Buch lesen: "Ein Lord auf geheimer Mission"
INKA LOREEN MINDEN
Ein Lord auf geheimer Mission
REGENCY ROMANCE
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Kapitel 1 – Eine Frau für Lord Lexington
Kapitel 2 – Lady Clearwaters Liste potenzieller Heiratskandidaten
Kapitel 3 – Hitzewallungen
Kapitel 4 – Annäherung
Kapitel 5 – Heiße Küsse und mehr
Kapitel 6 – Die Hochzeit
Kapitel 7 – Abschied
Kapitel 8 – Die Hochzeitsnacht
Kapitel 9 – Eine unerwartete Überraschung
Kapitel 10 – Mrs Lexington
Kapitel 11 – Die grausame Wahrheit
Kapitel 12 – Nachforschungen
Kapitel 13 – Gekränkter Männerstolz
Kapitel 14 – Verborgene Talente
Kapitel 15 – Süße Rache, die Zweite
Kapitel 16 – Lous Geheimnis
Kapitel 17 – Geheime Wahrheiten
Kapitel 18 – Stürmische Zeiten
Kapitel 19 – Gefühlschaos
Kapitel 20 – Ankunft in Lissabon
Kapitel 21 – Alte Feinde
Kapitel 22 – Neue Seiten
Kapitel 23 – Ashtons Geständnis
Kapitel 24 – Noch mehr Geständnisse
Kapitel 25 – Der letzte Auftrag
Kapitel 26 – Bonusgeschichte: Rollenspiele
Kapitel 27 – Zusatzinfos und Recherche
Buchvorstellung: »Kein Lord wie alle anderen«
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Über die Autorin
Impressum
Inhalt
HISTORISCHER LIEBESROMAN
Niemals darf sie von seinem geheimen Doppelleben erfahren …
England 1835: An Heirat will Ashton noch nicht denken, und Liebe ist in seinem gefühlskalten Dasein keinesfalls vorgesehen. Doch er wird leider nicht jünger und braucht einen Erben. Nur von seinen zuweilen riskanten Nebentätigkeiten sollte seine Zukünftige besser nichts wissen.
Als er auf einem Ball der perfekt erzogenen Tochter eines Barons begegnet, zögert er nicht lange und hält um ihre Hand an. Eine junge, unerfahrene und fügsame Gattin wird keine Fragen stellen, wenn er sich merkwürdig benimmt, hofft er. Doch da hat er die Rechnung ohne Penelope gemacht.
Wenn sich der Traumprinz als Schwindler entpuppt …
Penny ist überglücklich, als ihr ein waschechter Earl einen Antrag macht. Sympathisch und attraktiv ist er außerdem. Bald merkt sie allerdings, dass ihr Lord Lexington etwas Bedeutsames verschweigt und sie nicht der Liebe wegen geheiratet hat. Noch bevor ihr bewusst wird, worin ihr Ehemann verstrickt ist, befindet sie sich mittendrin in einem Abenteuer, das sie überhaupt nicht vorhergesehen hat.
Kann es für die beiden eine Chance auf wahre Liebe geben, obwohl sich Ashton geschworen hat, niemals sein Herz zu verlieren?
Ein Adliger mit einem gewagten Doppelleben trifft auf eine gewiefte Lady. Die neue Regency Romance von Inka Loreen Minden. Amüsant, spannend und voll heißer Leidenschaft.
In sich abgeschlossen und mit Happy End Garantie!
Ca. 350 Seiten
Weitere Titel der Reihe
(alle unabhängig voneinander lesbar)
Ein Lord wie kein anderer (Emily & Daniel)
Dem dunklen Rächer verfallen (Rochford & Cole)
Kein Lord wie alle anderen (Izzy & Henry)
Teaser
Als sie die Augen öffnete, stockte Penny der Atem. Hatte sie sich an ihn geschmiegt oder er sich an sie?
Egal, wie herum es war – Ashton sollte keine falschen Schlüsse ziehen. Deshalb löste sie sich so behutsam wie möglich von ihm, damit er nicht aufwachte. Sie wollte so lange zu ihm auf Abstand gehen, bis sie endlich erfuhr, was er vor ihr verbarg. Nur leider machte es ihr dieser Verführer nicht leicht! In seinen Armen zu liegen, war nach wie vor das beste Gefühl der Welt.
Kapitel 1 – Eine Frau für Lord Lexington
London, England
Mai 1835
Einer der größten Nachteile als ungebundener Adliger war, dass stets irgendwelche Mütter versuchten, ihn mit ihren Töchtern zu verkuppeln. Ashton konnte kaum drei Schritte durch den stickigen und völlig überfüllten Saal machen, ohne von einer Fregatte belagert zu werden, die ihren herausgeputzten Spross im Schlepptau hatte. Dabei war er lediglich hergekommen, um dem türkischen Ambassador, der als Ehrengast zu Lady Billingtons Ball geladen war, zu treffen – nicht, um sich in Tanzkarten einzutragen. Doch alle alleinstehenden jungen Damen, die Rang und Namen besaßen, schienen an diesem Abend hier zu sein und ihn anzuhimmeln. Bloß erregte keine Frau seine Aufmerksamkeit, obwohl sie fast alle wunderhübsch anzusehen und nach der neusten Mode gekleidet waren. Allein die leckeren Häppchen und die außerordentlich köstlich schmeckende Bowle verlockten ihn, länger zu bleiben.
Lady Billington war die Frau eines Marquess – einem der reichsten Männer von ganz England. Sie hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um diesen Abend zu einem besonderen Ereignis zu machen. Außerdem hatte sie nur die Crème de la Crème des bon ton geladen – sowie jede Menge alleinstehender Herren, um ihre jüngste Tochter unter die Haube zu bringen. Lady Billington und ihr Gatte, der die Siebzig bereits überschritten hatte, hatten früher ein paar Jahre in der Türkei gelebt. Deshalb war es ihnen eine Ehre gewesen, auch den türkischen Botschafter, der gerade in London weilte, einzuladen. Ashton hatte diese perfekte Gelegenheit genutzt, um dem Mann während eines wie zufällig wirkenden Zusammenstoßes einen vertraulichen Brief seines Auftraggebers zuzustecken. Wenn der Ambassador später das Dokument in seiner Tasche fand, würde er nicht wissen, von wem es stammte, bis er den Inhalt las – den Ashton nicht kannte. Schließlich war er nur »der Bote«, wie er in gewissen Kreisen genannt wurde. Er arbeitete diskret; die Informationen, die er überbrachte, gingen ihn nichts an.
Die Musiker machten gerade eine Pause, danach stand eine Quadrille auf dem Programm. Ashton mochte diesen Tanz und hätte durchaus Lust, mal wieder über das Parkett zu wirbeln. Doch wenn er eine Frau aufforderte, würden alle anderen danach bei ihm Schlange stehen. Und müsste er nicht zuerst anstandshalber mit der Tochter der Gastgeber tanzen? Lady Billington lächelte ihn auffordernd an, wann immer sich ihre Wege kreuzten, und versuchte, ihre Tochter und ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Ashton wusste, dass er auf ihrer Liste der potenziellen Heiratskandidaten für ihr Töchterchen ganz oben stand.
Er seufzte resigniert, murmelte Entschuldigungen und eilte an den Ladys vorbei. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt und überlegte, ob er nach Hause gehen sollte. Dort würde er allerdings nur in sein Brandyglas starren und auf einen weiteren Geheimbefehl warten. Hoffentlich ließ die nächste Mission nicht zu lange auf sich warten.
Ob er doch noch bleiben sollte? Vielleicht schnappte er das eine oder andere Gerücht auf, das ihm oder seinem Auftraggeber nützlich sein konnte. Diese speziellen Dienste, die er hin und wieder ausführte, lenkten ihn wenigstens von seinem ansonsten monotonen Leben ab. Nur in seiner Londoner Villa oder seinem Landgut in Nottinghamshire herumzusitzen oder das Parlament zu besuchen, würde ihn schrecklich langweilen. Da war er lieber Wochen oder sogar Monate im Ausland unterwegs.
Er genoss es, zu reisen, die Welt zu sehen! Deshalb hatte er bisher überhaupt keine Zeit gehabt, sich eine englische Lady zu suchen.
Heute wäre eine hervorragende Gelegenheit dazu, dachte er, kurz bevor er den Ausgang erreichte, und ließ möglichst unauffällig seinen Blick schweifen. Die zahlreichen ungebundenen Damen, die sich auf Männerschau befanden, erinnerten ihn daran, dass er sich tatsächlich langsam nach einer Ehefrau umsehen sollte. Schließlich war er ein Earl, und als solcher brauchte er früher oder später einen Erben. Er wurde zwar erst dreißig und war im Grunde noch längst nicht zu alt, um sich für immer zu binden. Doch eine Frau an seiner Seite würde ihm die lästigen Mütter vom Hals halten und ihm auch sonst Vorteile verschaffen. Ja, er könnte mit einer Heirat zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einen Erben zeugen und diesen gut versorgt wissen, während er weiterhin seinen speziellen Diensten nachging und ab und an ins Ausland reiste. Seine Gattin würde sich solange zu Hause mit der Erziehung der Kinder und der Führung des Haushaltes beschäftigen und würde nie erfahren, was er wirklich trieb.
Ich brauche ja nur eine einzige Frau auszusuchen und muss nicht mit jeder tanzen, überlegte er. Wozu besaß er ein geschultes Auge und eine hervorragende Menschenkenntnis? Es wäre für ihn ein Leichtes, die perfekte Braut auszuwählen – sofern sie sich hier befand. Leider wirkte jede wie die andere und sie schnatterten ihm zu viel. Wenn er sich schon verheiratete, wollte er eine, die seinen Vorstellungen entsprach. Politisch unerfahren sollte sie sein – was wohl auf die meisten zutraf – aber vor allen Dingen brav und fügsam, damit sie keine neugierigen Fragen stellte, wenn er zu seinen Missionen aufbrach. Je weniger sie über sein Doppelleben wusste, desto besser. Seine Einsätze bargen auch gewisse Risiken, und mehr als einmal hatte er sein Leben verteidigen müssen. Doch mit seinen zuweilen waghalsigen Missionen hätte seine zukünftige Gattin nichts zu tun, im sicheren Zuhause in England.
Seine Ehefrau sollte bloß deshalb nichts von seinem Zweitleben erfahren, weil es einerseits streng geheim – und nicht immer gesetzkonform – war, was er tat, und er andererseits Angst hatte, sie würde ihm ansonsten diese Tätigkeit ausreden. Denn Ashton brauchte sie, damit er vor seiner Gattin davonlaufen konnte. Für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte, würde er sie mit einem speziellen Testament finanziell absichern.
Ja, er war ein Feigling und wollte eine engere Bindung auf keinen Fall zulassen. Jahrelang hatte er mitansehen müssen, wie die Liebe seinen Vater zugrunde gerichtet hatte. Nachdem Ashtons Mutter wegen einer Infektion viel zu früh gestorben war – Ashton war erst acht gewesen –, hatte sich sein Vater zurückgezogen, zu viel Alkohol getrunken und gelitten wie ein Hund. Ashton hatte er kaum noch beachtet.
Er hatte die meiste Zeit mit seiner Nanny und den Hauslehrern verbracht, bevor er ins Internat und danach ins College abgeschoben worden war. Erst spät hatte er kapiert, dass sich sein Vater totgesoffen hatte. Er war an seiner eigenen Kotze erstickt. Das war vor zwölf Jahren gewesen.
Wenn nicht mehr erwiderte Liebe einen Menschen zugrunde richtete, wollte Ashton nicht lieben. Aber das musste er auch nicht. Er würde seinen Job weiterhin erledigen, um seine Gattin auf Abstand zu halten, damit gar nicht erst tieferen Gefühle zwischen ihnen aufkeimen konnten. Ehen funktionierten ohne Liebe genauso. Die meisten Verbindungen, die unter Adligen eingegangen wurden, waren Zweckehen. Das wussten alle. Solch eine Beziehung reichte ihm vollkommen aus.
Trotzdem wollte er eine hübsche Frau, mit der er sich gut verstand. Er war kein Kostverächter und hatte schon einige Schönheiten in seinen Armen gehalten. Doch sobald er verheiratet war, wäre das leichte Leben vorbei. Gerade deshalb wollte er sich nachts an den Körper einer attraktiven Lady schmiegen. Denn niemals würde er sich nach seiner Hochzeit woanders Befriedigung holen und seine Gattin betrügen. Er war kein rücksichtsloser Bastard. Außerdem würde er dafür sorgen, dass es seiner Zukünftigen an nichts fehlte. Nun ja, an fast nichts. Eine zu enge Bindung durfte sie nicht erwarten. Ashton ging jedoch davon aus, dass die meisten jungen Damen wussten, worauf sie sich einließen. Liebe stand nur selten auf dem Programm.
Aber in diesem stickigen Saal würde er die für ihn perfekte Frau nicht finden. Nicht heute. Keine der anwesenden jungen Damen sprach ihn wirklich an. Wobei er leider nicht wusste, was eine Frau haben musste, um ihm dauerhaft zu gefallen. Das hatte er bisher nicht herausgefunden. Auf jeden Fall sollte sie geistig auf seiner Höhe sein, schließlich wollte er kluge Kinder.
Ashton atmete tief durch, als er in die warme Nacht trat und die Stufen der Villa hinabstieg, die am Rande des Regent’s Park lag. An der mit Bäumen gesäumten Straße wartete seine Kutsche auf ihn, doch er überlegte, die kurze Strecke bis zu seinem Haus, das ebenfalls im Stadtteil Marylebone lag, zu gehen. Die Nacht war angenehm warm und er brauchte Luft. Die ganzen Duftwässerchen und Schweißgerüche hatten sein Gehirn vernebelt.
Er wollte soeben seinem Kutscher Bescheid geben, als ein leises, aber glockenreines Lachen, das sich wie das Lied eines Engels anhörte, seinen Blick auf einen Zweispänner lenkte, der nur ein paar Meter weiter parkte. Fackeln säumten die Straße zusätzlich zu den Laternen und erhellten die Gestalten zweier Frauen. Die eine schätzte er auf vierzig, die andere gerade einmal halb so alt. Sie standen vor der kleinen Kutsche dicht beieinander und tuschelten miteinander. Es war die jüngere der beiden, die lachte. Als sie sein Starren bemerkte, schloss sie sofort den Mund, senkte den Blick und versteckte ihr Gesicht hinter ihrem Fächer.
Ashton musterte sie ungeniert, während er kurz seinen Zylinderhut anhob, um seine wirren Strähnen darunter zu richten. Ihr schwarzes Haar, das sie zu einem kunstvollen Knoten trug, schimmerte mysteriös im Feuerschein, und die Flammen der Fackeln zauberten orangefarbene Muster auf ihren weißen Umhang sowie das zartviolette Kleid.
Als sie den Fächer sinken ließ, blickte sie scheu in seine Richtung, und sein Herzschlag beschleunigte sich. Sie war eine Grazie, wunderschön und anmutig wie eine römische Göttin, besaß ein perfekt geschnittenes, herzförmiges Gesicht und sinnliche Lippen. Sie überragte ihre Begleiterin um eine halbe Haupteslänge, war aber immer noch kleiner als er.
Warum war sie ihm bisher nicht aufgefallen? Sie schien geradezu unsichtbar gewesen zu sein, obwohl sie ihm nun direkt ins Auge stach. Ihre schüchterne Art reizte ihn, und er wollte unbedingt mehr über sie erfahren.
Wer war sie?
»Sie wollen den Ball schon verlassen, meine Damen?«, fragte er die beiden, während er auf sie zuschlenderte. »Ich hoffe, Sie sind wohlauf?«
Die ältere der beiden, in deren Haar sich erste graue Strähnen zeigten, wandte den Kopf und sah ihn unverwandt an. Ihre Gesichtszüge ähnelten der jüngeren. Sie war unverkennbar ihre Mutter oder eine nahe Verwandte. »Uns geht es ausgezeichnet«, antwortete sie freundlich. »Vielen Dank.«
Ashton gesellte sich zu ihnen und verbeugte sich galant. »Verzeihen Sie meine Rüpelhaftigkeit. Aber das liebliche Lachen hat mich auf Sie beide aufmerksam gemacht und mich meine Manieren vergessen lassen. Ich bin Lord Lexington.«
»Oh.« Die ältere Dame machte einen Knicks und strahlte ihn an. »Sehr erfreut, Lord Lexington. Ich bin Lady Clearwater, und das ist meine Tochter Penelope.«
Ashton verbeugte sich erneut und grinste Penelope verschmitzt an, sodass sie gleich noch röter wurde. Als sie nichts sagte, sondern ihn nur mit einem Knicks begrüßte, wandte er sich wieder an ihre Mutter. »Ihr Gatte ist Phillipe Clearwater?«
Sie nickte. »So ist es, Lord Lexington. Kennen Sie ihn persönlich?«
»Leider hatten wir noch nicht das Vergnügen.« Ashton kannte so gut wie alle Adligen aus London mit Rang und Namen, zumindest vom Hörensagen. Lady Clearwater war also die Frau eines Barons, der ein passables Stadthaus in Mayfair und ein prächtiges Landgut in der Grafschaft Kent besaß, nahe der Stadt Rochester, soweit er wusste. Die Familie war angesehen, nahm in der Gesellschaft jedoch keinen allzu hohen Bekanntheitsgrad ein und sollte sich überwiegend auf dem Landsitz aufhalten. Je unsichtbarer seine Zukünftige war, je weniger politische Verbindungen ihre Familie besaß, desto besser.
Ashton sagte zu Lady Clearwater: »Es wäre mir eine Ehre, Ihren Gatten kennenzulernen«, und wandte sich danach an ihre Tochter. »Was hat Sie gerade so sehr erheitert, Miss Clearwater?«
»Es war nichts, Mylord«, antwortete sie leise.
Er mochte ihre Stimme. Sie klang weder schrill noch aufdringlich. »Es hat sich alles andere als nach nichts angehört.«
Prompt wurde sie wieder rot und senkte erneut den Blick. Ashton wollte sie nicht länger quälen, obwohl er durchaus den Grund für ihre Fröhlichkeit erfahren wollte, um sie noch einmal lachen zu hören. Stattdessen fragte er: »Warum verlassen Sie den Ball zu dieser frühen Stunde, Miss Clearwater?«
Bevor sie antworten konnte, verkündete ihre Mutter stolz, dass an diesem Abend so viele Herren Interesse an Penelope erkundet hatten, dass sie sich vor Heiratskandidaten kaum retten konnte und sie sich deshalb rar machen wollten, um das Interesse der Adligen noch mehr zu befeuern. Munter redete sie drauf los, als würde sie ihn schon ewig kennen. »Im letzten Jahr, zu Penelopes erster Saison, schien sie keiner haben zu wollen. Aber nun ist sie zu einer wahren Schönheit erblüht. Finden Sie nicht auch, Lord Lexington?«
»In der Tat«, raunte er und räusperte den Kloß aus seinem Hals. Er hatte heute wohl zu viel geredet, oder warum versagte ihm nun beinahe die Stimme?
Dass Penelope von der Rede ihrer Mutter überhaupt nicht angetan war, erkannte er selbst in der Dämmerung. Sie grub die Finger in ihr Retikül und ein Muskel in ihrer Wange zuckte. Außerdem blitzte Unmut in ihren Augen auf. Sie schien Feuer im Blut zu haben, jedoch eine unterwürfige Art zu besitzen. Wahrscheinlich verbot es ihr die gute Erziehung, mit den Augen zu rollen oder ihrer Mutter zu widersprechen.
»Haben Sie sich schon für einen Kandidaten entschieden?«, fragte er sie, bevor ihre Mutter sie noch mehr in Verlegenheit brachte.
Penelope schüttelte den Kopf und schien nun nicht mehr ganz so stark zu erröten. Allerdings kam ihr immer noch kein Wort über die hübschen Lippen.
Ashton glaubte nicht, dass sie einen einfachen Verstand besaß. Schließlich hatte sie sich zuvor angeregt mit ihrer Mutter unterhalten, und ihre Körpersprache zeigte ihm deutlich, wie es in ihr arbeitete. Offenbar war sie bloß schüchtern oder sehr zurückhaltend.
Perfekt. »Gut, dann werde ich Ihnen morgen einen Besuch abstatten, wenn Ihnen das recht ist.«
»Das ist uns außerordentlich recht, Lord Lexington!«, antwortete Lady Clearwater euphorisch. »Wir freuen uns sehr. Nicht wahr, Penelope?«
Sie nickte und lächelte zittrig.
Ihre Mutter gab ihm die Adresse des Stadthauses, und er verabschiedete sich bei den beiden. Als er sich vor Penelope verbeugte, musterte er sie erneut eindringlich und versuchte, etwas von ihrem Geruch zu erhaschen. Wenn er sich nicht irrte, duftete sie nach Jasminblüten. Er kannte dieses Aroma von seinen zahlreichen Reisen und mochte es sehr.
Diesmal wandte sie nicht den Blick ab, zumindest nicht in den ersten Sekunden. Ashton meinte, eine gewisse geistige Reife hinter ihren Pupillen aufblitzen zu sehen, obwohl sie bestimmt noch keine zwanzig war. Gleichzeitig wirkte sie unerfahren, sehr gut erzogen und unterwürfig. Er würde sie gewiss nach seinen Vorstellungen formen können. Wunderschön war sie außerdem. Diese Mischung reizte ihn sehr.
Penelope Clearwater verkörperte auf den ersten Blick all das, was er suchte. Sie wäre die perfekte Ehefrau für ihn, und er würde alles daransetzen, sie zu bekommen. Als Nächstes würde er gleich einmal herausfinden, wer seine Nebenbuhler waren und wie er sie loswurde. Außerdem überlegte er fieberhaft, wie er seine Zukünftige überzeugen konnte, dass er der einzig in Frage kommende Heiratskandidat für sie war.
Kapitel 2 – Lady Clearwaters Liste potenzieller Heiratskandidaten
Als Penny dem Earl nachblickte, der eilig zurück in die Villa marschierte, sank ihr Herz. Unentwegt dachte sie: Du dumme, dumme, dumme Gans! Jetzt hast du ihn davongejagt.
Sie hatte sich vor Lord Lexington wie eine Idiotin benommen! Dazu hatte ihre Mutter sie permanent in Verlegenheit gebracht, sodass es noch schwerer für Penny gewesen war, einfach sie selbst zu sein.
Mutter war ansonsten keine Tratschtante, aber sie hatte überhaupt nicht mehr aufgehört, Peinlichkeiten von sich zu geben. Das ganze Zusammentreffen war ein einziges Fiasko gewesen! Deshalb suchte der Earl nun das Weite. Ja, er schien nicht schnell genug vor ihr fliehen zu können.
Äußerst schade. Sie hätte Lord Lexington gerne besser kennengelernt und ihn davon überzeugt, dass sie für sich selbst sprechen konnte und kein naives Dummchen war. Zwar wollten die meisten Männer eine Frau, die weder zu viel vom Weltgeschehen verstand, noch ihnen widersprach, doch so schätzte sie den Earl nicht ein. Gewiss war er keiner dieser altmodischen Herren, sondern ein moderner Mann. Er sah auch keinen Tag älter aus als dreißig, während einige andere Anwärter beinahe doppelt so alt waren.
Als sie sich von ihrem Kutscher auf den Zweispänner helfen ließen, hörte Mutter gar nicht mehr auf zu schwärmen, weil sich nun auch ein Earl auf ihre Liste mit potenziellen Heiratskandidaten gesellt hatte.
»Deine erste Saison war ein Fiasko«, bemerkte sie liebevoll, während sich Penny neben sie setzte, »aber dieses Jahr ist ein voller Erfolg!« Sie holte ihren Zettel aus dem Retikül und verkündete stolz: »Wir haben einen Marquess, einen Viscount, zwei Baronets und einen Knight. Jetzt möchte dich auch noch ein Earl besuchen! Ach, meine liebe Tochter, ich freue mich sehr.«
»Ich freue mich auch«, murmelte Penny weniger euphorisch und hoffte, Lord Lexington irgendwo zu erblicken. Aber er war wie vom Erdboden verschluckt.
Wenn sie daran dachte, wie er auf sie aufmerksam geworden war, wurde ihr gleich wieder heiß. Sie hatte vor Freude und Übermut gelacht, weil so viele Herren versprochen hatten, sie demnächst zu besuchen – aber das hatte sie dem Lord unmöglich beichten können. Sie wäre vor Scham im Boden versunken, und er hätte geglaubt, sie wäre nur auf sein Geld und ein Luxusleben aus. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher, als einen liebevollen Mann zu finden, der ihre Gefühle erwiderte, um mit ihm eine Familie zu gründen. Er müsste auch nicht dem Hochadel angehören, doch da würden ihr ihre Eltern wohl einen Strich durch die Rechnung machen. Mama hatte es weniger gut gefunden, dass auch ein junger Knight und zwei Baronets um sie geworben hatten. Dabei war gerade der Knight Sir Simon Robertson derjenige, der ihr am besten gefiel.
Sie war schon neunzehn Jahre alt. Herrje, ihre innere Uhr tickte jeden Tag lauter. Ihr ganzes Leben war sie vorbereitet worden, Ehefrau und Mutter zu werden, und sie wollte dieses Ziel endlich erreichen.
Nach dem Fiasko im letzten Jahr war sie todtraurig gewesen und hatte gedacht, nie einen Mann zu finden. Sie hatte ohnehin ein Jahr später als die meisten jungen Frauen debütiert, da sie mit siebzehn noch ausgesehen hatte wie ein halbes Kind und ihre Eltern beschlossen hatten, noch ein Jahr zu warten. Aus dem Küken war leider erst spät ein Schwan geworden.
Aber nun hatten ihr gleich fünf Herren Hoffnungen gemacht, darunter eben auch jener junge Knight, der passabel aussah und sie unentwegt angegrinst hatte. Das bedeutete wohl, er hatte ernsthaftes Interesse an ihr.
Penny hatte sich von ihrer besten Seite gezeigt, in Wahrheit jedoch meistens den Mann heimlich beobachtet, der angeregt mit einigen Gästen gesprochen hatte – Lord Lexington, wie sie nun wusste. Doch er hatte nie in ihre Richtung gesehen. Womöglich hatte er sie zwischen all den Herren auch gar nicht bemerkt. Und dann hatte er plötzlich vor ihr gestanden und sie sich absolut daneben benommen. Er würde sie sicher nicht besuchen kommen, höchstens aus reiner Höflichkeit.
Sie hatte sich auf den ersten Blick in ihn verguckt, obwohl er für sie ein Fremder gewesen war. Doch jetzt, da sie seinen Namen kannte, kratzte sie in ihrem Kopf alles zusammen, was sie über ihn in den letzten Jahren aufgeschnappt hatte – was nicht viel war. Im Grunde wusste sie nur, dass ihn sowohl die ledigen als auch die verheirateten Frauen anhimmelten. Das war aber auch schon alles.
Ob er eine Mätresse hatte?
»Mama«, sagte Penny und unterbrach ihre Mutter mitten im Redeschwall. »Was kannst du mir über Lord Lexington erzählen?«
Ihre Mutter starrte sie entgeistert an, während sie durch die schwach beleuchteten Straßen fuhren. »Du hast mir ja gar nicht zugehört, Liebes.«
»Es tut mir leid. Ich bin furchtbar aufgeregt.«
»Ich wollte gerade mit dir besprechen, wer wohl das Rennen machen wird.«
»Mama, das sind keine Pferde, sondern Menschen.«
»Ich sehe da keinen großen Unterschied. Wir sollten den edelsten Hengst im Stall bevorzugen.«
»Mama!«, rief Penny empört und hoffte, dass der Kutscher nicht lauschte. Zum Glück klackerten die Hufe der Tiere auf dem Kopfsteinpflaster. Zudem hörte der alte John nicht mehr so gut.
»Also, dann noch einmal.« Ihre Mutter seufzte schwerfällig. »Wir sollten die zwei Baronets streichen, den Knight sowieso.«
»Was hast du denn gegen Sir Simon?« Sie fand den jungen Mann, der ihr schöne Augen gemacht hatte, sehr sympathisch.
»Er ist ein Knight! Er hat zwar ein passables Auskommen, aber du solltest nicht unter deinem Rang heiraten«, mahnte sie ihre Mutter. »Darum fallen auch die Baronets weg. Zum Glück haben wir noch den Viscount …«
»Mama, Lord Hexham ist uralt!«
Ihre Mutter seufzte resigniert. »Du hast recht. Er wird mir wohl keine Enkelkinder schenken können.«
»Mama!« Langsam kam sich Penny wie eine Zuchtstute vor.
»Es bleiben also nur noch der Marquess of Brancaster und Lord Lexington übrig, wobei der Marquess über dem Earl rangiert und sehr vermögend ist.«
»Habgier hat schon die eine oder andere Frau ins Eheunglück gestürzt«, murmelte Penny.
»Ich kenne die Geschichten, mein Schatz, doch der Marquess ist gutherzig. Außerdem kam er auf dich zu, und ich will dich gut versorgt wissen. Lord Lexington wäre auch interessant. Leider habe ich über ihn so gut wie keine Informationen!«
Das fand Penny äußerst dubios. Normalerweise verbreiteten sich Klatsch und Tratsch unter dem ton wie ein Lauffeuer. Es mussten doch Geschichten über den Earl im Umlauf sein! Andererseits sprach es für ihn, dass es nichts zu erzählen gab. Er lebte wohl zurückgezogen, oder er war kein Aufschneider. Penny mochte diese Herren ohnehin nicht, die ständig mit nichtigen Taten angaben, um sich zu profilieren. Sie wollte einen mutigen, klugen Mann und keinen Prahler. Und da sich Lord Lexington mit dem türkischen Ambassador sehr angeregt unterhalten und mit ihm gelacht hatte, schien er ein freundlicher Mann zu sein.
Himmel, dieses Lachen! Immer, wenn sie es gehört hatte, war ihr Herz wild herumgesprungen und sie hatte nicht den Blick von seinem attraktiven Gesicht abwenden können.
Ihre Mutter klebte wegen der Dunkelheit beinahe mit der Nase an ihrer Liste, als würde sie hoffen, noch einen Kandidaten darauf zu entdecken. »Vielleicht hätten wir doch länger auf Lady Billingtons Feier bleiben sollen, um noch mehr Kandidaten zu sammeln.«
Penny sagte nichts dazu. Sie war mit der Männerschar überfordert gewesen und nun froh, dem Trubel um ihre Person entfliehen zu können. Sie war es nicht gewohnt, umschwärmt zu werden, auch wenn es ihr gefallen hatte.
Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu Lord Lexington zurück. Ihr Lachen hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Bestimmt war er ein humorvoller Mann, mit dem sie Spaß haben konnte, und kein biederer Mensch. Und sie dumme Kuh hatte ihm das Gefühl vermittelt, eine Langweilerin zu sein.
Seufzend ließ ihre Mutter den Zettel sinken. »Der Marquess hat nach dem Tod seiner Frau – Gott habe Elisabeth selig – drei Jahre um sie getrauert. Er ist eine treue Seele, und wir kennen ihn gut. Er ist schließlich ein Bekannter unserer Familie. Er würde gut für dich sorgen.«
»Er ist fast wie ein Onkel für mich, Mama.« Penny schüttelte sich. Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, mit dem Marquess eine Familie zu gründen. Er war zwar noch keine vierzig, doch er entsprach absolut nicht ihrem Geschmack. Außerdem war er ein Langweiler.
Dann passt er ja zu mir, dachte sie sarkastisch.
Sie sollte nicht zu wählerisch sein, denn sonst würde sie als alte Jungfer enden. Doch tief in ihrem Herzen hoffte sie, dass Lord Lexington sie besuchen würde und um ihre Hand anhielt. Er kam ihr allerdings wie der unerreichbare Märchenprinz vor. Wahrscheinlich hatte sie nicht den Hauch einer Chance bei ihm – und das hatte sie sich selbst zuzuschreiben.