Buch lesen: "Traum oder wahres Leben"
Joachim R. Steudel
Traum oder wahres Leben
Gifuto - Das Geschenk
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Wiedersehen
Nach dem Kampf
Das Angebot
Fehlverhalten mit Folgen
Ninja und Kazuko
Der Schmied
Informationen
Gefahr
Wechselbad der Gefühle
Zwei von vier Tagen
Gastmahl und Heilversuch
Der Auftrag des Daimyo
Kampf und Gespräche
Feuer in Bandai
Kinderwunsch und Abschied von Sendai
Die neue Heimat, Dauerregen und Ronin
Zeit der Trauer
Glossar und Nachbemerkung
Buchliste
Impressum neobooks
Das Wiedersehen
Schon seit geraumer Zeit lief die junge Frau suchend durch Lauscha. Sie hatte fast den ganzen Ort durchwandert und auf Grund der Gebirgslage einige Straßen auch mehrfach erkundet. Nun lief sie zum zweiten Mal an dieser Straßenbaustelle vorbei, und die Männer dort blickten sie wieder mit unverhohlener Neugier an. Sofort stellte sich bei ihr dieses ungute Gefühl ein. Sie fühlte sich durchschaut, erkannt und erniedrigt.
Nur schnell vorbei, dachte sie, doch das sollte ihr nicht gelingen. Einer der Bauarbeiter steuerte direkt auf sie zu.
Nachdem er sich mehrfach bewundernd über die junge Frau geäußert hatte, wurde er von seinen Kollegen so lange angestachelt, bis er allen Mut zusammennahm und auf sie zuging. Sie bemerkte das und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken oder umgekehrt, doch dazu war es bereits zu spät.
»Hallo, Sie sehen so suchend aus, kann ich Ihnen helfen?«
Oh, der scheint ja recht freundlich und nicht nur auf eine dumme Anmache aus zu sein, stellte sie erleichtert fest.
»Ja, vielleicht. Ich suche das Haus eines Bekannten und habe dummerweise seine Adresse nicht aufgeschrieben«, antwortete sie ausweichend.
»Wie heißt denn ihr Bekannter? Lauscha ist überschaubar, vielleicht kenne ich ihn ja.«
Ihr Gesicht hellte sich auf.
»Günter Kaufmann heißt er, und nach den Bildern, die er mir gezeigt hat, wohnt er in einem relativ neuen Einfamilienhaus. Er hat vor etwas mehr als einem Jahr seine gesamte Familie bei einem schweren Verkehrsunfall verloren.«
Das Gesicht des Bauarbeiters veränderte sich schlagartig und mit einem traurigen Blick deutete er nach rechts den Hang hinauf.
»Dort oben, hinter den zwei größeren Häusern, ist eine schmale Zufahrtsstraße, an der mehrere neue Einfamilienhäuser stehen. Das vorletzte gehört Herrn Kaufmann. Wenn Sie hier vorn rechts einbiegen, sich an der nächsten Kreuzung links halten und anschließend immer wieder rechts abbiegen, können Sie es nicht verfehlen.«
»Danke!«, sagte sie hocherfreut und wollte sich auf den Weg machen, doch der Bauarbeiter hielt sie noch einmal auf.
»Warten Sie! Etwas muss ich Ihnen noch sagen! Ich weiß nicht, wann und wo Sie Herrn Kaufmann zum letzten Mal gesehen haben, doch seit dem Unfall hat er sich sehr verändert. Ich wohne ganz in der Nähe, und wir haben uns früher manchmal getroffen, aber nach dem Tod seiner Familie war er nicht mehr derselbe. Erst war er total am Boden und nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hat sein Geschäft vernachlässigt, und viele haben schon befürchtet, dass es den Bach runtergeht. Manchmal ist er, ohne zu sagen wohin, einfach verschwunden und Tage später erst wieder aufgetaucht. Dann hat er ohne irgendeine Begründung sein Geschäft plötzlich abgegeben. Man munkelt, er hätte so eine Art Aktienfonds eingerichtet und diesen unter seinen Angestellten aufgeteilt. Die fähigsten von ihnen hat er zur Leitung der Firma bestimmt und ihnen alle weiteren Entscheidungen überlassen. Er soll zwar bei Fragen und Problemen immer noch zur Verfügung stehen, aber ansonsten kümmert er sich nicht mehr um das Geschäft.«
Er holte tief Luft und schüttelte den Kopf.
»Ich sehe ihn noch ab und zu, doch ich habe das Gefühl, dass er jetzt ein ganz anderer Mensch ist. Er meidet den Kontakt mit anderen und sucht die Einsamkeit. Manchmal habe ich ihn in den Bergen stundenlang still an einem Fleck sitzen sehen, und er schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Irgendwie ist er sehr seltsam geworden. Also wenn Sie ihn von früher her kennen, dann sollten Sie keinen überschwänglichen Empfang erwarten.«
Sie lächelte ihn an und sagte:
»Danke für den Tipp, aber ich denke, er wird mich schon erwarten. Wir haben uns erst vor einigen Tagen zufällig getroffen und hatten ein langes und interessantes Gespräch. Also nochmals danke für alles und: Auf Wiedersehen!«
Mit diesen Worten wendete sie sich ab und folgte dem beschriebenen Weg.
Ihr nachdenklich nachschauend, ging der Bauarbeiter zurück zu seinen Kollegen, und diese empfingen ihn mit neugierigen Worten:
»Eh, das war ja anscheinend eine sehr erfolgreiche Anmache! Du hast ihr wohl gleich den Weg zu dir nach Hause beschrieben?«
»Quatschkopp, seh ich so aus, als ob so ne Frau auf mich fliegen würde!? Ne, sie wollte wissen, wo der Kaufmann wohnt. Kennt ihn irgendwoher und will ihn besuchen.«
»Na, dann viel Spaß! Der lässt sich doch auf kein Gespräch mehr ein.«
»Glaub ich nicht! Sie scheint ihn erst vor kurzem getroffen zu haben. Auf alle Fälle kennt sie ihn recht gut, denn nichts von dem, was ich über ihn gesagt habe, hat sie wirklich überrascht.«
»Vielleicht ist das ja so ne Psycho-Tante, die ihn wieder auf die Reihe kriegen will«, sagte ein Dritter und schaute ihr noch einmal hinterher.
In diesem Augenblick bog die junge Frau in die Seitenstraße ein und entschwand ihren Blicken. Zügig schritt sie den beschriebenen Weg entlang, und als sie die Zufahrtsstraße erreichte, beschlich sie das Gefühl, dieses Bild schon einmal gesehen zu haben. Sie dachte einen Augenblick nach und erinnerte sich an Bilder aus der Geschichte des Mannes, den sie suchte. Nun brauchte sie die Beschreibung des Bauarbeiters nicht mehr. Schnell und sicher strebte sie dem Haus zu und erkannte es sofort wieder. Ein Blick auf die Klingel, und sie wusste, sie war richtig.
Sie holte tief Luft, drückte auf den Klingelknopf und schaute erwartungsvoll zur Haustür. Doch nichts bewegte sich, kein Geräusch war zu hören, und niemand war zu sehen. Noch zweimal wiederholte sie diesen Versuch, dann war ihr klar, es war niemand zu Hause.
Was nun? Sollte sie umkehren und ein anderes Mal wiederkommen? Aber da wären die Chancen auch nicht besser. Genauso gut konnte sie warten, vielleicht war er ja nur kurz weggegangen und kam bald zurück. Sie schaute sich um und stellte fest, dass das Haus in einer sehr schönen Lage stand. Nicht weit hinter dem Haus begann der Wald, der sich über den gesamten restlichen Hang bis zum Gipfel des Berges hinzog. Nur noch ein Haus folgte, und dann endete die Straße in einer sanft abfallenden Wiese. Dieser strebte sie nun zu. Das Gras war noch nicht lange gemäht, und die jungen frischen Spitzen verliehen der Wiese eine saftig grüne Farbe. Nachdenklich setzte sie sich und schaute ins Tal.
Eine angenehme Ruhe umgab sie. Nur Vogelstimmen und der leichte Wind, der mit den Blättern der Bäume spielte, waren zu hören. Erst wenn man sich sehr anstrengte, konnte man die Geräusche aus der im Tal liegenden Stadt wahrnehmen. Diese wirkten jedoch nicht störend, im Gegenteil, sie waren leise und nahmen einem das Gefühl der Einsamkeit.
Langsam wanderte ihr Blick über die schöne Landschaft, und es dauerte nicht lange, bis sie sich in diesen Ort verliebt hatte. Träumerisch schaute sie von einem Fleck zum anderen, doch nach einiger Zeit nahm sie nichts mehr davon wahr. In ihren Gedanken tauchten Bilder der Geschichte auf, die sie hierher geführt hatte.
Sie konnte nicht sagen, wie lange sie so gesessen hatte, als hinter ihr eine wohlbekannte Stimme ertönte.
»Wenn Sie keinen Sonnenbrand haben wollen, sollten Sie nicht so in der prallen Sonne sitzen.«
Sie fuhr herum und schaute in das freundliche Gesicht des Mannes, den Sie gesucht hatte.
»Hallo!«, sagte sie und stand auf. »Ich denke, Sie werden mich erwartet haben, und ich möchte gerne erfahren, wie diese Geschichte ausgegangen ist.«
Schmunzelnd sah er sie an.
»Naja, sagen wir, ich habe gehofft, dass Sie nicht tun, was Sie auf diesen Berg geführt hatte, und wenn Sie es möchten, dann werde ich Ihnen auch den Rest der Geschichte erzählen. Aber eins sollten Sie wissen. Es könnte länger dauern.«
»Das hab ich mir schon gedacht, doch die Bilder dieser Geschichte lassen mich nicht mehr los, und ich denke auch, dass es nicht nur eine Geschichte ist, sondern ein gelebtes Leben. Ich weiß zwar nicht, wie das möglich ist, doch vielleicht werde ich es ja noch erfahren.«
»Na, dann kommen Sie mal mit. Wir können uns auf die Terrasse hinterm Haus setzen, dort ist es jetzt etwas schattig, und das dürfte Ihrer Haut guttun.«
Sie sah sich ihre schon leicht geröteten Arme an und stimmte dankbar zu. Auf dem Weg zum Haus musterte sie ihn prüfend. Das Bild, das sie von ihm hatte, und seine Ausstrahlung passten so gar nicht zu dem, was der Bauarbeiter über ihn geäußert hatte. Doch wahrscheinlich ist das so, wenn sich ein Mensch geändert hat und nicht mehr in die Schablone passt, die man anlegt. Nur Außenstehende konnten sein neues und wahres Ich erkennen, alle anderen hielten ihn für übergeschnappt oder bestenfalls von den tragischen Ereignissen gezeichnet.
Sie betraten den kleinen Vorgarten, und er führte sie um das Haus herum zu der schön angelegten Terrasse. Dort bat er sie, auf der Hollywoodschaukel Platz zu nehmen, und rückte einen kleinen Tisch heran. Anschließend schloss er die Tür auf, die von der Terrasse ins Wohnzimmer führte. Von da ging er in die Küche, um Gläser und etwas zum Trinken zu holen.
»Was möchten Sie trinken? Ich habe gut gekühlten Apfelsaft, Orangenlimonade und einfachen Sprudel«, rief er aus dem Haus heraus.
»Vielleicht den Apfelsaft. Oder warten Sie, bringen Sie den Sprudel doch mit. Mit Wasser verdünnten Apfelsaft trink ich eigentlich sehr gerne.«
Mit den beiden Flaschen und zwei Gläsern in der Hand kam er wieder heraus. Nachdem er ihr eingegossen hatte, zog er einen Gartenstuhl heran und setzte sich ihr gegenüber hin. Lange und eindringlich schaute er sie an.
Seltsamerweise empfand sie diesen Blick nicht als unangenehm, sondern es wurde ihr dabei richtig warm ums Herz. Sie hielt seinem Blick lange stand, und erst als er sie ansprach, griff sie zum Glas und trank in tiefen Zügen.
»Was hat Ihre Meinung geändert? Was hat Sie bewogen, doch das Leben zu wählen?«
»Ich kann es Ihnen nicht genau sagen! Zum einen sicherlich die Neugierde, denn ich möchte zu gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht.«
Sie machte eine Pause und dachte angestrengt nach, doch als sie eine Weile später immer noch nicht fortfuhr, fragte er:
»Und zum anderen?«
Ruckartig blickte sie von dem Glas hoch, das sie angestrengt fixiert hatte.
»Ja, und zum anderen hat mich einiges nachdenklich gemacht. Das, was Sie mir erzählt haben, oder besser gesagt, was ich mit Ihnen erlebt habe, hat mich sehr beschäftigt. Jetzt frage ich mich, ob ich das Recht habe, einfach so aus meinem Leben zu flüchten. Vielleicht kann ich diesem ja ein neues Ziel geben, einen neuen Weg finden, um ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.«
Sie holte tief Luft, schüttelte den Kopf und sah ihm in die Augen.
»Ich weiß es nicht. Doch ich möchte gerne mehr hören von Ihrer Geschichte. Sie haben bei unserem ersten Treffen so plötzlich abgebrochen und sind dann so schnell verschwunden. Warum? Was hat Sie dazu veranlasst?«
Nun war er es, der tief Luft holte und überlegte. Was und wie viel durfte er ihr erzählen? Schließlich schüttelte er den Kopf und sagte, sie dabei anlächelnd:
»Das ist schwierig zu erklären, aber ich merke, dass ich das, was ich einmal begonnen habe, auch irgendwie zu Ende führen muss. Ich hoffe, Sie haben genügend Zeit mitgebracht!?«
»Ja, natürlich! Nur deshalb bin ich hier.«
»Gut, dann würde ich vorschlagen, wir lassen das mit dem Sie sein, denn Sie, oder besser gesagt, du tauchst so tief in meine Welt ein und erfährst so viele intime, persönliche Dinge, dass es schon ein wenig seltsam klingt, wenn wir uns weiter siezen.«
»Ja doch! Gerne! Ich heiße Sarah, Sarah Liebherr, und wie soll ich dich nennen? Günter Kaufmann, Gü Mann, Xu Shen Po oder vielleicht noch anders?«
»He, du kannst ja sogar sarkastisch sein!«, sagte er mit einem kurzen Auflachen. »Doch Spaß beiseite, ich bin Günter Kaufmann, denn das ist der Name, den ich bei meiner Geburt erhalten habe, alles andere war nur zweckbedingt und spielt keine Rolle im Jetzt und Hier.«
»Also Günter, warum bist du letztens so schnell verschwunden?«
»Du hast ja Leute getroffen, als du zu deinem Auto gelaufen bist, und hast sicherlich auch gemerkt, dass mit mir und um mich manches anders ist als bei anderen.«
Sie nickte und sah ihn gespannt an.
»Nun ja, es waren zwar andere Leute, als ich befürchtet hatte, aber auch solche können von dem, was sie gesehen und gehört haben, berichten. Durch die weltweite Vernetzung und durch den problemlosen Zugang zu bestimmten Medien gelangt eine Nachricht dann sehr schnell von einem zum anderen. Es ist also bloß eine Frage der Zeit, bis bestimmte Menschen davon erfahren. Inzwischen haben sich Gruppen gebildet, die jedem ungewöhnlichen Ereignis nachspüren, es auswerten, sich Meinungen dazu bilden und dann einer breiten Masse zugänglich machen.«
Er lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen.
»Nun, stell dir vor, diese Menschen würden von meiner Geschichte erfahren. Was würde wohl geschehen? Wo könnte ich noch in Frieden leben, ohne dass mir ständig jemand an den Fersen klebt? Und außerdem ...«
Mit einem Ruck richtete er sich wieder auf und öffnete die Augen. »Außerdem könnte es ja auch nur ein Traum sein.«
Sie schüttelte den Kopf, deutete auf seine linke Brust und sagte:
»Das glaub ich nicht! Dazu hab ich diese Geschichte viel zu deutlich erlebt und nicht nur gehört. Und da, auf deiner linken Brust, dass könnte die Narbe sein, die von dem Trainingsunfall in Wudang stammt.«
Auf Grund des warmen Sommertages hatte er das Hemd weit aufgeknöpft, und nun war es im Sitzen verrutscht. Dadurch war der Blick auf die pflaumengroße Narbe, die auf seiner linken Brust prangte, frei geworden. Er schaute hinunter und knöpfte lächelnd sein Hemd weiter zu.
»Gut aufgepasst! Aber es könnte auch anders sein, und die Narbe hat vielleicht einen ganz anderen Hintergrund. Doch das spielt jetzt keine Rolle! Du sollst selbst festlegen, was du glauben willst und was nicht. Ich denke, jede Geschichte und jedes Leben ist es wert, dass man genauer darüber nachdenkt. Vielleicht kann man ja einiges daraus lernen, für sich verwerten und mit diesen Erfahrungen etwas besser machen. Vieles von dem, was das Leben und die Menschheit verändert hat, baut auf solchen Erfahrungen auf.«
»Ich weiß, das hab ich schon bei den Gesprächen erkannt, die du mit Han Liang Tian und Tiang Li Yang geführt hast. Was ist eigentlich aus deinen chinesischen Freunden geworden? Du hast bei unserem Abschied angedeutet, dass du China dann verlassen hast.«
»Ja, das war auch so, und von meinen Freunden, die ich in dieser Zeit gewonnen hatte, habe ich bis auf Lei Cheng keinen mehr zu Gesicht bekommen. Doch das war viel, viel später und ein sehr großer Zufall. Aber diese Geschichte werde ich vielleicht ein anderes Mal erzählen. Jetzt möchte ich erst einmal dort fortfahren, wo wir bei unserem letzten Treffen unterbrochen wurden.«
Er beugte sich vor und legte seine Hand auf den Tisch.
»Gib mir deine Hand, Sarah. Du weißt, dass du die Geschichte so besser erleben kannst, und es ist auch einfacher für mich.“
Sie legte Ihre Hand in die seine und schloss die Augen. Jetzt hatte sie keine Angst mehr davor, sich so zu ergeben und fallen zu lassen. Beim ersten Mal war es eine neue beängstigende Erfahrung gewesen, doch nun wartete sie mit Spannung darauf, wieder in diese Geschichte einzutauchen.
Kaum hatte sie ihre Hand in die seine gelegt, spürte sie wieder diese Ruhe und Kraft, die sie durchströmte. Alles um sie herum verblasste, und die Bilder der letzten Ereignisse stiegen in ihr auf, während sie die erklärenden Gedanken von ihm wahrnahm.
Nach dem Kampf
»Nachdem wir die japanische Gesandtschaft aus ihrer gefährlichen Lage befreit hatten, habe ich mich an dem kleinen Fluss gereinigt. Wang Lees Versuche, mich zu beruhigen, hatten nicht wirklich Erfolg. Es war für mich das erste Mal gewesen, dass ich an einem Kampf teilgenommen hatte, bei dem Menschen zu Tode kamen. Meine Gedanken kreisten darum, ob ich das Recht gehabt hatte, hier einzugreifen. Nur der Umstand, dass im anderen Fall die Japaner vermutlich umgekommen wären, beruhigte mich ein wenig. Dennoch sollte mich dieses Geschehen noch lange beschäftigen.
Aber vorerst hatte ich keine Zeit, mich diesen Gedanken weiter hinzugeben. Der japanische Fürst kam mit seinem Gefolgsmann auf mich zu. Als sie uns erreicht hatten, neigten sie leicht den Kopf, und der Gefolgsmann des Daimyo sprach mich an. Sein Chinesisch war ein wenig gebrochen, aber gut verständlich.
›Fürst Date Masamune möchte sich bei Ihnen für Ihr hilfreiches Eingreifen bedanken! Wir stehen tief in Ihrer Schuld, und unsere Dankbarkeit kann Ihnen gewiss sein.‹
Die rechte Hand senkrecht vor die Brust haltend, neigte ich ebenfalls den Kopf und grüßte zurück.
›Jeder, der in Bedrängnis gerät, kann meiner Hilfe gewiss sein, doch ich habe nichts getan, was nicht auch alle anderen Brüder aus Shaolin tun würden.‹
›Ja, wir haben gemerkt, dass das, was der Abt uns vorspielen ließ, nicht der Wahrheit entspricht. Ihr seid große Kämpfer und habt ein starkes Chi. Ich habe auch bemerkt, dass schon die Kraft Eures Chi starke Krieger dazu bringen kann, ihre Schwerter zu senken‹, sagte er mit einem hintergründigen Lächeln.
Ich wusste, dass er auf den Zusammenstoss, den Wang Lee und ich mit zwei seiner Männer gehabt hatten, anspielte. Doch darauf wollte ich nicht eingehen, und glücklicherweise richtete nun der Daimyo sein Wort an mich. Da dieser aber nicht Chinesisch sprach, musste sein Gefolgsmann übersetzen.
›Fürst Date Masamune möchte wissen, wie es kommt, dass ihr uns gefolgt seid, und wer diese Angreifer waren!?‹
›Wer diese Angreifer waren, kann ich auch noch nicht sagen, doch wir werden versuchen, es herauszubekommen. Und dass wir hierher kamen, war eigentlich Zufall. Ich wollte eine längere Reise antreten, und meine Freunde haben mich bis Dengfeng begleitet. Als wir dort erfuhren, dass Sie nicht durch diesen Ort gekommen waren, war uns klar, dass etwas nicht stimmte. Dieser Weg hier ist der einzige, den Sie noch nehmen konnten, doch er ist beschwerlich, man kommt nicht schneller ans Ziel, und nur wenige kennen ihn. Als uns das bewusst wurde, verstärkte sich mein ungutes Gefühl, und wir beeilten uns, Sie zu erreichen. Auf halbem Weg fanden wir dann einen Ihrer verwundeten Soldaten, der Hilfe holen wollte, aber nicht weiterkam.‹
Beim letzten Satz hatte der Samurai aufgehorcht und ließ sich den Soldaten genau beschreiben. Er nickte verstehend und übersetzte das bisher Gehörte dem Daimyo. Ungeduldig forderte mich dieser durch den Übersetzer auf weiterzuerzählen. Ich verstand dies nicht ganz, kam aber schulterzuckend seiner Aufforderung nach.
›Nun, da gibt es nicht mehr viel zu erzählen. Aus den Gesten und dem Zustand des Soldaten schloss ich, dass es einen Überfall gegeben hatte und dass Ihre Gruppe dringend Hilfe brauchte. Einer meiner Freunde blieb zurück, um sich um den Verwundeten zu kümmern, und wir anderen beeilten uns, Sie zu erreichen. Tja, den Rest haben Sie ja mitbekommen.‹
›Der Verwundete, wie geht es ihm?‹, fragte der Samurai ungeduldig.
Verwundert über so viel Anteilnahme an einem einfachen Soldaten sah ich ihm und dem Daimyo in die Augen. Sie schienen beide sehr besorgt um das Leben dieses Mannes zu sein, und ich kam ihrem Wunsch nach:
›Er ist ein tapferer Mann und obwohl er so schwer verletzt ist, dass er sich nicht aufrichten konnte, blickte ich erst einmal in sein Schwert. Ich denke, bei guter Pflege, und wir haben im Kloster sehr gute Wundheiler, wird er wieder völlig genesen. Es wird zwar etwas dauern, doch er wird seinen Dienst bei Ihnen wieder aufnehmen können.‹
Der Samurai beeilte sich, das Gehörte seinem Fürsten zu übersetzen, und dieser schien sichtlich erleichtert. Wieder verneigte er sich vor mir und richtete einige Worte an mich. Mit einem freundlichen Lächeln übersetzte sie sein Gefolgsmann:
›Der Fürst ist Ihnen nun noch mehr verpflichtet, denn es ist sein Sohn, den Sie da gefunden haben. Er ist Ihnen auch sehr dankbar, dass gleich einer Ihrer Freunde bei ihm geblieben ist, um ihn zu pflegen.‹
Ich war sehr erstaunt. Dieser junge Mann hatte nicht den Eindruck einer höhergestellten Person erweckt. Er war immer mit den einfachen Soldaten unterwegs und im Kloster auch so untergebracht gewesen. Sein Auftreten und seine Behandlung durch die anderen hatten immer auf einen untergeordneten Soldaten hingedeutet. Der Grund dafür interessierte mich sehr, und ich wollte mich schon danach erkundigen. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das jetzt nicht angebracht wäre. Deshalb beließ ich es vorerst dabei und sagte in der Hoffnung, später mehr zu erfahren:
›Es gibt keinen Grund für besondere Dankbarkeit, denn wie ich schon sagte, jeder, der in Not ist, kann auf unsere Hilfe zählen.‹
Die beiden verneigten sich noch einmal achtungsvoll vor uns, und dann begaben wir uns zu den Verwundeten. Chen Shi Mal war schon bei ihnen und schaute sich die Verletzungen der Überlebenden an. Außer dem Daimyo und dem Samurai, der als Übersetzer auftrat, hatten nur noch zwei mit relativ geringfügigen Verletzungen überlebt. Diese bedurften unserer Hilfe nicht, und wir kümmerten uns um die fünf Schwerverletzten, die etwas weiter hinten in der Seitenschlucht lagen.
Sie hatten unterschiedliche, aber teilweise sehr tiefe und gefährliche Wunden davongetragen. Eine Gemeinsamkeit verband sie aber alle. Sie hatten sehr viel Blut verloren und waren sehr schwach.
Vorsichtig trugen wir sie in das weite Tal und richteten dort ein provisorisches Lager ein. Wir versorgten die Verletzungen, so gut das unter den derzeitigen Bedingungen möglich war, kamen dann aber überein, dass wir Hilfe benötigen würden. Deshalb berieten wir, wie das geschehen sollte.
›Es muss jemand zurück nach Shaolin und Hilfe holen, denn ins Kloster können wir die Verletzten nicht transportieren. Zum einen sind wir zu wenige dazu, und zum anderen würden das einige nicht überleben.‹
›Da stimm ich dir zu, Chen Shi Mal!‹, antwortete ich. ›Ich bin der Schnellste von uns, vielleicht wäre es am besten, ich würde mich gleich auf den Weg machen. Wenn ich keine Pause einlege, könnte ich morgen Vormittag mit Hilfe wieder zurück sein.‹
Wang Lee machte ein bedenkliches Gesicht und warf ein:
›Ich weiß nicht?! Habt Ihr euch die toten Angreifer einmal genauer angeschaut? Ich hatte den Eindruck, einige dieser Gesichter schon einmal gesehen zu haben, und zwar im Kloster.‹
›Stimmt, wenn ich mich nicht irre, gehörte zumindest einer zu der Gruppe, die mit Mao Lu Peng vom Kaiserhof zurückkam. Ich hab diese Männer aber nur kurz gesehen, und ich kann mich auch täuschen. Es gibt mittlerweile so viele, die zu Kämpfern ausgebildet werden, aber keine Mönche sind, dass man sich nicht mehr jedes Gesicht merken kann‹, erwiderte Chen Shi Mal.
Wang Lee nickte bestätigend.
›Und genau aus diesem Grund ist es vielleicht nicht so gut, wenn Xu Shen Po noch einmal im Kloster auftaucht. Alle denken, er hat es für immer verlassen, und wenn Mao Lu Peng in die Sache verwickelt sein sollte, müssen wir ihn nicht darauf aufmerksam machen, dass es vielleicht nicht so lief, wie er es sich gewünscht hat.‹
Erstaunt sah ich ihn an.
›Wie kommst du denn darauf? Ich dachte, das wären Banditen gewesen.‹
›Ich kann es dir nicht erklären! Doch ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache, und wir müssen doch kein Risiko eingehen! Wenn Chen Shi Mal oder ich wieder im Kloster auftauchen, erweckt das keinen Verdacht, und wir können ein paar wenige vertrauenswürdige Leute mitbringen. Ansonsten sollten wir aber erst einmal Stillschweigen über die Vorgänge von hier wahren.‹
Nachdenklich schaute ich von einem zum anderen.
›Na ja. Wenn ihr denkt. Aber vielleicht wäre es gut, wenn ihr zusammen losgeht und einer von euch dann mit Liu Shi Meng den verletzten Sohn des Fürsten hierher bringt. Vielleicht könnt ihr euch eine Trage bauen und ihn hertragen. Ich bleib erst mal hier und kümmere mich so lange um die anderen Verletzten.‹
Die beiden stimmten zu und brachen sofort auf. Anschließend erklärte ich den Japanern, was wir beschlossen hatten.
Da der Daimyo und sein Gefolgsmann mit der Pflege der Verwundeten nicht viel im Sinn hatten, war ich auf mich allein gestellt. Während ich versuchte, alles Wissen, das ich in dieser Beziehung von den Mönchen erhalten hatte, aus meinem Gedächtnis hervorzukramen, machten sich der Daimyo mit seinen noch aktionsfähigen Männern auf, um die Pferde wieder einzufangen. Auch ihre verstreut herumliegenden Sachen sammelten sie wieder ein.
Bald brachten sie mir einige Nahrungsmittel und Kleidungsstücke, aus denen ich Stoffstreifen zum Verbinden machte. So gelang es mir, die Verwundeten notdürftig zu versorgen.
Als das letzte Tageslicht schon fast geschwunden war, kamen Wang Lee und Liu Shi Meng mit dem verletzten Sohn des Fürsten in unserem Lager an. Ich hatte erwartet, dass der Daimyo sich gleich um seinen Sohn kümmern würde, doch er warf nur einen kurzen Blick auf diesen und beachtete ihn dann nicht weiter.
Das konnte ich überhaupt nicht verstehen, und in einem günstigen Augenblick erkundigte ich mich bei dem chinesisch sprechenden Samurai nach dem Grund dieses Verhaltens.
›Gestatten Sie eine Frage?‹
›Natürlich, warum denn nicht!?‹
›Nun, ich kann einiges nicht verstehen, habe aber das Gefühl, dass es ein Tabuthema ist.‹
›Wir werden sehen!‹
›Als ich Ihnen erzählte, dass wir den Sohn des Fürsten schwer verletzt gefunden hatten, schienen Sie beide sehr besorgt um ihn zu sein und waren froh, dass er Pflege erhielt. Doch als er hier im Lager ankam, wurde er von Ihnen kaum eines Blickes gewürdigt. Wieso? Und warum ist er als Sohn des Fürsten unter den einfachen Soldaten und wird von allen auch so behandelt?‹
Im ersten Augenblick verschloss sich die Miene des Samurai, und ich hatte den Eindruck, er würde mich aufbrausend abweisen, aber dann besann er sich.
›Das lässt sich nicht so leicht beantworten, denn es besteht ein recht gespanntes Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Außerdem gibt es in unserem Land einen anderen Verhaltenskodex als in Ihrem. Ehre und die Verpflichtungen gegenüber Höhergestellten werden bei uns anders bewertet als bei Ihnen.‹
›Das mag schon sein, doch ich habe die Sorge und die Liebe zu seinem Sohn im Auge des Fürsten gesehen. Was hindert ihn daran, ihm diese auch zu zeigen?‹
Der Samurai holte tief Luft und stieß sie mit Druck wieder aus.
