Buch lesen: "Die Mücke und der Bücherwurm"

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Lise Gast

Die Mücke und der Bücherwurm

Ein Mädchenroman

Saga

Die Mücke und der Bücherwurm

© 1955 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509098

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

„Warum lachst du eigentlich dauernd?“ fragte Mücke mißtrauisch. Die ganze Zeit über hatte sie schon beobachtet, wie Isa mit bebenden Schultern lautlos lachte. Jetzt wurde es ihr zu bunt. „Was ist denn los? Nun sag schon.“

„Gar nichts ist los.“ Isa senkte ihren Kopf wieder über das Buch. Sie saß auf dem Fensterbrett, die Füße auf einem Stuhl, der bunte Rock fiel in dichten Falten bis auf die hellen, schon ein wenig abgetretenen Schuhe herab. Auf den Knien hielt sie ein Schulbuch. Aber Mücke wußte genau, daß sie nur so tat, als lernte sie. Diese Isa! Man konnte an ihr verzweifeln.

„Hast du die dritte Aufgabe raus?“ fragte Mücke und nahm sich vor, das Lachen vollkommen zu übersehen. So kindisch und albern Isa manchmal auch sein konnte, in Mathematik war sie einfach großartig. Übrigens ohne viel zu arbeiten. Das hieß, sie arbeitete, aber nicht so wie die anderen in der Klasse. Isa spielte mit der Mathematik wie andere mit drei oder vier bunten Bällen. Sie erfaßte die Zahlen, wirbelte sie durcheinander und griff immer die richtige wieder auf. Es war erstaunlich und erweckte Bewunderung und Neid, wenn man es mit ansah. An Stelle einer Antwort angelte sie jetzt nach ihrer Mappe, fischte aus dem sagenhaften Durcheinander ein Heft heraus und warf es vor Mücke auf den Tisch. Es entfaltete sich dabei, und einige Blätter flatterten heraus, die darin gelegen hatten, aber zweifellos nicht hinein gehörten. Ein Brief, ein Schülerrückfahrschein – „ach, da bist du ja, du kleiner Ausreißer!“ sagte sie gleichmütig anerkennend und hob ihn auf, „dich hab ich lange vermißt!“ Auch ein Kinoprogramm mit über- und durcheinander fotografierten Leinwandhelden war herausgefallen. Mücke schob das Heft von sich weg.

„Ich will gar nicht“, murrte sie düster. Isa sprang von ihrem erhöhten Sitz herab.

„Wie solltest du auch. Es wäre das erste Mal, daß du wolltest. Aber so kommst du nicht weiter“, sagte sie erstaunlich vernünftig und fern jeder Alberei. „Komm, los. Integralrechnung ist keine schwarze Kunst. Fangen wir an!“

Und nun erlebte Mücke wieder einmal das Feuerwerk, das Isa einem vor den Augen abbrennen lassen konnte, und das den Zuschauer immer wieder fesselte. Nach einer Stunde hatten sie es geschafft.

„Schön ist es aber doch“, sagte sie aufatmend und verstaute ihr Heft sorglich neben dem Mathematikbuch im Ranzen. Mücke besaß noch einen Schulranzen, zwar zur Mappe umgearbeitet, aber deutlich noch als solcher erkennbar. Er war abgestoßen und durch das jahrelange Öffnen und Schließen an der Klappe weich wie Sämischleder. Eigentlich war er zu klein für eine Oberprimanerin und gar nicht standesgemäß. Auch jetzt sträubte er sich und wollte einfach nicht zugehen.

„Was hast du denn da wieder für Schwarten drin“, sagte Isa und schob ihr eigenes Heft mit dem Ellbogen beiseite. Es wäre heruntergefallen, wenn Mücke es nicht im letzten Augenblick aufgefangen hätte.

„Gib her. Sonst ist es morgen wieder sonstwo, und wir können uns totsuchen. Kannst du eigentlich keine Ordnung halten!“ Sie nahm das Heft und verstaute es selbst in Isas Mappe. Mitunter war es unerträglich, mit solch einem liederlichen Menschenkind zusammen zu hausen. Sie sagte dies auch unmißverständlich. Aber Isa machte sich nichts draus.

„Mit jemand anderem hieltest du es ja gar nicht aus. Du mußt stets jemanden haben, den du bessern kannst, oder doch wenigstens zu verbessern suchst. Du bist die geborene Fürsorgeerzieherin.“ Sie brach ab. Mückes Augenbrauen hatten gezuckt. Das war das sicherste Anzeichen dafür, daß man zu weit gegangen war. Isa wollte es aber nicht darauf ankommen lassen.

„Fürsorgeerzieherin! – so’n Quatsch. Es ärgert mich einfach, wenn du deine kostbare Zeit völlig sinnlos vertust. Mit Kino und solchem Klimbim.“ Mücke redete sich immer mehr in Wut. „Da, lohnt sich so was? Wieder solch ein Film mit Liebe, Mondschein und dem beliebten Heidegrab –“, sie wies auf das liegengebliebene Programmheft. Isa nahm es gleichmütig an sich.

„Freilich nicht, wenn du es dem Inhalt nach beurteilst. Aber das Spiel, die Darstellung der Einzelnen – – übrigens möchte ich dir den Hieb zurückgeben. Lohnt sich vielleicht das ewige Schmökern? Deine Leserei von früh bis spät? Darum, meine Teure, lachte ich auch vorhin. Du beliebtest, danach zu fragen, und ich teile es dir hierdurch mit. Du saßest über der Mathematik und schautest immerfort sehnsüchtig nach diesem Schmöker.“ Sie hatte ein Buch aufgenommen, das neben Mückes Bett auf dem Nachttisch lag. Dieser Nachttisch bestand zwar nur aus einer Kiste, über die ein Tuch gebreitet war, aber er erfüllte seinen Zweck. Mücke schoß auf Isa los.

„Gib her!“

„Ich will es ja gar nicht haben“, lachte Isa. „Ich bin überhaupt viel duldsamer als du. Ich gönne dir deine Leidenschaft. Du liest, während ich mich eben für anderes interessiere. Gut. Jedem sein Steckenpferd.“

„Sicher.“ Mücke wollte noch etwas sagen, schwieg dann aber. Es hatte keinen Zweck. Daß der Ausdruck „Steckenpferd“ wahrhaftig für manches nicht passe, und daß – ach nein, lieber den Mund halten. Sie seufzte.

Im Grunde vertrugen sich die beiden aber sehr gut.

*

Isa – eigentlich hieß sie Isawett und noch eigentlicher und ganz richtig und bürgerlich Elisabeth Arenz – war ihre Klassengenossin seit Untertertia. Voriges Jahr nun zog Isas Mutter aus der Stadt fort; damals hatte Tante Gundula vorgeschlagen, Isa könnte ihre allerletzte Schulzeit doch bei Mücke wohnen. Bisher hatte Mücke mit in ihrer winzigen Wohnung gehaust, dann aber hatte Tante Gundula den Einfall gehabt, die beiden Mädel könnten das alleinstehende Zimmer neben dem Gewächshaus herrichten und beziehen. Mücke und Isa waren begeistert auf diesen Vorschlag eingegangen und hatten sich ihr eigenes Reich geschaffen.

Diese Tante Gundula, Mückes Patentante, hatte vor einigen Jahren ihren damals schon leidenden Mann geheiratet. Der frühere Gartenarchitekt betrieb diese kleine Gärtnerei am Stadtrand. Eine Zeitlang war es ihr vergönnt gewesen, mit ihm zusammen hier zu leben, zwischen Blumen und Kräutern, vor allem aber inmitten des sanften Bunt seiner so sehr geliebten und gehegten Blütenstauden. Es war, als sei diese Zeit, von der sie beide wußten, daß sie bemessen war, unendlich hell und leuchtend gewesen. Dann hatte Tante Gundula ihren Mann verloren und war in ihren Beruf zurückgekehrt. Für die Gärtnerei hatte sie sich einen alten Mann und zwei Lehrmädchen genommen, und nun schrieb sie, neben ihrer Tätigkeit als Fürsorgerin, ab und zu für Zeitungen. Die eigenartige Mischung von leidgewohnter Erfahrung und stiller Freude an Blumen und Farben gab ihren Plaudereien eine besondere, tröstliche Note, so daß größere Zeitungen ihre Essays nicht nur gern nahmen, sondern sie sogar anforderten. Auf diese Weise konnte Tante Gundula manches für ihre Gärtnerei tun, wozu sie sonst nicht das Geld gehabt hätte. Die beiden Lehrmädchen wählte sie aus milieugefährdeten oder ärmsten Verhältnissen und half ihnen später zu ordentlichen Stellen, wenn sie sich bewährt hatten. Mücke bewunderte ihre Patentante, und alles, was diese tat, war in ihren Augen vorbildlich.

Das kleine Zimmer hinten im Garten war winzig klein, aber die Mädels waren hier ganz unter sich, und es hatte zudem den Vorteil, daß es auch im Winter warm war. Die Heizung für das Gewächshaus stand direkt nebenan. Ach, und es hatte so viel Spaß gemacht, die Wände selbst zu tünchen, alte Möbel neu zu streichen und Vorhänge zu nähen. Mücke meinte, seit sie von Zuhause fort war, sei sie nicht mehr so glücklich gewesen wie jetzt.

Tante Gundula ließ die beiden völlig in Ruhe. Wenn man sie wirklich einmal brauchte, war sie trotzdem immer da. Mücke staunte darüber. Sie hatte auch einmal mit Isa darüber gesprochen. Tante Gundula mochte noch so viel zu tun haben, wenn man sie etwas Dringendes fragen wollte, hatte sie immer Zeit zum Zuhören.

„Keine Kunst“, hatte Isa geantwortet, in der erstaunlich klaren und überlegten Art, die sie dem Leben gegenüber zeigte, „sie verlangt überhaupt nichts für sich. Leute, die für sich selbst nichts wollen, haben unerschöpflich viel Zeit für andere. Mit dem Geld ist es übrigens meist auch so.“

Dieser Ausspruch hatte Mücke lange beschäftigt; denn er schien sich mit ihrer Erfahrung zu decken. Mücke verlangte nämlich etwas für sich selbst. Nicht die üblichen Ansprüche, die den heutigen jungen Mädel so gerne nachgesagt werden: schicke Pullover, hauchdünne Strümpfe, Handtaschen in allen möglichen Farben oder jeden zweiten Abend ein Café- oder Kinobesuch. Sie verlangte noch mehr, sie war anspruchsvoller. Sie verlangte vom Leben Zeit, Zeit für sich, was soviel hieß wie: Zeit für ihre Bücher.

Ein Tag ohne Lesen war für sie unvorstellbar, war ein verlorener Tag. Seit sie bewußt lebte, war solch ein Tag auch noch nie vorgekommen.

Man lebte, um zu lesen, man stand früher auf, um das Zimmer zu richten, die Schularbeiten zu erledigen und sich um das bißchen Essen zu kümmern, um dadurch Zeit zum Lesen zu gewinnen. Man las in jeder freien Minute. Man fuhr auch nie ohne ein Buch ins Freibad oder in den Wald; denn das Lesen war für den Geist so wichtig, wie das Essen für den Körper.

Mitunter hatte Mücke ihrer Freundin gegenüber ein etwas schlechtes Gewissen. Daran war Isa mit schuld. Isa stichelte manchmal und meinte, jeder habe nun einmal seinen Vogel, doch gäbe es ausgewachsenere, und auch Mücke werde, wenn sie einmal erst so alt wie sie sei, einsehen, daß Bücher zwar zum Leben gehörten, aber nicht das Leben selbst wären.

Mücke hörte dann nur halb hin. Was wußte Isa schon von Büchern? Isa, die für die Schule gerade das las, was nötig war, und sonst nur, was ihr gerade zufällig in die Finger kam. Für Isa war die Deutschstunde eine Stunde, auf die man sich eben vorbereiten mußte wie auf andere auch. Für Mücke jedoch war der Literaturunterricht das Tor zu einer anderen, zur eigentlichen Welt des Erlebens.

*

Nein, nicht Isa war schuld daran, daß sie mitunter zweifelte, ob ihre Ansicht recht sei. Die Schuld trug Gerd. Gerd war ein Bücherwurm, aber gleichzeitig ein Mensch, der wußte, was er wollte. Er hatte natürlich mit ihr auch über die Zukunft gesprochen.

„Du bist jetzt in Oberprima“, hatte er gesagt, „und du weißt auch einiges. Schön und in Ordnung. Durchs Abitur wirst du nicht gerade fallen. Mit der Mathematik hapert es ein bißchen, die Sprachkenntnisse sind leidlich, aber Deutsch gleicht alles aus. Nun sag mal: was wird aus dem Ganzen, wenn du das Abitur hinter dir hast? Allmählich mußt du dir doch darüber klar werden.“

„Ich will studieren, Germanistik, wie du“, hatte Mücke geantwortet. Und dann hatte sie etwas hinzugefügt, was sie gleich danach bereute. Es war ja auch kindisch, dies so auszudrücken. Sie hatte gesagt: „Ich will dorthin, wohin ich gehöre. Zu den Büchern.“ Hier hakte Gerd ein.

„‚Zu den Büchern‘, das ist doch kein Ziel“, sagte er spöttischer als sie ihn je hatte sprechen hören. „Was willst du werden? Vielleicht Lehrerin?“

„Lehrerin – nein“, antwortete Mücke schnell und mit einem derart gequälten Gesichtsausdruck, daß er schwieg. Er ahnte wohl, warum diese Antwort so rasch kam und warum sie so lautete, obwohl Mücke nie mit ihm darüber gesprochen hatte.

Mückes Mutter war Lehrerin geworden, Volksschullehrerin, nachdem sie Mann, Sohn und Heimat verloren und sich und die Tochter durchbringen mußte. Sie hatte diesen Beruf ergriffen, ohne besondere Lust, aber mit der ihr eigenen Energie, vor allem aber wohl, um zu vergessen, was hinter ihr lag. Mücke erinnerte sich noch an sie, wie sie damals aussah: zart und blaß, mit unnatürlich großen, flackernden Augen. Sie hätte wohl so oder so nicht mehr lange gelebt, hatte ihr damals der behandelnde Arzt gesagt. Sie starb im Grunde nicht an der Sepsis, die sie sich im Beruf zugezogen, – durch einen dummen und zufälligen Sturz auf dem Schulhof –, sondern weil sie ihren Körper völlig und restlos erschöpft hatte. So blieb ihr keine Widerstandskraft mehr. Und dann war sie gestorben, ganz rasch, verloschen wie ein flackerndes Lichtchen, das vom ersten stärkeren Lufthauch ausgeblasen wird. Jeder andere Anlaß hätte dasselbe bewirkt. Mücke hatte seitdem eine, wie sie selber fand, lächerliche, aber starke Abneigung gegen diesen Beruf.

Gerd wußte das. Er wußte meistens mehr, als er sich anmerken ließ.

„Was also dann, bitte? ‚Zu den Büchern‘, das kann vielleicht eine Dreizehnjährige sagen. Allmählich aber möchtest du ja zu den Erwachsenen gezählt werden.“

„Natürlich“, gab Mücke bedrückt zu.

„Und die Leserei, so wie du sie betreibst, ist auf die Dauer auch nicht das Wahre.“ Gerd ließ einfach nicht locker. „Du schmökerst wirklich nur. Isa hat mit ihrer Schandzunge recht. Freilich liest du keine Wildwestgeschichten, keine Kriminalromane oder geisttötenden Bilderstreifen. Aber auch gute Lektüre kann man sinnlos in sich hineinschlingen, ohne sie zu verdauen. Bücher gehören zum Leben, sie sind aber nicht das Leben.“

Er selbst wußte genau, was er werden wollte: Lehrer. Das stand schon lange fest. Später vielleicht einmal Dozent. Nicht um Ruhm oder Berühmtheit zu erlangen, sondern um zu geben, zu formen und zu gestalten. Er war genau so besessen von den Büchern wie Mücke, daher auch sein Spitzname „der Bücherwurm“, aber er las, er schmökerte nicht. „Das ist ein Unterschied wie zwischen sinnvoller Ernährung und maßloser Verfressenheit“, hatte er einmal gesagt. Und das hatte Mücke damals nachdenklich gestimmt, aber auch ein bißchen geärgert.

„Danke schön“, hatte sie ihm geantwortet, „vielen Dank. Du bist außerordentlich höflich. In deinen Augen bin ich also ein unersättliches, wahllos Buchstaben futterndes Geschöpf.“

Er hatte widersprochen, das Ganze richtig stellen wollen, aber sie war ihm davongelaufen. Diese Unterredung lag bald vierzehn Tage zurück. Seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Mückes Zorn war bereits wieder verraucht, zumal sie sich sagen mußte, daß Gerd in der Form zwar Unrecht, in der Sache aber Recht hatte. Trotzdem konnte sie sich noch nicht entschließen, von sich aus die Verbindung wieder herzustellen. Einmal, ein einziges Mal hätte ja auch er einlenken können.

Er hätte, aber er tat es nicht. Sie sagte sich das bedrückt und seufzend. Gerd war ein paar Jahre älter als sie, hatte schon vier Semester Studium hinter sich und war erheblich reifer. Sie kannten sich von der Schule her. Und sie, Mücke, wußte, was sie ihm alles verdankte. Seit ihrer Mutter Tod war eigentlich er es gewesen, der ihr Leben leitete, in einer so unauffälligen und behutsamen Art, wie er später wahrscheinlich auch seine Schüler nicht nur unterrichten, sondern erziehen und formen würde. Er würde ein Lehrer werden, wie es wenige gab. Das wußte sie. Aber diesmal – sie hielt daran fest wie ein bockiges kleines Mädel – diesmal hatte sie Recht und nicht er, und da sollte er einlenken, ein einziges Mal nur.

*

Das alles war ihr durch den Kopf gegangen, schnell, klar, bewußt, als sie Isa das Buch weggerissen und dann stumm vor sich hingebrütet hatte. Isa sah sie ein wenig mitleidig an.

„Was hast du?“

„Ach, nichts.“ Mücke stellte das Buch mißmutig ins Bord. Ihre Hand glitt an den bunten Rücken der Bücher entlang. Es machte so gar keinen Spaß, zu lesen und sich dann nicht über das Gelesene aussprechen zu können.

Tante Gundula damit zu behelligen, davor scheute sich Mücke. Und mit Isa kam man zu leicht ins Blödeln. Sprechen konnte man über Bücher eigentlich nur mit Gerd, der aber grollte....

„Übrigens soll ich dich grüßen“, sagte in diesem Augenblick Isa. „Gerd Hagedorn hat es mir aufgetragen. Ob du nochmal vorbeikämst. Er ...“

„Was heißt hier: ‚nochmal‘?“ fragte Mücke aufhorchend. Das klang ja, als habe er irgendwie Schluß gemacht, ob mit ihr, ob mit seinem Aufenthalt hier oder ...

„‚Nochmal‘ heißt ‚nochmal‘“, sagte Isa gleichgültig und fuhr mit der Hand in das blaue Söckchen, das sie soeben aus dem Strumpfkorb herausgeangelt hatte. „Natürlich kaputt. Wie könnte es auch anders sein.“

„Was ist kaputt?“ fragte Mücke beunruhigt. Hatte Isa gemerkt, daß sie sich schon zwei Wochen nicht gesehen hatten, Gerd und sie? Und machte sie sich etwa darüber Gedanken?

„Das Söckchen. Außerdem ist nur eins von dem Paar da, was mich ehrlich betrübt, da ich ja bekanntlich mit zwei Füßen im Leben stehe. Könntest du mir nicht in deiner angeborenen Güte und Menschenfreundlichkeit ...“

„Nimm meine weißen. Dort, rechts oben. – – Hat er noch was gesagt? Und wann hat er das gesagt?“ fragte Mücke weiter. Isa hatte den Schuh vom Fuß gestreift und zog das schneeig weiße, blendend neue Söckchen genießerisch über den Fuß. Sie bewegte die Zehen darin, als winke sie jemanden zu. Dann sah sie auf und lachte.

„Keine Angst. Heute erst. Vorhin. Vor zwei Stunden“, sagte sie und fügte spitzbübisch hinzu: „Ich wollte nur deine Mathematik nicht gefährden.“

„Blödsinn. Als ob ich sofort, wenn er mit dem kleinen Finger winkte, nur so spränge“, sagte Mücke böse. Nein, das brauchte Isa wahrhaftig nicht zu denken. Aber wieder einmal zeigte sich, daß die Freundin, so oft verlacht und nicht ernst genommen, sehr vernünftig und gescheit sein konnte.

„Natürlich nicht“, sagte sie friedlich. „Aber er muß mit dir reden, hat einen Kummer, glaube ich. Ich hab ihm gesagt, du kämest um sechs Uhr. Bis dahin bist du mit den Schularbeiten fertig, schätze ich, und kannst dich noch umziehen. Sieh mal auf die Uhr.“

„Du weißt ja gar nicht, ob ich will“, murrte Mücke.

Isas Schätzung stimmte verblüffend genau. Mücke hatte noch eine Viertelstunde Zeit zum Umziehen und zehn Minuten für die Fahrt. So verzichtete sie darauf, vor Isa noch weiter Theater zu spielen und zog sich sofort um. Ihre Gedanken waren bei Gerd. ‚Kummer? Mit dir reden müssen? Nochmal vorbeikommen?‘

‚Vielleicht ist es nur seine Art, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun‘, versuchte sie sich zu trösten, während sie zerstreut und ungeduldig nach Söckchen für sich selbst suchte. Immer war das so: Isa fand ihr Zeug nicht, und sie, Mücke, half aus. Man tat das, selbstverständlich, ebenso, wie Isa einem bei der Mathematik half. Aber es war doch mitunter recht beschwerlich, mit einem derartigen Stallgenossen zusammen zu hausen.

Sie dachte an Tante Gundulas Sprüche: „Jeder Mensch hat Fehler. Der Kluge verzeiht im voraus jedem, mit dem er zusammenlebt, zunächst und zuvörderst drei Fehler. Bleiben dann noch allzu viele, so soll man sich trennen. Drei Fehler hat man ja auch selbst, wenn nicht noch mehr....“

Na also. Isa war unordentlich, manchmal unbequem gescheit, – das merkte man daran, wie genau sie einen durchschaute, gerade in einem solchen Fall, – und – – und? Mücke mußte lachen. Ein weiterer Fehler fiel ihr im Augenblick tatsächlich nicht ein. Während sie selbst – – –

Sie war unduldsam gegenüber den Fehlern anderer, das wußte sie. Außerdem war sie ungeduldig. Ja, und was ihr größter Fehler war: sie wußte nicht, was sie werden wollte. Ein schlimmer Fehler, wenn man neunzehn Jahre alt und Primanerin ist. Also zwei mittlere und ein Kardinalfehler. Und da wollte sie sich über Isa erheben!

„Nicht böse sein, du“, sagte sie schnell und fuhr der Freundin mit dem Handrücken die Wange entlang. „Ich bin ein alter Knurrhahn. Hast es ja gut gemeint. Und prima gemacht. Danke.“

„Bitte“, sagte Isa herzlich. Und damit war alles in Ordnung. Mücke, die gleich darauf ihr Rad über den Kies des Gartenwegs schob, fühlte das beruhigt und getröstet, während sie nach der Kirchturmuhr sah. Wenn sie ordentlich in die Pedale trat, kam sie auf die Minute genau an. So, wie Isa es für sie verabredet hatte. Pünktlichkeit galt in ihrem und Gerds Leben soviel wie Barzahlung. Man pumpte nicht und kam nicht zu spät. Solche Grundsätze waren ebenso gut und förderlich im Leben wie beispielsweise kaltes Waschwasser im Winter. Man mußte da manchmal hart gegen sich selbst sein, aber es lohnte sich. – – –

*

Wenn sich Mücke ein wenig davor gegrault hatte, zu Gerd zu kommen, so erwies sich das als unnötig. Gerd dachte nicht daran, zu triumphieren. Er begrüßte sie wie immer, aber sie sah sofort, daß ihre andere Befürchtung leider begründet gewesen war. Es lag ein Schatten über seinem Gesicht. Sie mußte schnell wegsehen.

„Setz dich bitte. Dort ist noch Platz“, sagte er, indem er einen Stapel Bücher von dem Stuhl am Fenster nahm. Es sah unordentlich im Zimmer aus, und das war man so gar nicht gewöhnt. Hübsch war es sonst immer hier, obwohl es nur eine winzige Bude mit zwei schrägen Wänden war, von Gerd eigenhändig in den Giebel des Dachbodens hineingebaut, selbst gestrichen, die Wände aus Hartfaserplatten gezimmert, – kurzum, sozusagen mit eigener Hand erschaffen. Seit Jahren hauste er hier. Die Aussicht war wundervoll, über lauter schräge, winklige Dächer hinweg. „Die trunkene Gasse“ hatte er den Blick getauft, nachdem er versucht hatte, ihn in einem Aquarell festzuhalten. Mücke stand da und sah sich um, ehe sie sich setzte. Er deutete ihren Blick richtig.

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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
05 Mai 2025
Umfang:
80 S. 1 Illustration
ISBN:
9788711509098
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Rechteinhaber:
Bookwire
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