Buch lesen: "Das Mädchen, welches auf das Brot trat"
Hans Christian Andersen
Das Mädchen, welches auf das Brot trat
Übersetzt Julius Reuscher
Saga
Das Mädchen, welches auf das Brot trat ÜbersetztJulius Reuscher Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1859, 2020 Hans Christian Andersen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726520477
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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Das Mädchen, welches auf das Brot trat.
Du hast wohl von dem Mädchen gehört, das auf Brot trat, um nicht seine Schuhe zu beschmutzen, und wie übel es ihm dann erging. Es ist sowohl geschrieben als auch gedruckt.
Es war ein armes Kind, stolz und hochmütig; es hatte von früh an schlechte Anlagen gezeigt. Als ganz kleines Mädchen belustigte es sich damit, Fliegen zu fangen, ihnen die Flügel auszureissen und sie dann kriechen zu lassen. Es fing Maikäfer und Mistkäfer, steckte jeden auf eine Nadel, hielt ihm dann ein grünes Blatt oder ein Stück Papier vor die Füsse, und das arme Tier klammerte sich daran fest und drehte und wendete sich, um von der Nadel zu kommen.
„Jetzt liest der Maikäfer!“ sagte die kleine Inger, „seht, wie er das Blatt umwendet!“
Als sie nun heranwuchs, wurde sie eher schlimmer als besser; aber schön war sie und das war ihr Unglück, denn sonst würde die Welt strenger gegen sie verfahren sein, als es geschah.
„Gegen dich müssen scharfe Zuchtmittel angewandt werden!“ sagte ihre eigene Mutter. „Als Kind hast du mir oft wehe getan, wenn du auf meinem Schosse spieltest; ich befürchte, wenn du erwachsen bist, wirst du meinem Herzen wehe tun.“
Und das tat sie leider.
Nun kam sie bei vornehmen Leuten auf dem Lande in Dienst; sie behandelten sie wie ihr eignes Kind, kleideten sie wie ein solches, und ihr Hochmut nahm zu.
Als ein Jahr verstrichen war, sagte ihre Herrschaft zu ihr: „Du solltest doch einmal deine Eltern besuchen, liebe Inger!“
Sie ging auch, aber nur um sich zu zeigen; sie sollten sehen, wie fein sie geworden war. Als sie aber den Eingang des Dorfes erreicht hatte und sah, wie die jungen Mädchen und Burschen an dem Teiche miteinander schwatzten, und gewahrte, dass ihre Mutter mit einem Bündel Brennholz, welches sie sich im Walde gesammelt hatte, auf einem Steine sass und sich ausruhte, da wandte Inger wieder um; sie schämte sich, dass sie, die so fein gekleidet war, ein solches Bettelweib, welches Holz sammelte, zur Mutter hätte. Es tat ihr gar nicht leid, dass sie sich umdrehte, sie war nur ärgerlich.
Nun verging wieder ein halbes Jahr.
,,Du solltest doch eines Tages nach Hause gehen und nach deinen alten Eltern sehen, liebe Inger!“ sagte ihre Hausfrau. ,,Da hast du ein grosses Weizenbrot, das kannst du ihnen mitnehmen; sie werden sich freuen, dich zu sehen.“
Inger zog ihr bestes Kleid und ihre neuen Schuhe an und ging sehr vorsichtig, um rein und fein an den Füssen zu bleiben, und daraus kann man ihr ja keinen Vorwurf machen. Als sie aber den Fusspfad erreichte, der über das Moor führte und auf dem eine ziemliche Strecke Wasser stand und sich eine grosse Pfütze gebildet hatte, warf sie das Brot in den Schmutz, um auf dasselbe zu treten und trockenen Fusses hinüberzukommen; aber während sie mit dem einen Fusse auf dem Brote stand und der andern erhob, sank das Brot mit ihr tiefer und tiefer, sie verschwand, und es war nur ein schwarzer blasentreibender Sumpf zu sehen.
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