Buch lesen: "Geister in der Nacht. Nationalpark Bayerischer Wald"

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Lothar Streblow

Geister in der Nacht
Nationalpark Bayerischer Wald

SAGA Egmont

Geister in der Nacht. Nationalpark Bayerischer Wald

Copyright © 1979, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788726032192

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Meinen aufrichtigen Dank für liebenswürdige Unterstützung

und Hilfsbereitschaft:

Herrn Ministerialdirektor Otto Bauer

Herrn Ltd. Forstdirektor Dr. Hans-Heinrich Vangerow

Herrn Forstdirektor Dr. Hans Bibelriether

Herrn Forstoberrat Maximilian Waldherr

dem Leitenden Zoologen Herrn Dr. Wolfgang Scherzinger

dem Betriebsmeister Herrn Hermann Buchinger

dem Ordnungsdienstmann Herrn Willy Burkhardt

dem Tierpfleger Herrn Leopold Grünzinger

sowie allen Mitarbeitern der Nationalparkverwaltung

Bayerischer Wald in Grafenau.

Was immer den Tieren geschieht –

geschieht bald auch den Menschen.

Chief Seattle,

Häuptling der Duwamish-Indianer (um 1850)

Die Bürger müssen ein anderes Verhältnis

zur Natur finden.

Walter Scheel,

Bundespräsident (1978)

Großer Geist auf kleinen Füßen

Es war eine strapaziöse Fahrt gewesen vom Remstal in den Bayerischen Wald: auf überfüllten Straßen und bei grauverhangen-schwülem Himmel. Aber wir hatten es geschafft. Nun standen wir alle drei auf der breiten Holzveranda und genossen den Abend. Es roch nach Wald, nein: Es duftete nach Wald. Durch dichte Wolkenbänke brach ein schmaler Sonnenstrahl. Und von der schimmernden Wasserfläche der alten Triftklause neben der Hütte schwebte eine langsam zerfasernde Nebelfahne herüber und verfing sich in den Wipfeln der drei riesigen Fichten vor der Haustür.

»Es ist schön hier«, sagte Nole, meine Frau. »Und diese Stille. Ich hatte schon fast vergessen, wie so etwas ist.«

Nico, mein Sohn, nickte sachverständig.

»Kein Wunder«, meinte er. »Im Umkreis von wer weiß wie vielen Kilometern ist das hier das einzige Haus. Oder vielmehr die einzige Hütte, einsam und mitten im Wald. Und beinahe tausend Meter hoch.«

Es waren zwar nur knapp neunhundert Meter, aber sonst hatte er recht. Die Nationalparkverwaltung hatte uns die Racheldiensthütte für die Dauer meines Studienaufenthalts als Domizil zur Verfügung gestellt: Ich sollte möglichst ungestört inmitten der Natur an meinem neuen Buch arbeiten können. Das war eine ebenso unerwartete wie liebenswürdige Geste. Und der freundliche Mensch dort unten in Grafenau hatte uns einen anderen freundlichen Menschen mitgegeben, der uns hier heraufgebracht und alles für unseren Aufenthalt vorbereitet hatte. Nach einem zünftigen Bärwurz hatte er sich wieder verabschiedet. Und auch der sympathisch-urwüchsige Hüttenwirt, der tagsüber die kleine Gastwirtschaft in den unteren Räumen betrieb, war inzwischen nach Hause gefahren. Wir waren allein, allein mitten im Wald.

»Ein merkwürdiges Gefühl«, sagte Nole und lächelte. »Aber jetzt wollen wir endlich Abendbrot essen. Mir wird kalt.«

Dieses Abendbrot wurde ein denkwürdiges Ereignis. Elektrizität gab es hier oben nicht, auch kein Telefon. Und da uns das zischende Gaslicht aus der Flasche störte, zündeten wir zwei Kerzen an. Dazu prasselte das Holzfeuer im Ofen, um die höchstens sieben bis acht Grad Außentemperatur wenigstens hier drinnen auf etwas erträglichere Höhen klettern zu lassen. Es duftete aromatisch nach Fichtenharz. Und bei flackerndem Kerzenlicht verspeisten wir unsere erste Diensthüttenmahlzeit. Dann verkrochen wir uns todmüde in die Betten.

Aber mit dem Schlafen gab es hier offenbar einige Schwierigkeiten. Die nächtliche Stille, in der man nur von fern den Abflußbach der Triftklause leise rauschen hörte, wurde mit einemmal empfindlich gestört. Von irgendwo oben ertönte ein merkwürdiges Geräusch. Oder kam es von nebenan aus den hölzernen Dachsparren? Kein Zweifel: irgend etwas rumorte da herum. Ich war sofort hellwach. Bei nächtlichem Herumrumoren bekomme ich immer ziemlich sonderbare Gefühle: Das kam von den Bären, die damals während unserer Expedition in die rumänischen Karpaten nachts um unser Zelt auf der Waldlichtung herumrumorten und mich veranlaßten, im Schlafanzug mit Gummihammer über die nächtliche Wiese zu sausen. Das war nicht sehr angenehm gewesen und außerdem reichlich albern. Aber hier waren wir nicht im Zelt. Und Bären gab es hier auch nicht, zumindest nicht auf freier Wildbahn. Und schon gar nicht auf dem Dach. Was aber war es dann?

Plötzlich ertönte ein lautes Poltern. Ich erstarrte unter meiner Decke. Da polterte es wieder, lauter noch als zuvor.

In diesem Augenblick sagte Nole:

»Ich vermute, da spukt der Große Geist!«

Nico kicherte entzückt. Er hatte von jeher eine Schwäche für Geister, nur bedauerte er, noch nie einem begegnet zu sein.

»Na endlich«, brummte er befriedigt. »Und da wir hier in einer Diensthütte sind, ist das vermutlich der diensthabende Geist.«

»Vermutlich«, knurrte ich. »Trotzdem wäre ich jetzt mehr für Schlafen.«

»Ich auch«, meinte Nole.

Doch der Große Geist war offenbar anderer Meinung. Nach einigen Minuten absoluter Stille machte er sich wieder bemerkbar. Allerdings polterte er jetzt nicht, er tappte. Dann Ruhe, und wieder das Tappen, das sich äußerst füßig anhörte. Merkwürdig: ein Geist mit Füßen?

Wir lauschten.

»Hört ihr das?« sagte Nole plötzlich. »Der Geist hat Füße! Und offenbar mehr als zwei Füße. Und ganz eindeutig ziemlich kleine. Was mag das sein?«

Für Nico war das kein Problem.

»Ist doch klar!« verkündete er. »Großer Geist auf kleinen Füßen.«

Ich sagte nichts darauf. Geister dieser Art gehörten meines Wissens weder in die Anthropologie noch in die Zoologie. Und wir wollten hier Tiere studieren, Geister eigentlich weniger. Schließlich waren wir in einem Nationalpark; dem ersten hierzulande. Und eben deshalb war ich hierher gefahren. Ich hatte die Absicht, im Nationalpark Bayerischer Wald, der Teil des größten zusammenhängenden Waldgebiets in Mitteleuropa ist, die hier noch vorhandenen ursprünglichen und streng geschützten Wälder und das Zusammenleben von Pflanzen und Tieren in ihrer natürlichen Umwelt eingehend zu beobachten, um Material für ein Buch zu sammeln. Und ich hoffte, hier selten gewordenen und vom Aussterben bedrohten Tierarten zu begegnen, die ich sonst nirgendwo in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen bekam. Was sollte ich dabei mit Geistern, die obendrein auch noch meine wohlverdiente Nachtruhe störten? Doch was auch immer da oben herumrumoren mochte – es hatte seinen Namen weg: Das war der Große Geist. Ob mir das nun paßte oder nicht. Und mit diesen mehr oder weniger freundlichen Gedanken schlief ich endlich ein.

Ich weiß nicht mehr genau, welche Art Träume mich dabei plagten. Wenn ich mich recht erinnere, hatten sie sehr lebhaft mit irgendwelchen wüst herumrumorenden Poltergeistern zu tun. Und als ich nach geraumer Zeit aus unruhigem Schlaf durch ein ungewohntes Geräusch erwachte, dachte ich natürlich zunächst an diese Poltergeister. Doch diesmal war es kein Poltern, sondern eine höchst merkwürdige Mischung aus Knarren und Tappen, also irgendwie anders. Und zwar in unmittelbarer Nähe. Ächzend richtete ich mich auf.

»Was ist denn nun schon wieder?« fragte ich unwirsch.

Und da kam auch schon Antwort aus dem Dunkel. Der Geist war gar kein Geist – es war mein Sohn, der mit nackten Füßen über die knarrenden Holzdielen tappte und offenbar seine Hausschuhe suchte.

»Nur keine Aufregung, Paps. Ich bin es. Du kannst ruhig weiterschlafen. Ich muß nur mal eben nach unten.«

»Okay«, brummte ich. »Und warum nimmst du nicht die Taschenlampe?«

»Die suche ich ja gerade.«

Aha, deshalb also das nacktfüßige Herumgetappe. In diesem Augenblick rief Nole dumpf verschlafen unter ihrer Bettdecke hervor:

»Die liegt bei mir auf dem Tisch!«

»Entschuldigung«, murmelte Nico höflich. »Ich wollte euch beide wirklich nicht wecken. Aber hier ist alles noch so ungewohnt.«

Mit diesen Worten verschwand er durch die ebenfalls laut knarrende Holztür. Ich wälzte mich auf die andere Seite und machte mich darauf gefaßt, bei seiner Rückkehr wieder aus dem Schlaf geknarrt zu werden. Diese nächtliche Zeremonie ließ sich wohl kaum vermeiden. Wen auch immer nachts ein menschliches Bedürfnis plagte, mußte eine Treppe tiefer nach unten, wo sich die Toiletten der Gastwirtschaft befanden. Diensthütten waren schließlich keine Luxushotels. Und da es hier, wie gesagt, kein elektrisches Licht gab, mußte man eben mit der Taschenlampe durchs Dunkel wandeln, falls man sie gerade fand. Denn leider besaßen wir nur einen einzigen dieser hier höchst nützlichen Gegenstände.

Es kam jedoch wieder einmal alles völlig anders als gedacht. Statt eines äußerst behutsam mit knarrendem Gehölz umgehenden Sohnes, riß ein ziemlich aufgeregter Knabe die Tür auf und zischelte nervös:

»Schnell! Kommt mal raus! Hier draußen sitzt eine riesige Maus!«

Allmählich reichte es mir. Erst wurde man nächtens von größeren Geistern bepoltert, dann von nacktfüßig tapsenden Söhnen wachgeknarrt, und jetzt sollte man auch noch irgendwelche monströsen Mäuse besichtigen. Das war entschieden zu viel. Und wieso eigentlich Riesenmäuse? So was gab es meines Wissens nicht: weder hier noch anderswo. Schließlich war mein Herr Sohn als Gymnasiast in Biologie nicht ganz unbewandert. Oder sollte es sich hierbei vielleicht um eine bisher noch unentdeckte Mutation handeln? Hatte da möglicherweise jemand mit Mäusen herumlaboriert, wie das heutzutage ja üblich ist, und ein paar seiner Prachtexemplare in den Bayerischen Wald ausbüxen lassen? Möglich war auf diesem, von unseren lieben Mitmenschen schon reichlich durcheinandergebrachten Planeten ja eigentlich alles.

Also wälzte ich mich, im Dunkeln nach meinen Hüttenschuhen angelnd, aus dem Bett. Dabei fiel mir ein, daß das im Grunde alles Blödsinn war. Sicher hatte sich das reizende Tierchen längst ins nächste Mauseloch verkrochen.

Nole, deren Bett der Tür etwas näher stand, geisterte bereits mit flatterndem Nachthemd herum und zischte:

»Nun komm endlich! Du wolltest doch hier schließlich Tiere studieren!«

Damit hatte sie zweifellos recht. Nur hatte ich mir mein Studienprogramm eigentlich etwas anders vorgestellt: Mäuse bei Nacht waren dabei nicht eingeplant. Aber wie pflegte doch mein Sohn zu sagen: ›Du mußt das nicht so eng sehen, Paps.‹ Allerdings sah ich im Moment nicht eng, sondern gar nichts. Denn die beiden hatten inzwischen die Taschenlampe mit hinausgenommen. Und so tappte ich im Dunkeln brav hinterher.

»Pscht, Paps!« mahnte Nico vorsorglich. »Und mach die Tür leise zu!«

Doch ich hielt es für sinnvoller, die Tür gleich offen zu lassen. Schließlich hatte ich nicht die Absicht, die ganze Nacht auf dem zugigen dunklen Korridor zuzubringen. Nole hingegen war anderer Meinung.

»Schließ bitte die Tür!« drängte sie. »Sonst flitzt das Viech womöglich noch in unser Zimmer.«

Das war immerhin möglich. Und wer hat schon gern Mäuse im Bett, zumal auch noch sogenannte Riesenmäuse. Also schloß ich die Tür, leise natürlich.

»Und wo ist nun das liebe Tierchen?« fragte ich erwartungsvoll.

»Dort auf dem Treppengeländer«, erklärte Nico und knipste die Taschenlampe an.

Tatsächlich, da saß etwas auf dem schmalen hölzernen Geländer: etwas größeres Graufelliges mit einem offensichtlich weißlichen Bauch, langem schwarzem Schnurrbart und nackten kleinen Ohren. Und dieses Etwas blickte uns aus großen runden dunklen Augen aufmerksam an, ohne sich zu rühren. Merkwürdigerweise schien es sich auch überhaupt nicht an dem Schein der Taschenlampe zu stören. Und das war gut so. Auf diese Weise konnte ich es in Ruhe betrachten. In diesem Augenblick sagte Nole:

»Es ist so groß wie eine Ratte, aber es ist keine.«

»Mäuse sind mir auch viel lieber«, kommentierte Nico.

Ich betrachtete inzwischen immer noch fasziniert das eigenartige und sehr niedlich aussehende Tier. So etwas hatte ich in der Tat noch nie gesehen. Sollte das vielleicht ein Mauswiesel sein? Aber dann entdeckte ich den langen buschigen Schwanz. Und dann dämmerte es mir.

»Es ist weder das eine noch das andere«, flüsterte ich leise.

Nico kicherte unterdrückt.

»Ich weiß, Paps. Es ist der Große Geist. Der Große Geist auf kleinen Füßen.«

»Stimmt«, bestätigte ich in bester Erinnerung an die gerade überstandenen nächtlichen Lärmveranstaltungen. »Und dieser Große Geist auf kleinen Füßen ist – ein Bilch! Und zwar seiner Größe und Farbe nach ganz eindeutig ein Siebenschläfer.«

Doch jetzt wurde es dem Großen Geist offenbar zu viel. Nächtliche Anstrahlungen mit Taschenscheinwerfern schien er gerade noch zu erdulden, längere Diskussionen über seine Gattungszugehörigkeit aber schienen das Maß seiner Duldsamkeit zu übersteigen. Plötzlich flitzte er wie aufgezogen los und verschwand höchst geräuschvoll hinter einem alten Schrank.

»Weg ist er!« murmelte Nico enttäuscht.

Nole nickte nachdenklich.

»Ein niedliches Kerlchen.« Dann wandte sie sich an mich: »Und du meinst wirklich, daß dieses kleine Tierchen vorhin diesen ungeheuren Lärm veranstaltet hat?«

»Ich werde es dir beweisen«, erklärte ich überzeugt. »Aber nicht gerade im Schlafanzug nachts auf dem Korridor. Vielleicht sollten wir uns jetzt wieder ins Bett verfügen.«

»Hmmm«, machte Nico. »Bist du sicher, daß er nicht gleich wiederkommt? Sonst könnten wir ja noch ein bißchen warten.«

»Jetzt langt es aber!« brummte ich, denn inzwischen wurde es mir reichlich kühl in meiner höchst ungeeigneten Expeditionsgarderobe. »Ich glaube kaum, daß er sein Gastspiel heute nacht nochmal wiederholen wird, nur weil wir darauf warten. Und eigentlich hattest du ja wohl etwas anderes vor.«

»Stimmt, Paps«, murmelte Nico offensichtlich überrascht. »Das hatte ich über all die Aufregung total vergessen.«

Also verschwand Nico geräuschvoll nach unten, während wir beide wieder in die Betten krochen. Aufatmend zog ich mir die Decke über die Ohren und hoffte auf Ruhe.

Doch Ruhe stand in dieser Nacht offenbar nicht auf dem Programm. Von irgendwo seitlich hinter der hölzernen Wand ertönte ein deutlich vernehmbares Gepolter. Und Nole sagte:

»Der Große Geist ist wieder am Werk. Hörst du es? Und jetzt möchte ich wirklich gern wissen, ob dieses winzige Tier einen solchen Krach machen kann.«

»Ich auch!« verkündete Nico, der gerade durch die Tür kam und die letzten Worte gehört hatte.

Ich seufzte. Mitunter hatte ich doch eine recht anstrengende Familie. Aber diese Feststellung nützte mir gar nichts. Nole funzelte bereits mit der Taschenlampe über meinem Bett herum, wo auf einem Holzbrett einige meiner wissenschaftlichen Nachschlagewerke standen. Also schlug ich wohl oder übel nach und schimpfte dabei im stillen über die reichlich verwirrende Systematik: Was ich suchte, stand in einem Werk unter Schläfer, im nächsten unter Siebenschläfer und im anderen unter Bilche. Und was ich dabei entdeckte, war noch viel verwirrender. Offenbar waren sich auch die Herren Zoologen über die Eigenarten der Bilche und speziell des Siebenschläfers durchaus nicht einig. Waren diese Tierchen nun gesellig und verspielt, wie der eine schrieb, oder waren sie ungesellige Einzelgänger, bissig und gelegentlich sogar kannibalisch? Das schien mir doch ein ziemlicher Widerspruch. Und dann entdeckte ich auch den Grund dieser gegensätzlichen Charakterisierungen: Bilche seien bis auf den heutigen Tag ›große Unbekannte‹, die auch den Zoologen noch viele Rätsel aufgäben. Das wiederum fand ich im Grunde höchst erfreulich. Per Zufall waren wir hier auf eine Tierart gestoßen, bei der auf dem Gebiet der Verhaltensforschung noch echte Entdeckungen möglich waren. Das versprach ganz unerwartet eine interessante Aufgabe.

»Hast du nun endlich etwas gefunden?« murrte Nico ungeduldig.

»Ich habe«, bestätigte ich und faßte das Ergebnis meiner Lektüre kurz zusammen. »Mit den Bilchen ist es ähnlich wie mit dem Kuckuck: Gehört haben ihn die meisten, gesehen nur ganz wenige. Dabei sind Bilche in ihrem Verbreitungsgebiet wirklich deutlich genug zu hören. Vor allem dann, wenn sie sich auf Dachböden und Speichern einnisten und dort oben herumtoben und rumoren, daß man zwar alle möglichen Geister und Spukgespenster vermutet, nur eben Bilche nicht. Na, bitte!«

»Hmmm«, machte Nole. »Wenn das sogar wissenschaftlich feststeht, ist unser Großer Geist wirklich ein Bilch. Das finde ich ausgesprochen nett. Und außerdem hatten wir offenbar sehr großes Glück, tatsächlich einen gesehen zu haben.«

»Und ich habe ihn entdeckt«, erklärte Nico mit offensichtlichem Stolz.

»Ich werde es gebührend vermerken«, brummte ich. »Und jetzt Schluß der Debatte!«

Entschlossen packte ich die Bücher wieder an ihren Platz und legte mich bequem zurecht. Nole löschte die Taschenlampe und wünschte eine Gute Nacht. Und – als sei das ein Stichwort, begann der Große Geist wieder herumzuspuken.

»Da ist er wieder!« verkündete Nico erfreut. »Und dabei fällt mir etwas ein, Paps. Es gibt doch eine Menge Geschichten über lärmende Gespenster und spukende Poltergeister. Könnte es nicht sein, daß die Leute, die so was behaupten, in Wirklichkeit Bilche gehört haben? Das wäre doch eine vernünftige Erklärung! Und damit wären dann eigentlich die Bilche der Ursprung für alle diese schauerlichen Poltergeistgeschichten. Was hältst du davon?«

Ich hielt zwar im Moment mehr vom Schlafen, wollte aber meinen Sohn nicht enttäuschen. Außerdem schien mir das ein durchaus logischer Schluß. Deshalb antwortete ich:

»Eine interessante Theorie. Vielleicht solltest du dir dieses Thema später für deine Doktorarbeit wählen. Das Problem dabei ist nur, ob es in die Literaturwissenschaft oder in die Zoologie gehört. Aber das können wir vielleicht später klären.«

»Das finde ich auch«, mischte Nole sich ein. »Immerhin dürfen Siebenschläfer meines Wissens ganze sieben Monate im Jahr verschlafen, ich aber noch nicht mal eine Nacht. Und ich finde es sehr unfein, daß ausgerechnet ein Schläfer mich am Schlafen hindert.«

Damit hatte sie wieder einmal recht. Und nachdem wir drei einstimmig den Beschluß gefaßt hatten, den Rest der Nacht schlafend zu verbringen, taten wir es auch. Das heißt: wir versuchten es zumindest. Denn – der Große Geist blieb offenbar bei seiner Absicht, uns seine Anwesenheit auch weiterhin ins Gedächtnis zu poltern.

Urwald

Eigentlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die vom Frühaufstehen sonderlich begeistert sind. An diesem Morgen aber trieb es mich gegen fünf Uhr aus den Federn, trotz der zahlreichen nächtlichen Polterspäße. Als ich die Augen öffnete, schimmerten die drei riesigen dunklen Fichten vor dem Fenster in einem fast unwirklich strahlenden Morgenlicht. Was kein Mensch zu hoffen gewagt hatte, war eingetreten: Die Sonne schien. Sie schien, trotz der Morgenkühle, unwahrscheinlich warm und lockte einen geradezu fantastisch-intensiven Duft aus den Wäldern. Mit einem Schlag war ich hellwach und beschloß, diese möglicherweise einmalige Gelegenheit zu nutzen und zumindest die nähere Umgebung in Richtung Rachelsee bei Morgenstimmung zu erkunden.

Aber natürlich blieb auf den knarrenden Dielen unserer hölzernen Behausung meine morgendliche Aktivität nicht unbemerkt.

»Spielst du vielleicht jetzt zur Abwechslung mal Großer Geist?« fragte Nole verschlafen. »Wie spät ist es denn überhaupt?«

»Guten Morgen!« verkündete ich fröhlich. »Es ist kurz vor fünf.«

»Verrückt so was!« knurrte Nico unter seiner Decke hervor. »Noch nicht mal in den Schulferien kann man ausschlafen!«

»Recht hat er!« sekundierte Nole.

»Ihr könnt!« antwortete ich beruhigend. »Aber ich werde eine Morgenexkursion unternehmen. Gleich bin ich verschwunden. Also schlaft schön weiter.«

Mit diesen Worten verschwand ich durch die Tür, um mich unten einer Kaltwasserkur zu unterziehen. Doch als ich zurückkam, hatte sich Nico ebenfalls aus dem Bett bequemt und erklärte:

»Ich gehe mit!«

»Ich auch«, sagte Nole. »Schlafen kann man schließlich auch bei Regenwetter. Außerdem muß ich ja Frühstück machen.«

Mir war das nur angenehm. Und nach kurzem Imbiß stiefelten wir los, bewaffnet mit Fotoapparat und Fernglas, über den Dammweg der alten Triftklause, wo uns eine offenbar verspätete Erdkröte begegnete, die gemächlich dem Uferdikkicht zustrebte.

»Guten Morgen, du Krötling«, grüßte Nico freundlich und betrachtete aufmerksam das für uns selten zu beobachtende Tier.

Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten, die Kröten eklig finden, mochten wir Kröten ausgesprochen gern: Sie haben so etwas Gemütlich-Behäbiges. Und natürlich wußten wir auch, daß sie als ausgesprochen nützlich gelten. Aber das interessierte mich weniger. Ich hielt überhaupt nichts von der schematischen Einteilung nach Nützlingen und Schädlingen: Schließlich haben alle Lebewesen im Gesamthaushalt der Natur ihre Funktion, vorausgesetzt, daß das natürliche Gleichgewicht nicht durch menschliche Eingriffe gestört worden ist. Und konsequenterweise müßte dann der Mensch als schlimmster Schädling der Natur eingestuft werden, was er ja seit Generationen schlagend bewiesen hat und täglich aufs Neue beweist. Aber so was hören unsere Zeitgenossen bekanntlich nicht sehr gern.

Der Kröte allerdings waren solche Überlegungen fremd. Und mit unfreundlichen Menschenfüßen hatte sie wohl noch keine Bekanntschaft gemacht. Sie zog unbekümmert des Weges ihrem Schlupfwinkel zu.

»Sag mal, Paps?« fragte Nico, als wir ebenfalls weitergingen. »Hat der freundliche Ordnungsdienstmann, der uns gestern hier hochbrachte, nicht davon gesprochen, daß die alte Triftklause neben der Racheldiensthütte trocken gelegt werden soll?«

»Hat er«, bestätigte Nole. »Es wäre schade drum.«

Auf Nicos Stirn bildete sich eine Zornesfalte.

»Das verstehe ich nicht, Paps. Was soll denn dann aus all den Tieren werden, die am und im Wasser leben? Damit würde doch ein wichtiges Biotop zerstört!«

»Eben«, brummte ich. »Schließlich ist ein Biotop ein durch bestimmte Pflanzen- und Tiergesellschaften gekennzeichneter Lebensraum. Und wenn hier das Wasser verschwindet, verschwindet auch die spezifische Pflanzen- und Tierwelt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß hier jemand so etwas ernsthaft in Erwägung zieht. Wir sind immerhin in einem Nationalpark.«

Nico warf mir einen schrägen Blick zu.

Er wußte natürlich genausogut wie ich, daß Nationalparks Landschaftsräume sind, die wegen ihres ausgeglichenen Naturhaushalts, ihrer Bodengestaltung, ihrer Vielfalt oder ihrer Schönheit überragende Bedeutung besitzen und die vornehmlich der Erhaltung und wissenschaftlichen Beobachtung natürlicher und naturnaher Lebensgemeinschaften, sowie eines möglichst artenreichen heimischen Tier- und Pflanzenbestandes dienen. Und daß sie der Bevölkerung zu Bildungs- und Erholungszwecken zu erschließen sind, soweit es der Schutzzweck erlaubt. So war es in leicht grauslichem Amtsdeutsch im Bayerischen Naturschutzgesetz von 1973 verankert. Doch das Nationalparkgebiet war keine reine Urlandschaft mehr. Auch hier hatte der Mensch bereits spürbar eingegriffen. Und dazu gehörten auch die Triftklausen, die im neunzehnten Jahrhundert künstlich errichtet worden waren, und deren Stauwasser die Abtrift des geschlagenen Holzes über die zu Tal fließenden Bergbäche wesentlich erleichterte. So gesehen bildeten die Triftklausen also im Grunde vom Menschen geschaffene Fremdkörper im Naturwald. Andererseits existierten sie nun schon mehr als hundert Jahre und spielten für den Wasserhaushalt des Waldes eine wichtige Rolle. Außerdem wußten wir, daß die Dämme einiger Triftklausen sogar erneuert worden waren, um sie auch weiterhin zu erhalten. Es war also nicht einzusehen, warum ausgerechnet die Triftklause an der Racheldiensthütte verschwinden sollte. Sie paßte dort in die Landschaft, fanden wir.

Inzwischen waren wir weitergegangen und an der Abzweigung des Weges zum Rachelsee eingebogen. Und hier machten wir eine interessante Entdeckung. Dieser Wald sah ganz anders aus als die Wälder, die wir sonst kannten. Es war ein Bergmischwald aus Fichten, Buchen und vereinzelten Weißtannen unterschiedlichen Alters. Das war im Gegensatz zu den uns vertrauten Wirtschaftswäldern aus meist altersgleichen eintönigen Fichtenbeständen für uns schon ein seltener Anblick. Das Eigenartigste daran aber waren die vielen toten aufrechtstehenden oder umgestürzten Bäume, die dem Wald sein besonderes Gepräge gaben.

»Ist das vielleicht schon der Urwald?« erkundigte Nico sich interessiert.

Ich unterdrückte ein Grinsen. Nico hatte sich wie immer darauf verlassen, daß ich mich vor unserer Exkursion etwas präpariert hatte: Das ersparte ihm die Mühe. Und das hatte ich selbstverständlich getan, jedenfalls soweit es mir möglich gewesen war: schließlich bin ich kein studierter Forstmann. Doch mit etwas Interesse und einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit für unsere Umwelt läßt sich vieles entdecken, woran die meisten achtlos vorüberlaufen. Nico besaß dieses Interesse. Und Nole natürlich auch; deshalb sagte sie jetzt:

»Der Urwald beginnt doch erst am Rachelsee!«

»Hmmm«, machte Nico. »Ich finde aber, daß es hier schon ziemlich urig aussieht. Überall auf den umgestürzten Bäumen wachsen schon wieder kleine Bäume heraus. Und dort drüben aus dem modernden Baumstumpf auch. Richtig wild und unordentlich ist das hier. Einfach toll, finde ich.«

Das fand ich auch. Und dann versuchte ich den beiden zu erklären, was ich darüber wußte. Im Vergleich mit anderen Waldlandschaften ist der Bayerische Wald und besonders das Nationalparkgebiet noch verhältnismäßig naturnah, das heißt: nur sehr wenig durch den Menschen verändert. Und hier ist der Artenreichtum der ursprünglichen Pflanzen- und Tierwelt noch fast vollständig erhalten. Dabei spielt gerade das tote Holz abgestorbener Bäume eine wesentliche Rolle: nicht nur für bestimmte Insekten, Pilze, Moose und Flechten und die auf moderndem Holz besonders gut gedeihenden Keimlinge, sondern auch für eine Vielzahl von Tieren, vor allem aber für den Specht, von dem es im Nationalparkgebiet allein fünf Arten gibt. Und besonders der sehr seltene schwarz-weiße Dreizehenspecht ist auf stehende tote Bäume angewiesen, um überhaupt leben zu können. Wo jedoch Spechte ihre Höhlen nicht in totes Holz bauen können, haben auch die anderen Höhlenbrüter wie Stare, Meisen, Hohltauben, Rauhfuß– und Sperlingskäuze keine Unterschlupfmöglichkeiten, was zwangsläufig zu einer Verarmung der Tierwelt führt, wie sie in den typischen Wirtschaftswäldern, in denen jedes tote Holz restlos beseitigt wird, überall der Fall ist. Und auch die Bilche, die gern in verlassenen Spechthöhlen hausen, wären dann obdachlos, sofern sie nicht gerade einen ihnen sympathischen Dachboden finden.

»Aha«, grinste Nico sachverständig. »Wie unser nächtlich polternder Großer Geist. Offenbar gibt es für Bilche trotz der vielen toten Bäume hier immer noch Wohnungsmangel.«

»Oder es gefällt ihm bei uns einfach besser«, meinte Nole.

»Möglich«, brummte Nico und blickte mich fragend an. »Und jetzt möchte ich gern wissen, wieso das hier kein Urwald ist.«

Ich nickte.

»Dieser Wald ist noch zu jung und offensichtlich früher zumindest teilweise genutzt worden. Jetzt bemüht sich die Nationalparkverwaltung, diese Waldgebiete in einen möglichst naturnahen Zustand zurückzuführen. Und dazu gehört vor allem, das tote Holz im Wald zu lassen. Der Sinn ist: den natürlichen Umweltkräften eine möglichst ungestörte Entfaltung zuzugestehen. Werden und Vergehen sollen sich nach den Gesetzen der Natur vollziehen, wie es sehr treffend in einem der Prospekte heißt. Hier siehst du den Anfang dieser Bemühungen. Und ich nehme an, wenn wir oben im Urwald am Rachelsee sind, wirst du den Unterschied selbst erkennen.«

»Hmmm«, machte Nico. »Ich bin gespannt.«

Das waren wir auch. Doch bis dahin sollten wir noch ganz schön unter Dampf geraten. Der Weg stieg ständig an. Ich hatte mir inzwischen den Pullover ausgezogen und um die Hüften geschlungen. Auch Nico wischte sich gelegentlich über die Stirn. Aber das störte uns nicht. Diese Morgenstimmung im Wald war einfach fantastisch. Die Sonne brach ungehemmt durch die Baumwipfel und malte helle Kringel auf den Waldboden. Kein Mensch begegnete uns. Und in den Zweigen über uns ertönte ein vielstimmiges Vogelkonzert, wie wir es seit langem nicht gehört hatten. In diesem Wald war die Welt offenbar noch in Ordnung.

Erfreulicherweise wurde der Weg jetzt etwas ebener und fiel dann sogar leicht ab. Aus der Ferne klang ein Rauschen. Und wenig später kamen wir zu einem Wildbach, der glucksend über bemoostes Geröll strömte. Auch die mit Farn dicht bewachsenen Ufer waren von glattgeschliffenen Felsbrocken übersät. Wir standen vor einer eiszeitlichen Moräne und am Anfang des Eiszeitlehrpfades, wo mittels kunstvoll geschnitzter Holztafeln der Wanderer über die glazialmorphologische Geschichte des Rachelgebietes informiert wurde. Das war höchst aufschlußreich. Und nachdem wir die Tafeln aufmerksam studiert hatten, fühlten wir uns um einiges schlauer. Danach hatte sich während der Eiszeit am Rachel ein Gletscher gebildet, der unter sich Geröll und Geschiebe zu Tal beförderte, das nach seinem Abschmelzen als Moränen zurückblieb. Wir befanden uns also jetzt dort, wo vor mehr als zehntausend Jahren die Ausläufer des Gletschers standen.

Die kostenlose Leseprobe ist beendet.

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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
05 Mai 2025
Umfang:
110 S. 1 Illustration
ISBN:
9788726032192
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Rechteinhaber:
Bookwire
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