Buch lesen: "Audiovisuelles Übersetzen"

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Heike E. Jüngst

Audiovisuelles Übersetzen

Ein Lehr- und Arbeitsbuch

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ISBN 978-3-8233-8231-7 (Print)

ISBN 978-3-8233-0237-7 (ePub)

Inhalt

  Vorwort zur zweiten Auflage

 1 Einführung in das Thema1.1 Gebrauchsanweisung für die 2. Auflage1.2 Definition der audiovisuellen Übersetzung1.3 Der Stand der Dinge1.3.1 Ausbildungsmöglichkeiten und Unterrichtsmaterialien1.3.2 Barrierefreiheit1.3.3 Forschung1.4 Untertitelung versus Synchronisation – der ewige Streit1.5 Exkurs: Filmgestaltung1.5.1 Bildspur1.5.2 Tonspur1.5.3 Texte1.5.4 Der Timecode1.6 Schlussbemerkung

 2 Interlinguale Untertitelung2.1 Definition2.2 Geschichte2.3 Arbeitsablauf2.3.1 Neue Arbeitsbedingungen2.3.2 Spotting und Splitting2.3.3 Zeilenaufteilung2.3.4 Gestaltung2.3.5 Textkürzungen2.4 Einzelprobleme der Untertitelung2.4.1 Dialekte, Soziolekte, Fachsprache2.4.2 Mehrsprachigkeit im Film2.5 Sonderfälle der Untertitelung2.5.1 Trivia Tracks und andere zusätzliche Untertitel2.5.2 Bilinguale Untertitelung2.5.3 Fansubs2.5.4 Kreative Untertitelgestaltung2.5.5 Synchrontext versus Untertitelungstext2.5.6 Übertitelung / Lehnenübersetzung im Theater2.6 Musik und Untertitelung2.6.1 Opern2.6.2 Mehrstimmiger Gesang2.6.3 Musicals und Songs im Film2.7 Forschung und weiterführende Literatur2.8 Anhang: Richtlinien

 3 Synchronisation3.1 Definition3.2 Geschichte3.3 Arbeitsablauf3.4 Einzelaspekte: Formen der Synchronität3.4.1 Verhaltens-, Gesten- und Nukleussynchronität3.4.2 Lippensynchronität3.5 Einzelaspekte: Die Texte3.5.1 Fachsprache im Film3.5.2 Mehrsprachige Filme und Dialekt im Film3.6 Sonderfälle3.6.1 Fandubs3.6.2 Fundubs3.6.3 Schnodder-Synchron3.6.4 Slawische Synchro3.6.5 Erzähler3.6.6 Länderspezifische Synchronfassungen3.6.7 Verfälschungen3.6.8 Europuddings3.6.9 Filmmusik in synchronisierten Filmen3.6.10 Synchronisation als Filmthema3.7 Stimmen3.7.1 Sprecherkontinuität3.7.2 Nachvertonung3.7.3 Umgang mit Filmsongs3.8 Forschung und weiterführende Literatur

 4 Voice-over4.1 Definition4.2 Arbeitsablauf4.3 Einzelaspekte4.3.1 Voice-over als Text4.3.2 Zusatztexte4.4 Sonderfälle4.4.1 Mehrsprachige Vorlagen4.4.2 Voice-over zu laufenden Produktionen4.4.3 Voice-over bei Nachrichtenformaten und TV-Magazinen4.4.4 Fiktionale und halb-fiktionale Formate mit Voice-over4.4.5 Firmenvideos / Video Narrations und aufgezeichnete Fachvorträge4.5 Stimmen4.6 Forschung und weiterführende Literatur

 5 Filmdolmetschen5.1 Definition5.2 Geschichte5.3 Arbeitsablauf5.4 Sonderfälle5.4.1 TV- und Mediendolmetschen allgemein5.4.2 Kinder als Zielgruppe5.4.3 Probleme im Arbeitsablauf5.4.4 Und was ist mit Musik?5.5 Forschung und weiterführende Literatur

 6 Barrierefreiheit 1: Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte (Hörfilme)6.1 Definition6.2 Geschichte6.3 Zielgruppe der Audiodeskription6.4 Arbeitsablauf6.5 Audiodeskription als Text und intersemiotische Übersetzung: Einzelaspekte6.5.1 Personen6.5.2 Orte6.5.3 Handlungen6.5.4 Geräusche6.5.5 Informations-Überangebot und Informationsauswahl6.5.6 Der Hörfilm als Ganzes6.5.7 Verwandte Textsorten6.6 Sonderfälle6.6.1 Zeitversetzte Audiodeskription6.6.2 Perspektive und Experimente6.6.3 Zielgruppe Kinder6.6.4 Kulturspezifik und doppelte Übersetzung6.6.5 Stimmen6.6.6 Musik und Songs6.6.7 Taststücke, Einleger und anderes Zusatzmaterial6.7 Forschung und weiterführende Literatur6.8 Anhänge: Richtlinien für AudiodeskriptionenAnhang 1: Allgemeine Richtlinien RundfunkanstaltenAnhang 2: Regeln für die Audiodeskription für Kinder

 7 Barrierefreiheit 2: Untertitelung und Verdolmetschung für Gehörlose und Hörgeschädigte7.1 Definition7.2 Geschichte7.3 Zielgruppen für die Untertitelung für Gehörlose und Hörgeschädigte7.4 Das Absehen7.5 DGS – Deutsche Gebärdensprache7.6 Untertitel für Hörgeschädigte als Text: Richtlinien7.6.1 Farben und Ausrichtung7.6.2 Kürzungen und Veränderungen7.6.3 Parasprache7.6.4 Geräusche7.6.5 Musik und Untertitel für Gehörlose und Hörgeschädigte7.7 Live-Untertitelung und Re-Speaking7.8 Gebärdensprachdolmetschen im AV-Bereich / Gebärdenspracheinblendung7.9 Sonderfall Kinder als Zielgruppe7.10 Ein paar kleine Extras … was man sonst noch mit Untertiteln tun kann …7.11 Forschung und weiterführende Literatur7.12 Anhang: Richtlinien

  Anhang 1: Allgemeine Richtlinien Rundfunkanstalten

  Anhang 2: Empfehlungen für die Untertitelung für Kinder

 8 Games8.1 Definition8.2 Geschichte8.3 Arbeitsablauf8.3.1 Kompetenzen des Game-Übersetzers8.3.2 Arbeitsabläufe bei der Game-Lokalisierung8.4 Lokalisierungselemente und -vorgänge8.4.1 Untertitelung und Synchronisation bei Games8.4.2 Games als Text8.4.3 Bilder und Games8.5 Übungsmaterialien entwickeln8.5.1 Analoger Einstieg8.5.2 Selbst einfache Games programmierenBitsyScratchPython8.6 Forschung und weiterführende Literatur

 LösungshilfenKapitel 2: Interlinguale UntertitelungKapitel 3: SynchronisationKapitel 4: Voice-overKapitel 5: FilmdolmetschenKapitel 6: Barrierefreiheit 1: Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte (Hörfilme)Kapitel 7: Barrierefreiheit 2: Untertitelung und Verdolmetschung für Gehörlose und HörgeschädigteKapitel 8: Games

  Bibliographie Fachzeitschriften Texte (Print und PDF) Sonstige Internetquellen

  Register

Vorwort zur zweiten Auflage

2010 erschien die erste Auflage dieses Buches – zu einem Thema, das man damals getrost als Nischenthema bezeichnen konnte. Wie sehr sich das geändert hat, sieht man sowohl am Umfang als auch am Inhalt der Neuauflage.

Was sich nicht verändert hat: Auch dieses Mal habe ich vielen Menschen zu danken. An erster Stelle kommen meine Mutter, die unendliche Geduld bewiesen hat, und mein Vater, der die Publikation noch gern miterlebt hätte. Einen sehr wichtigen Beitrag haben auch all die Studierenden geleistet, die meine Kurse zum Audiovisuellen Übersetzen besucht, die Übungen ausprobiert und mir Rückmeldung dazu gegeben haben: an der Universität Leipzig, an der Universität Graz und an der FHWS Würzburg. Danke auch an die Teilnehmer meiner Workshops bei Universitas Austria und bei KIKA / mdr. Und natürlich danke an die Praxisvertreter, die uns im Unterricht besucht haben: Marion Peterreins, Christin Friers, Bernd Benecke und Elmar Dosch.

Vielen Kollegen verdanke ich Anregungen und gute Gespräche auf Tagungen. Ich kann nicht alle aufzählen, habe aber im Text auf alles verwiesen, was ich von euch übernommen habe. Stellvertretend nenne ich meine langjährige Team-Dozentin Susann Herold, Alexandra Jantscher-Karlhuber, Klaus Schubert, Katrin Pieper, Anne Ende, Tim Jones, Susanne Jekat, Nathalie Mälzer und Team, Alexander Künzli, Klaus Kaindl, Antonella Nardi, Mary Carroll, Minako O`Hagan, Simone Maier, Ana Díaz und Xiaohun Zhang. Meine Grundschul-Musiklehrerin Brigitte Licht für Einblicke ins Geräuschemachen. Danke auch an Peter Axel Schmitt, der mir einfach so mein erstes Seminar zur AV-Übersetzung anvertraute. Es war eine Katastrophe ... Ich habe dazugelernt. Und natürlich darf das Greenscreen-Team nicht fehlen!

Ein weiterer Dank an diejenigen, die mir Abdruckrechte überlassen haben: Daniel Frei und Daniel Wolf für die Screenshots aus Die Kunst des Spickens, Jan Meuel vom DBSV für die Richtlinien zur Audiodeskription für Kinder,Ursula Heerdegen-Wessel von der Redaktion Barrierefreiheit der ARD, Mary Carroll und Jan Ivarsson für den ESIST Code for Good Subtitling Practice.

Nicht zuletzt danke an das Team vom Narr Verlag: Tillmann Bub, der das Projekt durch die ersten Höhen und Tiefen begleitete. Es waren derer viele. Corina Popp, die dann übernahm, und der geduldigen Herstellungsabteilung, die mit dem Manuskript nicht nur Freude hatte, Tina Kaiser und Arkin Keskin.

Jetzt bleibt mir nur, allen viel Spaß beim Lesen und Ausprobieren zu wünschen!

Mainz, im August 2020 Heike Elisabeth Jüngst

1 Einführung in das Thema
1.1 Gebrauchsanweisung für die 2. Auflage

Dieses Buch stellt eine praxisnahe Einführung in das audiovisuelle Übersetzen (AV-Übersetzen) mit Analyseteilen und Verweisen auf wissenschaftliche Arbeiten dar. In den einzelnen Kapiteln werden die verschiedenen Verfahren mit ihren Eigenheiten vorgestellt, analysiert und ausprobiert.

In der Neuauflage wurde die Menge an Fragen und Übungen deutlich erhöht. Fragen sind mit dem Icon und Übungen mit dem Icon gekennzeichnet. Die meisten Antworten oder Hinweise finden sich in den Lösungshilfen am Ende des Buches. Viele Antworten und Überlegungen führen das Buch jedoch logisch weiter und man muss nur ein bisschen nachdenken, um sie zu beantworten. Man sollte sich vor dem Weiterlesen mit ihnen auseinandersetzen, denn direkt nach diesen Fragen geht es mit den Antworten weiter. Diese Fragen werden mit „Mal kurz nachdenken …“ eingeleitet. Am Ende jedes Kapitels steht ein kurzer Abschnitt zu weiterführender Literatur und Forschung. Die dortigen Angaben sollen eine gewisse Bandbreite der Forschungsfragen vermitteln; im Literaturverzeichnis findet sich eine weit größere Anzahl von passender Literatur.

Der Aufbau der Kapitel wurde, soweit möglich, vereinheitlicht. Zu Beginn steht die Definition des jeweiligen Verfahrens, dann kommt ein geschichtlicher Überblick. Es folgen die typischen Arbeitsabläufe, dann Einzelaspekte und schließlich Sonderfälle. Wo es Richtlinien gibt, die für die Allgemeinheit von Interesse sind, stehen diese in Anhängen zu dem jeweiligen Kapitel.

Das Buch ist für eine heterogene Leserschaft aus Unterrichtenden und Selbstlernern gedacht. Die einzelnen Kapitel können auch in der Neuauflage unabhängig voneinander gelesen und durchgearbeitet werden. Nur die beiden Kapitel zum Thema Untertitelung ergänzen sich. Die Doppelungen aus der ersten Auflage wurden soweit möglich gelöscht und durch Querverweise zu anderen Kapiteln ersetzt. Das Kapitel „Musik und audiovisuelle Übersetzungsverfahren“, das ein bisschen unglücklich quer zu den anderen stand, wurde aufgelöst und die Unterkapitel in die Kapitel zu den einzelnen Verfahren eingefügt. Neu in dieser Auflage ist das Thema Game-LokalisierungGame-Lokalisierung, wenn auch nur als kurze Einführung. Dieses Verfahren ist hybrid; manche Übersetzungsaufgaben dort entsprechen Verfahren aus der AV-Übersetzung, so dass der Aufbau dieses Kapitels von dem der anderen abweicht. Insgesamt wurde das Buch von Grund auf überarbeitet und erweitert. Am wenigsten hat sich das Kapitel zur interlingualen Untertitelung verändert, doch auch dort wird selbstverständlich auf neue Studien und Verfahren hingewiesen.

Ich selbst bin von Haus aus Übersetzerin und Dolmetscherin und kenne daher vor allem die Probleme und Bedürfnisse dieser Zielgruppe. Für sie ist z. B. der hier in der Einführung angebotene Exkurs zur FilmgestaltungFilmgestaltung gedacht; in anderen Medienberufen ist dieses Wissen täglich Brot.

1.2 Definition der audiovisuellen Übersetzung

Unter audiovisueller Übersetzung (im Nachfolgenden AV-Übersetzung) versteht man allgemein das Übersetzen von Medienformaten, die einen sichtbaren und einen hörbaren Teil haben, und zwar primär die typischen Verfahren der Film- und Video-Übersetzung. Bei der audiovisuellen Übersetzung wird das ursprünglich vorliegende Material durch die Übersetzung verändert und meist ergänzt. Anders als bei vielen anderen Formen der Übersetzung bleiben Teile des ursprünglichen Materials erhalten, je nach Übersetzungsverfahren unterschiedliche. Zu Beginn jedes Kapitels wird die Definition des jeweiligen Verfahrens nach der Routledge Encyclopedia of Translation Studies angeführt; hier kommt die Definition zu Audiovisual Translation:

Audiovisual translation is a branch of translation studies concerned with the transfer of multimedial texts into another language and / or culture … Major meaning-making modes in audiovisual texts include language, image, music, colour and perspective. (Pérez González 2011 [2009]: 13)

Wie bei allen in diesem Buch angeführten Definitionen kann man dies natürlich kritisch sehen. Die nachfolgende Definition, obwohl noch keine zwanzig Jahre alt, ist für die heutige Arbeit in der AV-Übersetzung und die dazugehörige Forschung zu eng gefasst: „Die Konzentration auf den Dialogfilm stellte die verbale Sprache und ihre Übertragbarkeit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.“ (Wahl 2003: 9)

Im Anschluss an seine Definition führt Pérez González die Vielfalt an Bezeichnungen auf, die im Englischen für die AV-Übersetzung existieren (siehe Pérez González 2011 [2009]: 13). Im Deutschen wird als Synonym zur AV-Übersetzung MedienübersetzungMedienübersetzung verwendet; sonst werden meist die einzelnen Verfahren genannt.

Die Verfahren, an die man bei dem Begriff audiovisuelle Übersetzung als erstes denkt, werden bei der Übersetzung von Filmen und Fernsehserien eingesetzt: interlingualeUntertitelinterlinguale Untertitel und intralinguale UntertitelUntertitelintralinguale Untertitel, SynchronisationSynchronisation, bei Dokumentationen auch Voice-overVoice-over. Inzwischen kann man auch die AudiodeskriptionAudiodeskription für Blinde als bekanntes Verfahren voraussetzen. Audiovisuelle Übersetzung findet aber auch im Theater statt, als ÜbertitelungÜbertitelung oder als Live-AudiodeskriptionLive-AudiodeskriptionAudiodeskriptionLive-Audiodeskription.

Man darf auch die Einflüsse auf die audiovisuelle Übersetzung nicht übersehen: Es gibt eine Reihe von TextsortenTextsorte, deren Übersetzung eng mit der AV-Übersetzung verwandt ist, die Einfluss auf die AV-Übersetzung hatten und die im Vergleich mit dieser neue Einblicke und Erkenntnisse liefern können:

La traduction audiovisuelle (TAV) relève de la traduction des médias qui inclut aussi les adaptations ou éditions faites pour les journaux, les magazines, les dépêches des agences de presse etc. Elle peut être perçue également dans la perspective de la traduction des multimédias qui touche les produits et services en ligne (Internet) et hors ligne (CD-ROM). Enfin, elle n’est pas sans analogie avec la traduction des BD, du théâtre, de l’opéra, des livres illustrés et de tout autre document qui mêle différents systèmes sémiotiques. (Gambier 2004: 1)

Manchem kommt es befremdlich vor, dass Verfahren wie intralinguale Untertitelung oder Audiodeskription als Übersetzung bezeichnet werden. Der prototypische Übersetzer beschäftigt sich mit interlingualen Übersetzungen. Doch heute sind die Anforderungen an Übersetzer weit vielfältiger.

In der übersetzungswissenschaftlichen Forschung wird in diesem Zusammenhang gern auf Roman Jakobsons Definition der verschiedenen Verfahren der Übersetzung verwiesen (Jakobson 1971: 261). Jakobson spricht von der intralingualen, der interlingualen und der intersemiotischen Übersetzung. Die interlinguale ÜbersetzungÜbersetzunginterlinguale Übersetzung entspricht unserer prototypischen Vorstellung der Übersetzung von einer Sprache in die andere. Die intralinguale ÜbersetzungÜbersetzungintralinguale Übersetzung ist eine Form der Bearbeitung. So wird ein Text z. B. für eine neue Zielgruppe vereinfacht, die Sprache wird jedoch beibehalten. Ein typisches Beispiel außerhalb der AV-Übersetzung sind Bearbeitungen literarischer Werke für Kinder, aber auch die im Zuge der gesellschaftlichen Teilhabegesellschaftliche Teilhabe und BarrierefreiheitBarrierefreiheit immer wichtigere Leichte SpracheLeichte Sprache1 gehört in diesen Bereich. Untertitel für HörgeschädigteUntertitel für Hörgeschädigte stellen eine spezielle Form der intralingualen Übersetzung dar. Bei der auch als Transmutation bezeichneten intersemiotischen ÜbersetzungÜbersetzungintersemiotische Übersetzung schließlich wird das Zeichensystem gewechselt. Ein klassisches Beispiel der intersemiotischen Übersetzung ist die Bildbeschreibung, bei der das bildlich Dargestellte in Sprache wiedergegeben wird. Die AudiodeskriptionAudiodeskription fällt daher in den Bereich der intersemiotischen Übersetzung. Eine noch detailliertere Aufschlüsselung verschiedener Formen der multidimensionalen (nicht nur der audiovisuellen) Übersetzung findet sich in Gottlieb 2005.

Die Verfahren der audiovisuellen Übersetzung kann man unterschiedlich einteilen. Auch die Task Force AV der FIT befasste sich 2019 mit der Einteilung dieser Verfahren, was zeigt, dass diese Diskussion noch lange nicht abgeschlossen ist. Im Handbuch Translation von 2006 (Erstauflage 1999) kommen die selten behandelten Video NarrationsVideo Narration (242-244) („der gesprochene Text zu IndustrievideosIndustrievideo“, 242) im Kapitel zu primär appellativen Texten vor, während im Kapitel „Film und Fernsehen“ Untertitelung / Übertitelung (261-264) und SynchronisationSynchronisation (unter dem selten gebrauchten Eintrag Synchronisierung) (264-266) behandelt werden. Voice-over wird im Abschnitt Synchronisation kurz erwähnt, andere Verfahren der audiovisuellen Übersetzung spielen hier keine Rolle. Das zeigt auch, dass 1999 diese Verfahren in der Praxis vieler Übersetzer noch nicht wichtig waren. In der Routledge Encyclopedia of Translation in der zweiten Auflage von 2009 werden die Verfahren versammelt unter dem Stichwort „Audiovisual Translation“, zunächst Subtitling (14-15), mit Anmerkungen zu interlingualen, bilingualen und intralingualen Untertiteln, RevoicingRevoicing (16-18) mit Voice-over, Audiodeskription, freiem KommentarKommentarfreier Kommentar, FilmdolmetschenFilmdolmetschen und Synchronisation (Pérez González 2011 [2009]). Andere Aufteilungen sind noch weit detaillierter, denn man kann all diese Verfahren weiter unterteilen, wie es auch in diesem Buch in den Unterkapiteln geschieht. Möglich ist auch eine Aufteilung nach Jakobsons Einteilung von Übersetzungen als interlingual, intralingual und intersemiotisch. Dadurch werden aber typische Verfahren und Abläufe in unterschiedliche Bereiche verschoben. Eine Einteilung nach Genres habe ich nirgends gefunden, aber auch das wäre möglich, wobei bei jedem Genre verschiedene typische Verfahren aufgeführt würden. Die Ausnahme hier ist die Game-LokalisierungGame-Lokalisierung, bei der Übersetzungsverfahren und Spieltyp gekoppelt sind.

Ich habe mich bei diesem Buch für eine andere, rein praktisch motivierte Einteilung entschieden und die Verfahren der Barrierefreiheit, Untertitelung für Hörgeschädigte und Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte, an den Schluss des Buches gestellt. Für diese Verfahren gibt es eine spezielle Gesetzeslage, Richtlinien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, den Einfluss von Lobbygruppen, Interessenten aus anderen Fächern wie Sozialpädagogik – und nicht zuletzt bilden bei beiden Verfahren KinderKinder eine eigene Zielgruppe.

1.3 Der Stand der Dinge

In den letzten Jahren hat das Interesse an der audiovisuellen Übersetzung in Ausbildung und Berufspraxis aus mehreren Gründen zugenommen. Es begann mit dem Aufkommen der DVD mit ihrem riesigen Speicherplatz, der für mehrere SynchronspurenSynchronspur und UntertitelspurenUntertitelspur genutzt werden kann (zu diesem Thema ausführlicher Kayahara 2005). Wer früher nie eine Kinovorstellung mit Untertiteln besucht hätte, konnte jetzt einfach ausprobieren, wie so etwas aussieht. Doch wie in vielen anderen Lebensbereichen ist es auch hier das Internet, das das Interesse an der AV-Übersetzung auch bei LaienLaienübersetzung gesteigert hat. Der Zugang zur Originalversion des jeweiligen Films ist einfach, es gibt UntertitelungsprogrammeUntertitelungsprogramm, die man leicht nutzen kann, und so beginnen auch Laien, Originalfassung und Übersetzung parallel anzusehen, zu vergleichen und nicht zuletzt selbst zu übersetzen. Die Bedeutung der Digitalisierung der Untertitelungsprogramme für entsprechende Kurse an Hochschulen darf nicht unterschätzt werden.

Auch für die Forschung sind diese Entwicklungen relevant. Das betrifft zunächst den Zugriff auf das Material. Bis in die 1990er war es ausgesprochen aufwändig, für Forschungen zur audiovisuellen Übersetzung Filmfassungen aus verschiedenen Ländern zu importieren. Im Normalfall bat man Freunde im Ausland, die Videokassetten zu besorgen. So bekam man aber fast nie deutsch untertitelte Filme. Aus Synchronländern kamen synchronisierte Filme, aus Untertitelungsländern untertitelte. Das bedeutete, dass man oft monatelang auf Materialjagd war. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber es ist wichtig zu verstehen, welches Engagement die Pioniere der Forschung zur audiovisuellen Übersetzung mitbringen mussten. Was man heute auf einer einzigen DVD oder durch einen Klick ins Internet bekommt, musste man sich mühselig zusammensuchen. Das hielten nur echte Aficionados durch.

Generell lässt sich feststellen, dass die Menge der Aufgaben und Aufträge im Bereich der AV-Übersetzung durch das vielsprachige Internet und die verstärkte internationale Ausrichtung verschiedener Dienste geradezu exponentiell zugenommen hat, meist im Bereich Untertitelung. Zusätzlich wurden und werden maschinelle Verfahren entwickelt wie die automatischen Untertitel bei YouTube. Trotz aller Schwächen, die diese Verfahren aufweisen, muss man anerkennen, dass ihre Entwicklung äußerst schnell erfolgte und dass viele Nutzer die Ergebnisse als völlig ausreichend für ihre Bedürfnisse ansehen.1

Die Entwicklung der AV-Übersetzung im Bereich BarrierefreiheitBarrierefreiheit wird in den betreffenden Kapiteln geschildert. Hier haben sich durch neue Gesetze und Verpflichtungen große Veränderungen ergeben (www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de/DE/Home/home_node.html). Behörden und öffentlich-rechtliche Anstalten sind zur Barrierefreiheit verpflichtet. So hat sich ein neuer Arbeitsbereich eröffnet und neue technische Verfahren wurden entwickelt. Wer in diesem Bereich arbeiten möchte, muss sich immer darüber im Klaren sein, dass Barrierefreiheit keine Einbahnstraße ist. Man tut nicht jemandem „etwas Gutes“, man profitiert selbst davon. Man muss sich nur fragen, ob man in der Lage ist, einfach so mit einem seit Geburt gehörlosen Menschen zu kommunizieren. Oder ob man als Hörender nicht doch einen GebärdensprachdolmetscherGebärdensprachdolmetscher benötigt.

… it would be interesting to see practices improving, by taking advantage of the new products for the benefit of audiences who should not be seen as minorities but as one of the many parts of a fragmented reality. (Neves 2009: 152)

Kurz gesagt: Man sollte sich so für die Zielgruppen dieser Arbeit interessieren, wie man sich für die Kulturen seiner Arbeitssprachen interessiert.

Die audiovisuelle Übersetzung ist in jeder Form arbeitsteilig (dazu auch Gambier 2004). Diese Tatsache muss man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, denn nicht jeder fühlt sich damit wohl. Die Arbeitsteilung hat einen sehr starken Einfluss auf das endgültige Produkt und darauf, was der Übersetzer darf bzw. tun soll, über welche Kompetenzen er also verfügen muss. Wie überall gilt: Je besser der Informationsaustausch zwischen den Beteiligten funktioniert, desto besser funktioniert auch die Qualitätssicherung für das fertige Produkt.

Schon an der Produktion des Films, der nun in irgendeiner Form übersetzt werden soll, ist eine Vielzahl von Menschen beteiligt. Darauf kann hier nicht weiter eingegangen werden. Es gibt aber sehr gute Handbücher zur Einführung ins Filmemachen und Arbeiten über die Filmindustrie, die entsprechende Informationen bieten. Weitere Informationen findet man auf den Websites der Filmförderungsanstalten der jeweiligen Bundesländer. Schließlich lohnt es sich, einmal nach dem Film auch den gesamten AbspannAbspann anzusehen (falls er im Kino nicht zu schnell läuft; besser geht es mit einer DVD). Bisher haben es nur die Audiodeskriptoren geschafft, sich als den anderen Mitarbeitern gleichwertig zu positionieren.

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