Buch lesen: "Standort Deutschland"

Denkanstöße
herausgegeben von Rainer Völker
Dieter Thomaschewski/Rainer Völker (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039327-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039328-8
epub: ISBN 978-3-17-039329-5
mobi: ISBN 978-3-17-039330-1
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Inhalt
1 Einführung und Überblick
2 Dieter Thomaschewski und Rainer Völker
3 I Wettbewerbsdynamik
4 1 »Staat-Up« für eine neue Gründerzeit
5 Nadine Schön
6 1.1 Mit politischen Reformen zu wirtschaftlichem Erfolg
7 1.2 Von der industriellen in die digitale Revolution – mit 4 Säulen
8 1.3 Kapital für das Start-up-Ökosytem
9 1.4 Konkrete Vorschläge für mehr Gründungsdynamik
10 1.5 Transfer exzellenter Forschung und Entwicklung in exzellente junge Unternehmen
11 1.6 Die Mitarbeiter stehen im Zentrum der neuen Gründerzeit
12 1.7 Ein Update im Unternehmensrecht macht Start-ups wettbewerbsfähiger
13 1.8 Mitarbeiterbeteiligung gezielt fördern – auch über das eigene Unternehmen hinaus
14 Literatur
15 2 Die Corona-Krise und ihre Folgen: Herausforderungen für deutsche Unternehmen
16 Dago Diedrich
17 2.1 Zukunftsfähigkeit: Innovative Geschäftsmodelle
18 2.2 Versorgungssicherheit: Lieferketten neu denken
19 2.3 Ob remote oder agil: Die resilientere Zukunft der Arbeit
20 2.4 Checkliste
21 2.5 Und wie wird die Welt für Unternehmen in den kommenden Jahren aussehen?
22 Literatur
23 3 China: Ansporn oder Bedrohung für die deutsche Wirtschaft?
24 Jörg Wuttke
25 3.1 Die Herausforderung durch China
26 3.2 Was Deutschland und China unterscheidet
27 3.3 Wie soll Europa dieser Herausforderung begegnen?
28 3.4 Der Green Deal und die europäische Wirtschaft
29 3.5 Digitalisierung
30 3.6 Sustainable Finance
31 3.7 Kapitalmarktunion
32 3.8 Venture Capital (VC)
33 3.9 Globale Herausforderungen
34 II Nachhaltigkeit
35 4 Nachhaltigkeit: Wie ein Leitbild zum Zukunftsimperativ für das Umsteuern bei Klima und Umwelt wird
36 Holger Glockner
37 4.1 Kontext
38 4.2 Vom Wissen und Reden zum Handeln
39 4.2.1 Voranschreitender Klimawandel
40 4.2.2 Übernutzung der Natur
41 4.2.3 Verlust der Biodiversität
42 4.3 Die Grundsatzfrage und der Zukunftsimperativ
43 4.4 Bitte wenden!
44 4.4.1 Energiewende
45 4.4.2 Mobilitätswende
46 4.4.3 Ernährungswende
47 4.4.4 Materialwende
48 4.5 Zeigen, dass es geht!
49 4.6 Schlussfolgerung: Vorausschauend denken, urteilen und handeln
50 Literatur
51 5 Innovation als Treiber für Klimaschutz: Die zentrale Rolle von Wirtschaft und Politik
52 Andreas Freytag und Matthias Menter
53 5.1 Einführung
54 5.2 Marktwirtschaftlicher Klimaschutz: Effizient und effektiv zugleich
55 5.3 Die deutsche Klimapolitik vor dem Hintergrund globaler Anstrengungen
56 5.4 Die Rolle der Unternehmen im globalen Kampf um das Klima
57 5.5 Schlussfolgerungen
58 Literatur
59 6 Klimaschutz als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der chemischen Industrie
60 Wolfgang Große Entrup
61 6.1 Nachhaltigkeit in der chemischen Industrie
62 6.2 Klimaschutz: Die Chemie als Verursacher und Lösungsgeber
63 6.3 Emissionsquellen aus der Chemie
64 6.4 Bisherige Erfolge und weitere Optimierungen
65 6.5 Transformation der Branche und Roadmap 2050
66 6.6 Voraussetzungen für eine treibhausgasneutrale Chemie
67 6.7 Branchenweites Engagement
68 7 Verkehrswende als Chance für den Standort Deutschland
69 Dirk Flege
70 7.1 In der Mobilität haben wir zu lange auf »Weiter so« gesetzt
71 7.2 Mobilität im tiefgreifenden Strukturwandel
72 7.3 Verkehrswende als Chance für den Standort Deutschland
73 7.4 Schiene als Innovationstreiber einer nachhaltigen Mobilität
74 7.5 Politik muss handeln
75 Literatur
76 8 Innovationen im Energiemarkt und daraus folgende Herausforderungen
77 Hans Heinrich Kleuker
78 8.1 Vorbemerkung
79 8.2 Erneuerbare Erzeugung und Übertragungsnetze
80 8.3 Speicherung
81 8.4 Verteilnetze und dezentrale Erzeugung
82 8.5 Kunden
83 III Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI)
84 9 Digitalisierung in Deutschland – Status quo und was zu tun ist
85 Interview mit Florian Roth
86 Literatur
87 10 Keine KI ist auch keine Lösung: Wie Deutschland sich gerade abhängen lässt und was wir dagegen tun sollten
88 Claudia Bünte
89 10.1 KI als Wachstumspotential
90 10.2 Deutsche KI-Defizite
91 10.3 Vorreiterländer bei KI
92 10.4 Deutschland ist nicht China – aber keine KI ist auch keine Lösung
93 Literatur
94 11 Unsere unbegründete Angst vor KI und warum wir uns dennoch sorgen sollten
95 Wolfgang Reuter
96 11.1 Wer werden alle sterben
97 11.2 Ist Siri intelligent?
98 11.3 Die Erde ist keine Kugel
99 11.4 Ein Blick in unsere Köpfe
100 11.5 Silberdistel statt Playboy-Cover
101 11.6 Künstliche Intelligenz lernt auch zu diskriminieren
102 11.7 Wann ist ein Fußgänger ein Fußgänger?
103 11.8 Künstliche Intelligenz hat keinen Wertekatalog
104 11.9 Die unsichtbare Vielfalt
105 11.10 Wie Künstliche Intelligenz den Hass im Internet schürt
106 11.11 Ist der selbstbestimmte, freie Mensch eine Illusion?
107 Literatur
108 12 Die Chancen der digitalen Transformation nutzen – Was Unternehmen von Start-ups lernen können
109 Interview mit Dirk Ramhorst
110 IV Arbeit
111 13 Die Neue Normalität – künftige Anforderungen für Beschäftigte, Arbeitgeber, Wirtschaft und Gesellschaft
112 Interview mit Jutta Rump
113 14 Transformation, Digitalisierung, Corona: Warum wir ein Update für Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft brauchen
114 Michael Vassiliadis
115 14.1 Strukturwandel trifft auf Akut-Krise
116 14.2 Gemeinsam Wandel gestalten
117 14.3 Transformation sprengt alle bisherigen Maßstäbe
118 14.4 Altes Lagerdenken überwinden
119 14.5 Mitbestimmung braucht ein Update
120 14.6 Sozialpartnerschaft 2.0
121 15 Arbeitsmarkt und Innovation – die Rolle der hochqualifizierten Selbständigen
122 Carlos Frischmuth
123 15.1 Einleitung
124 15.2 Die Arbeitswelt verändert sich, und wir uns mit ihr
125 15.3 Die Herausforderungen für die Arbeitswelt
126 15.4 Gesellschaftlicher Wandel begleitet die Veränderungen in der Arbeitswelt
127 15.5 Wettbewerbsfähige Innovation braucht Spezialisten und kreative Köpfe – das gesamte Potential muss genutzt werden!
128 15.6 »Smart markets need smart regulation«
129 Literatur
130 V Bildung
131 16 Wie Bildung im Jahr 2030 aussehen muss – ein Brief an künftige Generationen
132 Sarah Henkelmann
133 16.1 Mein großer Wunsch für euch
134 16.2 Mit Kreidetafel Künstliche Intelligenz lehren?
135 16.3 Erster Gedanke: Technologie verstehen und Verantwortung übernehmen
136 16.4 Zweiter Gedanke: Unterricht neu denken
137 16.5 Dritter Gedanke: Alle müssen an Bildung teilhaben können!
138 16.6 Vierter Gedanke: Neue Kompetenzen für neue Arbeitswelten
139 16.7 Wunschdenken oder Wirklichkeit?
140 17 Kompetenzen für die Zukunft – was und wie lernen wir im deutschen Bildungssystem
141 Volker Meyer-Guckel
142 17.1 Was lernen wir?
143 17.2 Wie lernen wir?
144 17.3 Wo lernen wir?
145 17.4 Was folgt daraus?
146 18 Eine Agenda für die Hochschule der Zukunft
147 Ulf-Daniel Ehlers, Patricia Bonaudo und Laura Eigbrecht
148 18.1 Einleitung
149 18.2 Eine Agenda wofür?
150 18.3 Lernen neu denken: Leitkonzepte für das Lernen an der Hochschule der Zukunft
151 18.3.1 Digitalisierung: Jenseits der Technisierung
152 18.3.2 Jenseits der Disziplinen
153 18.3.3 Personalisierte Studienpfade
154 18.3.4 Der neue Stellenwert von Soft Skills als harte Währung
155 18.3.5 Ein neues Verständnis von Lernen und Prüfen in der Hochschule
156 18.4 Zusammenfassung: Die Zukunft der Hochschulen kommt schneller als gedacht
157 Literatur
158 VI Staat und Wirtschaft
159 19 Handlungsfelder des Staates aus Unternehmersicht
160 Interview mit Reinhold von Eben-Worlée
161 20 Die Zukunft des Wirtschaftsstandortes – wirtschaftspolitische Weichenstellungen
162 Volker Wissing
163 20.1 Die Renaissance des staatlichen Interventionismus
164 20.2 Grenzen staatlichen Handelns
165 20.3 Private Initiative statt staatlicher Interventionismus
166 21 Kommunale Wirtschaftsentwicklung am Beispiel der Stadt Tübingen
167 Interview mit Boris Palmer
168 22 Staatsverschuldung – Fluch oder Segen?
169 Wolfgang Scherf
170 22.1 Werden zukünftige Generationen belastet?
171 22.2 Defizite zur Stabilisierung der Konjunktur
172 22.2.1 Konjunkturbedingte Defizite bremsen die Rezession
173 22.2.2 Antizyklische Defizite fördern den Aufschwung
174 22.2.3 Die Ambivalenz der Corona-Schulden
175 22.3 Die Problematik der strukturellen Defizite
176 22.3.1 Strukturelle Defizite haben ungünstige Nebenwirkungen
177 22.3.2 Staatsverschuldung und Geldpolitik im Teufelskreis
178 22.3.3 Haushaltskonsolidierung benötigt Zeit und Regeln
179 22.4 Ausblick
180 Literatur
181 23 Deutschlands bauliche Infrastruktur auf dem Prüfstand
182 Stephan Weber
183 23.1 Einführung und Erläuterung des Themas
184 23.2 Wie ist unsere Infrastruktur gewachsen?
185 23.3 Wo liegen die großen Aufgaben bei der vorhandenen Infrastruktur?
186 23.4 Welche Lösungsansätze gibt es für die Zukunft?
187 23.5 Schlussbemerkungen
188 Literatur
189 24 Die Corona-Krise und andere Extremrisiken: eine Bewertung der Robustheit Deutschlands
190 Ulrich Blum und Werner Gleißner
191 24.1 Der Staat und seine Bedrohung – was charakterisiert den robusten Staat?
192 24.2 Was bedroht einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat?
193 24.3 Risikomanagement als Essenz des Staats
194 24.4 Kriterien des robusten Staats
195 24.5 Die Beurteilung der Bundesrepublik Deutschland anhand von zwölf Kriterien eines robusten Staats
196 24.5.1 Wissen über Risiken und Bedrohungen sowie Wunsch nach Sicherheit
197 24.5.2 Institutionen und Krisen-Governance
198 24.5.3 Stabilität von Bündnissen und Partnerschaften
199 24.5.4 Finanzielle Stabilität und Bonität
200 24.5.5 Technologie und ökonomische Potentiale
201 24.5.6 Krisenfrüherkennung, Risikoanalysen, Krisen- vorbereitung und Krisenübungen
202 24.5.7 Kritische materielle Abhängigkeiten
203 24.5.8 Redundanzen und spezifische Reserven
204 24.5.9 Verfügbarkeit universell einsetzbarer Ressourcen der Krisenbewältigung
205 24.5.10 Kritische finanzielle Abhängigkeiten und Haftungsverbunde
206 24.5.11 Existenz von Brandmauern
207 24.5.12 Flexibles Krisenmanagement und Krisen- kommunikation
208 24.6 Fazit
209 Literatur
210 Epilog
211 Dieter Thomaschewski und Rainer Völker
212 Anmerkungen
Einführung und Überblick
Dieter Thomaschewski und Rainer Völker


Einschneidende, von außen kommende Veränderungen bedingen normalerweise, dass interne Anpassungen vorgenommen werden müssen. Diese grundsätzliche Feststellung gilt auf vielen Betrachtungsebenen – für einzelne Individuen, für Organisationen wie Unternehmen oder schließlich für ganze Gesellschaften. Idealerweise erfolgen solche Anpassungen proaktiv, zumindest aber frühzeitig und nicht zu spät. Schon vor der durch Corona ausgelösten Krise zeichnete sich ab, dass am Wirtschaftsstandort Deutschland durch die Politik bzw. die Wirtschaft solche grundlegenden Anpassungen vorgenommen werden müssen: Mehrere Veränderungen gleichzeitig stellen die deutsche Wirtschaft seit einiger Zeit vor große Herausforderungen. Nachhaltigkeitsanforderungen und Klimawandel bedingen z. B. eine noch stärkere Abkehr vom reinen Shareholder-Value-Denken und immense Anstrengungen, um ökologischen und sozialen Zielen gerecht zu werden. Die Automobilindustrie, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, befindet sich in einer Situation großer Unsicherheit und radikaler Umbrüche. Bei der Digitalisierung bescheinigen Wirtschaftsexperten unisono vor allem der Politik große Versäumnisse und sehen den Wirtschaftsstandort gar schon »abgehängt«. Die Globalisierung mit vielen neuen Anbietern und der technologische Wandel verschärfen seit Jahren den Wettbewerb und erfordern agilere Unternehmen. Digitalisierung und neue Wettbewerbsdynamik stellen auch veränderte Anforderungen an die Quantität und vor allem an die Qualität von Mitarbeitern sowie an das Verständnis von Arbeit. Insofern scheinen hier ebenfalls neue Ansätze bei Unternehmen und Reformen seitens des Staates erforderlich. Auch wenn die jeweiligen Handlungsalternativen durchaus kontrovers diskutiert werden, so sind die meisten Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftspraktiker der Überzeugung, dass grundlegende Veränderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland unabdingbar sind.
Dieser Band versucht zum einen eine Bestandsaufnahme der Herausforderungen, die den Wirtschaftsstandort zentral tangieren. Nicht alle anstehenden Themenfelder können dabei behandelt werden. Digitalisierung, Klimawandel, internationaler Wettbewerb, notwendige Veränderungen der Arbeitswelt, des Bildungssektors und der Infrastruktur stehen in diesem Buch im Mittelpunkt. Zum anderen werden entsprechende Handlungsoptionen und Lösungswege dargestellt. Allzu einfache Antworten oder widerspruchsfreie Aussagen sind aufgrund der komplexen Thematiken nicht zu erwarten. Insofern wird versucht, bei jedem Themenkreis zentrale Fakten und – durchaus konträre – Meinungen abzubilden. Dabei kommen neben Wissenschaftlern vor allem Verantwortliche aus der Wirtschaft zu Wort: Führungskräfte, Vorstände von Verbänden und politische Mandatsträger, die natürlich ihre spezifische Sicht vertreten. Das ist zum einen legitim und zum anderen auch beabsichtigt. In vielen Fällen gibt es nicht die augenscheinliche Lösung, sondern es gibt Vorschläge, die idealerweise auf logischer Argumentation bzw. auf gesicherter Empirie basieren. Die verschiedenen Positionen und Argumentationen sollen bei der Lektüre des Buches deutlich werden und es dem Leser gestatten, sich selbst an der einen oder anderen Stelle sein Urteil über sinnvolle und passende Lösungsansätze zu bilden. Das Buch will – gemäß der Intention der Reihe, in der es als erster Titel erscheint – Denkanstöße geben.
Eine weitere Anmerkung an dieser Stelle: Das Buch betrachtet den Wirtschaftsstandort Deutschland. Es stellt also den Blickwinkel der deutschen Politik, von Unternehmen in Deutschland und auch entsprechender Verbände in den Mittelpunkt. Nun kann man sich durchaus auf den Standpunkt stellen, dass in einer immer mehr vernetzten Welt oder zumindest im Hinblick auf eine wie auch immer definierte europäische Einheit mit dem »Standort« Deutschland eine enge Perspektive eingenommen wird. Deutsche Unternehmen und deutsche Politik sollen ja schließlich auch für globalen Klimaschutz, generell für ökologisches und soziales Wirtschaften im Rahmen von weltweiten Lieferketten oder für ein wirtschaftlich starkes Europa Verantwortung übernehmen. Diese Aspekte entbinden aber weder Unternehmensverantwortliche noch Politik von der primären Anforderung die jeweiligen direkten Verantwortungsspielräume möglichst optimal zu nutzen. Mit Verweisen z. B. auf noch ausstehende Einigungen auf europäischer Ebene werden kaum Veränderungen erfolgen. Insofern sind eine gewisse nationale Sicht und das Streben nach einer vorteilhaften kompetitiven Situation im internationalen Wettbewerb notwendig. Zudem – so zeigen es entsprechende Erkenntnisse aus den Wirtschaftswissenschaften – ist der internationale Austausch von Waren und Dienstleistungen auf Basis kompetitiver Strukturen der globalen Wohlstandssteigerung grundsätzlich dienlich. Insofern ergibt es durchaus Sinn zu fragen, welche Veränderungen im nationalen Verantwortungsbereich vorgenommen werden können.
In den nachfolgenden Kapiteln greifen wir die eingangs genannten Handlungsfelder im Einzelnen auf. Wir beginnen in Kapitel 2 mit den Anforderungen, die sich durch neue Wettbewerbsdynamiken ergeben haben. Schon vor dem Pandemie-Schock stand das Thema »Start-ups« und die Notwendigkeit erhöhter Gründungsdynamik im Raum. Nadine Schön – Mitglied des Deutschen Bundestages und Herausgeberin des Buches »Neustaat« geht in ihrem Beitrag darauf ein. Eine wichtige Rolle spielen bei Wettbewerbsdynamiken auch Wertschöpfungsprozesse. Schon durch moderne 3D-Druckverfahren gab es teilweise einen Trend mehr »vor der Haustüre« zu produzieren. Durch Corona sehen viele Unternehmen aber auch die Notwendigkeit, ihre Lieferketten zu sichern und ihre Wertschöpfungsketten zu überdenken. Dago Dietrich von der Beratungsgesellschaft McKinsey & Company macht in seinem Beitrag auf diesen und andere Aspekte, die jetzt durch Corona ausgelöst oder verstärkt wurden, aufmerksam. Dynamik von außen kam und kommt zweifelsohne durch die politische und wirtschaftliche Weltmacht China. Jörg Wuttke – Präsident der Europäischen Handelskammer in China – als profunder Kenner des Landes und seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten zeigt uns, welche Chancen, aber auch Risiken im Wettbewerb mit China für den Standort Deutschland existieren.
Eine weitere zentrale Herausforderung existiert durch das Ziel »Klimaneutralität«. Das Kapitel 3 beleuchtet Möglichkeiten, die es aus Sicht verschiedener Branchen und generell in einer Marktwirtshaft gibt, Klimaschutz zu erreichen und gleichzeitig ökonomisch erfolgreich zu sein. Der Beitrag von Andreas Freytag und Matthias Menter – Professoren an der Universität Jena – versteht sich als Plädoyer für marktwirtschaftliche Lösungen der Klimaschutzproblematik. Solche Lösungen – so die Autoren – stimulieren letztlich Innovationen, die es einem Land wie Deutschland, dessen wesentliche Ressourcen Fachkräfte und Wissen sind, gestatten, Ökonomie und Ökologie sinnvoll zu verknüpfen. In den Beiträgen von Wolfgang Große Entrup – Hauptgeschäftsführer und Präsidiumsmitglied des Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI) –, von Dirk Flege – Geschäftsführer des Verkehrsbündnisses »Allianz pro Schiene« – und Hans-Heinrich Kleuker – ehemaliger Vorstand eines Energieunternehmens – werden zum Thema Klimaschutz die Branchen Chemie, Bahn sowie Energie adressiert. Auch hier geht es u. a. darum, die Möglichkeiten des Zusammenspiels von wirtschaftlichem Erfolg und Klimaschutz zu beleuchten. Holger Glockner – Managing Partner eines Beratungsunternehmens mit Schwerpunkt Zukunftsforschung – gibt schließlich eine Übersicht, wie unter der Zielsetzung Nachhaltigkeit Klima- aber eben auch Umweltschutz generell sowohl für einzelne Unternehmen als auch in Summe für den Wirtschaftsstandort Deutschland positiv genutzt werden kann.
Eine weitere Herausforderung wird unter dem Stichwort Digitalisierung kolportiert. Die Bandbreite aller diesbezüglichen Themen ist sehr groß – ebenso wie der entsprechende Bedarf an »digitalen Transformationen« in den verschiedenen Branchen sowie im öffentlichen Bereich. Florian Roth – Chief Information Officer der SAP SE – zeigt in einem ausführlichen Gespräch in Kapitel 4 wo Deutschland »hinterherhinkt«, aber auch wo wir durchaus im internationalen Vergleich führende Positionen haben. Für beide Bereiche erläutert er, wie wir ggf. wieder Anschluss finden bzw. wie wir führend bleiben. Das Thema künstliche Intelligenz (KI) ist ein zentraler Aspekt der Digitalisierungsdebatte. KI schafft in vielerlei Hinsicht hohe Potenziale: Bei den Wirkungen auf Verbesserungen des menschlichen Lebens (im Gesundheitsbereich, bei Freizeit und Konsum), aber eben auch bei der Vernichtung von Arbeitsplätzen oder bei der »Steuerung« von Bürgern und Konsumenten durch Politik bzw. Wirtschaft. In den Beiträgen von Claudia Bünte – Professorin für Marketing und Top-Management Beraterin – und Wolfgang Reuter – ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des Focus, ausgewiesener KI-Experte und Strategieberater – werden diese und andere Perspektiven thematisiert. Digitalisierung erstreckt sich nicht nur auf die Überführung analoger Daten und Prozesse auf digitale Plattformen und Applikationen. Es gilt auch, die inhärenten Chancen vor allem durch neue digitale Geschäftsmodelle zu ergreifen. Hier sieht Dirk Ramhorst, CIO/CDO des Wacker-Konzerns, wie er in einem Interview darlegt, noch erhebliche Potenziale bei deutschen Unternehmen, insbesondere im Mittelstand.
Neue digitale Technologien, aber auch gesellschaftliche Veränderungen (z. B. neue Priorisierungen zwischen Arbeit und Privatleben durch jüngere Generationen) verändern die Arbeitswelt. Jutta Rump – Professorin für Personalmanagement und Organisationsentwicklung – gibt in ihrem Beitrag in Kapitel 5 »Die neue Normalität« einen Überblick über diese neue (Arbeits-)Welt. Carlos M. Frischmuth – Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Selbstständige Wissensarbeiter e. V. – fokussiert danach das Thema »Wissensarbeiter« in einer modernen Arbeitswelt. Gerade um den Standort Deutschland zu stärken und Innovationen voranzubringen, sieht er hier Anpassungsbedarf – insbesondere auch bei Vorschriften und gesetzlichen Regelungen. Michael Vassiliadis – Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE) – beleuchtet schließlich die Veränderungen, die im Zusammenwirken der Sozialpartner wichtig erscheinen.
Eine konkurrenzfähige Wirtschaft benötigt in dem Land, dessen zentrale Ressource Wissen ist, ein hervorragendes Bildungssystem. In Kapitel 6 haben wir deswegen Autorinnen und Autoren gebeten, zu diesem Problemkreis Stellung zu nehmen. Volker Meyer-Guckel – stellvertretender Generalsekretär und Mitglied der Geschäftsleitung des Stifterverbandes – zeigt zunächst, welche Kompetenzen ein Bildungssystem in Deutschland vermitteln muss. Ulf Daniel Ehlers et. al. zeigen dazu Szenarien für eine revidierte Hochschulentwicklung. Sarah Henkelmann – Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung – erläutert schließlich, wie Bildung in 10 Jahren ausgestaltet sein muss.
Bei der aufgeführten Handlungsfeldern ist schließlich die Politik bzw. die staatliche Verwaltung gefordert. Im Rahmen der Digitalisierung gilt es z. B. die Versorgung mit IT-Infrastruktur voranzutreiben. Veränderungen der Schul- und Hochschullandschaft liegen ebenfalls in den Händen des Staates. Neben allen staatlichen Handlungsfeldern, die in den Kapiteln I bis V schon angesprochen sind, gibt es noch einige andere, die die Stärke des Wirtschaftsstandorts Deutschland tangieren. Im Kapitel 7 haben wir dazu einige Themenfelder aufgegriffen. Zunächst formuliert Reinhold von Eben-Worlée – Präsident des Verbands DIE FAMILIENUNTERNEHMER e. V. und geschäftsführender Gesellschafter bei der E. H. Worlée & Co. – in einem Interview Handlungsfelder des Staates aus Sicht eines mittelständischen Unternehmens. Volker Wissing – Wirtschaftsminister des Landes Rheinland-Pfalz und stellvertretender Ministerpräsident – zeigt die Möglichkeiten der Wirtschaftspolitik, aber auch deren Grenzen aus seiner Sicht auf. Wirtschaftsentwicklung findet »vor Ort«, in Gemeinden und Städten statt. Boris Palmer – Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen – erläutert in seinem Interview die Leitlinien erfolgreicher kommunaler Wirtschaftsentwicklung. Wolfgang Scherf – Professor für Öffentliche Finanzen an der Universität Gießen – zeigt in seinem Beitrag, wie Staatsverschuldung die Wirtschaftsleistung und den Wohlstand beeinflussen kann; es gilt »gute« und »schlechte« Schulden zu unterscheiden. Für einen funktionierenden Standort unabdingbar ist eine entsprechende bauliche Infrastruktur. Stephan Weber – Mitglied im Bundesvorstand des Verbands Beratender Ingenieure (VBI) und selbst Unternehmer – zeigt in seinem Beitrag sowohl die entsprechenden immensen Defizite des Standorts Deutschland aber die auch Möglichkeiten wie durch veränderte Regulierungen und vorausschauende, umweltschonende Planungen Verbesserungen erzielt werden können. Am Ende des Buches findet sich ein kurzer Epilog der Herausgeber. Zum einen wird nochmal die erfahrungsgeleitete Sicht vieler Beiträge – und damit deren inhärente Vor- und Nachteile – betont. Zum anderen werden zusätzliche Aspekte zu den Themenfeldern aufgegriffen, die die Relevanz mancher vorgetragenen Ansätze untermauern bzw. ergänzen.