Buch lesen: "360 Grad - She moves in mysterious ways"

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Morten Brask
360 Grad
She Moves In Mysterious Ways
SAGA

Kolofon

360 Grad - She moves in mysterious ways

Aus dem Dänischen von Julia Pfeiffer

Originaltitel: 360 Grader - She Moves In Mysterious Ways

© 2013 Morten Brask

Alle Rechte der Ebookausgabe: © SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711514139

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: Epub 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com

- a part of Egmont, www.egmont.com

She moves in mysterious ways

von Morten Brask

Ich wollte, dass es noch an dem Abend, an dem ich von Paris zurückkam, gesagt war. Vielleicht schon im Auto, auf dem Heimweg vom Flughafen oder als wir den Koffer in den Wagen packten, vielleicht als wir im Bett lagen. Ich wollte nach ihm greifen und sagen, dass da etwas war, das er wissen sollte. Aber als sich die Tür der Ankunftshalle zur Seite schob, erblickte ich Malthe mit unserem Sohn auf dem Arm und da wurde mir klar, dass ich ihm nie erzählen könnte, was ich an diesem einen Abend im Stade de France getan hatte.

Auch später noch dachte ich mir, dass es die beste Entscheidung war. Dass mein Schweigen ein Geschenk war, denn was würde er ohnehin mit diesem Wissen anfangen? Mit der Erkenntnis, dass seine Liebste im Stande war, so etwas zu tun. Und was hätte ich geantwortet, wenn er gefragt hätte, warum ich das getan habe? Dass es passierte, weil ich es nicht sein lassen konnte? Dass so etwas einfach passiert? Dass nicht alles, was eine Frau macht, erklärbar ist?

Es passierte vergangenes Jahr im Juli. Es war der Sommer, in dem Europa von einer extremen Hitzewelle heimgesucht wurde, einige Orte erreichten über 42 Grad im Schatten. In den Zeitungen standen Artikel über Leute, die einen Hitzeschlag erlitten und merkwürdige Dinge machten. Viele kamen in ihren Wohnungen um. Als sie gefunden wurden, war der Verwesungsprozess schon weit fortgeschritten.

An dem Tag, an dem wir von Kastrup abflogen, hatte Dänemark einen Hitzerekord erreicht. Unsere Klamotten waren schweißgebadet, als wir die Flugzeugkabine betraten, alle fächelten sich mit laminierten Sicherheitshinweisen Luft zu. Ich reiste mit Mika und Louise. Wir hatten uns seit Weihnachten auf diese Reise gefreut, die Tickets für das U2 Konzert im Stade de France hatten wir im Dezember gekauft. Es sollte das Ereignis des Jahres werden, ein Ausflug ohne Partner, ohne Kinder, drei Tage Ausnahmezustand.

Als wir auf die Schiebetüren im Flughafen Charles de Gaulle zusteuerten, konnten wir die Luft über den Parkplätzen flimmern sehen. Die Hitze lag über Paris wie eine aufgeheizte Kirchenglocke und obwohl wir die Fensterscheiben im Taxi nach unten gerollt hatten, schwitzten wir. Die sengende Sonne verstärkte alle Gerüche der Boulevards, die Parfüms der Frauen und die widerliche Süße der Mülleimer, die Abgase der allzu vielen Autos, hinuntergefallene Eiskugeln, das Essen aus den Küchen der Restaurants, das Harz der ausgetrockneten Bäume und die Früchte der Gemüsehändler, das warme Metall und Asphalt, der geschmolzen war und an den Schuhsohlen kleben blieb.

Abends speisten wir in einem dieser gemütlichen Restaurants am Place des Vosges. Wir bestellten ohne nachzusehen, was es kostete und die Gerichte waren herrlich. Wir teilten uns ein paar Flaschen Wein. Nach der ersten waren wir schon leicht angeheitert und Mika und Louise flirteten mit einem gutaussehenden Kellner mit dunklem, fast schwarzem, zurückgekämmtem Haar. Wir sprachen darüber, dass es seltsam war, dass ein Mann mit diesem Aussehen als Kellner arbeitete, dass noch etwas anderes in ihm stecken musste. Als er uns das Hauptgericht brachte, fragte er uns, was wir am späteren Abend machen würden.

„Wir sind offen für alles“, sagte Louise.

„Für alles?“

„Alles.“

Er fragte, ob wir Lust hätten, mit ihm und zwei seiner Freunde auszugehen, wenn er Feierabend hätte. Sie würden uns Paris von einer anderen Seite zeigen. Er versprach, dass sie auf uns aufpassen würden, dass wir uns nicht fürchten sollten, sie würden sich wie Heilige aufführen. Das waren seine Worte. Er brachte uns eine dritte Flasche Wein, sagte, dass sie aufs Haus ginge und ließ uns alleine.

„Das machen wir, oder?“, fragte Louise.

„Ich bin dabei“, sagte Mika.

„Camilla?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

„Warum?“

„Ich finde nicht, dass es Malthe gegenüber fair ist, wenn ich mit irgendwelchen Kerlen fortgehe.“

„Ach, komm schon. Was würden unsere Freunde machen, wenn sie alleine in Paris wären?“, fragte Louise.

„Es fühlt sich einfach falsch an.“

„Das ist es aber doch nicht, komm schon, Camilla.“

„Aber es darf nicht zu spät werden“, sagte ich.

Wir tranken den Rest der Flasche aus und blieben sitzen, bis das Restaurant schloss und die beiden Freunde des Kellners kamen. Der eine war dunkel, wie der Kellner selbst, der andere hatte ganz helles Haar, er sah eher schwedisch als französisch aus.

Der Hellhaarige hatte einen Mercedes aus den 1970ern. Das Leder der Sitze war zwar ausgetauscht, aber der Original-Aschenbecher aus Silber und ein kleiner Barschrank, der vier Flaschen beinhaltete, waren immer noch da. Sie servierten Cognac in überdimensionierten Cognacschwenkern, während wir durch die erleuchteten Straßen von Paris fuhren. Das Gespräch lief wie von selbst, alle drei sprachen sie gutes Englisch, die zwei Freunde waren beide Studenten. Sie führten uns zu einem Nachtlokal in der Rue Montmartre, Club Silencio, benannt nach dem schauderhaften Nachtklub in David Lynchs Film Mulholland Drive. Vor dem Eingang stand eine Schlange, aber unser Kellner nickte einem der Türsteher zu. Offensichtlich kannten sie einander gut. Der Türsteher ließ seinen Blick über unsere Beine schweifen.

„Beautiful girls, true angels, aren’t you?“, sagte er. Er zwinkerte dem Kellner zu und entfernte das kräftige Seil, das den Club Silencio von der Straße und der Schlange trennte.

Wir kamen in eine große Lounge mit Bücherregalen an den Wänden und kleinen Tischen, wo gut gekleidete Paare saßen. Weiter drinnen hatte das Lokal die Form eines Metrotunnels mit goldlackierten Wänden. Eine sehr spezielle, introvertierte Musik mit langsamen, düsteren Tönen kroch von der Decke über die Wände. Es lag etwas Beunruhigendes über der Musik, die Art und Weise, wie sie sich gewissermaßen um sich selbst drehte, ein unsichtbarer Wirbelsturm, als wären die Töne die Einleitung zu etwas noch nicht Definiertem.

Die Männer kaufen uns Drinks, ich war zu betrunken, um zu bemerken, wie sie schmeckten, aber ich bemerkte, dass die Männer selbst nicht tranken. Wir tanzten. Ich mit dem Hellhaarigen. Auf der Tanzfläche standen wir dicht beieinander, wippten mehr als, dass wir zu dem langsamen Rhythmus wirklich tanzten. Ab und zu wechselten die Männer ein paar Worte auf Französisch, sagten etwas zu einem Kellner, der augenblicklich auf die Toilette verschwand.

Irgendwann nickten sie einander zu, woraufhin sie alle zusammen die Arme um uns legten. Ich versuchte mich ein wenig nach hinten zu lehnen, um zu vermeiden, dass meine Brüste an den Hellhaarigen gedrückt wurden, doch langsam führten uns die Rhythmen näher. Eines seiner Beine glitt zwischen die meinen. Das hatte eine unerwartete Wirkung auf mich. Ich fühlte einen Spalt sich auftun und ein warmes, kitzelndes Gefühl sich in meinem Unterleib breitmachen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust. Er küsste mich aufs Haar, sagte etwas auf Französisch, das ich nicht verstand und eine lange Weile dachte ich nicht an Malthe. Als sein Bild dann doch noch auftauchte, stieß ich mich nicht von ihm weg. Ich wusste, dass ich das hätte tun sollen, doch ich blieb an den fremden Mann gelehnt stehen und spürte die Muskeln seines Oberschenkels, der sich an meinen Schritt presste. Nebenan tanzten Louise und Mika mit den anderen. Dachten sie an ihre Partner? Ich kannte sie, wusste, wie eifersüchtig speziell Louises Freund war und, dass sie immer darauf achtete, nichts zu machen, was Misstrauen in ihm erwecken könnte. Doch es wirkte, als wären sich meine Freundinnen des Fehlers, den wir jetzt dabei waren zu machen, überhaupt nicht bewusst – ganz im Gegenteil – sie legten ihre Arme um die Hälse der Männer, küssten sie. Unendliche Küsse, langsam, langatmig wie die Musik, die sich mehr und mehr um uns schloss. Ich wagte es nicht, meinen Kopf zu bewegen. Ich wusste, wie gerne ich den Fremden geküsst hätte.

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0+
Umfang:
25 S. 1 Illustration
ISBN:
9788711514139
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