Buch lesen: "Die Geschichte Hessens"
Diese Publikation erscheint mit freundlicher Unterstützung
der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.
Heiner Boehncke | Hans Sarkowicz
Die Geschichte
Hessens
Von den Neandertalern
bis Ende 2020

Inhalt
Geleitwort: Warum Hessen zu dem wurde, was es ist Prof. Dr. Walter Mühlhausen
Vorwort
Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens
Von der Gründung Hessens bis zum Ende des Alten Reichs
Von Kurfürstentümern, Großherzogtümern, Herzogtümern und Fürstentümern
Unter den Fittichen des preußischen Adlers Hessen 1866–1933
Hessen unterm Hakenkreuz
Der Neubeginn nach 1945
Kartenmaterial
Verwendete Literatur (in Auswahl)
Personenregister
Bildnachweis
Geleitwort

Warum Hessen zu dem wurde, was es ist
Es gehört zum Schulwissen nicht nur der Hessen, dass der Limes als nördliches Bollwerk der Römer gegen die widerspenstigen Germanen mitten durch das Gebiet des heutigen Hessen verlief, dass Bonifatius in seinem Missionsdrang bei Geismar/Fritzlar die dem germanischen Gott Donar gewidmete Eiche in einem symbolischen Akt fällte und damit die Christianisierung auch des späteren Raumes Hessen vorantrieb. Weniger bekannt dürfte es sein, dass König Jérôme Bonaparte, der Bruder von Napoleon I., in Rotwein oder Kalbsbouillon zu baden pflegte, sich mit einer Schar von Mätressen bis zur Erschöpfung vergnügte (und dann nicht fähig war, seinen Staatsgeschäften nachzukommen) und an die 26 000 Spitzel beschäftigte. Aber – was hat der Franzose eigentlich mit Hessen zu tun? Nur der Kundige und Interessierte weiß um die Bedeutung von »König Lustik« für die Geschichte des Landes als Herrscher des »Königreichs Westphalen« mit seiner Hauptstadt Kassel. Er herrschte ab 1807 am Beginn einer spannungsgeladenen Periode, in der grundlegende Weichenstellungen für das weitere Werden des Landes fielen. Die Jahre waren geprägt auch von Kämpfen zwischen den nach Freiheit und Befreiung von Steuerlasten strebenden Hessen und den französischen Besatzern. Kurhessen erwarb sich, so der große Landeshistoriker Karl E. Demandt in seiner fabelhaften Geschichte des Landes Hessen, den Ruf, »ein Zentrum des Widerstands gegen die Fremdherrschaft von europäischer Ausstrahlungskraft« zu sein. Dieses Rebellische galt mehr oder weniger für alle Hessen über die Jahrhunderte hinweg – auch wenn es um 1800 den Hessen oder die Hessin eben nicht gab.
Am Beispiel der Darstellung der siebenjährigen Franzosenherrschaft offenbart sich das Charakteristikum der hier vorliegenden Geschichte Hessens von der Steinzeit bis zur Globalisierung des 21. Jahrhunderts: Es ist ein Wechselspiel von Wegmarken und Aperçus der Zeitläufe. In einem weiten Bogen zwischen dem Grundlegenden und der Episode bewegt sich das Meisterpaar der hessischen Geschichtserzählung, Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, die bereits mit zahlreichen Veröffentlichungen Licht in das Dunkel des Vergangenen im Land jener Fürsten gebracht haben, die ihre Landessöhne an fremde Herrscher als Soldaten verschacherten, um dem eigenen üppigen Lebensstil frönen zu können. Den Autoren gelingt es, die wechselvolle, an Ereignissen, Brüchen und bemerkenswerten Persönlichkeiten reiche Geschichte des Raumes über die Zeitenwenden hinweg zwischen zwei Buchdeckeln zu verpacken. Das ist umso mehr eine beachtliche Leistung, als »Hessen« über Jahrhunderte hinweg ein »verwirrendes Mosaik an Kleinterritorien« – »ein territoriales Puzzlespiel irgendwelcher Herren« war (Alfred Pletsch). Der historische Flickenteppich konsolidierte sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als es nach Franzosenherrschaft und Wiener Kongress 1814/15 erstmals größere Territorialstaaten im Gebiet des heutigen Hessen gab, und zwar sechs an der Zahl: das Kurfürstentum Hessen(-Kassel), das Großherzogtum Hessen(-Darmstadt), die Landgrafschaft Hessen-Homburg, das Herzogtum Nassau, das Fürstentum Waldeck-Pyrmont und die Freie Stadt Frankfurt.
Die weitere räumliche Gliederung der hessischen Territorien war ganz wesentlich Resultat des preußisch-österreichischen Krieges von 1866, als sich das Kurfürstentum Hessen und das Herzogtum Nassau auf die Seite des letztlich unterlegenen Österreichs geschlagen und die bis dahin Freie Stadt Frankfurt Österreich die Bundestreue gehalten hatte. Kurhessen, Nassau und Frankfurt verloren ihre Existenz als souveräne Staaten und gingen mit der Landgrafschaft Hessen-Homburg in Preußen auf. Demgegenüber behielt das unterlegene Großherzogtum seine Selbstständigkeit und zog schließlich als eigener Bundesstaat in das 1871 gebildete Deutsche Reich ein. Das alles kann man hier vorzüglich in gekonnter Prägnanz nachlesen, auch was mit dem kleinen Fürstentum Waldeck so alles geschah.
Erst die amerikanische Besatzungsmacht schuf im September 1945 das Hessen in den Grenzen, wie wir sie heute kennen. Es gab sie also nicht, die eine hessische Politik. So stellten sich die Historikerinnen und Historiker immer wieder die Frage: Wer oder was ist eigentlich hessisch? Wer oder was sind die Hessen? Um dieses zu beantworten, folgten sie in ihren Einzeldarstellungen zumeist den jeweiligen Territorien. Nicht so Boehncke und Sarkowicz, die »ihr« Hessen immer als Ganzes in den heutigen Grenzen in den Blick nehmen.
Geschichte kann faszinieren, Geschichtsschreibung kann fesseln, wenn sie wie hier, von akademischer Kleinkrämerei und kathederhafter Faktenhuberei befreit, für die historisch interessierte Leserschaft konzentriert und gekonnt erzählt wird, ohne sich einer Beliebigkeit auszusetzen. Lassen Sie sich über große Linien und kleine Besonderheiten durch die hessische Geschichte führen, die reich am bemerkenswerten Besonderen und am ungewöhnlichen Alltäglichen ist. Die Autoren haben in ihrer Darstellung eine ausgewogene Mischung zwischen dem typisch Hessischen und dem gefunden, was über Hessen hinaus Allgemeinbedeutung besaß. Ohne sich um das Urteil zu winden, ohne das eindeutige Wort zu vermeiden, beschreiben sie kurzweilig und doch tiefschürfend, wie Hessen zu dem wurde, was es heute ist, eine »Einheit in der Vielfalt« (Barbara Dölemeyer), entstanden aus der Vielfalt. Boehncke und Sarkowicz berichten von Mächtigen und Machtlosen, von Unterdrückern und Unterdrückten, von Verführern und Verführten; wir lesen von Prunk und Leid, von Kampf und Frieden, von Revolution und Restauration, von Neid und Intrige, von Wegen und Irrwegen in der Geschichte Hessens über die Jahrtausende hinweg.
Wir erfahren außerdem, warum »Texasverein« und »Freistaat Flaschenhals« einen Bezug zu Hessen haben. Das eine steht für eine gezielte Politik gegen den Pauperismus und zur Regelung eines Massenexodus, das andere für eine schildbürgerliche Randepisode als Resultat von mangelhafter Kenntnis in Geografie und Geometrie. War das hinreichend erklärt? Wenn nicht, dann gehen Sie doch selbst auf Entdeckungsreise durch die Geschichte Hessens. Sie ist hier meisterlich aufbereitet.
Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Neckarsteinach
Vorwort

Gibt es eine hessische Identität? Etwas, das alle Hessen verbindet, ganz gleich, ob sie in Bad Karlshafen oder Neckarsteinach leben?
Mit dieser Frage beschäftigte sich Ende 2016 eine wissenschaftliche Tagung im Wiesbadener Landtag. Anlass war die Verabschiedung der Hessischen Verfassung durch eine Volksabstimmung vor 70 Jahren. Eine eindeutige Antwort konnten die Historiker nicht geben. Die Identifikation mit dem eigenen Bundesland, so hieß es, sei weniger stark als mit der Region, in der man lebe. Sprachliche Gemeinsamkeiten, die lange erheblich zur Identitätsbildung beigetragen hätten, verlören stark an Bedeutung. Einig war man sich aber, dass Georg August Zinns Ausspruch »Hesse ist, wer Hesse sein will« auch heute noch Gültigkeit besitze. Der Hessische Ministerpräsident hatte diesen programmatischen Satz 1961 beim ersten Hessentag in Alsfeld gesprochen und damit auf die (erfolgreiche) Integration der »Heimatvertriebenen« verwiesen.
Fast vierhundert Jahre lang, von 1567 bis 1945, war Hessen geteilt. Nach dem Tod Philipps des Großmütigen hatten sich die Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt gebildet, die lange Zeit die Entwicklung Hessens bestimmten. Aber sie waren nicht die Einzigen. Auch die Waldecker und Nassauer Fürsten, die zahlreichen kleineren Herrschaften, die geistlichen Würdenträger und die zeitweise sehr mächtigen Freien Reichsstädte hatten ein gewichtiges Wort mitzureden. Eine hessische Identität konnte sich unter diesen Voraussetzungen allerdings nicht entwickeln, höchstens eine Loyalität der Untertanen gegenüber ihren jeweiligen Herrschern oder politischen Institutionen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mit der Herausbildung des Bundeslandes Hessen wurde die Frage nach gemeinsamen Werten neu gestellt. Das war und ist kein einfacher Prozess. Noch immer scheint es Trennendes zwischen dem Norden und dem Süden zu geben, noch immer scheinen Ressentiments nicht ganz abgebaut. Aber eins vereint (fast) alle Hessen und das seit Jahrhunderten: die Bereitschaft, Fremde und Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, ohne dass die Neubürger ihre Traditionen, Sitten und Gebräuche aufgeben müssen. Diese Weltoffenheit duldet keinen engen Identitätsbegriff und öffnet den Blick auf die eigene Geschichte, die nur selten gradlinig verlief.
Auf Schritt und Tritt begegnen wir den Zeugnissen der Vergangenheit; denn Hessen ist besonders reich an bedeutenden Burgen, Schlössern, Kirchen, Klöstern oder stattlichen Bürgerhäusern. In den zahlreichen Museen wird das präsentiert, was von früheren Zeiten übriggeblieben ist oder vor der Zerstörung gerettet wurde. Das können keltische Schmuckstücke sein oder Alltagsgegenstände aus dem Mittelalter, die Erinnerung an das einst blühende jüdische Leben in Hessen oder an eine Grenze, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei ungleiche Hälften teilte.
Diese historischen Zeugnisse sind aber von sich aus stumm. Keine Burg sagt uns, wer sie erbaut hat und warum. Und wenn wir einen Tontopf vor uns sehen, wissen wir noch nicht, wie die Menschen vor zweihundert oder mehr Jahren gelebt haben. Geschichte verlangt danach, erzählt zu werden, und ist mehr als Lehrbuchwissen. Sie ist Teil unserer Gegenwart. Nur kennen muss man sie. Das ist gerade bei der hessischen Geschichte nicht leicht; denn an ihr haben sehr unterschiedliche Kräfte mitgewirkt. Hessen lag immer in der Mitte Deutschlands, war Durchgangsland und ein in zahllosen Kriegen heiß umkämpftes Aufmarschgebiet.
Mit dem vorliegenden Buch wollen wir den Knoten entwirren helfen und eine leicht lesbare Einführung in die hessische Geschichte geben. Der Band soll der wissenschaftlichen Forschung keine Konkurrenz machen, aber er beruht auf ihren Ergebnissen. Dafür sei allen hessischen Historikern an dieser Stelle herzlich gedankt.
Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens

»Da die Urgeschichte keine schriftlichen Nachrichten hinterlassen hat«, schreibt der Archäologe Lutz Fiedler, »ist es unmöglich, irgendwelche Bedürfnisse, Motive oder Schicksale einzelner oder bestimmter Gruppen zu erfahren. Sie bleiben anonym, unsere Fragen richten sich daher nach dem Allgemeinen«1. In der Tat haben Archäologen keine leichte Aufgabe, wenn sie den Ursprüngen der Menschheit nachforschen und verlässliche Informationen gewinnen wollen. Sie sind auf kleinste Hinweise angewiesen, auf Funde im Geröll, auf dunkle Schatten im Erdboden, die auf organische Verfüllungen hindeuten, auf Grabbeigaben und natürlich immer wieder auf Tierknochen und Pflanzenreste, die Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen der frühen Menschen zulassen. Die Archäologen und ihre Kollegen von der Vor- und Frühgeschichte versuchen uns aus dem Wenigen, das ihnen zur Verfügung steht, ein möglichst plastisches Bild von dem Lebenskampf zu zeichnen, den unsere Vorfahren in ihrer noch kurzen Lebensspanne zu bestehen hatten. Wer einmal einen in der Regel wenig spektakulären Ausgrabungsort besucht hat, wird später mit Hochachtung vermerken, welche Erkenntnisse die Forscher aus dem Wenigen gewinnen konnten.
Wir gehen heute davon aus, dass noch affenähnliche Lebewesen vor etwa 2,5 Millionen Jahren mit der Herstellung von Werkzeugen begonnen haben. Das war der erste wichtige Schritt auf dem langen Weg zum modernen Menschen. Der Ursprung des Menschen liegt aber noch viel weiter in der Vergangenheit. Funde in Afrika deuten auf eine Zeitspanne von mindestens fünf Millionen Jahre hin, wenn nicht sogar auf sieben Millionen Jahre oder noch mehr. In Hessen scheinen die ältesten Menschen, der Homo erectus, vor rund 500 000 Jahren gelebt zu haben. Einfache Steinwerkzeuge, die bei Münzenberg in der Wetterau gefunden wurden, werden entsprechend datiert. Danach waren die ersten Hessen Jäger und Sammler, die in einfachsten Behausungen lebten, sich, wie in den gängigen Vorstellungen von Steinzeitmenschen, in Felle kleideten und schon das Feuer kannten. Sie jagten mit Fallgruben und Holzlanzen. Damit wagten sie sich selbst an große Tiere heran, wie an Mammut, Bär und Wollnashorn, die dann mit primitiven Steinwerkzeugen zerlegt wurden. Für die Zeit vor 300 000 bis etwa 100 000 Jahren sind mehrere Siedlungsplätze in Hessen belegt, etwa im nördlichen Vogelsberg, in der Schwalm und in der Waberner Senke. Sie zeigen, dass sich die Jagdgruppen gern an Flussufern niederließen, schon in zeltartigen Hütten wohnten und selbst eiszeitliche Kaltphasen überstehen konnten.
Aus dem Homo erectus entwickelte sich der Neandertaler, der sich in Hessen erstmals vor 120 000 Jahren nachweisen lässt. Besonders gut untersucht ist eine Jagdstation bei Edertal-Buhlen, die auf einem kleinen Vorsprung an der Netze lag und offenbar über einen längeren Zeitraum als Rastplatz diente. Die Werkzeuge aus Kieselschiefer, Karneol und Quarzit wurden dabei im Lauf der Zeit immer weiter verfeinert. Aus Funden außerhalb Hessens wissen wir, dass die Neandertaler schon Bestattungsriten kannten. Ob dabei auch religiöse Vorstellungen eine Rolle spielten, ist allerdings nicht bekannt und wird wohl auch nie mit Sicherheit nachgewiesen werden können.
Vor etwa 40 000 Jahren tauchten in Europa die ersten modernen Menschen auf, die als Cro-Magnon bezeichnet werden. »Der Jetztmensch scheint plötzlich da zu sein«, so Lutz Fiedler. Er kam vermutlich wieder aus Afrika. Vor ca. 500 000 Jahren hatten sich die Entwicklungslinien von Mensch und Neandertaler getrennt. Trotzdem unterscheidet sich das Erbgut eines Neandertalers von dem eines modernen Menschen nur um 0,2 %. Trotz dieser so geringen Abweichung starb der Neandertaler vor ca. 30 000 Jahren aus. Die Ursachen dafür sind bis heute ungeklärt. Jüngste Forschungen haben allerdings nachgewiesen, dass es zu sexuellen Kontakten zwischen beiden Gattungen gekommen sein muss. Auch wenn das gemeinsame genetische Erbe nur einen Bruchteil heutiger europäischer und asiatischer Menschen ausmacht, so handelt es sich bei der Entdeckung doch um eine Sensation. Eine Vermischung war schließlich noch bis vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten worden.
Der moderne Mensch entwickelte neue Bearbeitungstechniken für Stein-, Knochen- und Geweihgeräte, er schuf neue Formen von Jagdwaffen, wie eine Speerschleuder, deren Reste in der Wildhaus-Höhle bei Steeden an der Lahn gefunden wurden, er nähte sich Kleidung und betätigte sich, wohl noch in einem sehr bescheidenen Maß, auch künstlerisch. So war er gut gerüstet für die tiefgreifenden klimatischen Änderungen am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10 000 Jahren.
»Lichte Birken-Kiefern-Wälder entstehen, und aus einer fast baumfreien Landschaft entwickelt sich eine Parktundra ähnlich der heutigen sibirischen Taiga. Die großen Eiszeitdickhäuter Mammut und Wollnashorn sterben aus, sicher nicht ganz ohne Zutun des Menschen, und Rentierherden, Wildpferdgruppen, aber auch Waldtiere wie Ur und Rothirsch sind die Bewohner dieser Landschaft. Der Mensch reagiert auf diese Umstellung mit Veränderungen von Verhaltensweisen und Techniken, […] Zugeschnittene und genähte Kleidung, Werkzeugkonstruktionen aus verschiedenen und aufeinander abgestimmten Materialien, verschiedene Wege der Nahrungskonservierung und Vorratshaltung, verschiedenartig perfektionierte Jagdmethoden und Wege des Fischfanges sind Teil der erworbenen Praktiken, deren Kenntnisse jetzt dem Menschen zur notwendigen Flexibilität verhalfen.« 2
Neolithische Revolution – Der Mensch wird sesshaft
Zu Beginn der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, kam es zu tiefgreifenden Veränderungen, die der Historiker Rolf Gensen als »den wohl bedeutendsten Fortschritt der Menschheitsgeschichte – vergleichbar allenfalls mit der Industrialisierung Mitteleuropas«3 bezeichnet. Aus Jägern und Sammlern wurden Ackerbauern und Viehzüchter. Was diese Entwicklung in Hessen vor 7000 Jahren auslöste (und damit wesentlich später als im Vorderen Orient), bleibt weitgehend Spekulationen überlassen. Die neue Kultur der Sesshaften scheint sich aber nicht langsam entwickelt zu haben, sie trat bereits in voller Blüte hervor. Das deutet darauf hin, dass sie sich nicht vor Ort ausgebildet hatte, sondern durch einen Transfer nach Hessen gelangte. Zu den Neuerungen gehörten neben dorfartigen Siedlungen mit großen Häusern der Getreideanbau, die Viehzucht und die Herstellung gebrannter Gefäße. Den Hund hatte es schon länger als Haustier gegeben, jetzt kamen Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine hinzu, die wohl aus dem Vorderen Orient mitgebracht wurden. Einkreuzungen mit einheimischen Wildrindern und Wildschweinen waren aber keine Seltenheit. Nach dem bandartigen Muster auf ihrem Geschirr werden die ersten Bauern in Hessen »Bandkeramiker« genannt.
Ihre bevorzugten Siedlungsgebiete waren die fruchtbaren Ebenen, auf denen sich Emmer, Einkorn und Gerste anbauen ließen, Futterpflanzen für die Nutztiere wuchsen und Nüsse oder Früchte gesammelt werden konnten. Zum Süßen verwendeten die Bandkeramiker wohl schon Honig. Auch das Salz und Wildkräuter zum Würzen waren ihnen vertraut. So nutzten sie zum Beispiel den Vogelknöterich wie wir heute den Pfeffer.
Da Düngung noch unbekannt war, verließen die Familien- oder Stammesgruppen wohl nach einiger Zeit ihre Plätze, um eventuell nach Jahren wiederzukommen. Das Leben muss in dieser Zeit extrem beschwerlich gewesen sein. Die Kindersterblichkeit war hoch, und so betrug die durchschnittliche Lebenserwartung nur 25 Jahre. Erwachsene konnten allerdings auch 40 Jahre oder mehr werden, wenn sie nicht vorher eine der zahlreichen Krankheiten, gegen die man nur selten Mittel kannte, hinweggerafft hatte. Denn die Ernährung war trotz Fleisch, Getreideprodukten und Früchten sehr einseitig. Aus Knochenuntersuchungen wissen wir, dass es einen deutlich erkennbaren Vitaminmangel gab, aus dem typische Krankheiten resultierten.
Bei der Kleidung waren die Bandkeramiker nicht nur auf Leder und Felle angewiesen. Wie Jens Lüning in dem Katalog zu der Ausstellung Die Bandkeramiker auf dem Hessentag 2004 in Heppenheim berichtet, besaßen die frühen Bauern »zwei neue Materialien, die Leinenfasern (Flachs) und Wolle. Lein wurde in vielen Siedlungen angebaut, und auf einem verbrannten Lehmstück aus Nordhessen sind Abdrücke eines leinwandbindigen Gewebes aus Lein festgestellt worden. Ob die bandkeramischen Schafe schon genügend Wolle in ihrem Haarkleid hatten, ist umstritten, doch auch Haare lassen sich gut verspinnen, und Unterwolle besaßen die Tiere in jedem Fall. Funde von Spinnwirteln zeigen, dass Flachs und Wolle versponnen werden konnten, und Webgewichte, dass daraus auf einem Gewichtswebstuhl Gewebe hergestellt wurden«4.
Das tägliche Leben der frühen Bauern dürfte in jeder Hinsicht beschwerlich gewesen sein. Und es kam noch etwas Weiteres hinzu. In den Gräbern häufen sich Waffen und Werkzeuge zur Herstellung von Waffen als Beigaben. Das deutet darauf hin, dass sich die kleinen Gemeinschaften gegen äußere Feinde verteidigen mussten. Denn im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern, die ein Nomadendasein mit leichtem Gepäck führten, hatten die Bauern und Viehzüchter wertvollen Besitz, den sie verteidigen mussten. Vielleicht haben sich deshalb die auf die Bandkeramiker folgende Menschen der Rössener Kultur und noch stärker danach der Michelsberger Kultur Wohnplätze gesucht, die sich leichter verteidigen ließen. Erstmals wurden neben Flussauen auch hessische Höhen besiedelt. Die Häuser der Rössener Kultur waren teilweise bis zu 85 Meter lang und bis zu sieben Meter breit. Die Bauern der Michelsberger Kultur, die durch sogenannte Tulpenbecher charakterisiert wird, begannen damit, gewaltige Erdwerke zu errichten, über deren Funktion noch heftig spekuliert wird. Die Vermutungen reichen von befestigen Dörfern bis zu Kultplätzen. Markante Beispiele fanden sich vor allem im nördlichen Hessen. Dort wurde die Michelsberger Kultur vor etwa 4500 Jahren von der Wartberg-Gruppe abgelöst, die nach einem Fundort bei Kirchberg in Nordhessen benannt ist.

Steinkammergrab von Züschen mit »Seelenloch«
Die Menschen dieser Periode errichteten große Steinkammergräber, die über viele Jahre als Beerdigungsort dienten. Der Verstorbene wurde durch ein »Seelenloch« in die steinerne Grabkiste bugsiert. Die bekannteste Anlage dieser Art ist die Steinkiste von Züschen-Lohne, die in der Länge 20 Meter misst und in der Breite 3,5 Meter. Sie ist mit Zeichnungen geschmückt, die Rinder im Joch darstellen sollen und damit wieder auf die bäuerliche Herkunft der Künstler verweisen. Möglicherweise in einem direkten Zusammenhang mit diesen Steinkammern stehen die großen Menhire (»Hinkelsteine«), die bis in die Bronzezeit hinein an verschiedenen Orten in Hessen aufgerichtet wurden und Höhen von über fünf Metern erreichen konnten. Ihre Funktion ist bis heute ungeklärt. In früheren Zeiten lieferten die mysteriösen Steine reichlich Material für sagenhafte Erzählungen, die sich oft um Riesen rankten. Denn, so glaubte man, normale Menschen hätten die Quarzit- oder Sandsteinbrocken nie so aufstellen können. Ganz so ungewöhnlich war die Leistung allerdings nicht, wenn man bedenkt, dass zur selben Zeit die Pyramiden von Gizeh entstanden und sich in Mesopotamien schon lange eine faszinierende Schriftkultur entwickelt hatte.
Einen markanten technologischen Fortschritt brachte die Erkenntnis, dass sich aus den bereits bekannten Kupfer und Zinn im Verhältnis 9:1 Bronze herstellen ließ. Zinn wurde in Hessen allerdings nicht abgebaut.
»Das bedeutet, dass auch Hessen in das interregionale Netz einer metallenen Rohstoffversorgung einbezogen war. Dies förderte eine überregionale Kommunikation und technologische Innovation und wirkte sich letztlich in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft sowie Ideologie aus. Nicht nur deshalb gilt die Bronzezeit als Zeit des Handels, des kunstvollen ›Berufs‹-Handwerkers, des prachtvoll gerüsteten Kriegers und prächtig geschmückter Frauen. Ohne dass wir wissen, welcher materielle oder ideelle Gegenwert für die Rohstoffe Kupfer, Zinn, Blei, Bernstein usw. ›gezahlt‹ wurde, ist davon auszugehen, dass die wirtschaftliche Grundlage der Bronzezeit Hessens traditionell Ackerbau und Viehzucht blieben. Die bronzezeitliche Gesellschaft wird durch eine zunehmend wirtschaftliche Arbeitsteilung und gesellschaftliche Schichtung gekennzeichnet. Eine graduell absetzbare Oberschicht, besonders gekennzeichnet durch die Betonung militärischer Aspekte – gerne als ›Adelskrieger‹ bezeichnet –, ist besonders in der Jung- und Spätbronzezeit fassbar, in einer Zeit, in der auch größere und kleinere befestigte Dauersiedlungen mit vielfältigen wirtschaftlichen Funktionen angelegt wurden.« 5
Grob unterscheidet man für die Bronzezeit die ältere Adlerbergkultur mit Flachgräbern und Hockerbestattungen, die mittlere Hügelgräberkultur und die jüngere Urnenfelderkultur. Wie schon der Name nahelegt, zeichnet sich die Adlerbergkultur in der mittleren Bronzezeit durch große Grabhügel aus, die in ganz Hessen verbreitet waren und sich als markante Geländemerkmale teilweise bis heute erhalten haben. In einzelnen Hügeln haben Archäologen bis zu 24 Gräber nachgewiesen. Eine völlig neue Form der Bestattung entwickelte sich schließlich in der späten Bronzezeit. Die Toten wurden nicht mehr gestreckt oder in Hockstellung begraben, sondern verbrannt und in Urnen beigesetzt. Dass die Beerdigungsformen so wichtig wurden für die Unterscheidung einzelner Kulturen, hängt damit zusammen, dass wir den Gräbern mit ihren mehr oder weniger reichen Beigaben wesentliche Erkenntnisse über die damaligen Menschen und ihre Sitten verdanken. Doch ist dabei auch Vorsicht geboten, denn die Gräber von in der Regel hochgestellten Persönlichkeiten vermitteln das Bild einer wohlhabenden Gesellschaft. Wir können aber davon ausgehen, dass der bronzezeitliche Bauer mit seiner Familie zwar dazu beitrug, dass es eine vermögende Oberschicht gab, dieser aber selbst ein eher karges Leben führte. Lediglich aus der späten Bronzezeit haben sich Gräberfelder erhalten, die Urnen ohne oder nur mit spärlichen Beigaben enthalten, die somit auf einfache Bestattungen hindeuten.
Etwa um 800 v. Chr. begann die Verwendung von Eisen, das in kleinen, aber wirkungsvollen Öfen aus Erzen gewonnen wurde. Eisen diente fortan zur Herstellung von Waffen und anderen Gegenständen, die besonderen Belastungen ausgesetzt waren. Die frühe Phase der Eisenzeit trägt den Namen des Ortes Hallstatt im Salzkammergut. Sie zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass es zu prunkvollen Bestattungen von Angehörigen der Oberschicht kam. Ein Beispiel dafür ist das Wagengrab von Offenbach-Rumpenheim, in dem ein etwa fünfzigjähriger Mann zusammen mit einem hölzernen Wagen und weiteren Beigaben bestattet wurde. Der rekonstruierte Prunkwagen ist im Offenbacher Stadtmuseum zu sehen. Wahrscheinlich wurden in der Hallstattzeit in Hessen schon Höhenkuppen mit Ringwällen als Siedlungs- oder Rückzugplätze befestigt.