Buch lesen: "Hexenherz. Goldener Tod"

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Monika Loerchner

Hexenherz

Goldener Tod


Loerchner, Monika : Hexenherz. Goldener Tod, Hamburg, acabus Verlag 2020

Originalausgabe

Dieses eBook ist auch als Printversion erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

Print: ISBN: 978-3-86282-788-6

Lektorat: Svenja Nordmann, acabus Verlag

Buchsatz: Laura Künstler, acabus Verlag

Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag

Covermotiv: pixabay.com

Karte: © Carl Wilckens und Monika Loerchner

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG:

https://www.verlags-wg.de

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© acabus Verlag, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

http://www.acabus-verlag.de

Inhalt

Widmung

Karte

Teil I: 7 Monate

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Über die Schöpfung

Teil II: 7 Wochen

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Die Schöpfung

Teil III: 7 Tage

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Die Autorin

So manche Nebenfigur dieser Reihe

ist in meinem Leben ein Hauptdarsteller.

Und das seit 21, 23, 27 und 34 Jahren.

Danke fürs Mitspielen, Mädels – Ihr seid die Besten!


Teil I: 7 Monate


Kapitel 1

Das ist also Bürgerinnenkrieg. Oder ist es eine Revolution? Welches Wort auch benutzt wird, welche Bezeichnung auch immer am zutreffendsten sein mag – es hat begonnen.

So heimlich, still und leise, dass es fast lächerlich ist. Und doch auf eine Art blutig und grausam, dass mir der Atem stockt. Ich sehe es in all ihren Augen. Da wendet sich Tochter gegen Mutter und Schwester gegen Schwester. Ehemänner wenden sich von ihren Gattinnen ab, allein um der Macht Willen.

Ich lebe hier inmitten des Ausgangspunktes dieser stillen, blutigen Neuerungen. Mein eigener Sohn war es, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Niemals gegen meinen Willen, so doch auch nicht auf meinen oder seinen Wunsch hin. Die Ereignisse haben uns einfach mitgerissen; seine Fluten spülen uns wie winzige Kiesel ans Ufer und erst im Nachhinein erkennen wir das Muster, dessen Teil wir geworden sind.

Mehr als 550 Jahre ist es her, dass Beatrix und Stefanie begannen, das Geheimnis des Frauentums, nämlich die in uns allen schlummernde Magie, zu teilen. Sie erweckten die Magie in hunderten Frauen und einige davon zogen aus und taten es ihnen nach. Das Hexentum breitete sich aus, bis die ganze Welt die Wahrheit kannte und die unrechtmäßige Regentinnenschaft der Männer ins Wanken geriet.

Und fiel: Jahr um Jahr, Land um Land erhoben sich die Frauen gegen ihre Unterdrücker, um jahrhundertelang begangenes Unrecht auszumerzen und sich selbst an die Spitze der Schöpfung zu stellen, wie es die Große Göttin von jeher gewollt hat.

Frauen zahlreicher Länder schlossen sich zusammen und während die feigsten, brutalsten, uneinsichtigsten Männer in die Ostlande flohen, Bündnisse mit den Chinesen, den Moldawiern, den Türken und anderen Völkern schlossen und eine Mauer bauten, hinter der sie sich verstecken konnten, formten die Frauen die neu entstandene Schwesternschaft des Goldenen Reiches. Wo die Goldenen Gesetze und die der Göttin gelten, in der ein jede so frei ist wie die Magie, die für die Dauer ihrer fruchtbaren Jahre durch ihre Adern strömt.

Doch als wäre die Geschichte nichts weiter als ein Rad, das sich dreht, zeigt dieselbe Speiche nun wieder nach oben: So wie einst Beatrix und Stefanie alle Weiber zu Frauen machten und die Magie mit ihnen allen teilen wollten, so wollen Adrian und die anderen nun das Geschenk der Göttin mit den Männern teilen.

Was soll ich davon halten? Männer mit Magie … Und zwar nicht irgendwelche Männer, nicht die klugen, tapferen, besonnenen, sondern alle!

Die Sorge, dass der schwache männliche Körper gar nicht in der Lage ist, Magie zu verkraften, konnte Kolja ihnen nehmen. Mein eigener Sohn hat als erster Mann überhaupt wochenlang Magie angewandt. Er hat mir alles erzählt und doch kommt es mir unwirklich vor. Widernatürlich.

Und jetzt sitze ich hier und bin die verdammte Beraterin eines verdammten Anführers von Aufständischen und soll ihm helfen, die ganze verdammte Welt auf den Kopf zu stellen und eine Veränderung herbeizuführen, an die ich nicht glaube und von der ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt will. Bei den Sieben Finsterhexen, da habe ich mir ja was Schönes eingebrockt –

»Was soll das denn sein?« Wieder einmal hat es Adrian geschafft, sich unbemerkt an mich heranzuschleichen. Sollte sich mein Körper nicht langsam mal daran gewöhnt haben, dass ich keine Magie mehr habe? Ist immerhin schon drei Jahre her, dass sie mir in der Hauptstadt alles genommen haben, was mich zur Frau gemacht hat. Sollten sich nicht meine anderen Sinne schärfen, um das auszugleichen? Anscheinend nicht.

»Erschreck mich nicht immer so«, grummele ich den Anführer der Rebellinnengruppe an. »Und was soll das heißen, was soll das sein? Du wolltest doch, dass ich alles aufschreibe, was dieser Tage vor sich geht.«

Adrian lacht. »Ich habe dich gebeten, eine Art Chronik zu verfassen, ja. Aber ein Blick über deine Schultern und schon lese ich zigmal das Wort ›verdammt‹. Willst du wirklich damit in die Geschichte eingehen, dass du in so einer wichtigen Aufzeichnung ständig fluchst?«

»Ich fluche, wann und wie es mir passt«, zische ich ihn an, »Du solltest lieber dankbar sein, dass du eine Dumme für das hier gefunden hast!«

Er hebt die Hände. »Ich meine ja nur, dass für eine Beschreibung dieser, nun, geschichtsträchtigen Ereignisse vielleicht eine etwas nüchternere Wortwahl angemessener wäre.«

»Ich gebe dir gleich ›geschichtsträchtige Ereignisse‹! Da ist einer aber ganz schön von sich eingenommen!«

Wie immer, wenn sich Adrian amüsiert, tanzen goldene Funken in seinen Augen. »Es ist, wie es ist, meine liebe Helena! Aber bitte, mach du mal.«

Im Gehen dreht er sich noch einmal um.

»Und glaub nicht, dass ich das mit dem ›verdammten Anführer‹ nicht gesehen hätte!«

Kaum ist er draußen, stehe ich auf und werfe die Tür hinter ihm zu, schiebe den Riegel vor. Als er draußen an meinem Fenster vorbei geht, lacht er immer noch.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass wir in einem Dorf lagern. Zu gefährlich. Mangelnde Sesshaftigkeit ist unsere Stärke – und unsere Schwäche. »Unsere«, bei den Sieben Finsterhexen, jetzt sehe ich mich schon als eine von ihnen an! Aber egal, ob mir das passt oder nicht, mitgefangen, mitgehangen. Auf jeden Fall genieße ich den zusätzlichen Luxus, den mir diese Hütte hier bietet: Ein richtiges Bett. Ein ganzer, warmer Raum, und das Tag und Nacht. Eine Tür, die ich hinter mir zuknallen kann. Ein bisschen riecht es nach alter Frau hier drin, steht ja nicht umsonst leer das Ding. Aber ich habe es für Kolja und mich allein. Alle anderen sind bei den Dorfbewohnern untergebracht.

Schreiben – Göttin, ist es das, wozu ich auf dieser Welt bin? Hier dumm rumzusitzen und zuzuschauen, wie mein Hintern immer breiter wird, während all die anderen da draußen für ihre Überzeugung kämpfen? Ich könnte nur noch gegen Männer antreten und müsste dafür zu Waffen greifen. Mit dem Messer kann ich ganz gut. Nicht so gut wie Mirja, aber … Und mit einem Schwert? Werde ich wohl nie so gut wie Glenna. Tot, sie sind alle tot, und ich lebe noch, zwar ohne Magie, aber dafür voller Selbstmitleid, bei den Sieben Finsterhexen! Ich sitze hier und gehe mir selbst auf die Nerven. Kein Wunder, dass keine zu uns ins Haus wollte. Das Einzige, worauf ich mich derzeit freue, ist, dass es sicher nicht mehr allzu lange dauern wird, bis Kolja eine Frau mit nach Hause bringt. Die kann ich dann … Aber nein, natürlich nicht, ich bleibe brav. Das würde ich ihm nie antun. Er ist immer noch viel zu ernst für sein Alter. Ist ganz schön erwachsen geworden, während er in Annaburg war. Er braucht mich nicht mehr lange. Dann ist das auch wieder vorbei.

Verdammt.

Ich muss mir etwas Neues suchen.

Es klopft.

»Ja, bitte?«

Marzena kommt herein. Adrians Gefährtin und ich waren sehr lange sehr gut befreundet. Nun sind wir … immer noch Freundinnen. Aber ich kann nicht leugnen, dass es mir einen kleinen Stich gibt, wenn ich die beiden zusammen sehe. Was natürlich völliger Blödsinn ist.

»Hallo, komm rein. Was kann ich für dich tun?«

Marzena deutet auf den freien Stuhl neben mir.

»Darf ich?«

»Ja, klar!«

Sie setzt sich hin, steht aber sofort wieder auf und dreht den Stuhl so, dass wir einander schräg gegenübersitzen. Einmal Gardistin, immer Gardistin: Sie hat etwas mit mir zu besprechen.

Die Ereignisse der letzten Jahre haben ihre Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Auf ihrer Stirn zeichnen sich Falten ab, die vorher noch nicht da waren. Oder doch? Ich kann mich nicht erinnern, mir je Zeit genommen zu haben, meine Freundinnen eingehender zu betrachten. Sie waren immer da, verdammt, und mehr war nicht wichtig.

Marzena wendet den Kopf ab und starrt in das Kaminfeuer.

»Willst du etwas trinken? Ich weiß allerdings nicht, ob wir was hier haben.«

Sie lächelt, ohne mich anzuschauen.

»Als Gastgeberin taugst du echt nicht.«

»Sehe ich aus wie ein Hausväterchen?«

»Nee. Sag ich ja.«

Jetzt sieht sie mich an und ich sehe den Schalk in ihren Augen. Marzena ist – im Gegensatz zu mir – eigentlich immer gut gelaunt. Sie hat auch mal schlechte Tage, klar, doch sie hat diese optimistische Grundeinstellung: Hey, das Leben macht Spaß!

Das habe ich immer schon an ihr geliebt – und kann es Adrian nicht verübeln, dass es ihm genau so geht.

»Helena, wir müssen reden.«

Ja, da ist sie, die ernste Marzena.

»Dann mal los. Was gibt es?«

Sie mustert mich aus ruhigen, freundlichen Augen.

»Hand aufs Herz, Helena, nervt es dich, dass Adrian und ich zusammen sind?«

»Nein.« Aber ihre Frage nervt mich. »Adrian und ich sind nie zusammen gewesen. Ein Kuss, und da war ich hackendicht. Nicht, dass ich ihn sonst nicht geküsst hätte, aber … Egal. Wir waren nie ein Paar, ihr dagegen seid eins, Fall erledigt.«

»Gut.« Marzena nickt, doch ich höre ihr an, dass sie ihre Zweifel hat.

»Und jetzt du Hand aufs Herz!« Ich grinse extra breit. »Nervt es dich, dass Adrian mit mir zusammen sein wollte und ich ihn weggeschickt habe?«

»Nein.« Marzena verdreht die Augen und schnauft. »Nicht im Geringsten. Ich meine, damals kannten wir uns ja kaum. Es ist ja auch nicht so, dass ich die Zweitbesetzung oder sowas wäre, also … «

Sie zuckt mit den Schultern. Das reicht: Ich lache los.

Marzena zuckt kurz und fällt dann in mein Lachen ein.

»So viel also dazu«, erkläre ich, nachdem ich mich beruhigt habe.

Meine Freundin nickt.

»Ich fasse dann mal zusammen: Klar nervt es dich, dass wir zusammen sind. Nicht, dass du noch in ihn verknallt wärst. Aber ab und zu fragst du dich sicher, was gewesen wäre, wenn du damals Ja zu ihm gesagt hättest.«

»Und dir«, erkläre ich, »wäre es tausendmal lieber, wenn zwischen uns nie etwas gewesen wäre. Du weißt, dass er dich liebt, aber ab und zu fragst du dich sicher, ob du doch nur … «

Verlegen breche ich ab. Es ist nicht nötig, alles auszusprechen.

Marzena zuckt mit den Schultern und für einen Moment kann ich Schmerz in ihren Augen sehen. Dann wischt sie ihn jedoch beiseite und lächelt wieder, ganz so, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht. Bei den Sieben Finsterhexen, wie gut, dass nicht jede so eine alte Grantlerin ist wie ich!

»Nachdem wir das nun geklärt haben, muss ich dir etwas sagen.«

»Aha? Jetzt bin ich neugierig. Andererseits war das für meinen Geschmack schon recht viel an Enthüllungen«, ich schüttele den Kopf, »du könntest mich ruhig in der nächsten Zeit damit verschonen. Oder besser gleich für den Rest meines Lebens. Können wir nicht einfach übers Wetter plaudern?«

»Das könnten wir tun«, lautet ihre ruhige Antwort, »aber aus diversen Gründen halte ich es für ratsam, dich vorzuwarnen.«

»Mich vorzuwarnen?« Mit einem Schlag ist mein Kopf leer. Und doch nicht: Nebelschwaden verdicken sich darin, trüben mir die Sicht und greifen kalt nach meinem Herzen. Früher, als ich noch Eismagie hatte, hat mich das immer getröstet und mir geholfen, die Fassung zu bewahren. Ohne Magie ist der Effekt von Kälte – sei sie nun echt oder eingebildet – nichtmal annähernd so gut. Vielmehr kleistert sie mir den Mund zu, verlangsamt meine Bewegungen, mein Denken.

»Mich vorzuwarnen?«, wiederhole ich krächzend. »Wieso?« In meinen Ohren rauscht es. »Ihr wollt doch nicht weggehen oder sowas, oder?« Göttin, das könnte ich nicht ertragen, nicht noch eine Veränderung!


Kapitel 2

»Aber nein.« Sie lächelt. »Im doppelten Gegenteil.«

»Was ist denn bitte das doppelte Gegenteil von nicht weggehen?«

Marzena lächelt schief, holt tief Luft, strafft ihre Schultern.

»Meine Magie hat sich nicht erneuert.«

»Und?« Die Göttin weiß, wieso, aber es ist, als könnte ich auf mich selbst schauen, wie ich Marzena anglotze, die Augen fragend aufgerissen, den Mund offen stehend, während es in meinem Kopf rattert und rattert. Ich habe wirklich schonmal intelligenter ausgesehen.

»Du bist 31 Jahre alt, also … noch etwas früh für das Ende deiner Magiejahre.«

»Das denke ich auch.«

»Bist du krank? Brauchst du eine Ärztin?«

»Nein und ja, Helena.«

»Also … « Ich fühle mich unschlüssig. »Könnte das vielleicht noch mit damals zu tun haben, mit der Magiesperre, die die Gardistinnen in Annaburg in dich gelegt haben?«

»Helena … «

»Ich meine, du hast ja nie den Schlüssel dafür bekommen oder so. Ja ich weiß, du sagst, die Sperre wäre während der nächsten Magieerneuerung einfach abgefallen. Aber wer weiß, ob das nicht doch jetzt irgendeine Langzeitnebenwirkung ist?«

»Ach Helena.« Marzena schüttelt den Kopf, in ihren Augen mischen sich Belustigung und Sorge.

Ich stehe auf. Muss mich bewegen. Gehe im Zimmer hin und her. Starre erst in die Flammen, dann aus dem Fenster. Irgendwo da draußen ist Adrian, sicher damit beschäftigt, irgendwelche Pläne zu schmieden, irgendwem Feuer unterm Hintern zu machen, irgendwo bei irgendetwas mit anzupacken.

»Mein Adrian«, durchzuckt es kurz und vollkommen schwachsinnig meine Gedanken. Er war nie mein Adrian. Er hätte meiner werden können, aber das ist längst vorbei. Dennoch, wie ich mir gnadenlos eingestehen muss, hatte ich immer das Gefühl, dass ich mir ihn – trotz Marzena – immer noch hätte nehmen können, wenn ich nur gewollt hätte. Diese Einsicht ist schmerzhaft und so gar nicht schmeichelhaft. Marzena ist meine Freundin und hat es nicht verdient, dass ich so fühle. Aber sie muss es ja nie erfahren. Oder weiß sie es schon?

Der Schmerz hat sich angeschlichen und stößt jetzt mit aller Brutalität zu. Fährt mir direkt ins Herz und ich flehe die Göttin an, mir wieder Eis zu schicken. Ich kann das nicht ertragen!

»Helena?«

Komm schon, Helena, reiß dich zusammen! Bring das hier hinter dich und lass Marzena gehen. Danach kannst du von mir aus wie ein kleiner Junge rum heulen!

Ich drehe mich zu ihr um und bemühe mich, so etwas wie ein Lächeln zustande zu bringen. Ich weiß nicht, warum ich ihr unbedingt etwas vormachen will. Bei den Sieben Finsterhexen, wir waren gemeinsam in der Ostgarde, haben Blut vergossen und um gefallene Schwestern getrauert. Haben um unser eigenes Leben gefürchtet und allen Unbilden getrotzt. Als mich die Umstände auf die falsche Seite des Lebens katapultiert hatten, kam sie und kämpfte an meiner Seite. Riskierte alles für Menschen, die sie nicht kannte, die, im Gegenteil, für sie Verräterinnen waren. Und das alles nur aus Freundschaft zu mir. Ich muss ihr nichts vormachen, denn so sehr ich mich auch dagegen sperre: sie kennt mich. Sie hat mich längst durchschaut und weiß, wie ich mich fühle. Deshalb ist sie hier, vermutlich war sie noch nicht einmal bei Adrian, das wäre genau ihre Art.

Und wie es ebenfalls ihre Art ist, zieht sie sich angesichts meines Zustandes taktvoll zurück.

»Ich muss jetzt mal wieder los, Helena. Wir sehen uns ja sicher später.«

Es ist verführerisch, dass sie es mir so einfach macht. Doch bei meiner Ehre, ich kann sie so nicht gehen lassen.

»Marzena?«

»Ja?« Ihr Lächeln, als sie sich in der bereits offenen Tür zu mir umdreht, ist voll aufrichtiger Freude.

»Herzlichen Glückwunsch!«

Sie legt eine Hand auf ihren Unterbauch.

»Danke.«

Marzena ist schwanger. Adrian hat ihr also ein Kind geschenkt und sie werden eine Familie sein. Eine Familie, von der er schon immer geträumt hat. Damals mit Mirja wollte er kein Kind, das Leben eines Rebellen auf der Flucht verträgt sich nicht mit einem Säugling. Das hatte er damals gesagt, ruhig und vernünftig, natürlich. Dabei hatte er seinen Schmerz darüber nicht vor mir verborgen. Überhaupt ist Adrian immer so offen zu mir, dass ich nicht begreifen kann, wieso ihn das nicht verletzlich macht.

Ich stehe mitten im Raum und weiß nicht so recht, wohin mit mir. Ich könnte wahlweise in den Kamin oder aus dem Fenster starren, doch würde das meiner Stimmung ganz gewiss nicht gut tun. Trinken wäre eine Möglichkeit, wenn es Abend wäre. Nicht in einer Million Jahre würde ich es wagen, um diese Uhrzeit Apfelwein zu trinken; ich bin 32 Jahre alt, doch ein Teil von mir ist noch immer fest davon überzeugt, dass mein Vater das mitbekommen und mich tüchtig ausschimpfen würde. Ob das jemals aufhört?

Nichts hilft so gut gegen Kummer, wie sich zu beschäftigen. Nur womit? Ich habe ja keine Magie mehr, kann also nicht wirklich etwas Gescheites tun, obwohl, ha, ich könnte ja rausgehen und den Männern zur Hand gehen. Bei den Rebellinnen ist es sowieso einerlei, ob es sich um Männer- oder Frauenarbeit handelt: Viele Frauen benutzen ihre Magie nicht; es gibt ebenso magielose Fräulein wie solche, die die Erweckung ihrer Magie verweigert haben. Männer gelten Frauen als gleichgestellt und keine ist sich zu schade, zu kochen, zu waschen oder sonst wie niedere Arbeiten zu verrichten. Keine außer mir, sollte ich wohl sagen. Nur weil ich mehr oder weniger gezwungen bin, bei den Rebellinnen zu leben, muss ich ja nicht gleich die ganze Weltordnung auf den Kopf stellen!

Schlimm genug, dass ich mich mittlerweile an den Anblick gewöhnt habe, den die so wenig fügsamen Männer hier bieten: Die Köpfe hochmütig gereckt schreiten hier einige breitbeinig aus, lächeln nach hier und da, als seien sie die wahren Regentinnen der Welt. Unfassbar. Am schlimmsten von allen ist Gero. Ich muss nur seine Visage sehen und schon juckt es mich in den Fingern.

»Du gehst mir aus dem Weg«, befindet Adrian, als wir am Abend unser Lager aufschlagen.

Er hat recht: Seit mir Marzena vor nunmehr sechs Wochen von ihrer Schwangerschaft erzählt hat, habe ich den Anführer der Rebellinnen gemieden. Adrian war auch nach unserem Aufbruch aus »Sumpfeiche« regelmäßig zu Kolja und mir gekommen, um sich nach dem Befinden meines Sohnes zu erkundigen. Selbst dabei hatte ich es vermieden, ihn anzusehen und war häufig einfach unter irgendeinem Vorwand geflüchtet.

»Stimmt doch gar nicht!«

»Stimmt ja wohl!« Er grinst. »Und das weißt du auch. Also, was ist los?«

»Nichts!« Ich löse die Riemen meines Rucksacks und lasse ihn so galant wie möglich zu Boden. Was nicht viel bedeutet, das verflixte Ding ist nämlich ziemlich schwer.

»Verdammt, was hat der Junge alles eingepackt?«

»Jetzt lenk nicht ab, Helena.«

»Ich lenke nicht ab«, grummele ich halbherzig. »Aber im Gegensatz zu dir habe ich keine Lust, stundenlang in der Kälte rumzustehen. Ich würde es vorziehen, wenn sich heute Nacht zwischen der Mondin und mir eine kälteabwehrende Zeltplane befinden würde. Alles klar? Also wenn du schon meinst, hier rumstehen und plaudern zu wollen, kannst du mir genauso gut helfen!«

Zu meinem Verdruss zuckt Adrian mit den Schultern und ist wenige Augenblicke später dabei, die Zeltplane auszuschütteln.

»Na los, nimm die anderen beiden Enden!«

Es gibt nicht viele Dinge, die ihm die Laune verhageln. Insofern hätte die Göttin Marzena ruhig zu einem Mann schicken können, der ihre Frohnatur nötiger hat!

Ich seufze. Meine Grantelei nervt mich mittlerweile selbst.

»Ach, es ist das alles hier«, versuche ich, Adrian meine Gemütsverfassung zu erklären – ohne freilich zu viel zu verraten. »Erst hängen wir wochenlang in diesem Kaff fest. Jetzt sind wir endlich wieder unterwegs, aber ohne Ziel und Richtung. Oder habe ich da etwas verpasst?«

Ich werfe ihm einen prüfenden Blick zu, dem er standhält.

»Nein, leider. Ich warte noch auf Meldung von Ruben und ein paar anderen. So lange ich nicht weiß, wo genau sich die Südgarde befindet und welche Route der diesjährige untere Ausbildungszug nimmt … « Er zuckt mit den Schultern und schafft es gleichzeitig, sich hinzuknien und die ersten Zeltschlaufen mit Pflöcken am Boden zu befestigen.

Ich senke meine Stimme. »Wir sind länger als üblich in dem Dorf geblieben. Viel länger.«

Adrian passt seine Stimme der meinen an. »Du weißt, warum.«

»Ist es schon offiziell?«

Der Anführer steht auf. »Ja, wir haben es nach und nach allen erzählt.«

»Ist das klug?«

»Inwiefern?«

»Nun … « Göttin, wieso kann ich nicht einmal meine Klappe halten? »Na ja, du weißt schon … . Die ersten drei Monate … sind ja nun meist eher kritisch. Und wenn es dann schon alle wissen … «

»Es war Marzenas Entscheidung. Es passiert, was passiert. Aber ich denke, wir alle können dieser Tage ein bisschen Hoffnung gebrauchen.«

Ich hoffe für die beiden, dass die nicht enttäuscht werden wird.

»Aber zurück zu dir, meine Liebe!« Mist. »Warum gehst du mir aus dem Weg?«

»Das sagte ich doch schon.« Ich krabbele in das Zelt, um von innen die mittlere Stange zu befestigen. Als ich wieder herausgekrochen bin, steht Adrian noch immer da, die Arme verschränkt, und grinst mich an. Mir entgeht allerdings nicht, dass in seinen Augen weniger ein Lachen, als Sorge steht. Er macht sich ernsthafte Gedanken.

»Ich gehe dir nicht aus dem Weg. Nicht direkt wenigstens.« Ich breite die Arme aus. »Das alles hier hebt nicht gerade meine Laune. Ist einfach so. Ich habe keine Magie mehr, ich bin unnütz. Halt« – ich hebe die Hand, um ihm zu bedeuten, dass er mich ja nicht unterbrechen soll – »Ich bin für meine Verhältnisse einfach verdammt untätig. Das nervt mich. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie ich das ändern soll.«

»Du bist also mit deinem Leben unzufrieden?«

Ich zucke mit den Schultern. »Scheint so.«

»Und wenn du wieder unterrichten würdest? Es gibt hier genug Leute, die sich gern von dir im körperlichen Kampf helfen lassen würden.«

»Ja klar«, spotte ich, »und mit Gero fange ich an. Wer weiß, vielleicht können wir danach ja noch eine Runde kuscheln.«

Adrian bleckt die Zähne. »Deinen Biss hast du nicht verloren, so viel steht fest. Komm schon, raus mit der Sprache, was spricht dagegen? Dass du damit indirekt helfen würdest, deine ehemaligen Gardeschwestern zu bekämpfen?«

Es nervt, wie gut er mich kennt.

»Mmh.«

»Na schön. Aber Kolja unterrichtest du doch!«

»Ja, wenn du ihn nicht gerade mit irgendeiner Aufgabe von mir fern hältst!«

Der Anführer lacht schallend. »Ach Helena! Als ob irgendetwas auf der Göttin Erdboden deinen Sohn von dir fernhalten könnte! Aber dein Selbstmitleid ist köstlich, zugegeben, das ist bei dir mal echt was Neues!«

Wenn der wüsste …

»Wenn du mit der Situation unzufrieden bist, dann ändere was.«

»Ach ja, und was?«

Er schüttelt den Kopf. »Das musst du schon selbst wissen. Es ist ja nicht so, als würde dich eine zwingen, hier zu sein. Du wolltest zu uns zurückkommen.«

»Ja. Weil ich ehrlich gesagt gedacht hatte, dass es ein bisschen aufregender wäre.«

»Aufregender?«

»Du weißt, was ich meine. Kolja hat bewiesen, dass auch ein Mann Magie mit Hilfe von Speichersteinen anwenden kann. Aber ihr macht nichts draus!«

Er schaut mir ernst in die Augen. Noch immer halte ich in ihnen nach den Funken Ausschau, die einst darin tanzten. Ich sollte das nicht mehr tun.

»Wir sind dabei, Helena. Vertrau mir. Aber du kennst mich: Ich werde kein Blutvergießen beginnen, wenn ich es verhindern kann!«

Ja, das weiß ich und ja, ich vertraue dir. Doch reicht das, um den Rest meines Lebens hinter dir her zu marschieren?

Ich spreche den Gedanken nicht aus. Doch vergessen kann ich ihn auch nicht.

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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
12 November 2024
Umfang:
503 S. 6 Illustrationen
ISBN:
9783862827909
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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