Buch lesen: ""Ich sehe immer den Menschen vor mir""
Hermann Vinke
»Ich sehe immer den Menschen vor mir«
Das Leben des deutschen Offiziers Wilm Hosenfeld
Eine Biographie

© 2021, 2015 Arche Literatur Verlag AG, Zürich – Hamburg
© Abbildungen: Privatarchiv der Familie Hosenfeld
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Annemike Werth, Hamburg
Covermotiv: aus dem privaten Archiv der Familie Hosenfeld
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
ISBN 978-3-03790-067-3
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Editorische Notiz
Zitate aus den Briefen, Aufzeichnungen und Tagebucheintragungen wurden den heute geltenden Rechtschreibregeln angepasst, fehlende Kommata ergänzt und grammatikalische Ungenauigkeiten und Fehler ausgeglichen. Für polnische Namen von Personen und Orten gilt jeweils die polnische Schreibweise, auch wenn diese im Originaltext, etwa im Kassiber von Wilm Hosenfeld aus der Gefangenschaft, anders geschrieben wurden. Es handelt sich um formale Eingriffe. Inhaltliche Veränderungen der ursprünglichen Textfassung sind damit nicht verbunden.
Das Zitat in der Einleitung wurde dem folgenden Band entnommen: Etty Hillesum, »Das denkende Herz der Baracke. Die Tagesbücher 1941–1943«, Freiburg i. B., 2014
Einleitung
Ich sehe immer den Menschen vor mir
Es würde aber schon genügen, wenn es nur einen Menschen gäbe, der wert ist, »Mensch« zu heißen, um an den Menschen, an die Menschheit zu glauben.
Julius Spier, jüdischer Emigrant in den Niederlanden, 1941 zu Etty Hillesum, Jüdin, die zwei Jahre später in Auschwitz ermordet wurde.
Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende, als es im November 1944 in Warschau in einem Gebäude, in dem die Wehrmacht gerade ihre Kommandantur einrichtete, zu einer außergewöhnlichen Begegnung kam. Der deutsche Hauptmann Wilm Hosenfeld entdeckte in dem Haus den polnischen Pianisten Władysław Szpilman, der sich unter dem Dach versteckt hatte und kurz vor dem Verhungern war. Hosenfeld, im Zivilberuf Pädagoge, lieferte den jüdischen Musiker nicht aus. Vielmehr versorgte er ihn über mehrere Wochen hin mit Lebensmitteln und sicherte damit sein Überleben.
In kaum einer anderen europäischen Metropole haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg so gewütet wie in Warschau. Von der einst mondänen, kulturell blühenden Metropole war fast nur noch ein schwelender Trümmerhaufen geblieben. In einem Inferno von Massenmord und Zerstörung hatte Hitler die polnische Hauptstadt im Herbst dem Erdboden gleichmachen lassen. Die deutschen Besatzer, Zehntausende von Soldaten und Sicherheitskräften, hatten in einem gnadenlosen Vernichtungsfeldzug die Führungsschicht des Landes weitgehend liquidiert und Völkermord an den Juden verübt.
Und doch gab es Ausnahmen unter den Deutschen – Menschen wie Wilm Hosenfeld, dessen Lebensgeschichte bislang noch kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen ist. Allein eine kurze Szene in Roman Polańskis preisgekröntem Film »Der Pianist« über das Leben Szpilmans, der damit weltberühmt wurde, machte erstmals auch auf die mutige Rettungstat des deutschen Offiziers aufmerksam, wenn auch ohne Namensnennung.
Hosenfeld (1895–1952) bewahrte nicht nur Władysław Szpilman (1911–2000), sondern zahlreiche andere polnische Bürger, darunter weitere Juden, vor dem sicheren Tod. Vor dem Hintergrund von Mord und Totschlag wirkt der Offizier heute wie eine Lichtgestalt in einer finsteren Zeit. Wahrscheinlich waren es über 60 Menschen, die dank seiner Hilfe überleben konnten. Er war Retter und in gewisser Weise Opfer zugleich, denn er selbst konnte nicht gerettet werden, sondern starb in sowjetischer Gefangenschaft, ohne seine Familie wiedergesehen zu haben.
Die vorliegende Biographie »Wilm Hosenfeld – ›Ich sehe immer den Menschen vor mir‹« rückt die außergewöhnliche Lebensgeschichte dieses Mannes in den Blickpunkt, eine Geschichte von bewundernswertem Mut, von Widersprüchen, grausamen Zufällen und am Ende von tiefer Tragik. Es wird gezeigt, dass und wie es auch unter den barbarischen Verhältnissen möglich war, das christliche und humane Gewissen zu bewahren und dafür einzutreten. Wilm Hosenfeld, der erst spät für sein mutiges Tun Anerkennung fand – die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt ihn seit 2008 als »Gerechten unter den Völkern« –, gehört zu diesen Ausnahmen. Sein »Rettungswiderstand« leuchtet deshalb umso klarer als ein Vorbild für Gegenwart und Zukunft.
Der in der Rhön geborene Lehrer und Offizier verbrachte die Kriegsjahre ausschließlich in Polen, wo er zunächst ein Lager für polnische Kriegsgefangene aufbaute und anschließend eine Sport- und Berufsschule für Wehrmachtsangehörige leitete. Diese sechs Jahre wurden zum Wendepunkt seines Lebens, in denen er sich von einem begeisterten Anhänger des Feldherrn Hitler schon bald zu einem der schärfsten und klarsichtigsten Kritiker des NS-Regimes entwickelte. Von Anfang an zeigte sich Hosenfeld unter Missachtung aller dienstlichen Vorschriften und persönlichen Risiken den Polen gegenüber als hilfsbereit, großzügig und entschlussfreudig, wenn es galt, Menschen vor dem Terror seiner Landsleute zu bewahren.
Es gibt wohl kaum einen anderen Wehrmachtsoffizier, der die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg so umfassend dokumentiert hat wie Hosenfeld. Der Pädagoge führte Tagebuch und schrieb über 800 Briefe nach Thalau in der Rhön, wo er selber an der Dorfschule unterrichtet hatte. Er wurde damit zum Chronisten des mörderischen Alltags im besetzten Warschau, des Aufstands im jüdischen Getto 1943 und des Warschauer Aufstands im Jahre 1944. Die meisten Briefe gingen an seine Frau Annemarie, geborene Krummacher (1898–1971), eine Pazifistin, die in einer Künstlerfamilie in Worpswede bei Bremen aufgewachsen war und während des Krieges auf sich allein gestellt die gemeinsamen fünf Kinder großzog.
Wesentliche Grundlage des vorliegenden Buches ist dieser Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau, ferner das einzigartige Warschauer Tagebuch. Seine Briefe, Notizen und Tagebücher erschienen 2004 als Dokumentation »Wilm Hosenfeld – ›Ich versuche jeden zu retten‹ – Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern«. Das umfangreiche Werk von fast 1200 Seiten – der Anhang allein umfasst über 200 Seiten –, das der Historiker Thomas Vogel im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam herausgegeben hat, schuf die erste wissenschaftlich fundierte Grundlage für eine Beschäftigung mit Wilm Hosenfeld.
Außerdem standen dem Autor neben einem Interview mit der Witwe des geretteten Pianisten, Halina Szpilman, den Informationen seines Sohnes Andrzej Szpilman und Archivmaterial der gesamte Briefwechsel sowie Unterlagen und Dokumente aus dem Archiv der Familie Hosenfeld zur Verfügung. Zahlreiche Gespräche und Interviews, u.a. mit Kindern des Ehepaares Hosenfeld, ergänzen das Material. Die Briefe von Annemarie Hosenfeld werden erstmals ausgewertet und veröffentlicht. Auch sie besaß ein ausgezeichnetes Talent zum Schreiben. Sie sagte während seiner Kriegsgefangenschaft über ihren Mann: Wenn der Vater nach Hause kommt, wird er Schriftsteller.
Im ersten Teil des Buches geht es um die Prägungen, die Wilm Hosenfeld im katholischen Elternhaus, durch die Wandervogel-Bewegung und seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg erfahren hat. Er war Patriot und nach dem Krieg Pädagoge mit Leib und Seele, wie seine Aufsätze und Berichte aus der Zeit der Wandervogel-Bewegung, die Wilm und Annemarie Krummacher 1918 zusammengeführt hatte, zeigen.
Teil II des Buches beschreibt Wilm Hosenfelds kritische Gefolgschaft dem Naziregime gegenüber. Der Offizier war ein Kind seiner Zeit. Den Machtantritt Hitlers und auch den Kriegsbeginn 1939 hatte er zunächst begrüßt, weil er sich davon eine Wiedergutmachung für die Niederlage von 1918 und eine neue Ordnung in Europa versprach. Mehr als einmal erlag Hosenfeld den Propaganda-Tiraden von Hitler und Goebbels. Zwei Zitate verdeutlichen, wie sich seine Wandlung vollzog. Nach den Erfolgen der Wehrmacht beim Westfeldzug im Frühsommer 1940 schrieb er noch seiner Frau: Hitler ist ein großes Genie. Er soll die Operationen selbst leiten und die ganzen strategischen Pläne entwerfen, das ist fast nicht zu glauben. Ende Dezember 1943 notierte er in seinem Tagebuch: Als Schande muss jeder Mensch es heute empfinden, dass er auch nur im Geringsten dieses System bejahte.
Obwohl Mitglied der SA, des NS-Lehrerbundes und seit 1935 auch der NSDAP, stellte Hosenfeld sich mehrfach quer zur Parteilinie und geriet beruflich zeitweise ins Abseits. Sein Gewissen und seine Vorstellung vom Zusammenleben der Menschen wollte er sich nicht verbiegen lassen. Das Vorgehen der deutschen Besatzungsmacht gegen Polen öffnete ihm schließlich die Augen und führte zum völligen Bruch mit dem NS-Regime. Sein moralischer und ethischer Kompass blieb während des Krieges intakt.
Die polnische Hauptstadt ist der eigentliche Schauplatz der Lebensgeschichte von Wilm Hosenfeld. Während des Krieges hat Hosenfeld seine Familie in Thalau in der hessischen Rhön mehrfach besucht. »Heimaturlaub« hieß das Zauberwort, das ihn, seine Frau und die Kinder elektrisierte, sobald die Vorgesetzten das Gesuch unterschrieben hatten. Ansonsten blieb das Schreiben von Briefen die einzige Verbindung zwischen ihnen. Die lange Trennung von seiner Frau und den Kindern bestimmte den Briefwechsel, der zwar kein Ersatz für Nähe und Zusammensein war, aber doch ein festes Band zwischen ihnen schuf und dazu beitrug, auch Krisen in ihrer Beziehung zu überwinden.
Der dritte Teil stellt Hosenfelds Gefühl von Mitschuld wie seinen Rettungswiderstand in den Mittelpunkt. Das Schreiben, oftmals täglich, half ihm, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen und sich seiner Rolle in der von deutschen Truppen besetzten und von deutschen Bürokraten verwalteten Hauptstadt Warschau bewusst zu werden. Er hielt engen Kontakt zu Polen, deren Patriotismus er bewunderte, und versuchte, die polnische Sprache zu erlernen. Dabei ermöglichte ihm vor allem sein katholischer Glaube eine besondere Nähe zur Bevölkerung, obwohl jedes »Fraternisieren« streng verboten war. Auf bewegende Weise haben die von ihm geretteten und beschützten Menschen sich bei ihm bedankt. Dazu gibt es Fotos und Zeugnisse, die hier erstmals veröffentlicht werden.
Im vierten Teil des Buches wird die sieben Jahre dauernde Kriegsgefangenschaft von Hosenfeld dokumentiert sowie die vergeblichen Versuche, seine Entlassung zu erreichen, um sein von Schlaganfällen bedrohtes Leben zu retten. Die Verurteilung durch die sowjetische Militärjustiz zu 25 Jahren Lagerhaft im Jahre 1950 kam einem Todesurteil gleich.
In die Lebensgeschichte von Wilm Hosenfeld werden in diesem Buch auch Stationen der Leidensgeschichte von Władysław Szpilman während des Krieges – bis zu der schicksalshaften Begegnung der beiden – mit aufgenommen. Grundlage hierfür sind neben Polańskis 2002 gezeigtem Film »Der Pianist« die seit 1998 auf Deutsch vorliegenden Erinnerungen von Władysław Szpilman, »Der Pianist – Mein wunderbares Überleben«. Das Buch war 1946, also gleich nach dem Krieg, erstmals in Polen unter dem Titel »Tod einer Stadt« erschienen. Es war jedoch durch Eingriffe der Zensur verunstaltet worden, wie Andrzej Szpilman, der Sohn des Pianisten, während sein Vater im Ausland auf Tournee war, später schrieb. Wilm Hosenfelds Name tauchte darin nicht auf. Vielmehr wurde der Retter als Österreicher dargestellt. Im kommunistisch regierten Polen sollte das Bild von den Nazi-Verbrechern intakt bleiben. Ein guter Deutscher passte nicht dazu, nicht einmal als Ausnahme.
Da in Polen selbst offenbar auch später kein Interesse an einer Neuausgabe bestand, hatte Andrzej Szpilman, der inzwischen in Deutschland lebte, sich 1997 darangemacht, das Buch in deutscher Sprache herauszubringen. Indem der Sohn des Pianisten darin Wilm Hosenfeld als Deutschen und beim Namen nannte, wollte er nicht nur seinem Vater, sondern auch dessen Retter gerecht werden.
Szpilmans Sohn konnte den Liedermacher Wolf Biermann dafür gewinnen, zur deutschen Ausgabe der Erinnerungen seines Vaters einen umfangreichen Essay beizusteuern. Wegen der Briefe Hosenfelds hatte er sich an die Kinder von Wilm Hosenfeld gewandt, um einige davon zu veröffentlichen. Uta Hosenfeld, die jüngste Tochter, hatte eine Holzkiste mit allen Briefen an sich genommen, als Annemarie Hosenfeld ihre eigene Wohnung aufgab. Sie überließ die Briefe und Aufzeichnungen schließlich ihrem ältesten Bruder, dem Arzt Helmut Hosenfeld.
Auch er, der älteste Sohn Wilm Hosenfelds, stand als Unterstützer Andrzej Szpilman zur Seite. Bereits 1984, als Władysław Szpilman noch lebte, hatte der Arzt die Familie Szpilman in Warschau aufgesucht und sich vom Pianisten das Versteck in dem Gebäude an der Aleja Niepodległości zeigen lassen, wo dieser 1944 seinem Retter begegnet war. Als Helmut Hosenfeld auch den ehemaligen Umschlagplatz sehen wollte, den Szpilman seit der gewaltsamen Trennung von seinen Eltern und Geschwistern im Jahre 1942 nicht mehr aufgesucht hatte, habe dieser gezögert. Helmut Hosenfeld konnte ihn schließlich doch dazu bringen, mitzukommen. Ich war vielleicht etwas unsensibel, aber ich sagte zu Szpilman, wissen Sie, wir kommen nicht als Touristen zu Ihnen, auch nicht als Ihr Besuch. Für mich ist diese Reise eine Wallfahrt zu den Stätten, wo Deutsche den Polen so viel angetan haben, wo Sie meinem Vater begegnet sind und wo so viel Unglück durch die Deutschen geschehen ist.
Teil 1
Katholizismus und Körperkultur

1. Ein Dorf in Hessen
Wilm Hosenfeld verfasste unter dem Datum 17. Dezember 1943 in Warschau einen Aufsatz, der offensichtlich für seine Kinder bestimmt war: »Als Vater ein kleiner Junge war«. Für ihn war das Schreiben auch eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, auf seinen Lebensweg, der ihn aus einem beschaulichen Bauerndorf in der preußischen Provinz Hessen-Nassau herauskatapultiert hatte ins Zentrum eines verbrecherischen Vernichtungskrieges.
Hosenfeld wurde am 2. Mai 1895 in dem Ort Mackenzell unweit der Stadt Hünfeld am Rande der Rhön als siebtes von neun Kindern geboren und wuchs in einer katholisch-konservativ geprägten Umgebung auf. Sein Vater, Adalbert Hosenfeld, (1857–1938), entstammte einer Bauern- und Handwerkerfamilie. Der Vater seiner Mutter Friederike Hosenfeld, geborene Krick (1857–1930), war ein außergewöhnlich begabter Lehrer gewesen.
Adalbert Hosenfeld hatte sich zum Dorfschulmeister von Mackenzell emporgearbeitet. Die Eltern betrieben eine kleine Viehwirtschaft, was damals keineswegs ungewöhnlich war, denn das Gehalt eines Lehrers reichte für den Unterhalt einer Familie meistens nicht aus.
In der Silvesternacht des Jahres 1899, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, stand das neunte Kind des Ehepaares kurz vor der Geburt. Die Mutter hatte, bevor die ersten Wehen einsetzten, noch das Vieh versorgt. Den Rest der Arbeit im Stall und im Haushalt überließ sie den älteren Töchtern. Die Niederkunft zog sich dann bis nach Mitternacht in das neue Jahr 1900 hinein.
Wilm Hosenfeld, damals fünf Jahre alt, schildert in dem Rückblick auf die eigene Kindheit zunächst das Silvestertreiben der Burschen und Mädchen mit Peitschenschwingen und Schüssen aus alten Vorderladern. Das alles mitten im Dorf bei Schnee und Eis. Dann widmete er sich, damals noch Wilhelm genannt, der Geburt des neuen Erdenbürgers, seines jüngsten Bruders. Dieser war noch am frühen Morgen des 1. Januar 1900 in der Ortskirche auf den Namen Rudolf getauft worden. Mit dem Kleinkind konnte Wilhelm zunächst wenig anfangen. Als Rudolf etwas älter war, neckte und ärgerte er ihn gern. Hosenfeld: Und weil er selbst (Wilhelm) genug Wichse (Schläge) bekam, wendete er bei seinem Bruder dieselben Methoden an.
Die Eltern erzogen ihre Kinder streng nach der katholischen Lehre. Durchaus üblich war damals die körperliche Züchtigung. Das erledigte der immer gefürchtete Vater, der zu Hause wie auch in der Schule uneingeschränkt das Sagen hatte und im Unterricht die eigenen Kinder in gleicher Weise behandelte wie alle anderen. Wilm Hosenfeld schreibt in dem Aufsatz über sich in der dritten Person. Danach war er ein zu Streichen aufgelegter Junge. Das Elternhaus mied Wilhelm, wann immer er konnte. Lieber half er gleichaltrigen Bauernjungen im Wald beim Schlagen von Holz oder auf dem Feld bei der Runkelrübenernte.
Wenn Vater Adalbert durchs Dorf ging, versteckte Wilhelm sich mit seinen Freunden hinter einem Scheunentor oder einer Hauswand. In der Schule sei er nie bevorzugt worden, berichtet er. Wilhelm bekam seine Schläge, wurde gefragt und gescholten wie die anderen und fürchtete sich genauso vor dem Lehrer, wenn er auch sein Vater war, wie die andern.
Bei Ausflügen mit der Familie, etwa zu den Verwandten, sei er lieb zu seinen Kindern gewesen und habe sich als ein grundgütiger Mensch gezeigt. In der Rückschau auf die eigene Kindheit versucht Wilm Hosenfeld, seinem Vater gerecht zu werden. Es sei wohl nur die Herbheit in seinem Wesen oder die bäuerliche Erziehung gewesen, die ihn dazu gebracht habe, die Kinder so streng zu behandeln, statt ihnen seine Gefühle zu zeigen.
Als Wilm Hosenfeld nach dem Ersten Weltkrieg um die Hand von Annemarie Krummacher anhielt, schrieb er am 30. Dezember 1919 in einem Brief an seine künftigen Schwiegereltern in Worpswede: Er (sein Vater) fürchtet, Annemarie ist nicht die richtige Frau für einen Landlehrer, natürlich, wie er sie sieht. Er kennt mich zu wenig. Meine Welt ist ihm fremd. Er wird sie kaum verstehen. Nur ganz langsam muss er zu uns herüberfinden; aber doch nie ganz. Er wird in mir immer seinen Jungen sehn, der’s anders macht, mithin mehr oder minder falsch.
Als Pädagoge lehnte Wilm Hosenfeld die Erziehungsmethoden seines Vaters ab, vor allem die Schläge mit dem Rohrstock. Was die Eltern ihm mit auf den Weg gaben, waren der Respekt vor ihnen und das katholische Christentum mit seinen Zehn Geboten. Das prägte ihn, und daran hielt er fest.
Seinen christlichen Überzeugungen blieb er selbst in schwersten Stunden treu, zumal sie ihm Halt und Orientierung bedeuteten. Damit war seine Einstellung gegenüber der polnischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges vorherbestimmt: Wilm Hosenfeld sah in den Polen nicht die Sklaven der deutschen Eroberer, sondern ebenbürtige Menschen. Mit ihrem katholischen Glauben dachten und handelten die meisten von ihnen wie er.
Der unmittelbare Einfluss des Elternhauses ging ohnehin zurück, als Wilhelm mit elf Jahren die Grundschule verließ und nach Hünfeld wechselte, um dort die Lateinschule zu besuchen. Im Unterricht steckte er, wie zuvor noch in Mackenzell, nicht mehr alles weg, was die Lehrer ihm zumuteten. Sein Gerechtigkeitsgefühl rebellierte, als einer der Pädagogen ihm eine Ohrfeige gab. Aus Protest blieb er vorübergehend dem Unterricht fern.
Wilhelms Berufswunsch stand ziemlich früh fest. Er wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten, ohne dessen Methoden zu übernehmen. Er wollte es besser machen und beweisen, dass es möglich war, ohne körperliche Züchtigung Kinder zu erziehen. Die Fragen einer modernen Pädagogik beschäftigten ihn in den folgenden Jahren intensiv. In einer sogenannten Präparandenanstalt in Fritzlar bereitete Hosenfeld sich von 1910 bis 1913 gründlich auf das Studium der Pädagogik vor. Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzeichnete das katholische Lehrerseminar in Fulda ihn schließlich als Studenten. Wilhelm Hosenfeld besaß ein eigenes Zimmer und begann, sich neu zu orientieren.
Zu den Strömungen, die schon vor der Jahrhundertwende Jugendliche in ihren Bann gezogen hatten, gehörte die Wandervogel-Bewegung. Junge Menschen entdeckten Natur und Umwelt ganz neu. Sie sammelten sich am nächtlichen Lagerfeuer, sangen Lieder und gingen ungezwungen miteinander um. Die lärmenden Fabrikhallen, die beengten Wohnverhältnisse in der Stadt und überhaupt das ganze Spießertum im kaiserlichen Deutschland – das alles wollten sie hinter sich lassen.
Die Wandervögel verstanden sich als eine Bewegung jenseits von Politik und gesellschaftlicher Konvention. Charakteristisch waren Loblieder auf das Deutschsein, gedankliche Höhenflüge in Form von Gedichten und Selbstbehauptung im Alltag. Aber schon das Pochen auf Eigenständigkeit bedeutete für die Welt der Erwachsenen Unruhe und Aufruhr. Sie sahen die alte Ordnung mit ihren preußischen Tugenden wie Gehorsam und Pflichtbewusstsein in Gefahr.
Die Bewegung, die aus unterschiedlichen Strömungen bestand, hatte jedoch wenig mit Umsturz und Revolution zu tun, eher schon mit einem Aufbäumen gegen die Altvorderen, die der Jugend alles vorschreiben und sie in ihre eingefahrenen Gleise zwängen wollten. Wilhelm Hosenfeld, schlank, sportlich, kontaktfreudig und unternehmungslustig, fühlte sich auf Anhieb den Wandervögeln verbunden; da war vieles, was ihn anzog: die freie Natur, der offene, ungezwungene Umgang der jungen Erwachsenen untereinander, ihr Schwärmen für Freiheit und Selbstbestimmung. Das enge Korsett abstreifen und neue Wege für das eigene Leben entdecken, das bewog ihn mitzumachen, ihn, der von seiner Mutter das Gefühlsmäßige, das feine Gespür für Nuancen geerbt hatte; ferner die Freude, auf andere Menschen zuzugehen, und zudem die Gabe, Geschehnisse in seiner Umgebung genau zu beobachten und zu beschreiben.
Unter dem Einfluss der Wandervogel-Bewegung änderte Hosenfeld seinen Vornamen in Wilm. Das war kürzer und einprägsamer als Wilhelm. An dem berühmten Treffen der neuen deutschen Jugendbewegung auf dem Hohen Meißner bei Kassel im Oktober 1913 anlässlich des hundertsten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig hat er nicht teilgenommen. Die »Meißner-Formel« dürfte er sich allerdings zu eigen gemacht haben, vor allem den Satz: »Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten.«
Diese Ideale traten gewissermaßen neben seinen katholischen Glauben und wurden zum zweiten Anker seines Lebens; sie blieben es auch dann noch, als die Bewegung selbst längst ihre Bedeutung eingebüßt hatte. Diesem Aufbruch widmete er ebenfalls einen längeren Aufsatz mit dem Titel »Die deutsche Jugendbewegung«, den er allerdings erst nach Ende des Ersten Weltkrieges zu Papier brachte, wahrscheinlich 1921 oder 1922. Wohl in der Hoffnung, der Geist der Jugendbewegung lasse sich trotz des barbarischen Krieges wiederbeleben, zählte er auf, was die Bewegung alles zustande gebracht habe.
Der Wandervogel habe eine neue Art von Gemeinschaft geschaffen und eine eigene Wandertechnik entwickelt, schrieb Hosenfeld. Ferner habe er das Volkslied und den Volkstanz neu belebt. Er trieb zuerst Jugendpflege im idealsten Sinne, errichtete die ersten Jugendherbergen, trieb Körperkultur und wetteiferte in Leibesübungen. Und schließlich: Er gab dem Verhältnis der Geschlechter einen einfachen, natürlichen kameradschaftlichen Charakter. Zur Welt der Erwachsenen zog er eine klare Grenze: Die Jugend will aber nicht das dumpfe Gefäß sein, in das die ältere Generation widerspruchslos ihre Ideale und Lebensanschauungen hineinfüllen darf. Sie glaubt sich jetzt stark und urteilsfähig genug, um sich ihre eigene Jugendkultur zu schaffen.
Der Großstadt mit ihrer geschäftigen Unrast, ihrer Seelenlosigkeit und ihrer Versklavung des Menschen stellte Hosenfeld die inneren Kräfte der Jugendseele gegenüber, das Wandern, die Fahrten in die Weite und das Alleinsein in der Natur.
Der Wandervogel verstand sich also als Gegenbewegung zur Industrialisierung und Kommerzialisierung, die Europa, voran England und Deutschland, eine ungeahnte wirtschaftliche Blüte beschert hatten. Und gleichzeitig war die Jugendbewegung Teil eines antibürgerlichen Zeitgeistes. Seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 herrschte vier Jahrzehnte lang Friede. In dieser Zeit entwickelte Deutschland sich zu der führenden Industrienation Europas. Die Fortschritte auf den Gebieten der Technik, Wissenschaft und Medizin waren atemberaubend. Alles und jedes schien möglich und machbar. Die Eisenbahn ließ die Entfernungen schrumpfen. Kunst und Kultur testeten die Grenzen des Erlaubten und überschritten sie. Frauen erkämpften sich Rechte, die ihnen jahrhundertelang verwehrt worden waren.
Das Feuer der neuen Zeit loderte auch in den hehren Parolen des Wandervogels. Zugleich schwang darin Opferbereitschaft mit, das Einstehen für ein Ziel, wenn es denn nur groß und edel genug sei. Die Liebe zum Vaterland war ein solches Ideal. Die Säulen der Gesellschaft – Schule, Kirchen, das Militär, die Machthaber bis zum Kaiser hin – hatten die Vaterlandsliebe tief in die Seelen junger Menschen eingepflanzt. Diese Tugend war jederzeit abrufbar. Es genügte, die Gefahr für das Vaterland in grellen Farben zu zeichnen.