Buch lesen: "Essstörungen und Persönlichkeit"

Zur Autorin
Dr. med. Helga Simchen war zunächst Oberärztin der Kinderklinik und dann als Oberärztin wissenschaftlich sowie klinisch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie der Medizinischen Akademie Magdeburg tätig. Dort arbeitete sie in enger Kooperation mit dem Institut für Neurobiologie und Hirnforschung auf dem Gebiet der Aufmerksamkeits-, Lern- und Leistungs- sowie Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. In der ehemaligen DDR galt sie als Spezialistin für die Problematik der hyperaktiven Kinder. Schwerpunkte waren dabei die Früherfassung von Teilleistungsstörungen (z. B. Legasthenie), der Komorbiditäten des Hyperkinetischen Syndroms (HKS) sowie der Tic- und Tourette-Symptomatik. Im Vorstand der Gesellschaft für Rehabilitation war sie über viele Jahre als Arbeitsgruppenleiter tätig. Sie hielt Vorlesungen über Kinder- und Jugendpsychiatrie und Entwicklungsneurologie mit Lehrauftrag auch am Institut für Rehabilitationspädagogik.
Dr. med. Helga Simchen hat eine abgeschlossene Ausbildung als Facharzt für Kinderheilkunde, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Psychotherapie, Hypnose und Systemische Familientherapie. Der breite Fundus ihres Wissens und die täglichen Erfahrungen aus ihrer Spezialpraxis für AD(H)S und Teilleistungsstörungen in Mainz verleihen Frau Dr. Simchen eine besondere Befähigung, sich mit dem zukunftsweisenden Thema der Begleiterscheinungen und Folgeerkrankungen des AD(H)S zu beschäftigen. Sie war eine der ersten in der Medizin, die aus eigener praktischer Erfahrung verbunden mit ihren neurobiologischen Kenntnissen den Zusammenhang von AD(H)S und den Essstörungen Magersucht, Bulimie und Esssucht erkannte und die Betroffenen entsprechend behandeln konnte. Schwerpunkt war dabei der durch diese Kombination bedingte besondere Krankheitsverlauf mit Einbeziehung des familiären und sozialen Umfelds.
Helga Simchen
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3., aktualisierte Auflage 2021
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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039750-7
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Inhalt
1 Vorwort
2 1 Essstörungen – eine Einführung
3 1.1 Ein Konflikt zwischen Wollen und Können
4 1.2 Ein gesellschaftliches und persönliches Problem
5 1.3 Essstörungen und Persönlichkeit
6 1.4 Ein neuer biologisch fundierter Ansatz
7 1.5 Warum psychische Störungen in der Kindheit zunehmen
8 1.5.1 Die zunehmende Reizüberflutung im Alltag unserer Kinder und Jugendlichen
9 1.5.2 Der Mangel an sozialer Intelligenz und Kompetenz
10 1.5.3 Der Verlust stabiler sozialer Strukturen
11 1.5.4 Die Anziehungskraft vermeintlicher Vorbilder
12 1.5.5 Die Mängel unseres Schulsystems
13 1.6 Die Bedeutung der Forschung
14 2 Die Bedeutung von Veranlagung, Erziehung und sozialem Umfeld für das Essverhalten
15 2.1 Der »schlechte Esser« – eine frühkindliche Entwicklung
16 2.1.1 Im Säuglingsalter
17 2.1.2 Im Kleinkindalter – wenn der Esstisch zum Stresstisch wird
18 2.2 Wahrnehmung und Entwicklung von Essstörungen
19 2.2.1 Die Veranlagung, der genetische Code entscheidet
20 2.2.2 Veranlagung und Entwicklung als Einheit verursachen Essstörungen
21 2.2.3 Die Bedeutung der Geschlechtszugehörigkeit
22 2.3 Verhaltensänderung ist möglich
23 2.4 Negativer emotionaler Dauerstress als eine Ursache für Essstörungen im Erwachsenenalter
24 2.5 Negativer Dauerstress schon in der Kindheit?
25 3 Die Magersucht (Anorexia nervosa)
26 3.1 Folge einer über Jahre bestehenden Störung des biologischen, psychischen und sozialen Gleichgewichts
27 3.1.1 Eine Magersüchtige berichtet
28 3.1.2 Die neurobiologische Ursache der Magersucht
29 3.2 Eine angstbesetzte Störung mit veränderter Wahrnehmung
30 3.3 Problemlösung durch zwanghaftes Verhalten
31 3.4 Wenn zwanghaftes Verhalten zur Sucht wird
32 3.5 Folge einer genetisch geprägten Persönlichkeitsstruktur mit reaktiver Fehlentwicklung
33 3.6 Die Sucht – ein Mittel zur psychischen Stabilisierung
34 3.7 Aktuelle wissenschaftliche Diagnosekriterien der Magersucht
35 3.7.1 ICD-10-Kriterien
36 3.7.2 DSM-5-Kriterien
37 3.8 Beispiele aus der Praxis – wie sich die Schicksale von Magersüchtigen gleichen
38 3.8.1 Mara, eine 23-jährige Frau, hochbegabt mit Rechenschwäche in der Schulzeit
39 3.8.2 Svenja, eine 17-jährige Gymnasiastin, die sich nicht wiegen lassen wollte
40 3.9 Ein Wechselspiel von Persönlichkeitsprofil und Belastung
41 3.10 Weitere Faktoren, die die Entwicklung einer Magersucht begünstigen
42 3.10.1 Soziokulturelle Faktoren
43 3.10.2 Individuelle und personenzentrierte Faktoren
44 3.10.3 Krankheitsbedingte Besonderheiten
45 3.11 Viele Gemeinsamkeiten in den Krankengeschichten – das kann kein Zufall sein!
46 3.11.1 Das Wesen von Magersüchtigen gleicht einer anspruchsvollen, empfindlichen Blume
47 3.11.2 Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz
48 3.11.3 Gemeinsamkeiten in den Biographien von Magersüchtigen deuten auf eine gemeinsame Ursache
49 3.12 Gibt es eine gemeinsame genetisch bedingte Veranlagung?
50 3.13 Herkömmliche Erklärungsmuster zur Entstehung von Magersucht
51 3.13.1 Die Beziehungsstörung
52 3.13.2 Psychische Traumen in der Kindheit
53 3.13.3 Das »Steinzeit-Gen« und seine vermeintliche Rolle bei der Entstehung von Essstörungen
54 3.13.4 Die Bedeutung der veränderten Informations-verarbeitung für die Persönlichkeitsentwicklung
55 3.14 Magersüchtige haben viele Persönlichkeitsmerkmale gemeinsam
56 3.15 Der Body-Mass-Index (BMI)
57 3.16 Die Psychodynamik der Pubertätsmagersucht im Überblick
58 3.17 Magersucht kann tödlich sein – zwei Beispiele von tragischen Krankheitsverläufen
59 3.18 Die Bedeutung der Frühdiagnostik und -behandlung
60 3.18.1 Beispiele aus der Praxis – wie Frühdiagnose und -behandlung schwere und chronische Verläufe einer Magersucht verhindern können
61 3.18.2 Frühsymptome, die in ihrer Summe zur Magersucht führen können
62 3.19 Das Dysmorphie-Syndrom (Hässlichkeitssyndrom)
63 3.20 Schwerpunkte der Frühbehandlung
64 3.20.1 Frühbehandlung der genetisch veränderten Informationsverarbeitung
65 3.20.2 Das therapeutische Gespräch und die persönlichkeitszentrierte Behandlung
66 3.20.3 Die pubertätsbedingte Überforderung als Risikofaktor Nr. 1
67 3.20.4 Ziele der Frühbehandlung
68 3.21 Die häufigsten Begleit- und Folgeerkrankungen
69 3.21.1 Psychische Begleit- und Folgeerkrankungen
70 3.21.2 Durch Mangelernährung bedingte organische Erkrankungen
71 3.21.3 Ursachen der psychischen Begleit- und Folgeerkrankungen
72 3.22 Therapeutische Strategien bei der Behandlung einer AD(H)S-bedingten Magersucht
73 3.22.1 Wissensvermittlung und gemeinsame Reflexion über mögliche Ursachen der Magersucht
74 3.22.2 Verhaltenstherapie
75 3.22.3 Die medikamentöse Therapie mit Methylphenidat
76 3.22.4 Management zur Reduzierung möglicher Nebenwirkungen von Methylphenidat bei der Therapie des AD(H)S
77 3.22.5 Überprüfen der Therapiefortschritte
78 4 Die Bulimie (Ess-Brech-Sucht)
79 4.1 Symptome
80 4.2 Aktuelle wissenschaftliche Diagnosekriterien
81 4.2.1 ICD-10-Kriterien
82 4.2.2 DSM-5-Kriterien
83 4.3 Psychodynamik der Entwicklung einer Bulimie auf Grundlage einer angeborenen Impulssteuerungsschwäche
84 4.4 Frühsymptome
85 4.5 Beispiele aus der Praxis
86 4.6 Auswirkungen auf die Gesundheit
87 4.7 Bulimie und Magersucht – zwei Varianten einer Essstörung, die sich im Krankheitsverlauf abwechseln können
88 4.8 Auch männliche Jugendliche können eine Bulimie, eine Magersucht oder beides entwickeln
89 4.8.1 Allgemeine Ursachen
90 4.8.2 Gemeinsamkeiten männlicher Jugendlicher mit Essstörungen
91 4.8.3 Männliche Jugendliche und ihr Verhältnis zu ihren Eltern
92 4.8.4 Männliche Magersüchtige beschreiben ihre Familie
93 4.8.5 Das Verhalten von Eltern essgestörter Jugendlicher – eine Zusammenfassung
94 4.8.6 Beispiele aus der Praxis – drei männliche Jugendliche mit einer restriktiven Essstörung
95 4.9 Magersucht, Bulimie und Esssucht – Folgen einer anlagebedingten stressassoziierten Störung
96 5 Essanfälle, Esssucht und Übergewicht (Adipositas)
97 5.1 Statistische Daten zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von 2006 bis 2017
98 5.2 Stress und Hungergefühl
99 5.2.1 Stressabbau durch Essen
100 5.2.2 Neurobiologische Ursachen von Adipositas und Essanfällen
101 5.3 Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen und seine Folgen
102 5.4 Verschiedene Formen des Übergewichts bei Erwachsenen und ihre Bedeutung
103 5.4.1 Warum die bauchbetonte Fettansammlung besonders ungünstig ist
104 5.4.2 Stressbedingtes Übergewicht – Ursachen und Folgen
105 5.5 Das Metabolische Syndrom
106 5.6 Gewichthalten erfordert psychische Stärke
107 5.7 Frustessen und Bewegungsmangel führen zum Übergewicht
108 5.8 Negativer Stress und wie der menschliche Körper darauf reagiert
109 5.8.1 Gesundheitliche Folgen von Dauerstress
110 5.8.2 Stressüberempfindlichkeit und Essstörungen
111 6 Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (AD[H]S) – eine häufige Ursache vieler Essstörungen
112 6.1 AD(H)S – eine genetisch bedingte überschießende Stressreaktion
113 6.2 Die Rolle der AD(H)S-Familie bei der Entwicklung von Essstörungen
114 6.2.1 Die Mutter – psychisch labil und überbehütend
115 6.2.2 Der Vater – abwesend, frustriert, hilflos und missverstanden
116 6.2.3 Die Geschwister – »Action« oder Rückzug
117 6.2.4 Das soziale Umfeld
118 6.3 Die bio-psycho-soziale Grundlage für die Entwicklung einer AD(H)S-bedingten Essstörung
119 6.3.1 AD(H)S als Wegbereiter für die Entwicklung von Essstörungen
120 6.3.2 Die Neurobiologie hilft uns, die Vielfalt der AD(H)S-Symptomatik zu erklären
121 6.4 Essstörungen als Folge der Angst vor dem Erwachsenwerden?
122 6.5 Essstörungen als Folge einer traumatischen Belastung in der Kindheit?
123 6.6 Die Suche nach einer gemeinsamen neurobiologischen Grundlage von AD(H)S und Essstörungen
124 6.7 Kinder und Jugendliche mit AD(H)S und Essstörungen haben viele gemeinsame positive Eigenschaften
125 6.8 AD(H)S – eine Reifungs- und Entwicklungsstörung mit unterschiedlicher Symptomatik
126 7 Neue Therapiestrategien sind gefragt
127 7.1 Verhaltenstherapie – der Kern der Behandlung einer AD(H)S-bedingten Essstörung
128 7.2 Medikamentöse Therapie als ergänzende Behandlungsstrategie
129 7.3 Ursachen behandeln und nicht nur Symptome
130 7.4 Defizite abbauen – Alternativen schaffen
131 8 Der Weg zur Hilfe führt über die Selbsthilfe
132 8.1 Die Bedeutung der Selbsthilfegruppen
133 8.2 Warum sind Selbsthilfegruppen für Essgestörte besonders wichtig?
134 8.3 Grenzen der Selbsthilfe
135 9 Essstörungen vorbeugen und verhindern – Wege einer wirkungsvollen Prävention
136 Kontaktstellen für Menschen mit Essstörungen
137 Befindlichkeits-Skala
138 ANIS-Skala (modifiziert) zur Diagnostik und Verlaufskontrolle einer Magersucht
139 20 Tipps und Ratschläge, um Ihr Übergewicht zu verringern
140 Literatur
141 Sachwortverzeichnis
Vorwort
Wenn die Seele hungert,
reagiert der Körper mit einer Essstörung!
Mehrere Gründe haben mich veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Vor allem möchte ich Akzente setzen für neue Strategien bei der Frühdiagnostik und Therapie von Essstörungen. Mit diesem Buch möchte ich Betroffene, deren Eltern und Therapeuten über aktuelle neurobiologische und psychologische Forschungsergebnisse informieren und neue entwicklungsdynamische Besonderheiten aufzeigen, die für die Entstehung von Essstörungen von Bedeutung sind. Des Weiteren möchte ich den Betroffenen helfen, aus dem großen Spektrum der verschiedensten therapeutischen Angebote die für ihre Essstörung geeignete Therapie zu finden.
Bisher wurden Essstörungen in erster Linie als eine Folge von Beziehungsstörungen oder psychisch schwer belastender Ereignisse in der Kindheit angesehen. Die daraus abgeleiteten Therapien konnten jedoch nicht recht überzeugen und ließen viele Fragen offen.
Inzwischen liefern Forschung und Praxis Anhaltspunkte dafür, dass Magersucht, Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und Esssucht sehr häufig Folge einer genetisch bedingten und somit angeborenen Persönlichkeitsvariante sind, bei der sich die Regulierung von Wahrnehmungen, Gefühlen und Reaktionen von denen Gleichaltriger wesentlich unterscheidet. Diese Personen reagieren viel zu empfindlich gegenüber Emotionen und Stress. Anhaltende psychische Belastungen führen bei ihnen zu emotionalem Dauerstress, der psychisch destabilisiert und ihre Leistungsfähigkeit, ihr Verhalten und somit ihr Selbstwertgefühl und ihre soziale Kompetenz beeinträchtigt. Um dieser psychischen Destabilisierung entgegen zu wirken, beginnen sie, ihre für sie unerträglichen emotionalen Spannungszustände über Essen oder dessen Verweigerung abzureagieren, um auf diesem Wege ihre Hilflosigkeit zu kompensieren. Deshalb können die Betroffenen diese Selbsthilfemaßnahme – Essen oder Nichtessen – nur schwer aufgeben, ohne dass der Therapeut ihnen eine spürbare und für sie akzeptable Alternative anbietet.
Diesen Entwicklungsverlauf zur Essstörung frühzeitig zu unterbrechen ist nicht nur ein wissenschaftliches, sondern – im Hinblick auf die Vielzahl der Betroffenen und deren schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen – auch ein gesellschaftliches Problem. Ohne eine rechtzeitige Behandlung wird aus dem gestörten Essverhalten eine frustbedingte und automatisch ablaufende Fehlreaktion, die zunehmend zwanghaft und schließlich zur Sucht wird. Eine Sucht, die das Belohnungssystem aktiviert, dort die sogenannten »Glückshormone« freisetzt und in die Abhängigkeit führen kann.
Neue Denkweisen – und das nicht nur in der Psychiatrie – profitieren von einem fachübergreifenden Wissen und ermöglichen es, die gefährdete Personengruppe frühzeitig zu erkennen. Das erfordert neue diagnostische Strategien, die Eltern, Kindergärtnerinnen und Lehrer mit in die Diagnostik einbeziehen, um bei den in ihrer Entwicklung auffälligen Kindern und Jugendlichen folgenschwere psychische Störungen, wie es auch Essstörungen sind, zu vermeiden.
Neue Therapieoptionen sind also erforderlich, die nicht wie bisher primär am Symptom, sondern an dessen Ursache ansetzen. Diese Art der Frühbehandlung hat sich in einigen Praxen schon bewährt. Sie wird aber durch Mangel an entsprechenden Studien noch viel zu zögerlich angewandt, zum Nachteil der Betroffenen, die sich dann weiterhin mittels ihrer Essstörung selbst behandeln und dadurch gefährdet sind, eine Magersucht, eine Bulimie oder eine Esssucht mit oder ohne Übergewicht zu entwickeln.
Mainz, Dezember 2009
Helga Simchen
1 Essstörungen – eine Einführung
1.1 Ein Konflikt zwischen Wollen und Können
Neue Erkenntnisse der neurobiologischen Forschung mithilfe bildgebender Verfahren zeigen, wie eng Psyche, Körper und soziales Umfeld miteinander verbunden sind und welche Bedeutung negativer Dauerstress als Bindeglied dabei spielt. Das Gehirn mit seinen wichtigen Funktionen und seinem großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung sollte in Zukunft in der Psychiatrie und Psychologie viel stärker berücksichtigt werden. Die bisher mehrheitlich symptomzentrierten therapeutischen Ansätze müssen durch mehr ursachenorientierte Behandlungsstrategien ersetzt und die Entwicklung der Persönlichkeit von Kindheit an mit in die Diagnostik einbezogen werden.
In Bezug auf Essstörungen bedeutet das, nach einem ganz bestimmten Persönlichkeitsprofil zu suchen, das infolge einer veränderten Verarbeitung von Informationen und Stress die biologischen Voraussetzungen für das Entstehen und Aufrechterhalten von Magersucht und Esssucht schafft. Die Entwicklung einer Essstörung beginnt nicht erst in der Pubertät, sondern schon viele Jahre vorher, nur werden diese frühen Symptome viel zu oft übersehen oder als solche verkannt. Wenn dann Hilflosigkeit, Stress, Frust, Versagensängste, Selbstwertproblematik und Auffälligkeiten im Sozialverhalten die Persönlichkeitsreife so beeinträchtigt haben, dass die Betroffenen den Anforderungen der Pubertät nicht gewachsen sind, kommt es zur Essstörung als Folge einer psychischen und körperlichen Dekompensation. Denn Essgestörte erleben ständig, dass sie ihre vorhandenen Fähigkeiten nicht in Erfolg und Anerkennung umsetzen können, selbst wenn sie sich noch so sehr darum bemühen.
Essstörungen – wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht und häufig auch die Esssucht – können zum missglückten Bewältigungsversuch unlösbar erscheinender Schwierigkeiten werden, wenn die Betroffenen zu keiner anderen Lösung fähig sind und ihnen das soziale Umfeld keine spürbaren Hilfen anbietet.
Leider wird die innere Not der vielen Betroffenen oft nicht erkannt oder, schlimmer noch, für »Theater« oder »komisches Getue« gehalten. Viele Therapeuten, die vorwiegend symptomorientiert arbeiten, reagieren erst dann, wenn die Betroffenen eine Summe von Symptomen aufweisen, die in ein vorgegebenes Diagnoseschema passen. Aber bei beginnenden Essstörungen sollte, wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auch, die Behandlung früher einsetzen. Psychische Erkrankungen entwickeln sich langsam, meist über Jahre – das erfordert, deren Frühsymptome rechtzeitig zu erkennen und ernst zu nehmen.
Essgestörte weisen im Persönlichkeitsprofil viele Gemeinsamkeiten auf, was auf eine gemeinsame neurobiologische Ursache des Störungsbildes hindeutet. Diese zu erkennen und dadurch den Essgestörten mit bisher zu selten genutzten therapeutischen Strategien zu helfen, dazu möchte dieses Buch informieren und beitragen.