Buch lesen: "Als wäre nichts geschehen - Liebesroman"
Marie Louise Fischer
Als wäre nichts geschehen - Liebesroman
Saga
Als wäre nichts geschehen – LiebesromanCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1985, 2020 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726444780
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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In diesem Jahr hatten sie zum erstenmal keinen Weihnachtsbaum. Einige große Tannenzweige steckten in einem bauchigen Tonkrug. Jessica, die kleine Schwester, hatte sie mit bunten Kugeln und silbernem Lametta behängt. Marty Holzner hätte lieber vergoldete Nüsse und kleine rotbackige Äpfel zwischen den blaugrünen Tannennadeln gesehen, aber im Grunde war es ihr gleichgültig. Wichtig für sie war nur, daß sie dieses Fest mit seiner unvermeidlichen Hektik, der unechten Heiterkeit, der vorgetäuschten Harmonie und dem konventionellen Austausch von Geschenken jetzt schon fast überstanden hatte.
Es war der zweite Feiertag, und draußen begann es zu dunkeln. Ein nadelscharfer Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. In dem großen Wohnraum brannten einige Wandleuchter und eine Stehlampe, neben der Marty saß. Es war eher schummerig, denn die Lampen reichten nicht aus, um auch die Ecken des Zimmers auszuleuchten. Im offenen Kamin aus unpolierten Marmorblöcken flackerte ein Feuer.
Es hätte gemütlich sein können, und Marty fragte sich, warum sie es nicht so empfand. Vielleicht, weil sie sich ausgeschlossen fühlte wie immer? Oder mindestens, seit Jessica auf der Welt war – Jessica, so blond, so rosig, so blauäugig und liebenswert! Die Schwester saß dem Vater gegenüber, das runde Kinn auf die kleine Faust gestützt, und spielte mit ihm Schach, wobei sie eine überaus nachdenkliche Miene aufgesetzt hatte. Sie boten einen hübschen Anblick: der hagere, sehr männlich wirkende Mann mit der hohen Stirn und dem an den Schläfen schon zurückweichenden braunen Haar, der großen Nase und dem eckigen Kinn und die hellhäutige kleine Jessica, fünfzehn Jahre jung, aus deren schimmernden blonden Locken Funken zu sprühen schienen.
Hartmut Holzner blickte immer wieder vom Schachbrett auf, um seine Tochter anzusehen, wobei sich sein schmaler strenger Mund zu einem Lächeln entspannte, das er nur für sie hatte, sein ein und alles.
Marty konnte sich nicht auf ihr Buch konzentrieren, ein Theaterstück von Botho Strauß. Dabei war es wichtig. Sie hatte sich fest vorgenommen, es über die Feiertage zu lesen. Aber sie kam nicht weiter damit. Die kleine Szene, die Vater und Tochter am Schachbrett ihr boten, fesselte sie mehr.
Nein, sie war nicht eifersüchtig, war es nie gewesen. Oder hatte sie sich doch nach Liebe und Zärtlichkeit gesehnt? Ganz unvernünftig, das hatte sie immer gewußt, und es tat auch längst schon nicht mehr weh. Was bedeutete er ihr denn noch, der »Bauwaren-Holzner«, wie ihre Freunde ihn nach seiner Firma nannten? Er teilte keine ihrer Interessen, hatte keinerlei Verständnis für ihr Studium, ihre Arbeit, ihren Ehrgeiz und ihre Ziele. Genauso erging es ihr mit seiner Tätigkeit, bei der es – wie sie dachte – hauptsächlich ums Geldverdienen ging. Es war angenehm, daß er sie monatlich mit einer gewissen Summe unterstützte, und sie war ihm dankbar dafür. Aber das war auch schon alles. Er war für sie ein Fremder.
Wenn sie ihm nur nicht so sehr geähnelt hätte, Wenigstens äußerlich! Sie hatte die gleiche kräftige Nase – den »Zinken«, wie sie es für sich selber nannte –, das eckige Kinn, den schmalen Mund, dle hohe Stirn und die grauen, zu eng beieinanderstehenden Augen. Merkmale, die bei ihm als Mann markant wirkten, bei ihr aber geradezu grotesk waren. Marty hatte immer gewußt, daß sie häßlich war. Ihre Eltern hatten sie niemals im unklaren darüber gelassen – das Mitleid in ihren Augen, wenn sie sich in einem neuen Kleid gezeigt hatte! –, aber es hatte eine Zeit gegeben, in der sie geträumt hatte, daß alles sich ändern würde, wenn sie groß wäre. Inzwischen war sie erwachsen, 22 Jahre alt, und der Traum vom schönen Schwan war ausgeträumt. Kein kosmetischer Kunstgriff – und sie hatte viele durchprobiert – konnte ihre allzu ausgeprägten Züge auch nur mildern. Sie mußte mit dem Bewußtsein leben, häßlich zu sein. Das war nicht einmal so schwer, denn es gab Menschen, die sie trotzdem schätzten. Frauen mochten sie, weil sie keine Konkurrenz und eine wirklich gute Freundin war, Männer schätzten sie ihrer Zuverlässigkeit, Sachlichkeit, ihres Könnens und Wissens wegen.
Ihre Eltern hatte sie von Geburt an enttäuscht. Schon bevor Jessica auf die Welt gekommen war, hatte sie das spüren müssen.
Wie oft hatte ihre Mutter gesagt: »Wärst du wenigstens ein Junge!«
Marty hatte es ihr nicht übelgenommen, denn sie wußte, daß sie es nicht böse gemeint hatte. Die Mutter, schön und elegant, anmutig und damenhaft, hatte tatsächlich nie begriffen, wie es passieren konnte, daß sie ein solches Mädchen zur Welt gebracht hatte, und wie sehr sie sie mit solchen Bemerkungen verletzte. Schon als Kind war es Marty aufgefallen, daß die Mutter manches nicht begriff, weil sie nicht nachdenken konnte oder wollte.
Marty wußte, daß man ihre Häßlichkeit akzeptiert hätte, wenn sie ein Junge gewesen wäre. Deshalb war auch der Name Martha, auf den sie nach ihrer Patentante getauft worden war, in das neutrale, eher männlich klingende Marty verwandelt worden, noch ehe sie sprechen konnte. Sie selber hatte es später dann gerne dabei belassen, weil sie sich wirklich nicht als eine Martha sehen konnte.
Es war gut gewesen, daß sie schon sehr früh um ihre Häßlichkeit gewußt hatte. So war der Schock, als ihre Mutter mit dem rosigen, blondgelockten Baby aus der Klinik gekommen war, nicht allzu groß gewesen. Marty hatte begriffen, daß man dieses kleine Zauberpüppchen liebhaben mußte, und sie hatte es den Eltern gar nicht übelgenommen, daß sie ganz aus dem Häuschen waren vor Begeisterung. Aber geschmerzt hatte es dennoch, wenn sie auch versucht hatte, es sich nicht anmerken zu lassen.
Marty lernte früh, sich selber und ihre Gefühle zu beherrschen. Es war ein qualvoller Prozeß, aber heute war sie dankbar, daß sie ihn durchgestanden hatte. Er hatte ihr Kraft gegeben.
Über den Rand ihres Buches hinweg beobachtete sie den Vater und die Schwester beim Schachspiel. Jessica brauchte jeweils lange, bis sie sich für einen Zug entschied, war unsicher und berührte häufig zuerst die falsche Figur, hob sie manchmal sogar vom Brett, um sie dann gleich darauf mit einem »Entschuldige, Väterchen!« zurückzusetzen.
Er ließ es ihr durchgehen.
Hartmut Holzner überlegte immer nur kurz und zog entschlossen. »Gardez la dame!« sagte er jetzt.
»Mir scheint, du hast was gegen mich!« Jessica blickte verwirrt.
Er lachte, nicht ohne Selbstgefälligkeit. »Du hast dich da in eine schöne Situation hineinmanövriert.«
»Ich? Du! Das ist eine böse Falle. Aber warte nur, noch bin ich nicht verloren!« Sie zog ihre Dame zurück. »Da! Was sagst du nun?«
»Schach!«
»Oh, verdammt, das habe ich übersehen!«
Marty war sicher, daß Jessica verlieren würde. Sie verlor meistens, und es war fast zu bewundern, daß sie es dennoch immer wieder versuchte.
Wahrscheinlich, dachte Marty, tut sie es überhaupt nur Vater zuliebe. Schach paßt eigentlich gar nicht zu ihr. Wie mühselig es gewesen war, ihr auch nur die Möglichkeiten der einzelnen Figuren einzutrichtern.
Das war viele Jahre her. Früher hatte auch Marty Schach gespielt. Beim Schach hatte sie sich dem Vater tiefer verbunden gefühlt als in jeder anderen Situation. Die Mutter spielte nur Bridge, höchstens noch Rommé oder Canasta, und Jessica war zu klein gewesen. Beim Schach hatte Marty den Vater ganz für sich gehabt. Sie hatte sich große Mühe gegeben, ihm eine gute Partnerin zu sein – wahrscheinlich zu viel Mühe, denn eines Tages war es dann soweit gekommen, daß sie ihn schlagen konnte. Ihr Fehler war, und das begriff sie erst jetzt, daß sie es auch getan hatte, wieder und wieder. Sie hatte gemerkt, daß sie den Vater dadurch verärgerte; es war nicht zu übersehen gewesen, aber sie hatte es nicht über sich gebracht, absichtlich schlechter zu spielen, scheinbar unüberlegt zu ziehen und Gefahren zu übersehen. Sie hatte diese Möglichkeit, den Vater bei Laune zu halten, durchaus erwogen. Aber es wäre ihr als unehrlich erschienen und als ein Zeichen mangelnder Achtung. Schließlich war es dann zum Eklat gekommen. Er hatte die Figuren umgeworfen und sie angeschrien. Marty erinnerte sich gut, wie erschüttert sie damals gewesen war. Nicht dadurch, daß er schlechter spielte, sondern weil er nicht verlieren konnte, war er in ihren Augen vom Olymp seiner väterlichen Überlegenheit ein für allemal herabgestürzt.
Es hatte sie Überwindung gekostet, ihn später noch einmal zu einem Spiel zu animieren. Aber er hatte abgelehnt, vorgegeben, daß er sich nach des Tages harter Arbeit nicht auch noch mit ihr abplagen könnte. Damals hatte sie begonnen, sich innerlich von ihm zu lösen.
»Schach und . . . matt«, sagte er jetzt.
»Wirklich?« fragte Jessica. »Kein Ausweg?«
»Du kriegst zehn Mark, wenn du einen findest.«
Jessica blickte angestrengt auf das Brett, rief dann: »Marty, hilf mir, bitte!«
»Sinnlos!« erwiderte Marty. »Wenn Vater dich matt gesetzt hat, bist du es auch.«
»So eine Gemeinheit!« rief Jessica, entrüstet und doch auch lachend zugleich. »Immer auf die Kleinen! Kannst du mich denn nicht einmal gewinnen lassen, Väterchen?«
»Das würde dir gar nichts nützen. Du mußt lernen, das Spiel zu beherrschen.«
Was für eine Heuchelei, dachte Marty, daß er sich nicht schämt, wenigstens vor mir!
Er warf einen Blick auf die Uhr über dem Kamin. »Wißt ihr, wo Mutter steckt?«
»Wo schon?« meinte Jessica. »Bei einer ihrer Kaffeetanten.«
»Sie müßte längst zurück sein. Es ist Abendbrotzeit.«
»Sie hat sich irgendwo festgequatscht. Du kennst sie doch.«
»Machst du dir etwa Sorgen?« fragte Marty.
»Wenn es noch kälter wird, werden die Straßen glatt.«
»Ach was«, sagte Jessica und begann damit, die Figuren wieder in ihre Ausgangsspielposition auf das Brett zu stellen, »sie paßt schon auf. Komm, gib mir Revanche.«
»Nicht heute.«
»Und warum nicht?«
»Ich fürchte, ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren, und ich habe Hunger.«
Marty klappte ihr Buch zu und stand auf. »Ich werde das Abendbrot richten. Dann können wir gleich essen, wenn Mutter zurückkommt.«
»Gute Idee!« Jessica sprang hoch wie ein Gummiball. »Aber laß mich das machen! Ich kann das besser.«
Marty lachte. »Was soll schon dabei sein, Butter und Aufschnitt aus dem Eisschrank zu holen und den Tisch zu dekken?«
»Ha! So hast du dir das vorgestellt! Aber ich werde uns einen Salat zaubern! Da hast du bestimmt Lust drauf, Väterchen, nach all dem Süßen.«
»Dann laß mich wenigstens die niederen Dienste machen«, sagte Marty.
»Kommt gar nicht in Frage! Denkst du, ich weiß nicht, was sich gehört? Ich bin hier zu Hause, und du bist der Gast!« Beinahe hätte Marty erwidert, daß sie sich hier immer noch in ihrem Elternhaus befände, aber da war Jessica schort hinausgewirbelt. Marty war nachträglich froh, daß sie ihr nichts entgegnet hatte, denn sie sah ein: Jessica hatte recht. Seit sie vor vier Jahren, gleich nach dem Abitur, die Familie und das gepflegte Eigenheim in Düsseldorf-Oberkassel verlassen hatte und zum Studium nach Köln gezogen war, tauchte sie nur noch sehr sporadisch hier auf, zu Weihnachten, wie jetzt, an Geburtstagen, und da auch nicht immer. In den langen Semesterferien war sie anfangs lieber durch die Welt getrampt, inzwischen mußte sie in Köln bleiben, um für ihr Studium aufzuholen, was sie durch ihre Arbeit am Theater im Winter versäumt hatte.
»Ist sie nicht wunderbar?« fragte der Vater in ihre Gedanken hinein.
Es war eine rhetorische Frage, und sie verstand sie nicht sogleich. »Wie? Wer? Ach so, ja . . . Jessica. Sie ist reizend.«
Anscheinend hatte Hartmut Holzner mehr Begeisterung von ihr erwartet, denn er erklärte ziemlich barsch, fast anklagend: »So warst du nie.«
»Du kannst mich nicht mit Jessica vergleichen.«
»Ich denke gar nicht an das Aussehen, sondern ihre Art . . . Sie ist so liebenswürdig, so fraulich! Du wärst nie auf die Idee gekommen, mir einen Salat zu machen.«
»Nein, sicher nicht«, gab Marty zu.
Damit gab sich der Vater aber noch nicht zufrieden. »Du hattest deine Nase immer in den Büchern.«
»War doch auch nicht schlecht.«
»Deine Mutter mußte dich dreimal bitten, bevor du dich bequemt hast, eine Hand im Haushalt zu rühren.«
»Sie hat sich selber ja auch nie zu Tode geschuftet. Seit ich denken kann, hatte sie immer eine Hilfe.«
»Die aber auch mal Ausgang hatte, an den Feiertagen etwa wie heute.«
»Sag mal, Vater, was soll das eigentlich? Willst du mir meine Jugendsünden vorwerfen? Immerhin habe ich es doch zu etwas gebracht. In zwei Jahren mache ich meinen Doktor . . . und ich bin jetzt schon Dramaturgin.«
»Etwas mehr Fraulichkeit stünde dir gut an. Bildest du dir ein, du kannst mir mit deinem Studium imponieren? Wo wärst du denn, wenn ich dich nicht finanziell unterstützt hätte?«
Marty war drauf und dran, ruppig zu reagieren, aber sie besann sich eines Besseren und sagte ruhig: »Ich bin dir ja auch sehr dankbar.«
»Dazu hast du allen Grund.«
»Ich sehe täglich, wie es anderen geht, die keinen großzügigen Vater haben.«
»Na ja«, sagte er besänftigt, »in gewisser Weise bin ich ja auch stolz auf dich. Jetzt könnte Mutter aber wirklich schon zurück sein.«
Marty setzte sich ihm gegenüber und begann, die Schachfiguren in den Kasten zu räumen; es waren schöne Figuren, aus Messing geschmiedet und sehr teuer. »Sie hatte doch noch nie ein gutes Zeitgefühl.«
»Sie ist mir ein bißchen viel unterwegs.«
»Dann sag ihr das.«
»Hat sie sich je von mir etwas sagen lassen?«
Marty versuchte sich zu erinnern. »Ich weiß nicht. Vielleicht hast du sie zu sehr verwöhnt. Aber das kann ich nicht beurteilen. Außerdem . . . ihr seid schon so lange verheiratet, da kann man nichts mehr ändern. Du mußt sie so nehmen, wie sie ist.«
»Ich habe nie etwas anderes getan, und allmählich glaube ich, daß das ein Fehler war.«
Marty hatte das unangenehme Gefühl, daß der Vater seine Eheprobleme vor ihr ausbreiten wollte, und sie atmete auf, als Jessica hereinkam. Die kleine Schwester balancierte ein Tablett mit zwei eisbeschlagenen Gläsern und stellte es zwischen sie auf den kleinen Tisch. »Ich habe euch Martinis gemixt«, verkündete sie stolz, »mit Oliven!«
»Fabelhaft!« rief Marty, ehrlich erfreut. »Du übertriffst dich selber!«
Hartmut Holzner legte Jessica den Arm um die Hüften und zog sie an sich. »Wenn ich dich nicht hätte, mein Liebling!«
Nun übertreib mal nicht, dachte Marty, lange wirst du sie nicht mehr haben.
»Zu knabbern habe ich euch nichts gebracht«, erklärte Jessica altklug und gab ihrem Vater einen Kuß auf die Stirn, »das verdirbt nur den Appetit. Wenn ihr das ausgetrunken habt, wird gegessen.«
»Und was ist mit Mutter?«
»Was soll schon sein? Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muß sehn, was übrigbleibt, wie schon die alten Römer sagten. Wahrscheinlich hat sie bei einer ihrer Freundinnen genascht und gar keinen Hunger.«
»Ich weiß nicht, ob das richtig ist«, sagte er zögernd.
»Mann Gottes, stehst du unter dem Pantoffel!« platzte Jessica heraus.
Marty hatte einen Schluck genommen. »Gut«, sagte sie anerkennend, »ganz ausgezeichnet. Wie machst du das, Jessica? Trinkst du etwa selber schon harte Sachen?«
»I wo! Ich mache das einfach nach Augenmaß und Handgewicht.«
Hartmut Holzner nippte. »Was meinst denn du, Marty?« Als sie ihn verständnislos ansah, fügte er hinzu: »Findest du nicht auch, daß wir besser auf sie warten sollten?«
»Kann ich nicht beurteilen, trinken wir erst mal in aller Ruhe. Vielleicht ist sie bis dahin ja zurück.«
Tatsache war, daß Molly Holzner nicht so bald erschien. Ihr Mann, der zuerst sehr vorsichtig getrunken hatte, verlangte noch einen und dann noch einen Martini-Cocktail, die er sehr schnell hinunterkippte, bevor er sich von seinen Töchtern bewegen ließ, mit ihnen zu Tisch zu gehen. Auch Marty hatte endlich das lange Warten als albern empfunden und sich auf Jessicas Seite geschlagen. Sie beobachtete besorgt, daß der Vater immer nervöser wurde und nur sehr wenig aß. Selbst Jessicas liebevoll eigens für ihn zubereitetem Salat – Erbsen aus der Dose in einer selbstgerührten Mayonnaise – sprach er kaum zu, dafür aber um so stärker seinem Wein. Er war in schlechter Verfassung. Seine Unruhe steckte Marty an. Sie spürte sehr wohl, daß mehr dahinterstecken mußte, als er zugeben wollte. Nur Jessica blieb unbefangen und plauderte drauflos, und Marty stimmte, wenn es ihr auch schwerfiel, in ihren heiteren Tonein.
Im Geist zitierte sie Strindberg: Oh, Familie, du Brutstätte aller Laster, Hölle aller Kinder, Tretmühle aller Ehemänner . . .
Am liebsten hätte sie sich gleich nach dem Essen mit ihrem Buch auf ihr Zimmer verzogen, aber sie wollte weder den Vater brüskieren noch die kleine Schwester mit ihm in dieser Stimmung allein lassen.
Als die Kaminuhr zehn schlug, erhob sich Hartmut Holzner, jetzt schon etwas schwerfällig vom Alkohol, aus seinem Sessel. »So kann das doch nicht weitergehen! Wir müssen etwas unternehmen.«
»Aber was denn, Väterchen?«
»Ihre Freundinnen anrufen. Eine nach der anderen.«
»Aber das kannst du doch nicht tun! Sie würde es dir ganz schön übelnehmen.«
»Aber du kannst es. Niemand wird sich etwas dabei denken, wenn du deine Mutter sprechen willst.«
»Und wenn ich sie finde? Was soll ich ihr sagen? Etwa, daß sie schleunigst nach Hause kommen soll?«
»Dann wissen wir wenigstens, wo sie ist.«
»Du nimmst also an, daß sie bei einer Freundin ist?« fragte Marty nachdenklich.
»Wo denn sonst?«
»Dann weiß ich nicht, worüber du dich aufregst. Ob sie sich nun bei Lina soundso oder Olga oder Helene verplaudert hat, das macht doch keinen Unterschied.«
»Du verstehst mich nicht.«
»Nein, wirklich nicht, Vater. Daß du aus dieser Sache so viel Aufhebens machst!« Sie stand auf, trat ans Fenster und zog den Vorhang zurück. »Übrigens regnet es immer noch, und die Straßen sind keineswegs vereist. Wenn sie einen Unfall gehabt hätte, wären wir längst benachrichtigt worden.«
»Marty hat recht, Väterchen!« Jessica lief zu Hartmut Holzner hin und schmiegte sich in seine Arme. »Hör auf, dir Sorgen zu machen! Du kennst sie doch. Es ist ihr bestimmt nichts passiert.«
»Nun mach schon, um was ich dich gebeten habe. Das ist doch wirklich nicht zuviel verlangt!«
Jessica löste sich von ihm und ging zum Telefon, sehr widerwillig, was sie nicht nur durch ihre Miene, sondern auch noch durch ihren schleppenden Gang auszudrücken verstand.
»Da, hört mal!« rief Marty. »Hört ihr es denn nicht? Jemand macht das Garagentor auf! Das kann doch nur sie sein.« Alle lauschten, hörten das Einfahren des Autos, das Zudonnern des Tors.
»Na endlich!« rief Jessica, sehr erleichtert, daß es ihr erspart blieb, herumtelefonieren zu müssen. »Wurde aber auch Zeit!«
Marty beobachtete ihren Vater. Seine Miene hatte sich nicht aufgehellt, wie sie erhofft hatte, sondern eher noch verdüstert. Er war sehr rot im Gesicht.
Molly Holzner wirbelte ins Zimmer. Regentropfen perlten von der schicken kleinen Toque, die sie sich auf ihr blondes Haar gesteckt hatte, und auch von ihrem dunklen Nerz, den sie trotz des unpassenden Wetters trug. Ihre Lippen waren perfekt nachgezogen, aber das Make-up um die Augen hatte sich leicht verwischt, und die Augen selber, diese blauen Augen, die immer das Schönste an ihr gewesen waren, hatten einen Glanz, der geradezu verräterisch wirkte. Marty erkannte, daß sie bei einem Mann gewesen sein mußte, und war gleichzeitig schockiert und fasziniert. Auch Jessica und Hartmut Holzner schienen nicht imstande, ein Wort hervorzubringen.
Seltsamerweise war Molly sich des Eindrucks, den sie auf die anderen machte, gar nicht bewußt. »Entschuldigt die Verspätung«, sagte sie leichthin und hob den Arm, um sich die Hutnadel aus ihrer Toque zu ziehen, »aber was steht ihr da herum wie die Panoptikumsfiguren und starrt mich an?«
»Vater hat sich Sorgen um dich gemacht«, erklärte Jessica. Molly hatte ihr Hütchen abgenommen, stach die lange Nadel wieder hinein und warf es auf einen Stuhl, ihre Lackledertasche dazu. »Wie albern!« sagte sie. »Will mir denn niemand aus dem Mantel helfen?«
Marty tat es. »Wir haben versucht, Vater zu beruhigen.«
»Bravo!«
Marty sah die Mutter an. Jetzt, ohne Hut und Mantel, in ihrem fließenden blauen Seidenkleid, wirkte sie fast mädchenhaft.
»Glotz mich nicht so an!« sagte Molly. »Bring lieber den Pelz in die Garderobe!«
Jetzt erst wurde Marty bewußt, daß die Mutter, die sich gewöhnlich mit Schmuck zu behängen pflegte, weder eine Brosche noch eine Kette, ja, nicht einmal ihre Ohrringe trug. »Ich stelle nur fest«, sagte sie, »daß du ohne Schmuck jünger aussiehst.«
»Ach das!« Unwillkürlich fuhr sich Molly mit der Hand an ihre nackten Ohrläppchen. »Ich habe das Zeug abgenommen. Es wurde mir unbequem.«
»Daß du dich nicht schämst!« sagte Hartmut Holzner, und ein tiefer Groll schwang in seiner Stimme.
Molly lachte. »Müßte ich das? Weswegen?«
»Du weißt es.«
»Ich bitte dich, Hartmut, mach mir um Himmels willen jetzt keine Szene. Dazu bin ich wahrhaftig nicht in der Stimmung. Komm, gib!« Sie entriß Marty den Pelzmantel. Hartmut Holzner vertrat ihr den Weg zur Tür. »So kommst du mir nicht davon!«
»Was soll denn das? Nur weil ich mich ein paar Minuten verspätet habe?« Molly wollte an ihm vorbei, aber es gelang ihr nicht.
»Stunden!«
»Na, wennschon! Bin ich denn deine Sklavin?«
»Du weißt, daß du tun und lassen kannst, was du willst . . .«
»Leider merke ich nichts davon!« warf sie schnippisch ein.
». . . aber um der Kinder willen hättest du doch wenigstens heute zu Hause bleiben können!«
»Ich habe gestern und vorgestern in Familie gemacht, das sollte doch wohl reichen!«
»Sind wir dir so verhaßt?«
»Ihr langweilt mich, das ist viel schlimmer.«
Marty mochte es sich nicht länger anhören. »Ich finde, jetzt ist es genug. Nehmt Rücksicht auf meine Nerven. Morgen bin ich wieder fort, dann könnt ihr euch alles sagen, was ihr auf dem Herzen habt . . . falls Jessica es aushält.«
»Da hast du es!« sagte Hartmut Holzner. »Marty ist so selten da. Hättest du nicht wenigstens ihr zuliebe . . .«
»Martys wegen?« Mollys Lachen wurde schrill. »Sonst noch etwas? Als wenn du nicht wüßtest, daß Marty nicht den geringsten Wert auf meine Gegenwart legt!«
»Aber, Mutter«, sagte Marty, »das kannst du doch so nicht sagen.«
Molly fuhr zu ihr herum. »Das kann ich, und das tue ich! Aber sei unbesorgt, ich mache dir daraus keinen Vorwurf . . . es beruht durchaus auf Gegenseitigkeit.«
»Ich möchte jetzt schlafen gehen!« sagte Marty. »Kommst du mit nach oben, Jessica?«
Jessica schüttelte die blonden Locken.
»Wenn wir dir so zuwider sind«, herrschte Hartmut Holzner seine Frau an, »warum bist du dann überhaupt nach Hause gekommen?«
»Zuwider bist nur du mir!«
»Das ist keine Antwort!«
»Fragst du mich allen Ernstes? Dann kann ich dir nur sagen: Ich weiß es selber nicht. Nein, ich weiß es nicht!«
Marty merkte, daß die Mutter einem hysterischen Ausbruch nahe war, wußte aber nicht, wie sie sie hätte beruhigen können. Sie ahnte, daß jedes Wort von ihr wie Öl auf die Flamme wirken würde.
»Ich hätte dich längst verlassen sollen!« schrie Molly.
»Dann tue es doch! Tu es endlich!« brüllte er zurück.
»Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Jetzt ist Schluß!« Mit überraschender Kraft rammte sie ihm den Ellbogen in den Magen, so daß er zur Seite wich. »Ich gehe, und zwar für immer!« Schon war sie draußen.
Hartmut Holzner stand wie erstarrt, mit hochrotem Kopf, die Fäuste geballt. Dann wich alle Farbe aus seinem Gesicht, sein Ausdruck veränderte sich, es war, als zerfielen seine Züge. »Molly!« rief er. »Bitte, Molly!« Er stürzte hinter ihr her.
Marty und Jessica blieben allein zurück.
»Passiert das öfter?« fragte Marty.
Jessica zuckte die Achseln. »Manchmal schon. Aber nicht so schlimm wie heute, glaube ich.«
»Warum hast du mir das nie gesagt?«
»Hätte es dich interessiert?«
»Ja.«
»Du bist doch schon so lange weg.«
»Es bleiben trotzdem meine Eltern.«
»Und wenn du es gewußt hättest, was dann? Du hättest doch nichts tun können, als Vernunft zu predigen. Und was nutzt das schon?«
»Es tut mir leid, Jessica . . . für dich.«
»Halb so wild.«
»Hat sie einen Freund?«
Jessica nickte. Von oben her drangen die streitenden Stimmen ihrer Eltern.
Molly hatte schon angefangen einen Koffer zu packen, als Hartmut Holzner in ihr Zimmer trat. Sie hatte nicht einmal aufgesehen, während er sie um Verzeihung bat.
Er gab dennoch nicht auf.
»Spiel nicht verrückt, Molly«, rief er, »du weißt doch genau, daß ich es nicht so gemeint habe! Wenn du mich nicht bis zur Weißglut gereizt hättest . . .«
»Natürlich soll wieder ich schuld sein, ich ganz allein! Wenn du wüßtest, wie satt ich es habe!«
»Molly, ich bitte dich . . .«
»Es ist zu spät, Hartmut, begreifst du das denn nicht? Zu spät für alles!«
»Ich liebe dich doch«, sagte er hilflos.
»Eine feine Liebe ist das! Was habe ich schon davon?«
»Immerhin lange Jahre ein recht angenehmes Leben!«
»Angenehm? Mit dir? Das glaubst aber auch nur du!«
»Ich weiß, daß ich mich nicht genug um dich kümmern kann, aber die Zeiten sind schwer. Alles wird immer schwieriger. Ich muß mich in das Geschäft hineinknien, wenn ich nicht baden gehen will.«
»Hineinknien . . . ja, das paßt zu dir!«
Er legte ihr den Arm um die Hüfte. »Molly . . .«
Sie fuhr zu ihm herum. »Rühr mich nicht an! Ich ertrage es nicht!«
»Was habe ich dir denn getan?«
»Du widerst mich an! Muß ich noch deutlicher werden?«
»Aber, Molly, wir haben doch all die Jahre . . .«
»Ich habe all die Jahre! Ich habe hingehalten, wenn du mal ausnahmsweise Zeit und Lust hattest und ihn hochgekriegt hast! Meinst du, das wäre ein Vergnügen für mich gewesen? Nie mehr, sage ich dir, nie mehr!«
»Ich will dich zu nichts zwingen, Molly, aber überleg doch mal . . .« Er war einen Schritt zurückgetreten. »Wir werden uns doch irgendwie einigen können. Das haben wir doch immer getan.«
»Leider! Ich habe immer wieder nachgegeben, das war mein Fehler. Aber jetzt ist Schluß. Ich lasse mich scheiden.« Sie klappte den Koffer zu und ließ die Schlösser einschnappen.
»Das genügt fürs erste. Die anderen Sachen laß mir, bitte, von Frau Baumann einpacken.«
»Aber, Molly, wie stellst du dir das denn vor? Ich habe dir doch nichts getan!Was willst du gegen mich vorbringen?«
»Daß ich die Nase voll von dir habe.«
»Molly, das kannst du mir nicht antun!«
»Jetzt komm mir bloß nicht auf die Tour! Die zieht nicht mehr bei mir. Wenn jemand zu bemitleiden ist, dann ich. Die besten Jahre meines Lebens habe ich dir geopfert . . .« »Geopfert?«
»Jawohl!« Sie drehte sich zu ihm um und funkelte ihn an, schöner denn je in ihrer Erregung.
»Ich habe dir ein Heim gegeben, Schutz, Sicherheit, eine gesellschaftliche Stellung . . . Ja, ich weiß, was du mir jetzt sagen willst: Du pfeifst auf das alles. Aber bildest du dir wirklich ein, daß du als geschiedene Frau besser dastehst?«
»Ich werde nicht allein sein!«
»Bist du dir da sicher? Diese Affäre, in die du dich da gestürzt hast, ist bestimmt nicht von Dauer!«
»Als ob du das beurteilen könntest!«
»Der Kerl ist doch so viel jünger als du . . .«
»Zwölf Jahre, wenn du es genau wissen willst. Aber das spielt überhaupt keine Rolle, im Gegenteil, es ist wundervoll, daß er jung ist.«
»Er ist doch ein Nichts und ein Niemand. Was kann er dir schon bieten? Seine Leidenschaft? Die ist kein Wert, auf den man ein Leben aufbauen kann.«
»Und was warst du, als ich dich kennenlernte? Kaum mehr als ein kleiner Ladenbesitzer. Und was bist du heute? Auch nichts als ein Koofmich. Jupp Schmitz hat mehr gelernt als du. Er wird seinen Meister machen, ein eigenes Geschäft eröffnen . . .«
»Ach, Molly, das sind doch alles Träume.«
»Die sich erfüllen werden, wart’s nur ab!«
»Mit einer Frau wie dir?«
»Ja, mit mir. Es hat keinen Sinn mehr, Hartmut, laß mich jetzt endlich gehen.«
»Wohin?«
In ihrem Lachen schwang Bosheit. »Ist das eine Frage?«
»Und was soll aus Jessica werden?«
Ihr Lächeln erlosch, ihr Ausdruck wurde plötzlich ernst, fast erstaunt; tatsächlich hatte sie ihre Tochter über den Streit völlig vergessen.
Hartmut Holzner witterte eine Chance. »Sie ist in einem Alter, wo sie die Mutter noch braucht!«
»Jessica«, erklärte Molly entschlossen, »nehme ich natürlich mit.«
»Zu deinem Liebhaber?« fragte er, als wäre er nicht sicher, richtig gehört zu haben.
»Und warum nicht?« konterte sie. »Wir werden ihr ein Zimmer freimachen.«
»Du mußt verrückt sein, an so etwas überhaupt zu denken!«
»Sie braucht ihre Mutter, das hast du doch eben noch selber gesagt!«
»Eine Mutter, die ihre Pflichten erfüllt, ja! Keine Schlampe, die sich einem hergelaufenen Kerl an den Hals wirft.«
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen. »Du Dreckskerl!« schrie sie. »Ja, das bist du . . . nichts als ein jämmerlicher Dreckskerl . . . Alles mußt du in den Dreck ziehen! Und bei so einem wie dir soll ich meine Tochter lassen? Niemals, und wenn du mich auf den Knien bittest!«
»Sie ist auch meine Tochter.«
»Das kannst du auch nur glauben, weil du mit Blindheit geschlagen bist!« Molly lachte wütend. »Du Jessicas Erzeuger? Ein eingebildeter Esel, das ist alles, was du bist!«