Buch lesen: "In den Schnee geschrieben"
Lise Gast
In den Schnee geschrieben
Saga
In den Schnee geschrieben
German
© 1971 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509586
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
„Willst du wirklich gehen, bei diesem Wetter?“ fragte sie, als er seinen Anorak anzog. Er lachte.
„Seit dreiundzwanzig Jahren gehe ich an diesem Tag los, den Christbaum zu holen, und jedesmal fragst du das. Denn seit dreiundzwanzig Jahren ist um diese Zeit solches Wetter, kleine Ausnahmen nicht gerechnet. Stiebender Schnee und glitzernde Kälte zu Weihnachten stehen nur im Lesebuch. In Wirklichkeit kommt um diese Zeit der Wettersturz, Regen, Wärme, Föhn –“ seine Stimme klang dumpf von unten herauf. Sie beugte sich über das Geländer und sah ihm nach.
Wahrhaftig, dreiundzwanzig Jahre, fast ein Vierteljahrhundert. Und noch immer das geheime Herzklopfen: Geliebter Mann. Verläßlichster Weggenosse. Sie sah ihm zärtlich nach, wie er die Haustür aufschob. Er war groß, ein wenig jetzt zur Korpulenz neigend, aber noch lange nicht dick. Unverändert der Mann, unverändert ihre Zuneigung. Unverändert auch das schauderhafte Wetter um diese Zeit, da man sich doch auf Frost und Kälte freute wie ein Kind auf den ersten Schnee.
Er hatte die Haustür gegen den Druck des Windes aufgestemmt und sah zum Himmel. Es war noch hell. An einem solchen Tag aber kam der Abend schnell, am beinah kürzesten Tag des Jahres. Deshalb los!
Er wußte, wo die Bäume standen. Und obwohl es sehr viel bequemer gewesen wäre, an den Christbaumstand hinter der Kirche zu gehen und dort einen Baum auszusuchen, zog er die Kapuzenschnur unter dem Kinn zusammen, schob die Hände in die Taschen und marschierte los. Und dabei merkte er, daß er sich gar nicht mehr über dieses Wetter ärgerte, man fand auch den richtigen Baum besser, als wenn Schnee die Äste halb verdeckte und die Form der Bäume veränderte.
Als er um die Gartenecke bog, sah er den jungen Mann. Und da ahnte er, daß diese Wanderung wahrscheinlich nicht so sein würde wie in anderen Jahren, trotz des traditionellen Matschwetters. Schade. Aber nicht zu ändern. Er ging langsamer und gab dem Jüngeren Gelegenheit, ihn anzusprechen, denn der junge Mann war zweifellos auf dem Wege zu ihnen.
So war es. Der junge Mann mit Bart, wie das heutzutage üblich ist, trat ein bißchen zögernd auf ihn zu.
Trotz Bart wirkte sein Gesicht weich, man sah deutlich den feinen und sensiblen Mund. Das Haar trug der junge Mann lang – nicht schulterlang, sondern etwa so, wie es die Frauen nach dem ersten Weltkrieg trugen, das gab ihm gleichzeitig ein romantisches wie etwas fremdes Aussehen.
„Sie möchten zu meiner Tochter Erika, Sie sind Thomas, nicht wahr?“ fragte der Ältere, als er sah, daß der Junge zögerte, ihn anzusprechen. Er fand es sympathisch, daß ein junger Mensch, gekleidet nach der letzten Mode, schüchtern und unsicher auftrat.
„Ja, guten Abend, Herr Professor. Ist sie ...“
„Sie ist nicht da, nein. Ich habe ihr den Wagen gegeben. Und sie kommt auch nicht so bald zurück. War sie mit Ihnen verabredet?“
„Nein – direkt nicht“, sagte Thomas und sah auf seine Schuhspitzen. „Könnte ich –“
„Sie können natürlich zu uns gehen und dort warten, bis sie kommt“, sagte der Professor freundlich. „Aber ich glaube, es ist besser, Sie tun es nicht. Zu Hause ist jetzt höchste Alarmstufe, sprich Hausputz vor dem Fest. Frauen sind nun einmal so. Übermorgen ist Weihnachten, und da wird jede Ecke ausgeräumt, jedes Fetzchen Papier umgedreht, jedes Blatt geschüttelt –“ er lachte nachsichtig. Thomas machte ein hochmütiges Gesicht. „Weihnachten als Anlaß zum Wettputzen, wie passend“, sagte er. Es klang arrogant. Der Professor lachte gutmütig.
„Nicht ganz so, junger Freund, so ist meine Frau nicht. Aber alle Frauen wollen es doch zu Weihnachten besonders gemütlich haben – und im Grunde haben wir Männer ja auch nichts dagegen.“
„Und Sie? Sie sind ausgerückt?“ fragte der junge Mann. „Nein, nicht direkt. Ich mache den alljährlichen Marsch in den Wald, um den Weihnachtsbaum zu holen. Wir besitzen ein Stück Wald oberhalb dieser Ortschaft, und ich finde es gut, den Christbaum aus dem eigenen Wald zu holen. Auf diese Weise gehe ich der Putzerei aus dem Wege und mache einen schönen Spaziergang.“
Der Wind fegte ihm in diesem Augenblick Regen ins Gesicht, daß er die Augen schloß und sich schüttelte, wie ein junger Hund. „Brrr!“
„Schöner Spaziergang!“ spottete Thomas.
„Na ja, schön ist anders. Aber trotzdem – kommen Sie, gehen Sie mit. Regen hin, Regen her – uns hat der Regen jedenfalls nie gestört, als wir so jung waren wie Sie.“
„Als – ja. Damals war man heroisch, ich weiß. ‚Dem Schnee, dem Regen, dem Winde entgegen –‘ so ungefähr, nicht wahr?“ spöttelte Thomas.
„Genau so, wörtlich, jawohl. Wissen Sie eigentlich, daß das der Anfang eines Liebesliedes ist, das Sie da zitieren?“ fragte der Professor amüsiert, „von Goethe, ‚Immerzu, immerzu, ohne Rast und Ruh‘. Es endet mit: ‚Glück ohne Ruh, Liebe, bist du‘. Ich meine nur, weil Sie ‚heroisch‘ sagten.“
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