Buch lesen: "Aufregend war es immer"
Hugo Portisch
AUFREGEND WAR ES IMMER

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1. Auflage
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Satz: Buch.Bücher Theiss / MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
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Coverfoto: Thomas Ramstorfer / First Look / picturedesk.com
ISBN 978-3-7110-0281-5
eISBN 978-3-7110-5306-0
Für Traudi
Inhalt
Zwölf Jahre …
Mit der »Elektrische« nach Wien Preßburg – Vorort mit großer Geschichte
Wir haben nichts Glaubt an dieses Österreich
Wie ein Rettungsanker Was der Marshallplan bewegte
Wir lesen uns etwas vor Angekommen in der »Tageszeitung«
Traudi Ich finde die Frau fürs Leben
Wir waren alarmiert Weichenstellung für Europa
Check, re-check, double-check Journalismus, wie er sein sollte
Mit Raab in Amerika Der Kanzler wusste, was er wollte
Ich bin Türke Eingeladen, »Wien zu erobern«
Keiner glaubte uns Endlich der Staatsvertrag
Der Wiener Zeitungskrieg Start in die neue Medienwelt
Volksbegehren: »Wer redet, der fliegt« Aufstand gegen den Parteienproporz
Ein Toter beim »Kurier-Eck« Die Affäre Borodajkewycz
Was Habsburg wollte Ringen um die Wiederkehr
Ein Gespräch mit Marschall Chen Yi China klopft an die Tür der Weltpolitik
Sibirien – Die Krähen sind da Ein Blick hinter den Ural
Kuba – Rote Insel im Sturm Haarscharf am Atomkrieg vorbei
Vietnam Ein Krieg verändert die Gesellschaft
Eine Lektion Journalismus In Wien und in Afrika
Ich melde mich von überall Als Chefkommentator beim ORF
Dem Papst widersprochen Kardinal König und seine »Nova Spes«
Friede durch Angst Im Atomarsenal der USA
Kreisky und die Neutralität Österreichs Weg in die Weltpolitik
Englands Weg nach Europa Der »Brexit« wurde schon mitgedacht
Eine Idee Gerd Bachers Geschichte für das Fernsehen
Eine unglaubliche Geschichte In 14 Tagen zur Republik
Nazifrage wird zur Naziplage Vranitzky zieht die Konsequenzen
Ein ehrenwertes Angebot Wissen, wohin ich gehöre
Zwischeneuropa Mit Kissinger durch Europas Geschichte
Hört die Signale Vom Zaren bis Putin
Wer Europa retten will Welche Wege aus der Krise
Dank sagen …
Bildnachweis
Zwölf Jahre …
Zwölf Jahre, so sagt mein Verleger, hat er auf dieses Buch warten müssen. Das stimmt, und ich wollte ihn noch lange warten lassen. Denn nichts fällt mir schwerer, als über mich zu schreiben. Das »Ich« in meinen »So sah ich«-Büchern war zwar immer vorhanden, aber eben nur ein »Ich« als Berichterstatter, der erzählt, was er gehört, gesehen, erlebt und sich dazu eine eigene Meinung gebildet hat. Eine Biografie – da soll ich nun mich selber sehen. Kann man das? Ja, das haben schon so viele getan. Leser wollen miterleben, was der Verfasser erlebt hat, wollen auch erfahren, was er sich dabei gedacht hat, sagt mein Verleger. Sagt auch Christine Graf, die 35 Jahre lang alle meine Fernsehdokumentationen als Produktionsleiterin betreut hat. Sagt vor allem meine Frau. So habe ich dieses Buch nun doch geschrieben.
Chronologisch – nach Jahren geordnet. Meine Geschichte folgt der Zeitgeschichte, nimmt Bedacht auf das jeweilige Geschehen in Österreich und in der Welt. So wechseln die Schauplätze meines Lebens mit den Schauplätzen des Weltgeschehens, aber auch meine jeweiligen beruflichen Aufgaben. Bei all diesen Aufgaben aber bin ich immer eines geblieben: Journalist.
Mit der »Elektrische« nach Wien Preßburg – Vorort mit großer Geschichte
Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht. Wenn man mich fragte, wo ich geboren wurde, und ich sagte Preßburg, gab es Erstaunen und manchmal auch Unverständnis. So als hätte es zwischen Wien und Preßburg immer schon einen Eisernen Vorhang gegeben. Doch als ich dort geboren wurde und aufwuchs, war Preßburg ein Vorort von Wien. Von Preßburg fuhr man mit der »Elektrische« genannten Straßenbahn in die Wiener Oper, als Kinder besuchten wir mit der »Elektrische« den Prater und den Tiergarten in Schönbrunn. Das Burgtheater und das Theater in der Josefstadt gaben regelmäßig Gastspiele in Preßburg.
Preßburg, ein Vorort von Wien, aber auch eine Stadt mit großer eigener Geschichte. Eine Stadt, die drei Namen hatte: Preßburg auf Deutsch, Pozsony auf Ungarisch, Bratislava auf Slowakisch. Mehr als zwei Jahrhunderte, von 1526 bis 1724, war Preßburg die Hauptstadt des Königlichen Ungarns, als in Budapest die Türken herrschten. Preßburg war die Krönungsstadt für zehn österreichische Kaiser und deren Gemahlinnen, die im Preßburger Martinsdom zu ungarischen Königen und Königinnen gekrönt wurden. Die Prominenteste unter ihnen war Maria Theresia, sie ließ die (heute wiederhergestellte) Preßburger Burg ausbauen, ihre Residenz als Königin von Ungarn. Und in Preßburg wurde die erste deutschsprachige Zeitung Ungarns gegründet, im Jahre 1764, die »Preßburger Zeitung«. Kein Provinzblatt, eine Hauptstadtzeitung, zuletzt erschien sie zweimal täglich als Morgen- und Abendzeitung und sieben Mal in der Woche. Die Weltpolitik, die Geschehnisse in Mitteleuropa standen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Dazu fast täglich ein Leitartikel. Später auch die Tagesprogramme von Radio Preßburg, Wien und Budapest. Die Zeitung wandte sich an die deutschsprachige Bevölkerung, zu der sich damals auch die meisten jüdischen Mitbürger bekannten.
Preßburg und die Slowakei blieben bei Ungarn bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. 1918, als die österreichisch-ungarische Monarchie zerbrach, wurden Preßburg und die Slowakei Teile der tschechoslowakischen Republik.
Die Dreisprachigkeit war der Stadt also mit auf den Weg gegeben. Genau genommen kam noch eine vierte Sprache hinzu. Vor dem Antisemitismus und den Pogromen in Galizien und der Ukraine flohen immer wieder jüdische Bürger nach Preßburg wie nach Wien, wo sie Schutz suchten und unter den Kaisern und Königen der Habsburger auch fanden. Jiddisch wurde also vielfach auch in Preßburg gesprochen. Dieses Neben- und Miteinander von drei, ja vier Ethnien gab der Stadt einen ganz besonderen Charakter. Miteinander auszukommen, sich gegenseitig zu respektieren, war nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine Selbstverständlichkeit. Wenn es dennoch zu Spannungen zwischen den Sprachgruppen kam, dann wurden diese von außen hereingetragen: 1918, als man das österreichisch-ungarische Erbe im Sinne der neuen tschechoslowakischen Staatlichkeit verdrängen wollte. Danach durch die Forderungen Ungarns, die neue Grenzziehung rückgängig zu machen. Und 1938, als mit dem Münchner Abkommen das Deutsche Reich an das andere Donauufer vis-à-vis der Stadt rückte. Das waren die Rahmenbedingungen, unter denen bis 1939 die »Preßburger Zeitung« erschien.
Mein Vater Emil, aufgewachsen in St. Pölten, 1918 heimgekehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft, antwortete auf ein Inserat der »Preßburger Zeitung« und nahm dort die Stelle eines Redakteurs an. 1920 heiratete er meine Mutter Hedi. 1924 wurde mein Vater Chefredakteur der Zeitung, 1921 kam mein Bruder Emil, 1927 kam ich zur Welt.
Im Jahr 2012 ließ die ungarische Nationalbibliothek, mit Unterstützung der Preßburger Universitätsbibliothek und unter der Leitung von Jan Schrastetter aus München, die »Preßburger Zeitung« vom ersten Tag ihres Erscheinens 1764 an digitalisieren. Mit einem Festakt an der Universität in Preßburg-Bratislava wurde das große Unterfangen gewürdigt und dabei des ersten und des letzten Chefredakteurs der »Preßburger Zeitung« gedacht. Der letzte war mein Vater. Ich war eingeladen, die Festrede zu halten, und nutzte die Gelegenheit, viele der Leitartikel zu lesen, die mein Vater für diese Zeitung geschrieben hatte. So konnte ich nachvollziehen, welche Linie mein Vater dieser Zeitung vorgegeben hatte und mit welcher Haltung er sich den politischen Stürmen der damaligen Zeit stellte. Und die war eindeutig, aber für ein deutschsprachiges Blatt in der Tschechoslowakei gar nicht so selbstverständlich.
Denn die Mehrzahl der deutschsprachigen Bürger Preßburgs trauerte noch der österreichisch-ungarischen Monarchie nach und hätte es lieber gesehen, wenn Preßburg nicht tschechoslowakisch geworden, sondern ungarisch geblieben wäre. Nicht mein Vater. Das Wichtigste für ihn war die Demokratie und damit die tschechoslowakische Republik – mit Ausnahme der Schweiz bald die einzige Demokratie in Mitteleuropa. Immer wieder forderte er von seiner Leserschaft daher auch dieses Bekenntnis zur Republik. Aber er mahnte gerade deshalb auch die Prager Regierung, nicht die Fehler der Habsburgermonarchie zu wiederholen, nämlich die nationalen Minderheiten zu beherrschen, statt sie mitregieren zu lassen. Dieses Recht auf Gleichberechtigung forderte er für alle Minderheiten in der Republik ein, für die Slowaken, die Deutschen und die Magyaren. In allen drei Volksgruppen gab es zunehmend Auflehnung gegen den Prager Zentralismus.
Den Slowaken war im sogenannten Vertrag von Pittsburgh in Pennsylvania, USA, 1918 vom künftigen Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš G. Masaryk, die volle Autonomie im tschechoslowakischen Staat zugesichert worden. In Pennsylvania gab es eine große slowakische Volksgruppe, die vielen Slowaken und deren Nachfahren, die aus der ungarischen Unterdrückung nach Amerika ausgewandert waren. Sie hatten politischen Einfluss. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson setzte sich nicht zuletzt deshalb auch für die Gründung der Tschechoslowakei ein. Masaryk wurde der erste Präsident dieser neuen Republik. Am 20. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrages von Pittsburgh, 1938, erhoben die Slowaken die Forderung nach voller Autonomie, die ihnen zugesichert, aber bisher von Prag nicht gewährt worden war. Die in der Slowakei lebenden Ungarn stimmten zur gleichen Zeit in den Chor der Nationalisten in Ungarn ein: »Nein, nein, niemals!« und »Alles zurück«, mit dem sie die ehemals ungarischen Gebiete der Monarchie zurückforderten, zumindest jene Teile, in denen vor allem Ungarn lebten. Also Teile der Slowakei.
Die Deutschen in den Sudetengebieten, in Mährisch-Schlesien und Südmähren, die 1918/19 bei Österreich bleiben wollten, aber nicht durften, stellten zwar im Prager Parlament mehr Abgeordnete als jede der anderen Parteien, wurden jedoch zur Mitwirkung an der Regierung nicht eingeladen. Und schon gab es Lock-rufe der Nationalsozialisten, wie sie auch in Österreich zu hören waren: »Heim ins Reich.«
All das beunruhigte meinen Vater sehr. Leitartikel um Leitartikel schrieb er zur Verteidigung der Republik und der Demokratie. Als Hitler, Mussolini, der britische Premierminister Chamberlain und der französische Ministerpräsident Daladier im Herbst 1938 ohne Beiziehung der Tschechoslowakei in München die Abtretung der Sudetengebiete an Hitlerdeutschland beschlossen, schrieb mein Vater in seinem Leitartikel in der »Preßburger Zeitung«: »In dieser finstersten Stunde gibt es keinen ehrlichen Demokraten, der durch die in München besiegelte Regelung des tschechoslowakischen Problems nicht aufs Tiefste erschüttert wäre. Trauer herrscht nicht allein in den Herzen der Demokraten aller Nationen, die in der Tschechoslowakei leben, ehrliches Mitempfinden strömt uns auch von den wahren Demokraten in ganz Europa zu.«
Doch es sollte viel schlimmer kommen. Für Hitler war die Abtretung der deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei nur der erste Schritt. Im März 1939 beorderte Hitler den tschechoslowakischen Präsidenten Emil Hácha nach Berlin und drohte ihm mit Krieg, wenn er sich seinen Forderungen nicht beugen würde. Diese dramatische Unterredung endete mit der Erklärung Háchas, er lege das »Schicksal des tschechischen Volkes in die Hände des Führers und Reichskanzlers des Deutschen Reiches«. Zur gleichen Zeit forderten der Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, und Hitlers Statthalter in Österreich, Seyß-Inquart, den Ministerpräsidenten der slowakischen Regionalregierung, Jozef Tiso, auf, die Selbstständigkeit der Slowakei zu reklamieren und sie als eigenen Staat auszurufen. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei war also eine koordinierte, von Berlin und Wien ausgeführte Aktion. Am 15. März 1939 marschierten Hitlers Truppen in Böhmen und Mähren ein, in Preßburg erklärte Tiso die Slowakei zum selbstständigen Staat.
Zu dieser Katastrophe konnte mein Vater in der »Preßburger Zeitung« nicht mehr Stellung nehmen. Er war zwar deren Chefredakteur, nicht aber ihr Eigentümer. Eigentümer war jene Gruppe von Verlegern, zu denen auch das angesehene »Prager Tagblatt«, das »Brünner Tagblatt« und die Mährisch-Ostrauer »Morgenpost« zählten. Die Verleger waren jüdisch. Diese Zeitungen wurden über Nacht enteignet, mein Vater als Chefredakteur der »Preßburger Zeitung« abgesetzt und das Erscheinen der Zeitung eingestellt.
Ich weiß nicht, ob es noch am gleichen oder erst am nächsten Tag war, jedenfalls erschienen einige Männer in ziviler Kleidung in unserer Wohnung und führten eine Hausdurchsuchung durch. Ich sehe noch die aufgerissenen Schubladen und Kastentüren vor mir und wie die Männer Kleider und Wäsche auf den Boden warfen. Mein Vater war nicht zu Hause, er kam erst Stunden später aus der Redaktion zurück, in der er sich von seinen Mitarbeitern verabschiedet hatte. Drei der zwölf Redakteure waren Juden, zwei von ihnen, Löwy und Bauer, flohen noch am selben Tag und schafften es später nach Palästina – das allerdings erfuhren wir erst nach dem Krieg, als sie uns Briefe aus Israel schickten. Der Dritte, Donath, schaffte es nicht und wurde später in einem der Vernichtungslager ermordet.
Aber die »Preßburger Zeitung« erschien dann doch noch einmal »unter neuer Leitung«. Mit folgender Erklärung: »Unter dem Druck der großen Umwälzung, die in den letzten Tagen vor sich gegangen ist, musste aus technischen Gründen vorübergehend das Erscheinen der ›Preßburger Zeitung‹ eingestellt werden. Nun hat der Verlag unter der neuen Leitung beschlossen, dieselbe wieder erscheinen zu lassen. Allerdings nicht mehr wie bisher wird die jüdische ›Intelligenz‹ das Blatt gestalten und Gift in das Volk träufeln, sondern nationalsozialistischer Gestaltungswille und nationalsozialistisches Gedankengut wird die Zeitung zum Instrument des Großdeutschen Reiches machen … Preßburger! Freiheit und Friede ist angebrochen, die neue Leitung grüßt Euch mit dem Gruß, der dem deutschen Volke heilig ist: ›Heil Hitler!‹ K.L.«
Trotz »neuer Leitung« und »Heil Hitler« erschien die »Preßburger Zeitung« nur noch wenige Wochen, dann wurde sie zugunsten des nationalsozialistischen »Grenzboten« eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt besuchte ich die zweite Klasse des einzigen deutschsprachigen Gymnasiums in Preßburg. Die Aufregung unter den Schülerinnen und Schülern war groß. Als staatliches Gymnasium der gestern noch existierenden tschechoslowakischen Republik war es eine liberale und demokratisch geführte Schule. Mädchen und Buben in derselben Klasse, katholische, protestantische und jüdische Kinder. Daheim hatten sich wohl die Eltern schon die Frage gestellt, wie lange das noch so bleiben werde. Es blieb noch bis zum Schulschluss im Juni dieses Jahres 1939. Als ich im Herbst in die nächste Klasse kam, gab es keine jüdischen Mitschüler mehr. Dies wurde uns vom Direktor der Schule, der den Namen Meznik trug, persönlich mitgeteilt. Mit »tiefem Bedauern«, wie er ausdrücklich betonte. Die jüdischen Mitschüler würden von nun an in »andere Schulen« gehen. Was sie zunächst auch tun konnten. Zumindest ein slowakisches oder ungarisches Gymnasium konnte, durfte sie noch aufnehmen. Von unseren Lehrern, die, wie es österreichisch Brauch war, von uns als Herr und Frau Professor angesprochen wurden, gaben sich nur zwei als Nationalsozialisten zu erkennen, obwohl es diese Partei als solche in Preßburg nicht gab. Die »national Gesinnten« sammelten sich in der sogenannten »Karpatendeutschen Partei«, einer Schwesterpartei der »Sudetendeutschen Partei«, die schon längere Zeit unter der Führung Konrad Henleins auf den Anschluss an Deutschland hinarbeitete. Es gab drei deutsche Jugendvereine in Preßburg, den »Deutschen Turnverein«, die »St. Georgs Pfadfinder« und den »Wandervogel«. Ich ging zum Schwimmunterricht in den »Turnverein«. Jetzt wurden die Pfadfinder aufgelöst, der »Wandervogel« und der »Turnverein« der neu gegründeten »Deutschen Jugend« eingegliedert, die dann immer mehr der Hitlerjugend angeglichen wurde.
Um zunächst bei der Schule zu bleiben. Der Lehrplan und die Schulbücher dieser deutschsprachigen Schule folgten noch viele Jahre nach dem Ersten Weltkrieg den österreichisch-ungarischen Schulplänen. Das blieb auch jetzt noch eine Weile so, bis dann die Lehrbücher durch solche aus Deutschland ersetzt wurden. Auch der liberale Direktor Meznik wurde von einem Österreicher namens Olbricht abgelöst, einem Verwandten des Erbauers der Wiener Secession. Unter dieser Direktion mussten die Professoren mit »Heil Hitler« grüßen und am Anfang und am Ende des Schuljahrs hatten die Schüler aller Klassen auf dem großen Sportplatz der Schule zu einer Art Appell anzutreten, bei dem der Direktor eine Rede hielt.
Im Unterricht jedoch war vom Nazismus nur wenig zu spüren. Lediglich der Biologieprofessor verwandelte die Mendelsche Erbfolgelehre in eine Rassenlehre. Seine Frau, die Musikprofessorin, brachte uns keine Nazilieder bei. Olbricht hingegen, der Kunst unterrichtete, ließ uns deutsche Flugzeuge zeichnen, die Bomben auf England warfen.
Daheim hörten wir regelmäßig die Nachrichten des Schweizer Senders Beromünster und die deutschen Nachrichten der BBC. Interessanterweise wurde da in der Familie nicht getan, als wäre das verboten und müsste geheim gehalten werden. Ich nehme an, dass es ein solches Verbot auch in der Slowakei gab, andererseits hörte man englische BBC-Nachrichten im Sommer auch manchmal aus offenen Fenstern in den Straßen. Zuhause waren diese Nachrichten immer Gegenstand der Diskussion und des Vergleichs mit den Nachrichten des Reichssenders Wien. Der Unterschied war meist groß. Recht engagiert erzählte ich davon immer wieder den Mitschülern. Auch einmal im Umkleideraum des Turnsaals. Olbricht hörte da offenbar mit und stellte mich nach der Turnstunde zur Rede: Ich möge das künftig nicht mehr tun, das sei nicht in Ordnung und in der Schule verboten. Mehr aber nicht. Er fragte nicht, woher ich diese Nachrichten hatte.
Es wurde schwerer, sich dem Druck der »Deutschen Jugend« zu entziehen. Zwei meiner Freunde entfremdeten sich mir, weil sie Führer in dieser DJ geworden waren, was ihre Interessen und Ansichten prägte und ihnen kaum noch Zeit für freundschaftliche Begegnungen ließ. So suchte ich mir neue Freunde. Die waren leidenschaftliche Tarockspieler und hatten mit der DJ nichts am Hut. Wir hatten es bald heraus, wie man das Tarockspielen auch den eigenen Eltern gegenüber vertreten konnte. Wir nahmen uns vor und hielten das auch ein, täglich nach Unterrichtsschluss gemeinsam unsere Hausaufgaben zu erledigen und in der Schule problemlos weiterzukommen. So durften wir auch am Abend abwechselnd bei dem einen oder anderen Freund daheim Karten spielen, auch wenn es dabei etwas später wurde. Auch ins Kino gingen wir oft, und in Preßburg wurden nicht nur die deutschen, sondern auch italienische und französische Filme mit Untertiteln gezeigt. Danielle Darrieux und Maurice Chevalier waren uns so bekannt wie Magda Schneider und Paul Hörbiger.
Mein Vater war nun arbeitslos, aber nicht ohne Freunde. Einige von diesen behielten ihre Posten, auch in der neuen Tiso-Slowakei. Wie sich überhaupt ein Netzwerk bildete von Menschen, die die Zerschlagung der Tschechoslowakei betrauerten und die die immer stärker werdende Einflussnahme der von Deutschland in die Slowakei entsandten »Berater« und Aufpasser empörte. Es war eine merkwürdige Mischung von Zusammenhalt und Überlebenskunst.
Und so geschlossen, wie das nach außen hin schien, war auch das politische Lager rund um den Staatspräsidenten Tiso nicht. Dieser war der Führer der slowakischen »Volkspartei«. Ihn und seine Partei kann man nur erklären, wenn man sich kurz mit der Geschichte der Slowaken vertraut macht. 800 Jahre lang gehörte die Slowakei zu Ungarn, Oberungarn genannt. Und die königlichen Ungarn gingen nicht sanft um mit den Völkern, die sie beherrschten. So war es den Slowaken nicht erlaubt, eine Mittelschule zu besuchen, ohne ihren slowakischen Familiennamen abzulegen, einen ungarischen anzunehmen und sich zum Magyarentum zu bekennen. Ein höheres Studium für Slowaken gab es nur im Rahmen einer Ausbildung zum Priester. Ganz im Gegensatz zu den österreichisch regierten Tschechen, denen alle Schulen und auch die Prager Universität offen standen. Aber das erklärt auch, warum die nationalistischen Führer der Slowaken Priester waren – Andrej Hlinka und Jozef Tiso, beide waren Prälaten.
Innerhalb dieses nationalen Lagers bestanden zwei ideologische Richtungen, die anti-ungarische und die sich langsam herausbildende anti-tschechische. Tiso war noch von der tschechoslowakischen Regierung zum Ministerpräsidenten der Teilrepublik Slowakei ernannt worden. Das war noch nicht der eigene Staat. Zu diesem wurde er erst gedrängt durch Baldur von Schirach und Seyß-Inquart im Auftrag Hitlers und letztlich in Form eines Ultimatums: Entweder bereit zu sein, mit der Unabhängigkeitserklärung der Slowakei Hitler den Vorwand zur Zerschlagung der Tschechoslowakei zu liefern oder Hitler würde den von Horthy geführten Ungarn freie Hand zum Einmarsch in die Slowakei geben. Die Vorstellung, wieder unter ungarische Herrschaft zu geraten, gab der Entscheidung, einen eigenen slowakischen Staat auszurufen, vermutlich auch einen starken Impuls.
Dass das jetzt auf Befehl Hitlers geschah und mithilfe des Deutschen Reichs, bestärkte die faschistischen Kräfte innerhalb des Tiso-Lagers, die sich zurzeit noch am Vorbild des italienischen Faschismus Mussolinis orientierten. Wie Mussolinis Schwarzhemden in Italien stellten auch sie eine Parteiarmee, die »Hlinka-Garde«, benannt nach dem ersten Führer der »Volkspartei«, Andrej Hlinka. Im Laufe der nächsten Jahre sollte sie sich immer mehr am Nationalsozialismus orientieren und an Einfluss gewinnen. Aber noch gab es Spielraum im politischen Rahmen dieser Slowakei.
Zur Versorgung der Zeitungen und des Rundfunks mit Nachrichten wurde eine eigene Presseagentur eingerichtet. Ihre Aufgabe war es auch, Verträge mit ausländischen Nachrichtenagenturen abzuschließen und deren Nachrichten ins Slowakische und Deutsche zu übersetzen und an die Zeitungen und Radiostationen weiterzuleiten. Unter anderen gehörte zu diesen Vertragspartnern nicht nur das Deutsche Nachrichtenbüro, DNB, in Berlin, sondern – zunächst direkt aus London, danach auf dem Umweg über die Schweiz – auch die britische Nachrichtenagentur Reuters und die Schweizerische Depeschenagentur – und das bis zum Ende des Krieges. Trotz des Einspruchs der sogenannten deutschen Volksgruppenführung erhielt mein Vater eine Stelle in dieser slowakischen Presseagentur.
Das war nicht selbstverständlich. Mein Vater hatte sich als Chefredakteur der »Preßburger Zeitung« nicht nur für die tschechoslowakische Republik und die Demokratie eingesetzt, er verfasste auch eine zweibändige »Geschichte der Stadt Bratislava-Preßburg«. Die Geschichte der bedeutenden jüdischen Gemeinde Preßburgs wurde in diesen Büchern von dem angesehenen Schriftsteller Samuel Bettelheim abgehandelt. Bis zum heutigen Tag gelten die beiden Bücher meines Vaters als Schlüsselwerke zur Geschichte von Preßburg-Bratislava. Aber im Jahre 1939 wurde ihr Verkauf verboten und sie mussten aus allen Bibliotheken in der Slowakei entfernt werden, weil in ihnen die großen Verdienste jüdischer Bürger an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt gewürdigt wurden.
In der Schule hatte die Haltung meines Vaters keine Auswirkungen auf mich, keiner der Professoren ließ mich das spüren. Fast das Gegenteil. Denn dann und wann kam es sogar zu offen vor den Schülern ausgetragenen politischen Diskussionen. Der Tiso-Staat war ein Vasallenstaat des Dritten Reichs, kein Zweifel. Aber der Staatspräsident war ein römisch-katholischer Priester und der Religionsunterricht in den staatlichen Schulen ein Pflichtfach. Unser Religionslehrer war Pater Klecka (ausgesprochen Kletzka), ursprünglich Theologe an der Universität von Breslau und Gegner des Hitler-Regimes. Noch in den Dreißigerjahren floh er nach Polen und wirkte an der Universität von Krakau. Nach dem Überfall Hitlers auf Polen floh er in die Slowakei. An die Universität ließen sie ihn zwar nicht, aber am deutschsprachigen Gymnasium durfte er Religionsprofessor sein.
Natürlich war seine Lebensgeschichte bald bekannt. Einige DJ-Führer in der Schule, vielleicht aus eigenem Antrieb, aber – wie ich vermute – eher angestiftet, versuchten Pater Klecka zu provozieren, mit allem, was die Nazis der Kirche vorwerfen konnten: Inquisition und Hexenverbrennung. Da riss Klecka einmal die Geduld und er rief aufgeregt: »Die Kirche hat ihre Fehler längst einbekannt, bei euch aber müssen erst die Bolschewiken kommen, um eure Morde aufzudecken!« Danach herrschte Stille. Wohl die meisten, und auch ich, konnten sich keinen Reim auf diese Aussage machen. Mein Vater, dem ich das erzählte, verstand sofort.
Die deutsche Propaganda gab damals die Entdeckung von Massengräbern in der Nähe der russischen Stadt Katyn bekannt, Tausende polnische Offiziere seien dort von den Sowjets erschossen worden. Das entsprach zwar, wie sich später herausstellte, der Wahrheit, doch die Sowjetunion bestritt das und behauptete, dass dieser Massenmord selbstverständlich von den Nazis begangen worden sei. Pater Klecka glaubte offenbar den russischen Erklärungen mehr als denen der Nazis. Und das tat auch mein Vater. Erst lange nach dem Ende des Krieges wurde bestätigt, dass der Massenmord vom sowjetischen KGB verübt worden ist.
Klecka war nicht der einzige Professor, der sich vor den Schülern gegen die Nazis stellte. An seinen Vornamen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber unser Geschichtsprofessor hieß Gratzer. Im Juni 1944 hielt Gratzer seine letzte Unterrichtsstunde in diesem Schuljahr. Wie vorgeschrieben, hätte er sich mit einem »Heil Hitler« von den Schülern zu verabschieden gehabt. Aber da stand Professor Gratzer vor dem Katheder und rief in die Klasse: »Wer bei der Matura nicht weiß, was eine Koalition und was eine Opposition ist, wird bei mir nicht durchkommen!« Und dann aus voller Kehle: »Liberté, Égalité, Fraternité!« Verließ das Klassenzimmer und ließ uns frappiert zurück. Wir lernten Englisch und konnten nicht Französisch, aber was das bedeutete, verstanden die meisten oder lernten es jetzt: Das war der Ruf der Französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und seither die Basis für jede Demokratie.
Dass wir zu dieser Zeit noch in die Schule gehen konnten, war auch keine Selbstverständlichkeit. Schon ein Jahr früher sollten wir in ein sogenanntes Wehrerziehungslager nach Kärnten eingezogen werden. Die Schüler aus der Klasse vor uns hatten das schon hinter sich und was die uns darüber berichteten, erfüllte uns mit Schrecken. Man hatte sie körperlich bis zur Erschöpfung geschunden und einige von ihnen auch psychisch gebrochen. Wie konnte man dem entgehen? Manche Eltern versuchten es mit ärztlichen Bescheinigungen, ohne Erfolg. Aber zwei Mitschüler von uns fanden einen Weg: Sie meldeten sich zur Freiwilligen Feuerwehr. Und die war kriegswichtig. Preßburg lag wie Wien in Reichweite amerikanischer Fliegerverbände. In Preßburg stand die damals wahrscheinlich größte Erdölraffinerie Mitteleuropas. Sie trug den Namen »Apollo« und verarbeitete das auf Donautankern herangebrachte rumänische Erdöl zu Benzin und Diesel, auch für die Deutsche Wehrmacht. Schon beim ersten Bombenangriff standen viele der großen Öltanks der Raffinerie in Flammen, die schwarze Rauchsäule stieg so hoch in den Himmel, dass man sie vom Kahlenberg in Wien aus deutlich sehen konnte.
So war die Feuerwehr tatsächlich kriegswichtig. Fast die Hälfte der Schüler unserer Klasse, darunter auch ich, meldete sich bei der Feuerwehr und wurde von der Wehrerziehung befreit. Dafür mussten wir lernen, mit Schläuchen, Wasser, Pumpen und Leitern umzugehen, vor allem auch brennendes Öl mit Schaum zu löschen. Aber wir konnten weiter in die Schule gehen, nur bei Fliegeralarm mussten wir zu den Löschgeräten laufen.
Dass ich das berichte, soll nicht davon ablenken, was in dieser Tiso-Slowakei sonst geschehen ist. Zwar von den Nazis dazu gedrängt, aber wohl auch aus freien Stücken, führte die Tiso-Regierung eine Judengesetzgebung nach dem Muster der Nürnberger Gesetze des Dritten Reichs ein. Juden hatten einen gelben Stern zu tragen, wurden aus allen öffentlichen Dienststellen entlassen, ihre Geschäfte und Betriebe »arisiert«, also geraubt. Allerdings hatte sich Tiso in der Gesetzgebung ein Schlupfloch gelassen: Der Präsident, also er, konnte Ausnahmen von der Gesetzgebung verfügen. Die gewährte er an die tausend jüdischen Familien, schätzungsweise 5000 Personen.