Buch lesen: "Gute Reise, Tante Britta"
Lise Gast
Gute Reise, Tante Britta
Saga
Gute Reise, Tante Britta
© 1969 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509494
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com.
Am 31. Dezember
Es hat etwas Widersinniges an sich, wenn man am letzten Tag des alten Jahres etwas Neues anfängt; das macht mir aber nichts. Ich bin mein Leben lang eigene Wege gegangen, habe mir das unzählige Male von anderen Leuten unter die Nase reiben lassen und gehorsam dazu genickt, ohne es zu ändern – nun werde ich mir doch nicht auf meine alten Tage untreu werden! Heute morgen jedenfalls, als ich das lustige Schneegestöber vor dem Fenster sah, beschloß ich, von nun an Tagebuch zu schreiben.
Eine solche Kateridee ist das im Grunde gar nicht, denn heute beginnt mein neues Leben. Bisher „Angestellte Brigitta Heilmann in Buchhandlung und Reisebüro Hahnele“, der Buchhandlung am Platze – der Platz ist eine winzige Kleinstadt, die so gerne Großstadt werden möchte –, bin ich ab heute pensioniert. Eigentlich schon seit den Feiertagen, aber als gutmütiges Schaf habe ich in den Tagen „zwischen den Jahren“ dem lieben Hahnele bei der Inventur geholfen, obwohl ich es nicht brauchte. Seit heute bin ich Rentnerin, hurra! Und es schneit, zweimal hurra! Und ich werde im Bett bleiben und mich überhaupt nicht rühren und unsagbar, undenkbar, unaussprechlich faul sein – dreitausendmal hurra!
Das letztere – also: im Bett bleiben, ist natürlich eine Redensart. Schon allein, weil man im Bett nicht oder doch nur schlecht schreiben kann. Dazu muß man aufstehen, und wenn man schon aufgestanden ist, heizt man das Zimmer schnell ein bißchen, damit es warm und gemütlich wird, und gießt einen herrlich duftenden Kaffee auf. Aber man könnte im Bett bleiben, das ist es, darauf kommt es an!
Wenn ich – mit einem winzigen, nicht abzugewöhnenden Rest von schlechtem Gewissen – ich bin ja preußisch erzogen, das heißt, erzogen zur Pflicht und immer wieder zur Pflicht –, wenn ich nun heute auf mein Leben zurückblicke, so kann ich eigentlich ruhig sagen: ich hab das Ausruhen verdient. Mir war eine wunderschöne Kindheit beschert, mit vielen Geschwistern, einem strengen, redlichen Vater und einer reizenden, lachlustigen Mutter, dann kam die kurze Berufsausbildung und eine leider noch kürzere Ehe, die aber sehr, sehr glücklich war. Wenn ich sehe, was bei anderen Menschen zuweilen aus einer langen Ehe wird, – nein, da möchte ich nicht tauschen. Zwei Söhne sind mir geblieben, Söhne, wie sie sein sollen: erst blond gelockt, rundlich und süß, später zahnlückig und dünn, noch später flegelig, frech und übermütig, und im ganzen Gott sei Dank brav, lieb und ordentlich und von einer nachsichtigen Freundlichkeit ihrer Mutter gegenüber, die erfreulich absticht von der kritischen Nörgelsucht vieler junger Leute heutzutage ihren Eltern gegenüber. Nun sind beide schon eine Weile verheiratet und beglücken mich in regelmäßigen Abständen mit Enkeln, leider bisher nur mit Enkelsöhnen, ich hätte so gern auch Töchter gehabt, und natürlich dann wenigstens Enkeltöchter. Aber das kann ja noch kommen.
Ich war also gezwungen, meine Kinder allein aufzuziehen, wie viele Frauen meines Jahrgangs. Das war nie ganz einfach – verständlicherweise, man ist ja dann gleichzeitig Hausfrau, Mutter und berufstätige Frau. Merkwürdigerweise wird man da von der Umwelt nicht respektiert, sondern bei jedem kleinen Versagen mit harter Kritik bedacht. „Natürlich, der Vater fehlt!“ heißt es streng, und keiner denkt daran, daß er uns selbst ja am meisten fehlt, und daß wir nichts sehnlicher wünschten, als ihn noch neben uns zu haben. Immer wieder begegnen wir dem erhobenen Zeigefinger: „Du als Witwe ...!“ Dabei wollen wir doch gar nichts anderes und haben nie etwas anderes gewollt, als die Aufgaben bewältigen, die für zwei gedacht waren und nun von einem gemeistert werden müssen. Wirklich, manchmal war es schwer, wenn ich zu Hahnele mußte, und daheim lag einer oder auch alle beide, spuckend und würgend und mit Fieber, oder wenn die berühmten blauen Briefe aus der Schule ins Haus flatterten, die übrigens in Familien mit Vätern auch nicht fehlen: „Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, daß Ihr Sohn ...“ und so weiter. Ja, einfach war es nicht, jedenfalls nicht immer. Und weil es nicht immer einfach war, kann ich mich jetzt endlich einmal faul ausstrecken, jedenfalls bildlich: „So, jetzt ist es mit Gottes Hilfe geschafft. Jetzt brauchen die Söhne mich nicht mehr. Jetzt kann ich endlich, endlich tun und lassen was ich will.“
Was ich will? O, ich weiß es schon lange!
Man muß verstehen, was es heißt, über zwanzig Jahre in einem Reisebüro zu arbeiten und nie, nie verreisen zu können. Ich muß dazu einen Vergleich heranholen. Vergleiche machen klar, was man sonst nicht auf Anhieb versteht. Also:
Es gibt Vögel, Cormorane heißen sie, die fressen gern Fische, und also fangen sie sich welche. Das hat der Mensch, der kluge, gemerkt. Er hat sie gezähmt, ihnen hinterlistigerweise einen Ring um den Hals gelegt, damit sie zwar den Schnabel auf- und zumachen, aber nicht schlucken können, und sie auf Fischfang geschickt. Nun fliegen diese großen Vögel und fangen Fische, dann pfeift der Mensch, und sie kommen gehorsam zu ihm zurück, worauf er ihnen die Beute abnimmt.
An mir und meinen Kollegen handelte das Leben ähnlich. Ich saß über zwanzig Jahre in meinem Reisebüro und stellte anderen Leuten die Reisen zusammen. Nach Amerika, in den Schwarzwald oder nach Kufstein, nach Bornholm oder auf die Fidschi-Inseln. Selber reisen konnte ich nicht. Da war in den kurzen Urlauben, die ich bekam, so viel nachzuholen, was eine berufstätige Mutter zwangsläufig immer wieder aufschiebt; und nachzuschlafen galt es auch. Ich habe einmal am ersten Urlaubstag siebzehn Stunden hintereinander geschlafen.
Natürlich gibt es Leute, die sagten immer und sagen noch heute: „Du hättest eben ...“ Es gibt so kluge Leute. Aber mich vertreten, mir die Pflichten für ein paar Reisewochen abnehmen, das haben sie nicht getan, nie. Keiner von ihnen. Nur klug reden konnten und können sie. „Du müßtest eben ...“
Ich bin also nie gereist, auch deshalb nicht, weil es mit meinen Söhnen zusammen zu teuer geworden wäre, und sollte ich die kurze Zeit, in der ich endlich einmal für sie da sein konnte, allein wegfahren, von allen anderen Gründen abgesehen? Aber jetzt werde ich reisen. Jetzt werde ich alles, alles nachholen, was ich bisher nicht tun konnte. Deshalb habe ich mir das Tagebuch gekauft. Wenn man auf Reisen ist, passiert so viel, daß man es einfach aufschreiben muß. Ich bin dazu entschlossen.
Frau Brigitta Heilmann war aufgestanden und vor den Spiegel getreten. Wie sehe ich nun aus als Pensionärin, fragte sie sich und schaute prüfend in den Spiegel.
Groß, nicht mehr schlank, eher vollschlank – „dick“ ist solch ein unfreundliches Wort –, aber keineswegs auseinandergegangen. Dafür ein fast faltenloses Gesicht mit lustigen braunen Augen. „In einem gewissen Alter muß man sich entweder für das Gesicht oder für die Figur entscheiden“, hatte eine gleichaltrige Frau ihr einmal gesagt, als sie gemeinsam deren sehr dicken Dackel betrachteten, „wer sich schlank hungert, kriegt Falten im Gesicht. Wer auf Schlagsahne und Mayonnaise, Gänsebraten und Klöße nicht verzichten kann – wie ich zum Beispiel –, trägt jugendliche Platzbacken über einer, mild gesprochen, rundlichen Figur. Unser lieber Waldmann hat sich, wie man sieht, ebenso entschieden.“
„Man müßte einen goldenen Mittelweg finden“, hatte Brigitta damals nachdenklich gesagt und versucht, danach zu leben. Ergebnis, wie gesagt: nicht mehr schlank, aber keineswegs dick, kleine Fältchen um die Augen – man kann sie Lachfältchen nennen, wenn man freundlich gesonnen ist – aber kein hohläugiges Asketengesicht, von jedem etwas.
Brigitta fuhr herum. Sie hatte Schritte gehört. Wenn sie jemand in ihrem Alter vor dem Spiegel überraschte! Aber es war nur der Briefträger. Für die Post war heute kein Feiertag.
Sie ging hinaus. Ein Einschreiben, drei Päckchen, ein Paket, das Zustellgebühr kostete.
„Kommen Sie doch herein, Sie sind ja schon der reinste Schneemann“, sagte sie und hielt ihm die Tür auf. Er wippte den Schnee von der Mütze, blieb aber im Flur stehen.
„Sie haben doch auch keine Zeit.“
„Doch, denken Sie, ab heute. Ab heute bin ich Pensionärin“, sagte Brigitta und lachte, „ab heute tue ich gar, gar, gar nichts mehr. Ich hab mein Leben lang geschuftet und werde nun nur noch faul sein.“
„So sehen Sie aus“, sagte der Postmann dunkel. Es war nicht klar, meinte er es sehnsüchtig, weil er selbst noch arbeiten mußte, ironisch oder betrübt. Brigitta horchte seinen Worten nach. Sie wurde nachdenklich.
Das blieb sie den ganzen Vormittag, obwohl sie es nicht wahrhaben wollte. Nachdenklich? Das ist schon gefährlich, oder etwa gar betrübt? Hatte sie den mindesten Grund, betrübt zu sein?
Sie fragte sich das herausfordernd und ein bißchen ärgerlich. Nein, sie hatte keinen Grund. Claus hatte geschrieben, ihr ein gutes Neues Jahr gewünscht, auf einer jener albernen Karten, die die Jugend heute mitunter bevorzugt. Diese Karte war dreimal gefaltet, und wenn man sie auseinanderzog, kam eine überdimensionale Giraffe zum Vorschein, an deren Hals entlang die Worte standen: „Wir haben uns sooooo lange nicht gesehen.“
Bei Henner hatte die Schwiegertochter geschrieben. Meist übernahm ja die Frau die Familienkorrespondenz. Und Ingrid war eine ganz süße, eine heißgeliebte Schwiegertochter. Sie schrieb sehr ulkige Briefe, wenn sie, stets in Zeitnot, sich erst einmal dazu entschlossen hatte. Brigitta lachte und setzte sich, um die sechs Seiten lange, handschriftliche Epistel mit Genuß zu entziffern. „Das Fest war eine einzige Katastrophe, dreie krank und dazu Besuch, aber der war reizend, und alle bewunderten die Schwedenjacke, die ich mir so sehr wünschte und auf die Henner also nicht ansprang – ich danke Dir sehr dafür, aber sie ist so teuer – das kann ich nicht verwinden –“ dies alles sozusagen ohne Punkt und Komma in einem hin, impulsiv wie dieses blonde junge Menschenkind nun einmal war. Brigitta lachte und hielt den Briefbogen einen Augenblick an ihre Wange, obwohl sie dies selbst kitschig und backfischhaft fand. Wie gut, daß es niemand sah! Liebe, liebe Ingrid ...
Die Kinder hatten so lieb an sie gedacht, das war das schönste Geschenk zu Beginn ihres „neuen Lebens“. Was sonst an Post noch dalag, war zweitrangig in seiner Wichtigkeit. Brigitta blätterte sie durch, ohne es recht aufzunehmen. Ein paar Neujahrskarten, die Abrechnung der Bank, Drucksachen.
Schließlich ein Brief: eine Kinderschrift, die sie nicht kannte. Ohne große Neugier schnitt sie den Umschlag auf.
Liebe Tante Britta,
ich schreib Dir, weil Mutter nicht kann, oder auch nicht will. Und Vater erst recht nicht, aber er merkt ja nie, wenn es uns schlecht geht, und vor allem bei Mutter nicht, die es sich nie anmerken läßt. Jetzt aber ist es schon schlimm. Man kann es gar nicht mehr übersehen.
Weihnachten ging es noch. Alles war schön und wunderbar und geheimnisvoll und so wie immer – nein, nicht so wie immer. Erst ja, wir sind in die Christvesper gegangen und haben dann beschert, und jeder hatte seinen schönen Platz und Bücher und alles, aber es war nicht wie immer. Mutter war nicht wie sonst. Sie saß nur da und sah in die Lichter – ihren Platz hat sie gar nicht angesehen, und dabei hatte ich dies Jahr wirklich etwas Schönes für sie, so was ist mir noch nie gelungen. Nämlich ein Kasten für ihre Näherei, innen in viele Fächer geteilt, wir lernen so etwas in der Schule im Werkunterricht. Und sie hat sich auch gefreut, sicher, jedenfalls hat sie so getan, aber wieviel Arbeit drinsteckt, das ahnt sie nicht und hat auch nicht danach gefragt.
Ich schreibe Dir natürlich nicht deshalb. Mutter weiß gar nicht, daß ich Dir schreibe. Mutter ist so müde, sogar zu müde zum Schelten. Ich habe es ausprobiert. Sonst, wenn ich etwas liegen ließ, was ich wegzuräumen hatte, war sie immer hinterher, daß ich es tat. Oder sie räumte es selbst weg und schalt. Jetzt habe ich es zweimal versucht mit meinem Ranzen, um einen Beweis zu haben, ob Mutter schilt oder nicht. Ich brauche den Ranzen jetzt gar nicht, weil Ferien sind. Da habe ich ihn in den Flur auf die Erde gelegt, schief, was Mutter überhaupt nicht leiden kann. Einmal ist sie drüberweggestiegen und hat nichts gesagt, das fand ich schon unheimlich. Ich stand nämlich im Wohnzimmer und guckte durch den Türspalt, sie hat mich nicht gesehen. Und das zweite Mal bin ich dazugekommen, so von ungefähr, ob sie nun etwas sagen würde. Weißt Du, was sie da tat? Sie setzte sich auf die unterste Treppenstufe und fing an zu weinen.
Liebe Tante Britta, bitte komm! Vielleicht hat Mutter nur ein paar Tage nötig, um sich einmal richtig auszuschlafen. Es braucht ja keine richtige Krankheit zu sein. „Allgemeine Erschöpfung“ sagen die Ärzte. Natürlich ist sie überarbeitet. Aber Vater ist es bestimmt auch, und wenn Mutter ihm nicht gerade jetzt alles aus dem Wege räumt ... Ich habe es auch versucht, das kannst Du glauben. Aber ich habe zwei linke Hände und an jeder Hand fünf Daumen, wenn ich Hausmütterchen spielen soll, das hat Mutter oft gesagt. Und Vater mache ich nervös und wütend, sobald ich helfe – es ist einfach unmöglich, ihm alles so herzurichten wie Mutter es tut – besser: tat. Heute ist sie sogar im Bett geblieben, und als ich ganz entsetzt hineinguckte und fragte, hat sie nicht mal geantwortet. Nur ein bißchen mit dem Kopf geschüttelt und zu lachen versucht, aber das ging nicht ...
Brigitta ließ den Brief sinken. Christina am Ende, das gab es doch nicht! Zehn Jahre jünger als sie selbst, und die vitalste aus dem ganzen Geschwisterkreis! Immer hatte man sie von allen Seiten gelobt und bewundert, daß sie sich nie nachgab, daß sie, auch noch fröhlich, ihren Haushalt mit den vier Kindern und dem schwierigen Mann allein bewältigte, allein und ohne Hilfe, sogar noch half, wo sie konnte, bei der Abrechnung und der Steuererklärung und sonstigem schriftlichem Kram.
Burkhard war praktischer Arzt, sehr beschäftigt, überbeansprucht, das konnte man wohl sagen. Was wurde heutzutage von den Praktikern verlangt! Da begann der Tag schon lange vor der morgendlichen Sprechstunde, begann mit eiligen Krankenbesuchen, einer notwendigen Spritze oder der Behandlung eines Berufstätigen, dem neun Uhr zu spät war. Und er endete selten vor abends zehn, halb elf. Privatleben gab es nicht. Und jedesmal, wenn Burkhard sich, halb tot vor Müdigkeit, endlich schlafen legte, geschah das nie ohne die heimliche Bedrohung: „Wann wird das Telefon gehen? Ob es heute mal ausnahmsweise nicht läuten wird?“
„Wie damals bei den Bombenangriffen. Jedesmal verabschiedeten wir uns da mit dem freundlichen Wunsch: Hoffentlich sehen wir uns nicht so bald wieder! Manchmal schrillte der Alarm genau in diesem Augenblick los“, hatte Christina einmal gesagt. „Obwohl – natürlich ist das ein Unterschied. Aber wenn man zu einem Herzinfarkt oder einem schweren Unfall muß, das ist auch schrecklich. Freilich, meist sind es Lappalien, aber das regt einen noch mehr auf – –“, sie lachte kläglich. Brigitta erinnerte sich noch genau an dieses Lachen. Es war schon nicht mehr das alte, lustige Lachen gewesen, das sie aus ihrer Jugend und den ersten Ehejahren kannte.
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