Buch lesen: "Normatives Management und strategische Entwicklung"

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Health Care- und Krankenhaus-Management

Begründet von Udo Janßen, Axel Olaf Kern, Clarissa Kurscheid, Thomas Schlegel, Birgit Vosseler und Winfried Zapp

Herausgegeben von Clarissa Kurscheid, Julia Oswald und Winfried Zapp

Eine Übersicht der lieferbaren und angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter: https://shop.kohlhammer.de/hckm.html

Winfried Zapp Michael Wittland (Hrsg.)

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-023358-4

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040165-5

epub: ISBN 978-3-17-040166-2

Inhalt

1  Abkürzungsverzeichnis

2  Geleitwort zur Reihe

3  Verzeichnis der Herausgeber und Autoren

4  Vorwort

5  1 Präliminarien

6 Winfried Zapp und Michael Wittland

7  1.1 Begriff des Normativen

8  1.2 Begriff des Managements

9  1.3 Normative Ausrichtung des Managements

10  1.4 Beispiel: Magnet-Krankenhaus

11  2 Normative Orientierung

12 Peter Mayer

13  2.1 Spannweite der Begriffe Werte und Normen

14  2.2 Funktionen von Werten und Normen

15  2.3 Grundlagen von Werten und Normen

16  2.4 Überlegungen zur Beachtung von Werten und Normen

17  3 Managementethik im Gesundheitswesen: Das Spannungsfeld zwischen Gesellschaft, Institutionen und Personen

18  3.1 Perspektiven und Dimensionen ethischer Fragestellungen

19 Peter Mayer

20  3.2 Gesellschaftliche Spannungsfelder – Ökonomisches Handeln im Kontext dezentraler Regelungsmechanismen

21 Peter Mayer

22  3.2.1 Ein theoretischer Blick auf die Kernaussagen zur Lösung wirtschaftsethischer Probleme in einem komplexen System

23  3.2.2 Der wirtschaftsethische Gesamtblick auf das Gesundheitswesen – Ansatzpunkte für ethisches Handeln

24  3.3 Institutionsbezogene Spannungsfelder

25  3.3.1 Wert- und Werte-Orientierung

26 Winfried Zapp

27  3.3.2 Corporate Social Responsibility

28 Winfried Zapp

29  3.3.3 Health Professionals und Patientenorientierung

30 Michael Wittland

31  3.3.4 Corporate Governance

32 Michael Wittland

33  3.4 Personenbezogene Spannungsfelder

34 Michael Wittland

35  3.4.1 Individuelle Werte als Ausgangsbasis

36  3.4.2 Ziele als handlungsleitende Motive

37  3.4.3 Diversität als Chance und Herausforderung

38  3.4.4 Unternehmungen als Spiegelbild der oberen Ränge

39  3.4.5 Autonomie und Autorität als wechselnde Pole

40  3.4.6 Normatives Management als Identitätsstifter

41  4 Normatives Management

42 Michael Wittland

43  4.1 Unternehmungsverfassung: Gesellschaftlich-politischer Auftrag und rechtlicher Rahmen

44  4.2 Unternehmungspolitik: Aktives Management auf der normativen Ebene: Vision, Mission, Leitbild

45  4.3 Unternehmungskultur: Gewachsene Normen in einer Professional Organization

46  5 Strategische Entwicklung

47  5.1 Perspektiven des Begriffs

48 Helge K. Schumacher

49  5.2 Außen- und Innenperspektive: Analyse der Unternehmung in der Umwelt

50 Helge K. Schumacher

51  5.2.1 Außenperspektive: Umwelt

52  5.2.2 Innenperspektive: Selbstthematisierung der Unternehmung

53  5.2.3 Zusammenführung: SWOT- und Portfolio-Analyse

54  5.3.4 Resümee

55  5.3 Systemperspektive: Geokodierung

56 Winfried Zapp

57  5.3.1 Begriffsdefinitionen

58  5.3.2 Anwendungsorientierung

59  5.3.3 Resümee

60  5.4 Erfolgsperspektive: Data-Envelopment-Analysis (DEA)

61 Winfried Zapp

62  5.4.1 Herleitung von Erfolgsperspektiven

63  5.4.2 Ausprägungen von Effizienz-Konzeptionen

64  5.4.3 Vorgehensweise

65  5.4.4 Resümee

66  5.5 Werteperspektive: Immaterielle Werte

67 Winfried Zapp

68  5.5.1 Begriffsdefinition

69  5.5.2 Strukturierung immaterieller Werte

70  5.5.3 Elemente und Anforderungen immaterieller Werte

71  5.5.4 Ausgewählte Bewertungskonzeptionen für immaterielle Werte

72  5.5.5 Skandia Navigator

73  5.5.6 Resümee

74  6 Normative Gestaltung und strategische Entwicklung: Was folgt?

75 Winfried Zapp

76  Stichwortverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis


AGGAllgemeines Gleichbehandlungsgesetz
AktGAktiengesetz
AWOArbeiterwohlfahrt
BMWiBundesministerium für Wirtschaft und Technologie
CMICase Mix Index
CSRCorporate Social Responsibility
DCGKDeutscher Corporate Governance Kodex
DEAData-Envelopment-Analysis
DINDeutsches Institut für Normung e.V.
DRGDiagnosis Related Groups
DVKCDeutscher Verein für Krankenhaus-Controlling e.V.
E-AkteElektronische Akte
EBITDAEarnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization
EDVElektronische Datenverarbeitung
EUEuropäische Union
EVAEconomic Value Added
GUSGemeinschaft Unabhängiger Staaten
HGBHandelsgesetzbuch
HWWIHamburgisches WeltWirtschaftsInstitut
ICDInternational Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems
ICNInternational Council of Nurses
ISOInternational Standards Organization
KHEntgGKrankenhausentgeltgesetz
MBAMaster of Business Administration
MVZMedizinisches Versorgungszentren
OPOperation
PESTPolitical, Economic, Social, Technological
PPRPflegepersonal-Regelung
PRPublic Relations
SGBSozialgesetzbuch
SWOTStrength, Weaknesses, Opportunities, Threats
UKEUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
VRINValuable, Rare, Imperfectly Imitable, Non-substitutable
VRIOValuable, Rare, Inimitable, Organized

Geleitwort zur Reihe

In der dynamisch wachsenden und zunehmend komplexer werdenden Gesundheitswirtschaft ist in den letzten Jahren der Bedarf stark gestiegen, Management bezogenes theoretisches Wissen und praxisrelevantes Know-how zu beherrschen und zu vermitteln. Dieser Bedarf spiegelt sich u.a. in zahlreichen neuen Hochschulstudiengängen und vielfältigen Angeboten der beruflichen Fort- und Weiterbildung wider.

Die Reihe »Health Care- und Krankenhaus-Management«, die auf den Curricula einschlägiger Hochschulen und wichtiger Fortbildungseinrichtungen aufbaut, setzt hier an. Inhaltlich und didaktisch systematisch angelegt, erhebt sie den Anspruch, das breite Themenfeld weitgehend vollständig abzudecken.

Die in 14 Bänden modular aufgebaute Reihe möchte allen Studierenden und Dozenten der auf das Management in der Gesundheitswirtschaft bezogenen Studiengänge, Berufstätigen in Fort- und Weiterbildung aus Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen des Gesundheitswesens und insbesondere (zukünftigen) Führungskräften und leitenden Mitarbeitern aus Ärztlichem Dienst, Medizin-Controlling, Pflegedienst, Marketing und Verwaltung ein hilfreiches Werkzeug für Studium und professionelle Praxis sein.

Die Herausgeberinnen und Herausgeber:

Clarissa Kurscheid, Julia Oswald und Winfried Zapp

Verzeichnis der Herausgeber und Autoren
Herausgeber


Winfried Zapp, Prof. Dr. rer. pol., Dipl.-Ökonom

Studium der Wirtschaftswissenschaften; Dipl. Ökonom; Wissenschaftlicher Mitarbeiter; Promotion zum Dr. rer. pol.; Assistent des Verwaltungsleiters in einem Evangelischen Krankenhaus, gleichzeitig Traineeprogramm für Führungsnachwuchskräfte des Berufsbildungswerks Deutscher Krankenhäuser (BBDK); Krankenhausbetriebsleiter und in Personalunion Finanzleiter in einer Komplexeinrichtung; Professor an der Hochschule Osnabrück bis 2019 mit dem Lehrgebieten Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Rechnungswesen und Controlling in Gesundheitseinrichtungen. Forschungsschwerpunkte: Internes Rechnungswesen (KLEE-Rechnung), Prozessmanagement, Controlling. Seine Schwerpunkte liegen jetzt auf Controllingkonzeptionen und Ethik.


Michael Wittland, Prof. Dr. rer. pol., Dipl.-Kaufmann

Studium der Betriebswirtschaftslehre; Dipl.-Kaufmann; Assistent der Geschäftsführung eines Evangelischen Altenhilfeträgers; Wissenschaftlicher Mitarbeiter; Promotion zum Dr. rer. pol.; Akademischer Rat an der Universität zu Köln; seit 2016 Professor an der Hochschule Hannover mit dem Lehrgebiet Management im Gesundheitswesen; Schwerpunkte in der Lehre: Gestaltungsfelder der Betriebswirtschaftslehre, Managementmodelle, Gesundheitspolitik, Innovative Versorgungskonzepte, Finanzierung, Rechnungswesen, Controlling, Forschungsmethoden; Forschungsschwerpunkte: Zusammenhänge zwischen Management und Qualität und Wirtschaftlichkeit in Gesundheitseinrichtungen, u.a. Corporate Governance und Controllingkonzeptionen.

Autoren


Peter Mayer, Prof. Dr. rer. pol. Dipl. Kaufmann

Studium der Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt und Milwaukee; Wissenschaftlicher Mitarbeiter; Promotion zum Dr. rer. pol.. Referent für Wirtschaftsförderungsprojekte im südlichen Afrika, Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ghana und in Südkorea. Professor an der Hochschule Osnabrück seit 2001; Dekan und Vize-Präsident an der Hochschule Osnabrück von 2003 bis 2007. Leiter eines Trainingsprogramms für Dekaninnen und Dekane aus Afrika und Asien seit 2007. Schwerpunkte in der Lehre: Europäische Integration, weltwirtschaftliche Fragen, Wirtschaftsethik. Forschungsschwerpunkte: Europäische Integration, Hochschulmanagement, Wirtschaftsethik.


Helge Knut Schumacher, Prof. Dr. PH, Dipl. Ökonom

Ausbildung zum Bankkaufmann; Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover; Wissenschaftlicher Mitarbeiter der AG5 Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät, Universität Bielefeld, Lehr/Forschungsschwerpunkte: innovative, integrierte, sektorübergreifende Versorgung, Honorierung im Gesundheitsmarkt (amb/stat/Pharma), Projektmanagement; Market Access Manager im Bereich der Ophthalmologie und Hämatologie, Berlin, München von 2010 bis 2013; Geschäftsführer des UniversitätsKrebszentrums Göttingen (G-CCC); Leiter des Referats der Geschäftsführung DIAKOVERE Krankenhaus gGmbH, Hannover, 2013 bis 2018; seit 2018 Projektmanager für ein biopharmazeutisches Unternehmen in der Onkologie, seit 2016 Professor an der Apollon Hochschule in TZ. Modulverantwortung für die ABWL.

Vorwort

Der Begriff Normativ ist zwar bekannt in der betriebswirtschaftlichen Literatur, er ist aber in seiner Dimension und in seiner Bedeutung bisher vernachlässigt worden. Deshalb ist es notwendig, sich damit auseinanderzusetzen und die Spannweite des Begriffs herauszuarbeiten. Mit dem Begriff »Normatives Management« ist weitgehend das St. Gallener Management-Modell verbunden. Der Begriff Normativ wird festgemacht an Grundsätzlichem und Bedeutendem und kann so wichtige Impulse für betriebswirtschaftliche Entscheidungen und daraus abzuleitende Handlungen geben. Die Spannweite des Begriffs wird durch Normen, Regeln oder Gesetzmäßigkeiten umschrieben und kann damit in der Vorstellung oft ein Gefühl von Enge, von Starre oder von Unangepasstsein erzeugen. Normatives Handeln ist aber auch und vor allem als ein Synonym für Stabilität und Orientierung zu verstehen. Ein Management richtet so seine Möglichkeiten, Chancen und Herausforderungen an normativen Überzeugungen aus und orientiert sich an grundsätzlichen und bedeutenden Prioritäten, die vor allem auf einer breiten Grundlage einer Ethik fußen, um ökonomisch in sozialer Verantwortung zu handeln.

Was also schwingt alles mit bei den Begriffen um das Normative und was ist mit den Begriffen wie Normen, Gesetzmäßigkeiten, Tugenden oder Ethik und Moral gemeint und wie sind die Inhalte hinter den Begriffen voneinander abzugrenzen? Neben einer Analyse der Spannweite der Begriffsbestimmung sind auch die Beziehungen zur Betriebswirtschaftslehre und dem Management in ihren unterschiedlichen Facetten zu beschreiben, zu erfassen und herauszuarbeiten.

Da das Management weitgehend mit Gestalten, Lenken und Entwickeln umschrieben werden kann, sind Instrumente zu entwickeln und zu konzipieren, die helfen, eine normative Ausrichtung zu erreichen und Handlungsempfehlungen auszusprechen. Die Ausgangslage für diese Betrachtungsebene sind Gesundheitseinrichtungen. Sie sind in besonderer Weise normativ ausgerichtet, durch die Ausrichtung auf die Pflege, Heilung, Linderung, Unterstützung von kranken, geschwächten, pflegebedürftigen Menschen. Dem ökonomischen Handeln kommt im Gesundheitsbereich dennoch eine besondere Beachtung zu, weil die Ressourcen grundsätzlich begrenzt sind und Veränderungen in der Umwelt sowie die Zukunftsperspektiven zu beachten sind: Wie ändern sich die demografischen Daten (mehr Singlehaushalte, höhere Sterblichkeitsalter, Zunahme von Demenz u.ä.),wie entwickelt sich die medizinische Forschung und vieles andere mehr?

Der normativen Ausrichtung kommt besondere Bedeutung zu. Es ist wichtig, sie sich immer wieder bewusst zu machen, damit man nicht Vordergründigem zu schnell und intensiv vertraut. Das Zitat »Regelmäßiger Unsinn hat normative Kraft« geht auf Eugen Bleuler zurück (1857 – 1939, Schweizer Psychiater) und zeigt die Gefahren auf, wenn nicht differenziert analysiert, diskutiert und reflektiert wird.

Die Bedeutung des Wichtigen hat Albert Einstein schon hervorgehoben mit seinem Zitat: »Gib das, was dir wichtig ist, niemals auf, nur weil es nicht einfach ist« (1879 – 1955, Physiker). Die Wichtigkeit von Entscheidungen und die besondere Bedeutung ökonomisch-sozialen Handelns sind immer wieder herauszuarbeiten, zu beachten und umzusetzen.

Dem Leser wünschen die Autoren dieses Bandes in der Reihe »Health Care- und Krankenhaus-Management« hilfreiche Anregungen, Mut zur Umsetzung, sowie das Gespür und die Fähigkeit, dem Wichtigen nachzugehen. Das Management kann so eine aktive normative Gestaltung übernehmen, die insbesondere für Gesundheitseinrichtungen von besonderer Bedeutung ist.

Die Autoren danken Herrn Dr. Ruprecht Poensgen vom Kohlhammer-Verlag, der die Initiative zu dieser Buchreihe gegeben hat, und Frau Sabrina Bressel und Frau Anne Borgböhmer für ihre hilfreiche, geduldige Unterstützung und für die kompetente Gestaltung der einzelnen Beiträge.


Winfried Zapp, Michael WittlandOsnabrück, Hannover im August 2021

1 Präliminarien
Winfried Zapp und Michael Wittland

In diesem Band wird das Normative Management in den Mittelpunkt gestellt mit seinen beiden Dimensionen: Normativ und Management. Diese beiden Brennpunkte einer Ellipse sollen analysiert und in Handlungsmuster überführt werden.

Dazu soll in diesem einleitenden Abschnitt ein Überblick über die Vorgehensweise und den Aufbau eines Normativen Managements gegeben werden.

1.1 Begriff des Normativen

Was ist nun das Bedeutende und Besondere am Begriff des Normativen?

Die Normative Ausrichtung zeigt sich zunächst in einer doppelten zweifachen Dimension:

(1) Die Zeit versagt, da

(1a) Zeit und Raum zusammenschrumpfen

(1b) Zeit und Bedeutung nicht zu trennen sind

(2) Die Strategie versagt, weil

(2a) Normative Sichtweise und Empirie zu trennen sind

(2b) Normativ fordert Ethik

Ad (1) Die Zeit versagt

(1a) Zeit und Raum schrumpfen zusammen

Immanuel Kant wies auf die Raum-Zeit Problematik hin (Kant 1781). Übertragen heißt das, dass es keine Betriebswirtschaftslehre an sich gibt. Das Management findet statt im Hier und Jetzt! Die Umsetzung des Wirtschaftlichkeitsprinzips kann nur mit dem Vorfindbaren und dem Gegebenen erfolgen. Veränderungsstrategien und Entwicklung von Modellen schließen das nicht aus, aber die Gedankenexperimente müssen immer anwendungsorientiert bleiben, frei von abgehobenen, unrealistischen Denkstrukturen.

Micheal Foucault hat den Zusammenhang und das Zusammenrücken von Raum und Zeit weitergedacht, hervorgehoben und ausgearbeitet (Foucault 1967).

Während vor 100 Jahren Wilhelm Busch von Wiedensahl nach Stadthagen mit der Kutsche vermutlich 45 Minuten fahren musste, um dort mit Freunden ein Bier oder einen Kaffee im Ratskeller zu trinken oder mit seinem Verleger zu verhandeln, so können wir heute diese Strecke in 15 Minuten mit dem Auto bewältigen. Wir könnten mit dem Verleger heute direkt mit dem Smartphone, per Skype oder anderen Kommunikationsmitteln schneller kommunizieren.

Dennoch kursieren in vielen Teilen der Betriebswirtschaftslehre weiterhin die Kategorien »Operativ – Taktisch – Strategisch«, meistens mit Zeitangaben von einem bis zehn Jahren. Diese Denkstrukturen müssen aufgebrochen werden, will man mit der schnelllebigen Zeit mithalten.

Operatives und Strategisches Handeln wachsen viel schneller zusammen, als manche glauben wollen. Sie bedingen einander. Die Auswahl eines neuen Chefarztes mag langfristig vorbereitet sein, kurzfristig werden Anpassungsentscheidungen notwendig sein, da mit Dienstantritt des neuen Chefs vermutlich das OP-Programm Veränderungen erfahren wird. Man kann das künstlich in Strategisch und Operativ unterscheiden, damit werden Trennlinien geschaffen, die aber nicht dienlich sind.

Operatives und strategisches Denken sind zusammen zu betrachten und sind zu ergänzen um das Normative!

(1b) Zeit und Bedeutung lassen sich nicht trennen.

In den 70er Jahren haben manche Professoren in der Betriebswirtschaftslehre darauf hingewiesen, dass nicht nur die Zeit entscheidend ist, sondern auch die Bedeutung unternehmerischer Entscheidungen. Wir können deshalb nicht alles über die Zeiträume abhandeln. Die Bedeutung gerät in den Fokus, diese nimmt Einfluss auf die Entscheidungen. Grundsätzlich ausgedrückt: Es muss sichergestellt werden, dass Gesundheitseinrichtungen (Krankenhaus, Altenheim, ambulante Dienste etc.) Problemlöser sind. Im Krankenhaus sollen Menschen mit ihren Krankheiten genesen und ihre Schmerzen gelindert werden; im Altenheim sind Menschen zu versorgen, die allein nicht mehr leben können oder wollen, ambulante Dienste versorgen Menschen vor Ort.

Das ist nur von der normativen Ausrichtung aus zu beantworten, nicht aus der Strategie heraus. Und so gibt das Normative die Klammer vor, die das Denken leitet, so dass Aufgaben zielorientiert erfüllt werden.

Jede operative Entscheidung ist strategisch angelegt und wirkt strategisch fort. Operativ und Strategisch rücken deshalb zusammen.

Das Normative als das Grundsätzliche und als die Vision der Unternehmung gewinnt an Kontur, im Sinne von »Was wollen und sollen wir tun«.

Dabei wird es um die Kernkompetenzen der jeweiligen Gesundheitseinrichtung gehen und um eine Rückbesinnung auf das Wesentliche und Normative (»Back to the roots«).

Die Zeitebene darf nicht zur Vernachlässigung der Bedeutung führen. In die gleiche Richtung zielt auch das Gresham’sche Gesetz der Planung, das von Sir Thomas Gresham (1519–1579) bezogen auf das Geld herausgearbeitet wurde:

Probleme geringerer Bedeutung, aber hoher Dringlichkeit verdrängen die Lösungssuche für Probleme mit hoher unternehmungspolitischer Bedeutung aber geringerer Dringlichkeit bei der Organisationsgestaltung.

Deshalb ist die Zeit betriebswirtschaftlich nicht mehr dominierend!

Erste Zusammenfassung:

Da die Zeit als Abgrenzungskriterium nicht mehr greift, ist die normative Ausrichtung so wichtig. Dem Normativen ist mehr Bedeutung beizumessen als einer strategischen Frage, wo wir in 10 oder 20 Jahren stehen.

Das Normative bestimmt die Strategie!

Das Normative umfasst die Unternehmungsverfassung, die Unternehmungspolitik und die Unternehmungskultur.

Knut Bleicher hat die Dreiteilung eingeführt und die normative, strategische und operative Perspektive herausgehoben (Bleicher 2011). Während die normative Perspektive die Unternehmungsverfassung, -politik und -kultur umfasst, wird die Strategie in der Literatur durch die Bereiche Struktur, Organisation und Programme umschrieben und das operative Geschehen erfolgt durch Prozesse, Handlungen und Aktionen ( Tab. 1.1).

Tab. 1.1: Normative, strategische und operative Perspektive


Diese Dreiteilung wird – treffen die obigen Aussagen und Analysen zu – zu einer Zweiteilung zusammenwachsen. Auf der einen Seite wird die Werteorientierung sein und auf der anderen Seite werden Gestaltung und Lenkung zusammenfallen ( Tab. 1.2).

Da die Kultur in den letzten Jahrzehnten sich differenzierter gestaltet (immer mehr Zusammenschlüsse, Diversität, Internationalität etc.), ist die Frage, wie diese unterschiedlichen Kultureinflüsse gestaltet werden sollen. Die Ethik in ihrer Differenzierung in gesellschaftliche, unternehmerische und individuelle Konzeptionen kann diese Funktion übernehmen, um eine Zusammenführung, Integration oder Begleitung unterschiedlicher kultureller Einstellungen zu erreichen. Die Ethik ist dabei handlungsorientiert zu verstehen und von der Moral klar abzugrenzen. Moral als das zu bezeichnen, was alle billig und rechtdenkenden Menschen tun, ist zu wenig, um reflektorischen und handlungsorientierten ethischen Ansprüchen und Denkmodellen zu genügen.

Deshalb ist Bildung und Wissen, Reflexion und internationaler Gedankenaustausch so wichtig.

Tab. 1.2: Werteorientierung und Gestaltung und Lenkung


Normative PerspektiveStruktur- und Handlungsebene

Ad (2) Die Strategie versagt

(2a) Normativ versus Empirie

Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU-Politiker, Bundestagspräsident a.D.) hat in einer Rede im Februar 2019 (100 Jahre Weimarer Republik mit dem Thema »Innovationen und Schwierigkeiten einer jungen deutschen Republik und Demokratie« am 08.02.2019) darauf hingewiesen:

»… Verfassungen … haben … normative Vorstellungen über die Gestaltung einer Gesellschaft …: Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Das ist ein normativer Satz!

»Empirisch ist dieser Satz geradezu paradox. Wollte unsere Verfassung erlebte Erfahrungen wiedergeben, müsste der erste Satz lauten: Die Würde des Menschen ist antastbar.«

Weiter formuliert er:

»Dieser Satz Die Würde des Menschen ist unantastbar gibt nicht einen empirisch gesicherten Sachverhalt wieder, sondern er leitet aus der genau gegenteiligen Erfahrung unserer Geschichte einen Geltungsanspruch her, der sich, wenn nötig, auch gegen die Wirklichkeit stemmen soll. Das ist zutiefst kulturell, religiös begründet und begründbar und ohne diesen Erfahrungszusammenhang nicht plausibel nachvollziehbar. Die Präambel unseres Grundgesetzes ist deshalb eine konstitutionelle Wegweisung, die ihre feierlich vorangestellten Leitgedanken ethisch begründet.«

Was heißt das: Die Bedeutung des Normativen steht vor der Empirie.

Aus der Empirie, die durchaus erhoben werden kann, lässt sich ein Sollen nicht ableiten. Ein Sollen muss begründet werden. Das haben David Hume (1711-1776) und andere herausgearbeitet.

Wie oft wurden doch Befragungen durchgeführt: An der Hochschule Osnabrück unter der Wissenschaftlichen Leitung von Prof Dr. Winfried Zapp mit einer Vollerhebung an niedersächsischen Kliniken oder beim Deutschen Verein für Krankenhaus-Controlling e.V. (DVKC) bundesweit, wie auch an vielen anderen Instituten. Die ersten Ergebnisse waren doch in den Studien erschreckend gleich:

Manche Krankenhäuser meinten eine Deckungsbeitragsrechnung zu haben, manche hatten dabei gleichzeitig geantwortet, über keine Kostenstellen oder keine Kostenartenrechnung zu verfügen. Aber eine Kostenartenrechnung ist Grundlage für alle anderen Rechnungen und wenn ein Krankenhaus darüber nicht verfügt, kann es auch eine Deckungsbeitragsrechnung nicht vorweisen können.

Nicht die Ergebnisse von Befragungen entscheiden, sondern die begründete Analyse ist entscheidend. Die Empirie versagt, wollten wir daraus ableiten, welches Rechnungssystem eingesetzt werden soll.

Das Management muss deshalb analysieren, begründen und entscheiden, ob eine Deckungsbeitragsrechnung oder Balanced Scorecard, ob eine Portfolio-Analyse oder Prozesskosten-Rechnung oder alles eingeführt und angewendet wird. Eine Befragung hilft da wenig, sondern die Normative Grundausrichtung und Vorgehensweise ist wesentlich: Eine Entscheidung muss begründet werden, vor dem Hintergrund, dass dadurch die Unternehmung optimal wirtschaftet! Und: Das Management muss dann die getroffene Entscheidung umsetzten – oder soll dann auch wieder eine Befragung durchgeführt werden?

Da aus der Empirie, die erhoben wurde, sich ein Sollen nicht ableiten lässt, muss ein Sollen begründet werden. Deshalb benötigen qualifizierte Ökonomen ethische Grundsätze.

Humes Formulierungen – auch als Sein-Sollen Problem dargestellt – weisen darauf hin, dass aus einem »Ist« kein »Sollen« abgeleitet oder begründet werden kann (Hume 2004). Eine ähnliche Ansicht – aber davon zu unterscheiden – ist der auf George Edward Moore (1873 – 1958) zurückgehende naturalistische Fehlschluss, der aus vorgefundenen und deskriptiv beschreibbaren Eigenschaften gute Eigenschaften ableitet (wie z.B. »Der Stärkere setzt sich durch«, Moore 1966, S.65). Humes Formulierungen vernachlässigen zunächst die Eigenschaft und Erfordernis des Guten, sondern bestreiten grundsätzlich eine Übertragung von einem vorgefundenen Ist auf ein zu forderndes Sollen (Hume 2004).

Die Realität und die Erfassung des Tatsächlichen werden nicht geleugnet, aber sie kann nicht aus diesem heraus zu einer Forderung erhoben werden, sondern muss begründet werden.

Die Erfassung der Wirklichkeit wird mit unterschiedlichen Verfahren, Methoden und Modellen untersucht: Die Bilanz strebt die Abbildungen tatsächlicher Gegebenheiten mit Bewertungen aus der Fachsprache des Rechnungswesens an. Diese Nomenklatur kann bei der Abbildung der Patienten- oder Mitarbeiterzufriedenheit nicht angewendet werden – hier sind andere Untersuchungsmethoden einzusetzen. Je nach Situation sind deshalb differenzierte wissenschaftstheoretische Instrumente zu wählen.

Durch die Abbildung der Realität wird das weitere Vorgehen nicht vorweggenommen. Bei Soll-Aussagen ist deshalb auf Erklärungen und Begründungen zu achten und diese sind zu hinterfragen. Neben der Erkenntnis des Ist und der Formulierung eines Sollens ist auch der Wille zum Handeln wesentlich. Erst durch ein Handeln – verstanden als Tun oder Unterlassen – werden die begründeten Soll-Aussagen umgesetzt.

Wenn im Folgenden von der Empire gesprochen wird, geht es darum, die Wirklichkeit mit unterschiedlichen Methoden zu erfassen, abzubilden und zu analysieren. Die normative Ausrichtung wiederum beschreibt eine Haltung, die das Sollen als Grundlage betont. Die Empirie kann somit helfen, zu erheben, inwieweit das Sollen auch im Ist erkennbar wird.

(2b) Normativ fordert Ethik

Die Rahmenbedingungen für ethische Handlungen und Haltungen müssen weiter erarbeitet werden, die dann von jedem einzelnen gelebt werden und zu unternehmerischem Handeln führen. Ethik sind die Begründungen und die Bildung von Kriterien für gutes und schlechtes Handeln; eine Aufstellung und Bewertung ethischer Motive und ethischer Folgen unter der Fragestellung »Was soll ich tun?« (Kant 2011).

Dazu ist eine Unternehmungsethik, aber auch eine Individualethik zu konzipieren. Horst Steinmann (2006) hat eine Konzeption erarbeitet ( Tab. 1.3), die stark am Konsens, am Frieden und auf der Argumentation und Begründung aufgebaut ist (vgl. auch Hans-Ulrich Küpper 2011). Diese Konzeption ist beeinflusst von Jürgen Habermas (Habermas 1983) und Karl-Otto Apel (Apel 2016).

Tab. 1.3: Dialogethik nach H. Steinmann (Quelle: in Anlehnung an Küpper 2011, S.145 ff., Hundeler 2019, S.41 ff.).


MerkmalInhalt

Die Normative Perspektive ist damit dreifach zu sehen:

1. Die Normative Perspektive stellt die Ausrichtung auf das Wesentliche, auf das Kerngeschäft und auf die Vision der Unternehmung ab.

2. Die Normative Ausrichtung versteht sich als Begründung und Erklärung betriebswirtschaftlichen Handelns.

Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
19 Dezember 2025
Umfang:
306 S. 61 Illustrationen
ISBN:
9783170401662
Rechteinhaber:
Bookwire
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