Buch lesen: "Ich bringe mich um!"

Schriftart:

KOMPLETT-MEDIA

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2011, München / Grünwald

www.der-wissens-verlag.de

Design Cover: Heike Collip, Pfronten

Satz: Schulz Bild & Text, Mainz

ISBN(epub): 978-3-8312-5712-6

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Klaus Kamphausen

Ich bringe mich um

Das Leben ist (k)eine Alternative

Inhalt

Versuch einer verständlichen Sprache

Das treffende Wort

Tote Zahlen

Vergangene Zahlen

Das antike Ägypten

Das antike Griechenland und Rom

Pythagoras

Sokrates

Platon

Aristoteles

Hegesias

Epikur

Zenon von Kition

Lucius Annaeus Seneca

Von der Scham zur Schuld

Christliche Verdammung

Im Licht von Renaissance und Aufklärung

John Donne

Michel de Montaigne

Montesquieu

Voltaire

Jean-Jacques Rousseau

David Hume

Thomas Hobbes und John Locke

Baruch de Spinoza

Denis Diderot

Immanuel Kant

Johann Gottlieb Fichte

Giacomo Casanova

Arthur Schopenhauer

Ludwig Feuerbach

Friedrich Nietzsche

Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

Von der Aufklärung zur Verklärung

Versuche der Erklärung

Medizin

Soziologie

Psychologie

Suizidforschung

Esoterik

Lexika

Der Mythos des Sisyphos

Philosophen und Denker des 20. Jahrhundert

Albert Camus

Jean-Paul Sartre

Karl Jaspers

Karl Löwith

Wilhelm Kamlah

Jean Améry

Gerd Hirschauer

Jürgen Mittelstraß

Die (Un)kultur der Selbsttötung in anderen Kulturen

Römer und Germanen

Maya

Die Alten von Keos

Die Zuruaha

Inuit

Sati

Seppuku, Harakiri, Kamikaze

Die Lehre von Gott und anderen Göttern

Theologie heute

Christentum

Judentum

Islam

Buddhismus

Hinduismus

Versuche zu verstehen und zu verhindern

Das Dilemma der Suizidologie

Fehl-Geschlagen

Schuld Scham Stigma

Sterben lernen

Hospizbewegung und Palliativmedizin

Spiritual Care

Sterben wollen! Sterben helfen?

Und nach dem Tod …

Das Leben ist (k)eine Alternative

Schluss machen

Anhang 1

Unterscheidung der verschiedenen Arten der Selbsttötung nach dem Bundesamt für Statistik

Anhang 2

Selbsttötungen weltweit pro 100.000 Einwohner nach Staaten unterschieden

Anhang 3

Liste der bekannten Personen, die ihr Leben durch Selbsttötung beendet haben

Anhang 4

Versuch der Selbsttötung von Kaiser Napoléon Bonaparte nach einem Augenzeugenbericht

Anhang 5

Internetadressen, Adressen und Telefonnummern zum Thema Suizidprävention und Krisenintervention, für Beratung und Erste Hilfe

Quellenangaben

Literatur

Danke

Versuch einer verständlichen Sprache

… und doch ist von allen, den Geist eingrenzenden Schranken die unerträglichste die, die uns verhindert, andere zu verstehen.

Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

Viele Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, stecken in einer Unverständlichkeit. Was heißt das?

Sie können oder wollen sich anderen Menschen nicht mitteilen.

Oder:

Sie werden von anderen Menschen nicht verstanden.

Nicht gehört.

Überhört.

Oder:

Sie fühlen sich unverstanden.

Oder:

Sie verstehen andere Menschen nicht.

Oder:

Sie verstehen die Welt nicht mehr.

Oder:

Sie verstehen sich selbst nicht.

Oder:

Tiefer Schmerz, Trauer oder Depression blockieren eine Verständlichkeit.

Manchmal sind es die Inhalte oder Umstände, die unverständlich bleiben. Weil sie zu vielschichtig und kompliziert sind oder so erscheinen. Meist ist es jedoch die Sprache selbst, die eine Verständigung von vornherein unmöglich macht.

Die Sprache des Philosophen – in seinem Bemühen, sich so genau wie möglich zu artikulieren – ist gespickt mit „Fremd-Worten“ aus dem Lateinischen und Griechischen.

Das Gleiche gilt für die Formulierungen der Mediziner und Psychologen, der Historiker, Theologen und Literaten.

Das „Fremd-Wort“, oft auch mit der Alibi-Bezeichnung „Fachbegriff“ tituliert, trägt schon in seinem Namen den Keim der Unverständlichkeit. Jedes Fremdwort, das ich in meiner Sprache benutze, entfremdet meine Sprache mehr. Es macht mich außerhalb einer Elite, die mit der Bedeutung dieser Fremdworte vertraut ist, unverständlich.

Es ist schon erstaunlich, wie sich eine bestimmte intellektuelle Elite in Deutschland über die gar so grässlichen Anglizismen in der deutschen Sprache empört. Gleichzeitig bedienen sich diese Empörten einer Sprache voller Lehn- und Fremdworte aus dem Griechischen und Lateinischen, gelegentlich auch des Französischen. Damit wiederum bleibt die Elite auch in ihrer Empörung bei vielen unverstanden und ungehört.

Eliten haben ohnehin einen Hang sich abzugrenzen und damit andere automatisch auszugrenzen. Egal ob Macht- oder Bildungselite.

Das Wort „Elite“ stammt übrigens vom Lateinischen „electus“ und bedeutet so viel wie „auserlesen“.

Dieses Buch will nicht elitär sein, es will weder aus- noch abgrenzen.

Es will durch eine verständliche Sprache und eine breite, tabulose, wertfreie Behandlung des Themas der Unverständlichkeit entgegentreten.

Trotz aller Versuche und Vorsätze verständlich zu sein, dieses Buch ist keine leichte Lektüre, weil es ein Buch über das Leben ist.

Das treffende Wort

Selbstmord.

Freitod.

Suizid.

Selbsttötung.

Das in der Umgangssprache immer noch geläufigste und meistgebrauchte Wort ist „Selbstmord“. Während im Mittelalter noch von „Selbst-Entleibung“ gesprochen wurde, taucht der Begriff „Selbstmord“ das erste Mal zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf. Die erste schriftliche Aufzeichnung des Wortes „Selbstmord“ ist 1643 bei dem Theologen Johann Conrad Dannhauer belegt. Vermutlich geht das Wort auf Martin Luthers Formulierung aus dem Jahr 1527 zurück: „sein selbs mörder“ (seiner selbst Mörder).

Aber schon der Kirchenvater Aurelius Augustinus nennt in seinem Werk „De civitate Dei“, „Vom Gottesstaat“, im 4. Jahrhundert den Selbstmord („morte voluntaria“) einen Mord.

Ein Mord ist ein Kapitalverbrechen. Meist eine Tat aus Heimtücke oder niedriger Gesinnung. Der Gebrauch des Wortes „Selbstmord“ rückt den Menschen, der sich das Leben genommen hat, automatisch in die Nähe des Verbrechers. Er hat etwas Verbotenes getan. Er hat ein Verbrechen begangen. An sich. An anderen. Er hat sich selbst und andere mit dieser Tat bestraft. Das Wort „Selbstmord“ bringt so eine extrem negative Bewertung und Verurteilung mit sich, selbst wenn diese von dem Menschen, der das Wort benutzt, nicht beabsichtigt ist.

Der zweite Grund, den Begriff „Selbstmord“ abzulehnen, ist einfach vom Verständnis der Sprache zu erklären. Zu einem Mord gehören immer mindestens zwei Personen: der Mörder, also der Täter, und sein Opfer. Wenn sich aber ein Mensch umbringt, ist nur eine Person beteiligt. Diese ist zugleich Täter und Opfer. Diese eine Person fasst den Entschluss, sie führt den Tod durch eigene Hand oder Handlung herbei und erleidet ihn.

Das Wort „Freitod“ geht auf Friedrich Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ (1884) zurück. In der „Rede vom freien Tode“ heißt es:

„Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: ,stirb zur rechten Zeit!‘ (…)

Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein Gelöbnis wird.

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte! (…)

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.

Und wann werde ich wollen? – Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.“1

Der Gebrauch des Wortes „Freitod“ beinhaltet eine freie Entscheidung des Handelnden. Ob diese Freiheit bei verzweifelten, depressiven, schwer kranken Menschen wirklich gegeben ist, bleibt bis heute Streitpunkt. Durch die Vermeidung des Wortes „Freitod“ soll dieser Diskussion nicht vorweggegriffen werden.

Das Wort „Suizid“ vom Lateinischen „sui caedere“, „sich töten“, ist ein neutraler, meist von der Wissenschaft und der Medizin genutzter Begriff. Er ist klinisch, kühl, ohne Anklang an Leben oder Tod, ohne Ahnung für diese einmalige und gewaltige Tat.

„Selbsttötung“ ist die mehr oder weniger eingedeutschte Version des Begriffs „Suizid“. Mit dem Wort „Selbsttötung“ lässt sich (nach Meinung des Autors) das Thema möglichst vorurteilsfrei, wertfrei, objektiv und neutral beschreiben. Es beinhaltet das „Selbst“ und die „Tötung“. Zum eindeutigen Verständnis sei hinzugefügt: Wenn von „Selbsttötung“ die Rede ist, dann ist sie natürlich im Sinne einer nicht von einer dritten Person erzwungenen Selbsttötung gemeint.

Verbale Konstruktionen sind oft noch treffender als die oben angeführten Substantive. Sie transportieren das aktive Handeln der Person deutlicher und unmittelbarer.

Zwei Ausnahmen sind jedoch die Formulierungen „Hand an sich legen“ und „sich das Leben nehmen“. Beide Redewendungen sind extrem verharmlosend. Wie oft legt jeder Mensch am Tag Hand an sich, wenn er sich die Hände wäscht, wenn er sich kratzt, wenn er sich die Nase putzt, wenn er sich durch die Haare fährt. Hand an sich legen ist eine alltägliche, harmlose, oft nützliche Tätigkeit. Das Gleiche gilt für das Verb „nehmen“. Ich nehme mir einen Kaffee, einen Apfel, eine Zeitung …

Keine dieser beiden Formulierungen trifft das, wovon in diesem Buch die Rede sein soll.

Der Titel dieses Buches verharmlost nicht.

„Ich bringe mich um!“ ist eine Aussage, die jeden auf der Stelle erbeben, erschrecken, erzittern lässt. Die niemanden unberührt lässt. Die vier Worte treffen wie ein schwerer Schlag. Sie tragen die Energie, die Gewalt, das Zerstörerische, das Unumkehrbare, das Endgültige, das Einmalige, das Folgenreiche, aber auch die Verzweiflung, die Ausweglosigkeit, die Unverständlichkeit, das Menschliche und das Unmenschliche der Selbsttötung.

Vielleicht auch die Erlösung?

Tote Zahlen

Im Lauf des 19. Jahrhunderts begannen sich die Naturwissenschaften, vor allem die Medizin, mit dem Tabuthema Selbsttötung zu befassen. Im Zuge dieser Entwicklung wurden die ersten, repräsentativen Statistiken in den Staaten Mitteleuropas vorgelegt.

Die aktuellste veröffentlichte „Todesursachenstatistik“ des Statistischen Bundesamts Deutschland zeigt, dass 2009 durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ – so das offizielle Amtsdeutsch – 9.616 Menschen in Deutschland verstorben sind. Das sind 11,7 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner.

Im Jahr 2009 sind in der Bundesrepublik laut Statistik insgesamt 854.544 Menschen verstorben, das heißt etwa 1,1 Prozent der Todesfälle wurden durch Selbsttötung herbeigeführt.

Im selben Jahr starben 4.330 Menschen bei Verkehrsunfällen, mehr als doppelt so viele (9.616) durch Selbsttötung.

Die Zahl der Männer, die sich das Leben genommen haben, ist dabei mehr als dreimal so hoch wie die Zahl der Frauen: 7.228 Männer stehen 2.388 Frauen gegenüber.

Die Zahl der Selbsttötungsversuche liegt etwa zehn- bis 15-mal so hoch wie die Zahl der Selbsttötungen. Diese Werte beruhen auf Schätzungen, weil die Dunkelziffer, also die Zahl der Selbsttötungsversuche, die nie als solche registriert wurden, extrem hoch ist. Selbsttötungsversuche, von denen außer dem Betroffenen keiner weiß. Bei jungen Frauen ist die Häufigkeit von Selbsttötungsversuchen am größten, bei älteren Männern am niedrigsten.

In wissenschaftlichen und medizinischen Abhandlungen wird bei den Arten der Selbsttötung nach „harten“ und „weichen“ Methoden unterschieden.

Zu den weichen Methoden zählen zum Beispiel die Einnahme von Tabletten oder Drogen sowie Vergiftungen. Zu den harten Methoden zählen Erhängen, Erschießen, Ertränken, Sturz aus der Höhe, Sturz vor einen sich bewegenden Gegenstand und tiefe Stiche und Schnitte. Die harten Methoden führen darüber hinaus zu sichtbaren äußeren Veränderungen des Körpers.

In der Statistik werden die Arten der vorsätzlichen Selbstbeschädigung noch detaillierter typisiert, unterschieden und beschrieben. Die hier aufgeführten Kategorien X60 bis X84 sind die Oberkategorien, die in einzelnen Statistiken noch einmal in mehrere Punkte unterteilt werden.

Von X60 bis X69 werden die diversen Methoden der Selbsttötung durch „vorsätzliche Selbstvergiftung“ unterschieden. Von X70 bis X84 werden die verschiedenen Arten der Selbsttötung durch „vorsätzliche Selbstbeschädigung“ aufgeführt, dazu zählen unter anderem: Erhängen, Ertränken, Erschießen, Verbrennen, sich vor Fahrzeuge werfen oder wahlweise in die Tiefe stürzen.

Im Anhang 1 (S. 284) finden sie die detaillierte Auflistung, wie sie im Bundesamt für Statistik geführt wird.

Die Typisierung X70, die vorsätzliche Selbstbeschädigung durch Erhängen, Strangulierung oder Ersticken, ist in Deutschland in allen Altersgruppen die mit Abstand meistgewählte Methode, sich das Leben zu nehmen.

Nach Altersgruppen unterteilt zeigt die Statistik für 2009 folgendes Bild:


5 bis 10 Jahre1
10 bis 15 Jahre20
15 bis 20 Jahre194
20 bis 25 Jahre372
25 bis 30 Jahre394
30 bis 35 Jahre394
35 bis 40 Jahre513
40 bis 45 Jahre861
45 bis 50 Jahre1054
50 bis 55 Jahre999
55 bis 60 Jahre828
60 bis 65 Jahre610
65 bis 70 Jahre859
70 bis 75 Jahre780
75 bis 80 Jahre616
80 bis 85 Jahre554
85 bis 90 Jahre423
90 und älter144

In der Todesursachenstatistik 2009 werden auch die Zahlen der vorsätzlichen Selbstbeschädigungen nach Bundesländern unterschieden aufgeführt:


BundeslandSelbsttötungen gesamtpro 100.000 Einwohner
Sachsen-Anhalt36015,2
Sachsen62414,9
Thüringen32714,5
Bayern174914,0
Baden-Württemberg140413,1
Bremen8412,7
Hessen76912,7
Hamburg21912,3
Saarland12512,2
Schleswig-Holstein34412,1
Mecklenburg-Vorpommern18511,2
Rheinland-Pfalz43010,7
Brandenburg26610,6
Niedersachsen7789,8
Nordrhein-Westfalen1.6669,3
Berlin2868,3

Die höchste Zahl an Selbsttötungen verzeichnete in diesem Zeitraum das Land Bayern. Die höchste Selbsttötungsrate weist das Land Sachsen-Anhalt auf. Berlin hat mit 8,3 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner die niedrigste Rate. Im Vergleich dazu lag das frühere Westberlin vor dem Fall der Mauer mit weitem Abstand auf Platz 1 der Bundesländerstatistik.

Für die letzten 30 Jahre folgt die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland einem deutlich fallenden Trend:

1980 lag sie bei 18.451 (24,6 je 100.000 Einwohner)

1990 lag sie bei 13.924 (17,4 je 100.000 Einwohner)

2000 lag sie bei 11.065 (13,0 je 100.000 Einwohner)

2009 liegt sie bei 9.616 (11,7 je 100.000 Einwohner)

Die sogenannte dunkle Jahreszeit von Oktober bis März weist im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Annahme keine höheren Zahlen an Selbsttötungen auf als die Sommermonate April bis September. In einer Statistik aus dem Jahr 2006 zeigen die Monate Mai und Juli die höchsten Zahlen an Selbsttötungen.

Eine steigende Tendenz zeigt das durchschnittliche Sterbealter bei vorsätzlichen Selbstbeschädigungen. Seit 1980 stieg es bei Männern um etwa fünf Jahre auf 54,7 Jahre, bei Frauen um zwei Jahre auf 59,0 Jahre (Statistik 2006).

Mediziner und Pharmazeuten weisen eine deutlich höhere Rate an Selbsttötungen auf als die Allgemeinbevölkerung. Bei den Ärzten liegt die Rate mehr als dreimal so hoch wie bei den Männern, bei den Ärztinnen ist die Rate mehr als fünfmal so hoch wie der Durchschnittswert der Frauen (2006).

Diese überraschende Tatsache ließe sich auf den berufsbedingten Stress der Mediziner und die fast tägliche Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod erklären. Eine andere Begründung wäre in der Tatsache zu finden, dass Ärzte und Pharmazeuten im Gegensatz zu restlichen Bevölkerung über das Expertenwissen zur Selbsttötung verfügen.

Von den deutschen Zahlen zu den internationalen: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich weltweit etwa eine Million Menschen durch Selbsttötung. Zehn- bis 20-mal so hoch ist die geschätzte Zahl der gescheiterten Versuche.

Das entspricht circa 14,5 Todesfällen je 100.000 Menschen.

Oder: Alle 40 Sekunden nimmt sich auf dieser Erde ein Mensch das Leben!

Die weltweite nach einzelnen Staaten unterschiedene Statistik der WHO finden Sie im Anhang 2. Ein Blick auf diese Tabelle zeigt:

Angeführt wird diese Statistik von Weißrussland (35,1/2003)2 und Südkorea (31,0/2009). Auf Rang 4 folgt bereits Russland mit 30,1 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner, auf Platz 10 liegt Japan mit 23,7 Selbsttötungen auf 100.000 Einwohner.

Vergleicht man auf dieser Tabelle die sonnigen Länder des südlichen Europas mit den Staaten Skandinaviens, dann scheint die Sonne des Südens eindeutig positiv auf das Lebensgefühl einzuwirken:

Finnland (20,1/2005), Dänemark (13,6/2001), Schweden (13,2/ 2004) und Norwegen (11,5/2005) haben alle höhere Selbsttötungsraten als Portugal (11,0/2003), Spanien (7,8/2005), Italien (7,1/ 2002) oder Griechenland, das mit 3,5 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohnern das europäische Schlusslicht bildet.

Ob das jedoch der Sonne, dem vorherrschenden Katholizismus, der geringeren Niederschlagsmenge, dem längeren Tageslicht oder dem Blau des Mittelmeeres zuzuschreiben ist, bleibt pure Spekulation.

Oder warum liegt die Selbstmordrate in Neuseeland (13,2/2004), einem grünen Paradies am Ende der Welt, um mehr als das Dreifache höher als in einem Land wie Mexiko (4,1/2005), das seit Jahren von sozialen und politischen Spannungen gezeichnet ist.

Eines der ärmsten Länder Europas, Albanien (4,0/2003), hat eine Selbsttötungsrate, die um mehr als das Vierfache niedriger ist als im reichen Frankreich (17,6/2005). Wo würde Gott wohl lieber leben?

Die Statistiken über Selbsttötungen ließen sich hier noch über viele Seiten zu einem fast unendlichen Zahlenwerk fortsetzen.

Am Ende lassen sich nur Vergleiche ablesen: Dass zum Beispiel in islamischen, hinduistischen und buddhistischen Staaten die Rate der Selbsttötungen niedriger ist als in den christlichen Ländern Europas. Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen den einzelnen Altersgruppen, zwischen Jahreszeiten und Berufsgruppen, selbst zwischen einzelnen Wochentagen.

Aber je mehr Zahlen sich sammeln, desto mehr tritt das Schicksal des einzelnen Menschen in den Hintergrund.

Statistiken zeigen auf, wer sich umbringt, wie, wann und wo.

Aber selbst Hunderttausende Zahlen in zahllosen Tabellen und Graphen aufgereiht, ausgewertet und verglichen werden keine einzige Antwort auf die Frage geben können:

Warum?

Vergangene Zahlen

Das antike Ägypten

Wenn die Zahlen der Statistik zu der Frage nach dem Warum schweigen, was verraten die Zahlen der Zeitgeschichte?

Das Thema Selbsttötung durchzieht die Menschheitsgeschichte wie ein roter Faden. Ein Kardiogramm mit Ausschlägen nach oben und unten, je nach Zeit- und Kulturepoche.

Philosophen und Theologen, Juristen und Mediziner, Psychologen, Soziologen und Ethnologen haben aus ihrer Zeit und ihrer Perspektive die Selbsttötung diskutiert und beurteilt.

Sie haben die Selbsttötung bewertet, haben zu ihr aufgerufen, haben sie verteufelt, haben sie gepriesen, versucht zu verhindern, versucht zu erklären, zu richten.

Schriftsteller und Künstler haben sie immer wieder zum Thema gemacht: besungen, modelliert, gemalt, geschrieben, gedichtet.

Lang wie die Liste dieser Kommentatoren ist die der prominenten, bekannten, berühmten Täter-Opfer3: von Kleopatra bis Hannelore Kohl, von Hannibal bis Hemingway.

Unabhängig von einer Bewertung ist die Selbsttötung offensichtlich und unbestreitbar Teil der menschlichen Natur und Kultur. Über alle Grenzen und alle Zeiten hinweg.

Der älteste überlieferte Text über die Selbsttötung stammt aus dem antiken Ägypten. Niedergeschrieben ist er auf einem Papyrus aus der Zeit um 1900 v. Chr. Der deutsche Ägyptologe Karl Richard Lepsius erwarb den Papyrus 1843 in Ägypten und veröffentlichte den Text 1859. Es ist das „Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele“. Die Seele wurde im alten Ägypten als der „Ba“ bezeichnet.

Der Mann, der des Lebens müde und verzweifelt ist, versucht seinen Ba, seine Seele, von seinem Vorhaben der Selbsttötung zu überzeugen. In mehreren Reden und Liedern beschreibt er seine Abscheu, seinen Ekel vor dem Leben, seine Sehnsucht nach dem Tod. Eines der Lieder lautet:

„Der Tod steht heute vor mir,

(wie) wenn ein Kranker gesund wird,

wie das Hinaustreten ins Freie nach dem Eingesperrtsein.

Der Tod steht heute vor mir

wie der Duft von Myrrhen,

wie das Sitzen unter einem Segel an einem windigen Tag.

Der Tod steht heute vor mir

wie der Duft von Lotusblumen,

wie das Sitzen am Ufer der Trunkenheit.

Der Tod steht heute vor mir

wie das Abziehen des Regens (oder: wie ein betretener Weg),

wie wenn ein Mann von einem Feldzug heimkehrt.

Der Tod steht heute vor mir,

wie wenn sich der Himmel enthüllt,

wie wenn ein Mensch die Lösung eines Rätsels findet.

Der Tod steht heute vor mir,

wie ein Mann sich danach sehnt, sein Heim wiederzusehen,

nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbracht hat.“4

In mehreren Reden antwortet der Ba auf das Jammern und Wehklagen des Mannes und fordert ihn auf, das Leben wieder anzunehmen und zu genießen:

„Lasse das Wehklagen auf sich beruhen, dieser du, der zu mir gehört, mein Bruder. Lege auf das Feuerbecken und schließe Dich dem Lebenskampf – wie Du geschildert hast – an. Sei mir hier zugetan und stelle für dich den Westen5 zurück. Wünsche erst dann in den Westen zu gelangen, wenn sich Deine Glieder dem Boden zuneigen. Nach Deinem Ermatten werde ich mich niederlassen und wir werden eine Wohnstatt zusammen machen.“6

Selbst wenn dieser Text eine Dichtung war, zeigt er, dass auch im alten Ägypten die Selbsttötung ein Thema war, das weit über das Individuelle hinausging.

Eine moralische oder andere Art der Wertung der Selbsttötung lässt sich aus dem Text um 1.900 v. Chr. jedoch nicht herauslesen.

Fast 2.000 Jahre später, im Jahr 30 v. Chr., stirbt die letzte Pharaonin Ägyptens. Sie war eine der mächtigsten und schönsten Frauen der Weltgeschichte. Sie wurde als Göttin verehrt, als Hure beschimpft. Sie war Mutter von vier Kindern und Femme fatale. Geliebt und gehasst von den mächtigsten Männern ihrer Zeit. Gaius Julius Caesar und Marcus Antonius hatte sie verführt und für sich gewonnen. Octavian, der spätere Kaiser August, verfolgte sie als Feindin Roms und Rivalin seiner Macht. In Alexandria setzte er sie als Gefangene fest. Am Ende sah sie keinen anderen Ausweg, als sich selbst umzubringen. Sie lässt sich von einer Giftschlange beißen: Der Mythos „Kleopatra“ war geboren.

Neben ihrem Leben, das von den einen verteufelt, von den anderen verherrlicht wird, ist ihr Tod bis heute ungeklärt.

„Nach Plutarch und Cassius Dio soll die ägyptische Königin dem römischen Machthaber erfolgreich ihren angeblichen Lebenswillen vorgetäuscht und so eine weniger strenge Bewachung erreicht haben, die ihr die Ausführung ihres Selbstmordes ermöglichte. Sie nahm ein Bad und aß danach ein köstliches Mahl. Inzwischen brachte ein Bauer einen Korb, zeigte den Wachen, dass sein Inhalt nur aus Feigen bestand, und durfte ihn hineintragen. Nach dem Essen schickte Kleopatra einen dringenden Brief zu Octavian, schloss sich mit ihren vertrauten Zofen Iras und Charmion ein und beging mit ihnen Selbstmord. Als Octavian in ihrem Brief den Wunsch las, sie neben Antonius zu bestatten, wusste er Bescheid und schickte schnell Boten, die aber Kleopatra schon tot in königlichem Gewand auf einem goldenen Bett liegend fanden, während ihre beiden Zofen im Sterben lagen. Auch Psylli genannte Schlangenbeschwörer, die ihr das Gift aussaugen sollten, konnten sie nicht mehr erwecken.“7

Nicht nur die Autoren der Antike (Plutarch, Cassius Dio), auch die Historiker von heute verweisen zumindest die Selbsttötung der letzten Königin vom Nil durch einen Schlangenbiss ins Reich der Legenden. Warum Kleopatra ihr Leben bis zum letzten Atemzug in dieser Art inszenierte, lässt sich aus der Perspektive der damaligen Zeit so erklären:

„Augustus zeigte bei seinem Triumphzug in Rom im Jahr 29 v. Chr. ein Bild Kleopatras, das sie mit zwei Schlangen darstellte. Damit erkannte er die in der Antike vorherrschende Version – Tod durch den Biss einer Schlange („aspis“) – offiziell an. Der Terminus „aspis“ bezieht sich auf die ägyptische Uräusschlange. Sie hatte symbolischen Charakter als Zeichen pharaonischer Herrschaft: Sie bedrohte die Feinde des Königs und stellte den Herrscher gleichzeitig unter den Schutz des Sonnengottes Re, dem sie ein heiliges Tier war. Dementsprechend trug die ägyptische Königskrone das Bild eines Doppeluräus. Der Biss einer solchen Schlange hätte nach ägyptischer Vorstellung nicht dem Erlangen von Unsterblichkeit gedient – denn die Ptolemäer8 galten schon zu Lebzeiten als Götter –, sondern er wäre für Kleopatra ein würdiger Tod gewesen.“9

Wie unwahrscheinlich diese Art der Selbsttötung ist, machen folgende Argumente schnell deutlich:

„Gegen einen Schlangenbiss spricht allerdings, dass man kein solches Reptil in Kleopatras Gemach fand, dass es schwierig ist, drei Menschen (Kleopatra und ihre beiden Zofen) durch eine Schlange beißen zu lassen, sowie dass ein Kobrabiss durchaus nicht schmerzlos ist und erst nach Stunden oder Tagen zum Tod führen kann. Am wahrscheinlichsten erscheint, dass Kleopatra Gift einnahm oder es sich injizierte, dass aber ihre engsten Vertrauten, darunter wohl ihr Arzt Olympos, auf ihren Wunsch die Schlangenbissversion verbreiteten, weil diese von religiösen Ägyptern als würdevollster und Legenden Vorschub leistender Tod ihrer Königin gesehen würde.“10

Welche Motive haben Kleopatra bei ihrer letzten Tat geleitet?

Ihr Geliebter Marcus Antonius hatte sich wenige Tage zuvor mit dem eigenen Schwert umgebracht. War ihr Herz gebrochen?

Wollte sie der Schande entgehen, als Gefangene im Triumphzug durch Rom geführt zu werden?

Hatte sie den Kampf um die Macht verloren?

Eine Niederlage im Kampf um die Macht sollte in den kommenden 2.000 Jahren für viele Krieger, Herrscher und Despoten immer wieder Grund genug sein, sich selbst umzubringen.

Das Leben und der Tod der letzten Pharaonin Ägyptens fasziniert bis heute Historiker genauso wie Schriftsteller, Maler, Musiker und Regisseure. Kleopatra hat es geschafft, nicht nur für ihre Zeitgenossen, sondern bis in die Gegenwart hinein als Mythos weiterzuexistieren. Durch ihren selbstbestimmten Tod wurde sie am Ende unsterblich.

Das Thema der „Unsterblichkeit“, die verschiedenen Bedeutungsinhalte und sehr unterschiedlichen, konträren Verständnisarten werden an anderer Stelle dieses Buches ausgeführt werden.

Der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio schließt seine Geschichte über Kleopatra mit den Worten:

„Sie gewann die beiden größten Römer ihrer Zeit für sich und wegen des dritten nahm sie sich das Leben.“11

Das antike Griechenland und Rom

Das antike Griechenland ist die Wiege der abendländischen Kultur. Im Schatten der Akropolis wurde der Samen des modernen Denkens gesät. Die Philosophen und Denker der hellenistischen Welt zeichneten die Koordinaten für Körper, Geist, Seele und Kosmos, die bis heute unser Weltbild bestimmen. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen über Leben, Tod und die Welt, an dem Punkt, an dem alle Koordinaten zusammenlaufen, steht der Mensch.

• Pythagoras

Pythagoras von Samos (570 v. Chr.–510 v. Chr.), einer der Begründer der griechischen Mathematik und Philosophie, war von einer Seelenwanderung und der Unsterblichkeit der Seele überzeugt. Seine Anhänger sprachen sich deutlich gegen die Selbsttötung aus. Ihrem Glauben nach war die menschliche Seele wegen einer Ursünde im Körper gefangen, um dort Sühne zu tun. Durch seinen selbst gewählten Tod entziehe sich der Mensch dieser von den Göttern auferlegten Buße und begehe so eine Gotteslästerung.

Dass Pythagoras sein Leben dann doch durch eigene Hand beendet haben soll, weil seine Glaubensgemeinde angegriffen worden war, ist unter Historikern bis heute umstritten.

• Sokrates

Der griechische Philosoph Sokrates (469 v. Chr.–399 v. Chr.) war einer der bedeutenden Denker des Abendlandes. Er gilt als der Begründer einer autonomen philosophischen Ethik. Eine der großen Fragen seiner Erkenntnislehre war: Wie führen das „Gute“ und die „Tugend“ zur Glückseligkeit?

Im Alter von 70 Jahren wird Sokrates wegen Missachtung der griechischen Götter und angeblich verderblichen Einfluss auf die Jugend angeklagt:

€14,95
Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
30 Juli 2025
Umfang:
372 S. 5 Illustrationen
ISBN:
9783831257126
Rechteinhaber:
Bookwire
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