Buch lesen: "grosse schwester, kleiner bruder"
Lise Gast
grosse schwester, kleiner bruder
Erzählung
Saga
Grosse Schwester, kleiner Bruder
© 1967 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509470
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I
Der letzte gongschlag war verdröhnt, renate, die zuletzt selbst mitgesprungen war, um die ermattenden Schülerinnen anzufeuern – hopp und hopp und hopp! –, strich sich mit dem Unterarm über das Gesicht und lachte, während sie Schlegel und Tamburin sinken ließ. Die Uhr des Petrikirchturms, die man durch das Gartenfenster sehen konnte, zeigte zehn nach vier. Sie konnte also aufhören.
»Genug für heute, meine Damen«, sagte sie atemlos. Es wirkte auf ihre Schülerinnen immer ein wenig tröstlich, wenn sie nach der Springerei knapp bei Atem schien, ebenso, wenn sie sich über das Gesicht strich. Warum sollte man nicht solche unschuldige Tricks anwenden, die einen beliebt machten? Dabei war es ja kein Wunder, daß sie selbst mit ihren zweiundzwanzig Jahren mühelos das schaffte, was Vierzigjährige schnaufen ließ, die lediglich Gymnastiksrunden nahmen, um ein wenig Gewicht zu verlieren.
»Haben Sie Zeit, Fräulein Hollriede?« Richtig, das war wieder Frau Nestler. »Ich würde Sie gern noch zu einem Täßchen Kaffee einladen. Sie geben sich immer so viel Mühe mit uns!«
Renate lächelte. Jeden Donnerstag mußte sie ihre Absage in ein anderes Gewand kleiden, um nicht unhöflich zu erscheinen. Im Grunde hätte sie nach der Anstrengung der Stunde recht gern bei ›Kleine‹, der Konditorei der Stadt, den berühmt guten Kaffee getrunken und dazu reichlich Kuchen gegessen. Ihrer Figur hätte das wahrhaftig nicht geschadet. Aber es kam natürlich nicht in Frage. Erstens läßt man sich nicht von einer Schülerin einladen. Und zweitens Christians wegen. Er sollte Butterbrot und Milch vespern und sie schlemmen? Ausgeschlossen.
»Ich muß leider zu Fräulein Menzler, furchtbar schade«, sagte sie liebenswürdig, »sie erwartet mich. Es geht ihr im übrigen besser. Vielleicht gibt sie die nächste Stunde schon wieder selbst.«
»Ach!« Frau Nestler lächelte zurück. Dieses »Ach« war ein diplomatisches Meisterstück und stand genau auf der Kippe zwischen freudigem Begrüßen der Genesung der einen und Bedauern über den Verlust der andern Lehrerin. Renate sann darüber nach und nahm sich vor, von Frau Nestler zu lernen. Nicht, wie man sich selbst betrügt, indem man sich mit einer einzigen Wochenstunde Gymnastik moralisch freikauft für sechs Konditoreibesuche, sondern wie man gleichzeitig betrübt und erfreut sein kann mit einem Wort. Mit einem einzigen »Ach«.
Renate war aus dem Tanzsaal des Gasthauses, in dem sie noch immer behelfsmäßig turnten, in eine der Nischen getreten, die wohl für Paare, die sich etwas Ernsthaftes zu sagen hatten, an der Wand entlang eingebaut waren, und zerrte den Gymnastikkittel über den Kopf. Ihr Kleid hing an einer Südseemaske, die von der Wand herabgrinste, nachts wahrscheinlich bengalisch beleuchtet. Es war scheußlich, daß man hier nach der Stunde nicht brausen konnte, auch sie, obwohl sie nicht schwitzte. Die andern schwitzten um so mehr, schienen eine Ehische aber nicht einmal zu vermissen. Sie wollte gelegentlich mit der Gestrengen sprechen.
Ach ja. Ihr Besuch bei der Vorgesetzten und Gönnerin war keine Ausrede. Leider. Sie mußte zu ihr hin, und zwar sofort. Christian würde wieder einmal allein vespern müssen; wenn man zur Audienz befohlen war, kam man nicht unter anderthalb Stunden davon.
Renates Bewegungen waren langsamer geworden. Endlich stand sie, den Gürtel ihres Kleides noch in der Hand, und starrte die Maske an. Du grinsender Teufel, Schadenfreude ist die reinste Freude, nicht wahr? Du brauchst keine Besuche zu machen.
Die Frauen waren schon gegangen, als sie wieder in den Saal hinaustrat. Sie stieß noch ein drittes Fenster auf. Zwei hatte sie schon während der Stunde geöffnet. Ein leichter Dunst lag über dem Saal. Dunst nach verschüttetem Bier, kaltem Rauch, geöltem Fußboden und überanstrengten, nicht mehr ganz jungen Körpern. Sie mußten andere Räume bekommen, auch wenn es jetzt auf den Sommer zuging und man wieder im Freien würde arbeiten können.
Renate gab sich einen Stoß und zog ihr Jäckchen an. Als sie durch die Straßen radelte, fühlte sie mit einem gewissen Genuß, was für ein Gesicht sie machte. Ein verdrießliches, müdes, unlustiges. Sie war unlustig. Und es tat so gut, einmal so aussehen zu dürfen, wie man sich fühlte. Sonst mußte man immer das Berufsgesicht machen, verbindlich und mit jenem Lächeln, das einen selbst anwiderte.
Vormittags war dies leichter durchzuhalten. Zahnarztpatienten tun einem stets leid, und Dr. Karsten war ein angenehmer Chef. Er war gleichmäßig freundlich zu Mann, Frau oder Kind, auch zu ihr, seiner Sprechstundenhilfe. Sie arbeitete gern bei ihm, obwohl, nein, weil er völlig neutral zu ihr stand. Aber ein wenig menschlich interessierter könnte er manchmal sein!
Hier zuwenig, dort zuviel. Was Dr. Karsten, ihr Vormittagschef, vermissen ließ, hatte Fräulein Menzler zuviel. Renate seufzte. Sie begriff nicht, wie eine Frau, die soviel konnte, die eine so ausgeglichene, schöne Tänzerinnenfigur besaß, so uneins mit sich selbst sein konnte. So gar nicht ausgeglichen, so gar nicht straff. Immer gab sie sich nach, nie konnte man fest mit ihren Anweisungen rechnen. Dabei war sie, Renate, sicher, daß Fräulein Menzler sie gern hatte, an ihr hing.
Das war beinahe das schlimmste. Obgleich sie natürlich sonst diese Vertretungsstunden nie bekommen hätte. Sie konnte noch zuwenig dafür. Aber Fräulein Menzler verteilte ihre Gunst wahllos und nahm sie ebenso wahllos wieder zurück, wenn es ihr nicht paßte. Schrecklich, einen solchen Menschen als Vorgesetzten haben zu müssen! Nein, da war Dr. Karsten Gold dagegen.
Renate war angekommen. Sie lehnte das Rad im Vorgarten an das Mäuerchen, das seitlich der Treppe den Aufgang flankierte, und stieg hinauf, bemerkenswert langsam. Dabei ordnete sie mit einiger Mühe ihre Gesichtsmuskeln. Es war nötig. Auf dem ersten Treppenabsatz versuchte sie Ärger und Mißmut zu verwischen, auf dem zweiten probierte sie ein Lächeln. Es war noch etwas krampfhaft. Vor der Tür mit dem Schild »Anita Menzler – neuzeitliche Gymnastik« atmete sie tief und systematisch und dachte an etwas Schönes, ganz schnell; an was nun gleich? An Christian, wie er neulich gestrahlt hatte, als sie ihm das Vergrößerungsglas mitbrachte. Und als sie auf ihr Läuten drinnen den Schritt der Gestrengen hörte, war es ihr wirklich gelungen, strahlend auszusehen.
Ach, vergebliche Liebesmüh! Das Strahlen erlosch, als die Tür aufging. Renate erkannte sofort, was es geschlagen hatte. In Fräulein Menzlers Augen war dieses gefährliche, eiskalte Glitzern, das sie mehr als alles andere fürchtete. »So, kommen Sie doch noch?« war die halblaute Begrüßung.
Renate setzte zu einer Antwort an. Sie hob dabei das Handgelenk – übrigens eine nutzlose Geste. Die Uhr lag zu Hause, wann würde sie sie zur Reparatur bringen können? Ach, da gab es so unendlich viel Wichtigeres!
»Ich habe bis zehn nach vier unterrichtet.«
»So. Wahrscheinlich wieder unpünktlich angefangen. Fräulein Hollriede, ich habe schon häufig bereut, daß ich Sie, gerade Sie ...«
Renate wußte alles, was jetzt kam, auswendig. Wie oft hatte sie gestanden, den Kopf gesenkt, das Gesicht möglichst verborgen, und sich immer wieder beschworen: Schweig! Laß sie reden. Es geht vorbei. Sie droht nur. Du bekommst die Stunden weiter. Ruhe, Ruhe ... Sie konnte es nicht zählen, wie oft. Heute aber war ein Faden gerissen. Fräulein Menzlers Stimme tat ihr körperlich weh, so sehr, daß sie am liebsten die Hände vor die Ohren geschlagen hätte: ich kann, ich kann es nicht mehr hören!
Sie tat es nicht. Es wäre auch unverantwortlich gewesen, das Ende ihres Nachmittagsberufs. Renate brachte es über sich, diese Bewegung zu unterdrücken. Eins aber gelang ihr nicht: die Tränen zurückzuhalten. Sie, die sehr selten weinte, fühlte, wie heute und hier keine Beherrschung half. So stand sie, die Hände geballt an den herabhängenden Armen, die Augen geschlossen, aus denen die Tränen liefen. Gesagt hatte sie nichts außer ihrem ersten Satz. So, Unheil, nun nimm deinen Lauf, dachte sie, verzweifelt und ergeben in einem.
Und da kam die Rettung. Sie kam, wie so oft, von einer Seite, von der man sie nicht erwartet hatte. Fräulein Menzler, die selbst bei jedem geringfügigen Anlaß weinte, unbeherrscht, ja, sicher oft absichtlich, um Mitleid zu erregen – Fräulein Menzler stutzte vor diesem stummen Weinen und brach ab. Sie schwieg, vielleicht eine Minute lang. Renate wagte nicht aufzusehen. Was kam nun?
Nein, es kam nichts Schlimmeres. Es kam ein plötzliches, überschwengliches, übersüßes Bedauern, aber doch ein Bedauern, das leichter zu ertragen war als die schrillen Drohungen vorhin. »Kindchen, nein, aber Kindchen!«
Renate kannte auch das. Sie ließ sich in das Zimmer hineinschieben, auf den Diwan setzen, das Jäckchen von den Armen ziehen. Sie ließ sich trösten und streicheln – letzteres war auch schwer zu ertragen. Obwohl sie merkte, daß es Fräulein Menzler in diesem Augenblick gut mit ihr meinte. Regen und Sonnenschein. Renate ließ, betäubt und kraftlos, den Redestrom über sich hinlaufen. Fräulein Menzler ging umher und redete und redete, während sie die elektrische Kaffeemaschine in Gang setzte und Gebäck und Kuchen herbeibrachte.
Renate putzte sich die Nase und wischte sich die Wangen ab. Sie spürte auf einmal, wie müde sie war. Kein Wunder, sie mußte morgens zeitig aufstehen, um Christian zu versorgen, für ihn vorzukochen, seine Sachen einigermaßen in Ordnung zu halten und ihre zwei kleinen Zimmer zu richten. Dann Sprechstunde bei Dr. Karsten, dann fix heim, damit Christian beim Essen Gesellschaft hatte. Sehr oft gelang das nicht, er hatte manchmal bis zwei Uhr Schule. Aber mitunter wollte sie ihn ja auch wach sehen, nicht nur morgens als verstrubbelten Kopf halb unter der Bettdecke, oder abends, müde von seinem langen Tag, auch meist schon wieder im Bett. Als sie ihm die schöne Lederhose gekauft hatte, Anfang dieses Frühjahrs, hatte sie ihn wochenlang nicht darin bewundern können; es hatte einfach nie geklappt.
Sie lebten aneinander vorbei, damals war ihr das erst richtig zum Bewußtsein gekommen.
Die meisten Menschen lebten heutzutage aneinander vorbei. Aber es war herzlich schade, daß es so war, daß man hier saß und sich von seiner Chefin zur Abwechslung einmal mit Kaffee und Kuchen verwöhnen ließ, während doch eine gemeinsame, einfachere Vesperviertelstunde mit Christian viel schöner gewesen wäre. Plötzlich – vielleicht war das auf den ausgezeichneten Kaffee zurückzuführen, der mutig machte –, plötzlich merkte Renate, daß sie davon sprach. Hatte Fräulein Menzler gefragt? Vielleicht ja, in ihrer uninteressierten, konventionellen Art: »Was macht eigentlich Ihr Brüderchen?« oder so ähnlich. Renate hörte sich erzählen. Sie erzählte genau das, was sie gerade gedacht hatte: daß es so schade sei, aneinander vorbeizuleben, da man doch niemanden als einander habe – sogar das sagte sie. Ich muß nicht recht bei Sinnen sein. Diesen Satz nimmt sie mir bestimmt todübel! ging es dumpf durch sie hin, denn Fräulein Menzler betonte immer mit zuckriger Freundlichkeit: »Nicht wahr, Renatchen, Sie gehören zu mir.«
Aber, Wunder über Wunder, Fräulein Menzler wurde nicht spitz, auch nicht scharf. Sie sah die Jüngere mit einem warmen Blick ihrer hellblauen, ein wenig vorstehenden Augen an und sagte: »Nein, das tut mir aber leid! Da sitzt er allein daheim, der Junge? Das geht nicht. Wir rufen ihn an. Er soll sofort herkommen.« »Wie lieb von Ihnen«, sagte Renate mechanisch, »aber wir haben kein Telefon. Natürlich nicht, wie sollten wir!«
»Nein, selbstverständlich!« Fräulein Menzler schlug sich vor die Stirn. »Aber vielleicht ist eins in Ihrer Nähe, das man benutzen könnte?«
Renate lachte jetzt richtig. »Wenn Sie in unserem Milchladen anrufen wollen?« Sie sagte das als größte Absurdität. Die Vorstellung, Fräulein Menzler sollte die dicke Molkerei-Madame um etwas bitten!
Aber sie tat es. Freilich, telefonisch war es ja auch nicht ganz so komisch, aber es schüttelte Renate doch. Und wie rasch und mühelos sie zum Ziele kam! Es gab eben Menschen, die jeden andern einwickelten.
»Sie schickt ihn her. Nun werden Sie aber auch wieder vergnügt aussehen, Renatchen, ja? Warten Sie ...«
Fräulein Menzler stand schon wieder am Telefon. Sie ließ sich mit der Konditorei ›Kleine‹ verbinden.
»Was ißt er denn gern? Kranzkuchen? Der soll dort so ausgezeichnet sein. Oder Bienenstich. Oder ...«
Renate lächelte. Christian war ja anders als andere Jungen seines Alters. Er war weder verfressen noch fußballbegeistert. »Er ist ein bißchen schwierig, mein kleiner Bruder«, sagte sie und ritzte mit dem Daumennagel ein Muster in ihr Sommerkleid über dem Knie. Man saß ein wenig unbequem auf solch einer niedrigen Couch, wenn man lange Beine hatte. »Vielleicht von Natur, vielleicht aber bin ich auch mit schuld. Und die Verhältnisse. Er lebt so allein. Mit mir – oder, wie gesagt, eigentlich ohne mich.«
Was eine Viertelstunde später der Laufjunge des Cafés an Kuchenmengen abgab, hätte eine halbe Untertertia sättigen können. Heut brauchen wir kein Abendbrot und morgen kein Frühstück, dachte Renate und ahnte nicht, daß sie damit das Richtige traf, freilich aus andern Gründen, als sie jetzt annahm.
Christian erschien und machte ihr alle Ehre. Er hatte saubere Hände, seine gute Joppe angezogen und geputzte Schuhe. Renate ertappte sich wieder einmal bei dem ein wenig ketzerischen Wunsch, er möchte lieber mit einer nicht ganz sauberen Nase und aufgeschundenen Knien daherkommen, aber ein richtiger Junge sein. Nun, man konnte sich seine Geschwister nicht aussuchen, ebensowenig wie Eltern ihre Kinder.
»Ein reizender Junge, und so gut erzogen«, flüsterte Fräulein Menzler unüberhörbar laut, als er, auf ihr Geheiß hin, seine Jacke in den Flur hinaustrug.
Renate zwang sich zu einem dankbaren Lächeln und beschloß, daß ihr von nun an alles gleichgültig sein sollte. Jawohl, gleichgültig, auch wenn sie also nun den so kostbaren Rest des Nachmittags vertat. Sie hatte waschen und bügeln wollen; es war auf die Dauer ein gräßliches Gefühl, daß alle ihre Hausarbeit nebenbei und gleichsam provisorisch geschehen mußte.
»Ja, es sitzt sich reizend hier, und es tut mir so wohl«, hörte sie sich flöten, beinah so süß, wie Fräulein Menzlers Frage geklungen hatte. Aber, in Gottes Namen, man mußte ihr den Gefallen tun.
Im übrigen war es schön, hier zu sitzen und zuzusehen, wie es Christian schmeckte. Er aß, während sie und Fräulein Menzler schon fertig waren und sich unterhielten. Renate, nach der Abspannung in einen merkwürdigen, ihr fremden Kaffeerausch versetzt, wunderte sich, wie viele Worte man machen konnte, ohne irgend etwas von Belang zu sagen. Ich bin heute ein abscheuliches Geschöpf, dachte sie dabei. Wenn man mich mitten ins Paradies versetzte, würde ich behaupten, es sei dort unerträglich. Adam müßte völlig anders aussehen, und die Schlange ...
»Was für eine Schlange?« fragte Fräulein Menzler befremdet.
Renate fuhr leicht zusammen. »Sagte ich Schlange?«
»Sie sagten, auf dem Rasen müßte eine Schlange sein.« »Eine Brause«, verbesserte Renate und lachte verlegen. »Nein, wie man sich versprechen kann! Eine Brause, um an heißen Tagen oder auch nach jeder Stunde dort zu brausen. Vielleicht lassen sich Taxushecken drum herum pflanzen, damit man ohne Anzug duschen kann. Das wäre schön, im Freien! Denn wenn man es in Bretterwände einfriedigt, verliert es doch wieder den Charakter von Freiheit und Luft.«
»Glänzender Gedanke. Das machen wir. Eine Brauseanlage im Garten, unter freiem Himmel, geschützt durch Hecken! Ich weiß sogar, wie ich das anlege. Das Grundstück kennen Sie ja. Passen Sie auf, hier kommt man aus der Gymnastikhalle ...«
Renate wurde jetzt wirklich gefesselt. Daß Fräulein Menzler bauen wollte, hatte sie bisher nie recht geglaubt, auch nicht, als sie das Grundstück sah. Jetzt aber begann sie, es für möglich zu halten. Ein niedriges Häuschen, einstöckig, fast nur Fenster. Drin außer der Halle für regnerische Tage nur ein winziges Wohn- und Schlafzimmer und eine Kochnische, das Bad im Keller. Dann würde man natürlich auch mehr Schülerinnen bekommen, ohne Zweifel. Das Grundstück lag günstig, fast genau zwischen den Sportanlagen und dem Westen der Stadt.
»Dann müssen Sie aber endlich Ihre Stellung als Sprechstundenhilfe aufgeben und ganz bei mir bleiben.« Fräulein Menzler lächelte und schenkte das viertemal ein. »Nein, keine Widerrede. Sonst baue ich nicht. Allein kann ich es nicht, und –«
Sie hatte schon oft, wenn sie in guter Laune war, so etwas gesagt. Mitunter glaubte Renate, es sei ihr Ernst damit, dann aber war sie wieder so launenhaft und absichtlich verletzend, daß solch ein Angebot nichts Verlockendes an sich hatte. So hatte Renate immer die Ausrede vorgebracht, daß da ja noch Christian sei.
Natürlich dachte sie nicht daran, ihre so mühsam errungene Selbständigkeit wieder aufzugeben. Seit die Geschwister zwei Zimmer hatten – seit ungefähr anderthalb Jahren –, kamen sie sich sowieso schon reich und glücklich vor. Und Renate verdiente jetzt gut. Freilich nur, weil eben Fräulein Menzler ihr Vertretungen zuschob. Das, was sie an Waisengeld für Christian bekam, und ihr festes Gehalt bei Dr. Karsten reichte gerade für das nackte Leben. Immerhin, wer hatte es mit zweiundzwanzig Jahren wohl schon soweit gebracht wie sie, wer ernährte da schon sich selbst und noch einen andern Menschen!
Das alles, oder doch fast alles, verdankte sie Fräulein Menzler. Die hatte sie damals unentgeltlich in ihre Schule genommen und gefördert, soviel sie konnte. Vielleicht war es ein verkümmerter Mutterinstinkt, der da erwachte. Sie mußte nun schon ein paar Jahre über dreißig sein. Oder freute sie sich wirklich an ihrer, Renates, ausgeprägter Begabung für Gymnastik? Das war schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich kam beides zusammen. Den tieferen Grund erkannte weder Fräulein Menzler noch Renate klar: die Ältere ahnte in der Jüngeren ein Abbild ihrer selbst, vielleicht nicht so begabt, bestimmt nicht so schön und ausgeglichen im Wuchs, dafür gestraffter, willensstärker und klarer. Und dies löste bei ihr seltsamerweise nicht Neid aus, sondern eine zwar unregelmäßige und unzuverlässige, aber doch immer wieder zutage tretende Zuneigung. Heute waren sie einander innerlich nahe. Fräulein Menzler hatte den Grundriß ihres Bauplans hervorgeholt, und sie schmiedeten Pläne. Renate sah statt der blauen Linien auf hellrosa Lichtpausen und den nüchternen Zahlen ein entzückendes Haus, bereits mit Klematis und Cobaea bewachsen, Liegestühle in der Sonne, die soeben geplante Brause hinter Taxushecken und frohe Jugend auf dem Sprungrasen. Denn selbstverständlich würde man dann vor allem junge Menschen unterrichten, Mädchen in ihrem Alter und Kinder, ja, das auch. Könnte man da nicht noch ein Planschbecken bauen?
Plötzlich blickte sie zu Christian hinüber, der unterdrückt und höflich, aber doch deutlich gähnte, und brach ab. Nein, es war töricht, den Jungen mitten aus den Schularbeiten hierherzuholen und dann allein sitzen zu lassen. »Wir müssen fort, Fräulein Menzler«, sagte sie erwachend.
Es gab noch das übliche Hinundhergezerre. »Aber Sie haben ja noch Zeit, Kindchen!« und: »Sie dürfen bitte nicht böse sein, aber ...« Und dann blieben sie doch noch.
Es war sieben vorüber, als sie sich endlich losgerissen hatten und mit schlechtem Gewissen die Räder hinter dem Haus hervorholten. »Ich werde ihr morgen einen Strauß Narzissen bringen und sagen, er sei von dir«, sagte Renate, als sie losfuhren.
»Ist das nötig?« fragte Christian.
»O doch. Sie ist bestimmt gekränkt, daß wir gingen. Du lieber Herrgott, wir haben eben die Zeit nicht auf der Straße gefunden.«
»Verdient sie denn so viel, daß sie immer Zeit hat oder sie sich nehmen kann?« fragte Christian.
Von drüben schimmerte der See, in dem sich der Abendhimmel spiegelte, und das Laub der Bäume war schon hellgrün.
»Oh, sie verdient gut, da kannst du dich drauf verlassen. Ich verstehe nicht ganz, warum, denn sie läßt mich viele Stunden übernehmen, ist selbst gar nicht hinterher, so, wie ich es an ihrer Stelle wäre.«
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