Buch lesen: "Love me snowly"
Love me snowly
JESSICA WISMAR
Copyright © 2022 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Mira Manger – Herzgestein Lektorat
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout Ebook: Stephan Bellem
Umschlagdesign: Schattmaier Design
Bildmaterial: Shutterstock
Charakterillustrationen: Ann-Marie Rechter
ISBN: 978-3-95991-724-7
Alle Rechte vorbehalten
Erstellt mit Vellum
Inhalt
Triggerwarnung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Nachwort
Drachenpost
Triggerwarnung
In diesem Buch sind Szenen mit Drogenkonsum (Cannabis) vorhanden. Weiterhin enthält dieses Buch Szenen zum Thema Belästigung. Dabei hat die Protagonistin anfangs teils relativierende Gedanken, die übergriffiges Verhalten verharmlosen. Im Laufe der Geschichte kommt es zu einer konkreten Belästigungsszene, die Trigger für betroffene Personen enthalten kann. In der anschließenden Aufarbeitung werden Victim Blaming und Female Empowerment thematisiert. Der beschriebene Umgang damit möchte ein realistisches Bild schaffen und dient nicht als idealisierter Ratschlag, wie man im Fall einer Belästigung richtig handelt oder denkt. Elinas Handeln sowie ihre Gedanken basieren dabei auf Berichten betroffener Personen.
Ich widme dieses Buch meiner großen Kleinen, weil ich ohne dich diesen Traum jetzt nicht leben könnte.
Einen Menschen nicht trotz, sondern wegen seiner Ecken und Kanten zu achten, bedeutet grenzenlos zu lieben.
- Jessica Wismar
Kapitel 1
– 09.12. –
»Darling!«
Der Ruf schallte durch das Treppenhaus bis hinauf in mein Zimmer unter dem Dach. Augenrollend sah ich über meine Schulter zur offenen Tür.
»Das macht sie echt jedes Mal, oder?« Lisa klang amüsiert.
Ich drehte mich wieder zu dem kleinen Laptop auf meinem Schreibtisch um und grinste entschuldigend in die Kamera. »Da schlagen eben ihre britischen Wurzeln durch.«
»Ach, komm schon, das ist komplett lächerlich. Sie klingt, als wäre sie sechzig. Ben ist auch Brite, und der sagt nie …«
Das Bild fror ein. Lisas Gesicht starrte mich regungslos vom Bildschirm an. Eine Augenbraue gehoben, ihr Mundwinkel abwertend heruntergezogen. Ich brauchte keine Worte, um ihre Meinung zu meiner Mutter herauszufinden. Schlimm genug, dass ich dieser Lästertante anvertraut hatte, dass Marion meine Stiefmutter war. Ich liebte sie wie meine leibliche Mutter.
Ein vernehmliches Räuspern aus Richtung meiner Couch ließ mich innerlich aufseufzen. »Du solltest wirklich schon rübergehen. Ich komme nach, sobald ich mit Lisa fertig bin«, schlug ich Rivera zum gefühlt hundertsten Mal vor.
»Nein, nein. Ich warte.« Meine Schwester blätterte in einem dieser dicken Hochzeitsmagazine. Sie würdigte mich keines Blickes, als sie ihre Beine überschlug und einmal theatralisch seufzte.
»Hallo? Antwortest du auch mal?«, beschwerte sich meine Studienkollegin, als die Übertragung wieder einsetzte.
»Entschuldige, du hast gehangen.«
»Du meinst wohl, du hast gehangen!«, korrigierte Lisa mit eingeschnapptem Unterton. Ich sparte es mir, ihr zu sagen, dass man das bei einem Zweierstream nicht beurteilen konnte. In Gruppen war das leicht. Wenn alle Bilder hingen, war man es selbst, ansonsten der andere.
»Jedenfalls sollten wir die PowerPoint noch dieses Wochenende fertig machen«, wechselte ich das Thema. »Am Ende hat die Frau mit ihrer Planung mal wieder den Flip, sie könnte das Referat doch vorziehen, und dann sind wir diese statt nächste Woche dran.« Ich musste nicht unbedingt wissen, wie Lisa in der Zeit der Übertragungslücke über meine Mutter vom Leder gezogen hatte. Ich mochte Marion. Ich hätte Lisa meine Lebensgeschichte nie so offen erzählen sollen. Seither hatte sie zu wirklich allem etwas zu sagen, Raphael fand sie grob, Sophia kindisch und Rivera eingebildet. Ich wurde es nie müde, meine Geschwister zu verteidigen, auch wenn sie mit Raphael und Rivera durchaus einen Punkt hatte. Aber Sophia war erst neun, die durfte kindisch sein.
»Pff. Ist doch nicht unser Problem, wenn die Schreckschraube von Anatomiedozentin keine Organisationskompetenzen hat«, hielt Lisa dagegen. »Außerdem habe ich morgen ein Hockeyturnier.«
»Jetzt noch? Ist das nicht viel zu kalt?«
»Doch nicht draußen, du Dummerchen! In der Halle. Ist so ein Benefizding für irgendeine Kinderkrebsstiftung.«
Ich schürzte meine Lippen. Das war natürlich ein guter Grund. Nur hasste ich es, unvorbereitet zu sein und meine Aufgaben auf den letzten Drücker zu erledigen. Nicht dass ich das nicht quasi immer tun würde. Aber es machte mein Leben so viel schwerer, alles bis zum letzten Moment aufzuschieben; deshalb hatte ich mir fest vorgenommen, das zu ändern.
»Vorschlag: Ich mache eine erste Version morgen und du schaust Montag drüber. Dann haben wir notfalls für Dienstag etwas vorzuweisen.«
Lisa runzelte die Stirn. »Wie willst du denn die Folien zu meinem Teil machen?«
Nichtssagend zuckte ich mit den Schultern. Ich war kein Fan von Arbeitsteilung. Am Ende musste ich sowieso auch Fragen zu Lisas Teil beantworten können, daher würde ich die Inhalte so oder so lesen. »Nur ein paar Stichworte. Ein bisschen was hatten wir ja schon in der Vorlesung.«
»Na, wenn du dir unbedingt unnötig Arbeit machen willst.«
Ich sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie sich ins Fäustchen lachte, dass ich ihre Arbeit auch noch freiwillig übernahm. Die Wahrheit war, ich hasste Gruppenarbeiten mit zugeteilten Partnern. Da machte ich die ganze Arbeit lieber selbst, dann wusste ich wenigstens, dass es gut war und erledigt wurde.
»In Ordnung, dann machen wir das so. Ich muss jetzt. Tschüssi.« Noch bevor ich geantwortet hatte, verließ Lisa die Facetime-Übertragung. Ich starrte auf den Bildschirm, auf dem mich jetzt nur noch mein eigenes Gesicht anblickte. Wundervoll.
»Da hast du dich ja mal wieder sauber ausnutzen lassen.«
Ich holte tief und beruhigend Luft. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. »Wieso ausnutzen? Mir ist es so doch lieber.«
»Wenn du dir immer noch mehr Arbeit freiwillig selbst auflädst, kommen wir nie dazu, meine Hochzeit zu planen!«
»Das ist keine Zusatzarbeit, die hätte ich sowieso machen müssen. Das Referat macht fünfzig Prozent der Note für das Anatomiemodul. Das muss perfekt werden.« Ich gab mir die größte Mühe, ihr zu erklären, wie es an der Uni lief. Rivera hatte sich von Anfang an gegen das Studieren entschieden, sie konnte nicht wissen, was ich fachlich alles in mich reintrichtern musste.
»Ich habe noch nie verstanden, warum du in der Uni immer alles perfekt machen musst. Hier zu Hause bist du die größte Faulenzerin.«
»Bin ich doch gar nicht.«
»Klar. Du lässt dich bekochen, wohnst kostenlos hier und diese Frau wäscht sogar deine Wäsche.«
Das alles traf auch auf sie zu, nur das mit der Wäsche nicht. Aber nicht weil Rivera bemüht wäre, sie selbst zu waschen, sondern weil sie Marion so sehr hasste, dass sie unsere Mutter nicht an ihre Wäsche heranließ.
»Außerdem dachte ich, du studierst Chemie. Wieso hast du überhaupt Anatomie?«, beschwerte meine Schwester sich weiter.
»Ich studiere Biomedizinische Chemie. Da haben wir natürlich auch Biomodule.«
Rivera winkte ab. »Chemie, Biodingsda, das macht doch keinen Unterschied. Du warst doch mal so interessiert an Philosophie, das solltest du studieren.«
Ich seufzte innerlich auf. Natürlich hätte ich gern studiert, wofür ich am meisten brannte. Den Mut wie Rivera, ihrer Leidenschaft zu folgen und einen Weg einzuschlagen, mit dem ich am Ende vielleicht niemals meine Miete würde zahlen können, hatte ich allerdings nicht.
»Elina!«, klang es keuchend hinter mir und ersparte mir die müßige Diskussion über Jobchancen und die Notwendigkeit finanzieller Sicherheit. Ich wirbelte herum und sah meine schwer schnaufende Mutter im Türrahmen stehen, José auf ihrer Hüfte balancierend. »Süße, hast du mich nicht gehört?«, fragte sie sanft.
Entsetzt riss ich meine Augen auf. »Entschuldige, Marion.« Ich hatte ihr einfach nicht geantwortet, ich Esel. Jetzt war sie die kompletten drei Stockwerke zu mir hochgestiefelt.
»Es gibt Essen«, informierte sie mich und wuchtete den kleinen Faulpelz auf die andere Seite ihrer Hüfte. José hielt seine Trinkflasche in der Hand und kaute auf dem Sauger herum. Den anderen Arm hatte er um seine Mutter geschlungen. »Mach bitte Schluss für heute und komm dann runter. Du auch, Rivera.«
»Ja, klar. Wir kommen.« Mit einem durch und durch schlechten Gewissen steckte ich noch schnell das Ladekabel ein, damit mein Laptop nicht ausging, immerhin lud ich seit gefühlt einer halben Ewigkeit das neueste Add-on für PowerPoint herunter. Dann wollte ich Marion hinterhereilen, doch sie stand noch im Türrahmen und machte eine nachdenkliche Miene.
»Es war keine Absicht, meine Studienkollegin hat mich abgelenkt«, versprach ich mit eingezogenem Kopf.
Rivera schnaubte. »War es bestimmt nicht. Bloß taucht die kleine Streberin komplett ab, wenn es um ihr komisches Studium geht. Mich lässt sie auch schon ewig warten.«
Ich zuckte zusammen, überging Riveras sicher nicht so harsch gemeinte Spitze und sah Marion entschuldigend an. Sie war ganz umsonst die vielen Stufen hinaufgekommen. Alles nur, weil ich nicht das kleine Wörtchen Ja herausgebracht hatte. Dabei hatte ich sie wirklich lieb.
»Das weiß ich doch, Darling«, versicherte sie mir. Ihr Blick huschte zu meiner Schwester. »Rivera, Schatz, sei so gut und bring José schon mal runter.« Damit lud sie den kleinen Wonneproppen auf den Arm meiner Schwester, die das Magazin gerade noch rechtzeitig auf meinen Schreibtisch warf und nach einem vernichtenden Blick in Marions Richtung mit unserem Halbbruder hinausging. Marion wartete, bis Rivera mein Zimmer verlassen hatte, ehe sie sich mir wieder zuwandte. »Ich habe mir gedacht, vielleicht solltest du doch auf diese Freizeit gehen.«
Ich presste die Lippen zusammen. Langsam wusste ich nicht mehr, wie ich dieses Thema freundlich beenden sollte. Ich war es leid, immer und immer wieder Nein zu sagen. Und wieso hatte sie dafür bitte Rivera subtil hinausgeworfen?
»Ich wäre Weihnachten nicht da«, brachte ich das zwingendste Argument, das einer familienliebenden Mutter wie ihr den Wind aus den Segeln nehmen sollte.
»Ich weiß, mein Schatz. Ich dachte nur, du könntest Abstand gebrauchen. Es wird sowieso schon so voll. Raphael kommt ja dieses Jahr mit Neele und ihrem kleinen Raoul. Und Rivera hat vorhin erzählt, dass Sam auch da sein wird.«
Sie wusste es! Irgendwoher wusste sie es. Ich sah es in ihren Augen. Dieser traurige, mitleidige Blick, der mich durchbohrte und mir gerade durch die Blume sagte, dass ich sicher nicht dabei sein wollte. Und sie hatte recht.
»Ich überleg es mir noch mal«, lenkte ich ein und ebnete den Weg für meine Flucht. Nun gut, dann würde ich dieses Jahr Weihnachten eben nicht im Kreis der Familie verbringen. Wer wollte das auch schon?
Ich schluckte die bittere Galle hinunter, zog noch eine weitere schützende Mauer um mein Herz hoch und legte das perfekte Lächeln der letzten Wochen auf mein Gesicht.
»Mach das, mein Schatz. Isabelle wird sich sicher freuen. Ihre Mutter hat mich immer wieder gefragt, ob du nicht doch fahren willst.«
Kapitel 2
– 21.12.–
Isabelle freute sich überhaupt nicht. Die gesamte Zugfahrt von Stuttgart nach Lindau nörgelte sie mir die Ohren voll. Ich nahm mir vor, mich in der Bimmelbahn von Lindau ins Montafon bis nach Schruns weit weg von dieser Ziege zu setzen.
»… und überhaupt, was willst du hier? Du bist doch sonst nie auf Party aus«, schnaubte die Zimtzicke mir gegenüber. Isabelle war eines der schönsten Mädchen, das ich je gesehen hatte. Ihre blonden Haare fielen in Wellen über ihre Schultern und ihren Rücken, sie sahen aus wie fließendes Gold. Ihr Körper war schlank und wohlproportioniert. Ihre Beine waren verboten lang und ihr Hintern war der einzige, den ich kannte, der sogar in einem engen Kleid perfekt aussah. Dort wackelte nichts, und dennoch war er rund und weiblich. Ich seufzte innerlich jedes Mal sehnsüchtig auf, wenn ich sie musterte. Ach, und ihr Gesicht war schlicht engelsgleich. Sie war einfach perfekt … äußerlich.
»Hallo? Erde an Trotteline! Was willst du hier?«, fragte sie giftig. »Du versaust mir meinen ganzen Spaß.« Mürrisch verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust. »Dass ich dein Händchen halte und dir alles zeige, kannst du vergessen. Am besten, du redest gar nicht mit mir. Wenn die Jungs denken, wir kennen uns, kann ich gleich wieder einpacken. Keiner will mit einer Betrügerin befreundet sein.«
Okay, das war jetzt unfair. Ich war keine Betrügerin. Ich schlief nicht einmal mit vielen Kerlen, und niemals mit vergebenen. Außerdem war das ja wohl meine Sache. Und der Partymuffel, das war Vergangenheit. Dennoch, ich war verletzt … und wütend. Aus dem Fenster sehend zog ich meine Augenbrauen hoch und zickte zurück: »Prima. Dann rede am besten gar nicht mehr mit mir, ich werd’s genauso machen.«
Pah, perfekte Diva! Ich verkniff mir nur gerade so ein Siegesgrinsen. Diese blöde Schnepfe. Den restlichen Weg bis nach Schruns herrschte eisiges Schweigen zwischen uns.

Schnaufend stellte ich meinen Koffer zwischen meinen Beinen ab, wobei ich darauf achtete, dass der Schnee am oberen Rand meiner Socken nicht den Stoff des Koffers berührte. Schlimm genug, dass meine Füße pitschnass und eisig kalt waren.
Mein Rücken ächzte, als ich mich aufrichtete. Dieses alte Gepäckstück die fünfhundert Meter von der Mittelstation bis hier hinauf zum Haus Sarazena zu schleppen, ließ meine Rückenmuskeln immer noch brennen. Warum noch mal hatte ich mich nicht dazu durchringen können, Rivera um ihren Koffer mit Rollen zu bitten? Tja, mein Stolz bescherte mir jetzt mindestens drei verkantete Wirbel und höllische Rückenschmerzen. Wenn ich erst in meinem Zimmer war, würde ich dafür sorgen, dass alle Wirbel wieder richtig saßen. Das laute Knacken hatte schon häufig für seltsame Reaktionen gesorgt, und ich hatte wenig Lust, dass das mein erster Eindruck in dieser Gruppe sein würde.
Statt etwas gegen meinen zwickenden Rücken zu tun, ließ ich meinen Blick durch den urigen Raum schweifen. Es war nur der Flur mit einem großzügigen Treppenhaus, doch alles hier schrie nach Skihütte. Die Garderobe, die ein Hängegestell für Skischuhe beinhaltete, der Fliesenboden, der angenehm warm unter meinen Socken war, die Balken mitten im Raum und unter der Decke und natürlich der wundervolle Geruch nach Bergluft und Holz. Ich liebte diesen Ort jetzt schon.
Fünf junge Männer und Frauen standen hier im Halbkreis vor den beiden Skilehrern, alle etwa Anfang zwanzig, soweit ich das in der E-Mail, die ich von Isabells Mutter weitergeleitet bekommen hatte, richtig verstanden hatte. Die beiden vor uns mussten die erwähnte Betreuerin und der Skilehrer für die kommenden drei Wochen sein. Der Mann, Daniel, wenn die Mail stimmte, ließ gerade seinem Frust freien Lauf: »Ich weiß gar nicht, warum ich mir das hier antue. Drei Monate im Verleih sind besser, als hier drei Wochen Babysitter für euch zu spielen. Also reißt euch zusammen. Die Regeln sind klar: kein Alkohol, Musik nicht zu laut, um Mitternacht zu Hause sein. Ich schließe um eine Minute nach zwölf ab, wer dann nicht drin ist, hat Pech gehabt, und ich bin sicher, Herr Minnard setzt euch sofort in den nächsten Zug nach Hause. Morgen gehen wir gemeinsam auf die Piste und ich werde euch kategorisieren. Falls ihr alle fahren könnt, dürft ihr in kleineren Gruppen, mindestens zu dritt, die Pisten selbstständig unsicher machen. Sollte einer verloren gehen, werdet ihr alle dafür zur Rechenschaft gezogen, egal ob derjenige Teil eurer Gruppe war oder nicht. Ihr seid von heute an eine Einheit. Ihr esst, schlaft und fahrt zusammen Ski.«
Dafür, dass der Typ eigentlich kaum älter wirkte als ich und ich bei einem Skilehrer irgendwie automatisch eine coole Socke erwartet hatte, war er ganz schön … bieder. Und überhaupt, was hatte er für ein Problem? Wir waren hier auf Freizeit und nicht in irgendeinem Trainingslager!
Die große Frau an seiner Seite mit den beiden geflochtenen Zöpfen und dem Dauergrinsen wirkte in ihrer sportlichen Skihose mehr nach meinem Geschmack, schwieg allerdings bei dieser Begrüßungsrede. Sie verlor nur ihr Lächeln.
»Dann kommen wir jetzt zur Zimmereinteilung. Es sind fünf Mädchen und fünf Jungs hier. Die Zimmer sind Dreierzimmer und ihr könnt selbst zählen, es wird also zwei Mädchen- und zwei Jungenzimmer geben. Denkt gar nicht erst daran zu mischen«, knurrte er.
Das würde er kaum verhindern können, wenn er nicht die ganze Nacht Wache hielt.
»Äh, Daniel? Könnte ich bitte in ein anderes Zimmer als Elina kommen?«, fragte Isabelle zuckersüß lächelnd. Na, danke.
Ein Raunen ging durch die Gruppe und alle Blicke schwenkten zu mir, manche auffälliger als andere.
»Und du bist?«
»Isabelle, aber man nennt mich Belle«, säuselte sie. Ich konnte mir ein Schnauben nicht verkneifen.
Daniel zog eine Augenbraue hoch, ehe er auf seine Notizen sah. »Ihr seid sowieso in zwei verschiedene Zimmer eingeteilt. Hättest du gewartet, bis ich die Einteilung vorgelesen habe, wäre deine Bitte unnötig gewesen.«
Das wiederum ließ mich doch noch mit ihm sympathisieren.
Schadenfroh blickte ich die blonde Zimtzicke an. Belles verschlagener Gesichtsausdruck überraschte mich allerdings. Sie nahm sich die Rüge kein bisschen zu Herzen. Dieses Biest hatte es nur darauf angelegt, mich vor der Gruppe zu demütigen!
»Also, Dina und Isabelle sind in Zimmer eins, Elina, Nell und Ann-Josefine in Zimmer vier. Noah und Kai in Zimmer drei und Felix, Alexander und Lysander in Zimmer zwei. Bezieht eure Betten, packt aus und macht euch fertig. Um sieben Uhr gibt es Abendessen, wie jeden Abend. Danach werden Alice und ich euch alles zeigen und erklären.« Kaum, dass er seine Predigt runtergerattert hatte, wandte er sich ab und marschierte mit dem Klemmbrett unterm Arm davon, Alice folgte ihm nach einem unsicheren Blick zu uns. Na, das konnte ja heiter werden.
Sofort setzten die Gespräche ein, während wir unser Gepäck nahmen und uns auf den Weg zu unseren Zimmern machten. Irgendwie verpasste ich den Moment, jemanden zu fragen, wo Zimmer vier lag. Isabelle und ein weiteres Mädchen waren bereits dabei, den Flur entlangzugehen und dort hinten nach links in ein Zimmer abzubiegen. Die anderen beiden Mädchen unterhielten sich angeregt mit zwei der Jungs. Da zu unterbrechen war irgendwie unangebracht.
Kurz entschlossen wuchtete ich meinen Koffer die Treppen hinauf. Wenn Zimmer eins hier im Erdgeschoss lag, wäre es doch logisch, dass Zimmer vier weiter oben zu finden war. Bevor ich vollkommen allein und hilflos auf diesem Flur stehen blieb, lief ich lieber ein paar Meter umsonst.
Im ersten Stock lag der identische Flur wie unten, nur anstelle der ausladenden Garderobe stand hier ein riesiger Weinkühlschrank. Sofort musste ich an reiche Pinkel denken, die hier abends am Kaminfeuer ihren Wein schlürften.
Schmunzelnd richtete ich mich zuerst nach rechts. Doch ich kam kaum zwei Schritte weit.
»Wo willst du denn hin?«, erklang eine amüsierte Stimme hinter mir.
Ich wirbelte herum und sah eines der Mädchen auf dem Treppenabsatz hinter mir stehen. Sie war eher klein und etwas stämmiger. Ihr rundes Gesicht wirkte unfassbar freundlich und hübsch.
»Ich suche mein Zimmer«, gestand ich.
»Sicher nicht auf dieser Etage. Das ist das Männerreich.« Sie deutete die Stufen hinauf. »Komm mit.«
Die hölzernen Stufen knarzten bei jedem ihrer Schritte eine Etage weiter hinauf ins Dachgeschoss. Mit beiden Händen umfasste ich den Griff meines schweren Koffers und folgte ihr. Der Duft nach altem Holz stieg mir erneut in die Nase. Sofort fühlte ich mich wohl.
Hinter uns kam ein weiteres Mädchen die Treppe hinauf. Sie trug statt eines Koffers zwei Taschen, einen Rucksack und ihr Handy an einer Wollkordel wie eine Schärpe über ihrer Brust. Das gesamte Set war schwarz-weiß gemustert und perfekt aufeinander abgestimmt, sogar die Handyhülle.
Das Mädchen vor mir meinte über ihre Schulter: »Ich bin Nell und das da ist AJ.«
Ich sah über meine eigene Schulter in ein lächelndes Gesicht. »Hi.«
»Hi, ich bin Elina.«
»Wissen wir«, entgegnete AJ schmunzelnd.
Klar, Isabelle hatte dafür gesorgt, dass das jetzt jeder hier wusste. Mürrisch stapfte ich weiter hinauf und schnaufte angestrengt. Nur noch vier Stufen, dann konnte ich dieses Mistding von Koffer endlich abstellen.
Oben mündete die Treppe in einen vergleichsweise kleinen Flur. Nell zog gerade ihre Skijacke aus und hängte sie an einen der drei schwarzen Haken, die links an der Wand in verspielten Schnörkeln angebracht waren. Dann drückte sie die Türklinke herunter und gab den Blick auf ein absolut cooles Zimmer frei. Vollkommen abgelenkt blieb ich, kaum angekommen, einfach auf dem Treppenabsatz stehen. AJ rannte prompt in mich hinein. Ich stolperte nach vorn und hörte gleichzeitig so einiges hinter mir die Treppe hinunterfallen.
»O Gott, entschuldige!« Ich wirbelte herum und eilte AJ hinterher, um ihre Taschen aufzusammeln. Sie selbst hatte sich wohl gerade noch so am Geländer festhalten können. Ihr erst sehr wütender Gesichtsausdruck wurde sofort sanfter.
»Schon gut. Ich bin ja in dich hineingelaufen. Wieso bist du stehen geblieben?«
»Ich war so abgelenkt von dem Zimmer.«
AJs Mundwinkel verzogen sich zu einem amüsierten Schmunzeln. »Kann ich verstehen. Das erste Mal, als ich es gesehen habe, kam ich auch aus dem Staunen nicht mehr heraus.«
Erleichtert lächelte ich sie an und reichte ihr ihre Taschen. Gemeinsam erklommen wir die letzten Stufen und betraten dann unser Zimmer.