Buch lesen: "Der Kanarienvogelbaum"
Helle Stangerup
Der Kanarienvogelbaum
Saga
Kasper hatte Angst, als er an der Mauer hochkletterte. Sein Herz klopfte, und seine Hände waren feucht.
Jeden Tag kam Kasper auf dem Weg zur Schule an der Mauer vorbei; sie war über hundert Meter lang. Beim Supermarkt fing sie an und bei den Reihenhäusern hörte sie auf. Die neue Siedlung hieß Sonnenpark, obwohl es da gar keinen Park und keine Bäume gab. In Wirklichkeit war alles neu dort, wo Kasper wohnte – die Häuser, die Schule, der Supermarkt und die Tankstelle – einfach alles, abgesehen von der Mauer.
Die Mauer war aus großen grauen Quadersteinen gebaut, und aus den Ritzen wuchsen die merkwürdigsten Pflanzen. Lange Zweige hingen wie die Lianen zur Erde; die Blätter sahen aus wie große graugrüne Kannen. Da waren auch wuchernde Heckenrosen, die im Juni kleine rote Blüten bekamen. Zwischen den Steinen wuchsen Moos und Farnkraut. Aber die Mauer hatte keine Tür, und niemand wußte, was dahinter war. In der Schule meinte jemand, eine alte verrückte Frau wohne hinter der Mauer, andere sagten, es sei wohl ein verhexter Garten. Aber obgleich keiner richtig an die Geschichten glaubte, hatte es trotzdem noch niemand gewagt, über die Mauer zu klettern, um zu sehen, was es da drinnen, hinter den Quadersteinen, den Lianen, dem Moos und dem Farnkaut, wirklich gab.
Alles ist so rätselhaft und geheimnisvoll und vielleicht auch gefährlich, dachte Kasper, und ganz anders als zu Hause. Die Mutter war immer traurig, und der Vater redete immer von Problemen, die ihm über den Kopf wuchsen. Kasper hatte Angst vor seinem Vater, aber es war eine andere Angst als jetzt, wo er Angst hatte, weil es so aufregend war.
Kasper griff mit der einen Hand nach der verrosteten Eisenspitze oben auf der Mauer. Er wollte schon umkehren, aber dann fielen ihm die Rechenaufgaben ein, die er nicht gemacht hatte, und in der ersten Stunde würden sie ein Diktat schreiben.
Kasper beschloß, die Schule zu schwänzen. Er zog sich auf die Mauer und schaute sich um.
Vor ihm lag ein riesiger Garten mit Beeten, Bäumen und Sträuchern, aber auch voller Unkraut. Der Rasen war nicht gemäht, und alles wuchs kreuz und quer durcheinander, wie in einem Urwald.
Treibhäuser waren auch in dem Garten. Zwei bestanden aus einfachen Glaswänden, die schräg gegen die Mauer gelehnt waren. Das dritte aber stand mitten auf einer Wiese mit einem hohen spitzen Dach. Die Treibhäuser hatten zum Teil keine Scheiben, und Weinreben wuchsen aus den Öffnungen, und die Blätter sahen aus wie Hände, die sich der Freiheit draußen entgegenstreckten.
Kasper setzte sich auf die Mauer. Unter ihm wuchsen Brennesseln und Bärenklau, aber weiter drinnen im Garten sah Kasper Lavendelbeete; sie waren schnurgerade und säuberlich gejätet an einem geharkten Kiesweg entlang angelegt. Und da stand eine alte Gartenbank, von der die Farbe abblätterte.
Kasper zögerte. Das Ganze wirkte ein bißchen merkwürdig. Niemand war zu sehen, und doch mußte es hier jemanden geben. Kasper konnte es gleichsam spüren, daß es irgendwo zwischen den verfallenen Treibhäusern und den Lavendelbeeten ein lebendes Wesen gab. Da war etwas, er konnte es nur nicht sehen von dort, wo er jetzt gerade saß – die Straße mit den Autos hinter sich, mitten zwischen der neuen Welt und dem alten Garten. Kasper hatte die Beine angezogen, so daß er das Kinn auf die Knie stützen konnte. Jetzt streckte er die Beine aus, stieß sich ab und landete mit einem großen Sprung unten im Garten hinter den Brennesseln und dem Bärenklau. Kasper hatte wieder Angst, genau wie am Anfang, als er an der Mauer hochgeklettert war. Vielleicht stimmte es doch, daß hier eine alte verrückte Frau wohnte, und wer wußte, was der alles einfallen mochte? Oder vielleicht war hier alles wirklich verhext?
Kasper schaute verstohlen zur Mauer; zurück konnte er nicht, dann mußte er durch die Brennesseln und den Bärenklau. Und was war, wenn er nun überhaupt nicht mehr herauskam?
Plötzlich wünschte er sich, in der Schule beim Diktat zu sitzen, fast hätte er sich lieber ausschimpfen lassen, weil er die Rechenaufgaben nicht gemacht hatte, als gerade hier zu stehen.
In einer riesengroßen Buche saßen drei schwarze Vögel, es waren Krähen, und Kasper hörte sie da oben zwischen den Blättern zetern. Eine Hummel summte um ihn herum, sonst war es ganz still. Die Sonne schien auf die Treibhäuser, so daß die Scheiben wie Eisschollen aussahen; und ein kleiner Windstoß bewegte den Wipfel einer Pappel, die leise zu rascheln anfing. Kasper ging vorsichtig vorwärts. Er machte einen Schritt und noch einen; er schlich durchs Gras auf das große Treibhaus zu. Plötzlich bemerkte er etwas. Es war ein Schatten, der hinterm Haus verschwand. Kasper stand reglos, konnte aber nicht sehen, was es gewesen war. Die Krähen zeterten immer noch in der Buche, und die Sonne blendete ihn, als plötzlich eine Stimme hinter ihm sagte:
»Wer bist du denn?«
Und bevor er sich umdrehen konnte, sagte die Stimme:
»Und was willst du hier?«
Kasper fuhr herum; vor ihm im Schatten stand ein kleiner Junge. Er hatte dunkelblondes, struppiges Haar; Kasper dachte zuerst, er hätte eine nasse, wollene Mütze auf. Und er war sehr braun und sehr schmutzig, und obgleich er etwas kleiner als Kasper war, wirkte er älter.
»Ich heiße Kasper», sagte er vorsichtig.
»Und was willst du hier?« fragte der Junge.
Kasper erklärte ihm, daß er nur mal sehen wollte, was hinter der Mauer war.
Der Junge dachte nach, dann sagte er: »Hier ist aber schon lange keiner mehr gewesen ...« Er schüttelte den Kopf. »Schon sehr, sehr lange nicht.« Und er sah Kasper nachdenklich an.
»Wohnst du hier?« fragte Kasper.
»Natürlich wohn ich hier. Wo sollte ich sonst wohnen?«
»Aber hier ist doch gar kein Haus«, sagte Kasper und schaute sich um.
»Ist das etwa kein Haus?« sagte der Junge und zeigte mit dem Kopf zum Treibhaus hin.
»Du willst mir doch nicht weismachen, daß du in einem Treibhaus wohnst? Das kann man doch gar nicht.«
Kasper wollte lachen, aber der Junge sah sehr ernst aus und antwortete: »Warum kann man nicht in einem Treibhaus wohnen? Wer sagt denn, daß man in einem Treibhaus nicht wohnen kann, wenn ich fragen darf? Außerdem ist es in einem Treibhaus so hell und freundlich.«
Kasper war jetzt davon überzeugt, daß der Junge völlig verrückt war, aber er wollte es nicht zeigen und fragte vorsichtig: »Sind hier noch andere?« Dann fügte er rasch hinzu: »Ich meine, wohnen noch andere in deinem Treibhaus?«
»Nein, nur ich. Möchtest du ein Glas Milch?«
Der Junge ging auf das Treibhaus zu, und als er eine alte windschiefe Holztür öffnete, folgte Kasper ihm neugierig. Die Tür knarrte in den Angeln, und die Klinke war verrostet, aber Kasper war wirklich gespannt, wie es da drinnen aussah.
In der Türöffnung blieb er stehen, ganz stumm. Das war die großartigste Höhle, die er je gesehen hatte.
Das große Dach wurde von Eisenträgern gehalten, und zwischen zwei Balken hing eine Hängematte. Da standen Kästen mit Werkzeug und Kästen mit Kirschen und Kästen mit Kartoffeln. Sägen, Hämmer, Schaufeln und Harken hingen an Seilen von der Decke herab, und in einer Ecke waren Bretter und alte Fenster zu einem großen Haufen gestapelt.
In der Mitte war eine Feuerstelle, umgeben von einem Ring aus Steinen. Die eine Wand war ganz grün von Weinlaub; aber die andere war blau, weil man den Himmel durch das Glas sehen konnte, und hinter der Hängematte stand ein Schaf mit dichtem Fell, das Möhren kaute.
Kasper war immer noch nicht ganz sicher, ob der Junge nun auch wirklich hier wohnte, aber daß er hier viel Zeit verbrachte, stand fest. Der Junge ging zu einem Eimer, nahm einen abgestoßenen Becher, tauchte ihn in den Eimer und gab ihn Kasper.
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