Buch lesen: "Wenn Lernen schwierig ist"

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Die Autorinnen


Jutta Gorschlüter

Nach langjähriger Tätigkeit als freie Bildungsreferentin und mehrjähriger Arbeit mit jugendlichen Schulverweigerern gründete Jutta Gorschlüter 2003 die lerntherapeutische Praxis »Spielraum Lernen« in Münster, Westfalen. Sie begleitet und unterstützt Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die eine lerntherapeutische Förderung benötigen, hält bundesweit Vorträge und bildet seit 2014 im Rahmen des »Spielraum Lernen« Fernlehrgangs Lerntherapeuten/innen aus. Daneben entwickelt sie Spiel- und Lernmaterialien.


Marie Gorschlüter

Marie Gorschlüter hat ihren Master in Erziehungswissenschaft an der Universität Münster gemacht und arbeitet seit 2012 zusammen mit ihrer Mutter als Lerntherapeutin bei »Spielraum Lernen«. Ihre Aufgabenbereiche umfassen Einzelförderungen und Beratungen, bundesweite Fortbildungen/Vorträge und die Betreuung und Ausbildung der TeilnehmerInnen des Fernlehrgangs LerntherapeutIn.


Charlotte Hofmann

Die Bilder in diesem Buch stammen von der Illustratorin und Live-Zeichnerin Charlotte Hofmann. Sie studierte an der Fachhochschule Münster Design und gibt Comic-Zeichenworkshops in Deutschland und der Schweiz.

Jutta Gorschlüter Marie Gorschlüter

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040444-1

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040445-8

epub: ISBN 978-3-17-040446-5

Inhalt

1  Vorwort

3  I Grundlagen des Lernens

4  1 Spielend lernen – Spielräume erweitern

6  2 Lernen ohne Grenzen

8  Konzentration und Aufmerksamkeit

9  Was stört beim Lernen

10  Überforderung und Unterforderung

11  3 Wer lernt wann, wie und wo?

12 

13  Der Lern-Akku

14  Lernerfolg und Lerntempo

15  Die besten Strategien bei Lernschwierigkeiten

16  Wie unsere Wahrnehmung funktioniert

17  Die Falle

18  Intelligenzbereiche

19  4 Lernen durch Denken und Erfahren

20 

21  Das Gehirn

22  Das bildhafte Denken

23  Vom Sprechenlernen und Fragenstellen

24  Die Bedeutung des logischen Denkens

25  5 Alles unter Dach und Fach – Mit Kindern Zuhause lernen

26 

27  Ankommen lassen

28  Der Lernort

29  Hausaufgaben

30  Eselsbrücken, Merksätze und erinnernde Bewegungen

31  II Tipps für den Lernalltag

32  6 Fon Buchschtabn, Wöhrtan und Täksten – Wenn Lesen und Schreiben nicht so einfach ist

33 

34  Was können Hinweise auf eine LRS oder Legasthenie sein – und was unterscheidet die beiden voneinander?

35  Upps! – da stolpern viele Kinder

36  Was tue ich, … … wenn für das Erlernen der Laute/Buchstaben deutlich mehr Zeit benötigt wird?

37  … wenn das Lesen schwer fällt, Laute nur mühsam zu Wörtern zusammengezogen und wiederholt auftretende Wörter nicht erkannt werden?

38  … wenn beim Lesen und Schreiben einzelne Buchstaben und Wortteile ausgelassen werden?

39  … wenn das Kinder- und Erwachsenenalphabet vermischt werden?

40  … wenn beim Lesen oder Schreiben eines Textes Punkte, Kommas und andere Satzzeichen übergangen werden?

41  … wenn Wortlängen oder Wortgrenzen nicht immer eindeutig erkannt werden?

42  … wenn Abschreibtexte mühsam erarbeitet werden und sehr lange dauern?

43  … wenn viele Rechtschreibfehler gemacht werden?

44  … wenn bildlose Wörter wiederholt falsch geschrieben werden?

45  … wenn das Formulieren freier Sätze und Texte nur bedingt gelingt und Satzbau und grammatikalische Strukturen häufig fehlerhaft sind?

46  Kurz und knackig: Was hilft, um leichter lesen und schreiben zu können?

47  7 Die verflixten Zahlen – Wenn Rechnen nicht so einfach ist

48 

49  Was können Hinweise auf eine Rechenschwäche (Dyskalkulie) sein?

50  Upps! – da stolpern viele Kinder

51  Was tue ich, … … wenn Mengen Schwierigkeiten bereiten?

52  … wenn Aufgaben nur durch Hochzählen gelöst werden?

53  … wenn besonders bei Subtraktionsaufgaben Probleme auftauchen?

54  … wenn der Schritt über den Zehner nicht gerechnet, sondern hochzählt wird?

55  … wenn häufig Zahlendreher im Einer- oder Zehnerbereich auftauchen oder Stellenwerte nicht eingehalten werden?

56  … wenn das Einmaleins nur auswendig gelernt, es aber nicht verstanden wird?

57  … wenn der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Zeit, Strecken, Gewichte, Geld) nicht oder kaum gelingt?

58  … wenn Sachaufgaben nicht verstanden werden?

59  Mathematik und Sprache

60  Kurz und knackig: Was hilft, um leichter rechnen zu können?

61  Nachwort der Autorinnen

62 

Vorwort

Kinder kommen als fantastische Lernwesen auf die Welt – mit großer Neugierde, Entdeckerfreude, einer hohen Frustrationstoleranz und viel Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Alles nehmen sie in die Hand oder sogar in den Mund. Immer wieder versuchen sie, nachzuahmen, was sie sehen und hören. Wie oft fallen sie hin und stehen wieder auf, bis es mit dem Laufen endlich klappt? Und dann all die Kinderfragen … In den ersten Lebensjahren ist ein erstaunliches Lernwachstum zu beobachten und das ganz ohne Stundenplan und Lehrpläne. Es braucht kein Curriculum.

Schon einige Jahre später in der Schule gibt es erschreckend viele Kinder, die bezogen auf das Lernen ihre Begeisterungsfähigkeit und das Zutrauen in das eigene Gelingen kaum noch spüren und erleben. Was also ist auf dem Weg vom kindlichen Spiel zum schulischen Lernen passiert? Wo sind die spielerischen Elemente, das Begreifen, Entdecken, die Phantasie, die Kreativität, die Unbekümmertheit, die Neugierde, Begeisterung und der Freiraum geblieben? Wenn wir das Wunder des Lernens mehr begreifen und die zündende Kraft dahinter verstehen, müssten wir nicht alles daransetzen, dass diese Erkenntnisse weitergetragen werden in jede Schule?

In den vergangenen Jahren habe ich viele Kinder und Jugendliche kennengelernt, die in sehr unterschiedlichen Bereichen Lernschwierigkeiten hatten und haben. Die Gründe dafür waren ausgesprochen vielfältig. Mal waren sie überfordert, mal unterfordert, anderen fehlten die richtigen Lernstrategien, um den Stoff sicher abzuspeichern. Bei manchen war es auch einfach so, dass sie zu dem Zeitpunkt, als grundlegender Stoff vermittelt wurde, den Kopf nicht frei hatten für die Materie, weil persönliche Ereignisse sie emotional zu sehr belasteten. So entstanden Lücken, die dringend geschlossen werden mussten. Wieder andere kamen mit den vorgegebenen Unterrichtsmethoden oder dem Lehrstil eines Lehrers nicht zurecht oder hatten genetisch bedingte Lernbeeinträchtigungen.

Kinder und Jugendliche kamen und kommen zu mir mit unterschiedlichen Diagnosen wie beispielsweise Wahrnehmungsstörungen, ADHS, Konzentrationsproblemen, Lese-Rechtschreibschwäche, Legasthenie, Hochbegabung, Dyskalkulie (Rechenschwäche), mangelnde Lernmotivation, Schulverweigerung oder Verhaltensauffälligkeiten. Vom 6-Jährigen bis zum 24-Jährigen war jedes Alter vertreten. Die Schulen, die sie besuchten, decken das ganze Spektrum ab, das die deutsche Schullandschaft zu bieten hat. Von der Förderschule bis zum Gymnasium war alles dabei.

Bei einem Großteil der Kinder und Jugendlichen, mit denen ich bisher gearbeitet habe, liegt die Ursache für Lernschwierigkeiten zusätzlich in einer stark traumatisierenden Kindheit. Sie tragen nicht nur an den emotionalen Belastungen, denen sie manchmal über Jahre hinweg ausgesetzt waren, sondern sind zudem auch nicht entsprechend gefördert worden.

Was auch immer die Gründe waren mich aufzusuchen, meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es in jedem Menschen noch ein gewaltiges Potenzial gibt, das zu entdecken und zu nutzen ist. Das gilt für Kinder und uns Erwachsene gleichermaßen.

Jeder einzelne meiner Schüler hatte neben den Schwierigkeiten beim Lernen immer auch ganz besondere Stärken, Talente und Fähigkeiten. Darunter waren sehr außergewöhnliche Begabungen. Ein Jugendlicher, der als Analphabet zu mir kam, wurde als »Pferdeflüsterer« bezeichnet. Ein 14-jähriger Schulverweigerer war fasziniert von chinesischen Schriftzeichen und beschäftigte sich in der Freizeit freiwillig damit. Ein 8-jähriges Mädchen baute nach der Schule aus unterschiedlichen Materialien ganze Bühnenbilder. Sebastian war der Charme in Person, immer hilfsbereit und gut gelaunt, und als Bastian in dem Musical »Westside Story« hingebungsvoll das Liebeslied an Maria sang, schmolzen sämtliche Zuhörer dahin und weinten vor Rührung.

Durch die vielen gemeinsam mit Kindern verbrachten Stunden habe ich mein Wissen und meinen Erfahrungsschatz immer wieder erweitern können. Nach wie vor bin ich fasziniert davon, Neues zu lernen, entdecken und erkennen zu dürfen. Spielen gehört für mich immer dazu. Meine Schüler haben mich oft genug herausgefordert, mich mit Lerninhalten wieder auseinanderzusetzen, die auch mir in meiner Schulzeit langweilig und unnötig erschienen oder mir vorkamen wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Auf jeden Schüler musste ich mich neu einstellen, und was bei dem einen gut funktionierte, funktionierte bei dem nächsten Schüler noch lange nicht. Das gemeinsame Suchen nach Lösungen ist dadurch zu einem wesentlichen Bestandteil meiner Arbeit geworden. Deswegen geht es in diesem Buch darum, mehr über das Lernen zu erfahren und eine differenzierte Sichtweise auf die unterschiedlichen Aspekte des Lernens zu entwickeln. Nicht alles ist auf jeden anwendbar, aber in einem sind wir alle gleich: Wir lernen am besten in einer wohlwollenden Atmosphäre, wo auf kluge Ratschläge, Besserwisserei, Ironie und Überheblichkeit verzichtet wird. Wo wir uns öffnen können für Neues.

Im Laufe der Jahre habe ich durch Vorträge viele engagierte Eltern, Lehrer und pädagogische Fachkräfte kennengelernt, die sich auf den Weg machen und selbst auch noch dazu lernen möchten. Den vielen Nachfragen nach einem Manuskript zu meinen Veranstaltungen komme ich mit diesem Buch nach. Allerdings wäre dieses Buch ohne die Unterstützung meiner Tochter Marie bis heute nicht vollendet. Da sie seit vielen Jahren gemeinsam mit mir arbeitet, fließen viele ihrer Erfahrungen mit ein, und dieses Buch ist zu unserem gemeinsamen Projekt geworden. Für die Schreibweise des Buches sind wir jedoch durchgehend bei der Ich-Form geblieben, um den Lesefluss nicht unnötig zu erschweren.

Der erste Teil des Buches befasst sich mit den allgemeinen Gedanken zum Thema Lernen mit Kindern: Was ist die Grundlage für ein entspanntes Lernen? Was gilt es darüber zu wissen? Wie funktioniert unser Gehirn? Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich konkret mit Aspekten, die Kinder beim Lesen, Schreiben und Rechnen Schwierigkeiten bereiten, also den Stolpersteinen. Er enthält viele praktische Tipps dazu, wo man besonders bei den Grundkompetenzen ansetzen kann, um die Kinder zu unterstützen und ihnen mehr Sicherheit zu geben.

Mein Leben ist durch die Arbeit, die ich mache, sehr bereichert worden. Ich habe eine Menge darüber gelernt, wie das Lernen funktioniert – und lerne noch immer. Es ist einfach eine große Freude, dazu beitragen zu können, dass dieses Potenzial, das in den Kindern schlummert, ans Licht kommt. Glauben Sie mir, meine besten Erkenntnisse stammen nicht aus Büchern, sondern von all den Kindern und Jugendlichen, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte.

Jutta Gorschlütter

I

1
Spielend lernen – Spielräume erweitern

Ich wollte immer, dass meine Kinder vor allem eines sind: zufrieden und glücklich. Selbstständig sollten sie sein und kreativ, sich frei fühlen und gleichzeitig lernen, Hindernissen nicht aus dem Weg zu gehen und Krisen als Chance nutzen, um zu wachsen. Sie sollten entscheidungsfreudig sein. Ich habe mir gewünscht, dass sie ihr Potenzial ausschöpfen und dass sie einen Sinn in ihrem Leben sehen. Bei der Frage nach dem »Wie« bin ich in die gleiche Falle getappt wie viele Eltern. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich viele Ideen hatte, wie das Leben meiner Kinder später konkret aussehen könnte. Ich glaubte ja, ihre Talente und ihre Veranlagungen zu sehen, und auf diesem Hintergrund schlich sich die eine oder andere Vorstellung bei mir ein, dies oder jenes könnte doch später vielleicht ein guter Beruf sein. Ich glaubte zu wissen, was meinen Kindern liegt und die Richtung zu kennen, in die es gehen könnte. Ich hatte keine genauen Pläne, aber Vorstellungen.

Rückblickend kann ich nur sagen, dass das, was meine inzwischen erwachsenen Kinder heute ausmacht, womit sie sich beruflich und privat beschäftigen, die Bereiche, in denen sie zufrieden und erfolgreich sind, definitiv nicht einmal annähernd auch nur als Idee auf meiner langen Liste vorkamen. Noch schlimmer, sie kamen nicht nur auf meiner Liste nicht vor, sie existierten nicht einmal als Möglichkeit in meinem Kopf. Wenn wir also vielleicht gar nicht so genau planen und absehen können, wie unsere Kinder ihr Leben gestalten werden, was können wir ihnen dann mitgeben? Wie müsste die Bildung für unsere Kinder aussehen? Was brauchen sie von uns, um in dieser Welt bestehen zu können?

Die Antwort ist relativ einfach. Das Wichtigste, was Kinder zum Lernen benötigen, ist ein sicherer Hafen, ein sicheres Umfeld, Menschen, die eine intensive Beziehung zu ihrem Kind haben, ihnen Sicherheit geben. Eltern oder Gemeinschaften, die sich verbunden fühlen mit dem Kind, ihm etwas zutrauen und es inspirieren. Die es so annehmen und lieben, wie es ist. Das ist die Basis von allem. Der wichtigste Ort zum Lernen ist also die Familie, in der ein Kind seine Wurzeln nach unten strecken darf, um Halt zu bekommen, um sich dann nach oben entfalten zu können. In diesem sicheren Umfeld erleben Kinder die wichtigsten Lektionen des Lernens. Sie dürfen sein – sich entdecken – versuchen – ausprobieren – nachahmen – staunen – Spielräume erleben und … spielen, spielen, spielen.

Im Spiel lernen Kinder unglaublich viel. Es ist ein Irrglaube, Spielen und Lernen seien zwei getrennte Dinge. Lernen ist ebenso wenig an die Schule und Tausende von Arbeitsblättern gebunden wie Spielen nur an speziell für Kinder vorgesehene Spielzeuge. Kinder, die ihre Entdeckerfreude ausleben dürfen, die von den Erwachsenen gesehen und ernst genommen werden, die sich begeistern können und sich anstecken lassen von der Begeisterung anderer, die sich gemeinsam kreativ auf den Weg machen, haben die beste Chance, ihr Potential zu entfalten, kreative Lösungen zu finden und neue Wege zu wagen.

Allerdings werden junge Eltern heute immer früher verunsichert und verspüren den Drang, in die Selbstentfaltung der Kinder einzugreifen. Dabei laufen sie Gefahr, statt Freiräume im Spiel zuzulassen, Impulse zu geben und auf kindliches Interesse zu reagieren, zu steuern und zu manipulieren. Das ist auch kein Wunder, werden sie doch von allen Seiten überschüttet mit Ratschlägen, die ihnen auflisten, was ihr Kind wann alles können oder haben müsse, um sich bestmöglich zu entwickeln. Auf MamaBlogs sind strahlende Mütter zu sehen, durchgestylt, ausgestattet mit Unmengen an Kreativität und Gelassenheit. Glückliche Kinder, die in die Kamera lächeln und natürlich das selbstgebastelte Spielzeug der Mama dankbar als Anreiz nehmen, um intensiv damit zu spielen. Und das Fazit heißt #Musthaves.

Ich beneide die jungen Eltern wirklich nicht, wenn man die Flut an Informationen bedenkt, die auf sie einprasseln. Beim Kinderarzt, im Kindergarten, in der Spielgruppe: Die Verunsicherung wird untereinander zusätzlich genährt durch ständiges Vergleichen, ob das Kind dies oder das auch schon könne, und das Vorführen der Kinder, zu zeigen, was er oder sie schon alles kann. Sicher wollen alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Die Frage ist nur: Was ist das Beste und ist das Beste planbar?

Die Wirklichkeit sieht so aus, dass schon recht früh in den Köpfen vieler Eltern der Wunsch vorherrscht, dass ihre Kinder einen guten Beruf erlangen sollen, d.h. eine gute Bildung benötigen, d.h. einen guten Schulabschluss, d.h. gute Noten in der Schule, d.h. eine frühe Förderung … damit all das gelingen kann. Was also ist der naheliegendste Gedanke für viele Eltern? Ganz einfach: »Man kann nicht früh genug anfangen!« In diesem Denk-Dilemma stecken viele Eltern unbewusst, da sie den Konkurrenzkampf in unserer Leistungsgesellschaft mitbekommen und sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen. Eltern möchten das Beste für ihr Kind. Doch was ist dieses »Beste«?

Verunsicherungen dieser Art kenne ich auch:

Mein ältester Sohn bekam mit 4 Jahren Krankengymnastik verschrieben, was bedeutete, dass ich zwei Kinder, nämlich meinen Sohn und seine ein Jahr ältere Schwester, ins Auto packen musste, um in den 25 Minuten entfernten Nachbarort zu fahren. Dort musste ich meinen Sohn umkleiden und dann mit ansehen, wie er zunächst einmal 10 von den kostbaren 25 Minuten, die ihm verschrieben wurden, damit verbrachte, an meinem Hosenbein zu kleben, nur damit er dann mit viel Überredungskunst nach 10 Minuten lustlos und unmotiviert begann mitzumachen. Die junge Frau wollte seinen Gleichgewichtssinn trainieren, und dazu sollte mein Sohn über unterschiedliche Kissen und Hindernisse laufen, die sie im Raum verteilt hatte. Nach dem 4. Termin traf ich eine Entscheidung und meldete ihn ab. Das musste doch auch mit mehr Begeisterung und geringerem Aufwand für mich als Mutter gehen. Also gingen wir häufiger in den Wald und jedes Mal querfeldein. Das bedeutete: Hinsehen, die Füße heben, Hindernisse wie Äste und Baumstämme übersteigen, balancieren auf Baumstämmen und sich den unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten anpassen. Wir hatten Spaß, und ganz nebenbei trainierte mein Sohn seinen Gleichgewichtssinn.

Was mich damals ermutigt hat, diese Entscheidung so zu treffen, ist eigentlich ein offenes Geheimnis. Ich habe auf meinen Bauch gehört und das sollten Eltern häufiger tun.

Manchmal wird uns Erwachsenen der Blick für das Wesentliche verschleiert, weil wir Angst vor dem möglichen eigenen Versagen haben oder weil wir glauben, nicht genug getan zu haben. Wenn wir den Schleier der Angst, der beständig »Aber, aber, aber…« ruft, ignorieren oder zur Seite schieben, bin ich sicher, dass es in den Antworten von Eltern einen Konsens gibt: Wir möchten, dass unsere Kinder zufrieden und glücklich sind und dass sie eine positive Lebenseinstellung haben.

Ich habe über die Jahre viele Eltern kennengelernt, die kamen und erzählten, dass ihr Gefühl ihnen sagte: »Da stimmt etwas nicht. Mein Kind versteht viele Dinge nicht und ich glaube, da versteckt sich mehr dahinter.« In den meisten Fällen stimmte das Bauchgefühl der Eltern, und entweder waren die Kinder maßlos überfordert, unterfordert, kamen mit den Inhalten nicht zurecht oder hatten andere Schwierigkeiten. Diese Eltern sorgten sich und spürten, dass ihre Kinder sich veränderten, unzufrieden wurden und litten. Wenn Eltern eine gesunde Beziehung zu ihren Kindern haben, ist das Bauchgefühl oftmals ein sehr guter Gradmesser.

Das Bauchgefühl von Eltern wahrzunehmen und ihm zu vertrauen, heißt nicht zwangsläufig, dass Pädagogen sofort eine Lösung für die Schwierigkeit des Kindes präsentieren können und müssen. Doch Pädagogen sollten hier sensibel und feinhörig sein und ihr Unterscheidungsvermögen schulen. Denn das schrittweise Suchen von Lösungen ist ein wichtiger Baustein des Lernens. Das gilt auch für uns Erwachsene.

Auch ich erlebte in den letzten 25 Jahren immer wieder Situationen, in denen ich mir und meinem Gegenüber eingestehen musste, dass ich keine sofortige Lösung griffbereit hatte. Aber genau durch diese Herausforderungen fielen mir neue kreative Wege ein und ich habe am meisten hinzugelernt.

Grundsätzlich ist es so: Ein Kind möchte gesehen werden und das heißt im schulischen Kontext, dass es dort Menschen geben muss, die das Kind wahrnehmen und als Subjekt behandeln. Angesprochen sind damit alle Personen, die Lernprozesse begleiten. Beziehung ist aber nicht gleich Beziehung. Hinter einer Äußerung wie: »Ich habe nichts gegen das Kind!« steht sicherlich keine ausreichend positive Grundeinstellung dem Kind gegenüber. Gemeint sind wirklich wohlwollende Beziehungen. Beziehungen, die Kinder motivieren, die Welt zu entdecken und zu erobern. Das kann die Welt der Zahlen und Wörter, der Sätze und Geschichten sein, die Welt der Tiere, Entdeckungen, der Musik und des Sports. Wenn Begeisterung ins Spiel kommt, steigert das die eigene emotionale Beteiligung, und diese wird zu einer zündenden Kraft. Genauso lernen Kinder im Spiel.

Im spielerischen Lernen ist der Moment, in dem ein Aha-Effekt passiert, nicht planbar.

Jasper ist 6 Jahre alt und bei uns zu Besuch. In tiefe Gedanken versunken schaut er aus dem Fenster und beobachtet einen Möbelwagen, der vor einem Mehrfamilienhaus parkt. Nach und nach tragen zwei Männer mehrere Möbel in den Wagen. Plötzlich dreht Jasper sich zu mir um und fragt nachdenklich: »Wenn einer eine Wohnung hat und dann umzieht, dann zieht doch ein Neuer ein, oder?« »Ja«, antworte ich, »dann kann die Wohnung neu vermietet werden und ein anderer zieht dort ein.« Eine kurze Pause entsteht, und Jasper schlussfolgert weiter: »Aber der hat doch vorher auch eine Wohnung gehabt? Zieht dann da auch wieder ein Neuer ein?« »Ja«, antworte ich, »auch in diese Wohnung zieht dann wieder jemand anderes ein.« Wiederum denkt Jasper einen Moment nach, dann setzt er seine Gedanken laut fort: »Aber wenn einer umzieht, und dann noch jemand und noch jemand, dann …« Er seufzt und sagt mehr zu sich selbst: »Dann ist ja die ganze Welt in Bewegung!«

Wie diese Geschichte zeigt, verlaufen diese Aha-Momente nicht immer laut und spektakulär. Es passiert einfach, aber jedes Mal, wenn es passiert, ist das beglückende Gefühl, das damit verbunden ist, gleichzeitig auch der innere Antrieb weiterzumachen.

Was bedeutet das aber für das schulische Lernen? Heißt das, dass Erfolge nicht planbar sind? Bis zu einem gewissen Grad sind sie tatsächlich nicht planbar, doch je mehr wir über die Lernprozesse wissen, desto mehr können wir die Lern- bzw. Spielräume gestalten. Immer da, wo Kinder als vollständige Persönlichkeiten gesehen werden und emotional beteiligt sind, wird der Nährboden für solche Aha-Effekte bereitet.

Meine Schülerin Samira, die eine Rechenschwäche hat, kann sich einfach nicht merken, wie viele Monate ein Jahr hat. Sie verwechselt dabei häufig die Anzahl der Wochentage, die Anzahl der Tage eines Monats oder sie rät einfach: »Zwanzig? Dreißig?« Wenn ich Samira frage, ob sie eine Möglichkeit weiß, sich hier weiterzuhelfen, nickt sie und beginnt sich das Lied von Rolf Zuckowski »Die Jahresuhr« vorzusingen. Dabei zählt sie mit den Fingern die gesungenen Monate ab.

Nachdem sie sich seit Wochen die Anzahl der Monate nicht sicher merken konnte, schaut sie mich enttäuscht an und seufzt: »Ich bin echt dumm, dass ich mir das nicht merken kann!« »Aber nein,« erwidere ich, »mir ist einfach auch noch keine gute Idee gekommen, wie man sich das besser merken kann.«

Zum Glück aber kam mir die passende Idee an einem der nächsten Tage. In der nächsten Stunde erzähle ich Samira davon: »Weißt du, ich kenne das Lied ›Die Jahresuhr‹ mit den Monaten jetzt schon seit vielen Jahren, aber ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, warum Rolf Zuckowski das Lied ›Die Jahresuhr‹ genannt hat.« Ich nehme eine große Uhr zur Hand und fordere Samira auf: »Sing doch bitte einmal das Lied und starte beim Januar mit deinem Finger oben auf der Uhr bei null Uhr. Mit jedem Monat, den du singst, gehst du mit dem Finger eine Zahl weiter auf der Uhr. Mal sehen, wo du ankommst.«

Erstaunt stellt Samira fest, dass sie genau wieder oben bei der 12 ankommt nach einem Jahr auf der Jahresuhr. Wir drehen noch eine Runde auf der Uhr mit dem Lied, um sicher zu sein, dass das kein Zufall war, dass es genau 12 Monate sind – genau wie die Zahlen auf der Uhr.

Und tatsächlich: Wieder landet Samira bei der 12. »Ach so«, höre ich sie plötzlich lachen. »Das ist ja ganz einfach. Das Lied heißt ›Die Jahresuhr‹, weil in einem Jahr so viele Monate sind wie große Zahlen auf der Uhr. Dass 12 Zahlen auf der Uhr sind, weiß ich ja. Dann weiß ich ja auch, wie viele Monate es gibt.«

Als Samira in der nächsten Woche kommt, frage ich sie im Verlauf der Stunde, ob sie noch weiß, wie viele Monate ein Jahr hat. Sie sagt mit ernstem Gesicht: »Dreizehn?«, dann grinst sie und sagt: »Scherz! Natürlich zwölf!«

Wenn man sich mit dem Lernen beschäftigt, stellt sich zwangsläufig die Frage: Ist unser Schulsystem in seiner jetzigen Form wirklich geeignet, um junge Menschen auf die Veränderungen des Lebens, so wie sie auf sie zukommen, genügend vorzubereiten? Ein grundlegendes Umdenken würde zwangsläufig wesentliche Veränderungen im Schulsystem nach sich ziehen müssen, die zum Teil lange überfällig sind.

Die Frage, die sich mir stellt, ist folgende: Wie können wir das Gefühl einer Schul-Pflicht wandeln in das Gefühl einer Schul-Chance? Kinder gehen erwartungsvoll in die Schule, sie wollen Lesen und Schreiben lernen, sie wollen mit Zahlen umgehen können, und die meisten von ihnen haben spielerisch schon die ersten Erfahrungen damit gesammelt. Gerade noch haben sie gespielt, und jetzt mit der Schule beginnt der »Ernst des Lebens«. Das sollte so nicht sein. Das Spiel sollte weitergehen, das Lernen sollte auch weiterhin eng mit dem Gefühl des Entdecken-dürfens verbunden sein, dem Wissen, dass ich in meinem eigenen Tempo und auf meine Art lernen darf, dem Vertrauen darauf, dass man mich mit meinen Stärken sieht und mich darin unterstützt, so zu lernen, wie es für mich am leichtesten ist.

Ich habe in meiner Praxis mehrere Tausend Kinder kennen gelernt, und sie alle waren so verschieden. Da gibt es die, die entspannt vom Klassenverband Anschluss finden und sich in einer Gruppe wohlfühlen. Doch es gibt auch die Individualisten, die Anders-Denker, die Dinge viel mehr hinterfragen, die kein »Gruppentyp« sind. Es gibt die, die Dinge gerne selbst gestalten und entscheiden, wie der Weg aussehen soll, den sie gehen. Es gibt auch die, die es – unabhängig von der Erziehung – eher zu schätzen wissen, wenn man ihnen eine Richtung vorgibt und sie sich an festen Strukturen orientieren können. Kinder sind geprägt durch sehr unterschiedliche Erfahrungen, sie haben unterschiedliche Charaktere und Talente. Daneben bringt jedes Kind seine individuelle Geschichte mit, verbunden mit all den Erfahrungen, die es im bisherigen Leben gemacht hat. Manche haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen oder sehen sich ständig Herausforderungen gegenübergestellt. All diese wunderbar verschiedenen Kinder haben ihre Berechtigung und sollten die Chance haben, mit ihrer Art im Schulsystem angenommen und gesehen zu werden. Sie sollten vielfältige Impulse bekommen und inspiriert werden, ihre ganz individuelle Art zu leben. Sie sollten spielend lernen dürfen und Lernen als Chance erfahren.

Was wir wollen, sind lebensfrohe, selbstbewusste Kinder. Kinder, die sich etwas zutrauen. Kinder, die ihr Potenzial entfalten, die zu verantwortungsvollen Menschen heranreifen. Kinder, die die Welt mit allem entdecken, die die Welt mitgestalten und Verantwortung für sich und andere übernehmen. Damit dies gelingt, müssen wir die Kinder nicht nur abholen, wo sie stehen, sondern wir müssen sie auch wahrnehmen mit allen ihren Eigenschaften und persönlichen Nuancen.

Doch was bedeutet das ganz konkret?

Noah hat einen extrem hohen Bewegungsdrang. Es gelingt ihm in der Schule nicht, länger als 5–10 Minuten auf dem Stuhl zu sitzen. Seine Konzentration bei schulischen Aufgaben ist ausgesprochen schlecht. Es dauert manchmal ewig, bis er anfängt, sein Durchhaltevermögen ist gering und schnell wendet er sich immer wieder neuen und interessanteren Dingen zu, erledigt die Aufgaben flüchtig oder gar nicht.

Genres und Tags

Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
19 Dezember 2025
Umfang:
355 S. 59 Illustrationen
ISBN:
9783170404465
Rechteinhaber:
Bookwire
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