Buch lesen: "Der Reiniger: Teil 3 - Die Jacke"
Inger Gammelgaard Madsen
Der Reiniger
Die Jacke - Teil 3
SAGA Egmont
Der Reiniger: Die Jacke - Teil 3
übersetzt aus dem Dänischem von Kirsten Vesper nach
Sanitøren
Copyright © 2017, 2018 Inger Gammelgaard Madsen und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711970539
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
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3: Die Jacke
Bertram zuckte zusammen, als es an der Tür klingelte. Er beeilte sich, die Zigarette auszudrücken, bevor er aufmachte.
Felix trabte einfach herein und wortlos gingen sie in Bertrams Zimmer.
„Hast du die Videos gesehen?“, fragte Bertram heiser. Er hatte Felix das ganze Wochenende über nicht erreichen können. Er war zusammen mit seinen Eltern in Schweden gewesen, um seinen 16. Geburtstag bei seinen Großeltern, die dort wohnten zu feiern, und er war nicht für Auslandsgespräche freigeschaltet.
„Bist du dir ganz sicher, dass die echt sind?“, fragte Felix und schluckte seine Spucke sichtbar ein paar Mal.
„Sowohl der Selbstmord als auch der Autounfall wurden in den Zeitungen und im Fernsehen erwähnt.“
„Und dabei war es gar kein Selbstmord und auch kein Unfall.“
„Was zum Teufel tun wir, Felix?“
Bertram setzte sich auf sein Bett und starrte Felix verzweifelt an. Er war der Kluge von ihnen und am Telefon waren sie sich einig gewesen, dass sie definitiv nicht zur Polizei gehen und selbst in die Schusslinie geraten sollten.
„Wir müssen herausfinden, wem diese Jacke gehört. Wenn wir wissen, wer er ist, können wir ihn vielleicht irgendwie bei der Polizei melden.“
„Aber wir wissen ja nicht mal, ob der, dem die Jacke gehört, derjenige ist, der diese Menschen tötet …“
Felix setzte sich auf Bertrams Schreibtischstuhl und kratzte sich die blonden Haare, die heute nicht zu einem Knoten gedreht waren, sondern über seine Schultern wallten.
„Der USB-Stick lag in seiner Tasche, warum sollte er sonst damit herumrennen?“
Bertram gab ihm Recht. Es war schön, endlich mit jemandem darüber sprechen zu können. Er war jetzt seit mehreren Tagen mit seiner Mutter zerstritten und wenn sie das waren, sprachen sie nicht miteinander und mieden sich, was in einer kleinen Dreizimmerwohnung schwer werden konnte. Aber sie glaubte ihm ja ohnehin nicht. Als er sie endlich hatte überreden können, sich die geheime Seite auf seinem Laptop anzusehen, hatte es aufgrund eines Serverfehlers beim Anbieter keine Internetverbindung gegeben und Eva Maja hatte den Kopf geschüttelt und ihn wieder einen Lügner mit einer lebhaften Fantasie genannt. Ihn beschuldigt, dass er diese Homepage sicher selbst gemacht hätte, um andere zu erschrecken.
„Es kann dir ja eigentlich auch egal sein, Bertram. Ein Gefängniswärter und eine Anwältin, die du eh nicht kennst. Vielleicht hatten sie es verdient zu sterben. Wie der, den dein Vater getötet hat.“
Bertram schauderte dabei, wieder an seinen Vater erinnert zu werden, und schüttelte den Kopf.
„Aber was ist mit dem Neuen auf der Liste? Karl Dallerup. Er ist mit der Anwältin verwandt. Ihr Vater. Ich hab’s im Lokalfernsehen gesehen. Sie haben eine Gedenksendung für sie gemacht, wo sie es erzählt haben. Er ist auch ein hohes Tier. Richter oder so was.“
Felix drehte sich zu seinem Laptop um und öffnete den Browser. Bertram sah, dass er Karl Dallerup ins Suchfeld eingab.
„Was hast du vor?“
„Seine Telefonnummer finden. Dann kannst du ihn anrufen und warnen.“
„Ich kann …? Nein, was soll ich sagen? Er wird mir doch auch nicht glauben.“
„Es gibt nicht besonders viele, die so heißen. Das hier muss er sein. Da steht auch, dass er Richter beim Obersten Gerichtshof ist.“ Felix zeigte ihm die Telefonnummer auf dem Bildschirm.
Bertram zog willenlos sein Handy aus der Tasche und fing an, die Nummer einzugeben. Dann hielt er inne und schaute Felix verzweifelt an.
„Ich kann nicht, Felix! Was soll ich sagen? Kannst du das nicht machen, du bist so klug, und …“
„Du hast diese Jacke geklaut, du bist selbst schuld an all dem hier.“
„Ich bin schuld daran? Du warst doch verdammt nochmal derjenige, der sich in dieses Netzwerk gehackt hat!“
„Ja, weil du mich darum gebeten hast!“
„Nee, jetzt hör aber mal auf, man! Ich kann doch nichts dafür, dass du mit deinen Skills als Hacker immer so angeben musst!“
Felix stand so schnell vom Stuhl auf, dass er über die Unterlage rollte und mit einem Krachen gegen die Wand knallte. Er war im selben Tempo zur Tür hinaus; Bertram blieb allein zurück und starrte auf die Telefonnummer auf dem Handydisplay.
„Scheiße!“, rief er und warf es aufs Bett.
Felix hatte nur eine einzige vernünftige Sache gesagt. Dass es ihm egal sein konnte. Natürlich konnte es das. Was ging es ihn an, dass ein Richter des Obersten Gerichtshofes vielleicht sterben würde. Er war garantiert ein hochnäsiger Narr, der ihn in den Knast bringen würde, wenn er die Möglichkeit bekäme. Und diese Möglichkeit konnte darin bestehen, dass er die Nummer zu seinem Handy zurückverfolgte und herausfand, dass er angerufen und ihm erzählt hatte, dass sein Leben in Gefahr war. Verdammt nochmal nein! Natürlich könnte er das Handy benutzen, das ihm der Hehler besorgt hatte. Das hatte eine Prepaid-Karte und konnte nicht zurückverfolgt werden. Jeder von ihnen hatte eins gekriegt. Sie benutzten sie, wenn sie mit dem Hehler kommunizierten. Aber warum sollte er? Trotzdem stand er auf und holte den Schlüssel für die Schublade, in der das Handy lag. Der Schlüssel war gut versteckt, sodass Eva Maja ihn nicht finden und zu schnüffeln anfangen konnte. Sie hatte ihn gefragt, was er in der abgeschlossenen Schublade versteckte und ob es Pornos seien. Sie wollte es nur wissen. Er war sich sicher, dass sie eifrig nach dem Schlüssel gesucht hatte, aber den würde sie nie finden. Er versteckte ihn zwischen den Steinen im Terrarium seines Chamäleons. Dem näherte sie sich nicht.
Er zögerte wieder, als er mit dem Prepaid-Handy dasaß. War er sich wirklich sicher, dass es nicht zurückverfolgt werden konnte? Der Hehler hatte gesagt, das könnte niemand. Nicht mal die Polizei. Deswegen benutzten viele Kriminelle Prepaid-Karten. Ohne dass er es eigentlich wollte, tippten seine Finger die Nummer ein.
„Karl Dallerup. Hallo?“
Bertram ging rückwärts und öffnete den Mund, ohne etwas zu sagen.
„Hallo? Wer ist da? Was wollen Sie?“
Bertram beendete eilig die Verbindung und warf das Telefon von sich. Die Stimme klang gar nicht überlegen, sie war fest und Achtung gebietend, aber freundlich und zum Schluss ein bisschen panisch.
„Scheiße!“, sagte er wieder und kratzte sich verzweifelt die Kopfhaut. Es kribbelte am ganzen Körper.
Er hörte jemanden im Flur und schoss hinaus, da er glaubte, Felix käme zurück. Sie hatten sich erst ein paar Mal gestritten und das hielt selten lange an.
Eva Maja sah ihn überrascht an.
„Du bist zu Hause?“
„Offensichtlich. Aber wieso bist du schon wieder da?“
„Ich habe früher Schluss gemacht. Heute war im Restaurant nicht viel los, daher habe ich ein bisschen was Leckeres eingekauft. Vertragen wir uns wieder, ja, Schatz? Es gibt keinen Grund, sich über Kleinigkeiten zu streiten.“
Sie stellte die Tüte von Føtex auf den Boden, während sie die Jacke auszog.
Kleinigkeiten, dachte Bertram und wollte das Thema wieder aufgreifen, versuchen, sie davon zu überzeugen, dass er die Wahrheit sagte, aber sie unterbrach ihn.
„Aber was hast du gemacht? Sieht aus, als hättest du geweint.“
„Geweint? Nee, ey!“
„Wann musst du denn die Prospekte austragen?“
Er ergriff die Chance und schaute demonstrativ auf die Armbanduhr. „Ich seh’ gerade, ich muss jetzt los.“
Es dauerte noch eine Stunde, bis er sich normalerweise mit den anderen traf, aber gerade wollte er nur weg. In seinem Zimmer legte er das Handy zurück in die Schublade und schloss sie ab. Das eine von Rangos kugelförmigen Augen folgte seiner Hand, als er den Schlüssel zurück unter die Steine legte, sodass man ihn nicht sehen konnte.
Bertram wartete an ihrem üblichen Treffpunkt im Møllepark auf die anderen. Ausnahmsweise war er mal der Erste und zündete eine Zigarette an. Nach einer Nacht mit Regen dominierte jetzt die Sonne am Himmel und strahlte ins Glas der Regenbogen-Skulptur, sodass er geblendet wurde, wenn er nach oben zum Kunstmuseum schaute. Es war fast, als ob die Leute allmählich wüssten, dass dieser Platz hier, genau diese Bretter am Fluss, ihrer war. Hier hausten die Raben und Raben hielten andere von ihrem Territorium fern. Er klopfte die Asche im Wasser ab, als er die anderen am Fluss entlang heranschlendern sah. Felix war auch dabei und er spürte das Unbehagen nach ihrem Treffen in seinem Zimmer. Ihm fiel auf, wie verschieden sie waren, wie sie da gelaufen kamen. Felix, der mit den halblangen, blonden Locken wie ein Mädchen aussah. Bjarke, der dürr war, obwohl er zum Boxtraining ging, was man nur an seinen Oberarmen sah. Der Bürstenschnitt wirkte wie ein Heiligenschein, als die Sonne darauf schien. Kasper, von dem man glauben sollte, dass er zum Boxen ging, da er größer als die anderen und muskulös war. Seine Haare waren rot und zu einem Undercut mit langem Pony geschnitten, den er bei Wind nur schwer kontrollieren konnte, und der gerade wie eine Flamme wirkte, die von seinem Kopf abstand. Alle trugen schwarze Kapuzenpullis, wie der, den er selbst anhatte. Rabenschwarz. Sie hatten sie mal in einem Sportmaster-Geschäft geklaut. Die Raben machten bereits den ersten Gruß mit dem Schlag gegen den Brustkorb, als sie ihn entdeckten. Außer Felix, der die Hände tief in der Vordertasche des Pullis vergraben hatte. Ob er wohl sauer war?
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