Buch lesen: "Michaela rettet das Klassenfest"
Marie Louise Fischer
Michaela rettet das Klassenfest
SAGA Egmont
Michaela rettet das Klassenfest
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1973 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719596
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Aufforderung zum Tanz
Es war November geworden, ein kalter, unfreundlicher November.
Michaela Körner war jetzt schon fast einen Monat im Münchner Internat, tatsächlich aber kam es ihr viel länger vor. Sie fühlte sich kein bißchen mehr fremd, sondern hatte sich vollkommen eingelebt. Noch vor ein paar Wochen hätte sie das nicht für möglich gehalten. Sie konnte sich schon nicht mehr vorstellen, daß sie anfangs so starkes Heimweh nach dem heimatlichen Dorf und den Bergen gehabt hatte. Natürlich freute sie sich, wenn der Samstag schulfrei war und sie am Freitagnachmittag nach Hause fahren durfte. Aber diese Wochenenden bedeuteten immer nur eine Unterbrechung ihres eigentlichen Lebens, das sich unter den Mädchen im Josef-Stift abspielte. Daß Purzel, der kleine Hund, den sie ins Internat geschmuggelt hatte, bei ihrer Erzieherin, Fräulein Esser, bleiben durfte, hatte ihr das Einleben besonders leicht gemacht.
Michaela hatte sogar eine Methode gefunden, den Samstagnachmittag kleinzukriegen, der sich, wenn die Mädchen im Internat bleiben mußten, endlos dehnte. Das war zweimal im Monat der Fall. Sie wartete immer, bis der größte Trubel in den Badezimmern vorbei war. Dann verzog sie sich selber mit einem Buch, einer Tafel Schokolade und einer Flasche Limonade nach unten. Sie ließ sich ein warmes Bad einlaufen und verbrachte darin schmökernd und knabbernd nahezu zwei Stunden: ein Vergnügen, das ihr die Eltern zu Hause nie erlaubt hätten. Aber dort hatte sie auch nie ein solches Bedürfnis, einmal allein zu sein, und allein sein konnte man im Stift eben nur im Bad.
Wieder einmal lag sie – mit sich und der Welt zufrieden – in der Wanne, als draußen an der Türklinke gerüttelt wurde.
„Micky, bist du da drin?“ rief Barbara Neuberger, genannt Babsi.
„Was ist ’n los?“ brummte Michaela unwillig.
„Unser Theaterstück!“ rief Babsi. „In fünf Minuten beginnt die erste Besprechung … Und du sitzt noch in der Wanne!“
Michaela fuhr kerzengerade hoch. „Ach herrje, das habe ich total verschwitzt!“
„Du weißt, wie die Esser es übelnimmt, wenn man bummelt!“ drängte Babsi von draußen.
„Aber ich habe mich noch nicht mal gewaschen!“
„Deine Sache!“
Michaela hörte, wie Babsis Schritte sich auf dem Gang entfernten. Um sich in dieser Lage zurechtzufinden, brauchte sie ein paar Sekunden. Sie ärgerte sich über Babsi, die sie gestört hatte, dabei wußte sie sehr gut, daß sie ihr unrecht tat. Es war – im Gegenteil – hochanständig von der Kameradin gewesen, sich um sie zu kümmern. Aber Michaela hätte eben gar zu gern noch weitergelesen, und für die Theateraufführung, die ihre Gruppe für Weihnachten plante, interessierte sie sich überhaupt nicht.
Doch da half alles nichts. Sie mußte Zusehen, daß sie rechtzeitig bei der Besprechung erschien, denn sie war schon ein paarmal wegen Unpünktlichkeit und Vergeßlichkeit unangenehm aufgefallen. Und Fräulein Esser ließ so etwas nicht ungestraft durchgehen.
Also sprang Michaela mit einem Satz aus der Wanne, trocknete sich mit rasender Geschwindigkeit ab und schlüpfte in Hose und Pullover. Sie ließ das Wasser ablaufen, raffte ihr Waschzeug, ihr Buch, die Limonadenflasche, die angebrochene Schokolade und ihre Strümpfe zusammen, riegelte die Tür auf und raste nach oben. Die Badewanne sauberzumachen, blieb keine Zeit mehr. Aber mit Herrn Kurze, dem Hausmeister, hoffte Michaela sich leichter einigen zu können als mit Fräulein Esser – falls er überhaupt darauf kam, wer das dritte Bad von rechts in diesem Zustand hinterlassen hatte.
Oben im zweiten Stock warf sie alles, was sie in den Händen hielt, einfach in das Waschbecken, das sie mit Ruth Sommer, der „Dicken“, teilte. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel: auf ihr bräunliches Gesicht mit den großen dunklen Augen und dem noch vom Baden feuchten kastanienbraunen, kinnlang geschnittenen Haar. Dann rannte sie über den Gang in das Wohnzimmer hinüber.
Da hockten sie schon alle auf den Stühlen, den Couches und den ausgeleierten Sesseln, die zweiundzwanzig Mädchen der Gruppen 6 a und 6 b, und schwatzten eifrig durcheinander. Edeltraud Möhr, genannt Pieps, hatte ein Frottiertuch wie einen Turban um ihr frisch gewaschenes Haar gewunden, das dort, wo es zum Vorschein kam, noch röter schien als gewöhnlich. Y vonne Helm hatte ihr Haar gerade gefönt und war dabei, sich zu kämmen. Zum Glück war Fräulein Esser noch nicht erschienen. Michaela entdeckte keine Sitzgelegenheit mehr für sich und ließ sich mit gekreuzten Beinen auf einem Kissen nieder.
Kaum saß sie, als die Türe abermals geöffnet wurde. Purzel sauste mit zurückgelegten Ohren herein. Er begrüßte eins der Mädchen nach dem anderen mit Freudengebell. Michaela hätte eifersüchtig werden können, aber dazu war sie zu vernünftig. Sie wußte, daß sie ohne Unterstützung der Freundinnen den Hund nie im Stift hätte behalten dürfen, und sie fühlte sich auch ganz sicher, daß er sie am meisten liebte. Wie immer kam er zuletzt zu ihr. Er ließ sich neben ihr nieder und legte seinen struppigen Kopf auf ihr Bein. Sie kraulte ihm das Fell und verpaßte so den Augenblick, als Fräulein Esser eintrat. Sie wurde erst aufmerksam, als die anderen „Ah!“ und „Oh!“ schrien.
Fräulein Esser hatte einen Plattenspieler auf einen der Tische gestellt. „Ihr wißt, meine Damen, daß ich mich lange bemüht habe, das geeignete Theaterstück für euch zu finden“, erklärte sie, „und ich bin schließlich zu dem Entschluß gekommen, daß wir ein Musical aufführen.“
„Ein Musical! Ich werd verrückt!“ rief Babsi. „Sollen wir etwa singen?“
Yvonne warf ihre seidige schwarze Mähne in den Nacken. „Singen und tanzen selbstverständlich“, rief sie von oben herab, „ich kann’s! Ich habe schließlich schon mit fünf Jahren …“
Wie meist kam sie auch jetzt nicht zum Weitersprechen, weil keine der anderen sich für ihre Angebereien interessierte. Yvonnes Mutter war Schauspielerin, und deshalb hielt auch Yvonne sich für eine werdende Künstlerin.
„O Gott, o Gott!“ zirpte Pieps mit ihrer hohen Stimme. „Tanzen und singen … Das wird eine Katastrophe!“
„Mir wird schlecht!“ behauptete die dicke Ruth und nutzte die Gelegenheit, das neueste Schlagwort anzubringen, das im Stift kursierte: „Kotz, kotz!“
Fräulein Esser wartete ab, bis sich die Gemüter wieder beruhigt hatten. „Wenn ihr mich erst einmal ausreden ließet“, sagte sie dann, „könntet ihr euch eure Entsetzensschreie sparen. Aber ich freue mich über euer Temperament … Hoffentlich entwickelt ihr das auch bei den Proben!“
„Temperamentvoll sein sollen wir auch noch“, murmelte Babsi und pustete sich ihren weißblonden Pony aus den Augen.
„Das Musical, das ich für euch ausgesucht habe“, fuhr Fräulein Esser fort, „heißt ,Der Zaubergarten‘. Natürlich braucht ihr nicht zu singen, sondern wir lassen einfach die Platten ablaufen, und ihr macht dazu Pantomimen und tanzt, wo es erforderlich ist.“
„Aber ich könnte doch singen!“ beharrte Yvonne. „Ich habe einen sehr hübschen Sopran und ….“
„Nein“, fiel ihr Fräulein Esser ins Wort, „wir wollen ja keine Stars heranzüchten, sondern eine geschlossene Aufführung auf die Beine stellen.“
„Damit ein Stück ein Erfolg wird, braucht’s aber nun mal einen Star“, schmollte Yvonne.
„Quatsch!“ widersprach Babsi. „Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich brauchen, um den Saal vollzukriegen?“
„Außerdem … Warum solltest gerade du der Star sein, Puppe?“ stichelte die dicke Ruth. „So schön bist du doch auch wieder nicht!“
„Weil ich schon auf der Bühne gestanden habe und … und außerdem später mal ganz berühmt sein werde!“
„Warum zankt ihr euch überhaupt?“ erkundigte sich Michaela.
„Das wollte ich auch gerade fragen“, stimmte Fräulein Esser ihr zu. „Seid lieber still und hört zu. Ich lege jetzt die erste Platte auf. Ihr werdet sehen, die Handlung ist einfach. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, haben ihren Eltern einen Streich gespielt und laufen aus Angst vor Bestrafung von zu Hause weg. Ein Landstreicher – ,Tramp‘ wird er in dem Stück genannt – verspricht, sie mit in die weite Welt zu nehmen. Er führt sie aber nur in einen Zaubergarten, wo sie allerhand seltsamen und lustigen Figuren begegnen. Aber schließlich werden sie müde und sehnen sich nach Hause. Der Tramp hilft ihnen, den Heimweg zu finden.“
Fräulein Esser setzte den Tonarm auf die Platte. Mit fünf kräftigen Paukenschlägen setzte die Musik zum „Zaubergarten“ ein.
Die Mädchen lauschten zuerst mit einiger Zurückhaltung. Aber schon wenige Minuten später wurden alle von den tänzerischen Rhythmen gepackt. Sie wirkten geradezu enttäuscht, als die Zeit zum Abendessen gekommen war.
„Später machen wir weiter“, vertröstete Fräulein Esser sie, „unten im Eßsaal. Dann können wir auch schon mal versuchen zu tanzen.“
Die Stiftlerinnen der Gruppen 6 a und 6 b waren aufgeregt und aßen schneller als gewöhnlich, obwohl ihnen das gar nichts nutzte. Sie konnten mit der ersten Probe nicht beginnen, bevor alle fertig gegessen hatten. Im Hintergrund des Eßsaales, der auch als Versammlungsraum benutzt wurde, befand sich – jetzt noch hinter einem Vorhang verborgen – die Bühne, auf der getanzt werden sollte.
Die Mädchen schwatzten munter durcheinander und konnten es kaum erwarten. Aber Michaela spürte, daß sich ein neuer Ton in ihre Unterhaltung eingeschlichen hatte. Es ging nicht mehr so friedlich und kameradschaftlich zu wie sonst. Die meisten hatten schon eine bestimmte Rolle gefunden, die sie gern übernehmen wollten, und fürchteten, daß eine andere sie ihnen wegschnappen könnte. Michaela war nicht so ehrgeizig. Sie hatte noch nie getanzt und fürchtete, sich zu blamieren.
Kaum hatte sich der Saal geleert, und noch waren die diensthabenden Stiftlerinnen dabei, die Teller und Schüsseln wegzuräumen, als Babsi schon den Vorhang von der Bühne zurückzog und Fräulein Esser die erste Platte noch einmal auflegte.
Sie klatschte in die Hände. „Meine Damen, worauf wartet ihr noch? Ihr kennt die Musik ja schon … Versucht, was ihr daraus machen könnt!“
Yvonne tanzte sofort los, wobei sie sich, um sich interessant zu machen, fürchterlich verrenkte.
Aber niemand lachte, und die anderen sagten nichts, sondern versuchten selber zaghaft ein paar Schritte.
Michaela stand noch immer am Rand der Bühne und sah ihnen zu. Ihr fiel auf, daß ein hageres, hoch aufgeschossenes Mädchen namens Susi Schmidt ihre Sache besonders gut machte. Zwar tanzte sie zurückhaltend und wirkte gehemmt, aber sie zeigte ein besonders starkes Gefühl für Rhythmus und geriet nie aus dem Takt, ja, sie wagte jetzt sogar ein paar große Sprünge.
Susi Schmidt gehörte zu den acht Mädchen der Gruppe 6 a, zu der auch Michaela zählte. Erst in diesem Augenblick wurde es Michaela bewußt, daß sie so gut wie nie mit ihr gesprochen hatte. Sie wußte nur, daß Susi eine besonders gute Schülerin war, sich aber in der Gruppe stets zurückhielt, zwar nie gegen den Strom schwamm, aber, wenn die anderen heftig diskutierten, meist schwieg und lächelte. Noch nie hatte Michaela sie so aus sich herausgehen sehen wie jetzt beim Tanz.
„He, Mickymaus, brauchst du eine Extraaufforderung?“ rief Babsi ihr zu und reichte ihr die Hand, um sie auf die Bühne hinaufzuziehen.
Michaela ließ es sich gefallen. „Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll“, gestand sie.
Babsi lachte. „Meinst du etwa, ich? Hüpf einfach ein bißchen herum, es kommt doch jetzt noch gar nicht darauf an … Tu, was dir Spaß macht!“
Michaela folgte diesem gutgemeinten Rat, und nach den ersten zaghaften Schritten stellte sie zu ihrer eigenen Überraschung fest, daß es für sie ein großes Vergnügen war, sich im Takt der Musik zu bewegen. Sie probierte Wechselschritte, Drehungen und Sprünge und wurde bald so ausgelassen wie alle anderen.
Fräulein Esser ließ ihnen jede Freiheit; sie gab weder Ratschläge, noch übte sie Kritik. Aber nach einiger Zeit tanzte sie mit, und wer sich noch nicht zurechtgefunden hatte, konnte sie jetzt nachahmen. Die Mädchen tanzten zusammen mit ihrer Erzieherin bis zum großen Finale. Und als die B-Seite der letzten Platte zu Ende war, hätten sie am liebsten noch einmal von vorn angefangen.
Aber da wurde es schon Zeit zum Schlafengehen. Noch nie war ein Samstag so schnell vergangen.
Die Funken stieben
Auch am Sonntag wurde, sobald die Kirchgängerinnen heimkamen, noch eine Stunde bis zum Mittagessen getanzt, und nachmittags ging es weiter. Am Abend waren alle total erschöpft und froh, daß Fräulein Esser, anstatt weiterzuproben, sie zu einer Besprechung in ihr Zimmer einlud. Die Erzieherin bewohnte einen großen, schön eingerichteten Raum mit schrägen Wänden im obersten Stock der Schule. Hier fühlten sich die Stiftlerinnen keineswegs so ungehemmt wie in ihren eigenen vergammelten Zimmern. Hier gab es keine Poster an den Wänden, sondern hübsche – wie die Mädchen fanden – reichlich altmodische Aquarelle. Auf den gepflegten Möbeln konnte man sich nicht herumflegeln, sondern mußte anständig sitzen und die Füße auf dem Boden lassen.
Gewöhnlich wurden die Mädchen nur zu vieren oder höchstens sechsen in das Zimmer der Erzieherin eingeladen. Es war eine Ausnahme, daß heute alle auf einmal kommen durften. Es fehlten nur Lolo Herterich aus der Gruppe 6 a, die mit Sondergenehmigung auch die kurzen Wochenenden zu Hause verbringen durfte, und zwei Schülerinnen aus der 6 b, die krankgeschrieben waren. Natürlich gab es nicht genügend Sitzgelegenheiten, und deshalb hatten sich einige in weiser Voraussicht Kissen oder Stühle von unten mitgebracht. Irgendwie fand jede Platz, und für jede hatte Fräulein Esser ein Gedeck, Tasse, Untertasse und Teller. Sie schenkte Tee ein, dazu gab es kleine Kuchen aus der beliebten Bäckerei an der Ecke. Der Novemberregen trommelte gegen die Fenster und auf die Schräge des Daches. Das machte das Zusammensein besonders gemütlich, wenn auch alle voll prickelnder Erwartung waren.
Fräulein Esser wartete, bis sie den Kuchen gegessen hatten, goß frischen Tee auf, schenkte noch einmal aus der riesigen Kanne ein, bevor sie hinter sich langte, einen Ringhefter von ihrem Schreibtisch holte und ihn aufschlug. „Ich habe mir hier schon einige Notizen für das Musical gemacht, meine Damen“, begann sie. „Ihr habt euch, meine ich, auch schon ein bißchen eingetanzt und wißt, um was es geht. Also können wir jetzt versuchen, die Rollen zu verteilen. Da ist zuerst einmal der Tramp. Ich sage nicht, daß es die wichtigste Rolle ist, aber sie ist eine der vielseitigsten, das habt ihr ja selber wohl gemerkt. Wen würdet ihr dafür vorschlagen?“
Im gleichen Augenblick schnellte Yvonne, als wenn sie nur auf das Stichwort gewartet hätte, von dem mitgebrachten Klappstühlchen in die Höhe. „Mich natürlich!“ schrie sie.
„Du könntest die Rolle bewältigen“, gab Fräulein Esser zu, „dennoch halte ich dich nicht für die richtige Besetzung. Erstens bist du zu klein, den Tramp kann nur eine Große spielen …“
„Warum?“ protestierte Yvonne. „Wo steht das? Ein Tramp kann genausogut klein sein!“
Fräulein Esser überging diesen Zwischenruf. „… und auch deine Frisur paßt nicht dazu!“
Yvonne warf ihre schwarze Mähne mit Schwung in den Nacken. „Das ist doch kein Problem!“ behauptete sie. „Die Haare verstecke ich einfach unter einer Mütze!“
„Nein, nein“, widersprach Fräulein Esser, „du kannst nicht das ganze Stück mit Mütze tanzen, erstens wirkt das nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe … Und dann würde eine Mütze dich auch beim Tanzen hindern. Jetzt sei mal friedlich, Yvonne, Setz dich wieder. Für dich habe ich auch eine schöne Rolle. Ich denke, du kannst die Julia übernehmen.“
„Das kleine Mädchen!? Das ist doch einfach blöd!“
„Ganz und gar nicht, es ist eine der großen, durchgehenden Rollen.“
Yvonne stampfte mit dem Fuß auf. „Aber ich will nicht die Julia, ich will den Tramp!“
„Das, liebe Yvonne, haben wir jetzt alle zur Kenntnis genommen. Sei so gut und setz dich, und laß mal die anderen reden!“ Fräulein Esser sah sich im Kreis um. „Was meint ihr? Haltet ihr Yvonne für die Rolle geeignet?“
„Nein, nein!“ – „Das ist eine typische Quatschidee!“ – „Viel zu klein! Und überhaupt!“ – „Yvonne paßt besser für die Julia!“ riefen die Mädchen.
„Du siehst, die Mehrheit …“, begann Fräulein Esser mit einer Handbewegung.
Yvonne war nicht bereit nachzugeben. „Aber was verstehen die denn schon von einem Musical!“ rief sie. „Was verstehen die von einer richtigen Rollenverteilung? Von meinem Talent?“
Die anderen lachten und schimpften.
„Puste dich bloß nicht so auf, Puppe!“ mahnte Babsi. „Noch bist du jedenfalls keine Künstlerin, sondern bloß ’ne halbe Portion!“
Yvonne pflanzte sich, die Fäuste in die Seiten gestemmt, vor ihr auf. „Unverschämtheit! So was brauche ich mir von dir nicht sagen lassen!“
Babsi grinste und blickte von der Höhe des Fensterbretts auf Yvonne herab, die, wenn sie beide auf gleicher Ebene gestanden hätten, fast zwei Köpfe kleiner und nur halb so breit war. „Willst du dich etwa mit mir anlegen? Na, versuch’s nur!“
„Ihr seid dazu imstande!“ mischte sich Fräulein Esser ein. „Rauft euch, wenn es unbedingt sein muß, im Garten … aber keinesfalls in meinem Zimmer. Yvonne, setz dich, oder du fliegst an die Luft!“
Das wirkte, denn Yvonne kannte die Erzieherin gut genug, um zu wissen, daß sie nicht davor zurückschrecken würde, ihre Drohung wahr zu machen.
Schmollend ließ sie sich auf ihr Stühlchen zurücksinken. „Ihr seid eben alle gegen mich!“
„Nun, hat jemand einen anderen Vorschlag für den Tramp?“ fragte Fräulein Esser.
„Susi Schmidt!“ platzte Michaela zu ihrer eigenen Überraschung heraus.
Yvonne war sofort wieder auf den Füßen. „Wer hat dich denn gefragt, du Mickymaus!? Du gehörst ja noch gar nicht dazu!“
Michaela war es, als wenn alle sie anstarrten, und sie hatte das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. „Ich dachte nur …“, murmelte sie.
„Sprich weiter, Michaela!“ ermutigte Fräulein Esser sie. „Jede darf hier ihre Meinung sagen, dafür sind wir ja zusammengekommen. Was für Gründe hast du, Susi vorzuschlagen?“
„Nun, erstens mal ist sie groß ….“
„Als wenn das das Wichtigste wäre!“ rief Yvonne dazwischen, duckte sich aber unter Fräulein Essers zurechtweisendem Blick.
„… und zweitens hat sie eine Jungenfigur und kurz geschnittenes Haar“, fuhr Michaela fort, „und überhaupt finde ich, daß sie ganz Spitze tanzt!“ Sie sah sich herausfordernd im Kreis um, gewärtig, daß alle über sie herfallen würden.
„Ich stimme für Michaelas Vorschlag“, sagte Babsi sofort.
„Ich auch!“ rief Pieps.
„Susi würde einen guten Tramp abgeben“, erklärte die dicke Ruth.
Fräulein Esser lächelte. „Ich freue mich über euer Urteilsvermögen“, erklärte sie, „tatsächlich bin ich völlig eurer Meinung: Auch ich hatte an Susi als Tramp gedacht. Nun, wie ist’s, Susi, würdest du die Rolle übernehmen?“
Susi hatte sich im Zeitlupentempo erhoben, sie kaute auf ihrer Unterlippe und sah alles andere als erfreut aus. „Warum gerade ich?“ wollte sie wissen.
„Das hast du doch gehört!“ rief Ruth Sommer. „Laß dich jetzt bloß nicht stundenlang bitten!“
Aber ehe Susi ein Wort hervorbrachte, trumpfte Yvonne schon wieder auf: „Wenn Susi den Tramp spielt, müßt ihr auf mich verzichten!“
„Yvonne, nimm Vernunft an!“ mahnte Babsi. „Kannst du denn wirklich nicht einsehen, daß Susi für den Tramp geeigneter ist als du?“
„Überhaupt nicht!“ Yvonne warf den Kopf in den Nacken. „Oder glaubt ihr etwa, sie könnte sich besonders gut in einen Landstreicher hineinversetzen, weil ihr Vater Müllkutscher ist?“ Sekundenlange Stille trat ein. Yvonne spürte wohl selber, daß sie übers Ziel hinausgeschossen war, aber sie mochte nicht klein beigeben. „Ist doch wahr“, beharrte sie kleinlaut und ließ sich, die seidigen schwarzen Wimpern gesenkt, wieder nieder.
„Das war aber ein Schlag unter die Gürtellinie“, stellte die dicke Ruth ganz erschüttert fest.
Michaela hätte es niemals für möglich gehalten, daß so etwas im Stift vorkommen könnte. Sie saß erstaunt mit halboffenem Mund da.
Wenn Susi sich getroffen fühlte, so wußte sie es doch gut zu verbergen; sie verzog keine Miene. Nur wer sie sehr aufmerksam beobachtet hatte, konnte erkennen, daß sie einen Ton blasser geworden war.
„Du solltest froh sein, daß es Müllkutscher gibt“, erklärte sie mit einer Stimme, die nur ein ganz klein wenig schwankte, „sonst würdest du im Dreck ersticken, Puppe. Aber daß du es nur weißt: Ich pfeife auf eure blöde Rolle. Ich bin nur hier, um zu lernen. Eure alberne Theaterspielerei, mit der ihr doch bloß die Zeit totschlagen wollt, interessiert mich nicht im geringsten. Macht doch euren Dreck alleine!“ Hocherhobenen Kopfes verließ sie, ehe jemand sie aufhalten konnte, das Zimmer.
Babsi rutschte von der Fensterbank und rannte ihr nach. Die anderen blieben betroffen zurück.
„Das hättest du nicht sagen dürfen, Puppe!“ zirpte Pieps.
„Das war ’ne regelrechte Gemeinheit!“ stimmte die dicke Ruth ihr zu. „Kotz, kotz!“
„Einfach bodenlos!“ rief auch Evelyn, ein etwas geziert wirkendes Mädchen mit langen blonden Locken.
Jede einzelne gab ihre Empörung über Yvonnes Ausrutscher zum Ausdruck.
Aber Yvonne wollte nicht begreifen, daß sie sich schlecht benommen hatte, und war noch weniger bereit, sich zu entschuldigen. „Ihr seid eben alle gegen mich“, behauptete sie stur.
„Du siehst, was deine Kameradinnen von deinem Benehmen halten“, erklärte Fräulein Esser, „ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Wir wollen sehen, daß wir doch noch etwas heute abend erledigen. Klammern wir also den Tramp aus und versuchen, für die anderen Rollen die richtige Besetzung zu finden.
Das erwies sich als einfacher. Es wurden zwar auch noch einige Kämpfe ausgetragen, aber immerhin in anständiger und fairer Weise. Pieps wurde dazu bestimmt, Tom, den kleinen Jungen zu spielen, Yvonne die Julia, die dicke Ruth eine Hexe, Babsi den Schornsteinfeger, Evelyn die Fee, und auch für alle anderen gab es Einzelrollen; manche mußten sogar zweimal auftreten. Einmal acht und einmal sechs Mädchen von etwa gleicher Größe und Figur wurden zu einer Tanzgruppe zusammengefaßt.
Michaela mischte sich nicht in die Auseinandersetzungen ein. Sie hatte sich ganz in die Fensternische zurückgezogen und war in Gedanken mehr bei der schwerbeleidigten Susi. Sie hoffte, daß es Babsi gelingen würde, sie zurückzubringen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ihr auffiel, daß die Rollen schon fast verteilt waren, ohne daß man ihr selber eine übertragen hatte. Michaela besaß keinen falschen Ehrgeiz. Sie hatte überhaupt nicht vorgehabt, bei der Theateraufführung zu glänzen. Aber daß man sie so völlig zu übergehen schien, kränkte sie denn doch.
Kurz entschlossen rutschte sie von der Fensterbank und versuchte, sich einen weg zur Tür zu bahnen.
„Michaela, wo willst du denn hin?“ fragte Fräulein Esser.
Sie räusperte sich. „Nur nach Susi sehen … und nach Babsi!“ brachte sie mühsam hervor.
In diesem Augenblick wurde die Tür von außen geöffnet, und Babsi kam wieder herein. „Nichts zu machen“, sagte sie achselzuckend, „da hast du was Schönes angerichtet, Yvonne.“
„Ach, ihr könnt mich doch mal!“ gab Yvonne zurück, vorsichtshalber aber so leise, daß Fräulein Esser es nicht verstehen konnte.
Babsi zog Michaela wieder zur Fensterbank zurück. „Wißt ihr jetzt endlich, wer den Tramp spielt?“ fragte sie.
„Ich hatte an Michaela gedacht“, schlug Fräulein Esser vor.
„An mich!?“ Michaela traute ihren Ohren nicht.
Babsi gab ihr einen freundschaftlichen Klaps. „Liegt doch auf der Hand! Erstens bist du groß, und zweitens trägst du so ’ne Art Pagenkopf, der noch als Jungenfrisur durchgehen kann …“
„Trampelt doch nicht immer wieder auf den Haaren herum!“ rief Yvonne dazwischen. „Wenn es nur daran liegt, dann …“, sie hatte eine große Papierschere auf dem Schreibtisch von Fräulein Esser entdeckt und griff jetzt danach, „… schneide ich sie mir einfach ab!“
„Puppe!“ riefen die anderen durcheinander. „Bist du verrückt?“ – „Bei dir piept’s wohl!“ – „Leg sofort die Schere weg!“ – „Ach, die blufft doch nur!“
Aber Yvonne meinte es ernst. Schnapp! machte die Schere, und sie hielt ein dickes Büschel ihres schönen schwarzen Haares in der Hand. Und noch einmal und noch einmal schnitt sie zu, bis sie aussah wie ein gerupfter Vogel. „So!“ rief sie triumphierend. „Den Rest kann der Friseur besorgen!“
„Yvonne, du schreckliches Mädchen!“ Fräulein Esser hatte, was selten genug vorkam, die Fassung verloren. „Was wird deine Mutter dazu sagen?“
„Ach, die versteht, daß man alles opfert, wenn es um eine gute Rolle geht! Jetzt darf ich den Tramp doch spielen, nicht wahr?“
Die Erzieherin schüttelte den Kopf. „Nein, Yvonne. Wir haben uns schon für Michaela entschieden.“
Doch Michaela brachte es nicht fertig, ihr die Rolle wegzuschnappen. „Wenn sie so versessen darauf ist, kann sie die Rolle haben“, erklärte sie, „mir liegt ja gar nichts daran.“
Yvonne machte einen Luftsprung. „O Micky, du bist eine Wolke!“
Babsi dämpfte den Jubel: „Freu dich nicht zu früh, Puppe! Michaela hat darüber gar nicht zu entscheiden, sondern wir alle zusammen … Und wir lassen uns nicht von dir unter Druck setzen. Von mir aus laß dir ’ne Glatze scheren. Ich bin trotzdem dagegen, daß du den Tramp spielst.“
„Aber, Babsi …“, begann Michaela.
„Halt dich raus!“ fauchte Babsi Michaela an. „Yvonne hat sich Susi gegenüber unmöglich benommen, und dafür hat sie alles andere als eine Belohnung verdient. Mit solchen Mitteln kämpft man nicht. Es ist einfach niederträchtig, jemandem vorzuhalten, was die Eltern sind. Ganz abgesehen davon, hat es überhaupt nichts zu sagen. Wir hier im Stift sind noch nie danach gegangen. Bei uns gilt nur, was man selber ist … Und Yvonne ist eine eitle, geltungssüchtige, oberflächliche und bösartige Göre. Pfui Teufel! So was wie die kann einem ja das ganze Stiftleben verleiden!“
„Ich stimme Babsis Ausführungen zu – zwar nicht in der Form, aber dem Inhalt nach“, erklärte Fräulein Esser. „Yvonne bekommt die Rolle nicht. Da Susi verzichtet hat, spielt Michaela sie.“
Michaela wußte nicht mehr, wie sie sich verhalten sollte. Sie sah ein, daß Babsi und Fräulein Esser recht hatten. Aber Yvonne, die sich nun für nichts und wieder nichts ihre Haare abgeschnitten haben sollte, tat ihr ganz einfach furchtbar leid.
„Micky, wenn du jetzt kneifst“, flüsterte Babsi, „dann bist du von jetzt an für mich gestorben. Nicht nur für mich, sondern für alle Stiftlerinnen. Die einzige, an die du dich dann halten kannst, ist Yvonne. Und die läßt dich fallen wie eine heiße Kartoffel, sobald es ihr in den Kram paßt. Also, was ist?“
Michaela seufzte tief. „Na, so sympathisch ist mir Puppe ja nun auch wieder nicht“, flüsterte sie zurück. Dann wandte sie sich mit einem gezwungenen Lächeln an die gerupfte Yvonne: „Du siehst, ich bin überstimmt – aber nimm’s nicht tragisch. Die Julia ist ganz bestimmt auch eine hübsche Rolle.“
„Die“, stellte die dicke Ruth herzlos fest, „kann sie mit ihrem neuen Haarschnitt ja nun auch nicht mehr spielen. Jetzt bleibt nur noch der Tom für sie übrig …“
„Hurra!“ quiekte Pieps. „Und ich mache die Julia!“
„Ihr Bande!“ schrie Yvonne außer sich. „Ihr unverschämte, gemeine … ihr … ihr …“ Sie fand keine Worte, ihrer Wut Ausdruck zu geben.
„Geschenkt, Puppe“, winkte Babsi lässig ab, „wir verstehen durchaus, daß du jetzt böse auf uns bist. Anders war es ja nicht zu erwarten. Aber irgendwie mußt du ja lernen, daß dir nicht ständig ’ne Extrawurst gebraten werden kann!“
Yvonne, blaß vor Zorn, stürzte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
„Ich schlage vor, jetzt trinken wir noch eine Tasse Tee miteinander“, sagte Fräulein Esser, „das beruhigt die Nerven.“
Damit waren alle einverstanden.
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