Buch lesen: "Jenseits der Freiheit"

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Der Autor


Dr. Ludger Tebartz van Elst ist Arzt, Neurowissenschaftler und Professor für Psychiatrie and Psychotherapie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau.

Er studierte Philosophie und Medizin an den Universitäten Freiburg im Breisgau, Manchester (UK), New York University (NY – USA) und Zürich (Schweiz).

Er ist Stellvertretender Ärztlicher Direktor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, Leiter der Sektion für Experimentelle Neuropsychiatrie, Leiter des Forschungsverbunds Freiburg Brain Imaging Center der Universitätsklinik Freiburg und Vorsitzender des Referats Neuropsychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN).

Seine speziellen klinischen Interessen- und Forschungsschwerpunkte beinhalten die Neurobiologie und Psychotherapie der Entwicklungsstörungen (Autismus, ADHS und Tic-Störungen) sowie der organischen und schizophreniformen psychotischen Störungen. Methodisch fokussiert er sich dabei auf die verschiedenen Methoden der bildgebenden Hirnforschung, der Neuroimmunologie sowie der visuellen Psychophysik und Elektrophysiologie.

Darüber hinaus setzt er sich seit Jahrzehnten intensiv mit Themen der theoretischen Medizin und Philosophie auseinander und geht dabei Fragen der Psychobiologie von Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Verhalten, Freiheit und Motivation nach.

Ludger Tebartz van Elst

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-034665-9

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Franz von Stuck (1863–1928), Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, Paris, Musée d’Orsay (Copyright © bpk/RMN – Grand Palais/Patrice Schmidt)

»… Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.«

Genesis 2,16–17

Die Vertreibung aus dem Paradies ist mehr als eine fromme Legende. Sie symbolisiert den Moment in der Evolution der Menschheit und der Biografie eines jeden Menschen, in dem die psychobiologische Entwicklung zu Bewusstsein, Erkenntnis und Selbstbewusstsein führt. Die Frucht des Baums der Erkenntnis weitet den kognitiven Raum. Freiheit entsteht. Der Mensch erkennt den eigenen Tod, verlässt zwangsläufig das Paradies der kindlichen Unmündigkeit und Unbekümmertheit. Das ist die Geburtsstunde des transzendenten Triebs. Für ein freies, erkennendes, transzendentes Subjekt ist der Weg zurück versperrt.

Für Aufklärung, Vernunft und Toleranz

»Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ›ungebändigt immer vorwärts dringt‹ (Mephisto im Faust, I, Studierzimmer).«

Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips (1920, S. 51)

Inhalt

1  Vorwort

2  Einleitung

3  1 Leben, Verhalten und Motivation

4  1.1 Was ist Leben?

5  1.2 Die Bewegkräfte von Leben und Verhalten

6  1.2.1 Was das Leben bewegt – über die Seele

7  1.2.2 Der Triebbegriff der biologischen Psychologie

8  1.2.3 Die Triebtheorie nach Freud

9  1.2.4 Die Bedürfnishierarchie nach Maslow

10  1.3 Systematik der Bewegkräfte des Lebens

11  1.3.1 Kräfte sind Konstrukte

12  1.3.2 Vom Trieb zum Ziel – was meinen motivationale Begriffe?

13  1.3.3 Vom kosmischen zum transzendenten Trieb – die Dynamik und hierarchische Struktur triebhafter Kräfte

14  1.3.4 Warum Triebe nicht kausal denken?

15  1.3.5 Endogenität und Freiheit

16  1.3.6 Bewusstsein und Freiheit als psychobiologische Errungenschaften

17  2 Diesseits der Grenze – die Psychobiologie der Freiheit

18  2.1 Handlungsfreiheit zwischen Struktur, Problem und Zustand

19  2.1.1 Persönlichkeit: Strukturelle Besonderheiten handelnder Subjekte

20  2.1.2 Intelligenz als körperliche Struktur

21  2.1.3 Weltanschauungen als erworbene Strukturen

22  2.1.4 Die Situation: Problematisches Handeln im Alltag

23  2.1.5 Wahn und Wirklichkeit: Zustandshafte Verzerrungen des Handlungsraums

24  2.1.6 Grenzen und Fundamente des freien Raums

25  2.1.7 Das Orchester des Lebens

26  3 Jenseits der Grenze – die Ökologie der Freiheit

27  3.1 Gesellschaft und Kultur – die Ökologie der Freiheit

28  3.2 Der Diskurs – die problematische Situation der Gesellschaft

29  3.3 Krieg und Frieden – die Zustände der Gesellschaft

30  3.4 Grenzen und Fundamente des inkulturierten freien Raums

31  4 Das transzendente Verhalten

32  4.1 Der transzendente Trieb

33  4.2 Religiöses Verhalten und Transzendenz

34  4.3 Das Opfer: Kriterien transzendenten Verhaltens

35  4.4 Transzendenter Trieb oder Sublimierung

36  4.5 Phänomenologie der transzendenten Ethologie

37  4.6 Transzendente Motivationen im postmodernen Selbstverständnis

38  4.7 Transzendenz des Alltags

39  4.7.1 Pragmatik der Motivation

40  4.7.2 Transzendenz und Sinn

41  4.7.3 Transzendenz und Identität

42  4.7.4 Von postmoderner Transzendenz

43  4.7.5 Verzweiflung im Paradies

44  4.8 Zur Psychodynamik des transzendenten Triebs

45  5 Die Ökologie der Transzendenz

46  5.1 Das Diesseits und Jenseits transzendenten Verhaltens

47  5.2 Die Warnzeichen der transzendenten Übertreibung

48  5.3 Die transzendente Immunisierung

49  Literatur

50  Glossar

51  Sach- und Namensregister

Vorwort

Die Psychiatrie ist eine Wissenschaft an der Grenze. Wie keine andere Disziplin bewegt sie sich an der Grenze zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, zwischen strenger empirischer Forschung und populärwissenschaftlicher Deutung, zwischen den kausalen Gesetzmäßigkeiten der Biologie und der zielgerichteten Verursachung von Verhalten, die Kennzeichen des Lebens ist.

Gegenstand der psychiatrischen Medizin sind die komplexesten biologischen Phänomene, die es gibt: die Wahrnehmung, die Emotionen, das Denken, Wollen und Streben und schließlich das Verhalten von Menschen. Als klinische Wissenschaft hat die Psychiatrie das Privileg, auf ganz intime Art und Weise am Denken, Wollen, Leiden und Glück der behandelten Menschen teilhaben zu dürfen. Gleichzeitig müssen dieselben Phänomene aus der objektiven Außenperspektive der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) betrachtet, analysiert und bewertet werden.

Mit unseren Patientinnen und Patienten fragen wir uns immer wieder gemeinsam: Warum denken, fühlen, wollen und handeln Menschen so, wie sie es de facto tun? Muss das eigene Erleben und Streben vor allem als Ausdruck neurophysiologischer und biochemischer Prozesse begriffen werden? Ist es angemessen, das eigene Wollen und Verhalten überhaupt als frei zu begreifen? Oder ist unser Leben vollständig determiniert durch physikalisch-biochemische Prozesse, deren Komplexität wir kaum fassen können?

Dass Freiheit nicht als Theorie oder Grundannahme begriffen werden sollte, sondern vielmehr als ein empirisch fassbares, körperliches, biologisches Phänomen, welches durch die Eroberung der Zeit und die Erkenntnisfähigkeit von Lebewesen entsteht, ist in zwei früheren Werken des Autors (BioLogik; Freiheit) thematisiert worden (Tebartz van Elst 20031; TvE 2015). Dabei wurde der psychobiologische Weg in der Entwicklungsgeschichte des Lebens und der Lebensgeschichte eines Menschen bis hin zur Grenze, zum Phänomen der Freiheit, analysiert und beschrieben.

Dieses Buch thematisiert nun Fragen diesseits und jenseits dieser Grenze, diesseits und jenseits der Freiheit. Denn wer sein eigenes Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Wollen und Handeln und das der Gruppen in einer Gesellschaft beobachtet (den Diskurs), wird schnell feststellen: es gibt erkennbare und benennbare Muster und Stereotypien in der kognitiven Welt. So gestaltlos die Welt des Mentalen auch sein mag, sie ist nicht ohne Struktur, sie funktioniert nicht ohne Gesetzmäßigkeiten.

Diese Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der psychobiologischen Räume, in denen Willensfreiheit stattfindet, sollen in diesem Buch bedacht werden.

Es zeigt sich: Willensfreiheit und die Freiheit des Verhaltens sind nichts Absolutes. Sie finden nicht außerhalb der Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaft statt, sondern sind als körperliches, psychobiologisches Phänomen in diese eingebettet. Und freies Verhalten bezieht sich notwendig auf unfreie, weil nicht unmittelbar-veränderbare Gegebenheiten: den eigenen Körper, die eigene Persönlichkeit, Krankheiten und Behinderungen (das Diesseits der Grenze). Aber auch die gesellschaftliche Umwelt, die Sprache und Kultur, mit denen alles Bedeutungsvolle im eigenen Leben überhaupt erst begriffen wird, treten dem wollenden Menschen als unfreie Gegebenheit gegenüber (das Jenseits der Freiheit).

In dieser Gemengelage von überwiegend unfreien Rahmenbedingungen bewegt sich das Wollen und Verhalten eines Menschen. Beide haben Gründe, zumindest teilweise erkennbare und benennbare Bewegkräfte, die Ursachen von Bewegungen und Verhalten sind. Als übergeordnete endogene, der Biologie des Lebens an sich erwachsene Bewegkräfte werden aus objektiver Perspektive die Triebe identifiziert. Ihnen entsprechen aus subjektiver Perspektive des Selbsterlebens die Bedürfnisse. Dem objektiven Sexualtrieb entspricht das subjektive Bedürfnis nach Sexualität. Der fundamentale Lebenstrieb führt bei Lebewesen, die die eigene Vergänglichkeit begreifen, aus objektiver Sichtweise zum transzendenten Trieb. Aus subjektiver Perspektive entsprechen dem die transzendenten Bedürfnisse oder – in einer anderen Sprechtradition – das Bedürfnis nach Sinn.

Auf transzendente Beweggründe wird im postmodernen Denken nur wenig reflektiert. Wahrscheinlich liegt das u. a. daran, dass es im allgemeinen Diskurs unserer Zeit eng mit religiösem Denken verknüpft vorgestellt wird, welches vielen als antiquiert gilt. Dabei stellen die religiösen transzendenten Systeme zwar die bekanntesten Beispiele transzendenter Kognition und Motivation dar – aber sicher nicht die einzigen.

Schon im Buch Freiheit (TvE 2015) wurden das Musterhafte, Stereotype, Immer-Wieder-Kehrende und Vorhersagbare im Wahrnehmen, Denken, Erleben und Verhalten von Menschen als die Stigmata des Unfreien beschrieben. Solche Stigmata der Unfreiheit können nach meiner Analyse auch im transzendenten Erleben und Verhalten von Menschen erkannt werden. Sie scheinen mir im säkularen wie im sakralen Denken und Verhalten eng mit transzendenter Übertreibung, Extremismus und Fanatismus verknüpft zu sein.

Freiheit als neurokognitiver Auftrag bedeutet für den Einzelnen wie für die Gesellschaft unter anderem auch die Aufgabe, solche potentiell sehr schädlichen Strukturen der Unfreiheit zu erkennen und an ihrer Überwindung zu arbeiten.

Wenn ich mit diesem Buch dazu einen kleinen Beitrag leisten kann, würde mich das sehr freuen.

Der Gedankengang dieses Buches baut systematisch auf den vorherigen Publikationen BioLogik (TvE 2003) und Freiheit (TvE 2015) auf und setzt das dort entwickelte Denken fort. Um unnötige Redundanzen zu vermeiden, wird im Text daher immer wieder verkürzt auf die Argumentation in diesen Werken verwiesen, ohne die entsprechenden Gedankengänge hier im Detail zu wiederholen.

Abschließend möchte ich an dieser Stelle all den Menschen danken, mit deren Hilfe ich im diskursiven Austausch, in kontroverser und affirmativer Diskussion die hier vorgestellten Überlegungen entwickeln konnte: meiner Frau an erster Stelle, meiner Familie, Großfamilie, meinen Kolleginnen und Kollegen an der Klinik (besonders am Mittagstisch), der Universität und Forschung. Danken möchte ich vor allem aber auch meinen Patientinnen und Patienten. Ich erlebe es als Privileg und Geschenk, in meinem beruflichen Alltag an den vielfachen Besonderheiten, Eigenheiten, Faszinosa und Alltäglichkeiten ihrer Wahrnehmungen, ihres Denkens, ihrer Ängste und Sorgen, ihrer Wünsche und Aspirationen und ihres Wollens, Hoffens und Glaubens auf intime Art und Weise teilhaben zu dürfen. All diese Erfahrungen sind die eigentliche empirische Grundlage dieses Buches. Danken möchte ich schließlich dem Kohlhammer Verlag, Frau Brutler, Frau Reutter und vor allem Herrn Dr. Poensgen, der dieses Buch von Beginn an wohlwollend unterstützt und durch seine Überarbeitung und Anregungen sehr bereichert hat.

Ludger Tebartz van Elst

Freiburg im Breisgau, November 2020

1 Der Autorenname »Tebartz van Elst« wird in den Literaturverweisen im Folgenden mit »TvE« abgekürzt.

Einleitung

Freiheit ist ein Phänomen der Grenze. Es gibt keine Freiheit im leblosen Raum, sondern nur an den äußersten Rändern der psychobiologisch erschlossenen Welt. Freiheit gebiert Transzendenz und braucht Struktur. Die konkrete Form der Struktur, die den leeren Raum erschließt und damit zur freien Welt macht, hat Bedeutung für die Ökologie dieser Welt. Wer die Gesetzmäßigkeiten und Wirkkräfte im Grenzraum diesseits und jenseits der Freiheit nicht kennt, ist ihrer Dynamik wehrlos ausgeliefert.

Dies sind die Kerngedanken, die in diesem Buch systematisch entwickelt werden.

Dazu wird zunächst der Frage nachgegangen, was das Leben bewegt. Warum verhalten Tiere und Menschen sich so, wie sie es de facto tun? Dies ist der klassische Forschungsgegenstand der vergleichenden Verhaltensforschung, der Ethologie. Und so können die in diesem Buch erarbeiteten Überlegungen auch als ethologische Reflexionen auf die Verhaltensmuster von Menschen verstanden werden. Zu diesen Fragen werden in Kapitel 1 Antworten aus der klassischen Philosophie, der biologischen Psychologie und der Motivationspsychologie gesammelt und analysiert ( Kap. 1). Die Kerngedanken der für das abendländische Denken so einflussreichen Freud’schen Triebtheorie werden ebenso dargestellt wie das ebenfalls sehr einflussreiche Modell der Maslow’schen Bedürfnispyramide. Schon an dieser Stelle taucht der auch in diesem Buch zentral entwickelte Gedanke der transzendenten Motivation auf. Im Weiteren werden die verschiedenen motivationalen Begrifflichkeiten, die in den verschiedenen Fachsprachen der Philosophie, Psychologie und Medizin nebeneinander bestehen, wie Trieb, Bedürfnis, Emotion, Motiv, Ziel etc., systematisch erfasst, analysiert und operationalisiert. Es wird darauf hingewiesen, dass der auch von Freud zentral verwendete Trieb-Begriff Verhalten aus der objektiven Beobachterperspektive beschreibt, während der Bedürfnis-Begriff in erster Linie auf das subjektive Erleben triebhaft organisierter Verhaltensweisen abhebt. Als grundsätzliches Axiom wird das Postulat eines Lebenstriebs festgehalten. Dieser liegt auch der allgemein anerkannten Darwin’schen Evolutionstheorie als fundamentale Bewegkraft zugrunde. Davon abgeleitet werden für die verschiedenen Organisationsformen des Lebens auf der Erde verschiedene Triebbereiche: die vegetativen Triebe, die vor allem pflanzliches Verhalten erklären, die animalischen Triebe, welche die weitaus komplexeren tierischen Verhaltensweisen verständlich machen, und die kognitiven Triebe, welche aus den wachsenden kognitiven Fähigkeiten der zunehmend intelligenten Tiere erwachsen. Als bisher komplexeste Variante dieser kognitiven Triebe, die aus der Erkenntnis des eigenen Todes unter der Bedingung des fortbestehenden fundamentalen Lebenstriebs zwangsläufig entstehen, werden die transzendenten Triebe identifiziert. Derart motivierte Verhaltensweisen zielen ab auf eine imaginierte Überwindung der eigenen Vergänglichkeit durch Einbettung des eigenen Verhaltens in größere, das eigene Leben übersteigende (transzendierende) Sinnzusammenhänge.

Im zweiten Kapitel dieses Buches wird das Diesseits freien Verhaltens in den Blick genommen ( Kap. 2). Aufbauend auf den im Buch Freiheit (TvE 2015) erarbeiteten Überlegungen werden die Bedingtheiten potentiell freier Verhaltensweisen in den alltäglichen Situationen konkreten Lebens analysiert und beschrieben. Ganz konkret und vor dem Hintergrund klinischer Beobachtungen und Analysen wird beschrieben, wie der Raum potentiell freien Verhaltens strukturiert ist. Denn Freiheit ist weder ein theoretisches Abstraktum noch ein idealistisches Postulat, sondern ein konkretes, empirisches, körperliches, psychobiologisches Phänomen. Freiheit braucht den Raum struktureller Rigidität, um sich davon abheben zu können. Die konkreten Strukturen, die ich dabei meine erkannt zu haben, und das daraus hervorgegangene heuristische SPZ-Modell fußen ganz wesentlich auf Theorie- und Modellbildungen im Zusammenhang mit meiner klinischen psychiatrischen Arbeit. Entsprechende Gedanken wurden ansatzweise auch bereits in einer Vielzahl von medizinischen Fachbüchern und -artikeln veröffentlicht.

Im dritten Kapitel dieses Buches wird die Umwelt in den Blick genommen, in die sich freies und damit potentiell transzendentes Verhalten zwangsläufig einbetten muss (Jenseits der Freiheit) ( Kap. 3). Der Raum der kognitiven Vorstellungswelt ist potentiell völlig grenzenlos. Faktisch ist er es aber nicht. Denn lange bevor sich die kognitiven Möglichkeiten eines Individuums in seiner Biographie und Entwicklungsgeschichte voll entwickeln, wurde dieser potentiell grenzenlose Raum intensiv bearbeitet, gestaltet, begrenzt, geordnet und strukturiert. Er ist überfüllt von Bildern, Wörtern, Begriffen, Theorien, Ge- und Verboten. Diese wurden über die Sprache und gesellschaftliche Kommunikation an den einzelnen Menschen herangetragen und ihm auch aufoktroyiert, ohne dass sich das Individuum zunächst dazu verhalten könnte. Als wirkmächtigstes Phänomen ist hier sicher die Muttersprache zu nennen. Als fundamentales »kognitives Betriebssystem« eröffnet diese dem Individuum nicht nur die grenzenlose Welt des Mentalen, sondern sie begrenzt und strukturiert diese auch sofort wieder. Dies geschieht in Form der vielen Begriffe, Theorien, Weltanschauungen, Erzählungen, Symbole und Sätze, die als Prägungen mit der Primärsprache wie Muttermilch aufgesogen werden. Die Kultur eines Menschen repräsentiert die ökologische Umwelt, in die potentiell freies Verhalten eingebettet ist. Und ganz ähnlich wie auf individueller Ebene die konkrete problematische Entscheidungssituation kritisch durch persönlichkeitsstrukturelle Rigiditäten eingeengt wird, kann dies auch für die kollektive gesellschaftliche Ebene erkannt werden. Denn auch dort wird der gesellschaftliche Diskurs (kollektive problematische Situation, in der sich gesellschaftliche Handlungsfreiheit in Form von Verhaltensalternativen entwickelt) bedingt und eingeengt durch die »Persönlichkeit der Gesellschaft«: Sitten, Bräuche, Traditionen, Identitäten, Wertvorstellungen, Gesetze usw. Und ähnlich wie auf individueller Ebene phasische und teilweise krankhafte Zustände des Körpers (Infektionen, Hormonstatus, Depressionen, Angstzustände, Psychosen) den Entscheidungsfreiraum auf ganz typische und musterhafte Art und Weise beeinflussen und einengen, kann dies auch auf gesellschaftlicher Ebene in Form von Zuständen wie Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, Wirtschaftskrise, Pandemie, Boom, Blüte und Hype erkannt werden.

Nachdem die Bedingtheiten individuell freien Handelns vor dem Hintergrund persönlichkeitsstruktureller und krankhafter Einengungen (Diesseits der Freiheit) sowie gesellschaftlich ökologischer Faktizitäten (Jenseits der Freiheit) beschrieben und analysiert wurden, rückt in Kapitel 4 erneut der transzendente Trieb als die in diesem Buch im Fokus stehende Bewegkraft menschlichen Verhaltens ins Zentrum der Überlegungen ( Kap. 4). Es werden ausgehend von der Analyse klassisch religiöser Verhaltensweisen Kriterien transzendenten Verhaltens entwickelt. Ausführlich wird der Frage nachgegangen, in welcher Beziehung transzendente Motivation und Religion zueinander stehen. Auch die Suggestion des frühen Freuds, höhere Kulturleistungen könnten ausschließlich durch Sublimierung (Unterdrückung und Verschiebung) des Sexualtriebs plausibel erklärt werden, wird diskutiert. Es wird festgehalten, dass der transzendente Trieb seine Wirkkraft zwangsläufig bei den Lebewesen entfaltet, die die unausweichliche Realität des eigenen Tods erkennen und trotzdem dem Drang des fundamentaleren Lebenstriebs ausgesetzt sind. Aus subjektiver Perspektive korrespondieren dem die transzendenten Bedürfnisse bzw. das Streben nach Sinn.

Die Beobachtung menschlichen Verhaltens zeigt, dass der transzendente Trieb eine mächtige Wirkkraft ist. Er ist die Kraft, die auf kollektiver Ebene Kulturen und Religionen hervorbringt und auch wieder untergehen lässt. Auf individueller Ebene ermächtigt der transzendente Trieb zu Handlungen, die dem ihm zugrundeliegendem Lebenstrieb sogar widersprechen oder ihn übersteigen: das Opfer, den Märtyrertod und das Selbstmordattentat.

Abschließend wird erneut die gesellschaftliche Ökologie betrachtet, in die der transzendente Trieb eingebettet ist. Ein Kernanliegen des Textes besteht darin, auf den dynamischen Zusammenhang zwischen den psychobiologischen Phänomenen und Wirkkräften diesseits der Freiheit und ihrer transzendenten Gerichtetheit auf einen Raum jenseits ihrer freien Grenzwelt, ihrem Telos (Kultur, Sprache und Religion in ihren vielfältigen auch säkularen Manifestationen) hinzuweisen. Beide Pole dieser psychobiologischen Wirklichkeit sind einem permanenten geschichtlichen Wandel unterworfen, sowohl der psychobiologisch determinierte Pol diesseits als auch der sprachlich-kulturelle Pol jenseits der Freiheit. Im Entwicklungs- und Veränderungsprozess beider Bereiche stehen sich polar entgegengesetzte Organisationsprinzipien erkennbar gegenüber. Das konservativ-bewahrende Organisationsprinzip garantiert dabei die Stabilität und den Fortbestand des Erreichten und das progressiv-verändernde Prinzip die Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umweltbedingungen. Dies gilt sowohl für die psychobiologische Wirklichkeit der lebendigen Körper diesseits als auch für die kulturellen Räume jenseits der Grenze.

Die positiv gegebene, profane wie transzendente Kultur war und ist schon immer Ausgangspunkt, Referenzraum und Horizont für freies Verhalten zu allen Zeiten gewesen. Was bedeutet es vor dem Hintergrund dieser Feststellung, wenn die kollektiven, religiösen wie säkularen, transzendenten Systeme, wie es in den letzten Jahrhunderten und im neuen Jahrtausend mit erkennbar zunehmender Dynamik der Fall ist, zunehmend dekonstruiert werden und an Überzeugungs- und kollektiver Bindungskraft verlieren? Mit der Thematisierung dieser Frage schließt dieses Buch. Denn wenn die zentrale, hier vertretende These stimmt, dass der transzendente Trieb als kognitiver Trieb dem erkennenden Menschen körperlich innewohnt, wird er nicht verschwinden, nur weil sich die kollektive Kultur transzendenter Systeme auflöst. Ganz im Gegenteil können solche kollektiven transzendenten Systeme (Kulturen, Religionen) auch als Instrument begriffen werden, die ungeheure Wirkkraft transzendenter Motivation zu kanalisieren und zu domestizieren. Die totalitären gesellschaftlichen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts, die gut erkennbar auch auf profane, kollektive transzendente Motivationen aufbauten, zeigen dies eindrücklich.

Und so wie die sexuelle Aufklärung Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch sein Sexualverhalten möglichst frei, autonom und vernünftig verwirklichen kann, so ist nach meiner Analyse eine Selbsterkenntnis und Selbstaufklärung über den transzendenten Trieb Voraussetzung dafür, dass transzendente triebhafte Bedürfnisse – werden sie nun individuell oder kollektiv, säkular oder sakral ausgelebt – nicht irrational befriedigt werden, was verheerende Konsequenzen für das Wohl von Mensch und Natur haben kann.

€34,99

Genres und Tags

Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
03 September 2025
Umfang:
283 S. 22 Illustrationen
ISBN:
9783170346673
Rechteinhaber:
Bookwire
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