Buch lesen: "Trost der Physik"

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© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2013, München / Grünwald

www.der-wissens-verlag.de

ISBN 978-3-8312-5738-6

Design Cover: Heike Collip, Pfronten

Motiv Titel: Brian Bagnall, München

Satz: Tim Schulz, Mainz

Druck und Bindung:

fgb freiburger graphische betriebe, Freiburg

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Harald Lesch / Maximilian Imgrund

Trost der Physik

Gedanken eines Abgestürzten

„Und die Widmung?“

„Für unsere Frauen.“

„Klar, für wen denn auch sonst.“

Inhaltsverzeichnis

Prolog (im Himmel)

Kapitel 1 – Meer

Kapitel 2 – Inventur

Kapitel 3 – Kopfkino

Kapitel 4 – Bitte in bar

Kapitel 5 – Mit offenen Augen

Kapitel 6 – Der Anfang von Allem

Epilog

Prolog (im Himmel)

Werter Leser,

mit einem angenehmen Signalton beginnen die Anschnallzeichen zu leuchten. Während unser Protagonist noch tief im Schlaf durch die Wolken über einem der sieben Weltmeere gleitet, möchten wir Ihnen einige Sicherheitshinweise mit auf den Weg geben.

Bitte stellen Sie jetzt ihre Sitzlehnen senkrecht und überprüfen Sie Ihre Sicherheitsgurte. Klappen Sie den Tisch vor Ihnen bitte in die Senkrechte und achten Sie darauf, dass Ihr Handgepäck sicher unter dem Sitz vor Ihnen verstaut ist. Bitte entspannen Sie sich. Hören Sie in sich hinein und achten Sie auch auf das leise Rauschen der Turbinen. Entdecken Sie vielleicht etwas Überraschendes, etwas Ungewöhnliches? Möglicherweise ein Klopfen? Eventuell ein Surren? Oder bereiten Ihnen niederfrequente Vibrationen ein Unbehagen, weil sie stärker werden?

Entspannen Sie sich. Das leise Zischen der Klimaanlage im Ohr und den seltsam technischen Geruch in der Nase, wollen wir Ihren Geist bewusstseinserweitern. Denn was Sie im Folgenden erwartet, sind B-Seiten.

Das ist die Rille auf Vinyl, die sonst unten liegt.

Die meisten B-Seiten der Musikgeschichte scheinen darauf abzuzielen, nur im Rausch genießbar zu sein. Dieses Buch aber versucht, Sie auszunüchtern.

Mit Bedacht gelesen sollte der erzielte Effekt hingegen derselbe sein.

Und jetzt? Da geht doch tatsächlich ein leichtes Rucken durchs Flugzeug, mögliche Vorboten weiterer Turbulenzen.

Entspannen Sie sich. In ihrer Natur rau und experimentell sollen die folgenden Seiten Sie sowohl beflügeln, als auch auf den Boden der Tatsachen bringen.

Und wenn jetzt ihr Magen hüpft, bleiben Sie gelassen. Da! Eine seltsame Drehbewegung zieht am Flugzeug. Zugleich fällt die Beleuchtung aus und dank der Notbeleuchtung erreichen wir den Rotlichtbezirk. Ein Knall und seltsam früh geht es – laut dröhnend – abwärts.

Schreie, ein Aufprall. Und dann ein gleichmäßiges, leises Rauschen. Und endlich Stille, völlige Stille.

„Beim Wort Ingwer“ hat Walter Benjamin einmal in tiefem Rausche berichtet, „ist anstelle des Schreibtisches plötzlich eine Fruchtbude da“.

Die Nadel hebt sich lautlos vom Vinyl der A-Seite. Es ist Zeit, das Blatt zu wenden, denn unser Protagonist erwacht.

Fruchtbude oder Schreibtisch?

Was sehen Sie?

Kapitel 1 – Meer

Ich werde nie ein Buch geschrieben haben – Warum auch?

Denn in meinem kurzen Leben habe ich nie verstanden, was Konsequenzen sind. Zumindest konnte ich keine entdecken.

Während andere mich über den Grund und Sinn ihrer Handlungen aufklären konnten, finde ich im mentalen Bild meines Wirkens nur eine serielle Abfolge von Ereignissen, die – letztendlich bald – zu meinem Tod als letzte Sequenz meines individuellen Seiens führen werden.

Ich vermute stark, dass die anderen, weniger aus meinem persönlichen Tod als aus der Art, wie ich sterbe, Konsequenzen ziehen werden. So ist mein alsbaldiger Tod für die Nachwelt sicher eine Tragödie.

Für mich aber ist er ein Fiasko.

Denn ich bin zu früh aufgewacht. So früh, dass ich das Grau am nun gespenstisch wolkenfreien Himmel sehen konnte. Dass ich mir meiner Situation bewusst werden konnte, bevor die Sonne aufging.

Ich liege da und schaue auf das Meer. Unter einer phänomenal rot-blau gefärbten Atmosphäre erkenne ich, wie die ersten glitzernden Bogensekunden der Sonne am Horizont auftauchen.

Der Flugzeugflügel, der meinen erstaunlich unversehrten Körper beherbergt, wiegt sich mit der Wellenbewegung in der Dämmerung. Alle Wogen sind wiederum mit kleineren Wogen besetzt, diese mit Kräuselungen und wieder mit kleineren Wellen. Kaum Gischt, nur Trümmer, die mit Wellen ihrer Größe mitschaukeln. Dahinter zu jeder Richtung Meer. Nichts als Meer. Mehr als Nichts. Darüber dreht sich die Sonne langsam in mein Blickfeld. Irgendwie werde ich wehmütig. Ich hasse es, wehmütig zu werden. Ich werde dann schnell selbstmitleidig. Und Selbstmitleid ist hier nicht angebracht.

Die Sonne erscheint meinem Auge tief rot und flirrend.

Wäre ich doch nur einige Sekunden später nach dem Absturz zu Bewusstsein gekommen. Das Wasser ein paar Grad kälter und ich hätte jetzt keine Probleme mehr. Wäre doch der Flügel untergegangen, auf den ich mich im Mondschein retten konnte und scheinbar retten wollte.

Um es gleich zu sagen, gleich am Anfang, so dass man sich darauf einstellen kann, wobei man bedenken muss, dass ich es eigentlich schon gesagt habe: Ich hätte meinem Leben lieber selbst ein Ende gesetzt. Erfüllte Selbstbestimmung, freier Wille bestimmt seinen Tod auch selbst

Sicherlich kann nicht jeder meinen Gedanken folgen, schließlich sollte ich doch froh sein, einen Flugzeugabsturz in den Atlantik überlebt zu haben, die Chance auf Rettung und so weiter. Aber ich stelle auch gar nicht den Anspruch, mir zu folgen – wie denn auch?

Es begibt sich für mich persönlich, aus meiner Sichtweise nur so, dass es mir nur gut und Recht wäre mich der Selbsttötung schuldig zu machen. Immerhin hätte ich zumindest – und auf diesen Schlussstrich wollte ich in meinem Leben einmal stoßen – mein Ableben bestimmt. Dieser Abgang – wenn ich es so nennen mag, ich bin ja kein Schauspieler – hätte als konsequent dargestellt und von der Nachwelt auch so wahrgenommen der Menschheit doch nicht die Hoffnung auf den freien Willen genommen. Hier liegt ein Mensch, der sich in völliger Kenntnis der Lage selbst aus der Existenzform des Seins hinausbefördert. Ein schönes, fast pathetisches Bild.

Aber so trifft es wahrlich zu, dass meine Lage weniger einem göttlichen Wunder als einer hoffentlich gottlosen Farce zugeschrieben werden muss. Denn wer will einen Gott, der die in das Jenseits reißt, die gerettet werden wollen. Stattdessen werden ich und mein Tod eines jeden, aber wirklich jeden Ausdrucks beraubt. Das Schicksal persönlich nimmt mir die Worte aus dem Mund. Man bedenke, dass höchstens ein paar Individuen nicht mehr fliegen wollen werden, weil man dabei zu Tode kommen kann. Das ist nichts Neues.

Mein Selbstmord wäre ebenso nichts Neues gewesen, das haben schon viele gemacht. Und schließlich lernen die Menschen nun mal nur durch Wiederholung. Sicher – einmal ist keinmal. Dennoch kann ich meinen Ärger schlecht herunterschlucken. Vermutlich, selbst wenn ich es schaffe, mich in dieser lebensgefährlichen Situation selbst zu töten, und es die Nachwelt in Erfahrung bringt, selbst dann werden sie sagen, dass es diese ausweglose Situation war, die mich zu dem nachvollziehbaren Schritt trieb, denn mein sorgloses Leben kann es ja schlecht gewesen sein.

Die Sonne steigt immer höher, die Erde dreht sich, die Zeit vergeht. Mir vergeht es auch.

Ich sitze immer noch hier, fische kleine Tetrapacks mit teurem französischem Tafelwasser aus dem Atlantik, die wegen der ausladenden und verschwenderischen Kartonage nicht untergehen, weil Süßwasser weniger dicht ist als Salzwasser und weil Luft in der Packung nichts kostet.

Ich sitze hier mit allen Gedanken, die sich auf dem Weg hierhin zwischen meinen beiden Ohren gesammelt haben. Mein Kopf fühlt sich an wie eine nicht ganz leere Milchpackung, die man unachtsam an einem warmen Tag in der Sonne hat stehen lassen. Möglicherweise übrigens mit ganz ähnlich chemischen Reaktionen wie in der Milchtüte. Fett ist Fett. Mein Kopf ist zwar nicht übermäßig groß, aber mein Hirn ist im wesentlichen Fett!

Ich beneide den Herrn mit schütterem Haar, dessen mit Pseudosamt gepolsterter Sitz in der Morgensonne sich langsam immer tiefer in das Wasser bettet. Das kleine Tischchen für den Hintermann patscht in regelmäßigen Abständen auf den Wasserspiegel. Die Mulde für das Getränk aus den viel zu kleinen Bechern füllt sich, entleert sich wieder. Ich muss an Lagerfeuer denken, an das Züngeln der Flammen um einige Scheit Holz und in Alufolie eingewickelte Kartoffeln. Vermutlich der Schock. Es ist einfach irrelevant.

Ich brauche mehr Zeit. Die Sonne brennt mir schon jetzt im Gesicht und meine Haut ist im Begriff, sich aufzulösen. Mein Rücken schmerzt.

Fürs erste habe ich mich entschlossen, Trinkwasser auf dem Flügel zu sammeln, mir Zeit zu borgen. Verdursten ist schließlich kein schöner Tod. Da stehen sie, die kleinen bläulich schimmernden Tetrapack-Soldaten, sie reihen sich am anderen Ende der Tragfläche zum Angriff auf mein Selbstwertgefühl. Ich versuche es mit psychologischer Kriegsführung: Wenn ich viel Wasser gesammelt habe, irgendwann, dann erkennt die Nachwelt, dass ich mir wohl nicht nur absichtlich, sondern auch freiwillig, verfrüht mit den stumpfen Plastikmessern die Adern geöffnet habe. Die Nachwelt wird sich denken, wieso hat er denn das gute französische Tafelwasser nicht getrunken? So mancher Verdurstende hätte seine rechte Hand für einen guten Tropfen gegeben. Aber nein! Dieser Mann hat sich in Gegenwart mehrerer Portionen Hoffnung selbst getötet. Komisch, wird man denken, wir dachten immer die Hoffnung stirbt zuletzt. Er hätte wirklich noch abwarten können. So wird sie denken die Nachwelt, natürlich kopfschüttelnd, das heißt verneinend. Aber ich pfeife auf die Nachwelt, also ich würde gerne pfeifen, aber ich kann nicht mal mehr aus dem letzten Loch pfeifen, mir tut alles weh. Ich muss aus der Sonne. Ich brauche mehr Wasser, um meine Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

Noch darf kein Blut fließen. Leg dich hin. Deck dich zu mit zwei noch versiegelten Schlummerdecken aus brandfestem Material, dein Leichentuch, um nicht im Licht zu vergehen. Kraft sparen, Hitze ignorieren, Decke immer wieder lüften.

Lachs im Schlafrock, auf Salzkruste.

Jetzt bloß nicht einschlafen.

Ach dieses Auf und Ab beruhigt mich ungemein. Wie ein Baby in den Armen seiner Mutter gleite ich dahin auf meinem zerrupften Metall-Kondor. Ich drifte irgendwohin und nirgendwohin. Alles scheint sich von mir wegzubewegen. Teile meines Körpers, der Schweiß und die Tränen. Schlafe ich? Wie lange wird es dauern, bis nur noch meine Tragfläche in Sichtweite ist? Wie lange noch, bis meine ganze Welt sich in dieser Bühne erschöpft und alles andere dort draußen abgedriftet oder untergegangen ist? Ich fühle keine Schwerkraft mehr, obwohl ich weiß, dass ich wegen ihr zum Liegen komme. Ich habe sie mir einfach weggedacht, unbewusst, als würde ich tauchen. Mein Flügel ist meine Erde, unsere Heimat, überschaubares Objekt im weiten, leeren Kosmos. Meine Welt expandiert in die Einsamkeit, und ich liege hier und führe Sitzkrieg gegen stilles Süßwasser.

Die Gravitation hält mich unten, die elektromagnetische Kraft verhindert, dass ich gleich durch den Flügel hindurch in die Tiefsee falle, und die starke Kernkraft macht es meinen Atomkernen leider unmöglich, sich sofort in ihre Bestandteile aufzulösen.

Ich stelle fest, wie stabil meine labile Lage hier zu sein scheint und ärgere mich ein weiteres Mal. Nicht aufgrund meiner Lage, sondern weil ich vergessen habe, was die schwache Kernkraft mit meiner Situation zu tun hat. Fällt es mir wieder ein?

Ich könnte in diesem Dämmerzustand vermutlich einige Tage, Wochen, Monate driften – wenn kein Sturm aufzieht.

Der Tod erscheint mir als einziges Nichts. Ich habe es nie geschafft zu glauben, deswegen bleibt er mir ein Nichts, ein unendliches Nichts ohne Zeit und Raum. In Anbetracht dessen bin ich ja noch so was von am Leben. Ich kann nicht aufhören, das Etwas um mich herum in meinen Kopf zu saugen, zu riechen, zu schmecken, zu sehen, die Sinneseindrücke in Objekte zu zerlegen und in Beziehung zu setzen. In meiner Lage neige ich zu nicht enden wollenden Gedankenfluchten. Vorgriffe in die Zukunft und wie sie wohl aussehen mag in meiner bescheidenen Welt.

Obwohl es einfach so zu sein scheint, wie es ist, kommt es mir so schicksalsgeladen vor. Als würde ein Damoklesschwert über mir hängen, an einem Rosshaar, umgeben von bunt blinkenden, dicken Pfeilen mit Klimakillerglühbirnen. Ein verheißungsvolles Angebot, offeriert in einem handgeschöpften Umschlag, darin Seidenpapier, worauf zu lesen ist: „Um Ihrem sicheren Tode zu entrinnen, bedienen Sie sich einfach Ihres Verstandes.“

Da kehrt Stille ein. Ich stelle fest: Noch bin ich nicht verrückt. Nur gibt es wenig Handlungsalternativen für einen halbwegs intelligenten Menschen in meiner Situation. Denkbar ist hingegen vieles.

Seitdem der Mensch nicht mehr mit dem Überleben beschäftigt ist, denkt er über die Welt nach. Einem etwas komplexeren Gedanken über die Natur, der nicht gleich mit Überleben oder einer Handlungsinitiative verbunden ist, haftet etwas Erhabenes an. Er erhebt sich über den wilden dissonanten Chor der täglichen kognitiven Evolution und bekommt diesen gewissen güldenen Schein. Die Möglichkeit eines solchen Gedankens und die Unmöglichkeit der sofortigen Überprüfung steigern gerade die Attraktivität ihn hervorzubringen.

Es ist uns in die Hirnchemie eingebrannt. Schon die Möglichkeit einer Lösung setzt bei uns Endorphine frei, sei das Problem real oder nicht. Wir hängen wie Junkies an der Spritze der Erkenntnis, auch wenn der Stoff gestreckt ist, bis er schäumt. Wir sind auf unserem intellektuellen Highway to Hell Richtung Stairway to Heaven unterwegs.

Wenn ich nur Meer sehe, so sehe ich viel mehr: Atome, Moleküle, Flussgleichungen, Salzwasser, Osmose – darum darf ich’s nicht trinken, wie’s dahin gekommen ist, wo’s herkommt – und den Anfang unserer Art: Plankton, Photosynthese, Fusion, Supernovae, primordiale Nukleosynthese, Gravitationsinstabilitäten, kosmologische Phasenübergänge, Vakuumfluktuationen. Da sind sie wieder, die vier Grundkräfte: Starke und schwache Wechselwirkung, Elektromagnetismus und das große Ganze, die Gravitation.

Tausende Jahre Kultur- und Wissensgeschichte spitzen sich zu, ich sehe alles vor mir. Ich kann es mir erklären, wie ich hier herkam. Anreißen, was alles notwendig war, um hier zu sein. Ich kann in meiner Erklärung meines Seins und dieser Umgebung, hier und jetzt, wortwörtlich ersaufen. Ich stehe auf den Schultern von Riesen. Wie bin ich hier gelandet? Jetzt mache ich erst mal Ordnung. Das hat mir immer geholfen: Ordnung schaffen mit Geisteswaffen. Auswählen, sortieren, entscheiden. Das macht frei.

Kapitel 2 – Inventur

Also los, machen wir Inventur. Ich hätte jetzt gerne den grauen Kittel des Lageristen in diesem Betrieb, wo ich als Student mal Praktikum gemacht habe. Dieser weise Alte, mit seinem ewigen Zigarrenstumpen; immer kalt und stinkend. Ich höre noch seinen Satz: „Na, junger Mann, zum ersten mal auf Arbeit? Dann sind sie hier genau richtig. Hier ist nämlich unser Lager und was wir zwei jetzt hier machen heißt Inventur. Fangen Sie mal mit den Schrauben an!“ Ich gucke mich jetzt hier auch mal um. Was ist denn alles da? Hier direkt um mich herum Wasser und Luft, direkt unter mir etwas Festes, und hierher gebracht hat mich das Feuer in der Maschine. Mit diesen vier Elementen hat ja die ganze Geschichte des abenländischen Denkens begonnen. Wie hießen die denn? Thales, klar. Das war ja der mit dem Wasser, aber die anderen? Das macht mich ganz rappelig.

Nein, ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, jetzt wird erst mal gezählt. Bitte jetzt keine philosophischen Ausflüge nach Kleinasien oder in die Inselwelt der Ägäis. Oder vielleicht doch? Kein Wunder, wie wundervoll die über ihre vier Elemente nachdenken konnten: da unten herrscht ja schönstes Wetter, prima Essen, und selbst wenn du schiffbrichst, siehst du doch irgendwann eine Küste, und wenn du Glück hast, begrüßt dich eine nette junge Griechin.

Homer, lass mich doch mal in Ruhe zählen, und quäle mich nicht mit diesem gerissenen Odysseus, auf den offenbar jede Frau des Mittelmeeres stand.

Thales, Anaximenes, Heraklit, Empedokles, jetzt habe ich Euch, meine lieben Freunde bitte verschwindet, ich muss zu den Atomen. Auch so eine griechische Erfindung, aber geglaubt hat sie keiner so richtig. Dabei drückte sich Demokrit sehr verständlich aus: Es gibt nur die Atome und das Nichts, der glasklarste Materialist ohne Wenn und Aber. Vielleicht haben deshalb seine Atome über 2000 Jahre gebraucht, bis sie wirklich gebraucht wurden, die kleinen Racker.

Dabei ist es vermutlich die größte und wichtigste Idee der Menschheit überhaupt: Die Welt besteht aus Atomen. Weil wir das wissen, können wir die Welt manipulieren, können aus ihr das machen, was wir wollen. Jede moderne Maschine, auch die, die da mit mir abgestürzt ist, die gibt es nur, die funktioniert nur – naja nicht immer – weil wir wissen, dass das Material aus Atomen besteht. Material und Mater, ob das zusammenhängt? Die Mutter aller Dinge.

Es gibt 92 stabile Atomarten, schön im Periodensystem der Elemente zusammengestellt, jaja so einen Bart hatte der Mendelejew, der hat sich das nämlich so ausgedacht. Nee, nicht ausgedacht, sondern überlegt, also nicht das mit den Atomen, sondern mit dem Periodensystem.

Ruhe jetzt, wenn ich schon beim System in Gedankenpanik gerate, wie will ich denn da Inventur machen. Wo war ich? Ach ja, bei den Atomen. Die bestehen aus Atomkernen, also genauer aus sehr kleinen Atomkernen. Apropos Kern, wenn ein Atom so groß wäre wie ein Kathedrale, dann wäre der zugehörige Atomkern so groß wie ein Kirschkern.

Umrundet oder besser umschwirrt werden die Atomkerne von Elektronen.

Atomkerne bestehen aus positiv geladenen Protonen und aus elektrisch neutralen Neutronen. Beide sind knapp 2000 Mal schwerer als die Elektronen und die Neutronen sind etwas schwerer als die Protonen und alle Kernbausteine. Die nennt man Nukleonen, ein griechisches Wort. Sie bestehen aus up und down Quarks, das kommt aus dem Englischen. Großartig, jetzt habe ich mich richtig eingegroovt.

Die Struktur der Materie, das ist das Hoheitsgebiet der Physik. Hier wird seit über hundert Jahren erfolgreich geforscht. Man weiß sehr genau, aus was die Welt besteht, und vor allem weiß man, warum sie aus so vielen verschiedenen Materialien besteht. Weil sich die Atome miteinander zu Molekülen verbinden. Die ganze Welt um mich herum, alles Moleküle.

Wasser, auch dieses wunderbare französische hier, ist eine Verbindung von zwei Wasserstoffatomen mit einem Sauerstoffatom. Warum ist die Verbindung zweier Gase flüssig? Ich könnte mir das jetzt beantworten, aber ich tue es nicht. Ich mache Inventur.

Die Luft, die ich einatme, Moleküle. Ich bestehe auch nur aus Molekülen – und was für welchen! Und das Allergrößte ist: Die sind gar nicht von der Erde, diese ganzen Stoffe kommen von den Sternen, wir Menschen bestehen zu 92 Prozent aus Sternenstaub. Vom Staube kommst du, und zu Staube sollst du wieder werden.

Ich werde hier aber nicht zu Staub, hier ist es viel zu nass, ich werde wahrscheinlich zu Fischfutter. Auf der molekularen Ebene ist das aber egal. Für zwei Kohlenstoffatome aus meiner linken Wange ist es völlig unerheblich, ob sie einem Haifisch helfen, sein Lächeln hinzukriegen oder mir mein Verzweifeln. Da unten, in der Welt der kleinsten Teilchen ist alles egal. Die kennen nix, die kennen keine Verwandten, die haben nämlich keine. Die wissen auch nix, die kleinen molekularen Geräte, die funktionieren einfach nur.

Warum ist unser Flieger denn eigentlich abgestürzt? Das lässt sich ganz einfach erklären und immer sind diese Drecksmoleküle daran beteiligt. Es ist so passiert: Durch den gewaltigen Eintrag von Kohlendioxid (Molekül) kommt es zur Erwärmung der Luft (Sauerstoff, Stickstoff – und andere Moleküle), die Luft überträgt ihre Wärme auf das Wasser (Molekül), das Wasser verdampft ab einer bestimmten Temperatur. Es verdampft natürlich nichts ahnend, was es demnächst anrichten wird. Es wird nämlich mit der warmen Luft nach oben in die kühlere Atmosphäre geschleudert und kondensiert dann dort oben wieder aus. Dabei wird Energie frei und die Wassermoleküle rasen weiter nach oben. Es bilden sich Gewitterwolken und weil die Temperaturunterschiede sich noch verstärken, werden die Luftmoleküle noch hemmungsloser und es gibt Sturm.

Und genau in diesen molekularen Wirrwarr sind wir mit unserer schönen stromlinienförmigen Passagiermaschine hineingeraten.

Das Flugzeug ist aber leider nicht so flexibel wie die Gasmoleküle. Es besteht nämlich aus Metall, und die Molekülverbindungen von Eisen, Kupfer, Aluminium und anderen Metallen sind eben leider eher spröde, dafür aber auch stabil genug, um einen oder 240 Sessel in der Luft zu halten. Der spröde, eigentlich stabile Zylinder aus Metall kommt in den Wirbel aus Gasmolekülen, gerät ins schlingern und stürzt ab.

Aber wie gesagt, für die Moleküle ist es völlig egal, die gehen nicht so einfach kaputt. Also die kleineren Moleküle, die größeren Moleküle sind nicht ganz so unempfindlich.

Ich bin so ein großes Sammelsurium von vielen, sehr empfindlichen Molekülen und deshalb bin auch so leicht zu zerstören. Überhaupt bin ich am Boden zerstört. Naja, Boden ist vielleicht doch das falsche Wort. Besser wäre „ins Wasser gefallen“, mein Leben ist ins Wasser gefallen. Und warum? Weil man mich immer wieder ins kalte Wasser gestoßen hat. Diese verdammte Optimierung! Junge, du musst viel besser werden, gut ist nicht gut genug, guck doch mal die anderen! Diese ewige Befehlsform, der Imperativ der Moderne lautet: Niemand kann so bleiben wie er ist, er muss sich verbessern und zwar endlos. Genauso endlos wie dieser Ozean. Hinterm Horizont geht es eben immer noch weiter. Das macht einen doch völlig fertig, wenn man nie mal fertig wird mit irgendwas. Man wird geschubst, gestoßen und gepushed. Dabei reicht es mir schon lange. Und genau deshalb reicht’s mir auch jetzt. Den Tod, den kann man nicht besser machen, da ist Feierabend. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend, obwohl, jetzt wird es wieder langsam dunkel, das Licht der Sonne bricht sich so schön ins Rote. Die Moleküle der Luft streuen das Licht, die Atmosphäre ist ein Lichtstreuer. Herrlich, also wunderbar, das gehört nämlich auch zur Welt: Die Strahlung, die elektromagnetische Strahlung. Ich lache mich kaputt, was hatte man sich da alles gedacht! Strahlung sei die Schwingung des Äthers. Jajaja, der Äther betäubt, der macht schläfrig. Man dachte doch tatsächlich, das Universum sei durchsetzt von einem Stoff namens „Äther“, und dessen Schwingungen würden sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. Man muss sich das mal überlegen, Schwingungen eines Materials, die sich mit 300.000 Kilometer pro Sekunde ausbreiten. Was soll der Äther sein?

Schwingungen vom Schall sind in Wasser schneller als in der Luft und noch schneller in Metallen. Wie starr hätte dann so ein Äther-Etwas sein müssen, um so schnell schwingen zu können? Und gleichzeitig drehen sich die Planeten um die Sonne und um ihre eigene Achse und merken nichts von diesem Äther? Alles Quatsch!

Aber dann kam Albert und hat die Sache auf den Punkt gebracht. Es gibt etwas Absolutes! Von wegen Relativitätstheorie, völliger Blödsinn. Die Theorie von der absoluten Lichtgeschwindigkeit müsste diese Theorie heißen. Sie ist nämlich für alle immer gleich. Sie ist keine Größe in Verhältnissen, sie hat kein Verhältnis. Warum soll eine Lichtgeschwindigkeit denn auch ein Verhältnis haben? Jeder, bis auf Albert, dachte ja, die muss eins haben. Sie muss doch ins Verhältnis zu anderen Geschwindigkeiten gesetzt werden. Alles falsch. Die Lichtgeschwindigkeit ist die Königin, die absolute Nummer Eins, die unantastbare Eigenschaft des Vakuums.

Aus dieser Theorie leitete Albert die Formel aller Formeln ab, die Mutter aller Formeln sozusagen: E = mc2. Sie wird zur größten Bedrohung führen, die der Homo Sapiens jemals entwickelt hat. Sie wird ihn nämlich zum ersten Mal in seiner ganzen 500.000 Jahre langen Geschichte in die Lage versetzen, sich selbst zu vernichten.

E = mc2, das ist die Zauberformel für Atombomben. Die Zauberlehrlinge werden sie immer und immer wieder für eine Unmenge an Zerstörungskraft benutzen. Mehrfach können die Menschen sich selbst vernichten, als ob nach einer vollständigen Vernichtung allen menschlichen Lebens noch was Nennenswertes übrigbleiben würde! Alles Schwachsinn, vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Idee des Äthers weiter zu verfolgen: Sie war zwar falsch, aber weitaus harmloser.

Ach ja, so vieles wäre uns erspart geblieben, wenn wir nicht so verflucht neugierig und kritisch wären.

Jetzt rausche ich doch tatsächlich in die Depression ab. Das Grauen des grauen Tals der Hoffnungslosigkeit: Die, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren! Das steht doch über dem Eingang der Hölle, wenn dieser Italiener, wie hieß er doch gleich, Recht hatte. Dabei stirbt die Hoffnung doch zuletzt! Aber sie stirbt. Dante, genau, Dante Alighieri war sein Name. Obwohl der doch damals diese ganze Wahnsinnsphysik noch gar nicht kannte. Und trotzdem schon so hoffnungslos. Der hatte ja keine Ahnung!

Ach was, let the sunshine in, auch wenn jetzt gerade irgendwie keiner mehr da ist, also Sonnenschein. Der ist jetzt endgültig verschwunden, noch nicht mal mehr ein Restglühen der Sonne. Das ist ein Dunkel, aber mal so richtig. Hier könnten die Dunkelfanatiker unter den Astronomen mal eine Party feiern. Soweit das Auge reicht kein künstliches Licht, das den Blick aufs Firmament beeinträchtigt. Der Himmel ist hier so richtig schwarz, nicht so ein verwaschenes Grau, sondern schwarz. Schwarzer Humor wäre jetzt schön.

Kennen Sie den? Was ist der Unterschied zwischen einem Epileptiker und Reisbrei? Den Reisbrei isst man mit Zucker und Zimt, und der Epileptiker liegt im Zimmer und zuckt.

Zucker und Zimt, das hat was von Weihnachten, das Fest von der Hoffnung auf das Licht der Welt. Und vom Stern von Bethlehem. Obwohl der gar kein Stern war, wahrscheinlich, sondern eine Konjunktion von Jupiter und Saturn. Meeting heisst das wohl heutzutage. Johannes Kepler hat das schon 1604 ausgerechnet. Er hat einfach zurückgerechnet und schlicht festgestellt, dass im Jahre sechs oder sieben, so genau weiß ich das jetzt nicht, dass sich auf jeden Fall diese beiden Planeten dreimal am Himmel zu einer Konjunktion getroffen haben.

Der Kepler, der alte Fuchs, der war fest von der himmlischen Ordnung überzeugt. Da oben, in diesem dunklen Etwas, regieren mathematische Gesetze, das war Keplers Credo. Ich glaube an die Mathematik!

Und er hat Recht, und wie. Es geht mir gut, ja, es geht mir gut, es gibt die Gesetze der Natur, die regeln alles. Das hat schon Pythagoras erzählt. Kepler und Pythagoras, Demokrit und Einstein, alles gute Freunde! In der Hoffnungslosigkeit der dunkelsten Dunkelheit verschaffen einem die Alten, die guten Alten eben doch Trost, die wussten nämlich, wo es langgeht. Nur ich schwimme. Ich schwimme auf dem Atlantik und glotze.

Wäre ich zuhause, würde ich wahrscheinlich jetzt auch glotzen, auf die Glotze. Mein neuer Flachbildschirm würde mir die Nachrichten aus aller Welt präsentieren. Das Meiste wahrscheinlich irgendwelche Krisen, Katastrophen und Konjunkturmeldungen.

Heute Abend glotze ich mal was ganz anderes: Tatort Atlantik. Wie lange ist der Mann schon tot? War die Spurensicherung schon da? Ach ich sehe und höre meine Helden, Professor Börne und Hauptkommissar Thiel alias Jan Josef Liefers und Axel Prahl, assistiert durch Silke Haller alias Alberich, gespielt von Christine Urspruch!

Noch bin ich aber nicht tot, ich glotze und staune über den bestirnten Himmel über mir. Hey, Immanuel du auch hier? Spät kommst Du, doch du kommst. War ja auch klar, einer der größten Kleinen der Menschheitsgeschichte darf doch beim finalen Rapport nicht fehlen. Was kann ich wissen? Zum Beispiel über den gestirnten Himmel über mir. Wie viel Wissenschaft ist nötig, und was kann ich bereits mit meinem nicht mehr ganz so gesunden Menschenverstand verstehen?

Also, ich sehe Lichter am Himmel. Jeder weiß, das sind Sterne! Abgesehen von den Planeten, sind die funkelnden Lichter am Nachthimmel Sterne. Wenn es keine Flugzeuge sind, klar. Aber ich meine jetzt wirklich nur die Sterne. Die Sterne leuchten, weil sie strahlen, das heißt, sie werden nicht von der Sonne angestrahlt, sondern sie strahlen selbst.

Ich könnte mich kaputtlachen, wie oft irgendjemand erzählt hat, dass Sterne doch angestrahlt würden, und nur deshalb könnte man sie sehen. Das waren die gleichen Leute, die behauptet haben, die Erde verlöre ihre Atmosphäre, wenn ihr Magnetfeld verschwände. Die haben einfach keine Ahnung, es liegt alles an der GE, ERR, A, VAU, I, TE, A, TE, I, O, EN: Gravitation – ihr Banausen. Hier draußen kann man ja auch mal richtig schreien. Schwerkraft auf Deutsch, die schwächste aller Kräfte im Universum heißt ausgerechnet Schwerkraft. Ich lach mich tot!!! – schön wär’s.

Sie hält mich hier und sie drängt mich zum Erdmittelpunkt, sie wird mich untergehen lassen, sie hält die Luft zum Atmen, und sie hält die Sterne zusammen. Hatte ich das vergessen?

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Genres und Tags

Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
30 Juli 2025
Umfang:
121 S. 2 Illustrationen
ISBN:
9783831257386
Rechteinhaber:
Bookwire
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