Buch lesen: "Ultras im Abseits?"

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Martin Thein | Jannis Linkelmann (Hrsg.)

Ultras im Abseits?

Porträt einer verwegenen Fankultur

Verlag die Werkstatt

Impressum

2. Auflage Juli 2012

Copyright © 2012 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

Druck und Bindung: Westermann Druck Zwickau

Umschlagfoto: imago

ISBN 978-3-89533-848-9

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Fankultur im Wandel Vom Aufstieg einer Subkultur

Elmar Vieregge: Fußball im Wandel

Marcus Sommerey: Entwicklungsgeschichte der deutschen Ultra-Bewegung

Von Rebellen, Idealisten und Pragmatikern Identität und Selbstverständnis der deutschen Ultra-Bewegung

Markus Verma: „Der Weg ist das Ziel“

Gerd Dembowski: Eine notwendige Erfindung des Selbst

Peter Czoch: Wandel von Fanidentitäten im Zuge kommerzieller Entfremdung

Tobias Wark: Ultras und Politik

Einblicke in eine verborgene Szene Mit Ultras im Gespräch

Jonas Gabler: „Sich die Freiheiten nehmen“

Martin Thein: Ultras hautnah!

Umstritten und gefürchtet Eine Subkultur zwischen Gewaltvorwürfen, Repression und Prävention

Konrad Langer: Ultras zwischen Gewalt und Kriminalisierung

Udo Tönjann: Ultras und Polizei

Michael Müller / Silke Martin: Vom Verhältnis zwischen Polizei und Ultras

Volker Herold: Fansozialarbeit Gewaltprävention im Umgang mit Ultras

Thomas Feltes: Ultras und Fanbeauftragte

Alexandra Schröder: Zu Risiken und Nebenwirkungen bei Fußballspielen in Spanien ein Bericht

Ultras von außen Spurensuche aus unterschiedlichen Perspektiven

Jan-Philipp Apmann / Gabriel Fehlandt: Pyrotechnik

Mike Glindmeier: Ultras in den Medien

Christoph Ruf: Occupy Sesame Street

Tilmann Feltes: Ultras und „die Anderen“

Martin Gerster / Oliver Stegemann / Alexander Geisler: Ultras und Sportpolitik in Deutschland

Jannis Linkelmann / Martin Thein: „Ich denke, wir waren auf einem guten Weg!“

Ultras im Abseits? Chancen und Risiken einer Subkultur

Gerald von Gorrissen: „Ultra“ in Deutschland am Scheideweg

Michael Gabriel / Volker Goll: Die Ultras

Die Herausgeber

Die Autoren

Vorwort

Immer häufiger scheint der deutsche Fußball am Abgrund zu stehen. Das Verhalten der Fans rückt deutschlandweit regelmäßig medial in den Mittelpunkt und zeichnet das Bild einer von Hass und Gewalt durchsetzten Fankultur. Manche Medien sahen im Herbst 2011 in den Vorfällen bei den zwei DFB-Pokalspielen in Dortmund und Frankfurt Ende Oktober sogar ein „Attentat auf den Fußball“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) oder einen „Anschlag auf den Fußball“ (STERN Online). Nach umfangreichem Pyrotechnik-Einsatz und einem im Freudentaumel begründeten verfrühten Platzsturm beim Relegationsspiel für die 1. Bundesliga zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC aus Berlin im Mai 2012 verstärkte sich die Hysterie nachhaltig. Die Abschaffung der Stehplätze steht seitdem genau so im Raum wie ein Alkoholverbot in den Zügen des öffentlichen Nahverkehrs im Vorfeld von Fußballspielen. Einen unrühmlichen Höhepunkt fand die Diskussion in einer bekannten Fernseh-Talkshow, in der von „Taliban der Fans“ gesprochen und Choreografien als „faschistoide Versammlungsrituale“ dargestellt wurden. Heben die deutschen Vereine und Verbände die Fans häufig aufgrund ihrer Kreativität und der tollen Stimmung hervor, werden Fußballanhänger bei öffentlichkeitswirksamen Ereignissen schnell als Gewalttäter gebrandmarkt.

Die Darstellungen in der Öffentlichkeit vermittelten allgemein den Eindruck, dass Straftaten in und um Stadien nachhaltig gestiegen und die heutigen Fußballfans gewalttätiger als die früheren sind. Offizielle Verlautbarungen untermauerten dies: So berichtet die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) für die Saison 2010/11 in der 1. und 2. Bundesliga von insgesamt 846 verletzten Personen, wobei Unfallopfer in dieser Zahl nicht enthalten sind. Nach Angaben der ZIS handelt es sich dabei um den Höchststand der vergangenen zwölf Jahre.

Fankultur im Wandel Vom Aufstieg einer Subkultur
Elmar Vieregge: Fußball im Wandel
Traditionell eingestellte Fans im „modernen Fußball“ zwischen Kommerz, Komfort und Konfrontation

Zwischen 2000 und 2010 kam es im deutschen Profifußball zu grundlegenden Veränderungen, die erhebliche Auswirkungen auf die traditionell eingestellte Fanszene hatten. Deren in Anhängerschaften einzelner Vereine unterteilte Angehörige unterstützten zwar in erster Linie ihre Klubmannschaften, konnten aber den Zustand des Ligabetriebs auch an der Leistungsfähigkeit der Nationalmannschaft ablesen. Diese schied zu Beginn des Jahrzehnts bei der 2000 in Belgien und in den Niederlanden ausgetragenen Europameisterschaft nach einer derart desolaten Leistung aus, dass sich viele Fans pessimistisch hinsichtlich der Zukunft und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs zeigten. Nur sechs Jahre später belegte die DFB-Auswahl den dritten Platz bei der 2006 im eigenen Land veranstalteten Weltmeisterschaft. Dabei entstand eine als „Sommermärchen“ beschriebene Stimmung, die nicht nur reine Sportfreunde, sondern auch ein eventorientiertes Publikum erfasste. Während der 2010 in Südafrika ausgetragenen Weltmeisterschaft bestätigte das Nationalteam nicht nur seine wiedergewonnene Stärke durch einen weiteren dritten Platz, sondern weckte Zuversicht auf erfolgreiche Teilnahmen an zukünftigen Turnieren.

Die Grundlage für die internationalen Auftritte deutscher Auswahlspieler bildeten vor allem die Verhältnisse der 1. und 2. Bundesliga.1 Die positive Entwicklung der Nationalmannschaft ging mit Veränderungen einher, die eine Steigerung des Medienengagements, eine Verbesserung der Finanzierungsmöglichkeiten, den Neubau von Stadien und die Gewinnung neuer Zuschauergruppen einschlossen. Die als „moderner Fußball“ bezeichnete Entwicklung wirkte sich erheblich auf die Situation der Fan-szene aus. Zu ihr gehören zwar unterschiedliche Gruppen, sie wird aber von Fans geprägt, die sich als Teil ihrer Vereine begreifen, diesen unabhängig vom Tabellenstand langjährig die Treue halten, sich im Alltagsleben zu ihnen bekennen und durch ihre lautstarke Unterstützung die Atmosphäre in den Stadien prägen. Diese Personen können als traditionell eingestellte Fans bezeichnet werden. Dazu gehören sowohl sogenannte Normalos und die nach ihren geschmückten Jacken benannten Kutten als auch Hooligans und Ultras.

Rahmenbedingungen

In den Jahren nach 2000 veränderten sich die Verhältnisse im Fußball grundlegend, wobei verschiedene Faktoren wechselseitig aufeinander einwirkten. So steigerte sich etwa die Aufmerksamkeit der Medien, was zu höheren Einnahmen der Vereine aus Werbung und Vermarktung von Fernsehübertragungsrechten führte. Zudem erhöhte sich die Investitionsbereitschaft der Wirtschaft. Größere Einnahmen eröffneten den Klubs neue Möglichkeiten, Spitzenspieler anzuwerben, die Ausstattungen ihrer Spielstätten zu verbessern und die Nachwuchsarbeit zu fördern. Dies motivierte mehr Menschen zu Stadionbesuchen, was wiederum das Interesse der Medien und der sonstigen Wirtschaft verstärkte. Im Verlauf dieser Entwicklung änderten sich auch die Bedingungen für die Fußballfans.

Medien

Der Profifußball erfreute sich bereits vor der Jahrtausendwende eines, insbesondere im Bereich des Fernsehens, beständig wachsenden Interesses der Medien. Von 2000 bis 2010 hielt diese Entwicklung an, und insbesondere die durch Werbung finanzierten Privatsender steigerten ihr Bemühen, den Fußball zu vermarkten. Den Bundesligavereinen kam dabei zugute, dass sich ihre Einnahmen aus der Veräußerung von Übertragungsrechten erhöhten. Andererseits wirkten die Sender zur Wahrung ihrer ökonomischen Interessen auf den Spielbetrieb ein, was die Verhältnisse in den Stadien beeinflusste.

Für deren Besucher hatte dies einerseits positive Folgen, denn die zunehmenden Einkünfte trugen dazu bei, dass die Vereine ihre bauliche Infrastruktur modernisierten, die Ausbildungsbedingungen für Nachwuchsspieler verbesserten und ihre Attraktivität im internationalen Wettbewerb durch herausragende Spieler steigern konnten. Zudem sorgten die Sender durch Investitionen in ihre Kamera- und Übertragungstechnik dafür, dass Fußballanhänger umfassend über die Geschehnisse auf den Spielfeldern unterrichtet wurden. Andererseits kam es zu diversen Nachteilen, die sich aus dem primären Interesse der TV-Gesellschaften ergaben, ihre Gewinne zu maximieren. Sie waren bestrebt, die Spieltage auf mehrere Termine zu zersplittern, um das Produkt Fußball durch möglichst viele Einzelspiele zu für Fernsehzuschauer freundlichen Zeiten zu vermarkten. Die bereits vor der Jahrtausendwende erfolgte Einrichtung von Freitagabend- und Sonntagsspielen verfestigte sich nach 2000, was den hergebrachten Anpfiff eines kompletten Spieltages am Samstag um 15:30 Uhr zu einer Erscheinung der Vergangenheit machte. Während die Fernsehsender ihren Zuschauern dadurch Übertragungen zu ihnen genehmen Zeiten anboten, belasteten die Spielansetzungen insbesondere zu Auswärtsspielen mitreisende Anhänger, also besonders stark engagierte Fans. Diese standen vor allem bei weit entfernten Sonntagsspielen vor dem Problem einer langen nächtlichen Rückreise im Vorfeld einer am nächsten Morgen beginnenden Arbeitswoche. Darüber hinaus erschwerte ihnen die erst im Verlauf der Saison erfolgende Terminierung der Freitags- und Sonntagsspiele die Vorbereitung ihrer Reisen.

Während das verstärkte Engagement der TV-Sender sowohl Vor- als auch Nachteile für die traditionell eingestellten Fans mit sich brachte, verbesserten die Zeitschriftenverlage das Informationsangebot. Nach der Jahrtausendwende kamen zu den eingesessenen Publikationen mehr oder weniger erfolgreiche Magazine. Sie präsentierten den Sport als „Lifestyle“ oder richteten sich an sehr junge Käufer, indem sie sich auf eine Berichterstattung über die herausragenden Starspieler konzentrierten. Andererseits thematisierten weitere Veröffentlichungen nun auch kulturelle und gesellschaftliche Aspekte des Massensports.

Zu einer noch größeren Ausweitung des Informationsangebots zum Vorteil für die Fans führte die zunehmende Nutzung des Internets. Die Vereine bauten ihre eigenen Internetpräsenzen aus, um ihre Anhänger und die allgemeine Öffentlichkeit zu informieren, ihre Fanartikel und Eintrittskarten zu vermarkten oder um kostenpflichtige Zusatzangebote zu verkaufen. Zudem gründeten die Klubs oder engagierte Fans elektronische Foren, die es den Anhängern ermöglichten, sich an Diskussionen zu beteiligen oder sich zu organisieren. Über soziale Netzwerke ergaben sich Möglichkeiten der direkten Kontaktaufnahme, indem auch einzelne Spieler mit ihren Anhängern kommunizierten. Darüber hinaus bauten Fußballverbände und Zeitschriftenverlage ihre Internetpräsenzen aus. Zudem entstanden durch Werbung finanzierte Webseiten zu speziellen Aspekten, wie etwa den Entwicklungen auf dem Transfermarkt.

Letztendlich erweiterte sich das mediale Angebot nach 2000 rasant, was unterschiedliche Auswirkungen auf die Fanszene hatte. Diese zog ihren Nutzen aus einem jederzeit verfügbaren Informations- und Unterhaltungsangebot, erlitt jedoch einen Schaden durch die Einflussnahme der TV-Sender auf die Ansetzungen von Spielen.

Finanzen

Zur Modernisierung des Fußballs gehörten Bemühungen, aus wirtschaftlichen Gründen neue Formen der Verfasstheit von Vereinen zu etablieren. Dazu kam eine Ausweitung des Engagements von Investoren, das weit über ein gewöhnliches Sponsoring hinausging.

Einen folgenschweren Anlauf unternahm Borussia Dortmund, als der Verein2 im Oktober 2000 Aktien zum Ausgabekurs von elf Euro herausgab.3 Der Klub investierte die dadurch erworbenen Gelder in Spitzenspieler sowie den Stadionausbau und erwartete einkalkulierte Erfolge sowie damit verbundene Gewinne. Viele Anhänger des proletarisch geprägten Vereins widersetzten sich jedoch, da sie dessen Ausverkauf an fremde Finanziers fürchteten, denen Gewinne wichtiger waren als der Klub. Sie sahen sich durch die Situation in England gewarnt, wo etwa Manchester United zum Investitionsobjekt eines ausländischen Großinvestors geworden war, der über eine erhebliche Anhebung der Eintrittspreise langjährige Anhänger mit geringerem Einkommen verdrängt hatte. Die Befürchtungen der Borussen-Fans erfüllten sich, als die angepeilten Erfolge und damit die nötigen Gewinne ausblieben und 2005 zeitweilig die Existenz des damals völlig überschuldeten Vereins auf dem Spiel stand. Während die Anteilseigner erhebliche Verluste hinnehmen mussten,4 gelang dem Klub jedoch in seiner Notlage ein sportlicher Neuanfang, indem er talentierte Nachwuchsspieler einsetzte. Die dann in der Saison 2010/11 errungene Meisterschaft setzte nicht nur einen Kontrapunkt zum gescheiterten Projekt, sondern bestätigte die Vorbehalte vieler traditionell eingestellter Fußballanhänger gegen derartige Finanzierungsformen.

Eine weitere Vorgehensweise war erfolgreicher, stieß jedoch ebenfalls auf Ablehnung. Es waren hochprofessionell aufgebaute Vereine, die ohne dominante Unterstützung eines einzelnen Wirtschaftsakteurs kaum in der Lage gewesen wären, eine Rolle in der 1. Bundesliga zu spielen.5 Das betraf mit Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg und der TSG 1899 Hoffenheim drei Klubs, die lediglich über relativ begrenzte Anhängerscharen verfügten und bundesweit häufig als „Retortenvereine“ bezeichnet wurden. Hinter Bayer Leverkusen stand mit dem Chemieriesen Bayer ein weltweit operierendes Großunternehmen. Auf dessen Unterstützung reagierten viele traditionell eingestellte Fans anderer Vereine mit einer grundsätzlichen Ablehnung, indem sie Bayer Leverkusen als „Werkself“ oder „Plastikverein“ verspotteten. Wie grundsätzlich diese Zurückweisung war, zeigte sich daran, dass sie erfolgte, obwohl der Klub über eine rund hundertjährige Tradition verfügt, aus dem aufrichtig betriebenen Mitarbeitersport des Konzerns entstanden war und durch eine seit 1979 bestehende Erstklassigkeit zu einem festen Bestandteil der 1. Bundesliga geworden war.

Abgelehnt wurde mit dem VfL Wolfsburg ein zweiter von einem Großkonzern abhängiger Verein, obwohl auch er kein alleiniges Marketing-Projekt war, sondern ebenfalls dem Betriebssport entstammte. Der mit der Unterstützung des Autoherstellers Volkswagen 1997 in die 1. Bundesliga aufgestiegene Klub etablierte sich nicht nur nach der Jahrtausendwende, sondern errang 2009 die Deutsche Meisterschaft. Damit nahm er den Gegnern dieser von einzelnen Wirtschaftsakteuren entscheidend geförderten Bundesligisten ihre sich auf die zuvor erfolglos gebliebenen Titelaspirationen Bayer Leverkusens fußende Hoffnung, dass „Geld keine Tore schießt“.

Im gleichen Jahr beendete mit der TSG 1899 Hoffenheim ein weiterer von einem dominierenden Wirtschaftsakteur abhängiger Verein seine erste Saison in der höchsten deutschen Spielklasse. In diesem Fall stand kein Großkonzern hinter dem Erfolg, sondern eine vermögende Einzelperson, die jedoch als Gründer des Softwaregroßkonzerns SAP über erhebliche Geldmittel verfügte. Es war der Milliardär Dietmar Hopp, der sich 1990 entschlossen hatte, seinen Heimatverein nach dessen Abstieg in die Kreisklasse A finanziell im großen Maß zu unterstützen.6 Obwohl es sich bei Hopp um einen seine Heimatregion großzügig unterstützenden Sportmäzen im klassischen Sinn handelte, war er nicht nur für traditionell eingestellte Fans ein Feindbild. Während in Leverkusen und Wolfsburg unpersönliche Weltkonzerne hinter den Erfolgen standen, personalisierte sich aus der Sicht vieler Fans hergebrachter Vereine in Dietmar Hopp die abzulehnende Entwicklung. Sie sahen eine Wettbewerbsverzerrung und in dem Mäzen ein Feindbild. Daraufhin äußerte sich ein regelrechter Hass auf Dietmar Hopp nicht nur in beleidigenden Sprechchören, sondern auch in während der Spiele präsentierten Bannern. Darunter war ein Banner, das sein mit einer Zielscheibe versehenes Gesicht zeigte.7

Für traditionell eingestellte Fans anderer Mannschaften bedeuteten die Erfolge von Bayer Leverkusen, des VfL Wolfsburg und der TSG 1899 Hoffenheim nicht nur, dass sich drei von einzelnen Wirtschaftsakteuren entscheidend geförderte Klubs in der 1. Bundesliga etabliert hatten, sondern auch die Existenz von drei stimmungsarmen Heimspielen und drei unattraktiven Zielen für Auswärtsfahrten. Die Präsenz der drei Klubs in der 1. Bundesliga bedeutete zudem, dass es für alteingesessene Vereine schwieriger wurde, in die höchste Spielklasse aufzusteigen. Darüber hinaus sahen die Gegner der drei Klubs die Gefahr, dass deren Erfolge weitere Wirtschaftsakteure zu vergleichbaren Engagements animieren und mittelfristig weitere „Retortenvereine“ eine gewichtige Rolle im nationalen Fußball einnehmen könnten.

Dass diese Befürchtung nicht unbegründet war, belegte die Entstehung von Rasenball Leipzig. Dabei handelte es sich nicht um einen Verein mit eigenen Wurzeln, sondern um das Resultat eines kühl kalkulierenden Wirtschaftshandelns. Dessen Hintergrund bildeten die zuvor erfolgreichen Projekte des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull, der in verschiedenen Ländern Fußballteams als reine Träger für seine Werbung aufgebaut hatte. Als die Firmenvertreter 2009 die Oberligalizenz eines Leipziger Vorortvereins erwarben und ihr Projekt großzügig mit Finanzmitteln ausstatteten, um mittelfristig den Weg in die 1. Bundesliga zu beschreiten, entstand nicht nur für viele Fans der sächsischen Traditionsvereine ein absoluter Gegenentwurf zu allem, was der Fußball für sie bedeutete.8

Vor diesem Hintergrund sorgte Hannover 96 für weitere Unruhe, als dessen Präsident ab 2008 danach trachtete, die sogenannte 50+1-Regel abzuschaffen. Diese in § 16c der Statuten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) enthaltene Vorschrift behinderte Großinvestoren, indem sie eine mehrheitliche Beteiligung eines Vereins verlangte, falls eine Kapitalgesellschaft eine Lizenz erwerben wollte. Letztendlich bekannte sich das Schiedsgericht DFB zwar 2011 zu dieser Regel, lockerte sie jedoch, indem es den dominierenden Einstieg von Investoren zuließ, sofern sie länger als 20 Jahre mit dem Klub verbunden waren.9 Damit blieb die Regelung zwar auf den ersten Blick bestehen, wurde aber dahingehend abgeschwächt, dass, wenn auch unter erheblichen Einschränkungen, durchaus die Möglichkeit des Auftretens entscheidender Wirtschaftsakteure bestand.

Spielstätten

Unmittelbar spürten Fußballfans die Modernisierung des Fußballs anhand der Stadien. Das erste Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende sah eine grundlegende Erneuerung der Spielstätten der erfahrungsgemäß in der 1. Bundesliga und vieler der über mehrere Jahre in der 2. Bundesliga vertretenen Klubs. Die Bautätigkeit von Vereinen und Kommunen setzte bereits zu Beginn der Dekade ein, verstärkte sich im Vorfeld der WM 2006, als große Investitionen in die Austragungsstätten getätigt wurden, und hielt zum Ende des Jahrzehnts an. Die neuen Spielstätten zeichneten sich in der Regel durch komplette Überdachungen, großzügige Parkplätze und den Verzicht auf Leichtathletiklaufbahnen aus. Für die Zuschauer ergaben sich daraus die Vorteile eines optimierten Wetterschutzes, besserer Verkehrsanbindungen und einer geringeren Distanz zum Spielfeld. Zudem erhöhten ausgebaute Gastronomieeinrichtungen und Sanitäranlagen den Komfort. Auf der anderen Seite steigerten die Vereine ihre Einnahmen durch die Einrichtung großzügiger Logenbereiche, die Verringerung des Stehplatzangebots, die Ausweitung der Werbung und die Steigerung der Eintrittspreise. Zudem vermarkteten die Klubs die Spielstätten nicht mehr als reine Austragungsplätze sportlicher Wettkämpfe, sondern als Event-Orte. Dies drückte sich in der Namensgebung aus, denn Stadien hießen nun in der Regel Arenen und wurden nach Firmen benannt. Wie umfassend die Vermarktung der Stadiennamen, das Aufkommen der Arenen und die Bautätigkeit nach der Jahrtausendwende waren, lässt sich anhand eines Überblicks der Spielstätten der die 1. Bundesliga prägenden Vereine ablesen. Mit dem Berliner „Olympiastadion“, dem Bremer „Weser-Stadion“ und dem Kaiserslauterer „Fritz-Walter-Stadion“ existierten 2010 nur noch drei Austragungsorte mit einem Traditionsnamen.


Stadion Verein Fertigstellung oder Modernisierungsende
Imtech Arena Hamburger SV 2000
Veltins-Arena FC Schalke 04 2001
Volkswagen Arena VfL Wolfsburg 2002
Signal Iduna Park Borussia Dortmund 2003
Stadion im Borussia-Park Borussia Mönchengladbach 2004
RheinEnergieStadion 1. FC Köln 2004
AWD-Arena Hannover 96 2004
Olympiastadion Hertha BSC 2004
Allianz Arena Bayern München 2005
Commerzbank-Arena Eintracht Frankfurt 2005
easyCredit Stadion 1. FC Nürnberg 2005
Fritz-Walter-Stadion 1. FC Kaiserslautern 2006
Rhein-Neckar-Arena TSG 1899 Hoffenheim 2009
BayArena Bayer Leverkusen 200911
Weser-Stadion Werder Bremen 201112
Mercedes-Benz Arena VfB Stuttgart 201113
Coface Arena 1. FSV Mainz 05 201114
rewirpowerStadion VfL Bochum 201115

Neubauten und Modernisierungen10

Während die meisten Zuschauer den neuen Komfort genossen, ergab sich für viele traditionell eingestellte Fans, wie im Fall der fernsehgerechten Anstoßzeiten, ein Konflikt, denn sie sahen einen Ausverkauf an Sponsoren und wohlhabende Gäste. Sie fürchteten, dass ihre aufrichtige, laut-

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starke Unterstützung als stimmungsvolles Beiwerk abgetan werden könnte, um ein zahlungsfähiges Publikum zu unterhalten, dem ein familienorientiertes Wochenendvergnügen verkauft werden sollte. Vor diesem Hintergrund erlangte für sie die Namensgebung eine besondere Bedeutung, denn sie sahen im verstärkten Sponsoring keine Chance zur Finanzierung der Vereine, sondern einen Ausverkauf der Tradition. Das galt vor allem in den Fällen, in denen bestehende Stadien mit klangvolle Namen umbenannt wurden, wie das Dortmunder „Westfalenstadion“ in „Signal Iduna Park“, das Nürnberger „Frankenstadion“ in „easyCredit-Stadion“, das Hannoveraner „Niedersachsenstadion“ in „AWD-Arena“, das Frankfurter „Waldstadion“ in „Commerzbank-Arena“ oder das Hamburger „Volksparkstadion“ zunächst in „AOL Arena“, danach in „HSH Nordbank Arena“ und schließlich in „Imtech Arena“. Dabei wies der Umstand, dass die scheinbar unbedeutende Umbenennung von Stadien den Unwillen traditionell eingestellter Fans entfachen konnte, auf das der Entwicklung innewohnende Konfliktpotenzial hin.

Grundsätzlich hatten die Bauherren die Wahl zwischen dem Aus- oder Neubau eines bestehenden Stadions bei laufendem Spielbetrieb oder der kompletten Neuerrichtung an einem anderen Ort. Dies geschah beispielsweise in Köln und Mönchengladbach. In der Domstadt errichtete die Kommune für die WM 2006 einen zeitgemäßen Austragungsort, indem sie die Spielstätte des 1. FC Köln in Phasen abreißen und durch eine neue, 50.000 Plätze aufweisende Konstruktion ersetzen ließ. Auf diese Weise verschwand mit dem 1975 entstandenen „Müngersdorfer Stadion“ eine für die 1970er Jahre typische „Betonschüssel“ mit Leichtathletiklaufbahnen und flachen Rängen. Obwohl die damit verbundene Umbenennung in „RheinEnergie-Stadion“ bei einem Teil der Fans, insbesondere den Ultras, für Unmut sorgte, nahm der weit überwiegende Teil das neue Bauwerk am alten Ort an, das sie bis an den Spielfeldrand vorrücken ließ. Die Gründe für den geringen Widerstand gegen den Verlust des Namens dürfte in dem erheblichen Komfortgewinn und dem Umstand liegen, dass der im einige Kilometer entfernten Geißbockheim gelegene Hort der Klubtradition unangetastet blieb.

Am Niederrhein beschritt Borussia Mönchengladbach einen anderen Weg. Der Verein nutzte ein frei gewordenes Militärgelände am Stadtrand, um nicht nur ein vereinseigenes Stadion zu bauen, sondern seine weiteren Einrichtungen wie Trainingsplätze und Geschäftsstelle an einem Ort zu konzentrieren. In diesem Fall lag ein vollkommener Traditionsbruch vor, denn der in der Nähe der Innenstadt gelegene, traditionsreiche, jedoch überalterte, nur teilweise überdachte und lediglich 35.000 Plätze fassende „Bökelberg“ wurde abgerissen. Dabei war sich der Verein offenbar eines möglichen Konflikts mit Traditionalisten bewusst, denn der Neubau wurde nicht nach dem legendären Trainer Hennes Weisweiler benannt, sondern erhielt den nichtssagenden Namen „Stadion im Borussia-Park“, der im Fall einer Vermarktung problemlos durch die Bezeichnung eines Sponsors ersetzt werden könnte. Dass die Fans hingegen den im Vergleich zum Kölner Vorgehen vollzogenen Traditionsbruch hinnahmen, dürfte nicht zuletzt an der Hoffnung gelegen haben, mit der neuen, nun ca. 54.000 Plätze umfassenden Spielstätte die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend zu stärken.

Genres und Tags

Altersbeschränkung:
0+
Umfang:
425 S. 10 Illustrationen
ISBN:
9783895338489
Rechteinhaber:
Bookwire
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