Buch lesen: "Gäste in meinem Haus"

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Lise Gast

Gäste in meinem Haus

Saga

Gäste in meinem Haus

© 1979 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509395

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

„Nanu? Niemand da? So was!“

Susanne, durchgepustet vom heftigen Herbstwind, hatte die Haustür aufgeschoben und stand horchend im Flur. Wirklich keiner zu Hause? Ihre frohe Heimkehrstimmung wollte verfliegen. Sie war auf ein fröhliches „Guten Abend!“ eingestellt gewesen, so sehr hatte sie sich beeilt. Sie stellte die Einkauftasche ab und rief noch einmal, eigentlich mehr gewohnheitsmäßig: „Hallo?“

Doch, da war jemand in der Küche. Susanne atmete tief und trat dann leise ein. Es war, als hätte sie es geahnt: Elmi, weinend. Elmi weinte leicht, das wußte Susanne, trotzdem fiel es ihr aufs Herz. Es sah so betrübend aus, den ein wenig strubbeligen Lockenkopf in die Armbeuge gedrückt, hockte die jüngere Schwester da am Tisch, schnupfend, mit zuckenden Schultern. Susanne legte ihr die Hand auf den Kopf und setzte sich auf den zweiten Küchenstuhl. „Aber Elmi. Was ist denn.“

Und dann tröstend: „Elmi. Wird doch alles wieder gut.“

„Meinst du?“ Elmi stieß die zwei Worte heraus, ohne den Kopf zu heben, wie ein Kind, das lange geweint hat und nun von der Mutter angesprochen wird. Susanne mußte ein wenig lachen. Ein Kind war Elmi wahrhaftig nicht mehr. Sie war Mitte vierzig und hatte selbst zwei Kinder, fast so groß wie sie selbst.

Für sie, die zehn Jahre ältere Schwester Susanne, blieb Elmi immer ein Kind, in gewisser Beziehung jedenfalls. Ein Kind, um das man sich kümmert, das man tröstet, auch manchmal ermahnt. Ein großes Kind, für das man da ist.

„Komm. Jetzt kochen wir uns einen ordentlichen Kaffee, einen doppelten Rudolf“, vor Jahrzehnten hatte irgend jemand aus der Bekanntschaft einen starken Kaffee so genannt, ewig hatte man nicht daran gedacht, plötzlich war der Ausdruck wieder da. „Dann sollst du mal sehen.“

Elmi hob den Kopf ein wenig. „Einen doppelten ...“, sie lachte, gleich darauf schluchzte sie wieder. Susanne nahm ihren Kopf an ihre Brust.

„Na na. Nun weine mal tüchtig, damit du dann wieder lachen kannst. War was Besonderes?“

Elmi schüttelte den Kopf, rückte näher an sie heran. „Nichts. Er will nichts mehr von uns wissen ...“, wieder Tränen. Susanne streichelte und streichelte. „Eines Tages will er. Er braucht dich, Elmi. Aber es dauert, bis ihm das klar wird. Männer sind so.“ „Meinst du?“

„Klar. Nun trink. Komm, hier ist Milch. Keine? Wegen der Linie? Bravo, auch wenn man unglücklich ist, soll man sich nicht gehen lassen.“

Sie kämpften beide mit den „Hüften“, wie Susanne es grimmig nannte. Immerzu und immerfort: Darf ich nicht, macht dick. Elmi wischte sich das Gesicht ab und nahm einen Schluck Kaffee. Susanne nickte ihr beifällig zu.

„Siehst du, das bringt dich wieder in Ordnung. Und die Kinder? Wo stecken sie wieder mal?“ Sie fragte das, um abzulenken. Elmis Gesicht verschattete sich wieder.

„Sie wollten ... es war etwas im Fernsehen, da sind sie zu Helga gelaufen.“

Bei Susanne gab es kein Fernsehen. Sie hatte es sich selbst untersagt, als sie das Haus kaufte. Nein, wenn schon ein eigenes Haus in ihrem Alter — sonst baute oder kaufte man wahrhaftig eher, nicht erst als Großmutter —, auch noch Fernsehen, das wäre zu viel. Da kam ihr spartanischer Vater durch. Gab es etwas Wichtiges, wirklich Interessantes auf dem Flimmerschirm, dann konnte man immer noch zu Nachbars gehen. Nachbars — wie Elmi sagte — freuten sich immer, wenn man kam.

„Und der Garten? Hat Dominik ...“

„Dazu ist er nicht mehr gekommen. Bis drei Uhr nachmittags darf man nicht brummen, sagt er, eben, um Nachbars nicht zu verärgern, und dann lohnte es nicht mehr anzufangen.“

Susanne ärgerte sich. Das einzige, was sie mitunter von Elmis Kindern erbat, war den Rasen zu mähen, den kleinen Rasen vor und hinter dem Haus. Das war nicht viel verlangt fand sie. Die Kinder, Sybille und Dominik, fünfzehn und dreizehn Jahre alt, taten sonst nichts, nicht Abtrocknen und nicht Tischdecken, nicht einmal die eigenen Betten machten sie. „Man darf Kinder nicht überfordern, sie werden sonst frustriert“, hatte Elmi entschuldigend gesagt, als Susanne danach fragte. Na schön, machte man eben die Betten selbst. Aber einmal in zehn Tagen den Rasen schneiden, noch dazu mit dem elektrischen Mäher, also nicht mit Muskelkraft, sondern nur mit etwas Geduld, das war wahrhaftig nicht zuviel verlangt. Sie sah aus dem Fenster, gleich würde es regnen. Dann blieb der Rasen also wieder bis morgen.

Nein, nichts sagen. Nicht nörgeln. Immerhin war Elmi ihr Besuch. Freundlich bleiben, nicht schelten ...

„Dann gehe ich. Bleib du nur hier drin, es ist kalt draußen, und du erkältest dich schnell. Bleib hier, nimm die Zeitung“, sie hielt ihr eine Illustrierte hin und lächelte dabei, aufmunternd, herzlich. „Vielleicht findest du ein schönes Rezept, das schlank macht.“

Als der Rasenmäher brummte, fühlte sie, wie ihre ärgerliche Stimmung verflog. Beinahe freute sie sich jetzt, daß Dominik sich wieder mal mit Erfolg gedrückt hatte. Es tat so gut, auf dem Rasen hin und her zu gehen und den Mäher zu führen, langsam dort, wo das Gras dick und üppig stand, schneller an den Stellen, über die man öfter lief, zum Wäscheaufhängen, zum Blumengießen, zum Wegwerfen der verblühten Blumen, zum Kompost. Rasenmähen ist eben auch etwas Individuelles, dachte sie, still in sich hineinlachend, jetzt gleich werde ich wissen, ob es im Winter Schnee gibt. Hier stand eine Eiche, die Eiche des Gartens. Wenn dieser Baum viele kleine Früchte herunterwarf, bedeutete das einen strengen Winter. Susanne liebte Schnee, und sie lächelte befreit, als der Rasenmäher zu knattern begann. Viele Eicheln, viel Schnee. Wurde man eigentlich nie erwachsen? Sie freute sich schon drauf, Elmi und erst recht Elmis Kinder mit dem Ruf wecken zu können: „Es hat geschneit! Nein, seht doch, alles ist weiß!“

Noch war es nicht so weit. Später Oktober, Herbst, sie fand nicht, wie viele andere, daß der Herbst eine traurige Jahreszeit sei. Sie liebte das lodernde Rot des Waldes, der gleich hinter ihrem Garten den Hang emporstieg, sie liebte die kalten Morgen und die klaren, herrlichen Sonnenstunden am Mittag, auch jetzt blickte sie ihr Haus zärtlich an. Der wilde Wein, vorsichtig und liebevoll hochgezogen, leuchtete purpurn, nächstes Jahr würde er schon das halbe Haus emporgeklommen sein. Im Garten ist es immer nächstes Jahr ...

Ihr Haus. Sie hatte keines bauen wollen — wer baut, ergraut, sagt man. Nicht, daß sie sich vor dem Alter fürchtete, aber sie hatte sich in ihrer Wohnung wohlgefühlt, wenn sie auch die Vorteile eines eigenen Hauses jetzt sehr wohl wahrnahm. Vor allem genoß sie, daß sie jederzeit Besuch haben konnte. O ja, sie liebte ihr Haus, jedes Jahr mehr, jedes Jahr inniger. Wie es da stand im weichen Herbstlicht, die Glastür offen, auf dem hölzernen Geländer der Veranda die Kästen mit Geranien und Petunien in satten Farben — liebes, liebes Haus! Und immer Besuch darin. Wie lange war Elmi nun schon da?

Sie konnte bleiben, so lange sie wollte. Natürlich war sie ein wenig schwierig zu behandeln, dennoch blieb sie für Susanne die geliebte kleine Schwester, der sie früher das Radfahren und Schwimmen beibrachte, die sie tröstete, wenn sie Liebeskummer hatte, und deren Haushalt sie führte, solange sie im Wochenbett lag. Elmi hatte spät geheiratet, als sie, Susanne schon Witwe war, doch den Mann, den sie sich herzlich gewünscht hatte. Insofern sollte sie nun zu ihrem Leben Ja sagen, was für Schwierigkeiten es auch in der Ehe gab. Susanne fragte nicht, aber da Elmi sogar die Kinder in die Schulen hierher umgemeldet hatte, konnte man annehmen, daß sie länger bleiben wollte. Erst hatte es Widerspruch und Empörung bei den Kindern gegeben, vor allem bei Sybille, bis sie sich dadurch aussöhnte, daß sie in eine Jungenschule kam. Sybille war aufsässig und schnippisch ihrer Mutter gegenüber, Susanne sah das wohl, versuchte aber, sich nichts merken zu lassen. Kinder erziehen ist heute schwerer als früher. Und Elmi hatte keine feste Hand ihnen gegenüber und verwöhnte sie viel zu sehr.

Das alles ging Susanne durch den Kopf, während sie mähte. Sie selbst hatte ihre Kinder auch ohne Vater großziehen müssen, damals war aber der Wohlstand noch nicht so beherrschend. Und im Grunde war es schön, wieder Kinder im Haus zu haben, auch wenn sie etwas anmaßend waren in ihrem Benehmen. Dafür war sie, Susanne, nicht allein. Sie lachte. Es war also eine Fügung, daß sie gerade dies Haus bekam, in dem Gäste gut Platz hatten. Liebes, liebes Haus.

Sie war fertig, putzte den Rasenmäher aus und stellte ihn in den Schuppen. Dabei fiel ihr ein, daß sie noch ein paar Lärchenbäumchen setzen wollte, dafür war es gut, wenn es ordentlich regnete. Jetzt, da der Rasen gemäht war, konnte es ruhig regnen. Vergnügt wischte sie sich die Hände ab und lief die Treppe hinauf.

Elmi hatte ‚fertig geweint‘, als sie hereinkam. Bei Elmi kamen und gingen die Tränen schnell, wie bei Kindern. Jetzt strahlte sie die Schwester an.

„Hier sind schon Rezepte für Weihnachtsbäckereien drin, jedenfalls für solche, die man aufheben muß“, sagte sie eifrig. „Dies Jahr machen wir alles zusammen. Weißt du noch, Mutters Zimtsterne? Und die Bärentatzen und ...“

„Ich weiß alles noch“, sagte Susanne und setzte sich. Gleich darauf wurde stürmisch geläutet: die Kinder kamen zurück.

„Putzt euch die Schuhe ab“, Susanne hatte ihnen geöffnet. Sybille sah aus wie der Struwwelpeter persönlich, fand sie, das halblange Haar feucht und strähnig in die Stirne fallend. Gepflegt war es nicht, das sah man. Auch Dominik trug sein Haar lang, was Susanne nicht ausstehen konnte. Sie schluckte wieder einmal herunter, was sie sagen wollte, fremde Kinder ermahnt man nicht, und ging zu Elmi zurück.

Natürlich dachten die beiden nicht daran, sich die Schuhe abzuputzen. Wenn der Rasen frisch gemäht war, trug man das kurzgeschnittene Gras in Mengen herein, wenn man nicht achtgab. Wie aber sollte man achtgeben, wenn man vom Fernsehen kam!

„Blöd war es“, berichtete Dominik, abgrundtief verächtlich, „alles Liebesquatsch. Aber Bille sieht so was ja gern.“

„Und du? Du willst immer Krimis, möglichst blutige“, konterte Sybille. „Gottlob kommen die erst abends, wenn Kinder im Bett sein müssen“, sie wußte, daß ihn das traf. Er fauchte auch entsprechend los.

Geschwisterkämpfe sind Wachstumskämpfe, Susanne wußte und sagte sich das. „Die Diamantenschleiferei ist wieder mal im Gange“, so hatte Mutter manchmal gesagt, wenn ihre, Susannes Kinder sich in den Haaren hatten. Alle Geschwister zanken sich, Sybille und Dominik vielleicht ein wenig mehr als andere.

„Jetzt gebt Ruhe, kommt, wir wollen Abendbrot essen“, sagte sie möglichst freundlich und nahm das Brot aus dem Kasten, „hier habe ich auch frische Bauernwurst dazu. Oder wollt ihr lieber Käse?“

„Ich habe keinen Hunger“, sagte Sybille schnippisch, und auch Dominik wollte nichts. „Ich habe bei Helga gegessen.“

Susanne liebte das nicht. Die Kinder futterten sich bei Nachbars durch, aßen nichts zu den Mahlzeiten und gingen abends an den Kühlschrank, und sie nahmen sich heraus, was ihnen paßte. Zwingen aber mochte sie sie nicht.

„Komm, wir laufen noch ein Stück“, sagte sie also zu Elmi, „Es regnet noch nicht. Laufen tut immer gut.“

Sie zogen die Regenjacken über. Als Susanne ihr Kopftuch umband, hörte sie ein gellendes Geräusch aus Sybilles Kassettenrekorder, ein Geräusch, das die Jugend heute Musik nennt. Es setzte in voller Lautstärke ein.

„Nichts wie fort“, sie zog die Haustür lachend hinter sich zu. „Klingt doch schrecklich, was finden sie nur dran?“

„Es ist eben modern. Heutig.“ Elmis Stimme klang beleidigt. Susanne merkte, daß sie ihre Worte als Kritik aufgefaßt hatte. So empfindlich brauchte sie ja auch nicht zu sein! Aber bei allem, was die Kinder betraf, fühlte sich Elmi angegriffen.

„Komm, hier ist es nicht so naß, geh hinter mir her“, und dann, absichtlich, um Elmi die Friedenshand zu bieten: „Ich weiß noch genau, was für ein Gesicht unser Vater machte, wenn wir die Comedian Harmonists hören wollten. Als ob er reinen Essig schlucken sollte. Dabei waren die hochmusikalisch, der Klavierspieler hervorragend.“

„Ja. Aber Vater sah nur, wie geschminkt sie waren, auf Bildern, denn zu einem Konzertabend ging er nie mit. Und daß sie unerträglich sentimental sängen, sagte er, wenn er sie einmal im Radio hörte.“ Susanne lachte vor sich hin. „Ich weiß es noch.“

„Und jetzt bist du genau so“, murrte Elmi halblaut, „Dabei ist Reinhard Mey ...“

„Ich habe nichts gegen ihn“, sagte Susanne, nun doch ärgerlich werdend, „nur wenn ich ihn zwanzigmal hintereinander höre ...“

Elmi wollte etwas sagen und schwieg dann. Susanne schwieg auch, schritt schneller aus. Natürlich jammerte Elmi nun:

„Renn doch nicht so!“

Es war schon schwierig. Ein unglücklicher Mensch ist selten liebenswürdig, Susanne versuchte, der Schwester gerecht zu werden. Aber eine gewisse Bitterkeit blieb in ihr. Warum wurden glückliche Ehen — die ihre war sehr glücklich aber kurz gewesen — meist zeitig durch den Tod getrennt, und die Frauen, die ihre Männer behielten, kamen nicht mit ihnen zurecht? Elmis Mann war schwierig, keine Frage, aber Elmi konnte zu ihm zurückkehren, wenn sie wollte und es neu mit ihm versuchen. Daß sie das nicht tat, sondern bei ihr, Susanne, blieb, war ihr einerseits recht, sie lebte nicht gern allein, andererseits verstand sie die Schwester nicht. Über das zu jammern, was man sich selbst gewünscht hatte, war doch recht jämmerlich. Elmi war damals über die Maßen verliebt gewesen in Ludolf und hatte ihn um alles in der Welt zum Manne gewollt. Freilich war sie labil, kein Mensch, der sich selbst an die Kandare nimmt und Fehler bei sich sucht. Es liegt wohl nicht nur an einem der beiden Partner, wenn das Miteinander nicht klappt. Einmal aber wird jeder Mensch erwachsen und einsichtig oder sollte es doch werden, fand Susanne.

„Vielleicht ruft er heute abend an“, tröstete sie schließlich. Sie konnte nicht anders, mußte der jüngeren Schwester gut zureden. Und wirklich, es half. „Meinst du?“ fragte Elmi, sofort versöhnt. „Aber womöglich versucht er es jetzt, und wir sind nicht da.“

„Dann sagt Sybille, er möchte in einer halben Stunde noch einmal anrufen“, Susanne hatte keine Lust, sofort umzukehren. Die kühle Luft tat ihr wohl, es roch kräftig nach Herbst. Ihr Haus war das vorletzte in der Straße, dahinter begann der Wald. Links kamen dann zwei Teiche, über denen jetzt milchiger Nebel lag.

„Wollen wir nicht lieber ...“

„Horch!“ Susanne war stehen geblieben. Elmi kam zu ihr heran und lauschte ebenfalls.

Es war ein junger Hund, ein kleiner, elender Kerl, der am Ufer des Weihers umherkrabbelte und vor sich hin quiemte. Sie waren in der Dunkelheit seinem Gewimmer nachgegangen, hatten Gesträuch auseinandergebogen, im Moos getastet, bis ihn Elmi endlich fand.

„Uh, ist der naß!“

Susanne war sogleich bei ihr und nahm das kleine Tier hoch, drückte es an sich. Vorsichtig, stolpernd, an Ranken hängen bleibend, mühten sie sich auf die Straße zurückzukommen, atmeten auf, als sie wieder richtig ausschreiten konnten, und strebten dem Hause zu. Susanne hielt das nasse Tier mit beiden Händen an sich gedrückt, während sie halblaut und besänftigend mit ihm sprach.

„Ja, du Armes, du frierst, nein, nicht zappeln, du fällst mir ja vom Arm! Komm, komm, alles ist gut.“

„Na, da haben wir uns ja was eingehandelt“, sagte sie, als sie in der Küche standen und ihren Findling bei Licht besahen, „so was! Wahrscheinlich hat jemand das arme Kerlchen im Teich ertränken wollen, weil es den üblichen Zuchtidealen nicht entspricht. Was bist du eigentlich, du kleines Scheusal, ein Dackel? Oder ...“

„Hast du schon jemals einen weißen Dackel gesehen?“ fragte Elmi, leicht angeekelt, und betrachtete das kleine Geschöpf etwas aus der Entfernung. „Weiße Dackel gibt es doch gar nicht.“

Der kleine Hund mußte noch sehr jung sein. Er war rund wie eine Walze, ganz weiß, hatte aber keine roten Augen, wie sie Albinos haben, sondern dunkle, jedoch eine rosa Schnauze, die wirklich nicht hübsch aussah, eher wie ein kleiner Schweinerüssel. Nein, schön war das Tierchen nicht.

„Dafür kannst du aber nichts, nicht wahr“, schmeichelte Susanne und rubbelte das Tierchen mit einem Frottiertuch sanft trocken, „keiner kann für sein Äußeres verantwortlich gemacht werden. Armes, armes Kleines du, haben sie dich ins Wasser geworfen.“

Das Telefon läutete. Elmi, im Augenblick elektrisiert, lief ins Zimmer hinein. Susanne sah ihr ein wenig mitleidig nach. Nun ist es bestimmt nicht Ludolf, niemals ruft der an, auf den man wartet. Wahrscheinlich falsch verbunden oder jemand erzählt etwas ganz Nebensächliches.

Es war doch Ludolf. Elmis Stimme klang ganz hoch vor Entzücken, als sie antwortete. Susanne schloß sachte die Tür. Sie wollte nicht mithören. Sie saß, den kleinen Hund auf dem Schoß, und sah der Schwester entgegen, als diese zurückkam, wirklich ganz jung aussehend, strahlend und froh.

„Er war furchtbar lieb, hätte solche Sehnsucht, das hat er wirklich gesagt. Und wo ich denn bliebe! Ob er mich von der Polizei holen lassen solle“, ihre Stimme überschlug sich fast. Susanne sah sie lächelnd an.

Sie gönnte der jungen Schwester das Glück von Herzen. Obwohl, bei Ludolf wußte man nie, wie lange eine solche Zuwendung und Freundlichkeit anhielt. Ludolf war kein Mann der Stetigkeit, weder im Beruf noch im menschlichen Beisammensein. Er hatte Zeiten, da er in der Familie buchstäblich aufging, Verabredungen absagte, um zu Hause zu bleiben, kurzum, der zärtlichste, freundlichste, liebenswerteste Vater und Ehemann war. Und dann wieder, dann war er wochenlang fort, ohne sich zu melden, einmal ein halbes Jahr. Susanne dachte daran, wollte aber die Schwester nicht unnötig verunsichern, denn diese war von einer geradezu rührenden Freude erfüllt.

„Ich fahre! Das meinst du doch auch! Morgen früh, hast du ein Kursbuch, damit wir nachsehen können? Nein? Aber man kann die Auskunft anrufen? Ich muß noch zum Friseur, da kann ich erst mittags fahren. Meinst du, daß dein Friseur mich morgen früh gleich drannimmt? Und packen muß ich auch noch. Meine gute Bluse. Hätte ich sie doch gestern nicht angezogen! Nun muß ich sie nochmal waschen! Ob sie noch trocken wird? Und ...“

„Was ist denn bei euch los?“

Sybille. Sie stand in der Tür, rosig und verwuschelt in einem mattblauen, sehr hübschen Nachthemd, blinzelte ins Licht und sah entzückend aus. Susanne sah sie an. In diesem Alter sind sie doch wirklich zum Verlieben, die jungen Menschen, dachte sie. Wunderbare Haut, süße Figur, reizend angezogen. Natürlich erinnerte sie sich unwillkürlich daran, wie das Leben aussah, als sie selbst in diesem Alter war. Als es zu nichts reichte, als sie alle arm waren, unvorstellbar arm, wie es die heutige Generation sich gar nicht vorstellen konnte. Sie und ihre Mutter hatten gemeinsam ein Paar Schuhe besessen, und die gingen, trotz aller Schonung, eines Tages doch entzwei. Sie hatten versucht, sie zu flicken, wollten sie mit einem Stück Autoreifen besohlen, aber dazu fehlten die Nägel, und einen Hammer hatten sie auch nicht. Man mußte borgen gehen, um eine Schere zu finden, mit der man die Sohlen zuschnitt, nur so als Beispiel.

„Was habt ihr denn da? Einen Hund? Zeig doch mal! Nein, ist der süß! Dominik, komm doch mal ganz schnell, was Susanne hat!“ Sybille hielt das kleine Tier schon auf dem Arm und streichelte es.

„Wo habt ihr den denn her?“ fragte Dominik näherkommend. Er kippte jetzt manchmal mit der Stimme um, erstes Anzeichen der Pubertät. Susanne berichtete.

„Den behalten wir! Der gehört doch bestimmt niemandem!“ Beide Kinder waren ganz außer sich vor Freude. „Nicht wahr, Susanne, den geben wir nicht mehr her!“

„Ich habe mir immer einen Hund gewünscht, seit ich das Haus habe. Vorher durfte ich keinen halten. Ja, ich finde ihn auch süß, obwohl er eigentlich nicht hübsch ist.“

„Vater hat angerufen. Er ist wieder da, und wir sollen ...“ Elmi hatte kein Auge für das kleine Tier, so überwältigt hatte sie Ludolfs Anruf. Susanne lachte, das war ja verständlich.

„Vater? Will er ...“

„Wir fahren morgen zu ihm.“

„Nein!“ rief es aus zwei Mündern wie aus einem. „Wir fahren nicht weg! Wir wollen ... er ist so süß! Susanne“, keines der Kinder sagte Tante, das war heute nicht in, „Susanne, sag du mal, wir können doch nicht einfach so aus der Schule heraus.“

„Und wir haben übermorgen ein Fußballspiel gegen die Realschule.“

„Und überhaupt, wir schreiben morgen eine Arbeit.“

Susanne lachte und lachte. Auf einmal war die Schule so wichtig, auf einmal gab es tausend Gründe, hier zu bleiben. Sie sah zu Elmi hinüber.

„Und ich habe mich zu einem Judo-Kurs angemeldet.“ Es kam dann so, wie sie es sich gedacht hatte. Elmi würde fahren und die Kinder vorläufig hierlassen.

Der Hund war ihnen wichtiger als das Heimkommen zum Vater. Nun, dafür waren sie jung.

Im Grunde war ihr das die liebste Lösung. Sie lachte vor sich hin, als sie die Kinder endlich ins Bett gescheucht und das Hundchen in einem mit einer Wolldecke ausgelegtem Korb im Flur vor ihrer offen stehenden Tür untergebracht hatte. Sie ahnte, daß er dort nicht bleiben würde. Aber sie mußte ja nicht immerzu nachsehen. Und sie freute sich, daß die Kinder bleiben wollten.

Seit sie in diesem Haus wohnte, war sie noch nie allein gewesen. Erst hatte eine Tochter bei ihr gelebt, die an den Nachwehen einer Hepatitis litt, sie hatte sie im Bett gehalten und ihr Diät gekocht und sich daran gefreut, endlich wieder einmal länger mit ihr zusammen zu sein. Und dann kam das junge Ehepaar aus dem andern Teil Deutschlands, das sie vorläufig behielt, dann ein Freund ihres Sohnes, der seine Doktorarbeit beenden wollte.

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Umfang:
80 S. 1 Illustration
ISBN:
9788711509395
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