Buch lesen: "Vollgasfußball"
Martin Rafelt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2016 Verlag Die Werkstatt GmbH
Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen
www.werkstatt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH
ISBN 978-3-7307-0307-6
InhaltPrologEine Anmerkung zu Mainz 05Jürgen Klopp, AutodidaktKlopp und das große „Wie“Exkurs: Bedeutung der TaktikKlopp, Pressing und GegenpressingKlopp und OrganisationKlopp, Krawietz, Buvač – das TriumviratExkurs: Konzeptfußball: Explizite BewusstheitKlopp, der emotionale Taktik-RhetorikerKlopp, der MedienmannMannschaftsentwicklungImplikationen für dieses Buch2008/09: Ein vielversprechendes DebütZu Anfang – erste LichtblickeSpieleranalyse und TransfergeschickKlopp und die unterschätzte Schwierigkeit von SpielerbewertungenStrategische GrundausrichtungenSpielerporträt: Neven SubotićSpielerporträt: Mats HummelsProblemeAufschwung und Siegesserie2009/10: Stille WeiterentwicklungEingespieltheit statt Neuzugänge – von wegenUmstellung auf 4-4-1-1Exkurs: Zwischen Druck und StabilitätDie RollenverteilungMasterplan SpielerentwicklungSpielerporträt: Marcel SchmelzerSchwache Endphase kostet die mögliche Champions-League-Qualifikation2010/11: Der SensationsmeisterVollgas-Tiqui-tacaEtablierung des GegenpressingsSpielerporträt: Shinji KagawaScheitern in der Gruppenphase der Europa LeagueDie Rückrunde: Kaltstart und langer AtemDer Vorsprung wird ins Ziel gerettetExkurs: Gegenpressing2011/12: Doublesieg mit AnlaufDas Abenteuer BallbesitzfußballSpannende, aber instabile StrukturStabilisierung per Ballbesitz ohne SpielmacherSpielerporträt: Sebastian KehlEntwicklungen als WeichenstellungÜberragende KontermannschaftDefensive steht, Konter nutzen sich abÜberragendes Saisonfinale mit Doppelschlag gegen BayernSzenenanalyse: Die pendelnde Doppelsechs2012/13: Etablierung auf internationalem ParkettDefensive FindungsphaseInkonstanz gegen DurchschlagskraftSpielerporträt: İlkay Gündoğan„Internationale Klasse“: Passende Gegner und abgeklärter UmschaltfokusExkurs: HerausrückenUnscheinbare Fortschritte im Winter und FrühjahrSpektakuläre Champions-League-EndrundeDie große Spielanalyse: Das Champions-League-Finale 2013Erste Halbzeit: Passives 4-4-2-Angriffspressing des BVBEin Spiel der zweiten BälleZweite Halbzeit: Heynckes mit effektiver FeinjustierungVollgasfußball auf dem Olymp2013/14: Ein unscheinbarer KurswechselDas neue Pressing: Anpassungsfähig und zwingendSpielerporträt: Kevin GroßkreutzAbhängigkeit von der gegnerischen StrategieVerletzungsmisere zerstört StabilitätExkurs: Laufen durch Laufen: Veraltete Trainingsmethodik?Spielerische Probleme im ZentrumLangsame FortschritteSystemanalyse: Pressingdynamik im neuen HybridsystemSystemumstellungen prägen das Saisonfinale2014/15: Ein Ende mit SchreckenFokus auf SystemeAufbauspiel über SchlüsselakteurePersonelle StrukturExkurs: Die Bedeutung des ZentrumsHenrikh Mkhitaryan: Der perfekte Klopp-Spieler als Symbol des ScheiternsGegen jede Statistik – Borussia Chancentod und andere AnomalienStabilisierung in der RückrundeEin ordentliches Ende2015/16: You’ll never walk alonePressingmechanismenSystemwechsel und RollenverteilungLicht und SchattenAusblick: Der Glaube an TrainingDer ungeplante Epilog: Klopp schlägt den BVBAutor und Bildnachweis
Prolog
„Uns ging doch allen der Arsch hier auf Grundeis, vor dreizehn Monaten. Als wir nach‘m Bielefeld-Spiel hier langgelaufen sind und hier war‘s mucksmäuschenstill. Und es war tot hier in diesem Trainingsgelände.“
Wir schreiben den 23. April 2008. Ein aufgebrachter Thomas Doll echauffiert sich über den medialen Umgang mit ihm. Er hat am vergangenen Wochenende das Finale des DFB-Pokals verloren. Nach einem aufopferungsvollen Spiel hatte Luca Toni in der Verlängerung den Siegtreffer für den FC Bayern erzielt. Durch die Finalteilnahme hat sich der BVB sicher für die anstehende UEFA-Cup-Saison qualifiziert, was Doll gerne als Erfolg verbuchen würde. Doch der öffentliche Fokus liegt auf der Liga, wo den Schwarzgelben nur ein Sieg in den letzten acht Spielen gelang. Vor dem anstehenden 30. Spieltag liegen nur Energie Cottbus, Arminia Bielefeld und sieben Punkte Differenz zwischen Borussia Dortmund und einem Abstiegsplatz.
Auch insgesamt bestand Anlass zur Sorge: In den vier Jahren zuvor war der Verein dem finanziellen Ruin, der Insolvenz und dem Zwangsabstieg nur knapp entronnen und musste nun schon das zweite Jahr in Folge gegen den Abstieg spielen. Den folgenden Aufschwung, der über zwei deutsche Meisterschaften und einen Pokalsieg bis ins Endspiel der europäischen Königsklasse führte und den BVB als zweite große Kraft des deutschen Fußballs etablierte, konnte niemand ahnen – und auch nicht, dass dieser rapide Weg nach oben ein Gesicht tragen würde: das von Jürgen Klopp.
Zurück zum 23. April 2008. Thomas Doll will sich auf den unangenehmen Abstiegskampf konzentrieren, doch ist angespannt und genervt von den Wechselgerüchten um seine Spieler. Auch die Diskussionen um seine Person nehmen ihn mit; noch am Tag des Finales hatten Medien Jürgen Klopp als seinen möglichen Nachfolger vermeldet. Seiner Frustration verschafft er auf der Pressekonferenz Luft. Seine Wutrede wirkt unkoordiniert, stellenweise gestottert. Inhaltlich ist sie wirr. Sie wird später in Bundesliga-Rückschausendungen neben den legendären Ausrastern von Trapattoni, Hoeneß oder Völler gesendet werden. Der Satz, der hängen bleibt: „Das ist doch alles bla bla bla, ist das doch.“ Kein konstruktiver Satz, kein Satz, der die Menschen überzeugt. Vor allem kein Satz, der Spiele gewinnt.
Vier Wochen später. Der BVB hat die Bundesliga-Saison 2007/08 auf Platz 13 beendet, seiner schlechtesten Platzierung seit 20 Jahren. Ein einziger Sieg aus den letzten fünf Spielen reichte für den Klassenerhalt. Mit 62 Gegentoren ist die Mannschaft von Thomas Doll der defensivschwächste Bundesligist. Die Analyse der Saison fällt sehr negativ aus. Doll tritt am 19. Mai 2008 zurück. Eine Entscheidung, die sich als einer der wichtigsten Schritte in Dortmunds Vereinsgeschichte entpuppen wird.
Vier Tage später. Dolls Nachfolger wird öffentlich vorgestellt. Der als Favorit gehandelte Jürgen Klopp übernimmt den BVB. Aus Mainz folgen ihm seine Co-Trainer Željko Buvač und Peter Krawietz. Von nun an bleiben andere Sätze hängen, wenn sich der Cheftrainer von Borussia Dortmund der Presse stellt.
Mit Vollgas
Bei seiner Vorstellung skizzierte Klopp seine fußballerischen Vorstellungen in klaren Ansagen. Seine Idee von spektakulärem, direktem Fußball und einer mannschaftlich geschlossenen, extrem intensiven Pressingarbeit beschrieb er schon damals. Vor allem seine versprochenen „Vollgasveranstaltungen“ hallen bis heute nach – wie nicht zuletzt der Titel dieses Buches zeigt. Mit seiner hemdsärmligen, lockeren Art fand Klopp schnell Anklang bei den Fans, und es entwickelte sich zügig eine Aufbruchstimmung. Diese feuerte er mit klaren und zielgenauen Ansagen weiter an, ohne sich der üblichen Floskeln zu bedienen. Wenn einige seiner Sätze heute wie Floskeln klingen, dann deshalb, weil sie im Laufe der letzten Jahre breitflächig adaptiert wurden. Viel „investieren“, „unangenehm“ sein, „Gier entwickeln“, dies und das.
„Man kann es als Populismus abtun, wenn man sagt, man möchte den Fußball spielen, den die Leute sehen wollen. Ändert nichts daran, dass wir’s trotzdem versuchen werden. (…) Wir wollen dieses unglaublich positive Bild, das dieses volle Stadion abgibt, dann einfach auch dazu nutzen, tatsächlich wieder richtig leidenschaftlichen Fußball zu spielen.“
Jürgen Klopp bei seiner ersten Pressekonferenz als BVB-Trainer
Zugleich erklärte Michael Zorc, dass Klopp nach Ansicht von Borussia Dortmund gut in den Verein und die Region passe. Dies sei ein wesentlicher Punkt bei der Entscheidung für ihn gewesen. Später meinte Zorc einmal, dass man zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt habe, dass in dem charismatischen Redner auch ein so herausragender Taktiker stecke. In der medialen Betrachtung war ebenfalls lange Zeit der erste Punkt der präsentere, und Klopp galt vor allem als Motivator. Klopp selbst hatte den Fokus auf seine psychologischen Fähigkeiten seit jeher abgelehnt und Wert darauf gelegt, dass es ihm vor allem auf inhaltliche, fußballerische Punkte ankomme. Im Laufe der Jahre erkannte dann allmählich auch die Öffentlichkeit, dass Klopps taktische Ideen entscheidenden Einfluss auf seinen Erfolg hatten. Schließlich waren diese Ideen immer klarer auf dem Feld zu beobachten. Doch wie sehen diese Ideen genau aus und wieso sind es ausgerechnet die Ideen von Klopp?
„Ich mochte, wenn Trainer ’ne Mannschaft besser gemacht haben. Wenn du nicht nur das abgerufen hast, was eh schon da war.“
Klopp über Trainer, die ihn beeinflussten
Eine Anmerkung zu Mainz 05
Klopps erste Trainerstation beim 1. FSV Mainz 05 wird in diesem Buch nur marginal betrachtet. Die Erklärung ist relativ einfach: Die ersten sieben Lehrjahre in Klopps Karriere fielen in die Kindheit und Jugend des Autors, der sie deshalb folgerichtig nicht ausreichend (auch in der Tiefe) und nicht aus erster Hand hat verfolgen können. Da Klopps Zeiten beim BVB und in Liverpool zudem genug (und aktuelleres) Material hergeben, erschien der Aufwand für eine hinreichend umfangreiche Recherche unverhältnismäßig – insbesondere die 05er unter den Lesern mögen es verzeihen.
1
Jürgen Klopp, Autodidakt
Jürgen Klopp ist ein Autodidakt. Diese Tatsache ist essenziell, um zu verstehen, was ihn so außergewöhnlich macht – und aus meiner eigenen Sicht das Wichtigste, was man von Klopp lernen kann: von sich selbst zu lernen.
Sein Fußballverständnis hat Klopp nicht aus den Lehrgängen des DFB. Auch sein Studium der Sportwissenschaften beschreibt Klopp als zweitrangig. Stattdessen betont er immer wieder die Bedeutung von autodidaktischer Videoanalyse. Er hat in seiner Zeit als Student stundenlang Videokassetten mit Fußballspielen vor- und zurückgespult. Er wollte die Gründe für Tore verstehen. Was hätte die Mannschaft besser machen können, wo stand ein Spieler falsch? Wer hätte sich wann besser bewegen können? Was war gut, was schlecht? Über diese penible analytische Leidenschaft hat er eine eigene Idee vom Fußball entwickelt. Dafür, was die tatsächlichen Gründe für Erfolg und Misserfolg sind, jenseits von Floskeln und emotionalem Stochern im Dunkel.
Klopp und das große „Wie“
Das Ergebnis dieser analytischen Herangehensweise und zugleich wichtigste Säule von Klopps Erfolg ist, dass er weiß, wie man gut Fußball spielt. In der öffentlichen Diskussion ist das ein Faktor, der normalerweise völlig unter den Tisch fällt. Es wird davon ausgegangen, dass jeder weiß, wie das grundsätzlich geht. Aber das ist eben nicht der Fall. Das Fußballverständnis der meisten Menschen – in beobachtender und aktiver Rolle – ist von simplen dogmatischen Heuristiken geprägt, die sich über Jahrzehnte verselbstständigt haben und die von Verständlichkeit leben, nicht von Qualität. Viele Leute verstehen eigentlich gar nicht, wie Fußball fundamental funktioniert und wie seine Facetten aussehen, sondern sie kennen eine bestimmte Spielweise.
Das beste Beispiel dafür ist die Manndeckung mit Libero, die in Deutschland jahrzehntelang praktiziert und nicht hinterfragt wurde – bis irgendwann am ausbleibenden Erfolg klar wurde, dass es Spielweisen gibt, die besser sind. Auch die 4-4-2-Raumdeckung, die aktuell den Welt- und vor allem Jugendfußball prägt, ist nur eine einzelne, einigermaßen simple Art und Weise, mit der Komplexität des Spiels fertig zu werden. Beide Varianten setzen auf anspruchslose Orientierungen, die selbst für den untalentierten Fußballer nicht zu schwierig sind: Bei der Manndeckung suche ich mir einen einzelnen Gegenspieler, verfolge ihn und ignoriere das restliche Spiel mehr oder weniger. Bei der Raumdeckung halte ich mich an meine Position und reagiere auf das Spielgeschehen mehr oder weniger erst dann, wenn es in meiner unmittelbaren Nähe ist. In beiden Fällen blende ich einen großen Teil des Spielgeschehens aus, um der Komplexität des Spiels Herr zu werden.
Auffällig dabei ist auch, dass die großen, festen Regeln des Fußballs meist die Defensive betreffen. Weil die Offensive so sehr von den individuellen Fähigkeiten der Spieler abhängt, ist sie taktisch weitestgehend „unerforscht“. Offensive Maßnahmen beschränken sich meist auf die Betonung bestimmter individueller Mittel („mehr Flanken“) und unspezifische Rhythmusvorgaben („schneller spielen“). Genauere taktische Vorgaben lassen sich wegen der Dynamik und Komplexität des Spiels auch tatsächlich schwer so gestalten, dass sie anwendbar und effektiv sind. Trotzdem wird immer wieder von unterschiedlichsten Leuten betont, dass Fußball ein simples Spiel sei. Bei einem Spiel, in dem sich 22 Spieler völlig frei auf einem riesigen Feld bewegen, wodurch quasi unendlich viele Situationen entstehen können. Doch wenn das Spiel wirklich so einfach wäre, dann wäre Spielintelligenz sicherlich kein so seltenes Gut unter Fußballern. Spielern würde es auch viel leichter fallen, unbekannte Positionen zu spielen, und kreative Momente wären häufiger. So ist es aber nicht.
Beginnend vor etwa zehn Jahren hat sich das Fußballverständnis zwar rapide weiterentwickelt und verändert, und so werden zum Beispiel die Lehrinhalte des DFB ständig überarbeitet. Trotzdem wird immer noch wenig Augenmerk darauf gelegt, was die handwerklichen Umstände von Sieg und Niederlage sind. Das ist innerhalb des Fußballs teilweise so und im öffentlichen Verständnis ganz extrem. „Die können es doch eigentlich!“, wird gerne gesagt. Es wird also angenommen, dass die Frage, was auf dem Feld zu tun ist, wie man gut spielt, keine Frage ist. So, als ginge es nur darum, die Lösungen umzusetzen, und nicht darum, die Lösungen zu finden. Diese Herangehensweise ist falsch und führt immer wieder zu Ratlosigkeit bei der Erklärung von unerwarteten Erfolgen oder Misserfolgen.
Ich beginne dieses Buch mit diesem Verriss der Zustände im Fußball, weil dies fundamental für das Verständnis ist, was herausragende Trainer ausmacht. Wer eine Mannschaft formen will, die guten Fußball spielt, braucht eine genaue Vorstellung davon, was diesen guten Fußball ausmacht. Er muss genau wissen, wie es geht. Er muss nach schlechten Spielen herausfinden können, was die Mannschaft genau falsch gemacht hat. Er darf sich nicht hinter einer emotionalen Ursachenforschung verstecken, wenn es konkrete handwerkliche Defizite bei seiner Mannschaft gibt. Es gibt zahlreiche weitere Faktoren, die die Qualität eines Trainers bestimmen, doch das Verständnis für das Spiel ist das Fundament. Und um die Qualität eines Trainers zu verstehen und zu beurteilen, muss man dementsprechend ebenfalls auf diesen Faktor blicken.
Aktivität
Ein zweites Missverständnis von der taktischen Ebene des Fußballs ist die, dass „taktische Disziplin“ sich auf passives Verteidigen bezieht. Klopp ist die Personifizierung des Gegenteils. Seine Philosophie ist überall aktiv. Seine taktische Disziplin ist nicht die Disziplin, nichts zu tun und Fehler zu vermeiden. Seine taktische Disziplin ist vielmehr, die Lösungen auf dem Feld zu finden und zu perfektionieren. Eine Taktik zu haben, bedeutet also, eine Lösungsmöglichkeit zu haben. Es gibt eine Problemstellung, und man erarbeitet einen Plan, um dieses Problem zu lösen. Auf diese Weise erarbeitet man eine Taktik. Fußball ist ein Spiel, und Spiele bestehen aus der Herausforderung, Probleme zu lösen. Im Fußball sind diese Probleme die Kontrolle des Raumes, die Kontrolle des Balles, die Kontrolle des Gegners und damit letztlich die Kontrolle des Spiels.
„Fußball ist kein Fehlervermeidungsspiel.“
Jürgen Klopp über ein Gegentor durch einen individuellen Fehler
Dementsprechend ist es auch kein taktisches Spiel, die Kontrolle dem Gegner zu überlassen. Wenn man selbst nicht in der Lage ist, Kontrolle auszuüben, dann kann das zwar eine strategische Entscheidung sein, die Sinn ergibt. Aber sie wird immer nur darauf basieren, dass man nicht in der Lage ist, mehr Kontrolle auszuüben – also taktisch hochwertiger zu spielen. Klopps Philosophie ist die, so viel wie möglich richtig zu machen – und nicht, so wenig wie möglich falsch zu machen. Bei seinen Iden geht es um Aktivität. Das Pressing ist die Umkehr der Logik, dass die verteidigende Mannschaft reagiert. Bei einem guten Pressing agiert die Mannschaft ohne Ball, sie bestimmt das Spiel. Das Gegenpressing ermöglicht ein aktiveres, risikoreicheres Spiel mit dem Ball und entwertet die reaktiven Möglichkeiten des gegnerischen Konters.
Exkurs
Bedeutung der Taktik
Für dieses Buch ist es wichtig, frühzeitig die Bedeutung des Begriffes „Taktik“ zu erklären. Im fußballerischen Volksmund nämlich wird die allgemeine Marschroute als Taktik bezeichnet; die strategische Vorgabe also. Die Strategie ist aber eben das übergeordnete Leitmotiv, welches man verfolgt. Die Strategie wird in diesem Buch dementsprechend nicht als Taktik bezeichnet. Die Taktik bezeichnet hier die konkrete Umsetzung der Strategie: Wann bewege ich mich wohin, welchen Pass spiele ich in welcher Situation, wann gehe ich ins Dribbling, über welche Räume versuche ich anzugreifen und so weiter. Auch die taktischen Hintergründe für Aufstellungen werden als Taktik bezeichnet, ebenso wie die Art und Weise, in der Mannschaften sich auf dem Feld organisieren.
Wichtig ist zudem, dass nicht nur geplante Dinge taktisch betrachtet werden. Die Feststellung eines taktischen Sachverhaltes bedeutet nicht, dass dies eine konkrete Vorgabe oder Planung des Trainers war. Wenn sich aus den Wechselwirkungen zwischen zwei Teams organisch ein bestimmtes Muster ergibt, so ist dieses ebenfalls taktisch zu betrachten. Weil Fußball zu einem großen Teil intuitiv und gefühlsmäßig gespielt wird, ist es auch die besondere Herausforderung an den Trainer, systematische Dinge so zu planen, dass sie sich mit den intuitiven Voraussetzungen und den Zufällen vertragen, die so im Laufe von 90 Minuten auf dem Feld passieren.
Wenn die taktische Analyse an der ein oder anderen Stelle ungewöhnlich komplex wirkt, liegt das also an der Komplexität des Spiels, nicht an einer übertrieben verwissenschaftlichten Herangehensweise der handelnden Personen. Ebenfalls negiert die taktische Erklärung keine anderen Erklärungen. Wenn eine Mannschaft schlecht spielt, kann das beispielsweise durchaus psychologische Gründe haben. Bevor diese in Tore umgemünzt werden, müssen sie sich jedoch erst einmal auf die Verhaltensweise auf dem Feld auswirken – und sind dementsprechend taktisch zu beobachten. Insofern kann jede Art von Begründung im weiteren Sinne taktisch „übersetzt“ werden, das ist kein Widerspruch.
Klopp, Pressing und Gegenpressing
Der elementarste Bestandteil von Klopps Fußball ist die aktive Arbeit gegen den Ball. Er hat sie nicht erfunden, ist aber einer der größten Pioniere, hat sie perfektioniert wie vielleicht kein anderer Trainer und sie der großen, weiten Fußballwelt erklärt und vorgeführt. Das Pressing und das Gegenpressing sind die Kernstücke, die es zu verstehen und zu diskutieren gilt, wenn man Klopp als Trainer verstehen will. „Pressing“ bezeichnet das organisierte Attackieren des gegnerischen Aufbauspiels. Im Klartext: In der Defensivformation zieht man sich nicht nur zurück und wartet vor dem eigenen Strafraum auf den Gegner, sondern attackiert ab einer bestimmten Höhe auf dem Spielfeld den Ballführenden. Man betreibt also Balleroberung, statt sich auf Torverteidigung zu beschränken. Optimalerweise „presst“ man mit mehreren Spielern, die sich stabil im Raum organisieren, um so viele Angriffsmöglichkeiten wie möglich abzudecken.

Abb. 1: Pressing nach außen im 4-2-3-1, Überzahl in Ballnähe durch kollektives Verschieben
„Gegenpressing“ bezeichnet die Balleroberung direkt nach einem Ballverlust. Der wichtigste Unterschied ist der, dass man sich nun nicht in seiner Defensivformation befindet. Die Spieler stehen weiter auseinander, da sie gerade noch im Angriff waren. Die Gegenspieler stehen dafür enger beisammen. Letzteres kann man nutzen, um sofort Druck aufzubauen. Damit wird im besten Falle verhindert, dass der Gegner einen Konter führen kann. Pressing wird also gegen den Angriff durchgeführt und Gegenpressing gegen den Gegenangriff. In anderen Sprachen werden teilweise auch Begriffe genutzt, die eher in Richtung „Konterpressing“ gehen.

Abb. 2: Gegenpressing nach einem Ballverlust, aus einer geordneten Spielaufbau-Staffelung wird von allen Seiten sofort Druck gemacht
„Der günstigste Moment, den Ball zu erobern, ist direkt nach eigenem Ballverlust. Der Gegner muss sich erst orientieren, schauen, wo er den Ball hinspielen könnte. Und zack, ist man schon da.“
Klopp 2012 an der Sporthochschule Köln über Gegenpressing
Der große Vorteil von Pressing und Gegenpressing ist, dass man weniger „klassisch“ verteidigen muss. Früher wurden die Abwehrspieler für Gegentore kritisiert. Bei Klopp werden eher die Mittelfeldspieler dafür kritisiert, dass die Abwehrspieler überhaupt eingreifen mussten. Das Spiel wird im Grunde nicht mehr qualitativ gewonnen, sondern quantitativ: also nicht dadurch, dass ich meinen Strafraum besser verteidige, sondern dadurch, dass ich meinen Strafraum seltener verteidige. Bei dieser Art Fußball löst sich das Spielergebnis auch etwas von der individuellen Ebene der Spieler. Deshalb konnte Klopp mit unterlegenem Personal überlegen sein. Seine Spieler konnten sich nicht unbedingt besser durchsetzen als ihre Gegenspieler, aber wenn sie sich durchsetzten, kamen sie öfter in die Situationen, in denen das gefährlich wurde.