Buch lesen: "Bleibt uns die Hoffnung"
Marie Louise Fischer
Bleibt uns die Hoffnung
SAGA Egmont
Bleibt uns die Hoffnung
Bleibt uns die Hoffnung
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1973 by Bertelsmann Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711718438
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Der Tag war ungewöhnlich warm für Ende Mai. Ein kurzer Regen in der Frühe hatte kaum Abkühlung gebracht. Die Luft war schwül, als stünde noch ein Gewitter bevor.
Sabine Miller hatte das Fenster des ebenerdigen Schlafzimmers weit geöffnet und sich aufs Fensterbrett geschwungen. Obwohl sie nur einen kurzärmeligen weißen Kittel über Höschen und Büstenhalter trug, war ihr heiß. Sie schüttelte die Sandalen von den Füßen.
Das Schlafzimmer war immer schon zu eng für die schweren Möbel gewesen, die noch aus den ersten Ehejahren stammten. Millers hatten geplant, es neu einzurichten, sobald die drückendsten Schulden, die sie für den Bau ihres Hauses hatten aufnehmen müssen, getilgt sein würden. Aber so weit war es nie gekommen. Jetzt mußte auch noch ein Kinderbett hier Platz finden.
Ilona, die zwanzigjährige, unverheiratete Tochter, saß auf der Kante des Ehebetts, die dem Fenster zugewandt war, und gab ihrem Baby das Fläschchen. Sie war vollständig angezogen, trug ein schickes, gelbes Polokleid, Perlonstrümpfe, weiße Pumps und wirkte, als wäre sie nur gerade eben auf einen Sprung hereingekommen.
Tatsächlich hatte sie den ganzen letzten Monat bei ihren Eltern in Riesberg verbracht. Gleich von der Klinik aus, in der sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte, war sie nach Hause gekommen. Inzwischen war ihre Schonzeit abgelaufen, und sie mußte nach München an ihren Arbeitsplatz zurück.
Das Fläschchen war leer, und Ilona zog ihrem Baby den Sauger aus dem Mund.
»Wie gut Katja trinkt!« lobte Sabine.
»Ja, sie ist ein wahrer Schatz. Ich werde sie sehr vermissen.« Ilona legte die Hand unter den Rücken der Kleinen, richtete sie auf und hielt sie hoch. »Mach ein Bäuerchen! Ein schönes Bäuerchen!«
Katja verzog das Gesicht, als wenn sie sich Mühe gäbe, der mütterlichen Aufforderung nachzukommen.
»Sieh nur, wie sie sich anstrengt, Mutti!« rief Ilona. »Ist sie nicht süß?«
Sabine Miller beobachtete die beiden mit Rührung. »Sie kommt ganz nach dir«, behauptete sie, »bis auf die roten Haare und die helle Haut… die hat sie von ihrem Vater!«
»Hoffentlich hat sie im Leben mehr Glück als ich!« rutschte es Ilona heraus, aber sie verbesserte sich sofort. »Ich hab’s nicht so gemeint, Mutti, wirklich nicht … ich bin ganz und gar nicht verbittert. Schließlich bin ich jung und gesund und habe ein süßes Baby und eine Mutter, die …«
Sabine fiel ihr ins Wort. »Du solltest dich mit Oswald in Verbindung setzen. Er weiß gar nicht, daß er ein Kind hat … oder doch?«
»Nein. Und er soll es auch nie erfahren.« Ilonas ebenmäßiges Gesicht verdüsterte sich, als sie die Brauen zusammenzog.
»Sei mir nicht böse, aber ich finde deinen Standpunkt ziemlich kindisch!«
»Daß ich mein Kind für mich allein haben will? Daß ich kein Geld von einem Mann möchte, der mich noch vor der Hochzeit betrogen hat?« Ilona warf mit einer heftigen Bewegung ihr tiefschwarzes Haar in den Nacken; ihre Wangen waren von der Frühjahrssonne schon gebräunt, und sie wirkte in ihrer Wildheit fast zigeunerhaft, wenn nicht das Blau ihrer Augen gewesen wäre.
»Es geht ja gar nicht um dich«, wies Sabine sie zurecht, »sondern um Katja!«
»Ich kann allein für sie sorgen!«
»Selbst wenn das so wäre! Denk mal darüber nach, wie scheußlich es für sie werden wird, mit dem Vermerk »Vater unbekannt durchs Leben zu gehen!«
Ilona klopfte dem kleinen Mädchen sanft auf den Rücken, bis die Luft aus dem Magen kam. »Ich werde ihr später alles erklären.«
Sabine seufzte. »Du wirst auch noch erfahren, wie wenig man seinen eignen Kindern erklären kann.«
Ilona gab ihrem Baby einen Kuß auf das Näschen. »Und nun, mein Schatz, muß ich mich fertig machen. Und du läßt dich jetzt lieb und brav von deiner Oma wickeln!«
Sabine, die schon von der Fensterbank gerutscht war, um das Kind zu übernehmen, gab es einen Stich; sie spürte, daß ihr das Blut in die Wangen schoß.
Auch Ilona bemerkte es. »Was ist los mit dir? Bist du etwa schon in den Wechseljahren?«
»Nein. Aber auch bis dahin wird es wohl nicht mehr weit sein. Immerhin bin ich ja schon eine ›Oma‹ geworden.« Unwillkürlich warf Sabine einen Blick in den großen, ovalen Toilettenspiegel; was sie sah, war eine schlanke Frau mit hellen Augen, leicht aufgeblondetem Haar und weicher Haut. »Ich komme mir plötzlich alt vor.«
»Weil ich Oma «gesagt habe?« Ilona lachte. »Du bist nun mal Großmutter. Wie soll dich Katja denn sonst nennen? Etwa Sabine … oder Biene, wie die Jungens sagen? Ich wußte gar nicht, daß du für so antiautoritäre Erziehung bist!«
»Ja, lach mich nur aus, aber du hast mir mit deiner ›Oma‹ tatsächlich einen leichten Schock verpaßt… so wie andere Frauen ihn angeblich kriegen, wenn sie das erste graue Haar entdecken!«
»Wenn es danach ging«, sagte Ilona, »müßte ich mir uralt vorkommen. Ich finde mindestens jeden Tag eins, das ich mir ausreißen muß!«
Sabine schloß das Fenster, und der Lärm der Vorstadtstraße drang nur noch gedämpft herein. Sie zog das Wickelgestell aus dem Schrankwinkel heraus, baute es auf und legte die vorbereiteten Windeln zurecht. Dann übergab Ilona ihr die kleine Katja.
Während Sabine das Kind auspackte, es abwusch, eincremte, puderte und wickelte, suchte Ilona noch ein paar Toilettenartikel zusammen, die sie in ihre große Reisetasche steckte, nahm ihre Handschuhe und legte sich den Regenmantel über den Arm.
Zögernd blieb Ilona nahe der Tür stehen und blickte sich im Zimmer um, als glaubte sie etwas vergessen zu haben. »Ich lauf’ noch mal rauf, ich muß mich noch von Sven verabschieden.«
Sabine blickte auf. »Ja, tu das! Aber beeil dich, damit du nicht den Bus verpaßt!«
»Das schaffe ich noch leicht!«
Ilona verließ das Schlafzimmer, durchquerte die Diele und stieg in den ersten Stock hinauf, in dem früher sie und ihre Brüder ihre Zimmer gehabt hatten. Inzwischen wurde es von Tante Ethel bewohnt, der Schwester ihres Vaters. Sie war mit ihrem Bausparvertrag eingesprungen, als die Familie in eine akute Notlage geraten war.
Während Ilona die Stufen hinaufeilte, dachte sie mit Dankbarkeit und ohne Bedauern daran. Sie empfand keine Bindung an dieses Haus, das ihre Eltern sich unter großen Opfern gebaut hatten, denn bei ihrem Einzug war sie schon auf dem Sprung gewesen, sich innerlich zu lösen. Sie hatte einen Kreis von Freundinnen und Freunden in Riesberg gehabt und war gerade noch zum Schlafen nach Hause gekommen. Später hatte sie sich mit dem reichen Oswald Zinner verlobt. Damals hatte gehofft, für immer hier wegzukommen. Dann, als es doch nicht zu dieser Heirat gekommen war, hatte sie erst ihrem Elternhaus, Riesberg und den Menschen, vor denen sie sich blamiert fühlte, den Rücken gekehrt. Sie war entschlossen gewesen, in München ein ganz neues Leben anzufangen. Es war das Kind, das sie wieder hierher zurückgebracht hatte, aber auch nur vorübergehend.
Ohne das selber ganz klar zu erkennen, war Ilona froh, daß sie nicht wieder in ihr Jungmädchenzimmer hatte ziehen können, sondern mit der Mutter zusammen in dem ehemaligen elterlichen Schlafzimmer hausen mußte. Das betonte das Provisorische ihres Hierseins.
Der erste Stock war durch keine Wohnungstür vom übrigen Haus abgetrennt. Ilona lief durch eine kleine Diele und kletterte weiter hinauf bis zum Dachgeschoß, wo Svens Zimmer war.
Sie klopfte an, bevor sie eintrat. Der gemütliche Raum mit den schrägen Wänden, der wie eine Schilfskoje eingerichtet war – Sven hatte das Zimmer von seinem Bruder Knut, die Möbel von seinem Bruder Torst übernommen –, war leer.
Unwillkürlich schnupperte Ilona – nein, es lag kein Hauch von Hasch in der Luft. Das beruhigte und beschämte sie gleichermaßen; sie kam sich ein bißchen vor wie eine Spionin. Dabei war sie nur besorgt um Sven.
Sabine hatte ihr von jener Nacht erzählt, in der sie und Ethel Sven erwischt hatten, als er sich mit einem Seil aus seinem Fenster in den Garten hatte herablassen und mit einem Sack voll Diebesgut davonmachen wollen. Dabei war er gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, und so war alles aufgekommen: daß er und zwei ältere Kameraden von einem Verbrecher unter Druck gesetzt worden waren, der ihnen Waren, die sie aus abgestellten Autos entwendet hatten, gegen Hasch eintauschte. Es war Sabine, die diesem Spuk ein Ende gemacht hatte, während Ethel den Jungen ins Krankenhaus fuhr. Sie hatte den Gangster zur Rede gestellt, die Eltern der anderen Jungen verständigt und die Diebesbeute in ein Gebüsch geworfen. Lange hatten die Frauen gezittert, daß diese böse Affäre noch ein Nachspiel auf der Polizei haben könnte. Aber außer einer kurzen Notiz im ›Oberbayerischen Volksblatt‹, die die Auffindung der gestohlenen Sachen durch einen Rentner meldete, war nichts geschehen, und nach einiger Zeit hatten sich alle wieder beruhigt.
Arnold gegenüber, der zu jener Zeit noch inhaftiert gewesen war, hatte man die ganze Geschichte verschwiegen.
Sven hatte geschworen, nie wieder zu Drogen zu greifen. Er war geschockt gewesen und schien geradezu erleichtert, daß er erwischt worden war; denn aus eigener Kraft hatte er keinen Ausweg mehr aus der Zwangslage gewußt, in die er und seine Freunde sich hineinmanövriert hatten. Sabine war von seiner Besserung überzeugt.
Nur Ilona hegte den Verdacht, daß die guten Vorsätze des Bruders womöglich nicht von Dauer waren. Sie überlegte, ob sie mit ihrer Mutter darüber sprechen sollte, aber sie schreckte davor zurück, sie noch mehr zu belasten. Sie hatte es ohnehin schwer genug. Da waren ihre beiden kleinen Neffen, die Zwillinge, deren Pflege sie übernommen hatte, seit Rosy, Onkel Egons Frau, in die Heilanstalt eingeliefert worden war; da war Ilonas Baby, das sie versorgen mußte, und noch dazu der Vater, der ein Problem für sich darstellte.
Ilona seufzte, als sie daran dachte. Sie schlug rasch die Tür wieder zu und lief nach unten. So schwer ihr der Abschied von ihrem Baby fiel, sie war dennoch froh, nun den Familienschwierigkeiten zu entrinnen.
Ilona fand Sabine in der kleinen Loggia, wohin sie den Kinderwagen mit Katja geschoben hatte; die Mutter war gerade dabei, den Tüllschleier festztubinden, der die Kleine vor Insekten schützen sollte.
»Sven ist nicht zu Hause, bestell ihm einen Gruß von mir!« sagte sie atemlos.
»Du kommst doch nächstes Wochenende?«
»Wenn es sich eben machen läßt.« Ilona hätte liebend gern noch einen letzten Blick auf ihr Kind geworfen, aber sie wollte das Werk ihrer Mutter nicht zerstören, nur um einer Sentimentalität nachzugeben. »Ich weiß gar nicht, wie ich ohne Katja auskommen soll.«
»Mach dir keine Gedanken ihretwegen. Ich paß schon auf sie auf.«
»Aber sicher!« Ilona nahm ihre Mutter in die Arme. »Ich hab’s dir vielleicht noch nicht gesagt… aber ich bin dir riesig dankbar. Wenn du mir nicht geholfen hättest, wäre ich ganz schön aufgeschmissen gewesen.«
Einen Augenblick lang hielten die beiden Frauen sich eng umschlungen.
Sabine löste sich als erste. »Findest du nicht, daß es unheimlich still ist?«
»Nein, wieso?!«
»Ich sehe die Zwillinge nirgends!«
»Die sind sicher…« Ilona blickte sich um und entdeckte eine Bewegung hinter den Johannisbeerbüschen. »Moment mal!« Sie setzte ihre Reisetasche ab und spurtete los.
Sabine lief ihr nach.
Die beiden Jungen hatten einen Sandhaufen aufgeschüttet und mit Wasser durchtränkt. Jetzt waren sie damit beschäftigt, mit beiden Händen darin herumzumantschen. Dabei hatten ihre Gesichter, ihre Hosen und Hemden einen tüchtigen Teil abbekommen.
»Andy … Chris! Mein Gott, wie seht ihr aus?!« rief Ilona entgeistert.
Christian reagierte überhaupt nicht.
Andy, eine halbe Stunde älter als sein Bruder, schmaler und einen knappen Zentimeter größer, hob die dunklen Augen mit unschuldsvollem Blick. »Wir backen Kuchen … schön, nich?«
»Ihr wißt genau, daß der Sand zum Betonieren bestimmt ist«, sagte Sabine, »euer Pech, wenn jetzt die Schaukel nicht aufgestellt werden kann, weil nicht mehr genügend da ist.«
»Och, dann bringen wir ihn einfach wieder zurück!« Andy griff mit beiden Händen in den Matsch und warf einen Batzen in die rosa Plastikschüssel, die er aus der Küche stibitzt hatte.
Christian folgte dem Beispiel seines Bruders. »Patsch … patsch!«
Ilona mußte lachen. »Sind die noch zu retten?«
Die beiden kleinen Jungen hatten Freude an dem neuen Spiel gefunden und versuchten sich gegenseitig zu übertreffen. Sie klatschten den nassen Sand in die Schüssel, daß er aufspritzte.
Sabine stimmte in das Lachen ihrer Tochter ein. »Na, immerhin traue ich mir zu, sie wieder sauber zu kriegen! Los kommt mit, ihr beiden! Die Badewanne wartet!«
»Nicht schon wieder!« schrie Andy.
»Wir wollen nicht schon wieder gewaschen werden!« echote sein Bruder.
»Es ist eure Schuld, wenn ihr euch dauernd dreckig macht!« Andy wollte einen Batzen nach ihr werfen, aber sie fing geschickt sein Handgelenk ab und preßte es, bis er die kleine Faust öffnete und den nassen Sand fallen ließ.
»Kommt mit«, sagte sie energisch, »und du auch, Chris! KeineDummheiten! Ihr wißt… im Ernstfall bin ich immer die Stärkere.«
Die beiden ergaben sich mit hängenden Köpfen in ihr Schicksal.
»Jetzt bin ich dir aber sehr böse, Tante Biene«, brummte Andy.
»Ich bewundere dich, daß du das aushältst«, erklärte Ilona, als sie zum Haus zurückgingen, »die sind doch eine wahre Landplage!« Sie schrie auf, als Chris ihr mit dem Schuhabsatz gegen den Knöchel trat.
»Du tust ihnen unrecht«, sagte Sabine ernst, »die beiden können auch sehr lieb sein. Sie sind ganz normale Buben, mal schlimm, mal brav. So anstrengend sind sie bloß, weil sie beide im gleichen Alter sind und stets die gleichen Flausen im Kopf haben, Aber Torsten und Knut waren seinerzeit auch keine Engel.«
»Aber damals warst du jünger!« platzte Ilona heraus und fügte im gleichen Atemzug hinzu: »Bitte, verzeih mir, Mutti, ich weiß auch nicht, was heute in mich gefahren ist, dir dauernd dein Alter unter die Nase zu reiben!«
Sabine zwang sich zu lächeln. »Das ist wahrscheinlich die Belohnung dafür, daß du mich zur Großmutter gemacht hast!«
»Du hast ja so recht!« rief Ilona reuevoll. »Ich bin einfach eine dumme Gans! Wenn du die Jungen nicht übernommen hättest, könntest du dich um meine Katja ja auch nicht kümmern. Ich sollte heilfroh darüber sein, daß du eingesprungen bist, wahrscheinlich ärgert es mich, daß du dich für die Familie aufopferst!«
»Unsinn, Liebes!«
»Kein Unsinn. Aber was sollte schließlich aus uns ohne deine Aufopferung werden?« Sie waren zur Loggia zurückgekommen, und Ilona griff ihre Reisetasche auf. »Sag, tut es dir nicht doch manchmal leid, daß du deine interessante Arbeit als Sprechstundenhilfe hast aufgeben müssen?«
Sabines Lächeln erstarb. »Darüber«, schlug sie vor, »sollten wir uns besser ein andermal unterhalten. Jetzt mußt du dich beeilen, wenn du den Bus nicht verpassen willst!«
Ilona erschrak. »Du hast recht, Mutti! Höchste Eisenbahn!« Sie küßte Sabine über die Köpfe der Jungen hinweg. »Mach’s gut, Biene!«
»Du auch!«
Ilona bückte sich und küßte jeden ihrer kleinen Vettern auf die Stirn. Dann eilte sie um das Haus herum auf die Straße.
Sabine folgte ihr mit den beiden Jungen bis zum Gartenzaun. Dort blieben sie stehen und winkten ihr nach. Aber Ilona hatte es jetzt sehr eilig; sie drehte sich nicht mehr um.
Sabine hatte die kleinen Jungen gerade aus der Wanne geholt, jeden in ein Frottiertuch gehüllt und war dabei, sie abzutrocknen, als sie das Zuklappen der Haustür hörte. Sie spähte in die Diele hinaus, gerade noch rechtzeitig, um ihren jüngsten Sohn zu entdecken, der schon den ersten Fuß auf der Treppe hatte.
»Sven!« rief sie.
Zögernd wandte er sich ihr zu. »Jaaa?«
Wie immer in letzter Zeit schockierte sein Anblick sie. Das schwarze Haar fiel ihm, fettig und ungepflegt, bis auf die Schultern, seine nackten Füße in den offenen Sandalen waren staubig vom Straßenschmutz, die Jeans abgenutzt, und die amerikanische Uniformjacke schlotterte um seine magere Figur.
»Sven!« riefen Andy und Christian, die sich hinter ihr hervordrängten. »Sven! Spielst du mit uns?«
Sabine breitete die Arme aus, um sie zurückzuhalten. »Ilona ist fort. Sie wollte sich von dir verabschieden, aber du warst nicht da.« Sie gab sich Mühe, freundlich zu sein, dennoch war der Vorwurf in ihrer Stimme nicht zu überhören.
»Schade.« Sven sagte es ohne Bedauern, und seine dunklen Augen blickten gleichgültig.
»Wo warst du?«
»Bei einem aus meiner Klasse.« Sven zeigte seine Schultasche vor. »Habe gelernt. Das wollt ihr doch immer.«
Sabine fing Andy ein, ließ sich neben ihm in die Knie und rieb ihn trocken. »Du sagst das gerade so, als wäre es eine fixe Idee von uns. Dabei solltest du doch endlich begreifen, daß man in der heutigen Zeit etwas gelernt haben muß, wenn man bestehen will.«
»Ihr meint es nur gut mit mir.« Sven verzog keine Miene. Sabine ließ Andy laufen und schnappte sich Christian. »Natürlich tun wir das. Du brauchst gar nicht zu spotten. Wir machen uns Sorgen um dich.«
»Braucht ihr nicht.«
Andy tanzte splitternackt durch die Diele, schwenkte das Frottiertuch und schrie: »Ich bin ein nackichter Indianer… huahuahu!«
Christian versuchte Sabine zu entwischen. »Ich will auch ein nackichter Indianer sein!«
»Indianer sind nicht nackt!« versuchte Sabine ihn zu belehren. »Sven, bitte! Lauf nicht gleich wieder weg! Du willst mir also weismachen, daß dein schlechtes Zeugnis nichts zu bedeuten hatte?«
»Nicht viel jedenfalls.«
»Trotz der Bemerkung: ›Versetzung gefährdet‹?!«
Sven zuckte die Achseln.
»Glaubst du, daß du trotzdem versetzt wirst?«
»Ich hoffe es.«
»Ach, Sven, was heißt das schon, du hoffst? Warum kannst du nicht auch mal was Positives sagen? Ich hätte deinem Vater so gern erzählt, daß du …«
»Dann tu es doch.«
»Du bist unmöglich.«
»Tut mir leid.«
»Lüg doch nicht! Du bedauerst es nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht dir Freude, wenn du mich ärgern kannst.«
»Du mußt es ja wissen!« Sven schlug mit beiden Armen einen Kreis, um sich von seinen beiden Neffen zu befreien, die einen wilden Kriegstanz um ihn aufführten.
»In einer halben Stunde gibt es Abendessen. Bitte, zieh dich um! Sven, hast du mich verstanden?«
Der Junge blieb auf dem Treppenabsatz stehen. »Soll ich den Smoking nehmen? Oder genügt ein dunkler Anzug?«
»Nimm ein frisches Hemd und eine anständige Hose, oder zieh wenigstens diese grausige Uniformjacke aus! Du weißt, wie Vater sich darüber ärgert!«
»Warum eigentlich?« fragte Sven pomadig.
»Mit größerem Recht könnte ich dich fragen: Warum trägst du so etwas? Ansonsten seid ihr doch überzeugte Pazifisten, wie paßt die Militärjacke dazu?!«
Sven schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Ich habe keine Lust, mit dir zu diskutieren, und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß dabei etwas herauskäme. Bis später dann!« Er stieg weiter hinauf, jetzt mit großen Schritten, und er wandte sich auch nicht wieder um, als seine Muttter hinter ihm herrief.
Sie seufzte unwillkürlich tief auf und mußte gegen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit ankämpfen, das sie jäh überfallen hatte. Es war ihr, als wäre sie eingekreist und gefangen.
Ihr Leben schien ihr verfehlt. Warum war sie nicht bei Thomas Stratmann geblieben, der sie liebte? Dann wäre sie jetzt glücklich, die Frau eines Arztes, müßte nicht mehr das Lasttier der Familie sein.
Es war noch nicht ein Jahr her, da war sie drauf und dran gewesen, alles hinzuwerfen und mit ihrem Geliebten ein neues Leben anzufangen. Die Sorge um Sven war es in erster Linie gewesen, die sie zurückgehalten hatte. Sie hatte es nicht über sich bringen können, ihn in ein Internat zu stecken, wie Stratmann es gewünscht hatte.
Jetzt schien es ihr, als wäre das eine törichte Sentimentalität gewesen. Dort wäre er wahrscheinlich besser aufgehoben als zu Hause. Sie jedenfalls wurde nicht mehr mit ihm fertig.
Natürlich hatte sie nicht erwartet, daß Sven ihr dankbar sein würde – wie konnte er, da er von dem Zwiespalt, in den sie die späte Liebe gerissen hatte, gar nichts wußte! –, aber zumindest hatte sie gehofft, daß er spüren würde, wieviel er ihr bedeutete. Sie war es ja auch gewesen, die ihn vor einem Erpresser und schlechten Freunden gerettet hatte – damals war er, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder ganz ihr zärtlicher kleiner Junge gewesen.
Wie war es möglich, daß er sich so verändert hatte? Und durch was war es geschehen?
Sie überlegte, ob sie nicht doch zu ihm hinaufgehen und sich mit ihm auseinandersetzen sollte. Aber dann unterließ sie es, weil sie spürte, daß schon sein bloßer Anblick genügte, um sie gegen ihn aufzubringen. Sie wußte, daß sie, wenn er ihr mit seinem üblichen Phlegma begegnete, wütend, heftig und ungerecht reagieren würde.
In dieser Sekunde wünschte sie sich weit, weit fort, sehnte sich nach ihrem Geliebten, in dessen Armen sie jung gewesen war.
Die Zwillinge rissen sie aus ihren Träumen.
»Tante Biene!« rief Andy. »Du wirst ja ganz rot!«
»Was hast du ausgefressen?« fragte Christian. »Was genascht oder was kaputt gemacht?«
Sabines Krampf löste sich. »Vielleicht beides!« gab sie zu. »Kommt jetzt, ihr Schlingel! Zieht euch an! Ihr dürft mir gleich beim Kochen helfen.«
Arnold Miller war in einer Warengasse des Supermarktes »Zentrum« damit beschäftigt, Trommeln und Pakete mit Waschmitteln zu standfesten und verlockenden Pyramiden aufzubauen. Eine Tätigkeit, die ihm wahrscheinlich sogar Freude gemacht hätte, wenn er sich seiner Situation hätte anpassen können. In guten Momenten erinnerte sie ihn an die Baukastenspiele seiner Kinderzeit. Die körperliche Anstrengung setzte ihm nicht zu, denn er war ein gesunder und kräftiger Mann, der durch sein vormaliges Schreibtischdasein nie ganz ausgelastet gewesen war und einen Ausgleich in Basteleien in seinem Eigenheim hatte suchen müssen.
Aber er, der gelernte Buchhalter, empfand es als demütigend, vor einer Aufgabe zu stehen, die ihm bedeutungslos schien und die eine ungelernte Kraft genausogut hätte ausführen können; tatsächlich war er als Hilfsarbeiter eingestellt worden, und mit dieser Tatsache konnte er nicht fertig werden. Sie hatte sich tief in sein Bewußtsein eingefressen. Er haßte geradezu den hellblauen Kittel, den er wie die meisten anderen Angestellten des Supermarkts tragen mußte und durch den er sich förmlich degradiert fühlte.
Arnold Miller war 43 Jahre alt; seine Figur hatte sich durch die körperliche Betätigung der letzten Monate gestrafft, sein Bauchansatz war verschwunden, Beine und Arme waren muskulöser geworden. Dennoch wirkte er älter als er war. Tiefe Falten hatten sich auf der Stirn und zwischen Nase und Mund geprägt; die Lippen hatten sich in einer dauernden Grimasse des Mißmutes herabgezogen. Sein schwarzes Haar mit den weißen Schläfen, die seiner Erscheinung etwas Soigniertes gaben, begann schütter zu werden.
Er hatte die bunte Wand bis zur Brusthöhe errichtet und trat einen Schritt zurück, um sie zu begutachten, als er, über den Stapel hinweg, ein Augenpaar auf sich gerichtet fühlte. Er kämpfte gegen den Impuls, sich abzuwenden, hob den Kopf und sah geradewegs in das Gesicht eines ehemaligen Stammtischfreundes, des Garagenbesitzers Alf Scheuringer.
Beide Männer waren sekundenlang peinlich verlegen. Scheuringer, ein riesiger Mann, kam sich lächerlich vor mit dem Einkaufswägelchen, auf das er alle möglichen Waren geladen hatte, mindestens so sehr wie Arnold Miller, der die Situation des anderen durchaus nicht als komisch empfand.
»Hallo, Miller«, grüßte Scheuringer unsicher, »lange nicht mehr gesehen.«
»Hm, hm«, machte Arnold nur, da er darauf nichts zu sagen wußte.
»Na ja, gewöhnlich komme ich ja auch nicht hierher«, entschuldigte sich Scheuringer unbeholfen, »aber wenn man drei Kinder hat und das vierte unterwegs … also dann muß man schon hie und da seiner Alten unter die Arme greifen.«
»Glückwunsch!«
»Wieso? Ach ja. Aber noch ist es ja nicht soweit.«
Es entstand eine quälende Pause.
»Und wie geht es dir?« fragte Scheuringer endlich.
»Du siehst es ja.«
Scheuringer sah sich um und mimte Anerkennung. »Toller Laden. Gar nicht schlecht. Hat dein Schwager dich hier untergebracht?«
Arnold Miller nickte.
»Hochanständig.«
Dieser Meinung war Arnold nicht, hütete sich aber zu widersprechen.
»Wenn du dich an mich gewandt hättest«, behauptete Scheuringer, »ich hätte bestimmt auch was für dich gehabt.«
»So? Wirklich?« Arnold Miller konnte sich nicht länger zurückhalten. »Den Eindruck hatte ich damals aber nicht.«
Scheuringer, von schlechtem Gewissen geplagt, brauste auf. »Willst du dich etwa beklagen?!«
»Nicht im mindesten.«
»Dazu hast du auch, weiß Gott, kein Recht. Schließlich hast du dich ganz allein in die Scheiße geritten … oder?«
»Das habe ich nie geleugnet.«
Scheuringer besänftigte sich. »Natürlich hat Kienzel sich wie ein Schwein benommen. Das steht außer Frage. Der kann sich bei uns nicht mehr blicken lassen.«
»Meinetwegen braucht ihr ihn nicht zu schneiden.«
»Gar nicht deinetwegen. Der hat sich selber rausgespielt.«
Arnold hatte genug von dem fruchtlosen Gespräch und bückte sich, um weiter zu bauen.
Scheuringer schob den Drahtwagen auf Armeslänge von sich und zog ihn wieder heran. »Du hättest ihm seinen Gewinnanteil aber auch nicht …« – er suchte nach dem passenden Wort –, »… vorenthalten sollen.«
Arnold schichtete wortlos weiter.
Scheuringer ließ nicht locker. »Sag mir bloß: Was hast du wirklich mit dem Geld gemacht?« – »Spekuliert.«
Jetzt machte Scheuringer eine Pause. »So?« fragte er dann gedehnt. »Das ist aber das Neueste. Davon hast du nie ein Wort erwähnt. Auch bei deinem Prozeß nicht.«
»Ich habe es verspekuliert«, gab Arnold zu, »es wäre zu kompliziert gewesen, das zu erklären. Ich wollte nicht noch andere mit reinreißen.«
»Ach so? Naja, das klingt ganz plausibel. Sehr anständig von dir.«
»Alles andere hätte mir auch nichts geholfen.«
»Auch wieder wahr. Immerhin bist du mit einem blauen Auge davongekommen. Strafe durch die Untersuchungshaft verbüßt… mehr kann man doch nicht verlangen.«
Arnold sah den Freund vergangener Tage nur an.
»Na ja, und alles andere wird auch eines Tages wieder in Ordnung kommen«, sagte der rasch, »du mußt nur ein bißchen Geduld haben. Irgendwann wird Gras drüber wachsen.«
»Ja, sicher«, stimmte Arnold ihm ohne Überzeugung zu.
»Na dann. Alles Gute. Grüß dein Weib!« Schon im Fortgehen wandte sich Alf Scheuringer noch einmal um. »Sag, warum schaust du nicht wieder mal im ›Goldenen Löwen‹ vorbei?«
»Kann ich machen«, erklärte Arnold, obwohl er sehr wohl wußte, daß diese Aufforderung nicht ernst gemeint war; die Herren vom Stammtisch würden höchst unangenehm berührt sein, wenn er es wagen wollte, sich bei ihnen blicken zu lassen.
»Wir würden uns freuen«, log Scheuringer und machte, daß er davonkam.
Arnold verzog verächtlich die Lippen. Er bedauerte nicht, daß er diesem Kreis nicht mehr angehörte. Er hatte ihn einst für eine verschworene Männergemeinschaft gehalten. Heute wußte er, wie sehr er sich darin getäuscht hatte. Der Stammtisch im ›Goldenen Löwen‹ war nichts weiter als eine durch Konventionen, gesellschaftliche Vorurteile und geschäftliche Beziehungen lose zusammengeklammerte Gruppe von Herren, die jeder nur auf den Vorteil, den Gewinn und das Ansehen der eigenen Person ausgerichtet waren. Sie kannten weder Toleranz noch Mitleid.
»Papiertiger«, sagte er laut und wußte selber nicht, wo er diesen Begriff aufgeschnappt hatte.
Arnold war wieder ganz in seine Arbeit vertieft, als Egon Kasparek im Verkaufsraum erschien, Egon, der Schwager Leichtfuß und schwarzes Schaf der Familie, zehn Jahre jünger als Arnold und doch zu seinem Vorgesetzten avanciert, eine Tatsache, die er nie hervorstrich und die Arnold doch nicht vergessen konnte, denn der andere trug den weißen Kittel des gehobenen Personals.
Dieser Kittel, blütenweiß und leicht gestärkt, umflatterte ihn, vorne offen, und ließ einen hellgrauen Anzug, ein leuchtendblaues Hemd und eine kühn gemusterte Krawatte sehen. Egon mit dem blonden Bärtchen, dem blonden, leicht gewellten Haar und den sehr blauen Augen – Sabines Augen – wirkte schick, jung und unternehmungslustig, obwohl er selber Sorgen genug hatte.
Aber er besaß ein Talent, alles Mißgeschick an sich abgleiten zu lassen. Schon dies allein nahm Arnold ihm übel.
Egon Kasparek blieb einen Augenblick neben Arnold stehen und beobachtete ihn bei der Arbeit, während er mit dem Nagel seines rechten Zeigefingers über seinen kleinen Schnurrbart strich.
»Na?« fragte Arnold; er war nicht darauf aus, ein Lob zu hören, aber die schweigende Nähe machte ihn nervös.
»Sehr hübsch, ja…« Egon zögerte. »Nur … anscheinend hast du vergessen …«
»Was?« Schon stieg Arnold das Blut zu Kopf.
»Wir wollen doch die Fünf-Kilo-Trommeln loswerden… für die werben wir mit Sonderpreisen, die Zweier gehen sowieso.«
»Das weiß ich.«
»Ich dachte, du hättest es vergessen«, sagte Egon mit bemühter Freundlichkeit, »denn sie gehören natürlich auf die rechte Seite genau in Griffhöhe. Wir haben schon mehrmals darüber gesprochen.«