Buch lesen: "Himmlisches Feuer"
"Der Himmel hatte die Farbe alter Knochen. Südwind trieb zerfetzte Wolken gegen die Gipfel der Weltenmauer. Der riesenhafte Gott hob seine sechs Arme. Kommt nur her, ihr Wurmtreter!"
Als am Himmel über dem fernen Serkan Katau ein neuer Stern aufgeht, deuten ihn die Mächtigen des Reiches voreilig als ein Zeichen, die von Legenden umrankten Blauen Götter anzugreifen. Einzig die Hohepriesterin Lü hegt Zweifel, doch sie hütet sich, diese offen kundzutun. Während die Schlacht ihren unheilvollen Lauf nimmt, geht himmlisches Feuer nieder. Der Kaiser flieht und läßt ein sterbendes Heer zurück. Zur selben Zeit nähert sich der entflohene Sklave Strolch dem Schlachtfeld. Noch ahnt er nicht, dass das Schicksal ihn an die Seite eines Blauen Gottes zwingt – und einer Frau zuführt, die ebenso leidenschaftlich liebt wie er ...
"Das größte deutsche Fantasy-Epos, das jemals geschrieben wurde." Wolfgang Hohlbein

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E s ist das Wesen weltumspannender und welterschütternder Ereignisse, daß auch ihre Wurzeln sich über die ganze Welt erstrecken. Dies ist mir – in aller Bescheidenheit – als einer der Vier bewußter als jedem anderen. Denn einer von uns stammte von einem Ort, der nicht weiter entfernt liegen könnte: von der anderen Seite dieser Welt, deren Naturgesetze und Grenzen so katastrophal verändert wurden.
Dieser eine war es, der aufgrund seiner Eigenart Zeuge der Ereignisse vom frühen Beginn bis zum Ende war – wiewohl gerade er selbst später in Frage stellte, dergleichen denn wirklich erlebt zu haben. Dieser eine war vielleicht der unbestechlichste Zeuge eines Beginns, der weiter zurückreicht als alles, was von Menschen überhaupt bezeugt werden kann – und zugleich war er denkbar ungeeignet als Zeuge für diese Chronik, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Erinnerungen festzuhalten: denn Erinnerungen, die schiere Vorstellung, daß etwas früher gewesen war, waren ihm fremd. Ja, dieser eine ist das beste Beispiel der vorliegenden Chronik für jenes Geheimnis, das Wahrträumer und wahr werdende Träume erzeugte – und zugleich ist seine Geschichte die größte Schwachstelle dieser Chronik, weil seine reine Erwähnung immer die Frage aufwirft, was ein Traum ist und ob er nicht selbst ein Traum war.«
SCHWESTER DOLORES,
CHRONIK EINER VERLORENEN ZEIT,
BD. 11, NIEDERGELEGT ZU CANTAMO
IM 540. JAHR DER ABWESENHEIT GOTTES
Der Blaue Gott
Der Unvollendete Palast, Serkan Katau,
am Morgen des 22. Tages im Vierten Mond im Jahr 472
der Blauen Götter
Der Himmel hatte die Farbe alter Knochen. Ein steifer Südwind trieb die zerfetzten grauen Wolken gegen die fernen Gipfel der Weltenmauer. Zwischen den Wolkenhaufen war der neue Stern zu sehen, eine Faust aus kaltem Licht, die heller als ein zweiter Mond inzwischen auch bei Tag leuchtete.
Der Blaue Gott stand unbeweglich auf dem Ringwall – wie eines jener Standbilder, die in beinahe jedem Tempel des Kontinents zu finden waren. Sein Gesicht war einem Alptraum entsprungen, den Kinder in ganz Serkan Katau geträumt hatten. Die tellergroßen Augen waren wie im Wahn aufgerissenen. Das Maul wirkte riesig genug, einen Unterarm zu verschlingen – und niemand auf der Welt zweifelte daran, daß der Blaue Gott ebendies auch jederzeit täte, wann immer er die Gelegenheit dazu bekäme. Aus dem Unterkiefer ragten, Dolchen gleich, zwei Stoßzähne bis hinauf zu den Nasenlöchern, welche unaufhörliche Tobsucht zu blähen schien.
Es hätte selbstmörderischen Mutes bedurft, dein Blauen Gott so nahe zu kommen, um zu bemerken, wie seine Augen sich bewegten. Aus der Nähe aber war unverkennbar, daß der glotzende Blick über die Ebene unter ihm schweifte. Irrlichternd glitt er über das gewaltige Heer, das den Unvollendeten Palast von allen Seiten umgab.
Der Marschtritt der letzten Aufstellung nehmenden Einheiten war verklungen. Doch das Knattern der roten Fahnen im Wind, das Rumpeln und Quietschen der Belagerungsmaschinen und Geschütze, die zahllosen kleinen Geräusche Hunderttausender Harnische und Waffen und das nervöse Schnauben Zehntausender Streitrösser vereinigten sich zu einem beunruhigenden Rauschen, das so stetig war wie die Stimme des Windes.
Schlagartig ging ein Ruck durch die kolossale Gestalt des Blauen Gottes. Sein metallener Lendenschurz klirrte. Die sechs Arme hoben drohend die monströsen Waffen. Und aus dem grotesken Maul dröhnte eine Stimme mit einer Lautstärke, die in der Tat geeignet schien, bis in die hintersten Reihen des feindlichen Heeres zu dringen: »Kommt nur her, ihr Wurmtreter, wenn ihr eine auf die Fresse haben wollt!«
Am Labyrinth
Grenzfestung Tartang Tung, das Labyrinth, Turga-Busch, nordöstliches Serkan Katau, nach der Großen Regenzeit im Jahr 471der Blauen Götter, zehn Monate vorher
»Sie werden durchbrechen!« Die Stimme des Waffenmeisters unter dem roten Maskenvisier klang erregt.
»Nicht solange du lebst, Waffenmeister!« antwortete Hauptmann Kang streng, ohne den Blick vom Feind zu wenden. Stählerne Gewißheit lag in seiner Stimme. Er haßte es, wenn ein Offizier vor seinen Kriegern Unruhe zeigte. Zu oft hatte er erlebt, wie diese Unruhe in den Kriegern Widerhall fand. Und er wußte, daß es sein Vorbild war, welches wiederum den Wachtmeistern und Waffenmeistern Sicherheit gab.
Aber natürlich hatte der Krieger recht. Wenn ihm nicht bald eine überraschende Lösung einfiele, würden die berittenen Turga durchbrechen. Kang hatte seine Leute ehrgeizig weit auseinandergezogen: fünfhundert Krieger fast über ein Läng verteilt, eine Manneslänge zwischen jedem Ziang.
»Es ist nun einmal schon fast Tradition«, sagte Kang grimmig hinter seinem Visier, »daß sie angreifen, wenn der Boden nach der Regenzeit wieder fest ist.«
Ein Stamm der Turga war auf seinen struppigen kleinen Pferden und schmutzigen Kamelen in das Labyrinth eingedrungen. Fast jedes Jahr beschloß ein Khan, die undurchdringlichen Mauern anzugreifen.
Irgendwann hatten die Buschreiter gemerkt, daß sie in die Falle geritten waren: Was wie eine Lücke zwischen zwei Festungen gewirkt hatte, war nichts anderes als eine Sackgasse innerhalb des Labyrinths. Nun sahen sie die Mauern, die sich dreitausend Götterfuß zur Linken und dreitausend Götterfuß zur Rechten erstreckten; vor ihnen ragte eine weitere Festung auf.
Kangs Faust bekam die gefährlichste Aufgabe zugeteilt: durch ein Tor hinaus zwischen die Mauern stürmen und eine Sperrlinie aus Lanzenträgern bilden. Es ging nicht darum, die Turga einzusperren, sondern sie aufzuhalten, bis die bereits verständigte Barbarenreiterei eintreffen und die Angreifer gegen die Mauern drängen würde, wo die Kreuzbogenschützen und Bambusschleudern die Horde zerschlügen.
»Hauptmann ...« Die Stimme des Ersten Wachtmeisters klang deutlich verunsichert.
Indessen griff die Unruhe von dem Glied auf den Finger über. Der turgische Kriegskhan hatte seine Brüder und Sippenhäuptlinge um sich geschart und beratschlagte – aber Kang wußte, daß die heißblütigen Buschreiter nie lange redeten. Gleich würde der Anführer den Ausbruch befehlen. Er hatte mindestens vierhundert Reiter hinter sich. Sie würden als Keil durch die katauekischen Lanzenträger fegen wie ein Kreuzbogenpfeil durch das Fell eines Kamels.
»Übernimm das Kommando, Erster Wachtmeister!« Kang gab seine Position auf, senkte die Standarte und schritt mit stolzen Kriegerschritten von seiner Linie fort.
»Komm her, Khan!« Kang klappte das Visier hoch und schrie so laut, daß ihn nicht nur die Turga, sondern auch möglichst all seine Leute hörten. »Oder bist du zu feige, allein gegen einen Lanzenkämpfer anzutreten?« Kangs Worte ertönten selbstverständlich in der Sprache des Reiches der Tugend; ein jeder Kataueke erwartete, daß man ihn verstand. Und der Khan hatte in der Tat genug verstanden, um sich mittels einiger Zügelhiebe aus dem Pulk seiner Berater zu befreien. Mit einem schrillen »Turga!« ging er zum Galopp über.
Kang lief ihm entgegen. Ein Zweikampf mußte in ausreichender Distanz zu allen anderen Kämpfern stattfinden. Gleichgültig, wie er ausginge – er würde die Turga eine kostbare achtel Stunde lang beschäftigen. Sie liebten es, ihre Kraft, ihren Mut und ihre Ehre zur Schau zu stellen. Sie haßten es, wenn sie ihre Herausforderungen zu den Mauern des Labyrinths hinauf johlten und die disziplinierten Ziangs des Länder überspannenden Feldes der Krieger nicht einmal antworteten. Diesmal hatten sie ihre Antwort.
»Turga!« Der Khan sprengte heran wie ein gereizter Wasserbüffel – ein Wasserbüffel mit Lederhaube, Tätowierungen und Nasenring. Sein Umhang aus Hundefell flatterte im Wind. Am Zaumzeug des struppigen kleinen Pferdes hingen mindestens vier Skalps. Er hielt die Zügel zwischen den Zähnen und hatte Wurfspeer und Krummsäbel erhoben. Den Hornbogen jedoch hatte er stecken lassen. Er zeigte deutlich, daß er einen ehrbaren Kampf begehrte – soweit es Ehre gab für einen Reiter, der einen Fußkämpfer angriff. Aber der Fußkämpfer war ein Standartenträger im kaum durchdringbaren roten Harnisch der Kataueken.
Der Wurf kam früher als erwartet, aber mit erschreckender Kraft: Beinahe schnurgerade flog der Speer heran. Kang wandte sich aus der Hüfte heraus zur Seite und wehrte den Speer mit dem Schaft ab. Die Spitze schrammte am Kachelpanzer über seine Brust hinweg, und der Schaft dröhnte schmerzhaft gegen das Maskenvisier.
Betäubt schüttelte Kang den Kopf, als der Turga auch schon herankam, den Krummsäbel über seinem Haupt kreisend. Die Zügel in der Linken, riß er das Pferd mit einem brutalen Ruck zur Seite.
Doch die Spitze von Kangs Standarte hatte nicht, wie erwartet, auf die Brust des Pferdes gezielt. Die Turga beschimpften die Kataueken als Feiglinge, weil sie ihre Pferde töteten. Kang aber waren Turga-Ehre und Tierliebe gleichgültig; für ihn galt die Finte.
Der Zusammenprall raubte beiden fast das Bewußtsein. Die Klinge schlitzte dem Khan Oberschenkel und Hüfte auf und riß ihn aus dem Sattel, während der Säbelhieb Kangs Helm sprengte. Der Hauptmann raffte sich auf, in den gepanzerten Fäusten einen gesplitterten Standartenschaft; ein Keil aus Eisenblech riß ihm die Kopfhaut auf, Blut troff ihm in die Augen. Der Khan wand sich am Boden, unfähig, sich zu erheben, aber den schartig geschlagenen Krummsäbel noch immer wie den Stachel eines Skorpions gereckt.
Ohne über einen Waffenwechsel auch nur nachzudenken, sprang Kang hinzu. Das Stück Holz in seiner Hand wehrte den ersten Säbelhieb ab, dann traf sein Tritt den Ellbogen des Turga, und ehe der sich herumwerfen konnte, trieb ihm der Krieger den geborstenen Schaft in den Hals.
»Die acht Künste des Tötens, auch mit Stock, Bein und Faust«, knurrte Kang grimmig, ehe ihm schwarz vor Augen wurde.
Entlassen
Innere Kammer der Grenzfestung Tartang Tung, vier Tage später
»Tugend! Hauptmann Kang lauscht deinem Befehl!« Mit einer einzigen Bewegung riß sich der muskulöse Offizier den rotlackierten Helm mit dem Maskenvisier vom Kopf und warf sich auf die Knie. Hier im Labyrinth, an der Grenze zu den Barbaren, legte man weniger Wert auf Umgangsformen denn auf schnelle Reaktionen. Trotzdem ein bißchen zu heftig, dachte Kang; er fühlte, daß der frisch verbundene Schnitt am Scheitel wieder aufgebrochen war.
Der General betrachtete den vor ihm knienden Offizier mit einem Schweigen, dessen Dauer Kang überraschte. Es wäre gewiß nicht sehr tugendhaft, wenn ihm nun Blut über das Gesicht ränne ...
»Der Edle kennt nicht nur die Tat, sondern auch den rechten Augenblick dafür«, sagte der alte Luchs, wie die Heerschar den General nannte. Kang kannte das Zitat; wie so viele, die einen wahren Krieger beschrieben, stammte auch dieses vom Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste.
Selbstverständlich hatten ihm die Wundärzte gleich nach dem Aufwachen Bericht erstattet: Die Turga hatten nach dem Zweikampf gezögert, besonders beeindruckt davon, daß beide Kontrahenten wie tot dagelegen waren. Schließlich waren sie doch durch die Reihe der Lanzenkämpfer gebrochen, aber sie hatten so viel Zeit verloren, daß die Barbarenreiterei, bestehend aus ihren bereits unterworfenen Vettern aus der Eroberung Turgatan, sie hatte zurückwerfen können. Dem Kessel aus Lanzenkämpfern und Reiterei war höchstens ein Viertel der Feinde entkommen.
»Kang hua Schiang«, sagte der Kommandant, »du bist entlassen.« Die Stimme drang metallisch gellend aus der Mundöffnung seiner Maske, aber ihr Klang war eigentümlich versöhnlich.
Nur ein winziges Zucken, irgendwo zwischen den unergründlich schwarzen Augen und dem dreifach gegabelten Bart, verriet, wie sehr dieser Satz Kang traf. »Und du hast Post aus der Stadt der Mantikoren.« Mit diesen Worten hob der alte Luchs eine scharlachrote Schriftrolle empor.
Kang zögerte kurz: Wie hatte er zu reagieren? Sonst warf man dem Untergebenen die schriftlichen Befehle zu, vom Himmel zur Erde, wie die Macht fließt. Das Scharlachrot jedoch hatte er noch nie anders gesehen als von der Hand eines knienden Boten emporgereicht in die Hand eines kommandierenden Offiziers. Er erhob sich daher ruckartig, hielt den Helm mit der Linken umfangen und streckte die Rechte dem General entgegen.
Als Kangs sehnige Finger die Hülle fühlten, erschauderte er: Seide ... Rote Seide! Ein Schreiben direkt aus Mantikor Leng, wo der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer das größte Reich der Welt regierte.
Der Plan desGöttergleichen
Hochtempel von Tschöng-Hau Leng, Serkan Katau, Westküste, ebenfalls im Sechsten Mond im Jahr 471 der Blauen Götter
»Was hat er getan?« Lü näng Huangos Stimme war schrill vor Verblüffung, wenn nicht gar Empörung. Ja, es war viel eher Empörung.
Nur einen Atemzug später wurde ihr bewußt, wie sehr ihr Ausbruch der Etikette zuwiderlief. Gefährlich – vor allem wenn man so über den direkten Willen des Göttergleichen sprach.
»Welch überaus überraschende Entscheidung des Herrn der Unwandelbaren Ordnung«, flötete sie, nun wieder gefaßter. Allein die hektischen Bewegungen ihres Fächers verrieten, welche Gefühle sie bedrängten. Nein, wie dumm. Nach all den Jahren des Aufstiegs sich angesichts dieser Nachricht solch eine Blöße zu geben ...
»Und wie gedenkt der Herr der Unwandelbaren Ordnung ...«, sie dehnte die Pause vor dem Zitat ins Unerträgliche, blickte versonnen aus dem Fenster und erkannte, daß dies nun wieder zu geringe Aufmerksamkeit zeitigte. Also schnellte sie herum und bemühte sich, so wenig anzüglich wie möglich zu fragen: »Wie gedenkt der Herr der Unwandelbaren Ordnung die Götter zu verspeisen?«
Fong-Kuoy näng Tschüeng war alles andere als ungefährlich. Und er war nicht bloß ein Bote aus Mantikor Leng, der Stadt der Mantikoren. Er war Lüs Vorgänger als Hohepriester Tschöng-Hau Lengs gewesen. Bis zu jenem gnadenreichen Tag, als ihn die Berufung zum Gesandten der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens erreicht hatte.
Lü war heute noch stolz auf ihre Intrige. Ja, sie hatte diesen Mann gehaßt: nicht nur für all die Abartigkeiten, die er ihr während ihrer Ausbildung zugemutet hatte, sondern auch dafür, daß er mit seinem feisten Leib jene Kammer besetzt hatte, nach der sie gestrebt hatte. Aber wie beseitigte man einen Qengtan, der fünfzehn Jahre mehr an Macht, Erfahrung und Verbündeten besaß und sich soeben damit abzufinden begann, daß die Innere Kammer des Hochtempels von Tschöng-Hau Leng Endpunkt seines Beamtenlebens sein würde?
Die Antwort war der Hohe Inspektor der Geheimen Kammer gewesen, der sich auf seiner Suche nach einer geeigneten Berufung dazu herabgelassen hatte, der Meinung einer begabten Herrin der Dritten Kammer Gehör zu schenken. Nun, er hatte mehr getan, als sich nur Lüs Meinung einzuholen. Lü dachte nur ungern an jene anderthalb Tage im Garten der Freuden zurück, wenn es auch der Tugendhafte Weg des Himmlischen Willens gewesen war, was dort geschehen war.
»Mit Macht«, riß Fong-Kuoys Antwort Lü aus ihren Gedanken. Ein gleichmütiges Lächeln lag über seinem rot geschminkten Gesicht. Täuschte sie sich, oder klang auch in seiner Stimme etwas Anzügliches mit? »Mit der überlegenen Macht seiner unbesiegten Heerscharen.« Nein, da war nichts Anzügliches. »Wie sein göttergleicher Ahnherr, der Kriegsherr der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste. Sein Name sei gesungen in jedem Wunsch, der zum Himmel steigt.« Wenn Fong-Kuoy Hintergedanken hatte bei diesem Satz, dann hatte er seine Stimme und seine Miene jedenfalls besser in der Gewalt als Lü.
»Natürlich wird der Herr der Unwandelbaren Ordnung nicht allein gegen die Blauen Götter kämpfen«, führte Fong-Kuoy weiter aus. Seine undurchdringlichen schwarzen Augen schienen Lü zu durchbohren. Bei ihren Ahnen! Er lauerte förmlich darauf, daß sie sich eine weitere Blöße gäbe.
»Die Kriegsherren der Inneren Kammer haben ihm acht mal acht mal acht mal acht Gefährten erwählt. Aus dem Länder überspannenden Feld der Krieger haben sie die würdigsten Helden ausgesucht, den Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer auf diesem Weg zu begleiten, so wie einst die acht Prinzen den Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, begleiteten.«
Wie dumm, wie unsäglich dumm. Lü näng Huango begriff, in welche Falle sie geeilt war. Fong-Kuoy war mit dieser Neuigkeit nur zu einem Zweck nach Tschöng-Hau Leng gekommen: um sie zu prüfen – um zu sehen, wie sie bei dieser gleichermaßen erfreulichen wie unglaublichen Nachricht reagierte. Und sie hatte versagt. Sie hatte die Gewalt über sich verloren, war vom Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens abgewichen und hatte gezeigt, daß sie nicht imstande war, eine Entscheidung von reichsweiter Bedeutung zu tragen und mit zu verantworten.
Aus! Fünfundzwanzig Jahre makellosen Aufstiegs umsonst. Vielleicht hatte sie soeben gar eine direkte Berufung in die Stadt der Mantikoren verspielt! Fong-Kuoy war nicht ihr Feind – ebensowenig, wie er ihr Freund war. Aber wenn er eine Verbündete für seinen Aufstieg in der Hauptstadt gesucht hatte, dann wußte er jetzt, daß sie nicht die geeignete wäre.
»Welchen Zeitpunkt«, fragte sie und hörte, wie verräterisch belegt ihre Stimme klang, »haben die Orakel bestimmt?«
Fong-Kuoys Lächeln blieb unverändert, ohne maskenhaft zu wirken. Lü mußte zugeben, daß er mit seinen über fünfzig Jahren eine überaus stattliche Erscheinung besaß: Er war feist wie die meisten Priester; seine runden Wangen unter der roten Schminke verliehen ihm den Ausdruck von Zufriedenheit. Die fleischigen Lippen verrieten Feinsinnigkeit und daß es für ihn nicht leicht war, Befriedigung zu finden. Mit der achtzackigen Schleierbandhaube wirkte er erhaben, dem Himmel ebensosehr verbunden wie der Erde. Lü fühlte erneut, wie tief sie diesen Mann gehaßt hatte.
»Die Orakel haben noch nicht endgültig gesprochen«, meinte Fong-Kuoy beiläufig, doch dann fügte er lauernd hinzu: »Natürlich bekunden sie alle das Wohlwollen des Himmlischen Willens für dieses bedeutende Unterfangen.«
»Das bedeutendste Unterfangen dieser Dynastie«, beeilte sich Lü zu ergänzen, »soweit ich das in aller Bescheidenheit beurteilen kann.«
»Dieser Dynastie – und der nächsten«, sagte Fong-Kuoy näng Tschüeng geheimnisvoll.
Lü hatte das Gefühl, sich wieder gefangen zu haben. Gleichmut, ermahnte sie sich. Nur nicht zu diensteifrig wirken. Aber das hörte sich nach höchster Politik an.
»Zweifellos wird diese Heldentat des Herrn der Unwandelbaren Ordnung auch die Annalen der nächsten Dynastie erleuchten«, bestätigte sie und ließ in den letzten Worten die Andeutung einer Frage erklingen.
Fong-Kuoys feiste Hand mit dem mächtigen Ringsiegel griff beiläufig nach der Teeschale. Vier Finger, vier Ringe, dachte sie. Das Siegel in Gestalt einer gravierten Jadeplatte überspannte die vier Finger der rechten Hand – so wie ihr eigenes. Seit Fong-Kuoy den Hochtempel betreten hatte, versuchte sie herauszufinden, ob er ein Zeichen der Geheimen Kammer trug. Sie streckte die Hand ebenfalls nach dem Tee aus.
»Es wird die Heldentat seiner Dynastie sein«, setzte Fong-Kuoy die Spiegelfechterei fort, »vielleicht sogar die begründende.« Er führte die zweite Hand zur Tasse, aber seine unergründlichen Augen durchbohrten Lü weiter. Diesmal war sie gefaßt. Eine neue Dynastie?
»Ist es das, was man in den Geheimen Kammern der Stadt der Mantikoren sagt?«
»Das ist, was man in den Inneren Kammern der Stadt der Mantikoren sagt.« Fong-Kuoys Lächeln schien um eine Winzigkeit breiter zu werden. Eine Schlag mit dem Fächer, begriff Lü langsam, mitten ins Gesicht. Dummchen, hatte er gesagt, das ist längst beschlossene Sache. Das weiß schon jeder leitende Beamte – außer denen, die so weit ab vom Schuß sind wie du. Er lachte sie aus. Aber das Lächeln hieß auch: Du hast ja mich. Du weißt es noch immer eher als die anderen Provinzpriester. Daher die wartende Teetasse.
Gehorsam umfaßte nun auch sie die Tasse mit beiden Händen. Sie haßte sich dafür. Fong-Kuoy hob seine Tasse und dankte der Erde in allen acht Himmelsrichtungen, bis er Lü zutrank. Ihre Bewegungen folgten seinen ohne erkennbares Zögern. Für einen Moment blitzte etwas in seinen dunklen Augen auf. Erinnerte er sich an die Lektionen, die er ihr erteilt hatte? Ja, darin war sie stets gut gewesen. Gehorsam und Anpassungsfähigkeit. Zuweilen hatten sie ihre Ambitionen so sehr verdeckt, daß Lü selbst sie vergessen geglaubt hatte. Aber die Leidenschaftlichkeit, die am Grund des Meeres ausharrte, hatte sich immer wieder Geltung verschafft.
»Der Himmlische Wille sei unser Wille«, sprach er den Priestersegen – und wie jedesmal gab er der Floskel einen Beiklang von Verheißung.
»Der Himmlische Wille sei unser Wille«, sagte auch Lü.