Buch lesen: "Die kleinen Geheimnisse"
Eva Rechlin
Die kleinen Geheimnisse
Saga
Die kleinen GeheimnisseCopyright © 1962, 2019 Eva Rechlin und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711754382
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Mama an July
Haleberg
Mein liebes Kleines, Du bist hoffentlich wieder gut im Internat angekommen. Nur Deine Mundharmonika hast Du hier bei mir liegengelassen, und ich fürchte, Du wirst sie in dieser Woche sehr vermissen.
Aber ich wollte Dir heute ja aus einem ganz anderen Grund schreiben. July, Dich quält irgend etwas. Ich habe es Dir schon angemerkt, als Du am Sonnabend hier ankamst, und ich mache mir deshalb Sorgen. Du mußt Dich unbedingt davon befreien. Sieh mal: wenn Dir einer helfen will und vielleicht sogar auch kann, dann ist es Deine Mama. Ich bin auch einmal ein kleines dreizehnjähriges Mädchen gewesen, womöglich habe ich auch einmal so festgesessen wie Du jetzt. Schreibe mir bald darüber, wenn Du kannst oder magst.
Den beiliegenden Brief gib bitte an Sibylle weiter. Vielleicht ist es wichtig, wenn ich daran erinnere, daß Sibylle Deine Schwester ist, die — weil sie immerhin vier Jahre älter ist als Du — in manchen Dingen auch mehr Erfahrung hat, weshalb Du ihr notfalls Dein Vertrauen schenken solltest. Manchmal tut es mir weh, daß ich nicht jeden Tag bei Euch sein kann. —
July an Mama
Landschulheim Brigg
Ich habe sehr lange nachgedacht, Mama, und ich finde, daß Du sehr gescheit bist. Wie hast Du mir das bloß angesehen? Darüber habe ich am längsten nachgedacht.
Ich bin froh, daß ich Dir schreiben kann. Dann brauch’ ich mich nicht so zu schämen. Aber Du darfst nicht böse sein, Mama, wenn ich Dir noch nicht alles erzähle. Es ist nämlich ein Geheimnis, welches noch nicht fertig ist. Und solange es noch nicht fertig ist, kann ich es Dir auch noch nicht erzählen. Du sollst Dir keine Sorgen machen, wenn ich schlecht aussehe. Manche Leute sehen auch ohne Geheimnisse schlecht aus. Ich würde Dir sehr gern schon alles erzählen, aber es geht wirklich noch nicht. Trotzdem kannst Du mir helfen. Du brauchst mir ja nur zu erlauben, daß ich das bestickte Kleid von Tante Agnes auch mal wochentags zum Unterricht anziehen darf. Nur dienstags und donnerstags, Mama! Für sonntags ist es auch viel zu schade, denn gerade sonntags, wenn ich manchmal bei Dir bin und im Garten spiele und so, mache ich mich meistens schmutzig. Jedenfalls viel mehr als in der Schule. Sibylle zieht sich sonntags ja auch nicht hübsch, sondern komisch an und trägt die guten Kleider hier immer zum Unterricht. Ich will ja nicht petzen, aber es ist nun mal so. Du kannst auch nicht von mir verlangen, daß ich mit meinem Geheimnis zu Sibylle gehe. Sie ist gar nicht der richtige Umgang für mich, und wenn sie zehnmal meine Schwester ist! Außerdem wohnt sie auch drüben im Neubau bei ihren Klassenkameradinnen, und wenn ich mal rübergehe zu ihr, damit sie mir bei den Schularbeiten hilft, sagen die Mädchen immer: »Sibylle, da kommt deine Kleine!« Und dann behandeln sie mich, als wären sie meine Tanten. Sibylle am meisten. Muß ich mir das gefallen lassen? Nein, Mama, das sind ganz andere Menschen als ich, und sie haben auch ganz andere Geheimnisse. Das Geheimnis von Sibylle zum Beispiel heißt Pit. Mehr kann ich Dir darüber aber nicht sagen, denn Du kannst ja nicht von mir verlangen, daß ich petze.
Viele Grüße! Deine July
PS Es ist sehr wichtig für meine Sorgen, daß ich das bestickte Kleid im Unterricht anziehen darf! Siehst Du das ein, Mama? Du mußt es einsehen, wenn ich glauben soll, daß Du mir helfen willst.
July
Mama an July
Haleberg
Also gut, mein Liebes: Du darfst das Kleid tragen, wann und wo immer Du willst. Dein innerer Friede soll nicht von einem Kleidchen abhängen. Und wenn das so wichtig ist, daß Du es tragen darfst, wirst Du wohl auch darauf achtgeben, daß es sauber und heil bleibt. Natürlich mache ich mir Gedanken um Dein Geheimnis, seitdem ich weiß, daß es so was in Deinem Leben schon gibt. Ich wünschte, es wäre ein schönes Geheimnis. Aber gib ihm trotzdem nicht so viel Raum, daß Du alle anderen Dinge darüber vergißt. Sonst scheitert das, was schön an ihm ist, vielleicht an Deiner Sorglosigkeit. Alle Dinge, die man lange in sich verschließt, werden mit jedem Tag schwerer, wenn man sie mit zu vielen Gedanken belastet. Du mußt Dir rechtzeitig überlegen, wieviel Schwere Du Dir zumuten kannst. —
Warum bist Du eigentlich so kratzbürstig gegen Sibylle? Weil sie älter ist? Weil ihre Geheimnisse größer sind? Natürlich ist es nicht recht, daß die Mädchen Dich wie Tanten behandeln. Daran kannst Du aber am besten erkennen, daß man auch mit siebzehn Jahren das Maß aller Dinge noch nicht beherrscht. Sie sind anders als Du, Julykind, weil sie fühlen, daß sie bald erwachsen sein werden. Das ist ein verwirrender Zustand, dessen Bekanntschaft Du ja auch einmal machen wirst, nach dem Du Dich jetzt aber wahrhaftig noch nicht zu sehnen brauchst und um den Du die Mädchen nicht beneiden solltest. Man muß warten können. Ich weiß nicht,wie oft ich Dir das noch sagen werde.
Übrigens: Pit ist mir kein fremder Begriff. Er ist ein netter großer Junge, der Sibylle gern mag und den sie gern mag. Wenn ich mich nicht irre, ist er sogar Sibylles Klassenkamerad, geht manchmal mit ihr segeln und will — ebenso wie sie — Kunstmaler werden. Stimmt es? Und da hast Du auch gleich die Auffassung Deiner Mama zu solcherart Geheimnissen: Manche Dinge sind viel zu selbstverständlich schön, um durch Geheimniskrämerei getrübt werden zu dürfen. Doch gibt die Scheu, vor aller Welt darüber zu sprechen, den Dingen ihre liebenswerte Farbe. Schreib fleißig weiter, mein Liebes, an Deine Mama.
July an Mama
Landschulheim Brigg
Ach Mama — Du kannst ja aus dieser Entfernung nicht sehen, daß ich immer schlechter aussehe. Obwohl nur dreißig Kilometer zwischen uns liegen. Es ist sehr schwer, ein Mädchen zu sein. Manchmal denke ich, wie schön es sein könnte, wenn ich ein Junge wäre. Schon wegen der Hosen. Mit Hosen lebt es sich viel bequemer. Aber ich will nicht klagen, denn Du kannst ja sicher auch nichts dafür.
Übrigens wollte ich Dir noch dafür danken, daß ich das Kleid von Tante Agnes anziehen durfte. Die Mädchen haben alle sehr geguckt, als ich es mitten in der Woche aus dem Schrank nahm, und als ich nachher in die Klasse kam, habe ich meinen Atlas auf die Bank gelegt und mich darauf gesetzt, damit das Kleid nicht schmutzig wurde. Denn manchmal laufen wir ja mit den Füßen über die Bänke. Nur Annalies hat gesagt, daß sie sich schämen würde, in solchem Aufputz zum Unterricht zu erscheinen. Da bin ich aufgestanden und habe so laut, daß alle es hören konnten, geantwortet: »Das ist nichts als purer Neid!« Die Annalies ist ganz rot geworden und hat gelacht, als hätte sie jemand gebissen. Und dann sagte sie: »Wer sonst nichts kann, dem bleibt eben nichts anderes übrig, als anzugeben!«
Wenn in diesem Augenblick nicht gerade die Lehrerin in die Klasse gekommen wäre, hätte die Sache sicher noch ein schlimmes Ende genommen. Dabei stolziert die Annalies selbst immer ’rum wie ein Pfau. Ich bin nur froh, daß sie nicht mit in meinem Zimmer wohnt.
Du siehst: es ist sehr schwer, etwas Besonderes zu tun. Jetzt erst weiß ich, daß Mut dazu gehört, wenn man sich einmal anders als sonst benehmen will.
In der dritten Stunde kam dann das, was mein Geheimnis ist und weshalb ich auch das bestickte Kleid anziehen wollte. Aber weißt Du, Mama — das Geheimnis ist immer noch nicht fertig. Ich muß erst ganz genau herauskriegen, ob es sich lohnt, davon zu sprechen. Vorher würdest Du mich gar nicht begreifen. Daß es mir zuviel wird, brauchst Du aber nicht zu befürchten. Ich denke auch nicht andauernd daran. Es ist nur schwer, es vor den anderen Kindern geheimzuhalten. Wir schwatzen auch immer so viel miteinander — vor allem abends vorm Einschlafen —, und deshalb habe ich ewig Angst, ich könnte mich verraten. Mädchen beobachten sich immer so, Mama. Manchmal wird man ganz blöd angeguckt und weiß nicht, was dieser Blick bedeuten soll.
Was Du mir da über Sibylle geschrieben hast, war ja ganz interessant, aber in Wirklichkeit bildet sich Sibylle ja doch ein, alles besser zu wissen als Du! Ganz bestimmt, Mama! Du weißt ja, wie sie manchmal grinst, wenn Du ihr etwas sagst. Gestern hat sie übrigens Papa besucht. Sie ist die acht Kilometer bis Godow mit Pits Rad gefahren. Das Gemeinste daran war, daß sie mir vorher nichts davon gesagt hat. Sie hätte mich so gut auf dem Gepäckträger mitnehmen können. Als sie zurückkam, habe ich vor Wut geheult. Sie sagte bloß — und guckte dabei in den Himmel —: »Ich begreife nicht, wie Mama sich von diesem netten Papa trennen konnte.«
So ist sie, Mama. Sie hat immer was ganz anderes im Kopf als Du. Aber ich will ja nicht petzen.
Statt dessen erzähle ich Dir lieber noch etwas von Brigg. Bei uns hier hat es nämlich eine Sensation gegeben, und das war so: Gestern kam in meine Klasse ein neues Mädchen. Sie wurde von ihren Eltern mit dem Auto hergebracht und kam uns gleich so wehleidig vor. Obwohl sie doch schon dreizehn Jahre alt ist, ließ sie sich immer von ihrer Mutti an der Hand führen. Wie ein kleines Baby. Und dazu kommt noch, daß ihr Vati ständig »Bäbsilein« zu ihr sagte, obwohl sie in Wirklichkeit Barbara heißt. Hast Du so was schon mal erlebt, Mama? Sie heulte andauernd und machte dabei ein so wehleidiges Gesicht, daß wir sie gleich »Rhabarber« tauften. Und andauernd sagte ihre Mutti zu unseren Lehrern: »Meine Einzige!« Dann fing Rhabarber jedesmal von neuem an zu heulen. Na, wir haben uns gleich vorgenommen, ihr das Leben ordentlich schwerzumachen, und zum Glück wurde sie auch in mein Zimmer eingewiesen. Sie schläft in dem Bett unter meinem. Ihre Mutti stellte ihr auf den Nachttisch eine riesige Schachtel mit Konfekt, und in die Nachttischschublade legte sie eine Menge Taschengeld und zwei Tafeln Schokolade und eine Lutschstange. Weißt Du, Mama, was wir von meinem Zimmer da getan haben? Wir haben ihr nämlich einen Babyschnuller gekauft und den abends auf ihr Kopfkissen gelegt. Und ihre pelzgefütterten Hausschuhe haben wir auch versteckt. Und dann hatte die Bianca noch eine großartige Idee — sie legte der Rhabarber nämlich eine tote Maus, die wir im Keller gefunden hatten, unter die Bettdecke. Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie die Rhabarber sich am Abend, als wir alle ins Bett mußten, benahm. Sie hatte doch schon den ganzen Nachmittag geheult, weil ihre Eltern wieder weggefahren waren. Und jetzt erst! Mama, sie heulte wie eine Sirene und rief dauernd: »Das werde ich aber meinem Vati sagen!«
Bianca antwortete dann immer: »Sag’s doch, Bäbsilein. Los! Unten in der Halle ist ein Telefon. Soll ich das Ferngespräch schon anmelden?«
Jedenfalls hat sich die Rhabarber lange nicht ins Bett legen mögen. Wir haben die Maus auch nicht? rausgenommen. Rhabarber mußte es selbst tun. Sie hat sich nachher nur auf ihr Kopfkissen gehockt und die ganze Schachtel voll Konfekt allein leergegessen. So etwas hat überhaupt noch keiner jemals in Brigg getan, Mama. Wir waren einfach sprachlos.
Heute heult die Rhabarber schon nicht mehr so viel, aber es gibt — außer den Erziehern — keinen in ganz Brigg, der auch nur ein Wort mit ihr spricht. Mit solcher Heulsuse mag man ja auch nichts zu tun haben. — So, Mama, jetzt ist mein Brief aber sehr lang geworden, und fast die ganze Freistunde ist dafür draufgegangen. Ich habe nur noch fünfzehn Minuten Zeit. Vielleicht schreibe ich noch schnell an Papa.
Viele Grüße! Deine July
July an Papa
Landschulheim Brigg
Eben habe ich an Mama geschrieben, und weil ich noch Zeit habe, sollst Du auch schnell einen Brief von mir bekommen, mein lieber Herr Papa. Aber in fünfzehn Minuten ist die Freistunde vorbei. Dann muß ich aufhören zu schreiben, weil wir alle nachher zum Schwimmen gehen wollen. Das ganze Landschulheim will zum Schwimmen gehen. Die Badeanstalt wird schön voll sein.
Papa, vielleicht besuche ich Dich morgen. Sibylle hat mir gestern nichts davon gesagt, daß sie zu Dir fahren wollte. Deshalb konnte ich nicht mitkommen. Aber ich besuche Dich auch viel lieber allein. Wir machen dann wieder ein bißchen Quatsch. Ich mag gar nicht daran denken, daß Du immer so allein bist. Manchmal grüble ich sehr darüber nach, weshalb Du Dich von Mama getrennt hast. Sicher ärgerst Du Dich wieder, daß ich darüber nachdenke, aber es geht nicht anders, Papa. Ich muß so und so oft daran denken. Habt Ihr Euch damals eigentlich gezankt? Ach, Du sagst mir ja doch nichts. Du hast mir noch nie etwas darüber gesagt. Darum höre ich jetzt auch auf. Bis morgen also. Und vergiß nicht, einen Schlips umzubinden, wenn ich komme.
July an Mama
Landschulheim Brigg
Heute, Mama, mußt Du einmal ganz ehrlich zu mir sein. Es schadet nichts, wenn es nicht erfreulich für mich ist — ich leide sowieso schon so viel. Und frage nicht, warum ich das wissen will, was jetzt kommt: Sehe ich eigentlich hübsch aus, Mama?
Es ist so wichtig, daß ich darüber Bescheid weiß. Ich möchte so hübsch sein wie Du oder wie Papa. Sibylle ist ja auch ganz hübsch, aber das kommt nur davon, weil sie sich immer so viel Salbe ins Gesicht schmiert. Ich möchte nicht wissen, wie sie ohne Salbe aussähe. Und weißt Du, Mama: am liebsten würde ich mir auch die Zöpfe abschneiden und solche Locken wie Sibylle drehen. Das macht nämlich viel aus, Du siehst es ja an Sibylle. Stell Dir die mal mit Zöpfen vor! Ich will ja nichts sagen, aber wenn sie Zöpfe hätte, würde sie dieser komische Schnösel aus der Jungensabteilung, dieser Pit, bestimmt nicht immer in der Freistunde zum Segeln mitnehmen.
Du mußt bedenken, Mama, daß ich ja auch bald erwachsen bin. In vier Jahren bin ich so alt wie Sibylle jetzt, und die Haare müssen sich rechtzeitig daran gewöhnen, sonst sitzen sie nachher nicht. Du mußt wohl allmählich anfangen, darüber nachzudenken. Wenn ich Du wäre, würde ich es erlauben. Dann sehen wir nachher wie drei Schwestern aus — Du, Sibylle und ich. Wenn Papa uns dann einmal zusammen sieht, kommt er ganz durcheinander.
Übrigens war ich gestern bei Papa. Wenn ich komme, sagt er immer: »Ah — da kommt ja meine kleine Frau.«
Und ich sage:»Hast du schon gefrühstückt, Lieber?«
»Nein, mein Schatz«, sagt er, »du weißt doch, daß ich das immer erst abends tue.«
Mama, er sagt wirklich »mein Schatz« zu mir, und manchmal mache ich ihm eine Szene. Dann drückt er sich ein Taschentuch an die Augen und ruft: »Oh, ich bereue ja so sehr, mein Schatz!«
Hinterher fragte er mich, wie es denn bei Dir, Mama, aussieht, wenn ich zum Wochenende manchmal nach Hause komme.
»Hängt das abscheuliche Bild von Professor Kent noch im Salon?«
»Papa!« sagte ich, »es hängt nicht im Salon, sondern im Wohnzimmer, und ich finde, daß es schön ist.«
»Ja«, antwortete er, »schön bunt.«
Als ich gestern zu ihm kam, ging er noch in Pantoffeln, obwohl es schon ziemlich spät war. Er muß vorgestern einen großen Spaziergang gemacht haben, denn an seinen Lederschuhen hing eine ganze Landschaft.
»Ja, weißt du«, sagte er, als ich ihm deshalb eine Szene machte, »weißt du — ich habe neuerdings so eine kleine närrische Frau. Die putzt mir immer, wenn sie kommt, die Schuhe.«
»Pfui, Papa!« rief ich, »dann ist sie nicht närrisch, sondern rührend. Wie heißt sie denn?«
»July«, sagte er, »und wenn du es genau wissen willst: Juliane Bastian. Übrigens eine reizende Dame!«
Mama, was sollte ich anderes tun, als diese reizende Dame sein?
Papa an July
Godow
Jawohl, mein Schatz — Dein Papa ist seiner erlauchten Tochter dankbar dafür, daß sie ihn bei ihrem letzten Besuch einmal nicht mit der Trennungsgeschichte belästigt hat. Was sollten wir uns auch — hoppla! Jetzt habe ich eine Mücke erschlagen. Du findest ihren Leichnam zwischen den Zeilen dieses Briefes. Bei Dir wird er in gepreßtem Zustand ankommen. Ihr letzter aufreizender Summser ist noch in meinem Ohr, und ihre Schönheit ist hin. Es ist heute die fünfte Mücke, die ich erschlug. Ich werde die anderen vier für den Laubfrosch aufheben, den zu fangen ich Dir versprochen habe.
Also, Du hast mich bei Deinem letzten Besuch ausnahmsweise einmal in Ruhe gelassen, obwohl ich weiß, wie schwer es Dir fiel, mich nicht zu ärgern. Ich bin so gerührt darüber, mein Schatz, daß ich Dich für Deine edle Haltung belohnen muß, indem ich Deine Neugier ein wenig befriedige. Höre, Du kleine Kummerzitrone: Papa und Mama haben sich nicht gezankt, was aber nicht heißen soll, daß das unter Erwachsenen nicht auch einmal vorkäme. Aber Dein Papa hat vor einigen Monaten eine unglaubliche Dummheit gemacht, die Deine Mama sehr kränkte. Jedesmal, wenn sie ihn danach ansah, tat es ihr aufs neue weh, weil sie dann wieder an die Dummheit denken mußte. Das, was weh tat, war Mamas Herz, welches Dein dummer Papa verletzt hat. Es war wie eine große Wunde, und damit sie in aller Ruhe heilen kann, ist der Papa weggegangen. In eine frische Wunde darf man eben nicht immer wieder fassen. Vielleicht heilt Mamas Herz nie wieder, aber ich hoffe, daß es eines Tages doch noch gesund wird. Denn durch die Trennung von Mama tut mein Herz nun auch weh. Und jedesmal, wenn Du mit Deinen Fragen daran pochst, spüre ich diesen Schmerz besonders stark. Deshalb werde ich immer gleich so ungemütlich.
Zufrieden, July? Besuche mich bald wieder!
July an Papa
Landschulheim Brigg
Ich komme, wenn Du mir den Laubfrosch gefangen hast! Schönen Dank, daß Du mir alles erklärt hast! Ich will ganz bestimmt versuchen, Dir und Mama zu helfen!
Bin jetzt in Eile! Gebe diese Karte dem Milchkutscher mit, damit Du sie heute noch hast. Muß gleich eine Mathematikarbeit schreiben. Drücke Du auch die Daumen, daß es nicht zu schlimm wird!
Mama an July
Haleberg
Du hast mich gefragt, ob Du hübsch seist. O July, was soll ich nur zu Deinem Gesicht sagen! Mir gefällt es sehr gut, vor allem, wenn es sauber gewaschen ist. Weißt Du denn nicht selber, wie und wo man die Schönheit in einem Gesicht findet? Wenn ich Maler wäre, würde ich zwei Gesichter malen, von denen Du mir nachher das, welches Dir am besten gefällt, nennen müßtest.
Das erste Gesicht sähe so aus: eine Haut, so weich und rosig wie Pfirsichschalen. Und der Mund so gleichmäßig und vollendet hingemalt, daß man eigentlich nichts weiter über ihn sagen kann als: »Er ist ein Kunstwerk.« Außer, daß dieses Kunstwerk sich niemals öffnen möge, damit es nichts an Gleichmaß verliere, gäbe es über diesen Mund nichts zu sagen. Und dann die Augen! Sie sind wie blaugrünes, glitzerndes Eis über einem See. Schade, daß man nicht bis auf den Grund sehen kann, aber sie blenden zu sehr. Ja, und die Stirn? Sie ist wie eine makellose Schneewehe. Leider weiß man nicht, was darunter ist — ob es ein Blumenbeet oder ein stiller weicher Rasen oder ob es dorniges Gestrüpp ist. Und darüber hängen viele Löckchen, wie gepflegte Weinranken. (Schade, daß es keine echten sind...)
Das ganze Gesicht ist zweifellos ein schöner Anblick — man hat sich viel Mühe damit gemacht. Alle, die es sehen, sind ein Weilchen überrascht. Aber sie können nichts damit anfangen. Sie wagen nicht, es zu berühren, weil sie fürchten, es könnte etwas daran zerstört werden. Nicht einmal der Wind wagt es, in dieses Gesicht zu blasen. Man weiß nicht einmal, ob unter der schönen Haut auch Blut fließt. — Das zweite Gesicht ist anders.
Die Haut ist ein wenig rot — man sieht, daß sie gut gewaschen wurde und weder Wind noch Sonne scheut. Auf der Nase ist ein so winziger Höcker, daß man schon sehr hinschauen muß, um ihn zu erkennen. Wenn man ihn jedoch entdeckt hat, spürt man unwillkürlich: dieser Höcker ist ein Kompaß. Wo er hinzeigt, geht die Reise auf das richtige Ziel zu — und wenn man ganz sicher gehen will, kann man diesem Kompaß manchmal ohne weiteres folgen. Die Nase sieht überhaupt ziemlich vertrauenerweckend aus, während die im ersten Gesicht gar nicht auffiel, so daß man sie übersah.
Der Mund des zweiten Gesichts scheint ziemlich oft zu lachen. Seine Winkel sind ständig ein wenig nach oben gebogen. Wenn er lacht, dann ist dieses Lachen so groß, daß sein Mund beinahe von einem Ohr zum anderen geht und man Lust verspürt, in das Lachen mit einzustimmen.
Und dann die Stirn: sie hat tatsächlich schon Falten — in der Mitte senkrecht bis zur Nasenwurzel. Na ja — dieser Kopf grübelt vielleicht zu oft. Aber daß er überhaupt nachdenkt, ist ein sehr erfreuliches Zeichen. So weiß man wenigstens, daß hinter der Stirn gearbeitet wird.
Von den Augen, July, könnte ich Dir ein ganzes Buch voll erzählen. In diesen Augen ist alles, was ringsherum geschieht. Wenn sie in den Himmel schauen, ist es, als würden sie blau. In Wirklichkeit aber sind sie braun wie zwei Maikäfer und scheinen immer von Wärme und Freude zu knistern.
So, July, und jetzt schreib mir, welches von den beiden Gesichtern Dir besser gefällt. Über die Haarfrisur wollen wir noch gar nicht sprechen, denn bei einem so kleinen Mädchen, wie Du es bist, haben sie vor allem nett und anständig zu sitzen. Weiter nichts. Wenn Du darauf achtest, wirst Du Dich über Deine Frisur nicht länger ärgern. Oder willst Du unbedingt mit dreizehn Jahren schon wie eine Zwanzigjährige aussehen?
Wenn Du Dir dann alles überlegt hast, beschäftige Dich lieber mit anderen Dingen. Natürlich sollst Du darauf achten, daß Du immer sauber, anziehend und gepflegt wirkst — aber es soll Dich nicht veranlassen, frühzeitig eitel zu werden.
So, Julykind, ich hoffe, daß ich Deine Frage nun ausgiebig genug beantwortet habe. Ehe ich den Brief jedoch abschließe, möchte ich noch schnell eine Kleinigkeit zu der Geschichte mit Eurer neuen Klassenkameradin Rhabarber sagen. Jetzt ist sie ja schon einige Tage bei Euch, und ich hoffe, daß sie sich das Weinen inzwischen abgewöhnt hat. Ich wünsche es ihr auch, denn Heimweh — und darunter leidet sie sicher am stärksten — ist ein sehr schmerzlicher Kummer, gegen den man so ganz und gar wehrlos ist. Eure harte Behandlung wird auf Rhabarbers Herz nicht gerade Balsam gewesen sein. Natürlich hat sie Euch mit ihrer Wehleidigkeit geradezu herausgefordert — jede andere Klassengemeinschaft hätte vermutlich genauso reagiert. Aber ich weiß, July, daß Du in Deiner Klasse sehr oft die Wortführerin bist, und deshalb gebe ich Dir den Rat, Rhabarber in Zukunft ein wenig schonender zu behandeln. Sicher ist sie — zumal als einzige — von ihren Eltern sehr verwöhnt worden, aber durch ständige Kränkungen werdet Ihr gewiß keine brauchbare Klassengefährtin aus ihr machen können. Das heißt nicht, daß Ihr sie jetzt mit Samthandschuhen anfassen sollt. Das heißt lediglich: behandelt sie nicht besser und nicht schlechter als jede andere Schülerin, macht ihr das für sie ungewohnte Leben nicht extra schwer, versucht, sie im guten zu gewinnen. Zeigt ihr, wie wohl es dem Gemüt tut, das gleichgestellte und geachtete Glied einer Gemeinschaft zu sein. Schreib mir bitte gelegentlich, wie sie sich weiterhin macht. Und wie geht es Dir sonst, July? Bei Deinem letzten Besuch machtest Du einen geradezu melancholischen Eindruck. Dein Geheimnis kann sicher einen kleinen Schubs vertragen. Ich finde, daß es sich ein wenig langatmig benimmt. Je energischer man damit umgeht, desto besser entwickelt es sich. Ich würde mich jedenfalls nicht davon zermürben lassen.
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