Buch lesen: "Der Handwerker: Erika Lust-Erotik"

Schriftart:

Marianne Sophia Wise

Der Handwerker: Erika Lust-Erotik

Lust

Der Handwerker: Erika Lust-Erotik Übersetzt vonKirsten Evers Originaltitel Handyman Copyright © 2018, 2019 Marianne Sophia Wise und LUST All rights reserved ISBN: 9788726112924

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.

Der Handwerker

eine erotische Kurzgeschichte

Ich war als Hilfsarbeiter auf einer Bohrinsel in der Nordsee beschäftigt. Ich hatte ein halbfertiges Studium und einen ganzen Haufen Jobs als ungelernte Hilfskraft im Gepäck, aber hier war ich angekommen, hier fühlte ich mich willkommen. Ganz nah dran am Meer und seinem ewigen Ungestüm, seinem Duft, seinen Geräuschen und seiner Kraft. Nah dran an der Gefahr, die bei der Arbeit täglich lauerte, und an der Kaltblütigkeit und Vorsicht, die man sowohl innerhalb als auch außerhalb der Arbeitszeit aufbringen musste. Und nah dran am guten Geld.

Wir arbeiteten in Schichten von zwölf Stunden für 14 Tage, dann wurden wir an Land geflogen, wo wir drei Wochen Urlaub verbrachten. Damals hatte ich keine Familie, also verbrachte ich die Zeit mit meinen Kumpeln und Junggesellen-Kollegen, mit denen ich redete, grölte, lachte und die Nächte durchsoff. Weibliche Freunde hatte ich auch, aber die besuchte ich stets nur nachts, wenn die Sprache der Wörter, des Körpers und der Gefühle zusammenfloss und uns durch eine Welt der Wildheit und Zärtlichkeit geleitete. Sobald der Morgen anbrach, brach ich auf. So war ich damals. Eine Nacht, eine Frau. Der Einfachheit halber. Aber ganz egal, wie kurz unsere Treffen waren, verließen sie mich nie. Die Erinnerungen saßen in mir und tauchten in Wellen wieder auf, wenn ich offshore war. Diese Erinnerungswellen waren ein Geschenk, und ich zehrte davon.

Nach einiger Zeit an Land entstand in der Regel ein tiefer Wunsch danach, Landschaften zu sehen. Wälder, Felder, Hügel, Wiesen, Bäche und Täler. Nach 14 Tagen auf der Bohrinsel, an denen meine Kollegen und ich uns kaum hatten aus dem Weg gehen können, hatte ich das Bedürfnis nach Platz und Weite um mich herum, und der Gedanke, dass zwischen mir und dem nächsten Menschen mehrere Kilometer liegen könnten, faszinierte mich. Ich fuhr übers Land und suchte nach den Orten, die mir am verlassensten erschienen. Sie vermittelten mir ein schwindelerregendes Gefühl der Freiheit und erinnerten mich auf ihre eigene Weise an den ewigen Abgrund aus dunklem Wasser unter einer Bohrinsel.

Eines Tages, als ich auf einer meiner Fahrten war, ließ etwas in mir plötzlich los und die Zeit verschwand. Das Auto fraß Kilometer für Kilometer und brachte mich immer weiter gen Süden. Vorbei glitten Bäume, Flüsse, Kornblumen, Weizenfelder und Wolken. Wie ein willenloser Passagier war ich, bis wir einen kleinen Ferienort erreichten. Ziemlich schick war es hier, mit großen weißen Villen, teuren Autos, gepflegten Menschen. Ich parkte den Wagen und gab ihm einen kleinen Klaps zum Dank, dann schlenderte ich durch die Straßen. Anfangs genoss ich es, mir endlich die Beine zu vertreten, aber nach und nach kam ich mir vor wie ein Fremder. Auf einem kleinen Platz fiel mir ein Café ins Auge, und ich ging hinein. Gerade hatte ich bestellt, als ich draußen einen Menschen sah, wie ich noch nie einen gesehen hatte. Er war ein Bettler, saß auf der Kirchentreppe und vor ihm stand eine kleine Schüssel. Seine Kleidung sah sauber aus, der Körper wohlgeformt, aber sein Kopf und sein Gesicht waren von abszessähnlichen Beulen übersäht, was ihm jegliches menschliches Aussehen raubte. Was suchte er in dieser schicken Stadt? Ich sah mich im Café um: lauter elegante Leute mit selbstsicheren Gesichtern und lauten, selbstverständlichen Stimmen. Sie gehörten hierher, ihnen gehörte diese Stadt. Und ich? Was machte ich hier? Mir begegneten keine Blicke, jeder schien mit dem Eigenen beschäftigt zu sein. Doch, da! Die Augen einer Frau streiften meine. Und da noch eine... und noch eine weitere!

Na gut, dachte ich, während ich mein Mittagessen verspeiste. Ich bleibe hier. Ich habe noch zehn Tage Urlaub, und in diesem Moment wusste ich auch, wofür ich diese Zeit verwenden wollte.

Zuerst ließ ich eine Handvoll Visitenkarten drucken, auf englisch, mit einem kurzen Text und meiner Nummer, dann fuhr ich zum größten Supermarkt der Stadt. Ich blieb im Wagen sitzen und beobachtete, wie die Leute kamen und gingen. Dann drehte ich eine Runde und klemmte meine Karte unter die Scheibenwischer der Autos, aus denen ich Frauen alleine hatte aussteigen und in den Supermarkt gehen sehen. "I clean your pool", stand auf der Karte. "Easy going, good hearted, always horny. English spoken."

Wie ein Schatten saß ich hinterm Lenkrad und sah, wie die Frauen tröpfchenweise zu ihren Autos zurückkehrten. In der Regel bemerkten sie die Karte sofort und schauten sie an, einige flüchtig, aber andere aufmerksam. Oft stellten sie beim Lesen die Einkaufstüten auf den Boden oder direkt in den Kofferraum. Dann sahen sie sich verstohlen um und steckten die Karte schnell in die Tasche. Die Aufregung ließ es in meinem Unterleib pulsieren.

Bereits am selben Tag kam der erste Anruf. Dann noch einer und noch einer mehr. Fünf in fünf Tagen. Wir trafen uns, und es überraschte mich, wie unkompliziert es war, wie gut der Sex war, und wie offen und freundlich die Frauen zu mir waren. Vielleicht, weil das Format von vornherein geklärt war. Aber hin und wieder tauchte auch ein unerwartetes Element auf: die Verletzlichkeit und das Sehnen nach Liebe zeigten sich hinter einer lächelnden Fassade. Eine der Frauen hatte nach dem Akt in meinen Armen angefangen zu weinen, eine andere erzählte mir von ihrem einsamen Leben mit einem kalten, fernen Mann. Nachdem ich mit ihnen zusammen gewesen war, hatten drei der Frauen atemlos gefragt, ob wir uns wiedersehen könnten. Ich hatte ihnen in die feuchten Augen geblickt und erklärt, dass ich schon voll ausgebucht sei. Auch hier galt meine Maxime: nur ein Tag bzw. eine Nacht pro Frau. Nur ein einziges Mal machte ich eine Ausnahme:

Die kostenlose Leseprobe ist beendet.