gerade römische Nase sowie Schnurr- und Backenbart, war hager mit leicht gekrümmter Haltung und äußerst auffälligen Händen, zu groß und kräftig für seine Statur mit wulstigen, schmal zulaufenden Fingern. Wahrscheinlich waren seine Hände stets schweißnass, und gab man ihm die Hand, hatte man nachher das Bedürfnis, sich abzuwischen.
Am Morgen des 22. November, dem zweiundzwanzigsten Geburtstag seiner wunderschönen Ehefrau, wachte besagter Felix Pfeiffer auf, holte sein Geschenk aus dem Versteck und stellte fest, dass seine Frau verschwunden war. Jedoch nicht spurlos: Auf dem Tischchen mit dem abgebrochenen Bein, das an ihrer Bettseite stand, lagen ein altes Korsett und ein Unterrock mit Brandloch. Bronislawa hatte damals das Bügeleisen nicht rechtzeitig vom Unterrock genommen, weil sich Felix unbemerkt von hinten an sie herangeschlichen hatte, um sie zu küssen. Als er ihren herrlichen Geruch wahrnahm, konnte er nicht anders, als unter dem Rock nach ihrem Schoß zu suchen und ihn zu berühren. Kaum spürte er ihre Feuchtigkeit, knöpfte er seine Hose auf, drückte seine Frau mit aller Kraft nach vorne und drang in sie ein. Bronislawa nahm die bekannte, trockene Härte in sich wahr und kippte ihr Becken nach hinten, damit es weniger schmerzte. Wie gelähmt beobachtete sie, wie unter dem Bügeleisen ein schwarzer Fleck entstand.
„Nimm das Eisen weg“, flüsterte ihr Felix keuchend von hinten ins Ohr. „Ich bin gleich so weit, ein bisschen noch“ – er fand ihre Brüste unter der Bluse und knetete sie fest in den Händen.
Da machte Bronislawa einen jähen Schritt nach vorne, das Bügeleisen fiel zu Boden, Felix’ Glied glitt aus ihr, er schwankte und blickte seine Frau verwundert an. Als Nächstes warf Bronislawa ihn zu Boden und setzte sich auf ihn. Sie legte seine Hände auf ihre Brüste und begann, sich in dem Rhythmus zu wiegen, den sie in ihrem Inneren verspürte, anstatt sich seinem Rhythmus anzupassen. Nach ein paar Minuten erfasste sie ein süßes Beben, sie stöhnte und stand auf. Felix blieb mit steifem Glied auf dem Boden liegen. Bronislawa kehrte zum Bügeleisen zurück. Einige Sekunden später spürte sie erneut Felix hinter sich, doch diesmal bewegte er sich vorsichtiger und streichelte derweil ihren Schoß. Gleichzeitig erreichten sie den Höhepunkt, zum ersten Mal in ihrem bisherigen Eheleben.
Felix mochte es, seine Frau in den unpassendsten Situationen zu lieben. Anfangs sträubte sie sich dagegen, denn ihr gefielen diese plötzlichen, schnellen und manchmal schmerzhaften Liebesspiele nicht. Sie spürte noch keinerlei Genuss, da hatte er seine Sache bereits erledigt, küsste sie auf den Hals und ging zufrieden pfeifend davon. Sie aber kochte innerlich vor Wut und ekelte sich vor seinem Sperma, das an ihren Oberschenkeln hinunterglitt. All das kam ihr nicht richtig vor, und von Zeit zu Zeit versuchte sie, es anders zu machen. Wenn sie abends ins Bett ging, entblößte sie ihre Brüste und schmiegte sich an ihren Mann, der von der Arbeit erschöpft nur unzufrieden brummte und sich zur anderen Seite drehte. Am nächsten Morgen jedoch, wenn Bronislawa noch schlief, drang er ohne Vorwarnung in sie ein und ein paar kurze Bewegungen später war alles schon wieder vorbei. Felix war stolz darauf, dass er seine Frau so oft liebte, und er konnte es kaum erwarten, dass sie endlich schwanger würde, ein Kind wäre der Beweis seiner Männlichkeit. Doch Bronislawa wollte nicht schwanger werden, zumindest nicht, solange sie nach dem Liebesspiel nur Enttäuschung und Ekel empfand. Außerdem wollte sie reisen, wollte Venedig, Paris, Wien, Ägypten, Indien und Persien sehen. Manchmal sprach sie mit Felix über das Reisen, doch er hatte eine völlig andere Vorstellung davon. Er freute sich über die Ermäßigung, die er bei Bahnfahrten bekam, und plante für Sonntag einen gemeinsamen Ausflug nach Brjuchowytschi, um dort im Wald spazieren zu gehen. Bronislawa dagegen wollte exotische, unbekannte Länder bereisen – lange, vielleicht für immer.
Am Morgen des 22. November 1907 wurde dem Lokführer Felix Pfeiffer mit einem Mal klar, dass er von seiner Frau verlassen worden war, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch keine echten Beweise dafür gab. Sie konnte ebenso gut noch in der Bäckerei sein oder in der Küche sein Frühstück zubereiten. Doch auch ohne Beweise war Felix überzeugt, dass er richtiglag.
Im ersten Moment war er fassungslos, doch dann versuchte er zur gewohnten Morgenroutine zurückzukehren: sich waschen, anziehen, frühstücken und aus dem Haus gehen. Doch das war schwieriger als vermutet. Der Lokführer irrte auf der Suche nach den einfachsten Dingen wie einem frischen Hemd, Kaffee, der Kaffeekanne, Butter, Zucker oder Streichhölzern durchs Haus. Normalerweise bereitete Bronislawa all das für ihn vor. Sie stand früher auf, deckte den Frühstückstisch und legte alles, was er für die Morgentoilette brauchte, ordentlich neben die Schüssel mit warmem Wasser. Nun aber stellte sich plötzlich heraus, dass das Brot hart geworden, die Butter ranzig, der Käse aufgegessen, der Kaffee ausgeraucht und die gesamte Wäsche hoffnungslos verdreckt war. Felix nahm die Kaffeekanne, schaute hinein und sah den hart gewordenen Kaffeesatz vom Vortag darin. Er ärgerte sich, dass Bronislawa die Kanne nicht gewaschen hatte. Er stellte sie auf den Tisch, von dem Krümel auf den Boden rieselten. Vom Fenster aus beobachtete er einige Sekunden lang einen Mann, der eilig über die Straße lief, dabei den Hut auf seinem Kopf festhielt und sich nach einer Britschka umblickte. Der Mann verschwand um die Ecke. Felix drehte sich zum Tisch, auf dem sich das schmutzige Geschirr türmte, und fegte mit einer entschlossenen Bewegung alles zu Boden. Er stieg über die Scherben, putzte seine vom Vortag schmutzige Kleidung ab und lief aus dem Haus. Zuerst schlugen seine Beine den gewohnten Weg ein: zum Bahnhof, wo er arbeitete. Doch kurz vor dem Bahnhofsgebäude drehte er plötzlich um und lief in die entgegengesetzte Richtung.
„Meine Verehrung, Herr Felix, guten Morgen!“, rief ihm der Straßenkehrer hinterher, der bereits zum zweiten Mal an diesem Morgen den Bahnhofsplatz fegte, doch Felix schaute nicht zurück und hielt nicht an, um wie üblich mit ihm eine Papirossa zu rauchen.
Wie der Mann, den Felix eben vom Fenster aus beobachtet hatte, hielt er seinen Hut auf dem Kopf fest und überquerte schnellen, entschlossenen Schrittes die Straße. Er schaute weder nach links noch nach rechts, stürmte geradeaus, ohne den anderen Fußgängern auszuweichen, sein Blick war starr und konzentriert. Mädchen wichen ihm erschrocken aus, ältere Herren blickten ihm missbilligend hinterher, wenn er sie mit den Ellenbogen anstieß, doch Felix merkte von alledem nichts. Er sprang vom Trittbrett der noch rollenden Pferdestraßenbahn, lief, ohne irgendetwas zu beachten, über die Straße und geriet beinahe unter die Hufe der Gäule, die scheuten und zur Seite wichen. Fahrer und Schaffner pfiffen gleichzeitig. Eine ältere Passagierin lehnt sich aus dem Fenster des Waggons und rief Felix etwas hinterher, doch der hörte davon nur „soll dich der …“ und „völlig verrückt geworden“, er lief weiter, bog ab und erblickte im nächsten Augenblick das Hauptpostamt.
Er sah sich im weitläufigen Foyer um, genau in der Mitte stand in majestätischer Pose erstarrt ein ehrwürdiger Aufseher mit gezwirbeltem Schnurrbart und dem hohen Hut eines österreichischen Pedellen, auf seinem langen Uniformrock prangten zwei Reihen blank polierter Knöpfe, eine Auszeichnung – schwarz-gelb mit eingestickten Initialen – und das Ehrenkreuz für langjährige Verdienste in der kaiserlich-königlichen Armee. Der Aufseher musterte Felix von Kopf bis Fuß und trat von einem Bein auf das andere, als wundere er sich, wohin dieser schlampig gekleidete Mann so eile. Felix blieb einen Augenblick stehen und holte tief Luft, dann ging er durch die massive Holztür zu seiner Rechten und reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Vor ihm drehte ein Gymnasiast den Kopf nach allen Seiten, er trug eine neue Uniform von Sajdlek, dessen Laden sich auf dem Heiligen-Geist-Platz neben dem Hausdurchgang befand. Dort arbeitete eine kleine, reizende Schwarzhaarige mit Grübchen am Kinn als Verkäuferin, auf die Felix seinerzeit ein Auge geworfen hatte. Der Gymnasiast wollte, dass alle seine hohe schwarze Moirékappe mit dem geschwungenen Emblem des Gymnasiums „G IV“ und seine Glacéhandschuhe bemerkten, die noch ganz neu rochen. Deshalb drehte er den Kopf nach allen Seiten, rückte seine Kappe zurecht, in der ihm offensichtlich viel zu heiß war, zog dann eine Zeitung aus der Tasche und raschelte laut damit. Felix blickte ihm über die Schulter und ließ seinen Blick automatisch über die Seite mit den Annoncen schweifen. „Seriöser, gut situierter Kavalier will per Briefkontakt junge, hübsche, tugendhafte Dame von guter Statur kennenlernen. Mitgift unerheblich, Austausch von Fotos obligatorisch. Briefe an die Redaktion der ‚Sonntag‘, Kennwort ‚Der Einsame‘.“ Darunter befand sich noch eine Annonce: „Nehme junges, hübsches, tüchtiges Fräulein zur Frau. Mitgift nicht obligatorisch. Brief mit Foto bitte an die Redaktion.“
Felix’ Aufmerksamkeit wurde von der längsten Annonce gefesselt. Aufgegeben von einer Frau, die einen Zopf „im Wert von 12 Kronen“ verlor, als sie die Akademiestraße, die Halyzka-Straße, die Kiliński-Straße und die Karl-Ludwigs-Straße entlangging. Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte Felix unwillkürlich, denn er stellte sich die unattraktive und unachtsame Salka H. vor, eine Schriftführerin, die ihres Zopfes verlustig gegangen war, noch bevor sie ihre Kavaliere damit beeindrucken konnte. In ihrer Verzweiflung gab sie danach auch noch eine stattliche Summe für den Abdruck einer Annonce in der Morgenzeitung aus. Felix dachte an das dichte Haar seiner Frau, das die Farbe von Schaum auf dem Kaffee hatte, ein klein wenig heller als die Farbe des Kaffees selbst, nachdem der Schaum verschwunden war. Einige Strähnen lösten sich immer unter ihrem weißen Hut. Er dachte an Bronislawas cremefarbenes Kleid und versuchte sich daran zu erinnern, wie viele Häkchen er an diesem Kleid öffnen musste, wenn sie es abends auszog, und wie mit jedem Häkchen sein Verlangen wuchs, den warmen, duftenden Körper seiner Frau endlich zu berühren. Einen Augenblick lang verlor sich Felix, tauchte ab in seine Träume, um sich kurz darauf wieder an den Grund seines Kommens zu erinnern, und sein Blick verfinsterte sich. Als er an der Reihe war, befeuchtete er den Bleistift konzentriert mit Speichel, schrieb sorgfältig Buchstabe für Buchstabe, überdachte jedes Wort, denn es kostete ihn mindestens zehn Kreuzer. Einen Moment überlegte er, wie er die Farbe ihres Haars beschreiben sollte, denn „Schaum auf dem Kaffee“ waren ganze vier Worte, außerdem war fraglich, ob jemand diesen Vergleich verstehen würde, deshalb schrieb er einfach: „braun“. Den Zopf seiner Frau erwähnte er nicht.
1969–2008
Halyna kam am 18. August 1969, eine Stunde vor Mitternacht zur Welt. Am gleichen Tag, genauer gesagt, in der gleichen Nacht, einundzwanzig Jahre davor war im Krankentrakt eines Kiewer Gefängnisses der Totenschein ihres Großvaters ausgestellt worden – ukrainischer Oberst, Truppenführer bei den Sitsch-Schützen, in Paris zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, in Wien der österreichischen Staatsbürgerschaft entledigt, nach jungen Matrosen und reizenden Damen schmachtender Besucher Pariser Bordelle, Spion des englischen und französischen Geheimdienstes, Sympathisant der Organisation Ukrainischer Nationalisten: Erzherzog Wilhelm von Habsburg-Lothringen.
Für Halyna war er Großvater Wilhelm, manchmal auch Wiljus. Wiljus wurde er in seiner Kindheit genannt und dann wieder im hohen Alter. Wilhelm, der jüngste Sohn Karl Stephans von Habsburg-Lothringen, wurde am 10. Februar 1895 geboren, ein halbes Jahr bevor Sigmund Freud seinen berühmten Traum von Irmas Injektion hatte. Dieser veranlasste Freud zu der Schlussfolgerung, dass jeder Traum einen Wunsch erfüllt. Löste seine Theorie zu Beginn einen Skandal in der wissenschaftlichen Welt aus und weckte Misstrauen, machte sie Freud später zu einem weltberühmten Wissenschaftler.
„Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, fällt mir zuerst das Meer ein. Das viele Wasser. Es faszinierte mich“, schrieb Wilhelm in seiner Autobiografie, deren Sprache Halyna nur teilweise verstand, so viele verstümmelte deutsche und polnische Worte benutzte er. Zum Beispiel begriff sie nicht sofort, dass der Großvater mit „Marynarka“ nicht Sakko, sondern Meeresflotte meinte, dass „Reparazija“ Operation hieß, „Belfer“ Lehrer und dass der Großvater zu Uhren „Dsygar“ sagte. Die Uhr des Großvaters zeigte immer um eine Stunde weniger an als Halynas Uhr. Wilhelm und Großmutter Sofia hatten die von der sowjetischen Macht eingeführte Zeit nie übernommen. Und wenn sie mit jemandem ein Treffen vereinbarten, fragten sie immer nach, ob es sich um „Moskauer Zeit“ handle.
Ebenso plötzlich und spontan, wie der Großvater fast alles in seinem Leben entschied, beschloss er, seine Memoiren zu schreiben. Eines Winters hatte Halyna Windpocken und konnte wochenlang nicht zur Schule gehen. Wilhelm saß an ihrem Bett, bepinselte die roten Pusteln sorgfältig mit einer Tinktur und erzählte Geschichten aus seinem Leben, um die Enkeltochter vom Juckreiz, den sie am ganzen Körper verspürte, abzulenken.
„Großvater, du erzählst mir Märchen, das kann alles nicht wahr sein“, nörgelte Halyna. „Du erzählst mir einen Abenteuerroman, den du gelesen hast.“
Damals beschloss Wilhelm, dass seine Biografie ein Abenteuerroman sei, den er selbst zu Papier bringen würde.
Die feierlichen Vorbereitungen zum Schreiben seiner Memoiren dauerten fast einen Monat. Lange richtete Wilhelm sein Arbeitszimmer ein. Früher war es das Büro von Großmutter Sofias Vater gewesen, in das er sich nach der Arbeit zurückzog. Dort stand ein mit grünem Filz überzogener Tisch mit zahlreichen Schubladen, deren Schlüssel fast alle noch vorhanden waren.
Bevor Wilhelm mit der Arbeit an seinen Memoiren begann, wollte er für seinen Stuhl das gemütlichste Kissen, doch keines passte, vergeblich probierte er verschiedene Varianten. Er ließ den Stuhl sogar neu bespannen, doch auch das machte ihn nicht glücklich. Er versuchte, es sich in einem der tiefen Lederfauteuils gemütlich zu machen, die zwischen Armlehne und Sitzfläche einen ziemlich großen Spalt ließen. Als Kind hatte Sofia in diesem Spalt oft allerlei Kleinkram gefunden: Münzen, kleine Feilen oder Löffel, Kämme.
Wilhelm wechselte die Vorhänge im Arbeitszimmer, um eine behagliche Atmosphäre zu schaffen, und wählte langmächtig Papier, Füllfeder und Bleistifte aus. Er zeigte Halyna alles und beratschlagte sich mit ihr. Sie borgte ihm für seine Notizen ein paar ihrer dicken, karierten Hefte. Doch Wilhelm erklärte, dass er in Heften mit Kunstledereinband im depressiven Farbton von roter Bete sicher nichts Bedeutendes würde schreiben können. Halyna schlug vor, das Heft mit Papier einzubinden und zu bemalen. Das machten sie auch. Schließlich verkündete Wilhelm, dass er am nächsten Tag mit der Arbeit an seinen Memoiren beginnen würde.
Am folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück erklärte er:
„Heute will ich nicht gestört werden. Ich werde schreiben.“ Stolz ordnete er seinen Schlafrock und verschwand im Arbeitszimmer.
Er hatte Großmutters alte Schreibmaschine ins Zimmer geschleppt und bemühte sich, nun schnelles Tippen zu lernen. Zuerst hörte man aus dem Arbeitszimmer ein paar Minuten lang das Klappern der Tasten, daraufhin ein lautes Rumpeln – vielleicht mit dem Stuhl –, dann rief Wilhelm auf Deutsch:
„Verdammt noch mal!“
Vielleicht war eine Taste stecken geblieben, oder er hatte sich vertippt. Nach etwa einer Stunde kam er leicht verärgert aus dem Arbeitszimmer und fragte Großmutter, ob sie etwas Leckeres für ihn habe, denn das Schreiben gehe ihm nicht von der Hand. Die Großmutter bereitete ihm Tee, ein Marmeladebrot und Quark mit saurer Sahne zu – sein Lieblingsdessert. Wilhelm verschwand im Zimmer. Eine weitere Stunde verging und er erschien erneut. Diesmal war er finster entschlossen:
„Wie soll man im Schlafrock schreiben!“, rief er beim Herauskommen und öffnete ruckartig die Tür des Kleiderschranks. „Kleider machen Schreiber. Ich muss mich zurechtmachen.“
Dann begann er sich lange umzuziehen, zu waschen, zu frisieren, zu rasieren und zu maniküren – Letzteres machte der Großvater immer sehr sorgfältig. Brüchige, abgebissene und schmutzige Nägel oder eine harte Nagelhaut brachten ihn zur Weißglut. Seine Maniküre war ziemlich zeitaufwendig, diesmal dauerte sie bis zum Mittagessen. Dafür nahm er das Essen festlich gekleidet ein. Der Großvater hatte in einer Schublade sogar seine Schweizer Uhr gefunden, die seine Inhaftierung auf wundersame Weise überdauert hatte, er befreite sie vom Staub und band sie sich ums Handgelenk. Er hatte die Uhr viele Jahre nicht getragen. Nach dem Essen seufzte Großvater zufrieden und sagte:
„Und jetzt ruhe ich mich ein bisschen aus!“
Dann ging er ins Arbeitszimmer, um seinen Mittagsschlaf zu halten. Später trank er Kaffee, spielte mit Halyna Schach, las und erwähnte das Schreiben an diesem Tag nicht mehr. Am nächsten Morgen wiederholte sich die ganze Prozedur. Solange Halyna krank war, schrieb er dennoch ein paar Seiten. Mit jeder einzelnen kam er aus dem Arbeitszimmer gelaufen, glücklich und aufgeregt wie ein Kind, zog den Gürtel seines Schlafrocks enger und las sie Halyna vor. Jedem Satz fügte er eine lange Erklärung bei, ohne die das Geschriebene kaum zu verstehen gewesen wäre. Wilhelm konnte deutlich besser erzählen als schreiben. Beim Schreiben bereitete ihm jeder Satz große Schwierigkeiten, er quälte sich beim Formulieren einfacher Gedanken, suchte nach Wörtern, strich und korrigierte, trotzdem war der Text verworren und nicht immer verständlich. Wilhelm erklärte sich das durch das Fehlen einer gymnasialen Bildung, denn er war nach dem Programm der Realschule und nicht des Gymnasiums unterrichtet worden. Die Hauslehrer seiner Kindheit wollten vor allem auf den Vater, aber auch auf die Kinder selbst einen guten Eindruck machen. Sich darum zu kümmern, ob die Schüler den Stoff beherrschten, war zweitrangig. So eigneten sich die Kinder das an, was ihnen leichtfiel. Und Willy fiel es leichter zu erzählen, als zu schreiben. Das Schreiben eines Aufsatzes sah bei ihm so aus: Er erzählte der Lehrerin eine ganze Schulstunde lang von seinen Sommerferien und beschrieb dabei die allerkleinsten Details seiner Reise mit den Eltern nach Paris, den Buttergeschmack der frischen Croissants, den singenden Tonfall der Pariser Kellnerinnen und Zimmermädchen in den Hotels, den Staub auf den Straßen, die Roben der Damen im Theater sowie die Abenteuer der An- und Abreise. Die Lehrerin lauschte ihm mit angehaltenem Atem. Dann sagte sie:
„Wunderbar, Willy! Und jetzt schreib das alles auf.“
Ein paar Minuten später händigte er ihr zufrieden lächelnd den Zettel aus und sagte:
„Fertig!“
„Wie? Schon? So schnell?“, fragte die Lehrerin erstaunt, faltete den Zettel auseinander und las: „Ich habe die Ferien in Paris verbracht. Dort war es schön.“
„Das ist alles?“, wunderte sie sich weiter.
„Den Rest habe ich Ihnen erzählt“, lächelte Willy breit und war mit sich selbst sehr zufrieden.
Das Schreiben war Wilhelm schon als Kind schwergefallen. Bereits die Schönschreibstunden hatte er gehasst und sich wann und wie auch immer möglich davor gedrückt. Aufsätze schrieb er später ebenso ungern; er fand es langweilig, so viel Zeit für etwas zu verschwenden, das er sich auch so vorstellen konnte. Seine Unfähigkeit, sich lange auf eine Sache zu konzentrieren, ließ später auch seine mündlichen Erzählungen chaotisch und unvollständig erscheinen. Manche Episoden erwähnte er oft und detailliert, andere ließ er weg. Deshalb hatte Halyna eine ziemlich bruchstückhafte Vorstellung vom abenteuerlichen Leben ihres Großvaters – ein ähnlicher Eindruck wie beim Schauen alter Dokumentarfilme, die immer wieder reißen: Mit dem Film verknittern auch die Eindrücke und fügen sich an den überraschendsten Stellen wieder zusammen. Während Halyna den chaotischen Erzählungen lauschte, begann sie zu zeichnen. Zuerst nur Gesichter – sie versuchte sich vorzustellen, wie all die Menschen aus Großvaters Erzählungen ausgesehen hatten –, dann einzelne Szenen: Der Großvater langweilt sich als kleiner Junge bei einer höfischen Zeremonie in Wien. Er flüchtet aus dem Schloss der Familie im polnischen Saybusch in die Berge, zu den Huzulen. Er erweist den Soldaten aus seinem ukrainischen Regiment der Sitsch-Schützen die Ehre. Trifft den Metropoliten Scheptyzkyj. Probiert in Paris ein neues Kleidungsstück an. Die Skizzen in ihren Heften erinnerten an Comics, mit dem einzigen Unterschied, dass die Geschichten nicht chronologisch geordnet waren. Nach Ereignissen des Zweiten Weltkriegs kamen mitunter Szenen aus dem Ersten Weltkrieg oder aus der Zwischenkriegszeit, dann Episoden aus dem sowjetischen Lemberg und danach aus den Dreißigerjahren, als Wilhelm in Paris lebte. Diese Comics erinnerten an die Erzählungen des Großvaters und an ihn selbst. Sie waren die Verkörperung von Chaos, Unordnung und aufbrausendem, ungezügeltem Temperament. Außerdem traten die Ereignisse in seinem Leben mit sehr ungleichmäßiger Intensität ein: Zwischen 1914 und 1921 erlebte er dutzende Male mehr und Bedeutenderes als in den darauffolgenden zwanzig Jahren, darauf folgte ein erneutes kurzes Aufflammen intensiven Lebens und danach die Lethargie der Sowjetära.
Dem Großvater gefielen Halynas Zeichnungen sehr. Wenn er ihre Bilder betrachtete, fielen ihm immer neue Details ein, die sie sofort festhielt – manchmal erriet sie ganz intuitiv, wie das eine oder andere ausgesehen haben könnte. Noch als Kind füllte Halyna mit ihren Comics mehrere dicke Hefte, die sie hütete wie einen Schatz. Von Zeit zu Zeit malte sie Episoden aus Großvaters Erzählungen dazu, die in ihrem Gedächtnis auftauchten. Ebendiese Comics würde sie viele Jahre später nach Wien mitnehmen, um sie einem Auftraggeber als Vorschlag für die Gestaltung des Interieurs einer Bar zu zeigen. Dieser sollte sofort Feuer und Flamme sein und Halyna nur eine Stunde nach ihrem Treffen per E-Mail den Vertrag schicken, mit einem Honorar, das ein Ablehnen unmöglich machte. Und sie lehnte nicht ab.
Auf der ersten Seite von Halynas Comics prangte die Uhr des Großvaters, eine „Omega Seamaster“. Genau so eine sah Halyna später im Kino am Handgelenk von James Bond. In diesem Film hörte sie auch zum ersten Mal die Phrase „Die Welt ist nicht genug“, die der Großvater seinen Memoiren als Motto vorangestellt hatte, aber nicht, weil er James-Bond-Filme mochte, sondern weil es das Familienmotto der Habsburger gewesen war.