Buch lesen: "Nachmittag eines Reporters"

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Franz Dobler

Nachmittag eines Reporters

Short Stories Album

FUEGO

– Über dieses Buch –

NACHMITTAG EINES REPORTERS erschien 1998 in Michael Farins Münchner Verlag edition belleville und hatte zwei Auflagen.

In Der Spiegel 28/1998 hieß es dazu: »Seine Geschichten strahlen eine betörende Melancholie aus, sie klingen wie der wehmütige Blues aus einem Amerika, das es schon lange nicht mehr gibt, und sie sind ungeheuer komisch ... im Nachmittag eines Reporters erweist sich Franz Dobler als Meister der genau dosierten Ironie und eines fröhlichen Sarkasmus: In den Geschichten spiegeln sich Deutschland und seine Bewohner in so schönen erdigen Farben, als betrachte der Erzähler sie durch ein gut gefülltes Whiskeyglas.«

Und in der Süddeutschen Zeitung vom 27.10.1998: »Man hat den Eindruck, Dobler entgeht keine Lüge, kein Vorurteil, keine Falschmeldung. Er flaniert durch die Politik, die Medien, den Kulturbetrieb, das eigene Gemäuer und präsentiert vergnügt seine Funde. Gelegentlich sucht er im Heuhaufen nach einigen Gerechten, wobei er durchaus romantisch werden kann. Sein Maß ist die Sprache, die, wie es einmal heißt, Geliebte. Wo sie Fakten verdreht, vertuscht oder leugnet, teilt er aus, nicht etwa puristisch, sondern freisinnig. Die Mittel seiner Wahl sind in der Hauptsache: ein artistischer Balanceakt zwischen ironischem Imitieren von B-Productions- und eigener Alltags-U-Sprache, knallige Wortwechsel, fixe Assoziationen, das sich selbst oder in Gegenüberstellung enttarnende Zitat, abgefälschte Wiederholungen, echte running gags, lebende Bilder (›das Gespräch war ein guter Bekannter von uns‹ oder ›der Artikel kam angeschlichen‹), Bonmots à la ›Spencergirl‹, Kalauer (›un paparazzo pappa la pappa, in Padua wird der Satz nicht zu hören sein‹), Musik in den Sätzen. Manchmal strengt sich Dobler arg an, alles unter einen Hut zu bringen, dann prahlt er, wie gut er die Instrumente beherrscht. Es ist eine Freude, Franz Dobler zu lesen.«


little italy hemd

Ich brauche keinen Kummer nicht

davon hatt ich schon genug

Nils Koppruch (Fink)

In einer unscheinbaren Straße im New Yorker Stadtteil Little Italy betreibt ein Mann sein Geschäft in einem Haus, das nicht so aussieht, als wäre jemals ein Hunderter drin gewesen. Der Zustand des Verkaufsraums bringt einen eher auf den Gedanken, dass die Leute vom Abteilungsleiter des Großen Vaters grade eine Visite gemacht haben – und sie müssen sehr, sehr ärgerlich gewesen sein.

Das sind die faulen Tricks von Joe Savani, der in angeblich mühsamer Handarbeit etwas fertigt, das fast so exklusiv ist, wie der Gattin des Präsidenten auf der Damentoilette ein Taschentuch reichen zu dürfen. Savani macht keine Werbung, er legt keinen Wert auf Berühmtheit, und viele seiner Kunden werden wie Abschaum behandelt, heißt es, besonders wenn sie aus einem gewissen Land in Europa kommen. Ich kann das bestätigen.

Es hatte mich eine Menge Zeit und Mühe gekostet, bis ich endlich an den Mann rangekommen war, der sich auskannte. Endlich waren wir soweit – der Zettel mit der Adresse von Savani fiel in meine Hand.

»Aber kauf dir dein blödes Scheißhemd mal lieber bei Karstadt«, hatte er herablassend gesagt.

»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte ich.

»Wärst nicht der Erste, der was in die Rübe bekommt, bevor du wieder draußen bist aus Little Italy. Sein Vater und ein Onkel, die sind beide von den Nazis gekillt worden.«

»Was soll’n das mit mir zu tun haben.«

»Das frag ihn.«

Er benahm sich, als würde ihn der Italiener anrufen, wenn es was zu regeln gab, aber ich wusste, dass er selber das Geschäft noch nie betreten und noch nie Kontakt mit Savani gehabt hatte. Er war ein kleines Licht. Dass er diese Adresse hatte, war das Kriegsabenteuer seines Lebens.

Ich bedankte mich kühl für die Information, bestellte noch mal dasselbe für ihn mit einer Geste, die ihn beleidigt hätte, wenn er sie mitbekommen hätte, legte ausreichend Scheine auf die Theke und kassierte für Alles von der Bardame, die ihren Bauchnabel mit einer Perle geschmückt hatte.

Die Bardame war fast so gelungen wie die beiden Geschöpfe, von denen man bei Savani nach seinen Wünschen gefragt wird. Die eine packte mein Hemd ein, und die andere steckte meine Kreditkarte in den Schlitz. Für sie war ich so was wie ein zappelnder Fisch, der einem Probleme bereitet auf den glitschigen Planken und den man mit den Stiefeln zu dem totgeschlagenen Haufen rüber schiebt.

Eine Schiebetür ging auf, und da stand er, Mr. Joe Savani. Er sah aus, als würde er aus jedem Stoff Gold machen können. Er sah mich zwar nicht an wie den Mann, der Vater und Onkel ermordet hatte, aber als würde er mich verdächtigen, ich hätte dabei zugesehen.

»Ich würde es zu schätzen wissen«, sagte er, »wenn Sie diese Adresse vergessen haben, sobald Sie wieder durch diese Tür gegangen sind.«

»Oh, kein Problem, Mister Savani, es ist mir übrigens, wenn ich so sagen darf, eine große Ehre ...«

»Ehre!? Kein Problem!? Jede gottverdammte Arschgeige aus ihrem verfluchten Drecksland bitte ich, diese Adresse zu vergessen! Und einen Monat später steht wieder einer hier! Ich will in meinem Laden keine Germans haben!«

»Ich versteh Sie, aber ...«

Schon war die Schiebetür mit einem leisen Klick wieder geschlossen. Ich stand da wie bespuckt und schaute die beiden Damen hilfesuchend an. Ich fragte mich, warum man mir das Hemd verkauft hatte. Ich suchte nach ein paar richtigen Worten, aber es war sinnlos. Voller Ekel warfen sie meine Sachen auf den Tisch.

»Verschwinde endlich. Die Menschen in Little Italy werden nervös, wenn es dunkel wird.«

»Ja, du Arsch, verpiss dich endlich, geh nach Hause und fick deine Mutter weiter!«

»Ich würd’s tun, wenn sie so aussehn würde wie du«, sagte ich, während ich rückwärts zur Tür ging.

Diese Art mit Leuten umzuspringen war mir nicht neu, und ich hatte sogar was übrig dafür und deshalb nur kurz einen bitteren Nachgeschmack deswegen. Schon im Flugzeug war die Freude über das Hemd stärker – diesen Makel, dass ich deswegen gedemütigt worden war, hatte es dennoch.

Mit der Zeit wurde mir dann klar, dass diese Kombination aus Freude und Ärger untrennbar mit dem Stoff verknüpft war. Das ist wie eine schöne Frau zu haben – es stehen immer zu viele Typen herum, die dir am liebsten ein Loch reinmachen würden, um in ihres zu kommen. Und so was Ähnliches passierte dann ein halbes Jahr später, nachts an der bayerischen Grenze kurz vor Würzburg.

Das Radio sagte: »Die Deutsche Wehrmacht hat nicht mehr Dreck am Stecken als die Videogruppe eines Mädcheninternats.«

Im nächsten Moment tauchten über dem Stern meines Mercedes Benz die Lichter der Grenzstation auf. Ich hatte die Meldungen zwar mitbekommen, aber es hatte sich irgendwie nicht richtig in meinem Kopf festgesetzt, dass sie die Grenze jetzt wieder kontrollierten. Als ich auf die Bremse trat, war es fast zu spät, und als die beiden Jungs angerannt kamen, waren sie sauer. Ich hatte ihnen einen Schreck eingejagt.

Ich ließ das Fenster ganz runter und entschuldigte mich, noch bevor sie aus der Buchstabensuppe in ihrem Gehirn was Passendes rausfischen konnten. Sie sagten nichts, sie waren gekränkt, und ihr rasendes Herz setzte ihnen zu.

Mit einer einfachen Handbewegung wurde nach meinen Papieren verlangt. Der andere fing an, den Wagen zu mustern, und wie immer in solchen Situationen, hatte ich sofort das Gefühl, was in der Nase zu haben oder eine Zigarette zu benötigen – es schien mir besser, jetzt nicht ins Jackett zu greifen. Dann ging der mit meinen Papieren ins Haus, und sein Kamerad befahl mir, die Innenbeleuchtung zu aktivieren.

»Da haben wir aber ein schickes Hemd an.«

»Joe Savani, New York«, sagte ich.

Um nicht hochnäsig zu erscheinen, fügte ich hinzu: »Hemden und Schuhe, das sind doch die einzigen Sachen, wovon diese Spaghettis wirklich Ahnung haben, finden Sie nicht?«

»Oh, tatsächlich, ein Hemd von Savani?«

»Sie haben davon gehört?«

»Meine Frau. Was im Fernsehen.«

»Sollte man tiefer hängen, fühlt sich keine Spur anders an als ’n Hemd von Karstadt.«

Dann kam sein Kamerad zurück, und er sagte zu ihm: »Sieh dir mal dieses Hemd an! Joe Savani, New York. Für dein Monatsgehalt kriegst du wahrscheinlich nicht mal die Knöpfe.«

»Das stimmt nicht«, sagte ich und tat entrüstet, als würden wir alle im selben Boot sitzen.

Der Andere murmelte verächtlich was von Abwischen, und während er bemüht war, eine Verbindung zwischen mir und dem Passfoto herzustellen, spürte ich, dass die Sache langsam am Abgleiten war. Sie kamen nicht klar, mit dem Hemd, dem Auto, mit den Sachen auf der Rückbank, und dass ich ein wenig zu stark mitgenommen aussah. Der, der die Typen hasste, die was für Hemden übrig hatten, würde uns reinreiten.

»Was ich etwas seltsam finde ist, dass wir einen deutschen Pass haben, aber nicht so besonders deutsch aussehen«, sagte er. »Wir haben Wohnsitz in Bayern, wissen aber nicht, dass die bayerische Grenze jetzt wieder kontrolliert wird.«

»Versteh ich selber nicht.«

»Was verstehst du denn?«

Ich zuckte mit den Schultern. Bei der Sorte durfte man auf keinen Fall klugscheißen. Schwierig – sie legten sich alles immer so hin, dass es ihnen passte.

»Wohin wollen wir eigentlich?«

»Nach Hause.«

»Oh, nach Hause. Wo ist das, ist das da, wo wir Sozialhilfe kassieren?«

Ich machte ein beleidigtes Gesicht und sagte, er würde wirklich ganz falsch liegen, aber, nicht schlimm, ich wüsste schon Bescheid vom Leben, und er würde schließlich nur seinen Job machen.

»Öffnen Sie mal den Kofferraum.«

Ich atmete tief durch. Es gab keine Macht, die es hätte stoppen können, nicht um diese Uhrzeit. Es war traurig, aber es war nicht zu ändern ... Die meisten von diesen Typen hatten ein Problem, das schon die Wehrmacht gehabt hatte – wenn sie’s mal nicht mit armen Schweinen zu tun bekamen, dann lief sofort alles schief und es zeigte sich, dass sie schlecht ausgebildet waren, viel zu langsam, ohne Sinn für unerwartete Situationen, immer nur verkrampft auf ihrem mühsam einstudierten kleinen Einmaleins.

Während sie sorgfältig beobachteten, was mein Schlüssel am Kofferraum so anstellte, lenkte ich sie auch noch mit einer Frage ab.

Nein – es war nicht fair.

»Wisst ihr eigentlich, was Magnum heißt, aber nicht gut schmeckt?«, fragte ich leise und schläfrig ...

Sie hatten nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken – und dann mussten wir, jeder auf seine Art, schnell verschwinden.

»Das schöne Hemd!«, kreischte meine Süße beim Empfang, »zieh das sofort aus, tu das sofort in die Waschmaschine!«

Aber den Teufel tat ich. Ich legte mich ins Bett, ohne es auszuziehen. Und als ich danach schon am Wegdämmern war, hörte ich sie ehrfürchtig flüstern: »Das einzige Hemd, das sogar mit Flecken elegant aussieht, unglaublich.«

Und im Halbschlaf erinnerte ich mich wieder an das Schild im Schaufenster von Savani, auf dem stand: Der Mensch hat den Speer nicht erfunden, weil er Hunger hatte, und das Hemd nicht, weil ihm kalt war.


wie man ein star wird

Alle großen Stars sind klein.

Andy Warhol

Ich bin lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass es manche Tage ganz schön in sich haben. Die einen von diesen Tage erwischen dich kalt. Gegen sie bist du machtlos. Die anderen siehst du wochenlang auf dich zukommen. Gegen sie bist du genauso machtlos. Aber du überlegst jede Sekunde, wie du es anstellst, dass sie dich nicht kriegen ... du liegst als fest verschnürtes Bündel auf der einsamen Straße. Dann siehst du einen Punkt am Horizont. Dann wird aus dem Punkt ein summender Lastwagen, der dich an deine Kindheit erinnert. Dann ist es ein Lastwagen mit Doppelreifen. Und dann sind die Doppelreifen so breit wie deine Beine lang, und der letzte Spaß in deinem Leben ist der Name auf dem Schild in der Frontscheibe: es ist dein eigener.

Du könntest gut verzichten auf die einen wie die anderen Tage und auf die große Sache, die sie dir mitbringen: sie nennen es Lebenserfahrung; aber du würdest sogar fast lieber an einem Seil hochpinkeln.

Als der Lastwagentag endlich da war, hatte ich eine schlaflose Nacht hinter mir, in der ich mir die Zukunft vorgestellt hatte. Um kurz nach sieben saß ich mit einem zehnjährigen Mädchen am Küchentisch. Es war Winter, aber sie hatte wie meistens gute Laune, vielleicht weil es draußen dunkelgrau war und wir drinnen Licht hatten, oder weil wir unsere Küche zwar nicht heizen konnten und es doch wärmer hatten als draußen. Schwer zu sagen, zehn ist ein schwieriges Alter. Ich selbst war lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass diese Kulisse von einem echten Talent geschaffen worden war. Ich konzentrierte mich ganz auf das Pausebrot und sah deshalb die Frage nicht kommen.

»Wie findest du eigentlich die Backstreet Boys?«

Es war nicht so, dass ich aufgehört hätte, auf das Messer am Pausebrot aufzupassen – diese Frage und ich, wir waren schon gute Bekannte, und wie immer gab ich die ehrliche Antwort: es geht so. Dem Tag entsprechend klang es diesmal eher, als würde es doch nicht so gehen, und sie regte sich etwas auf, ich hätte gelogen, ich würde sie blöd finden!

Ich hatte keine Lust, mich an diesem Tag auch noch mit fünf Jungs aus Florida anzulegen, die von fast allen Wänden ihres Zimmers lachten. Überhaupt war ich auch sonst nicht der Typ, der versucht, an einem Seil hochzupinkeln. Und ich war ein guter Vater – wie ein Angler, der seinen Fisch abhakt und ins Meer zurückwirft, sagte ich, dass mir ein paar Lieder sogar wirklich nicht schlecht gefielen. Dabei achtete ich auf das Messer am Pausebrot und sah deshalb die Antwort nicht kommen.

»Du lügst, du findest sie blöd, du findest sie blöd, weil sie Stars sind, weil du dich ärgerst, weil du selber kein Star bist!«

Ich dachte mir, dass es nichts schaden konnte, sich jetzt an eine Weisheit von Ho Chi Minh zu erinnern: sei ruhig und besonnen zu kritischer Stunde. Und auf diese Weise erklärte ich, warum ich nicht scharf darauf war, so ein Star zu sein. Diese Boys lebten doch wie Gefangene. Sie konnten nicht einen Schritt außer Haus oder Hotel tun, ohne sofort von Fans und Fotografen umzingelt zu sein. Es stimmte, dass sie sich alles kaufen konnten – aber in keinem Kaufhaus der Welt hatten sie genug Zeit, auch nur ungestört die Hose auszuziehen.

Dass es deswegen Kaufhäuser für Prominente gab, verschwieg ich natürlich. Als normaler Mensch in so ein Kaufhaus reinzukommen, ist übrigens kaum anders als an einem Seil hochzupinkeln.

Um die Hölle perfekt zu machen, schilderte ich, dass diese Künstler nicht mal ihren Haarschnitt selbst bestimmen durften! Ihre Manager hatten von a bis b und zurück das Kommando. Und außerdem hatten sie fast jede verdammte Minute eine Höllenangst vor Entführung und Attentat.

»Wie wird man ein Star?«, wollte sie wissen.

Das Pausebrot war endlich fertig und trotz der Probleme mit so viel Sorgfalt und Liebe zubereitet, dass ich mich fragte, ob sich die anderen da draußen auch so ins Zeug legten, um den Standort Deutschland nicht verschimmeln zu lassen.

Ich rammte das Messer in den Tisch und sagte kühl: »Am schnellsten wird man ein Star, wenn man einen Star tötet.«

Aber sie war eben in einem schwierigen Alter und wusste es besser: »Du musst was ganz Tolles machen, damit es ganz viele Menschen toll finden.«

So falsch war das natürlich nicht. Aber ich war doch lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass man kein Spiel gewinnt, nur weil man die Regeln kennt.

Draußen im Flur jammerte sie, sie bräuchte einen wärmeren Anorak. Ich schlug vor, es vielleicht mit einem wärmeren Pullover darunter zu versuchen.

Sie grinste: »Wir sind mal wieder knapp bei Kasse, stimmt’s?«

Obwohl ich mich fragte, wo sie diesen Ausdruck, den ich hasse und nie benutze, aufgeschnappt hatte, spürte ich auch Stolz – sie blieb kühl, wenn der Feind mit den Waffen klirrte und sie stand nicht gleich Kopf, wenn man ihr widersprach. Und sie ließ sich kein x für ein u vormachen.

Dann war ich endlich allein und musste nur noch auf mich selbst aufpassen. Ich überlegte, ob ich mit Bett, Telefon oder Fenster weitermachen sollte. Das Bett war leer, das Telefon ausgesteckt und die Stimmung, die das gegenüberliegende Kasernengelände durchs Fenster schickte, war so ähnlich. Ich nahm das Fenster – der Anblick einer Kaserne ohne Soldaten hat seinen Reiz.

Trotzdem bedauerte ich seit dem ersten Tag in dieser Wohnung, dass die Uniformierten getürmt waren. Ich hätte ihnen gern beim Exerzieren zugesehen, morgens, Kaffeetasse in der Hand, ein Vers im Mundwinkel, und ein kleiner Jeep flitzt über den schmalen geteerten Weg, der die große, auf drei Seiten von Gebäuden umgebene Wiese teilt ... Die Büromilitärs, die noch die Stellung hielten, schienen nichts Welt-bewegendes zu tun zu haben, denn das Tor wurde nicht mehr bewacht und war nur über Nacht und am Wochenende versperrt. Wenn die Kinder dort spielten, wurden sie nicht vertrieben, und wir waren froh gewesen, als wir im Sommer dort hatten herum-spazieren können.

Es war der einzige große freie Platz, der für meine Frau zu erreichen war, wo sie trainieren konnte und Sonne erwischte, und ohne dass ihr Autos um die Ohren flogen. Öffentliche Verkehrsmittel konnte sie nicht benutzen, und unserem eigenen Wagen hatten wir die Nummernschilder abnehmen müssen. Im letzten Winter hatte sie sich bei einem Unfall den linken Unterschenkel zertrümmert. Die Ärzte hatten die Herausforderung zu schätzen gewusst: aus dem Bein ragte ein beeindruckendes Metallgestell mit handlangen Schrauben.

Ich war nicht traurig, dass sie sich jetzt in Italien erholte, während ich an einem Fenster im zweiten Stock stand, was einen schwächeren Typen vielleicht sogar auf andere Gedanken gebracht hätte. An so einem mutterfickenden Lastwagentag. Wieder im Winter.

Schon das ganze Jahr kurvte dieser Lastwagen um mich herum und suchte seine Chance. Jetzt war es soweit. Ich hatte eine Woche lang an einem Artikel gearbeitet, der eine Woche lang gegen mich gearbeitet hatte, bis ich fast lieber an einem Seil hochgepinkelt hätte als noch eine Stunde länger mit ihm zusammenzuarbeiten. Und natürlich war es so, dass gerade dieses Stück Dreck von einem Text auf keinen Fall in den Sand gesetzt werden durfte. Und obendrein hatte ich auch noch einen anderen Auftrag dafür sausen lassen.

So eine Niederlage gibt einem fast das Recht, zum tausendsten Mal einen hinkenden Vergleich aus dem Boxsport zu bringen. Zum Glück war ich lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass bei neun noch keiner verloren hat. Und dass das Telefon ausgesteckt sein muss, damit dir kein Redakteur etwas vorheulen kann.

Vorsichtshalber blieb ich nicht zu lange am Fenster stehen, ich legte mich mit der Zeitung auf die Couch. Schon die erste Seite war mir eine Hilfe, einen Abstand zu meiner kleinen Welt zu bekommen.

Wie jeder Künstler war ich nicht immer frei von Neid oder auch Abscheu gegenüber Kollegen, die es zu mehr Erfolg oder Ansehen oder zu ganz anderen inhaltlichen oder ästhetischen Positionen gebracht hatten, oder wie auch immer sie einem auf den Keks gingen. Diesmal, las ich, hatte es viele von ihnen derart fies erwischt, wie ich es kaum einem gewünscht hätte.

Ich konnte kaum glauben, was mir der Bericht erzählte, eine Geschichte von großer Verzweiflung, aber auch von beispiellosem Mut und Kampfgeist in schier auswegloser Situation. Mit weniger als Mantel und Degen ausgerüstet, stemmten die Kollegen sich einer schockierend erbarmungslosen Staatsgewalt entgegen, die über das ohnehin schon lange so leidgeprüfte Volk auch noch eine menschenverachtende Rechtschreibreform verhängte! Ja, ich beneidete die Kollegen um diese Todesverachtung, mit der sie durch die Hölle einem längst abgefahrenen Zug nachliefen, die besten Köpfe nicht meiner Generation, vom Wahnsinn zerstört – hungrig hysterisch nackt – und die Flanken nur mangelhaft geschützt von ein paar tausend Namenlosen, angeführt von kaum mehr als einem einzelnen Deutschlehrer!

Sie setzten etwas in die Tat um, was ich bei Ho Chi Minh nur als Poesie verstanden hatte: Gib deine persönlichen Sorgen auf zugunsten der großen Sache.

Und sie scherten sich den Teufel darum, dass es die große Sache verlangte, an einem Seil hochzupinkeln!

Aber ich war doch lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass diejenigen unter ihnen, die nach der Schlacht noch ein paar Tassen im Schrank hatten, kapieren würden, dass sie da einen großen Filmstoff bekommen hatten, nicht weniger wert als Casablanca oder Quax der Bruchpilot – ich muss gestehen, in dem Moment überlegte ich, ob ich einen rohen Entwurf nicht sofort selbst anpacken sollte!? Vielleicht so ein kleiner Vierteiler? Solang die Anderen noch im Kampf waren und keinen Gedanken an Abenteuergeschichten verschwenden konnten!

Aber ich hatte schon Grund genug, mich zu schämen, denn nach der ersten Bewunderung hatte sich beim Lesen des Artikels ein neues Gefühl in mir breitgemacht: Trost. Trost durch Schadenfreude. Die Schadenfreude, dass sie eins über den Schädel gezogen bekamen von der neuen Rechtschreibregierung, während sie für mich immer noch die Geliebte war, die bereitwillig alles mitmachte, was ich mit ihr machte. Schwächere Typen, die gegen den Protest waren, hätten sich bei diesem Aufmarsch der Stars wohl dennoch den Kampftruppen angeschlossen – ich entschied mich, ehrlich zu bleiben. Was mich dabei störte, war die Ahnung, dass ich eines Tages dafür würde bezahlen müssen …

Wo warst du, als sie das scharfe s ausgerottet haben?

Wo warst du, als sie so viele unschuldige kleine Kommata ausradiert haben?

Wo warst du, als die fff einmarschiert sind?

Kind, werde ich dann antworten, für ein einfaches parteiloses und auch sonst keiner Organisation angehörendes Mitglied des Schriftstellervolks war es völlig unmöglich, die neuen Rechtschreibbefehle nicht auszuführen!

Und dann werde ich mit der Hand auf dem Herz schwören, weil es in diesem Land auf einen ehrenwerten Drecksack mehr nicht ankommt, dass ich von vielleicht ein wenig schlimmen Sachen nie auch nur das Geringste mitbekommen habe.

Derart hochgeputscht fühlte ich mich jetzt stark genug, die Sache mit dem Redakteur hinter mich zu bringen. Weit jenseits des ersten letzten Abgabetermins, erklärte ich ihm am zweiten letzten Abgabetermin, dass der Artikel über das 25-jährige Jubiläum dieser gottverdammten Plattenfirma nun endgültig an mir gescheitert war, und fügte hinzu, das würde ihm hoffentlich keine Probleme bereiten.

»Begeistert bin ich nicht gerade«, sagte er.

Ich versicherte ihm, dass meine Gefühle ähnlich waren und zog über den Artikel her, jammerte und entschuldigte mich, bis ich glaubte, ihn endlich in der Ecke zu haben.

»Jetzt mach dir mal keine Probleme«, sagte er, »ich glaube, ich habe da jemand, der das bis in drei Tagen hinkriegt.«

Ich war lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass der Mann Talent hatte und sich bis zum Redakteurssessel weder durchgestolpert noch -geschlafen hatte. Die Guten unter ihnen hatten nicht nur eine ordentliche Notfallschublade, sondern ein Sondereinsatzkommando, bestückt mit ausgekochten Burschen, die über Problemfälle wie mich nicht mal ausgespuckt hätten.

Und der Autor, der von diesen Redakteuren jemals den tatsächlich letzten Abgabetermin herauszubekommen versucht, der kann genauso gut an einem Seil hochpinkeln.

Inzwischen hatte die Sonne das Grau niedergemacht, und das versetzte wie üblich eine Menge Leute in Aufregung. Als die Kleine aus der Schule kam, hatten sie beschlossen, so schnell wie möglich ins Kino zu gehen. Zu ihrem Pech hatte ich schon einen anderen Beschluss gefasst – ich musste mehr Verantwortung für unseren Standort übernehmen, und das bedeutete, dass mit sofortiger Wirkung alle Gelder für Kultur und sonstigen Luxus gestrichen waren. Aber ich war natürlich lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass die Filmförderung ein hochsensibler Bereich war.

Zum Glück beschenkte mich mein Gedächtnis mit einer Weisheit von Ho Chi Minh: Überlege, bevor du sprichst. Also fing ich an, von dem ungeschriebenen Gesetz zu erzählen, dass es leicht Unglück bringt, wenn man sich bei strahlendem Sonnenschein ohne wichtigen Grund in dunklen Räumen aufhält, und dass es zu meinen Aufgaben als Vater nun mal gehörte, sie vor Unglück jeder Art zu beschützen, und dass es außerdem nach einem derart saumäßigen Sommer Pflicht war, so einen Postkartenfrühwintertag draußen zu verbringen.

Aber zehn ist ein schwieriges Alter. Sie schlich den Gang runter, ohne zu bemerken, dass ich mit diesem eins a ausgefeilten Denk- und Satzgebilde jede Bewerbung als Sandverkäufer in der Wüste gewonnen hätte. Ich war kein As in Pädagogik, hatte aber in diesen zehn Jahren doch mitbekommen, dass beispielhaftes Handeln gelegentlich mehr bewirkt als kluger Vortrag.

Es war kalt draußen. Wer dieser Sonne was abgewinnen konnte, der hatte fast so einen Hammer wie einer, der versucht an einem Seil hochzupinkeln.

Auf dem Weg zur Bank blieb ich auf der Bismarckbrücke stehen und schaute auf das Eisenbahngelände runter. Eine kleine alte Rangierlok murkste herum. Es sah aus, als könnte sie schnaufen und schwitzen und einen Pfiff loslassen, wenn man ihr winkte.

Ohne sich durch ein Geräusch angekündigt zu haben, kam plötzlich der große weiße Hai unter der Brücke durchgeglitten, langsam, weil er in ein paar Sekunden im Hauptbahnhof halten musste. Wie er sich lautlos von hinten der kleinen Lok näherte – ich glaubte, einen Überfall zu beobachten! Und als dann schier endlos ein eleganter weißer Wagen nach dem anderen vorbeizog, schien es mir, als würde das kleine arme Arbeiterschwein die Arbeit unterbrechen und die Hand gestreckt an die Kappe legen.

Ich war überwältigt von diesem starken symbolischen Bild. Aber wie schon Ho Chi Minh gesagt hat: Vergiss deine Melancholie. Und das machte ich, während ich mich weiter zur Bank durchschlug. Der Kontoauszugdrucker und ich waren schon gute alte Bekannte. Wir nahmen uns immer soviel Zeit, uns gegenseitig hochzunehmen. Dass das Spektrum seiner Scherze etwas begrenzt war, störte mich wenig – diesmal behauptete er, der Monat wäre schon fast gestorben und die Miete immer noch nicht bezahlt. Ich war eigentlich nicht in Stimmung für die üblichen Spielchen, und nur um ihn nicht zu enttäuschen, tat ich schockiert. In Wahrheit war ich natürlich lange genug in der Unterhaltungsbranche tätig, um zu wissen, dass das kein Beinbruch war – der, den ich seit Monaten studierte, sah anders aus.

Ich flüchtete, mich ständig um mich selbst drehend, aus der Bank, trat den kleinen Hund einer dieser alten Damen, die seltsamerweise in solchen Momenten immer im Weg stehen, und kümmerte mich um keine rote Ampel.

Das alles war nicht ungefährlich. Allerdings war es nichts, wenn man bedenkt, wie es ist, an einem Seil hochzupinkeln.

Der Tabakladen war so groß, dass vor der Theke vielleicht drei Leute Platz hatten, wenn sie nicht allzu fett waren, aber kein Filmteam der Welt hätte sie dabei filmen können. Es sei denn von oben durch ein Loch in der Decke. Auf der Unternehmerseite war der größte Teil des Bodens mit Kisten und Schachteln bedeckt, dazwischen Pfade, und die schmale Theke war zugestellt mit zum Teil raffinierten Werbemitteln – da drehte sich und dort blinkte was, und daran konnte man erkennen, dass der Laden trotz der Dunkelheit wohl doch nicht verlassen war.

Wie fast immer stand ich allein im Raum, und es dauerte wie üblich eine halbe Minute, bis die Tür zu einem Nebenraum mit einem leisen Geräusch aufging und sich die etwa siebzig Jahre alte Besitzerin auf den Weg machte. Die drei Stufen am Anfang waren das Schwierigste, das Gehen war eine Plage, und bis sie es in die Nähe der Rauchwaren geschafft hatte, war genug Zeit für alle möglichen Fragen, zum Beispiel, warum sie nicht schon längst an eine jüngere Kraft übergeben hatte. Die Frage langweilte mich, weil ich sie mir schon oft gestellt und vermutlich alle möglichen Antworten gegeben hatte, und deshalb überlegte ich mir andere Fragen, warum die Kindersterblichkeitsrate auf Kuba so außergewöhnlich niedrig war, oder was hier bei einem Raubüberfall eigentlich schieflaufen sollte.

Die kostenlose Leseprobe ist beendet.

€1,99
Altersbeschränkung:
0+
Umfang:
106 S. 11 Illustrationen
ISBN:
9783862871452
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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