Buch lesen: "Tod am Hühnermarkt"

Schriftart:

LASP

Der Autor

Lutz Ullrich, Jahrgang 1969, studierte Politik und Rechtswissenschaften, schrieb für verschiedene Zeitschriften, betätigte sich in der Politik und arbeitet heute als Rechtsanwalt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt. Mehr Informationen gibt es unter www.lutzullrich.de.

In der Tom-Bohlan-Reihe sind bisher folgende Bücher erschienen:

Der Kandidat (2009)

Tod in der Sauna (2010)

Tödliche Verstrickung (2011)

Stadt ohne Seele (2012)

Mord am Niddaufer (2013)

Das Erbe des Apfelweinkönigs (2014)

Kristallstöffche (2015)

Klaa Pariser Blut (2017)

Citymord (2018)

Außerdem der Kurzkrimi:

Bohlan und das geheimnisvolle Manuskript

Außerdem erhältlich

Wie aus Herbert Willy wurde (2016)

Alle Bücher sind auch als E-Book erhältlich

Tod am Hühnermarkt

Ein Kriminalroman von Lutz Ullrich

.

© 2020 Lutz Ullrich

Korrektorat: punkt und komma

LASP-Verlag, Schwalbach am Taunus – Frankfurt am Main

info@lasp.de

Cover-Foto: adobe stocks

ISBN 978-3-946247-27-2

www.lasp-verlag.de

www.lutzullrich.de

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Prolog

In einer Frankfurter Wohnung mit Blick auf den Hühnermarkt taumelte David Blum krachend gegen eine Schranktür und verhinderte so, dass er das Gleichgewicht vollends verlor und stürzte. Verzweifelt umklammerten seine Finger eine große Metallschiene, die normalerweise zum Öffnen der mannshohen Schiebetür des Kleiderschranks diente. Sein Herz hämmerte, als wolle es explodieren. Sein Pulsschlag simulierte einen Zweihundertmetersprint. Blum schloss für einen Moment die Augen und versuchte, das soeben Gesehene mit beruhigenden Bildern zu übertünchen. Ein verzweifelter Versuch. Doch immerhin verlangsamte sich sein Herzschlag.

Augenblicke später wagte er, der Realität erneut ins Angesicht zu blicken.

Thomas Winterstein lag noch immer reglos auf seinem Bett. Er trug einen biederen Pyjama. Die Bettdecke war bis zu seinem Bauch gezogen, wo ein aufgeschlagenes Buch lag. Dem Umschlag nach ein spannender Thriller. Doch die Augen des Wissenschaftlers waren zur Decke gerichtet, als warte er auf eine göttliche Eingebung.

David Blums Rücken löste sich von der Schrankwand. Seine Hand hielt weiterhin schützenden Kontakt zum Griff, auch als er einen vorsichtigen Schritt nach vorne wagte. Nur nicht zu weit. Die Ruhe eines Toten sollte man nicht stören. So viel Ehrfurcht war Blum auch nach Jahrzehnten noch geblieben, in denen er getötet und gemordet hatte. Meistens ziemlich raffiniert und mit viel Effekthascherei. Millionen Leser hatten ihm dafür gedankt und seine Thriller regelmäßig auf die Bestsellerlisten befördert. Nicht nur in Deutschland, und auch die unzähligen Übersetzungen waren weltweit Erfolge geworden.

Das hier allerdings war keine ausgeklügelte Fiktion, sondern knallharte Realität.

Fieberhaft überlegte Blum, was er tun sollte. Zögernd löste er sich vom Schrank und trat ans Bett. Langsam fuhr seine Hand in Richtung Winterstein. Wie in Zeitlupe näherte sie sich dessen Hals und tastete vergeblich nach einem Pulsschlag.

»Ein Notarzt«, schoss es Blum durch den Kopf.

Doch eine Stimme in ihm sagte, dass dies sinnlos war. Winterstein war tot. Und Blum wollte auf keinen Fall in polizeiliche Ermittlungen hineingezogen werden. So etwas sprach sich schneller herum, als sein Management reagieren konnte. Blum sah die Schlagzeilen der Boulevardpresse bereits rot leuchten: »Bestsellerautor unter Verdacht!«

Schlechte Presse war besser als gar keine Presse, aber Spekulationen über die Verstrickung in ein Tötungsdelikt waren definitiv des Schlechten zu viel.

Blum verharrte unschlüssig vor dem Toten. Was sollte er tun? Wild schossen die Gedanken in seinem Kopf durcheinander. Im Grunde war nichts klar. Winterstein könnte genauso friedlich eingeschlafen wie getötet worden sein. Vielleicht hatte er vor dem Schlafengehen einen Whisky getrunken, die Gutenachtlektüre geschnappt und beim Lesen einen Herzinfarkt erlitten. So etwas kann ganz plötzlich passieren, auch bei Menschen in Wintersteins Alter. Gerade, wenn sie besessene Arbeitstiere waren. Zu dieser Spezies hatte Winterstein definitiv gezählt. Das hatte Blum in den letzten Wochen am eigenen Leib gespürt. Der Kerl stand ständig unter Strom, wollte immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig tun, strotzte vor Vitalität, trieb Sport in jeder freien Minute. Etwas, das Blum ganz und gar abging.

»Herzinfarkt!«, schoss es wieder durch seine Gehirnwindungen. Doch ein Gefühl tief in ihm rebellierte, rückte das scheinbar Offensichtliche in den Hintergrund. Blums Blicke geisterten durch den Raum, ohne an einem Punkt hängen zu bleiben. Alles wirkte vollkommen normal. Doch irgendetwas stimmte nicht, da war er sicher. Er verließ das Schlafzimmer, durchschritt den Flur. Seine Blicke schossen hektisch durch die offene Tür ins Wohnzimmer, dann den Flur entlang. Er konnte nichts Auffälliges entdecken. Kein Durcheinander, keine herausgerissenen Schubladen. Alles ganz normal. So als habe Winterstein sich schlafen gelegt, um am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu fahren. »Irgendwo muss Wintersteins Festplatte stehen«, dachte Blum. Der Wissenschaftler hatte mal so etwas angedeutet. War es der Schrank oder das Regal im Wohnzimmer?

Aus der Ferne drang das Schlagen einer Tür in die Todesstille und riss Blum augenblicklich aus den Gedanken. Schritte hallten durch die Wohnung. Blum stürmte in den Flur, sah, dass die Wohnungstür nur angelehnt war. Er hatte vergessen, sie zu schließen, als er die Wohnung betreten hatte.

Und davor war sie ebenfalls nur angelehnt gewesen!

Das war es, was Blum sonderbar vorgekommen war. Jemand wie Winterstein ließ nicht die Tür offen stehen, sodass jeder die Wohnung betreten konnte. Noch dazu, wenn er vorhatte, ins Bett zu gehen.

Die Schritte hallten wieder herauf.

Verdammt! Blum blieb einen Moment wie angewurzelt stehen.

Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht. Blum musste sich jetzt schnell entscheiden. In jedem Fall musste er zur Wohnungstür. Entweder, um sie zu schließen, oder um aus der Wohnung zu fliehen. Der Bestsellerautor entschied sich instinktiv für die zweite Alternative, zog die Tür von außen zu und hechtete die Treppe hinauf. Sein Fuß blieb an der letzten Stufe hängen und brachte ihn zum Stolpern. Blum drohte krachend auf die Holzdielen zu fallen, konnte aber im letzten Moment das Geländer greifen und den Sturz verhindern.

Er huschte im selben Augenblick um die Ecke, als die Schritte Wintersteins Wohnungstür erreichten. Blum drückte sich mit dem Rücken gegen die raue Wand. Sein Herz pumpte wieder wie wild. Er hielt den Atem an und hoffte inständig, dass nur er das laute Pochen hören konnte.

Eine halbe Etage tiefer scannten zwei Männer in dunklen Anzügen misstrauisch das Treppenhaus ab. War da nicht eben ein Geräusch gewesen? Sie lauschten konzentriert, wandten sich dann aber Wintersteins Wohnungstür zu. Es dauerte nicht lange, bis sie sie geöffnet hatten. »Soll ich noch mal nach oben gehen?«, murmelte der eine. Der andere schüttelte kurz den Kopf. Dann waren die beiden in der Wohnung verschwunden.

Blum wischte sich erleichtert den Schweiß von der Stirn, bevor er sich leise aufrichtete und die Treppe weiter nach oben schlich. Dort verharrte er einige Minuten. Nachdem sich sein Puls normalisiert hatte, lauschte er erneut ins Treppenhaus. Nichts war zu hören. Vorsichtig rappelte er sich auf, zog die Schuhe aus und schlich leise über die Stufen nach unten. Als er Wintersteins Wohnungstür passierte, duckte er sich, um nicht aus dem Guckloch der Tür gesehen zu werden. Keine zwei Minuten später trat er auf das Kopfsteinpflaster und zog die frische, kühle Nachtluft in sich ein. Seine Schuhe hielt er noch immer in der Hand, auch als er das die Straße berquerte.

1.

Tom Bohlan stieg die schmalen Betonstufen empor und stand kurz darauf auf dem Römerberg. Der Himmel über Frankfurt hing voller Wolken. Die Herbstluft war frostig. Die Glocken des Doms schlugen dreimal. Bohlan zog den Ärmel seines Mantels zurück und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Es war Viertel vor drei. Der Kommissar war direkt von seinem Hausboot, das an der Wörthspitze in Höchst ankerte, in die Innenstadt gefahren und hatte den alten VW im Parkhaus abgestellt. Eigentlich hatte er den Rest der Woche frei und nicht vorgehabt, heute einen Tatort aufzusuchen, doch da seine Kollegen Jan Steininger und Walter Steinbrecher kurzfristig erkrankt waren, musste er notgedrungen einspringen. Er stiefelte über den Römerberg und passierte die an seiner Ostseite gelegenen historischen Fachwerkhäuser. Dort nahm er den Krönungsweg, stand wenig später auf dem Hühnermarkt und blickte in die Augen der Friedrich-Stolze-Büste, die auf einem Brunnen thronte. Andächtig verharrte er einen Augenblick. »Un es will mer net in de Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!«, formten seine Lippen.

Noch vor wenigen Jahren hatte hier das technische Rathaus gestanden und seinen Betoncharme verbreitet. Nun konnten die Frankfurter genauso wie unzählige Touristen die Altstadt wieder in ihrem ursprünglichen Zustand bestaunen. Als der Magistrat die Pläne zum Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Altstadt vorgestellt hatte, war der Kommissar wie viele andere Frankfurter skeptisch gewesen. Doch nun, da die engen Häuserzeilen längst zum Touristenmagneten geworden waren, mochte er ihren Charme. Er ließ seinen Blick über die rekonstruierten Häuserfassaden wandern. Als er am Wirtshaus hängen blieb, hörte er hinter sich Julia Wills Stimme.

»Hallo Tom!«

Der Kommissar drehte sich um, die Kommissarin war nur noch wenige Meter vom ihm entfernt. Sie trug einen braunen Mantel und eine dazu passende Wollmütze. Ihre dunkelbraunen Haare fielen ihr ums Gesicht. »Da hast du dich aber mächtig beeilt!«

»Wenn Not am Mann ist, lass ich mein Team doch nicht hängen«, entgegnete Bohlan mit einem ironischen Augenzwinkern.

»Sorry«, sagte Will. »Ich weiß, dass du dir die Woche anders vorgestellt hast. Aber im Kommissariat ist absolut Land unter.«

»Ich habe schon gehört, die Grippewelle ist früh dieses Jahr. Was ist passiert?«

»Es gab einen anonymen Anruf. Demnach liegt in einer Wohnung am Markt 14 eine Leiche.«

»Markt 14?«, fragte Bohlan.

»Das muss dort drüben sein«, antwortete Will. »Das Haus heißt übrigens Neues Paradies.«

»Wie passend.« Die beiden marschierten zur Ostseite des Platzes.

»Was genau hat der anonyme Anrufer gesagt?«, wollte Bohlan wissen, während Wills Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster klackerten.

»Nicht allzu viel. Der Tote soll in seinem Bett liegen. Sein Name ist Dr. Thomas Winterstein. Ein angesehener Biologe.«

Sie hatten mittlerweile die Eingangstür des Hauses erreicht und sämtliche Klingelknöpfe betätigt. Nach einiger Zeit sprang die Tür auf und die beiden Kommissare betraten das Treppenhaus. Bohlan warf einen Blick auf die Briefkästen. Offensichtlich gab es sechs Wohnungen. Will war bereits auf der Treppe. Bohlan folgte ihr. In der ersten Etage erwartete sie eine zierliche Frau mit ergrauten Haaren. Bohlan schätzte sie auf Mitte fünfzig.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Guten Tag. Wir sind von der Kripo«, sagte Will. »Wie heißen Sie?«

»Christa Michels«, sagte die Frau mit ungewöhnlich rauer Stimme.

»Es geht um Ihren Nachbarn, Herrn Winterstein.« Will hielt ihr den Polizeiausweis unter die Nase.

Die Frau schaute skeptisch auf das Dokument.

»Und wie kann ich Ihnen da helfen?«

»Gibt es jemanden, der einen Schlüssel zu seiner Wohnung hat? Wir müssten dort mal nach dem Rechten sehen.«

»Haben Sie es schon einmal mit Klingeln versucht?«, raunzte Frau Michels.

»Selbstverständlich«, schaltete sich Bohlan ein. »Es macht aber niemand auf.«

»Und da dürfen Sie so einfach die Wohnung betreten? Ist das auch rechtens?«

»Wir können auch einen Schlüsseldienst kommen lassen. Wenn es aber jemanden gibt, der einen Schlüssel hat, würde das die Sache vereinfachen.«

»Ich habe einen Schlüssel«, druckste die Frau hervor. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen die Tür aufmachen darf.«

»Sie dürfen«, sagte Bohlan. »Es wird auch nicht lange dauern. Wir gehen da kurz rein, wenn alles in Ordnung ist, sind wir zwei Minuten später wieder weg.«

»Was sollte denn nicht in Ordnung sein?«

»Es gab einen anonymen Anruf, dem wir nachgehen müssen.«

»Einen anonymen Anruf«, echote die Frau.

»Das kommt öfter vor, und meist ist es falscher Alarm. Deshalb möchten wir Sie nicht unnötig beunruhigen.«

Die Frau runzelte nachdenklich die Stirn. »Also gut. Moment bitte.«

Christa Michels verschwand in ihrer Wohnung. Durch die halb offen stehende Tür konnte Bohlan beobachten, wie sie die Schublade einer Kommode aufzog und darin wühlte. Es dauerte nicht lange, bis sie mit einem Schlüssel in der Hand zur Tür zurückkehrte.

»Hier bitte!« Sie hielt Bohlan den Schlüssel entgegen. »Aber ich komme mit.«

»Bis zur Eingangstür ist das okay. Aber dann warten Sie!«, sagte Bohlan mit bestimmtem Ton.

Zu dritt stiegen sie die Treppe nach oben.

»Wie wohnt es sich in der Altstadt?«, fragte Will.

»Ich bin sehr zufrieden. Alles ist sehr zentral, es gibt allerlei Einkaufsmöglichkeiten, dazu Kneipen, Theater und Kino. Und zum Main sind es auch nur ein paar Schritte.«

»Und die ganzen Touris vorm Haus?«, warf Will ein.

»Daran gewöhnt man sich.«

Sie hatten die nächste Etage erreicht und standen vor Wintersteins Tür. Bohlan drückte noch mal auf den Klingelknopf und klopfte dann sicherheitshalber an die Tür.

»Herr Winterstein? Sind Sie zu Hause? Hier ist die Polizei.«

Es kam keine Antwort.

»Herr Winterstein, wir werden jetzt die Tür öffnen!«

Bohlan wartete noch einen Moment, bevor er den Schlüssel ins Schloss steckte. Er ließ sich nur zur Hälfte drehen, dann sprang die Tür auf. Abgeschlossen war schon mal nicht. Bohlan betrat als Erster die Wohnung, gefolgt von Will.

»Sie warten bitte hier!«, sagte der Kommissar zu Christa Michels, die Anstalten machte, über die Schwelle zu treten. Augenblicklich stoppte sie pflichtbewusst in ihrer Bewegung. Bohlan sog die Luft der Wohnung in sich auf. Es roch nach Neubau und frischer Farbe. Einen Leichengeruch konnte er nicht vernehmen. Doch das hatte nicht allzu viel zu bedeuten, schließlich konnte der Tod erst vor wenigen Stunden eingetreten sein. Es dauerte, bis der Geruch des Todes alles andere überlagert. Manchmal konnte jemand tagelang in seiner Wohnung liegen, ohne dass es anfing, verdächtig zu riechen. Es hing vom Alter, dem allgemeinen Zustand, der Körperfülle sowie von Vorerkrankungen und eventuell eingenommenen Medikamenten ab, wann eine Leiche die Gase verströmte, die als Leichengeruch wahrgenommen wurden.

»Wann kam der Anruf?«

»Gegen Mittag«, sagte Will. Die beiden liefen den Flur entlang, passierten Küche, Bad und Wohnzimmer. Soweit Bohlan es in der Kürze der Zeit beurteilen konnte, war die Wohnung in einem zwar bewohnten, aber ordentlichen Zustand. In der Küche stand benutztes Geschirr herum, im Wohnzimmer stapelten sich Zeitungen und Zeitschriften auf dem Boden. Auf dem Esstisch stand eine Flasche Whisky.

Im Schlafzimmer fanden sie Dr. Winterstein, der in seinem Bett lag und friedlich zu schlafen schien. Die Kommissare traten näher und betrachteten den Biologen. Seine Augen sahen zur Decke, der Mund war geöffnet, die Gesichtszüge erschlafft. Bohlan versuchte, den Puls zu ertasten, doch er wusste, dass es sinnlos war.

Ein paar Straßenzüge weiter südlich zog Michael einen Koffer vom Schrank eines kleinen Hotelzimmers mit Ausblick auf die Skyline. Er stellte ihn auf die unbenutzte Seite des Doppelbetts und begann, die wenigen Klamotten darin zu verstauen. Jeans, T-Shirt und Jacke hängte er über den Stuhl, der an einem kleinen Tisch stand. Das waren die Sachen für den Abend und nächsten Morgen. Michael war ein ordentlicher Mensch, der immer gut vorbereitet sein wollte. Deshalb plante er den nächsten Tag. Nachdem er fertig war, ging er ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Während das heiße Wasser auf seinen muskulösen Körper plätscherte, kehrten seine Gedanken an den gestrigen Abend zurück. Er hatte seinen Job erledigt, gewissenhaft wie immer. Seine Auftraggeber hatten einen friedlichen, natürlichen Tod gewünscht. Kein Blut, keine Sauerei. Möglichst unauffällig. Das waren die Worte gewesen. Natürlich hatte er sich an die Anweisungen gehalten, obwohl es weitaus angenehmer war, jemanden aus der Ferne zu erschießen, als von Angesicht zu Angesicht zu warten, bis sein Herz aufhört zu schlagen. Diese Nähe zu einem Sterbenden war unerträglich, beinahe eine intime Angelegenheit. Aber Job war Job. So war das nun einmal. Ein Konditor muss auch die Torten backen, die bestellt werden, und nicht die, die er gerne isst.

Michael stellte das Wasser aus und griff das Handtuch. Es roch nach Weichspüler und fühlte sich flauschig an, als es über seine Haut rieb. Er verließ die Duschkabine und stellte sich vor den Spiegel. Sein Gesicht sah müde aus, die Schatten unter den Augen schienen größer als gewöhnlich. Zeit für eine Auszeit. Zeit, den ganzen Irrsinn zu vergessen.

Bald würde er in den Flieger steigen und erst mal seinen wohlverdienten Urlaub genießen. Sonne, Strand, Karibik. Und Nächte voller Sex und Leidenschaft. Geld hatte er für die nächsten Monate genug. Morde waren lukrativ.

Aber bevor er das Weite suchen konnte, waren noch zwei Rituale zu erledigen. Eines davon war ein wenig schmerzhaft. Das andere die Belohnung danach.

Tom Bohlan saß seit fast einer Stunde im Wirtshaus am Hühnermarkt. Vor ihm stand ein klassischer Vierer-Bembel, umrahmt von ein paar Gerippten und einer Flasche Wasser. Der Ebbelwoi stieg dem Kommissar bereits in den Kopf. Er musste es auf jeden Fall bei dem einen Vierer-Bembel belassen, immerhin war er mit dem Auto hier. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Fast fünf.

Nachdem sie Wintersteins Leiche gefunden hatten, hatte ihn Julia Will nach unten geschickt. Im ersten Moment hatte Bohlan gemurrt, doch seine Kollegin war hartnäckig geblieben und hatte darauf bestanden, sich alleine um alles zu kümmern. In Wintersteins Wohnung lief sowieso das übliche Muster ab. Rechtsmedizin und Spurensicherung trafen ein und versuchten, erste Rückschlüsse zu ziehen.

Will wollte sich nur ein wenig im Haus umhören und dann zu ihm kommen. Das Umhören dauerte nun schon eine halbe Ewigkeit. Gerade, als der Kommissar aufstehen wollte, um im »Paradies« einmal nach dem Rechten zu sehen, betrat Julia Will den Gastraum und marschierte zielstrebig zu seinem Tisch. Bohlan lehnte sich lässig zurück und versuchte, den Entspannten zu mimen.

»Ist da noch was drin?«, fragte Will mit Blick auf den Bembel und ließ sich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen.

»Schau nach!«, retournierte Bohlan. »Ne Pfütze wirds noch sein.«

Ohne in den Bembel zu schauen, griff Will nach einem unbenutzten Glas, das auf dem Tisch stand, und drehte es um. Sie kippte die Ebbelwoi-Reste hinein, die das Glas zur Hälfte füllten, und gab danach Wasser hinzu. Nachdem sie einen großen Schluck getrunken hatte, begann sie mit ihrem Bericht.

»Winterstein ist genauso wie die anderen Bewohner direkt nach der Fertigstellung eingezogen. Er arbeitet als Biologe bei einer Firma am Riedberg, in unmittelbarer Nähe zur Uni. Sie heißt Global Knowledge. Die anderen Bewohner beschreiben Winterstein als ruhigen, zuvorkommenden Mann. Er hat sich abends oft mit Freunden getroffen. Bekam auch ab und an Besuch. Nichts Auffälliges also.«

»Familie?«, knurrte Bohlan.

»Er war ledig. Es gibt aber eine Schwester. Frau Michels will uns die Adresse heraussuchen.«

»Hat Dr. Spichal schon irgendwas verlauten lassen?«, hakte Bohlan nach. Die Angaben des Rechtsmediziners waren für ihn immer der erste Ansatzpunkt bei Ermittlungen.

»Nicht wirklich. Spuren, die auf eine Gewaltanwendung hindeuten könnten, sind jedenfalls nicht sichtbar. Wenn es kein Herzinfarkt war, könnte es Gift gewesen sein. Aber um das herauszubekommen, muss er Wintersteins Leiche eingehend untersuchen. Und das kann dauern.«

»Also falscher Alarm?«, knurrte Bohlan.

»Vielleicht. Ich frage mich aber, warum jemand anonym bei uns anruft, wenn’s ein Herzinfarkt war?«

»Das ist eine berechtigte Frage. Vielleicht ist jemand in die Wohnung eingedrungen und hat einen Schreck bekommen, als er den Toten fand. Mit der Meldung wollte er seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen.«

»Möglich«, murmelte Will und klang dabei wenig überzeugt. »Wir müssen aber wohl abwarten, was Dr. Spichals Analysen ergeben.«

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Genres und Tags

Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
23 Oktober 2025
Umfang:
230 S.
ISBN:
9783946247272
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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