Buch lesen: "Antike und moderne Demokratie"

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Das Wissen dieser Welt aus den Hörsälen der Universitäten.

Fachbereich ALTE GESCHICHTE

Antike und moderne Demokratie

Von Prof. Dr. Michael Stahl

I. Die Grundlegung: Brücken zwischen Gestern und Heute

„Niemand wird heute der Illusion verfallen, die Antike hielte Lehren für eine zukünftige Welt in Händen. Sie ist untergegangen in der strengen Bedeutung des Wortes, und wer ihre Toten beschwört, befragt sie nicht mehr nach verbindlichen Lebensregeln.“

Mit diesen Worten resümiert der Althistoriker Werner Dahlheim die nunmehr etwa 200-jährige wissenschaftliche Erforschung des Altertums. Die Altertumswissenschaft hat im Laufe dieser zwei Jahrhunderte trotz mancher gegenteiliger Bemühungen ihre lebensweltlichen Wurzeln tatsächlich weitgehend verloren.

Aber auch außerhalb der akademischen Mauern löste sich jene klassizistische Traditionspflege der Antike als selbstverständliches und integrales Element der öffentlichen Kultur bereits vor mehr als zwei Generationen praktisch in Luft auf – von einigen randständigen Residuen abgesehen.

Freilich: Zerstört haben den Glauben an die sinnstiftende Kraft der Antike nicht zuletzt die Historiker selbst. Sie haben, wie Dahlheim notiert, „die Griechen wieder in ihre eigene Welt zurückversetzt und sie ihre eigenen Erfahrungen machen lassen.“

Diese sog. historistische Strömung gibt denn auch in der Altertumswissenschaft bis heute den Ton an. Ihr geht es darum, die Antike möglichst weit von uns wegzurücken, damit wir erkennen können, wie für uns fremd es bei den Alten zuging. Und deshalb hätten wir Modernen nichts mehr mit ihnen zu tun.

Wenn das richtig wäre, so liefe es darauf hinaus, daß die Erinnerung an Griechen und Römer für uns keinen Deut wichtiger wäre, als die an die Vergangenheit von Indern, Chinesen oder Südseeinsulanern. Das interessierte Publikum fragt sich dann allerdings, warum von Seiten der Sachwalter der antiken Hinterlassenschaften häufig keine Mühen und Kosten gescheut werden, eben diese Antike so opulent wie möglich zu präsentieren – in Museen oder teilweise großartigen Ausstellungen. Und die dortigen Besucher, zumeist nicht gering an Zahl, empfinden sich keineswegs naiv und unaufgeklärt, wenn sie von der Schönheit eines antiken Kunstwerks einfach überwältigt werden und überhaupt den Eindruck mitnehmen, das Gezeigte ginge sie und ihre Zeitgenossen doch etwas an.

Der Wissenschaftsbetrieb allerdings ist weithin geprägt von interesseloser Gleichgültigkeit. Man möchte nicht wahrhaben, daß die These der vollkommenen Andersartigkeit oder Alterität der Antike in der Sache falsch ist.

Denn die Prägekraft der antiken Tradition für die europäische Kultur bis in die Gegenwart ist trotz aller Mythenzerstörung nicht ernsthaft zu leugnen. In vielen Bereichen unseres Lebens – von unserer urbanen Lebensweise bis zu den Grundbegriffen der Kunst und Philosophie, von Politik, Recht, Verwaltung und Religion bis zur technischen Formung der natürlichen Lebenswelt – stehen wir, ob wir es zustimmend zur Kenntnis nehmen oder nicht, nach wie vor auf den Schultern der antiken Welt.

Und im übrigen ist die Alteritätsthese auch theoretisch falsch: das gesamte, nicht erst neuzeitliche Geschichtsdenken hat seit jeher als unabdingbare Grundlage für Geschichte die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit erkannt. Der Gedanke der Alterität gründet sich hingegen auf die Vorstellung der Einzigartigkeit der Moderne mit ihren beiden Grundpfeilern Fortschritt und Emanzipation, und das heißt eben auch Befreiung von überkommenen Bindungen und Verpflichtungen.

Mit der permanenten Zerstörung von Tradition werden die Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit eingerissen, und das Vollgefühl des modernen Singularitäts- und Befreiungsbewußtseins entzieht auch dem Historiker die Geschäftsgrundlage: den Neu-, Um- und Weiterbau jener Brücken, die das Heute mit dem Gestern und Vorgestern verbinden.

Das aber bedeutet den Verlust von Geschichte und damit den Rückfall in vorhochkulturelle Verhältnisse. Wir sind vermutlich nicht sehr weit davon entfernt und sehen zugleich, wie zahlreiche Entwicklungslinien der Moderne zunehmend fragwürdig werden.

In diesem sich abzeichnenden epochalen Umbruch zu einer anderen Moderne, wie schon früher an den Knotenpunkten der europäischen Geschichte, wird es wichtig, die Vormoderne als einen notwendigen, weil zukunftshaltigen Teil unseres Geschichtsbewußtseins zurückzugewinnen. Denn der Rückgriff auf die antike Geschichte als ein produktives, lebendiges und kritisches Medium für die Entwürfe von Zukunft meint gerade nicht Affirmation bestehender Verhältnisse oder Flucht in eine idealisierte Vergangenheit.

Die antike Vergangenheit in Perspektiven der Gegenwart hereinholen – was kann das heißen? Es heißt nicht, Phänomene der Antike auf einer vordergründigen Ebene zu aktualisieren und etwa Modernes in ein äußerlich antikes Gewand zu hüllen (wie z.B. bei manchen Inszenierungen bei den Olympischen Spielen oder der Verarbeitung der Antike im Film oder in der Werbung). Genauso wenig kann es umgekehrt heißen: im Antiken das Moderne im Verhältnis eins zu eins wiederzufinden.

Perspektivierung des historischen Blicks heißt auch nicht: die Antike als absolut gesetztes Vorbild wiederholen zu wollen. Das Ergebnis wäre auch in diesem Fall in ästhetischer Hinsicht Kitsch und in der Aussage unverbindlich. Die Ausfertigung von Patentrezepten ist nicht statthaft, und einfach übertragbare Lehren sind nicht zuhaben.

Die Antwort lautet vielmehr: Die aus der Gegenwart gewonnenen Perspektiven auf die Antike fördern an dieser etwas zutage, das auf einer dritten Ebene, einem tertium comparationis, liegt. Über die Epochenbrüche hinweg kann man auf dieser Vergleichsebene beiden Zeiten gemeinsame Probleme und Aufgaben identifizieren. Ziel ist auf diese Weise die bewußte und reflektierte Wiederaneignung von antiker Vergangenheit als Teil unserer Geschichte.

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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
30 Juli 2025
Umfang:
27 S. 2 Illustrationen
ISBN:
9783831257119
Rechteinhaber:
Bookwire
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