Buch lesen: "Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung"
Friedrich von Hellwald
Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066112547
Inhaltsverzeichnis
Vorwort.
I. Einleitung.
II. Die Geschlechter und der Paarungstrieb.
III. Werbesitten und Geschlechtsverkehr im Tierreiche.
IV. Das Familienleben der Tiere.
V. Naturmensch und Urmensch.
VI. Das Schamgefühl und dessen Äusserungen.
VII. Kuss und Liebe.
VIII. Der Geschlechtsverkehr in der Urzeit.
IX. Geschlechtsgenossenschaft und Muttergruppe.
X. Exogamie und Clanbildung.
XI. Entwicklungsbedingungen und Wesen des Matriarchats.
XII. Einrichtungen und Sitten im Matriarchat.
XIII. Die Bündnisformen im Matriarchat.
XIV. Die Polyandrie.
XV. Das Levirat.
XVI. Der Frauenraub und seine Folgen.
XVII. Die Phasen des Scheinraubs.
XVIII. Der Frauenkauf.
XIX. Kulturwirkungen des Frauenkaufs.
XX. Ausbildung des Patriarchates.
XXI. Die patriarchalische Vielweiberei.
XXII. Die Familie im Islâm.
XXIII. Der Harem.
XXIV. Zeitehen und wilde Ehen.
XXV. Entwicklung des Patriarchats in Indien.
XXVI. Clan- und Dorfverfassung.
XXVII. Der Geschlechter- oder Sippenverband.
XXVIII. Die Altfamilie.
XXIX. Entwicklung der modernen Ehe und Familie.
XXX. Rückblick und Ausblick.
Sach-Register.
Vorwort.
Inhaltsverzeichnis
Dem Buche, welches ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, habe ich nur wenige Worte voranzusenden. Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der menschlichen Familie ist in den jüngsten Jahren mehrfach erörtert und selbst in populärer Weise dargestellt worden. Ernste Forscher haben sich damit beschäftigt. Mein Buch, die Frucht langjähriger und eingehender Studien, wendet sich nun vornehmlich an die wissenschaftlichen Kreise und versucht mit Heranziehung besonders der vergleichenden Völkerkunde die bisher vorgebrachten Meinungen zu sichten, auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und auf diesem Wege ein Gebäude aufzurichten, welches dem dermaligen Stande unserer Kenntnisse sowohl von der Urzeit, als von der Gegenwart unseres Geschlechtes entspricht. Wenn in den verwickelten und in die mannigfachsten Gebiete einschlägigen Fragen, aus welchen die Geschichte der Familie sich zusammensetzt, der Ethnograph hauptsächlich zum Worte kommt, so möge dies in der Studienrichtung des Verfassers einige Entschuldigung finden. Ich glaube dies um so sicherer erhoffen zu dürfen, als eben die Völkerkunde, deren wachsende Bedeutung deswegen immer allgemeiner anerkannt wird, den erklärenden Schlüssel zu den meisten kulturgeschichtlichen Phänomenen und gesellschaftlichen Problemen verwahrt.
Tölz, im September 1888.
Der Verfasser.
I.
Einleitung.
Inhaltsverzeichnis

Durch die leibliche und sittliche Verbindung von Persönlichkeiten der beiden Geschlechter zur Wiederherstellung des ganzen Menschen — die Ehe — entsteht die Familie. Denn mit jener Wiederherstellung des ganzen Menschen ist zugleich die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes gegeben und die drei Elemente der Familie: Vater, Mutter und Kinder sind in ihr bereits vollständig vorausgesetzt. Die Familie ist darum der erste und engste Kreis, in welchem wir unser ganzes menschliches Wesen wiederfinden, uns in uns befriedigt und bei uns selbst daheim fühlen.“ Also spricht einer der bedeutendsten deutschen Kulturhistoriker, W. H. Riehl, in seinem Buche über die Familie[1], und da er fast ausschliesslich den Kulturmenschen und insbesondere den deutschen Kulturmenschen im Auge hat, so ist seine Definition ziemlich unantastbar. Er fährt indes fort: „Sie ist die ursprünglichste, urälteste menschlich-sittliche Genossenschaft, zugleich eine allgemein menschliche; denn mit der Sprache und dem religiösen Glauben finden wir die Familie bei allen Völkern der Erde wieder.“[2] Dem ist nun nicht so; nicht nur kennt die Völkerkunde familienlose Menschenstämme, sondern bei vielen, welche wir nicht als familienlos bezeichnen möchten, tritt das, was man etwa mit starker Dehnung des Begriffes als „Familie“ gelten lassen kann, unter sehr verschiedenen Formen auf, ja unter Formen, welche mitunter unseren heftigsten Abscheu erregen und gradezu das Gegenteil von der geheischten leiblichen und sittlichen Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechtes zu sein scheinen. Die Frage ist daher berechtigt, woher es kommt, dass uns Kulturmenschen der oben aufgestellte Begriff der Familie gewissermassen der einzig zulässige geworden und ob dem zu allen Zeiten so gewesen sei? Darin liegt aber die stillschweigende Anerkennung, dass auch die Familie, dieser Eckpfeiler unserer Gesittung und sozialen Anschauungen, kein Unwandelbares, weder eine göttliche Einrichtung, noch ein allgemein menschliches Bedürfnis sei. Über Ursprung und Entwicklung dieser allerwichtigsten unserer gesellschaftlichen Institute sollen nun die nachstehenden Blätter — Ergebnisse langjähriger ethnographischer Forschungen — einigen Aufschluss gewähren.
Ich will dabei ganz methodisch zu Werke gehen. Vater, Mutter und Kind bilden, wie oben bemerkt, die drei Elemente der Familie nach unseren Begriffen, und dabei spielt das Kind gewissermassen die Hauptrolle, denn erst mit seinem Erscheinen erweitert sich die Vereinigung von Mann und Frau zur „Familie“. „Haben Sie Familie?“ hört man fragen und meint damit, ob Kinder vorhanden seien. Von kinderlosen Ehepaaren sagen wir bedauernd, sie hätten „keine Familie“. Im weiteren Sinne lässt man zwar solche Ehepaare als Familien gelten, weil vorausgesetzt wird, dass jede Ehe behufs Begründung einer Familie zustande kommt; im eigentlichen Sinne aber werden sie nicht als Familie anerkannt, denn es fehlt ihnen dazu eben deren wesentlichstes Merkmal: die Nachkommenschaft. Da nun letztere erst eine Folge der Vereinigung zweier Personen verschiedenen Geschlechtes ist, welche Vereinigung in der Kulturwelt ihren anerkannten Ausdruck in der Ehe findet, so wird jede Untersuchung über die Geschichte der Familie notwendig eine solche über die Ehe einschliessen müssen. Weil aber die Ehe ihrerseits wiederum nur innerhalb bestimmter Gesittungskreise als Weihe des Geschlechtsverkehrs erachtet wird, so liegt uns zunächst die Aufgabe ob, diesem letzteren selbst in seinen wechselnden Formen bis auf jene untersten Stufen nachzuspüren, wo er sich als rein animale Verrichtung des menschlichen Organismus erweist. Im Geiste der Darwinschen Entwicklungslehre, welche eine qualitative Verschiedenheit zwischen menschlichem und tierischem Organismus nicht anzuerkennen vermag, glaube ich nun zu dem angedeuteten Zwecke zunächst einen flüchtigen Blick auf das organische Gattungsleben in der Tierwelt werfen zu sollen, der nicht ohne Nutzen für die späteren Untersuchungen bleiben dürfte.
[1] W. H. Riehl. Die Familie. Stuttgart, 1873. S. 115.
[2] A. a. O. S. 116.
II.
Die Geschlechter und der Paarungstrieb.
Inhaltsverzeichnis

Die Erhaltung der Art und in noch höherem Masse die Weiterbildung und Entwicklung derselben zu neuen Formen ist die wichtigste Sorge der Natur, welche zur Erreichung dieses ihres vornehmsten Zweckes des Kampfes ums Dasein sich bedient. Den höheren Geschöpfen wird dieser Kampf ums Dasein wesentlich erleichtert durch die Trennung der Geschlechter. Auf den niedrigsten Stufen des Tierreiches kommt sie noch nicht vor; sie tritt erst dort auf, wo der kunstvoll gebaute Organismus eine grössere Reihe von Verrichtungen zu vollziehen hat, um im Flusse des Geschehens dauernd aufrecht sich zu erhalten. Wo also ein Tier zu grösserer Anstrengung bestimmt ist, wo es arbeiten muss, um zu bestehen, wo es nicht mehr widerstandslos den Strom der Ereignisse auf sich eindringen lässt, sondern ihm sich entgegenstellt und in ihm eigene Bahnen zu verfolgen strebt, da erscheint die Trennung der Geschlechter, und zwar als eine Teilung der Arbeit, von der Natur zu ihrem Zwecke der Artenentwicklung geschaffen. Dem einen, dem weiblichen Wesen, ist die Sorge für die Nachkommenschaft, die Aufgabe der Erhaltung der Art übertragen; das andere, das männliche Individuum ist für die Entwicklung geschaffen; es ist bestimmt im Kampfe ums Dasein besondere Eigentümlichkeiten zu erwerben, diese dadurch, dass es auch am Geschäfte der Fortpflanzung sich beteiligt, den Nachkommen zu vererben und so eine allmähliche Steigerung der letzteren, die endliche Ausbildung neuer Charaktere, die Hervorbringung neuer Arten, zu ermöglichen.[3]
Dem entsprechend zeichnet sich fast das ganze Tierreich hindurch das männliche Geschlecht durch grössere Kraft und Beweglichkeit des Leibes, durch höhere Ausbildung der Sinne aus, ist auch mit grösserer Leidenschaftlichkeit begabt. Das weibliche Geschlecht erscheint unbeholfener und schwerfälliger in seinem Leibesbau; es ist behindert und gehemmt durch vielfache Einrichtungen zum Schutz und zur Pflege der Nachkommenschaft, und seinem geistigen Wesen nach zeigt es sich scheu und zurückhaltend. So ist es auch beim höchstorganisierten Lebewesen, dem Menschen. Um in ihm etwas anderes zu sehen, als den obersten und vornehmsten Vertreter der irdischen Tierwelt, muss man von metaphysischem Nektar berauscht sein, und nichts ist mehr als die vergleichende Physiologie geeignet in dieser Beziehung jeglichen Stolz zu dämpfen. Des Menschen ganze Organisation ist homolog derjenigen der höheren Tierarten. Er hat ein ähnliches Knochenskelett, ein ähnliches Gebiss, ein Muskel-, Nerven-, Verdauungssystem, wie es bei den Säugetieren sich vorfindet. Er ist fähig, ansteckende Krankheiten auf Tiere zu übertragen[4] und von diesen anzunehmen, wodurch sich erweist, dass eine grosse Ähnlichkeit zwischen dem Tier- und Menschenblute vorhanden sein muss. Die Affen werden in einem ähnlichen hilflosen Zustande geboren wie die Menschen, und die Völkerstämme in den Tropen kommen mitunter in demselben Alter zu einer gewissen Reife, wie einige hoch organisierte Vierhänder. Und wie bei letzteren Männchen und Weibchen auf den ersten Anblick nur ganz geringfügige Abweichungen im Körperbau aufweisen, so ist auch bei sehr vielen rohen Menschenstämmen das Weib vom Manne leiblich nur sehr wenig unterschieden. Von den nackten Insulanern auf Neubritannien erzählt Wilfred Powell, welcher drei Jahre unter diesen Kannibalen verweilte, dass die Frauen in einiger Entfernung schwer von den Männern zu unterscheiden seien.[5] Désiré Charnay bemerkt das Gleiche von den Lacandon-Indianern Mittelamerikas.[6] Negerinnen von unvermischtem Blute haben nur selten üppige Formen und ähneln in Bezug auf den Knochenbau in auffälliger Weise den Männern, so dass sie, aus einiger Entfernung gesehen, von diesen kaum zu unterscheiden sind. Das Nämliche gilt von einer ganzen Reihe niedriger Völkerstämme.
In diesem Zustande der Dinge bewirkt beim Menschen freilich eine zuweilen bis ins Gegenteil umschlagende Veränderung oder „Differenzierung“ den Hinzutritt jenes Etwas, das wiederum mit einem, in unserer Sprache nicht völlig sinnerschöpfend wiederzugebenden, Fremdworte als „Kultur“ bezeichnet wird. Die leibliche Differenzierung der Geschlechter bleibt desto geringer, je tiefer die betreffenden Stämme auf der Stufenleiter der Kulturentwicklung stehen; sie wächst mit dieser. Julius Lippert, ein geistvoller Forscher, hat recht scharfsinnig dargethan, wie das Fortschreiten von der in der Urzeit vorherrschenden Pflanzennahrung zur Fleischkost, wie die auf Erfindung von Waffen und Fangmethoden gegründete Jagd jene Differenzierung zuerst ermöglichte und damit die natürliche Scheidung der Geschlechter erweitern musste. Sowohl das Mädchen als Kind, wie das Weib als Mutter waren schlechte Jagdgenossen. Auf der Stufe der höheren, gefahrvolleren Jagd sondert sich die Erwerbs- und darnach auch die Nahrungsweise des Weibes von der des Mannes ab, und zweifellos hat schon in früherer Zeit diese Verschiedenheit der Ernährungsformen auch über die Gestaltung der untergeordneten, jüngeren (sekundären) Merkmale der Geschlechter hinaus ihren Einfluss üben müssen. Das längere Verharren bei der Pflanzenkost hat dem weiblichen Geschlechte das Merkmal des Zarteren, Schwächeren verliehen, was im Durchschnittsmasse der Körpergrösse, in Muskulatur und Stärke sich ausspricht, bei einigen Stämmen, wie beispielsweise den nordamerikanischen Indianern, so sehr, dass — ganz im Gegensatze zu den oben gemeldeten, ursprünglicheren Erscheinungen — die beiden Geschlechter desselben Volkes wie zwei verschiedenen Rassen angehörend aussehen.[7] Aber nicht bloss die Nahrung, sondern auch andere Momente können eine Rolle in der Differenzierung der Geschlechter spielen. Die Erbreiterung des durch seine Schmalheit auffallenden weiblichen Beckens und sonstige Ausbildung des Körpers bei den Negerinnen scheint z. B. Herrn Hugo Zöller durch eine wenn auch noch unbedeutende Beimischung europäischen Blutes begünstigt zu werden, darnach zu urteilen, dass die meisten Mulattinnen fast übermässig stark entwickelte Körperformen besitzen.[8] Man darf also füglich sagen, dass die leibliche Differenzierung der Geschlechter mit ihrer jeweiligen Kulturentwicklung gleichen Schritt halte.
Wie ähnlich oder verschieden nun männliche und weibliche Geschöpfe sein mögen, stets ergänzen sie einander und bilden in ihrer Vereinigung erst das rechte, wahre Individuum. Zu dieser Vereinigung werden sie aber durch den mächtigsten Drang getrieben:
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sich das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe
singt Friedrich Schiller und fasst in diesen wenigen Worten mit scharfem Blicke die zwei Haupttriebfedern des Thuns und Lassens der Lebewesen zusammen. Der mächtigste Urheber alles Fortschrittes ist sonder Zweifel der Hunger gewesen, denn das Nahrungsbedürfnis kehrt stets in kurzen Zeiträumen wieder und lässt sich darüber hinaus nur schwer und dann nicht lange beschwichtigen. Überall auf Erden geht der Geschöpfe erstes Sinnen und Trachten auf Stillung des Hungers aus, und welche Eroberungen verdankt die Menschheit nicht diesem allgewaltigen Triebe! Jagd, Fischfang, Ackerbau, ja eine Menge von Industriezweigen und selbst von gesellschaftlichen Einrichtungen haben keine andre Ursache, als den Stachel des Hungers.
Nächst dem Hunger der mächtigste Tyrann der organischen Welt ist der Geschlechts- oder Paarungstrieb, welcher die Geschlechter einander in die Arme führt. Ernährung, Kreislauf, Atmung, Ab- und Aussonderungen sorgen für die Erhaltung des Individuums. Zur Erhaltung der Gattung führt die Zeugung (Generatio), welche in der Pflanze auf einer Notwendigkeit, im Tiere auf einem Instinkte beruht, im Menschen ein durch die Dazwischenkunft des Geistigen veredelbarer Trieb ist,[9] zur Liebe werden kann, von der Schiller spricht und die Dichter aller Zeiten singen. Dem Paarungstriebe sind in einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung ausnahmslos alle normal gebildeten Individuen der höheren Tierarten unterworfen; er ist mit einem Worte ein Naturgesetz. Auf einer untersten Stufe ist dem Geschöpfe, nicht als Individuum, sondern in Anbetracht seiner Erhaltung, nichts so sehr von Nutzen, als dass durch unvermitteltes Nervenspiel dem Anreize zur Fortpflanzung sofort die entsprechende Thätigkeit der Bewegungsnerven folge. Der Mensch bewahrt noch unverloren dieses alte Erbe. Das Zeugungsgeschäft (Coitus) ist eine reflexive, automatische Bewegung, welche man ererbt und welche sich vollzieht wie das Atmen und Milchsaugen aus dem mütterlichen Busen. Werden ein mannbarer Mann und ein eben solches Weib, so führt Paolo Mantegazza, der gefeierte Florentiner Anthropologe, aus, mögen sie noch so unschuldig sein, sich selbst überlassen, so werden sie, nachdem sie sich einander genähert haben, ohne es fast zu wissen, den Weg finden, durch den ein neues Geschöpf in das Leben gerufen wird.[10] Plato hat den Träger des Geschlechtssinnes deshalb nicht mit Unrecht als ein Tier für sich innerhalb des Menschen bezeichnet; so selbständig erschien ihm sein Verhalten unter Abweisung des Einflusses der „oberen Seelen“, so überwiegend wirksam erscheint hier noch der ererbte Instinkt aus der Zeit primitivster Sorge für die Erhaltung des Lebens der Art.[11] Man nennt daher diesen Paarungs- oder Begattungstrieb auch den „Zeugungstrieb“, insoferne als dessen Befriedigung normal das Entstehen von Nachkommenschaft zur Folge hat. Doch möchte ich letztere Benennung weniger bevorzugen, weil in ihr der Sinn zu schlummern scheint, als ob die Zeugung der von den Individuen beabsichtigte Zweck ihrer Vereinigung wäre. Dies ist aber durchaus nicht der Fall.
Die Vereinigung der Tiere erfolgt instinktiv; sie dienen in derselben nicht sich, nicht ihrem eigenen Nutzen, sondern sie folgen unbewusst den Zwecken der Natur. Freilich wird der Geschlechtstrieb befriedigt, dessen Unterdrückung für das Geschöpf die schwersten Schädigungen herbeiführen kann und somit einfach widernatürlich ist. Das vornehmste Wesen der Schöpfung vermag allerdings, wenn zum Kulturmenschen emporgestiegen und auf der höchsten Staffel der Gesittung, diesen Naturtrieb zu zügeln, einzuschränken und unter Umständen zu unterdrücken, ohne gegen seinen Organismus allzu empfindlich zu freveln, wie ja die fortschreitende Kultur so manche Äusserung unseres tierischen Seins zu bemeistern versteht. Auf niedrigen Entwicklungsstufen und in der Tierwelt fehlt die den Trieb bändigende Vernunft. Da aber dieser Trieb an sich nicht dem Tiere, sondern nur den Zwecken der Natur dient, so kann seine Befriedigung nicht als eigentlich nützlich angenommen werden. Er erweist sich im Gegenteil in seinen Folgen als geradezu nachteilig. Schon die Erzeugung der Nachkommenschaft ist dem weiblichen Individuum eine schwere Last. Die Pflege derselben erfordert von den Eltern, mag sie nun von beiden in gemeinsamer Thätigkeit oder von einem derselben allein geübt werden, eine grosse Aufopferung, das häufige Hintansetzen des eigenen Wohlergehens eine persönliche Schädigung, die durchaus nicht in dem Gefühl der Liebe der Eltern für ihre Jungen einen Ausgleich finden kann. In den Nachkommen endlich erwachsen den Eltern die ärgsten Feinde. Denn da gerade sie mit diesen unter den gleichen Verhältnissen leben, so verkümmern sie ihnen am meisten den Lebensunterhalt, so treten sie mit ihnen am unmittelbarsten in den Kampf ums Dasein ein.[12] Dies gilt mit gleicher Schärfe, wie von den Tieren, vom Menschen auf niederer Entwicklungsstufe und, wenn auch vielfach abgeschwächt, gemildert und in veränderter, unauffälliger Form, selbst in den Kreisen fortgeschrittenster Gesittung. Auch da wird gar oft Kindersegen zum Unheil der Erzeuger. Wenn man trotzdem gar häufig solche unter der Kinderlast seufzenden, auch wohl zusammenbrechenden Paare beharrlich mit der Vermehrung ihrer Nachkommenschaft beschäftigt sieht, so muss dies einen Beweggrund haben, welchem die Willenskraft nur sehr schwer und selten zu widerstehen vermag. Das Zeugungsgeschäft ist nämlich, wie man weiss, mit einem sinnlichen Reize verbunden, dem heftigsten, berauschendsten, den man kennt, und die Steigerung des Lustgefühls hält in Form und Wirksamkeit (Intensität) gleichen Schritt mit der Entwicklung der diesem Zwecke dienenden Organe, sowie der Vervollkommnung der Nervencentren. Wie in so vielen anderen Dingen scheint der Mensch auch in den Freuden des Geschlechtsgenusses am reichlichsten bedacht. Ist es doch, als ob die Natur alle ihre Schätze verschwenden wollte, indem sie die Annäherung der Geschlechter mit allen erdenklichen Reizen ausstattet, gleichsam um den Mann zu entschädigen für den Verlust so vieler Kräfte, das Weib aber für die unsäglichen Schmerzen und Opfer, deren Preis eben die kurzen Augenblicke sinnlicher Glückseligkeit sind.[13] Diesen Taumel physischer Wollust, zu deren Beschreibung keine Sprache Worte hat und den der schwache Mensch nicht zu ertragen vermöchte, wenn er von längerer Dauer wäre, dies und nur dies allein erstrebt der seinem inneren Wesen nach völlig blinde Paarungstrieb, und man darf dreist behaupten, dass ohne den Köder dieser wichtigen Beigabe das Zeugungsgeschäft nimmer die Macht eines Naturgesetzes ausüben würde und könnte. Dem „Wilden“ — wenn ich mich dieses unzutreffenden Ausdruckes bedienen darf — gilt wenigstens die Zeugung für eine Beigabe der Geschlechtswonnen, nicht umgekehrt; für eine Beigabe, die oft weder erwünscht, noch viel weniger beabsichtigt ist. Beweis dafür die sinnreichen Versuche so vieler ungesitteter Völker, auf künstliche Art den Genuss sich zu sichern, dessen lästige Folgen, die Nachkommenschaft, aber zu verhüten. Bei den barbarischen Völkern Guyanas, wie bei den halbzivilisierten Bewohnern der Südseeinseln giebt es viele junge Weiber, die nicht Mütter werden wollen und zu diesem Behufe nach Alexander von Humboldts Zeugnis giftige Kräuter gebrauchen.[14]
Im allgemeinen dürfte jedoch dem Urteile nicht zu widersprechen sein, dass bei niedrigen Menschenstämmen und unter normalen sozialen Verhältnissen der erotische Antrieb, der Paarungstrieb — wie auch in der Tierwelt — ein beschränkterer sei, als auf höheren Staffeln der Gesittung.[15] Einen sehr verwandten Gedanken spricht Cesare Lombroso[16] aus, ein hervorragender Kriminalstatistiker des modernen Italien. Es dünkt mir indessen auch eine, zwar keines direkten Beweises fähige, aber sonst nicht ganz unstatthafte Vermutung, dass die sinnlichen Freuden ihrerseits einer Entwicklung, einer Steigerung fähig seien und dass unsere urgeschichtlichen Vorfahren dieselben nicht in dem gleichen Grade empfunden haben, wie spätere, feiner ausgebildete Geschlechter. Niemand wird im Ernste bestreiten wollen, dass mit wachsender Gesittung auch das menschliche Nervensystem sich verfeinere. Man blicke nur zurück auf die Zustände innerhalb der europäischen Kulturnationen noch vor wenigen Jahrhunderten; unwillkürlich drängt die Überzeugung sich auf, dass die Menschen der Gegenwart wahrscheinlich anders geartet sind als ihre Vorgänger. Es scheint wirklich, dass der physikalische Charakter der Menschheit im Laufe der Zeit sich wesentlich verändert hat, und es unterliegt keinem Zweifel, dass das Blut und die Säfte des Menschen früher die vorherrschende Rolle spielten, während es jetzt die Nerven sind, die fast ausschliesslich den Körper der Europäer, sowie der Weissen in Nordamerika beherrschen. Gröber angelegte Wesen vermögen aber Lust und Schmerz[17] nicht in gleich wirksamer Weise zu empfinden, wie die feiner organisierten. Alexander von Humboldt bezeugt, dass die ungemein schmerzhaften Stiche und Bisse der Moskiten von den Indianern Südamerikas weit weniger als von den Europäern empfunden werden, denn Grad und Dauer des Schmerzes hängen von der Reizbarkeit des Nervensystems der Haut ab.[18] Leutnant Mage, der mit Dr. Quintin mehreren mörderischen Gefechten gegen die Bambarra beiwohnte, hatte dabei Gelegenheit wiederholt zu beobachten, — so sagt er selbst — wie viel weniger entwickelt oder vielmehr wie viel weniger empfindlich das Nervensystem der Neger ist als das unsrige, woraus es sich erklärt, dass sie auch schwerere Operationen so leicht ertragen.[19] Freilich stehen über die Empfindung der Lust noch weit weniger Beobachtungen zu Gebote als über den Schmerz, der sich zu äussern viel mehr Gelegenheit findet. Indes hat der leider der Wissenschaft zu rasch entrissene Paul Broca an den Schädeln der Pariser Katakomben den Nachweis geliefert, in welchem Masse das Volumen derselben innerhalb sechs Jahrhunderte, d. h. mit Fortschreiten der Gesittung sich vergrössert habe. Es hiesse aber aller Analogie ins Gesicht schlagen, wollte man für das Nervensystem verneinen, was für den Behälter unseres Denkvermögens sich nicht bestreiten lässt. Anthropologische Messungen haben auch ergeben, dass Grösse und Gewicht des Gehirns mit der erklommenen Kulturstufe gewissermassen Schritt halten, derart, dass die höchstgestiegenen Rassen sich auch der grössten und schwersten Gehirne erfreuen, während bei niedrigen Stämmen das Umgekehrte eintritt. Der geschätzte Anatom und Physiologe Th. Bischoff hat in einem neueren Werke[20] nachgewiesen, so weit dies die noch unzulänglichen Materialien gestatten, dass: während das mittlere Hirngewicht bei allen gesitteten Nationen so ziemlich das gleiche zu sein scheint, das der niederen Negerrassen in der That nicht nur ein geringeres ist, sondern auch geringere Unterschiede in Beziehung auf die Geschlechter und die Individuen darbietet. Zu gleichen und manchen anderen überraschenden Ergebnissen gelangt auch Dr. Gustave Le Bon in einer ungemein fleissigen, auf sorgfältigen Messungen beruhenden Arbeit.[21] Innerhalb der Kulturwelt haben wiederum, wie der Pariser Gelehrte ziffermässig darthut, die geistig thätigeren Klassen durchschnittlich die grössten Gehirnmassen, wie der Schädelumfang zu schliessen gestattet.[22] Wird auch das geistige Vermögen nicht ohne weiteres von der Massigkeit des Gehirns beherrscht, so bilden doch den bisherigen Befunden zufolge bei geistig hervorragenden Individuen grössere Gehirnmengen zwar keine ausnahmslose Regel, aber doch die entschiedene Mehrzahl, und da das Nervensystem mit den enkephalen Zuständen innig zusammenhängt, so ist es vielleicht nicht unerlaubt zu schliessen, dass jene Geistesriesen auch nervös feiner organisiert sind, d. h. Lust und Schmerz lebhafter empfinden als andre. Vielleicht erklärt sich dadurch, dass gerade solche Individuen, wie Napoleon oder ein Goethe, erotischen Freuden ganz besonders zugethan sind. Bekanntlich bestehen auch innerhalb eines und desselben Kulturvolkes, je nach seinen verschiedenen Schichten, starke Abstufungen der individuellen Nervenorganisation. Was nun für die einzelnen richtig ist, gilt wohl auch für die verschiedenen Stämme, Völker und Rassen.
Möge indes der Sinnengenuss einer Steigerung fähig sein oder nicht, stets ist derselbe gross genug, um allen Lebewesen als begehrenswertestes Ziel zu winken. Dabei ist es immer das Männchen, welches den Dingen entgegenstürmt, oft des erhofften Genusses wegen Gefahren des Lebens sich aussetzt, während das Weibchen sich scheu zurückzieht und dem Strome des Geschehens auszuweichen sucht. „Jeder Jäger,“ bemerkt ein bewährter Naturforscher,[23] „kennt das Sprengen bei Reh und Hirsch: das weibliche Thier flieht, das männliche verfolgt — dasselbe Verhältnis, wie zwischen Raubtier und Beute. Mir ist kein Tier bekannt, bei welchem das weibliche Geschlecht das verfolgende, überwältigende, das männliche das verfolgte und Widerstand leistende wäre; es ist stets umgekehrt, auch in solchen Fällen, in denen, wie bei den Spinnen, das weibliche Tier das stärkere ist und nach der Begattung oft genug das Männchen auffrisst. Trotz aller Maskierung, die der Instinkt beim Menschen durch erzieherische Einflüsse erfährt, verleugnet sich dasselbe auch bei ihm nicht: die Sprödigkeit ist eine Eigenschaft des Weibes, die Zudringlichkeit kommt dem Manne zu.“ Und dieses Verhältnis gelangt, wie ich bemerken möchte, auch schon zu deutlichem Ausdruck in dem anatomischen Bau der beiden Geschlechter, welcher dem männlichen Zeugungsapparat eine bevorzugte, zum Angriff geeignete Stellung anweist, während er den weiblichen in der Tiefe des Beckens verbirgt und die Wahrung desselben gegen unerwünschte Angriffe ermöglicht. Nur mit Gewalt kann das widerstrebende Weib bezwungen werden, daher bleibt es von Natur aus der gewährende Teil, physisch wie moralisch. Alle Phänomene, welche der Vereinigung der Geschlechter vorangehen, laufen darauf hinaus, dass dem Weibe von Haus aus die Aufgabe zufiel, eine gewisse zeitlang die Angriffe des Mannes zu vereiteln, indem es einen für beide Teile schweren Strauss kämpft, welcher den Sieg desto köstlicher erscheinen lässt, je heftiger und hartnäckiger der Widerstand war. Das Weib des Wilden, vom Manne verfolgt, flüchtet und verbirgt sich, während die europäische Jungfrau mit den Waffen der Schamhaftigkeit und Züchtigkeit das glühende Verlangen des Geliebten reizt und steigert, welchem sie erst nach harten Proben sich überlässt.[24]
Der Paarungstrieb spielt in der menschlichen wie in der tierischen Gesellschaft auch um deswillen eine hochwichtige Rolle, weil seine Befriedigung bei den höher organisierten Geschöpfen ein mehr oder minder langes Zusammenleben nach sich zieht. Gewiss ist letzteres meist bloss zeitweilig; die zum Aufziehen der Jungen erforderliche Frist bestimmt im günstigsten Falle dessen Dauer. Wie kurz aber auch ein solches Zusammenleben bemessen sein möge, so zwingt dasselbe doch jedes höhere Wesen auf den oder die Gefährten Rücksicht zu nehmen, sie zu schonen, ja oft um deren Gunst zu buhlen. Aus dieser notwendigen Gemeinschaft entspringen, insbesondere wenn die beiden Geschlechter um die Pflege der Jungen sich bekümmern, Neigungsgefühle, moralische Bande und soziale Gewohnheiten.
[3] Dr. Herm. Frerichs. Zur Naturgeschichte des Menschen. Norden. 1886. S. 97–100.
[4] Dr. Otto Mohnicke teilt einen Fall mit, wo die dem Menschen für spezifisch eigentümlich geltende Krankheit der Pocken auf einen Gibbon übertragen wurde. (Ausland 1872, S. 800–801).
[5] Wilfred Powell. Unter den Kannibalen von Neubritannien. Drei Wanderjahre durch ein wildes Land. Leipzig, 1884. S. 123.
[6] Désiré Charnay. Les anciennes villes du Nouveau Monde. Paris, 1885. S. 399.
[7] Julius Lippert. Kulturgeschichte der Menschheit in ihrem organischen Aufbau. Stuttgart, 1886. Bd. I. S. 64–65.