Buch lesen: "Nicht alles, was glitzert, ist Tand"
Inhaltsverzeichnis
1. Dreiingen
2. Im Leopardenreich
3. Der silberne König
Zum Autor
Über die Buchreihe
Nicht alles, was glitzert, ist Tand
Lomason
Buch 18 der Katzenreihe

© Lomason 2020
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Cover Refi Defiska/shutterstock.com
Illustrationen shutterstock.com
1. Auflage 2020
ISBN 978-3-95959-290-1
1. Dreiingen
Der Wind strich sanft über die bewaldeten Hügel. Unten in der Senke lag Dreiingen – ein kleiner Weiler, bestehend aus ein paar zusammengewürfelten Gehöften mit ihren Wirtschaftsgebäuden. Für eine anständige Gaststätte hatte es nicht gereicht, doch die Bewohner beklagten sich nicht. Eifriges Geschnatter der Gänse erklang zu dem tüchtigen Treiben der Knechte, Burschen, Mägde und Weiber. Hier muhte eine Kuh, dort hörte man das Lachen von Waschfrauen. Der Kamin des gemeinschaftlichen Backhauses rauchte, eine Bäuerin davor rupfte gerade ein Huhn. Freundlich grüßte sie den Vorbeiziehenden zu – manch einer hielt kurz inne, um das alltäglich Neue auszutauschen. Kurz, Dreiingen schien idyllisch und ein wenig ab der Welt – umgeben von güldenen Kornfeldern und dunklen Laubwäldern. Es blühte auf seine Weise. Die Miststöcke waren hoch geschürt und der Hahn krähte darauf.
Es durfte einem unbedarften Wandergesellen dünken, dass die Bauern dieses Nestes reiche Leute waren, auch wenn sich keiner von ihnen so betitelt hätte – wer weiß, welche Begehrlichkeiten geweckt oder anderes Unglück dadurch herauf beschworen würde. So fuhr man lieber in Lumpen zu Markte und trug den Sonntagsrock zuhause zum Fest.
Nun gab es durchaus seine Gründe für Dreiingen zu einem gewissen Wohlstand gekommen zu sein, die über bloße Tüchtigkeit hinaus gingen. Im Dorf herrschte eine eigenwillig starke Eintracht. Einer Schar Gänse gleich, laut schnatternd, wenn sich jemand näherte, schauten sie zueinander, gaben sich helfende Hände, wo benötigt und auch darüber hinaus. Keine Türe war je verschlossen und die Kinder rannten durchs ganze Dorf, als wäre alles ihre Spielstube. Glück wie Leid waren Angelegenheiten des ganzen Dorfes. Und es wurde an jeden gedacht, Knecht, Magd – ja sogar der alte Landstreicher wurde des nachts im Stroh geduldet. Und bei Gott, ein Kanten Brot lag auch noch für ihn drin.
Doch der ganze Stolz der Dreiinger waren ihre Gänse. So fett, so groß gab es sie in der ganzen weiten Umgebung nicht. Auch nicht so gefräßig und schnatterhaft, fand Gesinde, die Gänsemagd. Jeden Morgen sammelte sie in der Frühe alle Gänse des Dorfes zusammen und brachte sie auf die Allmende. Das Geschnatter weckte so manchen Siebenschläfer, der dann zuweilen mit verschlafenen Augen in einem Fenster erschien, um zu sehen wie die weiße Pracht durchs Dorf watschelte. Da hob Gesinde zuweilen ihre Rute zum Gruße, lachte wie der Morgenschein und trieb sorgsam ihre Gänse weiter.
So auch an jenem Morgen, als Gesinde mit ihren eingesammelten Gänsen zu Bauer Bruno kam. Freudig watschelten der Schar schon vier schnatternde Gänse entgegen, doch Gesinde stutzte. Vier? Wo war die fünfte geblieben? Auch die Gänse in der Gruppe reckten ihre Hälse, als ob sie Gesindes Verwunderung gespürt hätten. Doch ging es ihnen wohl um etwas ganz anderes; sofort war der Grasbordsaum mit dem frischen Löwenzahn und anderen saftigen Kräutern und Gräsern entdeckt und die weiße Masse watschelte zielstrebig darauf zu. Gesindes Rute sollte sie heute nicht davon abhalten, sie stand nämlich schon beim Gänseverschlag und untersuchte, was wohl mit der fünften Gans sein könnte.
„He, Frida“, rief Gesinde der Bäuerin zu, die gerade mit einem Korb Wäsche um die Hofecke bog, „was ist mit eurer fünften Gans?“
„Was soll mit ihr denn sein?“, fragte die Bäuerin, die Gänsemagd grüßend.
„Wo ist sie?“
„Ja, wo denn, da!“ Die Bäuerin lachte und nickte zur schnabelnden, weißen Pracht, die sich gerade anschickte, das Grasbord kahl zu fressen.
„Nein, da ist sie nicht“, sagte Gesinde bestimmt, „das dort sind die sieben Gänse von Erich, diese fünf sind von Anbert und dort, die fette, ist vom alten Wumbart. Also bleiben nur diese vier frechen Schnäbel von euch!“
„Sapperlot“, brach es aus der Bäuerin, als sie zweimal nachgezählt hatte, „beim allwissenden Leoparden, da bleiben tatsächlich nur vier!“
Verdutzt sah sie sich um, vergewisserte sich auch, dass im Verschlag keine mehr war und lief dann schnell den Bauern holen. Doch auch der konnte nur verdattert feststellen, dass eine fehlte. Der Knecht, der morgens den Verschlag öffnete, meinte kleinlaut, er habe nicht nachgezählt. Aber am Abend seien es ganz sicher fünf gewesen, sagte Gesinde und die Bäuerin pflichtete bei, denn sie war anwesend gewesen, als Gesinde mit den Gänsen zurückgekommen war. Unterdessen war ob des Unglückes das halbe Dorf versammelt. Ein Dieb etwa, hier in Dreiingen?
„Aber es sind doch gar keine Fahrenden in der Gegend“, wunderte sich jemand, „und auch der alte Landstreicher ist schon lange nicht mehr aufgetaucht.“
„Ein Dieb, das ist doch fast nicht möglich“, meinte nun auch der Bauer Erich, der unterdessen ebenfalls eingetroffen war. Er und Bruno begannen also den Verschlag genauer zu untersuchen, während das versammelte Dorf weiter aufgeregt spekulierte, wie denn aus Dreiingen eine Gans verschwinden konnte. Nur die Gänse selbst schien der ganze Trubel überhaupt nicht zu stören. Sie fraßen gefräßig wie immer alles, was ihnen vor den Schnabel kam.
Schließlich traten die beiden Bauern mit ernster Miene zu den anderen und erklärten, dass die Gans wohl einfach durch ein Loch geschlüpft und – davongeflogen sei!
„Ja sag auch!“, rief die alte Emma aus. „Einfach davongeflogen? Das tun doch Gänse nicht einfach so!“
„Vielleicht hat es ihr bei Bruno nicht länger gefallen“, versuchte Anbert die Situation aufzuheitern. Es gelang aber wohl schlecht – er erntete eher empörte Blicke als Gelächter.
„Was denn?“, versuchte er sich spaßeshalber zu rechtfertigen. „Sagen nicht die Leoparden, dass Wohlstand nur dem Fleißigen bleibt? Wir wissen doch alle, wie gerne Bruno sein Nickerchen unter dem Apfelbaum hinterm Haus macht!“ Anbert klopfte Bruno brüderlich auf die Schulter und erntete nun für seinen Spruch den einen oder anderen Lacher.
Doch Bruno war es gar nicht lustig zumute. „Ach, kümmert euch doch um eure eigenen Miststöcke!“, brummte er missmutig und stapfte von dannen.
Die Dorfbewohner sollten sich tatsächlich auch wieder ihrem Tagewerk zuwenden, auch wenn die verschwundene Gans das Gesprächsthema des Dorfes blieb. So richtig geheuer war es niemandem, dass eine Gans sich mir nichts dir nichts einfach davonstahl. Vielleicht war ja an Anberts Scherz doch auch was Wahres dran? Die Leoparden lehrten den Menschen ihre Weisheit nicht umsonst!
Nun, Gesinde hätte es als dummes Geschwätz abgetan, dass Gänse abhauen würden, nur weil jemand ein Nickerchen unter einem Apfelbaum zu tun beliebte. Doch sie war mit den übrigen Gänsen auf der Allmende. Insgeheim hoffte sie, dass die entschwundene Gans plötzlich wiederum daherkommen würde. So stand sie denn auf der kleinen Anhöhe beim Nussbaum, guckte angestrengt in die Ferne und versuchte ab und an ihren Lockruf. Doch abgesehen von der Gänseschar, die sich dann sofort schnatternd bei ihr einfand, blieb die Vermisste noch immer fern. Am Abend kam also Gesinde ungewohnt niedergeschlagen mit den Gänsen zurück ins Dorf.
„Sie ist nicht aufgetaucht“, stellte Frida nur fest und die zwei Freundinnen lagen sich schluchzend in den Armen.
„Kommt Zeit, kommt Rat“, versuchten sie sich aufzumuntern.
Es kam die Nacht und Ruhe kehrte in Dreiingen ein.
Doch schon am nächsten Tag sollte das Drama seinen weiteren Verlauf nehmen – fehlten nun nämlich gleich zwei weitere Gänse – diesmal dem Bauern Anbert!
Die Aufruhr im Dorf war keine geringere als am Tag zuvor. Auch hier konnten die Bauern nur zum Schluss kommen, dass die Gänse irgendein Schlupfloch gefunden und sich flugs davon gemacht hätten.
„Ach, komm schon, Anbert“, tat Bruno stiefmütterlich, der heute wesentlich bessere Laune zu haben schien, „sagen die Leoparden in ihrer Weisheit nicht, Glück und Wohlstand erhält, wer seine sieben Sachen zusammen hält? Weiß Gott, es liegen doch alle deine Sachen übers ganze Dorf zerstreut!“
Bruno erntete dafür zwar seine Lacher, doch diesmal war es Anbert, der überhaupt keinen Humor haben wollte.
„Macht euch nur vom Acker, wenn ihr nichts Besseres zu tun habt, als blöd herum zu albern!“, brüllte er und verschwand, die Tür krachend zuschlagend, im Haus. Die versammelten Menschen gingen wieder auseinander und ihrem Tagwerke nach. Doch auch heute kam man nicht umhin, ausschließlich über das wunderliche Verschwinden der Gänse zu sprechen. Ob denn auch hier ein Körnchen Wahrheit im Witz war? Gerade die alte Emma war eine feurige Verfechterin der Theorie, dass das Verschwinden der Gänse ein mahnendes Zeichen an das ganze Dorf wäre und dieses also gut daran täte, das Wort der Leoparden genaustens zu befolgen.
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