Buch lesen: "Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart"
Das Matriarchat
Herausgegeben von
Heide Göttner-Abendroth
Band II
Heide Göttner-Abendroth
Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart
Band II: Amerika, Indien, Afrika
W. Kohlhammer
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Titelbild: Ahnin-Figur; Lindenmuseum Stuttgart, Staatliches Museum für Völkerkunde, Inv.No. F51.596L.
Print:
ISBN 978-3-17-039382-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039383-7
epub: ISBN 978-3-17-039384-4
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Die moderne Matriarchatsforschung macht eine völlig andere Gesellschaftsform, die nicht die Umkehrung des Patriarchats ist, wieder zugänglich. So wird unsere Vorstellung von matriarchalen Gesellschaften Schritt für Schritt immer reicher. Das berührt und verändert alle Bereiche unseres Wissens. In diesem Sinne ist die moderne Matriarchatsforschung heute Grundlagenforschung.
Dieser Band beschreibt und analysiert anschaulich die matriarchalen Gesellschaften Afrikas, Indiens und Amerikas. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Großformen dieser Sozialwesen. So wird das Vorurteil, dass es sich nur um kleine, isolierte Gemeinschaften handeln würde, eindrucksvoll widerlegt. Die weltweite Perspektive Göttner-Abendroths lenkt den Blick bei allen Unterschieden der beschriebenen Weltregionen auf die großen sozio-kulturellen Gemeinsamkeiten matriarchaler Gesellschaften.
Dr. Heide Göttner-Abendroth, Philosophin und Kulturforscherin, ist freie Wissenschaftlerin und Autorin. Sie gründete 1986 die unabhängige ›HAGIA. Akademie für Moderne Matriarchatsforschung‹ und leitet sie seither.
Inhalt
Danksagung
Einleitung zu diesem Buch
Kapitel 1: Matriarchale Kulturen in Südamerika
1.1 Die Arawak
1.2 Die Amazonen vom Amazonas
1.3 Der geschichtliche Faden zurück, oder: Der Seeweg nach Südamerika
1.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaft (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der sozialen Ebene:
Kapitel 2: Ausbreitung des Matriarchats nach Mittelamerika
2.1 Die Kuna, das »Goldene Volk«
2.2 Religion und Zeremonien der Kuna
2.3 Die »starken und schönen« Frauen von Juchitán
2.4 Der Lebenszyklus der Frauen von Juchitán
2.5 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 3: Nordamerika: matriarchale Einwanderer von Süden
3.1 Die Hopi, das »Friedliche Volk«
3.2 Lebensstadienfeste und Agrarzeremonien der Hopi
3.3 Gottheiten und Mythologie der Pueblo-Indianer
3.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 4: Nordamerika: am Kreuzpunkt südlicher und nördlicher Kulturen
4.1 Geschichte der Irokesen
4.2 Die Bildung der irokesischen Liga
4.3 Die Verfassung und politischen Strukturen
4.4 Gesellschaftsordnung und Ökonomie der Irokesen
4.5 Medizinbünde und Mythologie
4.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Auf der sozialen Ebene:
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Auf der föderalen politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 5: Das Matriarchat in Südindien
5.1 Matriarchat im Kastensystem
5.2 Frauen und Männer der Nayar
5.3 Nayar, Pulayan und Parayan
5.4 Sozialordnung der Nayar
5.5 Religion und Feste der Nayar
5.6 Patriarchale Brahmanen und matriarchale Nayar: eine problematische Verbindung
5.7 Der Untergang des Matriarchats bei den Nayar
5.8 Die Ausgestoßenen: »Adivasi« und »Zigeuner«
5.9 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Kapitel 6: Das Matriarchat in Zentralafrika
6.1 Die Bantu-Völker
6.2 Die unlenkbaren Bemba-Frauen
6.3 Die Religion der Bemba
6.4 Die duale Gesellschaft der Luapula
6.5 Patriarchale und matriarchale Viehzüchter-Völker
6.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 7: Matriarchale Königin-Königreiche in Westafrika
7.1 Die Geschichte der Akan
7.2 Die Königinmutter und die früheste Form der Akan-Reiche
7.3 Matriarchale Könige bei den Akan
7.4 Die Religion der Akan und die sakralen Rollen von Königinmutter und König
7.5 Die Entwicklung patriarchaler Tendenzen in den Akan-Reichen
7.6 Die Aschanti
7.7 Verbreitung matriarchaler Königin-Königreiche in Schwarzafrika
7.8 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Auf der politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 8: Matriarchale Viehzüchter-Kulturen in Nordafrika
8.1 Die Frauen der Tuareg: Herrinnen der Zelte
8.2 Soziale und ökonomische Macht bei den Tuareg
8.3 Die politische Organisation der Tuareg
8.4 Die Geschichte: Auszug in die Wüste
8.5 Die alte Religion der Berber
8.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Gesellschaftsform der matriarchalen Viehzüchter-Kulturen:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Allgemeines zum Matriarchat in Extremsituationen:
Verzeichnis der Abbildungen
Literatur
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Danksagung
Wie schon der erste Band aus dieser Reihe mit dem Titel: »Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Ostasien, Indonesien, Pazifischer Raum«, der vollständig überarbeitet neu erschienen ist, so beruht auch dieses Buch auf der älteren Version des Teilbandes II, 2 von »Das Matriarchat« (2000 im Kohlhammer Verlag). Es ist den matriarchalen Gesellschaften der Gegenwart in Amerika, Indien und Afrika gewidmet und stellt, wie schon der neue Band I, eine verbesserte und erweitere Neuerscheinung dar. Damit sind die noch lebenden matriarchalen Kulturen, soweit sie heute bekannt sind, weltweit erfasst und präsentiert.
Wie ich schon beim Erscheinen von Band I erklärte, haben sich seit dem Beginn meiner Veröffentlichungen zu diesem komplexen Thema meine Erkenntnisse weiterentwickelt. Sie sind in die vollständige englische Ausgabe mit dem Titel: »Matriarchal Societies« (New York, 2013) eingeflossen; diese erweiterte Version kursiert mittlerweile international. Umso mehr freut es mich, dass diese aktuelle Version nun in den beiden Bänden I und II auch in deutscher Sprache vorliegt. Dafür bin ich dem Kohlhammer Verlag, der meine wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Matriarchat von Anfang an großzügig gefördert hat, außerordentlich dankbar.
Diese neue Version wäre ohne die solidarische Unterstützung vieler Menschen, durch die mein Wissen wachsen konnte, kaum möglich gewesen. Noch einmal danke ich meiner damaligen Übersetzerin Karen Smith, die vom Deutschen ins Englische übersetzte und mich als Kennerin der Gesichtspunkte von indigenen Menschen als Erste beriet; es kam der englischen Version sehr zugute. Besonders wertvoll waren dann die Vorträge und Werke der indigenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus matriarchalen Kulturen selbst, die während der drei »Weltkongresse für Matriarchatsforschung« (2003, 2005, 2011) zu hören waren. Was sie mich durch ihre Vorträge, Bücher und auch durch persönliche Informationen wissen ließen, ist, wie schon in den ersten Band, auch in dieses Buch eingeflossen. Dafür danke ich ausdrücklich: Usria Dhavida (Minangkabau, Sumatra, Indonesien), Wilhelmina J. Donkoh (Asante, Ghana, Westafrika), Fatimata Oualet Halatine (Targia/Tuareg, Zentral-Sahara), Hengde Danschilacuo (Mosuo, Südwest-China), Lamu Gatusa (Mosuo, Südwest-China), Makilam (Kabylin, Algerien, Nordafrika), Barbara Alice Mann (Seneca-Irokesin, Ohio, USA), Marina Meneses (Juchiteca, Mexiko), Patricia Mukhim (Khasi, Meghalaya, Nordindien), Bernedette Muthien (Khoe San, Südafrika), Gad Asyako Osafo (Akan, Ghana, Westafrika), Valentina Pakyntein (Khasi-Pnar, Meghalaya, Nordindien), Taimalie Kiwi Tamasese (Samoa, Polynesien), Savithri Shanker de Tourreil (Nayar, Südindien).
Ebenso danke ich den nicht-indigenen Wissenschaftlerinnen, die matriarchale Völker besuchten und dort wertvolle Forschungen unternahmen. Auch ihnen begegnete ich während der Weltkongresse und wiederholt danach und verdanke ihrem Wissen viel: Veronika Bennholdt-Thomsen (Deutschland), Susan Gail Carter (USA), Hélène Claudot-Hawad (Frankreich), Shanshan Du (China), Carolyn Heath (Großbritannien), Antje Olowaili (Deutschland), Peggy Reeves Sanday (USA), Ruxian Yan (China).
Besonders danke ich Christina Schlatter für ihre jahrzehntelange, unermüdliche Unterstützung beim Recherchieren von oft schwer zugänglicher, wissenschaftlicher Literatur und beim Ergänzen von Daten zum Zitieren. Sie ist die Gründerin des »MatriArchivs« in der Kantonsbibliothek St. Gallen (Schweiz) und hat dort mein Gesamtwerk gesammelt.
Sehr herzlich danke ich den Spenderinnen und Spendern in den »Fonds für Matriarchatsforschung«, der vom Förderverein der Akademie HAGIA e.V. verwaltet wird. Alle ihre Beiträge stellen eine große Hilfe für mich als unabhängige, »freie« Wissenschaftlerin dar, damit die umfangreiche Forschung zum Thema Matriarchat von mir geleistet und publiziert werden konnte und weiterhin kann.
Einleitung zu diesem Buch
Das vorliegende Buch: Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Band II: Amerika, Indien, Afrika, setzt das matriarchale Paradigma und damit die Matriarchatstheorie fort. In der philosophischen und methodologischen Einleitung von Band I, die auch für diesen zweiten Band gilt, habe ich die Schritte des matriarchalen Paradigmas genannt, die mit diesen beiden Bänden verwirklicht werden. Denn die ethnologischen Analysen, in denen konkrete, heute noch lebendige matriarchale Gesellschaften vorgestellt werden, sind der systematische Ort, um aus ihrer Fülle die vollständige strukturelle Definition von »Matriarchat« zu entwickeln. Diese fehlt sonst überall in der traditionellen Matriarchatsforschung, was Tür und Tor für Vorurteile geöffnet hat, und genau darin unterscheidet sich die moderne Matriarchatsforschung von der älteren. Diese Definition ist das Ergebnis meiner Forschung zu den lebenden matriarchalen Gesellschaften und wurde ihr nicht vorausgesetzt. Denn die Definition wird induktiv und sukzessive aus meinen Analysen gewonnen, ein Vorgang, der für jede Leserin und jeden Leser nachvollziehbar ist. Das wurde bereits in Band I hinsichtlich der Völker in Ostasien, Indonesien und dem Pazifischen Raum begonnen und wird in diesem Band II für die Kontinente Amerika, Afrika und den indischen Subkontinent fortgesetzt. Durch die Zusammenfassungen eines jeden Kapitels werden nicht nur die Grundprinzipien matriarchaler Gesellschaften sichtbar gemacht, sondern auch der Reichtum an Lebensweisen, den sie umfassen.
Ebenso führe ich die Hypothesen über Wanderungen und Ausbreitung von matriarchalen Gesellschaften in diesen Weltgegenden fort, um weiträumige kulturelle Zusammenhänge sichtbar zu machen, die es einst gegeben hat. Das verhindert, dass die dargestellten einzelnen Gesellschaften als isolierte Inseln wahrgenommen werden, wie es in der heutigen Ethnologie meist üblich ist. Das macht es nötig, auch die kulturgeschichtliche Perspektive einfließen zu lassen, doch ich bin mir dessen bewusst, dass sie hier noch rudimentär bleibt. Es ist der Weiterentwicklung meines Werkes vorbehalten, sie auszuführen und aus den entsprechenden wissenschaftlichen Fachgebieten gründlich zu belegen.
Außerdem möchte ich noch einmal daran erinnern, wenn ich von »Gegenwart« spreche, dass darunter nicht nur das unmittelbare Hier und Heute verstanden wird, sondern der Zeitraum der ethnologischen Berichterstattung über solche Gesellschaften, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Obwohl alle diese Berichte von patriarchal geprägten Wissenschaftlern westlicher oder östlicher Herkunft ideologische Verzerrungen aufweisen, sind sie doch Augenzeugenberichte. Das meine ich mit »gegenwärtig«, denn mit Augenzeugenberichten begann die Phase der empirischen Ethnologie.
Der thematische Schwerpunkt in Band I lag auf der Analyse der inneren Strukturen matriarchaler Gesellschaften, den Mikrostrukturen, das heißt, den Regeln und Bräuchen, welche die Sozialordnung und die Gemeinschaften konstituieren, ebenso ihre Ökonomie, Politik und Religion. Die Ergebnisse fasse ich hier nochmals stichwortartig zusammen.
Die ökonomischen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Subsistenzwirtschaft, die meistens, aber nicht immer auf Garten- und Ackerbau beruht; Land und Häuser sind Eigentum des Clans, Privatbesitz ist unbekannt; die Frauen sind die Hüterinnen der wesentlichen Lebensgüter: Felder, Häuser, Nahrungsmittel, und verteilen sie gerecht (Verteilungsmacht statt Besitz). Durch lebhaften Kreislauf der Güter bei Festen in der Gemeinschaft wird ein ständiger Ausgleich bezüglich des Reichtums hergestellt. Ich nenne sie deshalb auf der ökonomischen Ebene Ausgleichsgesellschaften.
Die sozialen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Bildung von Clans, die durch Matrilinearität (Mutterlinie) und Matrilokalität (Wohnsitz bei der Mutter) zusammengehalten werden; Wechselheirat zwischen je zwei Sippen mit »Besuchsehe« aufseiten der Gatten oder anderen offenen Eheformen; sexuelle Freiheit für beide Geschlechter; »soziale Vaterschaft« des Mannes, die sich auf seine Schwesterkinder bezieht, denn biologische Vaterschaft ist unbekannt oder unbedeutend; das Heiratssystem dient der verwandtschaftlichen Vernetzung der ganzen Gesellschaft. Ich nenne sie deshalb auf der sozialen Ebene nicht-hierarchische, horizontale Verwandtschaftsgesellschaften.
Sehr wichtig ist dabei, die große Bedeutung der Matrilinearität als Grundregel zur Bildung dieser Verwandtschaftsgesellschaften zu erkennen. Sie ist deshalb weitaus mehr als die meist zitierte »Benennung von Verwandtschaft und Vererbung in der Mutterlinie«, denn sie ist das gesellschaftsformende Prinzip. Wenn die Verteilungsmacht der Frauen über die Lebensgüter hinzukommt, also ihre starke Stellung in der Ökonomie, handelt es sich nicht mehr um »nur matrilineare« Gesellschaften, sondern um matriarchale. Diese Unterscheidung zwischen matrilinearen und matriarchalen Gesellschaften wird in der Ethnologie nicht gemacht, was der Anlass für viel Verwirrung ist.
Die politischen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip auf allen Ebenen: im Rat des Clanhauses, im Rat des Dorfes oder der Stadt (lokal), im Rat des ganzen Volkes (regional); Männer als Delegierte der Clans für die umfassenderen Ratsversammlungen; sie sind jedoch nur Kommunikations- und keine Entscheidungsträger; Abwesenheit von Herrschaftsmustern und Klassen. Ich nenne sie deshalb auf der politischen Ebene egalitäre Konsens-Gesellschaften.
Die religiös-kulturellen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Verehrung der Ahninnen und Ahnen als dem anderen Teil des Clans; sehr konkreter Wiedergeburtsglauben, nach dem jeder Mensch im selben Clan wiedergeboren wird; Heiligung der Erde und des Kosmos als Schöpfergöttinnen; Göttlichkeit der ganzen Welt; es gibt kein dualistisches Weltbild und keine dualistische Moral; alles im Leben ist Teil des symbolischen und rituellen Systems. Ich nenne sie deshalb sakrale Gesellschaften als Kulturen der Göttin.
In vorliegenden Band II richtet sich der Fokus nun auf die Makrostrukturen matriarchaler Gesellschaften, das heißt, auf Institutionen, die über die Sippenordnung hinausgehen und auf das gesellschaftliche Gefüge insgesamt verweisen. Es werden auch Gefüge von mehreren matriarchalen Völkern untereinander dargestellt. Diese Großformen politischer Organisation können sehr verschiedene Strukturen haben. Man kann dabei erkennen, dass matriarchale Gesellschaften mit ihrer ganz eigenen Politik »Staaten« bilden – wenn man das überhaupt so nennen kann. Ich gebrauche diesen Begriff nicht, denn unter »Staat« wird von Beginn der Geschichtsschreibung an bis heute eine Struktur von hierarchisch organisierter Herrschaft verstanden, das heißt, eine patriarchale Gesellschaftsform. In diesem Sinne haben matriarchale Gesellschaften keine »Staaten«, obwohl sie Großformen bilden können. Diese Großformen sind staats- und herrschaftsfrei.
Das heißt, matriarchale Gesellschaften sind keineswegs zu klein oder zu »primitiv«, um große Gebilde aus mehreren Völkern politisch hervorzubringen. Das können sie durchaus und haben es in ihrer Geschichte oft getan. Das Erstaunliche an diesen Großformen ist, dass sie nicht wie bei patriarchalen Gesellschaften durch hierarchischen Druck von oben zusammengehalten werden, sondern dass auch diese komplexen Strukturen auf dem Boden von Egalität und Konsens aller Mitglieder gebildet werden. Das setzt eine hohe Kunst politischer Integration voraus, die wir bei ihnen beobachten können. Gleichzeitig geschieht es durch eine grundsätzlich friedfertige Politik, mit der sie solche Großformen stiften, nicht durch flächendeckende Eroberung, wie bei der Entstehung von patriarchalen Staaten und Reichen üblich.
Die Kontinente Westasien und Europa kommen in diesen beiden Bänden nicht vor, weil sie keine gegenwärtigen, indigenen matriarchalen Gesellschaften mehr besitzen. Das heißt aber nicht, dass ihre Gesellschaften keine restlichen matriarchalen Elemente mehr haben können. Doch ich konzentrierte mich bei meiner Forschung auf jene Gesellschaften, die noch vollständige oder nahezu vollständige matriarchale Muster aufweisen. Würde ich in allen Kontinenten jene Gesellschaften hinzunehmen, die heute noch mehr oder weniger restliche matriarchale Elemente haben, so ginge ihre Zahl in die Hunderte, eine Aufgabe, die hier nicht das Thema ist. Vollständige matriarchale Gesellschaften hat es jedoch für einen langen Zeitraum in der Geschichte Westasien und Europas gegeben. Das habe ich in Band III dieser Reihe dargestellt: »Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats. Westasien und Europa« (2019).
Zum Schluss möchte ich meinen Wunsch aussprechen, dass die hier begonnene Forschung viele aufgeschlossene Menschen in patriarchalen Gesellschaften erreichen möge. Denn sie kann Frauen in ihrem feministischen Kampf unterstützen, indem sie eine andere, bessere Gesellschaftsform kennen lernen, die zutiefst mit ihnen zu tun hat. In derselben Weise kann sie Männer in alternativen Bewegungen unterstützen, weil sie einen anderen männlichen Typ präsentiert und zeigt, dass Gewalt und Krieg der Menschheit nicht angeboren sind. Es gibt eine Alternative zu patriarchalen Rollenbildern und zur patriarchalen Gesellschaftsform. Diese ist keine abstrakte Utopie, weil sie Jahrtausende lang friedfertig existierte. Sie ist ein Erbe der ganzen Menschheit.
Ebenso ist es mein Wunsch, dass diese Forschung zu den Menschen in indigenen matriarchalen Gesellschaften zurückkehrt, damit ihnen zunehmend bewusst wird, dass sie dieses wertvolle Erbe noch besitzen und dass es eine weltweite Geschichte hat. Damit verknüpft sich meine Hoffnung, dass diese Erkenntnisse sie in ihrem politischen Kampf um ihre kulturelle Identität und Selbstbestimmung stärken mögen.
Auf dem Weghof, März 2021