Buch lesen: "Britta reitet die Hubertusjagd"
Lisbeth Pahnke
Britta reitet die Hubertusjagd
SAGA Egmont
Britta reitet die Hubertusjagd
Aus dem Schwedischem von Herta Weber-Stumfohl nach
Britta rider Hubertusjakt
Copyright © 1968, 2017 Lisbeth Pahnke Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711520741
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Wie glücklich sind alle anderen!
Das war die letzte Reitstunde dieses Sommers! Rinaldo galoppierte weich über den stark aufgeworfenen Hufschlag rund um die Wiese neben dem Stall, und ich genoß es, seinen Eifer zu spüren. Als ich seinen dunkelbraunen, beinahe schwarz glänzenden Hals kurz zärtlich klopfte, schüttelte er seinen schönen Kopf und wollte das Tempo beschleunigen. Und als ich die Zügelführung ein wenig locherte, wurden seine Sprünge länger, er wechselte den Rhythmus und fiel in verstärkten Galopp … es war herrlich! Der Wind packte mein Haar und trieb mir Tränen in die Augen. Es war die letzte Reitstunde vor den großen Sommerferien; ich bemühte mich, nicht daran zu denken. Unsere Pferde sollten auf die Weide; nahezu drei lange Monate würden vergehen, ehe im Herbst der Reitunterricht wieder begann.
„Der letzte Galopp“, seufzte ich leise vor mich hin und parierte Rinaldo halb durch, damit er nicht mit Trixi Zusammenstoße, die vor ihm lag. Trixi war eine elegante, zierliche Stute mit weißen Fesseln an beiden Hinterfüßen. Sie bewegte sich schön und ausgeglichen vor uns im versammelten Galopp. Gunnel, die Tochter des Reitlehrers, saß locker und doch korrekt im Sattel und hielt die Zügel mit ruhiger, weicher Hand. Gunnel besaß das Reiterabzeichen in Gold; ich bewunderte sie grenzenlos.
Bei ihr wirkte alles so einfach, wenn sie sich mit ihrem Pferd befaßte. Sie kannte keine großen Gesten und erreichte es doch, daß selbst ein schwierig zu reitendes Pferd sich beispielhaft fügte. Es war nahezu unbegreiflich.
Hinter mir ertönte ein munteres Schnauben; über meine Schulter lachte ich Helena zu. Ihre Augen glänzten, sie zog mir eine ulkige Fratze und schien sich nichts daraus zu machen, als ihre kleine, flinke „Hexe“ beim Galopp nach hinten ausschlug, daß die Grasbüschel durch die Luft flogen.
Glückliche Helena! dachte ich ein wenig eifersüchtig. Die Stute Hexe sah so lustig aus, ihre kräftige Mähne sträubte sich nach allen Himmelsrichtungen. Sie war Helenas eigenes Pferd, und die beiden paßten wirklich gut zusammen, beide waren total verrückt und für jeden Unsinn zu haben.
Rinaldo kaute an seinem Gebiß. Seine schwarze Mähne flatterte im Wind … Ich schaute zu den Reitern und ihren Pferden, die sich im Viereck bewegten:
Lasse und sein großer Fuchs „Mister“ kamen gut miteinander aus wie immer. Marita sah ein wenig verbissen drein und mußte mit kräftigem Schenkeldruck arbeiten, um ihren alten „Rex“ in Bewegung zu halten. Rex war ein hochbeiniges, schwarzes Tier, er glich einem holzgeschnitzten Pferd und blieb stehen, sobald der Reiter nicht mehr trieb. Marita war schon ganz rot im Gesicht, die Gläser ihrer eleganten, blaubogigen Brille waren beschlagen.
„Tempo verkürzen!“ Onkel Magnus, Gunnels Vater, fand wohl, wir hätten genug galoppiert. Nun ließen wir die Pferde am langen Zügel auslaufen. Helena arbeitete sich zu mir vor.
„Hexe ist wieder total verrückt!“ sagte sie mit lustigem Lachen, zog die Füße aus den Steigbügeln und setzte sich bequem zurecht, die Beine auf den Sattelpauschen. „Hoffentlich dürfen wir heute auch springen, Hexe ist gerade in der richtigen Stimmung dafür.“
„Du wirst bald runterfliegen, wenn sie so weitertut“, antwortete ich.
Helena lachte. „Es wäre nicht das erste Mal. Sie ist ein kleiner Teufel, aber man muß sie einfach gern haben.“
„Kurze Kehrt, links, auf der Mittellinie halt!“ kommandierte Onkel Magnus, während er auf der einen Längsseite ein Hindernis aufbaute. Wir ritten alle zur Mitte und verkürzten schon die Riemen unserer Steigbügel für das Springen.
„Mister!“ rief Onkel Magnus. „Von links anreiten!“
Lasse ritt zur linken Spur hinaus. Das Hindernis war eine Triplebarre, sie stand einladend in der Reitbahn. Während Lasse seinen Mister antraben ließ, schaute er ruhig den blauweißen Ricks entgegen. Gesammelt und wie selbstverständlich fiel Mister auf der Längsseite in Galopp. Im Sprung machte Lasse die Bewegung des Tieres ausgeglichen mit und holte dann Mister zum Trab zurück.
„Es war gut“, sagte Onkel Magnus. „Du kennst dein Pferd und weißt, daß du nicht mehr tun mußt. Aber hüte dich, allzu passiv zu reiten! Wiederhole den Sprung!“
Diesmal trieb Lasse Mister schon auf der anderen Längsseite zum Galopp, nahm die Ecke noch galoppierend und parierte dann halb durch, sobald das Hindernis in den Blickwinkel des Pferdes kam. Dann legte Lasse die Schenkel mit energischem Druck an den Leib des Pferdes. Mister nahm längeren Tritt, spitzte die Ohren und glitt schwungvoll über das Hindernis. Onkel Magnus wirkte zufrieden.
„Das war viel besser!“ lobte er Lasse und nickte ihm zu.
Nun war ich an der Reihe, zu springen. Rinaldo kaute an seinem Gebiß und begann zu galoppieren. Als das Hindernis auftauchte, spitzte er die Ohren und beugte den Hals willig nach vorn. Sein Galopp war weich und rhythmisch, er nahm das Hindernis mit einem weiten Sprung. Wir sprangen noch einmal und schließlich ein drittesmal, Rinaldo wurde immer eifriger. Mir schien es, als wäre das Springen noch nie so schön gewesen. Aber vielleicht kam dieses Gefühl nur aus dem Wissen, daß es für lange Zeit das letzte Mal war.
Der große, kräftige Rinaldo war mein Lieblingspferd. Er war schön gebaut und hatte die köstliche Gewohnheit, einen mit dem Kopf an die Schulter zu stoßen, wenn er etwas Gutes haben wollte. In der letzten Zeit hatten wir uns gut aufeinander eingespielt. Wir hatten einmal in der Woche Reitunterricht, und ich ritt Rinaldo, so oft es mir nur erlaubt wurde. Meist durften wir ja unsere Lieblingspferde reiten, manchmal aber gab uns Onkel Magnus völlig fremde Pferde, um zu sehen, wie wir dann zurechtkamen. Sicher war das nur gut für uns.
Mit einem mächtigen Sprung flog Rinaldo ein letztes Mal über das Hindernis, und es war nicht leicht, ihn zur ruhigen Gangart zurückzuholen.
„Ihr zwei seid aber heute wirklich in Stimmung“, stellte Gunnel fest.
Onkel Magnus erhöhte das Hindernis. Wir saßen alle ganz still zu Pferd, als Gunnel sprang. Ohne Zweifel war sie die beste Reiterin unter uns, und ich fragte mich oft, ob ich es jemals so weit bringen würde wie sie. Als Trixi mit ihren weichen, gleitenden Bewegungen sprang, hielt Gunnel ausgezeichnet die Balance, vermied jede kleinste Störung und ließ ihre Hände weichen Kontakt mit dem Zaumzeug und dem Maul des Tieres nehmen.
„Du springst einfach großartig“, sagte ich nachher zu ihr.
Gunnel wurde rot. „Ach was, Trixi springt, nicht ich! Sie ist ein Engel. Ich sitze nur im Sattel und führe ein wenig“, behauptete sie. Und, als wolle sie das Thema wechseln, fragte sie im selben Atemzug: „Hast du mein kleines schwarzes Kaninchen schon gesehen? Komm mit, ich zeig es dir!“ Die Reitstunde war nun zu Ende, wir ritten alle langsam im Schritt über die Wiese dem Stall zu.
Von außen gesehen, wirkte der Stall wie eine alte Scheune. Aber innen war es gemütlich, es roch herrlich nach den Pferden in ihren sechs geräumigen Boxen. Als wir mehr oder weniger elegant vor der Stalltür absaßen, wurden wir von tiefem Wiehern aus dem Stallinnern begrüßt. Lasse schaffte es besonders elegant, aus dem Sattel zu kommen: Er warf beide Beine nach rückwärts, knallte mit den Stiefelabsätzen über dem Schwanz des Pferdes zusammen und kam dann mit geschmeidigem Sprung neben seinem Mister auf den Boden.
„Du machst dich wohl wegen deiner neuen Reitstiefel wichtig“, neckte ihn Helena.
Wir führten die Pferde in den Stall. Trixi und Rinaldo hatten ihre Boxen auf der linken Seite. Dort stand schon ein Pferd, ein hochbeiniger Fuchs, der eben ganz einfach „Fuchs“ genannt wurde. Dieser Fuchs war Onkel Magnus’ Problemkind: er hatte einen ungewöhnlich hohen Widerrist und bekam dadurch sehr leicht Druckstellen vom Sattel. Nun aber würde sein armer Rücken sich lange ausruhen, denn schon am nächsten Tag sollten die Pferde auf die Weide gelassen werden.
„Was hast du im Sommer vor?“ fragte Gunnel unvermittelt.
Ich sah auf. Rinaldos Sattel und Zaumzeug hatte ich noch in den Armen. „Nichts weiter“, antwortete ich mißmutig. „Nichts, was mit Pferden zu tun hat. Wir werden in ein Häuschen am Meer ziehen. Und du?“
Gunnel spielte mit ihrem schwarzen Kaninchen. „Ich habe es vorige Woche bekommen, als ich achtzehn wurde“, sagte sie. „Schau doch, ist es nicht süß?“
Das Kaninchen hob schnuppernd seinen Kopf in die Luft, seine kleine Nase zog Falten. Gunnel strich ihm über den Rücken, als sie erzählte:
„Papa wird bei Rennen in Deutschland und Dänemark auf ,Don Dinero’ starten, und ,Djinn‘ soll auch mitkommen und in niedrigen Klassen starten, um etwas Renn-Sicherheit zu bekommen. Ich soll als Pferdepfleger mit.“ Sie sprach ganz ruhig, einfach und natürlich, nicht die Spur von Angabe in der Stimme. Ich starrte sie voller Bewunderung an. „Don Dinero“ war Onkel Magnus’ berühmtestes Rennpferd, es hatte schon viele Preise von schwierigsten Hindernisrennen heimgebracht. Das noch junge Pferd „Djinn“ würde vielleicht in einigen Jahren genauso berühmt werden. Beide standen in einem großen Stall in der Stadt.
„Wie aufregend, wie herrlich wirst du es haben!“ stieß ich atemlos aus. „Es wird ein wunderbarer Sommer werden!“
„Ja-a“, sagte Gunnel etwas zögernd.
„Na, zweifelst du am Ende daran?“ fragte ich erstaunt. „Ich könnte mir nichts Schöneres denken.“
Sie lachte. „Klar, es ist flott und vor allem was Besonderes. Die Atmosphäre auf den Rennplätzen, diese Spannung, all die Pferde … ja, sicher! Aber stell dir einmal vor, du hättest einen berühmten Rennreiter zum Vater, und alle erwarten nun von dir, daß du wunderbar reitest …“
„Aber das tust du doch wirklich!“ fiel ich ihr ins Wort. Ich konnte sie einfach nicht verstehen. „Ich fände es nach wie vor geradezu herrlich.“
„Was wäre herrlich?“ erklang eine muntere Stimme, und Onkel Magnus kam durch die Stalltüre. Ich wurde über und über rot.
„Für dich Pferdebursch machen zu dürfen bei den Rennen, Onkel Magnus“, bekam ich mit Mühe und Not heraus.
Er warf einen forschenden Blick auf Gunnel.
„Hat sich meine liebe Tochter beklagt?“ neckte er. „Gunnel hat nämlich einen Fehler – einen einzigen Fehler! Sie huldigt zu gerne dem Morgenschlaf … ansonsten ist sie ein ausgezeichneter Pferdepfleger.“
„Papa! Ich habe ein einziges Mal verschlafen!“ protestierte Gunnel.
Ich lachte und ging in die rechte Stallseite hinüber, um einen Hufräumer auszuborgen.
„… sechs Pferde, und ich soll also jeden Tag reiten …“, berichtete Marita über ihre Ferienpläne. Ihr süßes kleines Puppengesicht mit den runden blauen Augen und dem hellen Haar war voller Wichtigkeit. Jetzt wendete sie sich zu mir: „Ich werde auf einem Gutshof im südlichen Schweden leben, weißt du“, sagte sie ganz begeistert.
„Das klingt wie ein Roman“, antwortete ich. „Hat hier jemand einen Hufräumer?“
„Einen Hufräumer! Hier im ländlichen Stall!“ spielte Lasse den Fassungslosen. „Ich habe seit Jahren keinen mehr gesehen. Nimm diesen Nagel, der tuťs auch.“
„Hier“, unterbrach Helena und reichte mir einen Hufräumer. „Lasse hat heute seinen neckischen Tag.“
„Schickst du Hexe auch auf die Weide?“ fragte ich Helena.
Nein, sie würden das Pferd mit aufs Land nehmen, damit sie hie und da reiten könne, erzählte sie.
„Großartig!“ sagte ich. „Und du, Lasse?“
„Alles wie immer! Ich fahre aufs Land und helfe meinem großen Bruder, die Jungpferde zuzureiten“, sagte er mit gespielter Gleichgültigkeit. Dabei lehnte er sich gegen den Verschlag einer Box und kaute an einem Strohhalm. Sein dunkles, leicht gewelltes Haar fiel ihm in die Stirn; er sah gut aus.
„Na, na, halb so gelangweilt!“ gab ich’s ihm. Dann aber fragte ich mit echtem Interesse: „Hat dein Bruder ein Gestüt?“
Lasse gab sich wieder natürlich. „Ja, aber ein recht kleines, so nebenbei, denn er hat ja eine große Landwirtschaft“, sagte er mit liebevollem Interesse. „Fünf Stuten mit Fohlen und ein paar Jungpferde. Und ich verbringe jeden Sommer bei ihm, man lernt unglaublich viel über Pferde.“
Lasse war siebzehn, und im Grunde hatten wir alle großen Respekt vor ihm, denn er ritt gut und wußte mit Pferden umzugehen. Ich war jetzt eben vierzehn und ging erst seit drei Jahren zum Reiten. Helena und Marita waren beide jünger als ich, aber sie ritten schon ebenso lange.
Als wir mit den Stallarbeiten fertig waren, verabschiedeten wir uns draußen, auf dem Hügel vor dem Stall. Onkel Magnus sagte, er hoffe, uns alle im Herbst beim Reitunterricht wiederzusehen – und dann verschwand er mit Gunnel in seinem schwarzen Auto. Wir anderen radelten nach allen Himmelsrichtungen auseinander, bis auf Helena, die ganz in der Nähe wohnte.
Als ich den letzten Hügel nahm, bei dem man heftig in die Pedale treten muß – denn unser kleines weißes Haus liegt auf einer Anhöhe, von dichtem Tannenwald umgeben –, wurde ich traurig. Alle Kameraden würden in diesem Sommer mit Pferden leben, nur ich nicht! Allerdings hatte ich damals noch keine Ahnung, was ausgerechnet diesen Sommer alles geschehen sollte …!
Lilleman
Es begann, als wir schon einige Wochen lang unser Sommerhäuschen bewohnt hatten. Es war ein ganz gewöhnlicher Wochentag, und die Familie saß vollzählig beim Morgentee auf der Veranda, denn von dort aus haben wir einen großartigen Blick auf das Meer. Ich saß ein wenig sauer und morgenmuffig vor meinem Teegedeck – Mama hatte es längst aufgegeben, darauf zu hoffen, daß ich vor zwölf Uhr mittags wie ein normaler Mensch war – und sah verschlafen und zerstreut zu den über den Wellen tanzenden Schaumkronen hinaus und horchte wohl auch auf das Geschrei der Fischmöwen. Meine Geschwister, die zehnjährigen Zwillinge, stritten um irgend etwas; aber das war ja so üblich.
„Nein!“ schrie der kleine Nisse streitlustig und warf seine blonde Stirnlocke zurück.
„Ja!“ brüllte die kleine Nirre und blitzte ihn wütend an.
„Nein!“ schrie Nisse noch einmal. „Du bist dumm!“
Mama füllte Papa eben frischen Tee ein. „Was ist denn nun wieder los?“ fragte sie. „Wißt ihr, Kinder, manchmal geht ihr mir wirklich auf die Nerven.“
„Mama! Nisse sagt …“, begann Nirre ärgerlich. Aber Papa unterbrach sie. Er sah von seiner Zeitung auf.
„Hier, Britta, hier steht etwas! Es wird dich bestimmt interessieren“, sagte er und wendete sich mir zu.
„Wenn es das Resultat des Fußball-Länderkampfes ist oder der Bericht über einen neuen Bootsmotor, dann ist es bestimmt für mich“, sagte ich mit unendlicher Hoffnungslosigkeit in der Stimme, aber Papa las vor:
»Pony entlaufen.
Ein Pony aus dem Besitz des jungen Hakan Bohlin, in Forsa, brach gestern aus seinem Weideplatz aus und …“
Ich sprang vom Tisch auf, riß in meiner Aufregung die Teetasse um und rief: „Forsa! Das ist ja hier, unser Landkreis! Bisher habe ich nicht einmal den Schatten eines Pferdes weit und breit gesehen!“
Ich erwischte die Zeitung und las die Anzeige noch einmal genau durch. Aus dem Bericht ging hervor, daß dieses Pony den ganzen Tag frei herumgesprungen sei, bis man es endlich, nach wilder Jagd, in einen eingezäunten Garten gelockt hatte. Der Besitzer des dazugehörigen Häuschens fühle sich vom Schicksal geschlagen und sei nicht allzu glücklich über seine bisher wohlgepflegten Blumenbeete, die nun teils zerstampft, teils aufgefressen seien … Dies würde für den Pony-Halter ein recht kostspieliges Fest werden, endete der Artikel. Neben dem Text fand sich ein undeutliches Foto: Etwas Dunkles, Zottiges sollte wohl das Pony darstellen, daneben stand ein Junge mit hellem Haar, etwa in meinem Alter. Unter dem Bild vermerkt: „Hier ist das Pony Lilleman nach einer wilden Jagd wieder mit seinem glücklichen Besitzer Hakan Bohlin vereint.“
Dieser Knabe Hakan wohnte auf einem großen Bauernhof jenseits des Baches, der sich durch unser Dorf schlängelt und neben unserem Häuschen ins Meer mündet. Das wußte ich sicher, aber ich kannte ihn nicht und hatte keine Ahnung, daß er ein Pony besaß. Das mußte untersucht werden! Nach dem Tee rannte ich in mein Zimmer, sprang in meine alten, blaßblauen Jeans, zog ein gelbes Sporthemd über – es war noch ganz neu – und verschwand über den Küchenweg ins Freie, eine Faust voll mit Zuckerstücken, in einer Hosentasche eine Mohrrübe. Aber noch mußte ich eine Ewigkeit herumsuchen, bis ich eine gebrauchsfähige Luftpumpe fand, denn an dem Vorderrad meines Fahrrades hing der Schlauch schlapp und ohne Luft.
Nisse kam aus dem Haus. „Du siehst wie die schwedische Fahne aus, wenn du dich so anziehst“, stellte er fest, und die kleine Nirre folgte ihm auf den Fersen und quengelte: „Lieber Nisse, kannst du mir nicht mein Fahrrad aufpumpen?“ Aber Nisse war noch vom Streit am Frühstückstisch ein wenig sauer und fand, sie könne es selbst tun – und so stritten sie also diesmal um diese Frage. Zum Glück hatte ich mein Rad gerade flott, schwang mich mit einem „Adjö, ihr Streithähne!“ in den Sattel und radelte über den holprigen Steig der großen Landstraße zu. So froh war mir seit langem nicht zumute – nicht auszudenken: ein Pony im Dorf! –, und ich pfiff beim Radeln einen alten Schlager. Aber ich brach brüsk ab und wäre beinahe in den Bach gefallen, so jäh stoppte ich auf der kleinen Brücke. Dort drüben, auf der anderen Seite des Baches, stand nämlich ein schwarzes Pony auf einer sonnenbeschienenen grünen Wiese und schaute neugierig zu mir herüber. Es mochte etwa 135 Zentimeter hoch sein, war recht kräftig gebaut, mit stabilen Beinen und einem starken Hals. Ein Gotlandpony – ein Russe! –, darauf hätte ich schwören können! Die dunklen Augen blitzten munter unter einem gewaltigen Schopf hervor, der nach allen Richtungen stand. Mähne und Schweif waren lang und hatten die Bürste dringend nötig. Ich ging zum Gattertor des eingezäunten Weideplatzes und lockte das Pony vorsichtig.
„Lilleman!“ rief ich leise. „Lilleman!“
Es schien dem Namen keine Beachtung zu schenken, aber es schaute die ganze Zeit aufmerksam zu mir hin. Die Mohrrübe in meiner Hand verleitete es wohl, ein paar vorsichtige Schritte in meine Richtung zu wagen, plötzlich aber machte es schnaubend eine Kehrt um die Hinterhand und galoppierte dröhnend quer über die Wiese. Im entferntesten Eck des Weideplatzes blieb es stehen und schien sich nicht mehr um mich zu kümmern. Ich trat durch das Gatter in die Wiese, setzte mich ins Gras und wartete. Das Pony tat, als merke es nicht, daß ich dasaß, kam aber doch, heftig Gras rupfend und kauend, vorsichtig näher. Bald war es nur noch wenige Meter von mir entfernt. Wieder begann ich, es mit leiser Stimme anzureden und mit der Möhre zu locken. Es streckte vorsichtig seinen Kopf, erreichte aber die Möhre nicht. Da tat es einen Schritt nach vorn, sehr zögernd und nur mit den Vorderbeinen, und kam dadurch in eine recht lustige, gestreckt-gedehnte Körperhaltung. Als es dann genußvoll die Möhre verzehrte und sich auf seiner Oberlippe beim Kauen viele kleine Runzeln bildeten, sah es so goldig aus, daß ich, ohne nachzudenken, eine Hand hob, um ihm über den Kopf zu streicheln. Da fuhr es erschrocken auf und hetzte quer über die Wiese in seine Ecke zurück. Du liebe Zeit, wie scheu es ist, mußte ich denken.
Wie lange ich dann im Gras lag und immerzu auf das schwarze Pony achtete, weiß ich nicht mehr, ich wurde erst richtig wach, als jemand gegangen kam und über meine Beine stolperte. Ein Junge in meinem Alter, mit ganz hellem Haar. Er trug Jeans und ein Sporthemd, genau wie ich, in der Hand hielt er ein Halfter. Es mußte Hakan Bohlin, der Besitzer des Ponys, sein.
„Oh, Verzeihung!“ sagten wir wie aus einem Mund, und ich erhob mich. Einen Augenblick lang standen wir uns schweigend und verlegen gegenüber, bis ich fragte: „Es ist dein Pferd, nicht wahr?“
Hakan nickte. „Obwohl ich wünschte, wir hätten Lilleman nie gekauft. Er hat uns bis jetzt nur Kummer gemacht. Er war von Anfang an unmöglich und ist jetzt ärger denn je. Papa sagt, wenn noch einmal etwas mit ihm passiert, müssen wir ihn verkaufen.
„Ich habe heute früh die Geschichte von seiner letzten Unternehmung in der Zeitung gelesen“, sagte ich.
„Und es war nicht das erstemal, daß er ausgebrochen ist“, erklärte Hakan. „Die Leute, die dort oben in der Sommervilla wohnen, sind rasend auf ihn und drohen uns mit allem möglichen, denn er hat ihre Rosen zertrampelt. Und der alte Andersson hat glatt erklärt, er würde sein Jagdgewehr hervorholen, wenn er Lilleman noch einmal in seinen Erdbeerbeeten erwischt.“
„Großartige Nachbarn!“ rief ich ironisch aus.
„Aber man kann sie verstehen“, sagte Hakan und seufzte.
„Reitest du ihn denn?“ fragte ich interessiert.
„Ich hab es oft genug versucht“, antwortete Hakan bitter. „Aber ich bin es leid. Er wirft mich doch immer wieder ab und rennt zum Stall zurück.“
„Himmel!“ entfuhr es mir, und ich starrte ihn an. „Warum tust du denn nichts dagegen? Warum sitzt du nicht augenblicklich wieder auf, sooft er dich auch abwirft – bis er es leid wird und langsam begreift, wer zu bestimmen hat?!“
„Ach was“, sagte Hakan wütend. „Mußtest du deshalb hierherkommen, um mir das zu sagen? Du weißt eben nicht, was es heißt, dieses Pony zu reiten!“ Er zeigte zu Lilleman hinüber. Das junge Pony hielt noch immer seinen Sicherheitsabstand und schaute mißtrauisch abwartend zu uns herüber.
„Man müßte es einmal ausprobieren, das wäre toll!“ sagte ich.
„Toll“, äffte mich Hakan nach. „Du bist ja nicht gescheit! Dieses Tier hat Dynamit im Leib. Beim letztenmal, als er mich abwarf, hätte ich mir das Rückgrat brechen können.“
„Das klingt nicht sehr ermunternd“, mußte ich zugeben. „Ist er denn eingefahren?“
„Ja, doch.“ Hakans Stimme war nicht überzeugend. „Aber es ist anstrengend, ihn einzuspannen, und es ist wahnsinnig schwer, ihn hier von der Weide wegzukriegen. Also: sehr oft kommt es nicht dazu. Eigentlich wollte ich eben jetzt eine Stunde ausfahren, wenn ich ihn erstmal einfangen könnte.“
„Er ist sehr kopfscheu, das habe ich schon bemerkt“, sagte ich zu Hakan.
„Ja, das weiß ich. Er ist ja auch erst fünf Jahre alt und hatte schon mehrere Herren. Einer seiner Besitzer wird ihn wohl einmal zu rauh angepackt haben. Pferde vergessen das nicht.“
Mir tat Lilleman langsam leid. Sicher war er von Anfang an falsch erzogen worden und dadurch dieses eigensinnige, mißtrauische kleine Pferd geworden, das niemandem mehr Glauben schenken wollte.
„Warum habt ihr ihn eigentlich gekauft?“ fragte ich. „Ich meine – dir liegt wohl nicht viel an ihm?“
„Tja – Vater fand, es wäre hübsch, ein Pony zu haben.“
„Du liebe Zeit, das nennt man Schicksals-Tücke!“
„Was meinst du damit?“ Hakan starrte mich erstaunt an.
„Ich meine, wenn mein Vater jemals auf die strahlende Idee käme, mir ein Pony zu kaufen, dann wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt!“
„Du weißt nicht, was du redest“, sagte Hakan düster, aber ich lachte nur und machte ihm den Vorschlag, Lilleman gemeinsam einzufangen.
Das Pony kümmerte sich, weder um Hakan noch um mich, als wir nun mit dem Halfter in der Hand zu ihm hinübergingen; es zog sich nur ganz in seine Zaunecke zurück. Nach einer halben Ewigkeit glückte es Hakan, dem Tier so nahe zu kommen, daß er es am Schopf packen konnte; doch als er ihm das Halfter überziehen wollte, riß sich Lilleman durch einen Ruck mit dem Kopf los und trabte herausfordernd ein Stück weit weg. Hakan folgte ihm und versuchte es wieder, aber Lilleman ließ ihn gar nicht nahe genug an sich herankommen.
„Ach was“, sagte Hakan verdrossen. „Es hat ja doch keinen Sinn.“
Mir aber wurde langsam klar, warum Lilleman so launisch war. Er setzte ja meist seinen Willen durch, das merkte ich.
„Kommst du mit zu uns, auf ein Glas Saft?“ fragte Hakan, dem von den erfolglosen Versuchen, sein Pferd einzufangen, recht heiß geworden war.
Saft? Plötzlich merkte ich, wie hungrig ich war, und ein Blick auf die Uhr sagte mir, daß der Rest meiner Familie sicherlich gerade beim Lunch saß.
„Danke, herzlichen Dank!“ antwortete ich. „Aber ich muß jetzt nach Hause und pünktlich beim Lunch sein. Ich hatte keine Ahnung, daß es schon so spät ist. Darf ich ein andermal wiederkommen?“
„Herzlich gern“, sagte Hakan und lachte mir freundschaftlich zu. Während ich in rasender Fahrt heimwärts radelte, mußte ich zugeben, daß er ein recht netter Junge war, wenn er auch nur sehr dunkle Vorstellungen vom Reiten und von der richtigen Behandlung eines Ponys zu haben schien.
Zu Hause ging meine Begeisterung natürlich mit mir durch, als ich alles genau erzählte. Mama seufzte: „Ich begreife ja nicht, woher du deine Vorliebe für Pferde hast, aber vermutlich ist es nur eine Laune und geht mit der Zeit vorüber.“
Die kostenlose Leseprobe ist beendet.