Buch lesen: "Rette die Freude"

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Hans Leip
Rette die Freude
Betrachtungen zum gegenwärtigen leben

Saga

Rette die Freude!

Klingt es nicht verschwenderisch und dem Elend des Tages völlig fremd? Haben wir nicht eine Menge anderer Angelegenheiten dringlicher zu retten als unsere Freude? Unser Leben vorerst, unser armes täglich Brot, unsere Erwärmung, unsere Bleibe, unseren Unterhalt, unseren dürftigen Hausrat, unser bißchen Kleidung und unsere paar Beziehungen, unseren nüchtern klaren Kopf, unseren Mut, uns noch weiter durchzuschlängeln durch den Wust der Trümmer, Beschränkungen und Verordnungen? Das alles braucht unsere letzte Kraft, es vor dem gänzlichen Verfall und uns vor der endgültigen Verzweiflung und Verkommenheit zu retten. Freude? Freude macht das nicht mehr, und selbst daß die Nächte ruhig sind, haben wir schon fast wieder zu schätzen verlernt. Und anderes drängt sich vor, das wir zu retten kaum gedacht haben: Mißgunst, Selbstüberschätzung, Haß und die Gier, wieder obenauf sein zu wollen und groß anzugeben; das ist bereit, sich selber zu retten und Besseres in uns an die Wand zu drücken und niederzutrampeln, Besseres, wie unsere Einsicht etwa, unsere Anständigkeit, unsere innere und äußere Güte und Liebenswürdigkeit, ja, unsere Würdigkeit zur Liebe und geliebt zu werden.

Die innere Wehrmacht

Die Wehrmächte der Finsternis, die über die Menschheit hergefallen sind, haben das Feld noch nicht geräumt. Auf keinen Kontinent beschränkt, kennen sie weder Besiegte noch Sieger. Heimtückisch sind sie gewillt, jeden zur Dienstpflicht zu pressen in des Bösen armseligen und zu jeder Schandtat bereiten Kommiß, dessen Garnisonen und Fronten seit Urzeiten in uns selber zu suchen und auf keine weitläufigen dämonischen Untergründe und Überwirklichkeiten abzuschieben sind. In uns hausen sie, die Finsternisse und Dämonen, in unserem engsten, eigensten Bezirke, und vor keinem Gericht der Tugenden wird unsere Ausrede gelten, daß die oberste Heeresleitung nicht in unseren Händen gelegen habe oder daß der Generalstab unseres Verstandes nicht verantwortlich gemacht werden könne für die Stoßtrupps der Gefühle oder wie es sonst gleichnisweise auszudrücken wäre. Geht es uns denn nicht wie unserm Vaterlande, das den Schlächtern und Henkern ausgeliefert war? Als Thomas Mann vom sicheren USA über den Äther zu uns redete, da bin ich mir vorgekommen wie ein Kalb, vor dem der Metzgergeselle mit dem Beile steht, und da wurde mir denn gütlich von weitem zugesprochen: Beiß den Mann doch! Nimm ihm doch das Beil weg! — Ach, wie war meine Unmächtigkeit quälend, und die Welt sitzt zu Gericht und spricht: Das Kalb hat sträflich gehandelt. — Doch nun weich nicht aus, nicht vor dir selber! Bei dir, in dir bist du Kalb und Metzger zugleich oder Lamm und Tiger oder Mensch und Teufel, je nach deinen Graden, bist dein Freund und dein Feind zugleich. Wie wehrt man sich? Welche Dämme, Zäune, welche Waffen gibt es gegen den dunkeln Widersacher und Anstifter in uns? Keine Dämme, keine Waffen sind uns gegeben als nur das eine, als nur die eine Fähigkeit, die sehr sanft und empfindlich ist: die Fähigkeit zur Freude und zum Freudebereiten. Und hier muß gleich gesagt sein, daß Andacht und Frömmigkeit zu ihr gehören wie ihr feiertägliches Kleid und daß diese Freude nichts gemein hat mit ihrem negativen Zerrbild, das mit Gebrüll und Niedertracht einhertreibt und sich „grimmige Freude“, „Schadenfreude“ und „Zerstörungslust“ nennt und nichts ist als das Grinsen des Bösen. Ja, selbst dem, was sich zwischen den Türen so nett als „diebische Freude“ bezeichnet, stelle deine kühlste Beobachtung zur Seite, damit du dich nicht verlierst!

Heeresbericht oder Liebesbrief?

Achselzuckend sich dem Schicksal ausgeliefert fühlen, das ist leicht und hat ungeheures Unheil in der Welt zur Folge gehabt. Es hat zu der unsinnigen These geführt, daß Kriege unvermeidlich seien. Fang bei dir an, heute noch, diesem Unfug entgegenzuleben! Baue ab mit aller Unfriedlichkeit, mit aller Muffigkeit in deinem eigensten engsten Bereiche, in dir selber, bei dir zu Hause und in deinem Betriebe! Häuslicher und eigener Unfriede wirkt aus kleinem Kreise unweigerlich ins Weitere, stapelt, steigert, summt sich zusammen und ergibt den Unfrieden ganzer Völker.

Nicht an den Kabinetten,

es liegt an dir und mir.

Daß wir den Frieden retten,

so rett ihn erst bei dir!

„Der weiße Mann ist schlecht erzogen“, so lautet die moderne Weisheit des Ostens und hat doch selber den Irrsinn eigner Kriege nicht verhindern können, weder vormals noch jetzt. Also fragen wir nicht lange nach deren Erziehung! Fangen wir bei uns selber an! Aber wo? Vielleicht bei der Jugend? O ja, das scheint selbstverständlich und wird schon weidlich geübt. Man hat die Grimmschen Märchen „entgrimmt“. Eine wahrhaft große Tat! Das schöne Märchen vom Machangelboom zum Beispiel ist eine der schwierigsten Lektüren für Erwachsene und, wenn man es richtig überlegt, selbst Hänsel und Gretel und selbst Rotkäppchen. Märchen enthalten nicht nur altes Volksgut, sondern auch altes Volksböse. Wie sollen Kinder es unterscheiden, wenn kaum ihre Schulmeister es vermögen? Und kann es besser werden, wenn der Schulfunk mit Behagen Coopers Lederstrumpf aufwärmt? Oder wenn im Lateinunterricht immer noch Cäsars „De bello gallico“ gelesen wird? (Und das sogar in der Mädchenklasse!) Es wäre besser, Cäsars Liebesbriefe an Kleopatra zu lesen; vielleicht sind sie, bei nicht weniger klarem Latein, weniger verlogen, als Heeresberichte im allgemeinen zu sein pflegen, auch die aus Gallien, sicher aber sind sie amüsanter und auf der Ja-Seite des Lebens, wohin wir unsere Kinder und uns selber gestellt sehen möchten. Ich fürchte nur, sie sind nicht erhalten. Sie wären für Jugendliche ungeeignet? Ich wüßte nicht, was für die Jugend ungeeigneter wäre als das Böse. Kriegsgeschichte aber, selbst im trefflichsten Latein, ist Geschichte des Bösen. Wir aber sollten vernünftigerweise nichts als Kulturgeschichte treiben, Geschichte also vom unermüdlichen Bau der Freude, der guten Freude.

Gute und schlechte Freude

Wo ist der Unterschied, wo die Grenze zwischen guter und schlechter Freude? Frage deinen gesunden Menschenverstand! Er wird sich selten irren. Du magst an dem gesunden Menschenverstand in der Welt verzweifeln. In dir selber aber ist er noch vorhanden; sei nur nicht zu bequem, ihn zum Sachwalter zu ernennen, oder zu feige oder zu verdorben! Er besagt schlicht: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu! — Danach handle! Es ist die bescheidene Vorbedingung aller guten Freude. Freude an der Arbeit? Ausgezeichnet! Freude an deinem Besitz? Warum nicht. Aber sei dessen eingedenk, daß nur das Verlorene uns gewiß ist. Darum hab lieb, solange es bei dir ist, was du lieb haben solltest; so wird es dir unverloren sein als innerster Schatz auch dann, wenn es dir genommen würde. Hast du Erfolg gehabt? Freue dich! Ist jedoch dieser Erfolg mit anderer Elend und Leid erkauft, dann wäre es besser, dich selber zur Strecke zu bringen, ehe das Schicksal dich zur Strecke bringt. Derlei kann mir lange nachrennen, lachte schon mancher und vertraute auf seine Schliche, seine Frechheit und sein Glück. Wir haben an der jüngsten Weltgeschichte erlebt, was daraus werden kann. Es war vielen nicht wohl bei ihren Freuden; je lauter sie wurden, desto mehr schwand die innere, die friedliche, die erbauliche echte Freude. Wo ist sie geblieben? Rette sie! So rettet sie dich.

Vom Heizwert des Bösen

Das Böse ist in der Welt vorhanden. Warum? Weil es in dir ist, in deiner menschlichen Kreatur mehr als in jeder anderen. Aber auch das Gute ist in dir größer als in jeder anderen Kreatur. Mancher wird glauben, das Böse sei nicht zu entbehren deshalb, damit das Gute sich davon abhebe, ja abstoße, um dadurch richtig erst in Gang zu kommen. Ein Frommer könnte meinen, Gott lasse das Böse zu, folglich sei es notwendig. Es diene dazu, den Menschen zu demütigen, zu strafen und zu läutern. Jedermann aber wird unterscheiden zwischen dem Bösen, was von der Natur kommt ohne menschliches Zutun und Mutwillen, und dem, was Menschen Böses tun. Wir haben viel Gelegenheit gehabt und haben sie noch, Beobachtungen darüber anzustellen, an uns und an anderen, ob Menschen durch Leid und Leiden zu läutern sind. Und da sehen wir: Weder die heftigsten Erlebnisse des Grauens noch etwa eigene Untaten vermögen viel zum inneren Fortschritt beizutragen, und schon gar nicht die gehäufte Misere des Mangels. Die wenigen Ausnahmen, die wahren Märtyrer, die Überwinder aller irdischen Qual und Unvollkommenheit werden mit Recht als Heilige verehrt. Ach, daß wir doch von allen unsern Übeln genesen und angenehmer würden vor Gott und den Menschen! Ist es so, daß, wie in der nachdenklichsten Heilkunst die Vergiftung durch winzige Mengen gleichen Giftes gesteuert und wie bei den Ozeanriesen das schwere Ruder durch ein kleines Leitruder zum Ausschlag gebracht wird, uns das Böse noch nötig sei? Möge es so sein, möge es, an sich selber übersättigt, in sich selber ersticken, das Böse, möge das Schmutzige sich von dannen spülen, auf daß Platz werde für das Gute und Reinliche! Möge sich das Wort bewahrheiten: Mit scharfen Besen kehrt das Böse selbst sich ins Gericht.

Schon sind uns die ins Prahlerische gefälschten Begriffe des Ruhms, der Pflicht und der Ehre wieder in das rechte bescheidene Licht gerückt, das uns zu leuchten statt zu blenden vermag; schon ist der mißbrauchte Begriff des Heldentums den Zerstörern und Vernichtern entwunden und zurückgegeben denen, die um eines gütigen Zieles willen ihr Alles daransetzen im Dienste der Leidverminderung und des Aufbaues: den Forschern und Ärzten, den Schwestern und Pflegern, denen, die in gefahrvollen Berufen zum Wohle der Allgemeinheit ausharren, und den Rettern auf See und zu Lande, wie auch allen denen, die um der Gerechtigkeit willen zu leiden haben, und allen denen, die ihr Leid, sei es, was es wolle, gelassen ertragen, die, wie es unter Christen in alter großer Symbolik heißt, geduldig ihr Kreuz auf sich nehmen. Ihnen wird die große Sonne aufgehen, die heißt irdische und himmlische Freude. Das Böse, nein, es gebiert das Gute nicht, so wenig wie ein Haifisch Lämmlein wirft. Uns hilft nichts, als das Böse zu verachten und zu überwinden, es niederzuhalten und zu bewachen, damit es, das doch nicht abläßt, ewig in uns zu stacheln und zu schüren, nach Höllen- und Schadenfeuer lüstern, in seiner unzweifelhaften Urzeitkraft vernutzt werde, der weltbegehrten Steinkohle ähnlich, und unsere Freudenfeuer speise, die Stuben unseres Geistes zu heizen.

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Umfang:
50 S. 1 Illustration
ISBN:
9788711467534
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