Buch lesen: "Liebe um Liebe"

Schriftart:

Dragica Rajčić Holzner

Liebe um Liebe

Roman


Von hier aus gesehen, wo nichts mehr geschieht,

und das ist auch gut so,

muß man die Vergangenheit ganz ableiden.

Ingeborg Bachmann

Inhalt

TEIL I

Rückkehr ins Glück 24. Juni 2011

Großmutters Vision 1919

Kindheit 1965

Jesus auf der Zunge Juni 1967

Schwindel am Morgen 1975

Don Lilo 1975

Verliebt in Igor 24. Juni 1975

Psoriasis-Tabletten 1975

Café Zenta 1975

Vaters Fürsorge 1975

Zwei fremde Menschen 1975

Fluch-Flucht Split 1975

Erdbeeren 1975

Abtreibung 1975

Besuch der Familie 1975

Hochzeit 17. Oktober 1975

Igors Vater 1922–1999

Fluch(t) ins Exil Split – Belgrad – Chicago 1976

Chicago 1976

Episoden Chicago 1976–1977

Tagtraum Svetko

Die Nacht und der Morgen danach 1977

Womenirrhaus Chicago 1977

Geheimtreffen mit Igor 1977

TEIL II

Sunflower Farm 1978

Traum

Rolle: Igor

Rolle: Großmutter

Ana bei Don Lilo

Rolle: Mutter

Selbdritt

Mail to jennifer@sunflower.com 2011

TEIL III

Großer Traum

Split 26. Juni 2011

Split – Zagreb – Frankfurt Chicago

I.

Rückkehr ins Glück 24. Juni 2011

Wäre Mutter anders, hätte ich nie geheiratet. Wie ein Hund, von der Leine gerissen, lief ich durchs Fenster weg, hängte ich mich an Igor. Ich wollte tanzen, lieben, schreiben, ich wollte Glück ernten, ich wollte ein schönes Haus mit großen Fenstern und Licht, ohne Angst, ohne Schläge, ohne Zittern, ohne Mutter, die mich nie, nie geküsst hat.

Igor liegt auf der Herzstation im Firule-Spital, in Split. Ich fürchte, wenn ich auf diesen Fersen ins Hospital komme, wenn ich in Igors helle braune Augen, die entsetzliche Angst vor dem Tod haben müssen, blicke, wenn ich seine Finger und den Handrücken mit den kleinen Narben von den Zigaretten auf dem Bettlaken sehe, wenn ich mich neben das Bett setze, am helllichten Tag, dann wird sich zeigen, dass wir noch immer dieselben sind, keine Sekunde abgerückt von uns von damals. Was, wenn ich seine Verzweiflung aufnehme, mich sofort als Wurm fühle oder als Herrscherin des Universums? Zu beidem konnte er mich damals machen.

Ein Mann vom Nachbarhaus, auf der Leiter, mit dem Rücken zu mir, hat ein buntes Tuch um die Haare gewickelt, er streicht die Fassade weiß. Ich schweige wie ein Stein. Was sagen nach so vielen Jahren? Sicher denkt er, ich hätte Igor allein gelassen, er habe sich deswegen zerstört.

Die Außentreppen aus Marmor sind voll schwarzer Flecken. Marmor von der Insel Brač, einmal sehr teuer, der Kaktus ist nicht an seinem Platz neben dem Eingang, mein ganzer Stolz, sicher gut anderthalb Meter groß.

Das erste Stockwerk ist eine materialisierte Igor-Illusion. Jahrelang hielten wir uns an den Bau wie an eine Festigkeit, die auf die Normalität unserer Ehe, unseres Lebens verweisen sollte, auf ein Leben für die Wahrnehmung von außen. Gut, Igor wollte auch mir und seinem Vater beweisen, dass er es in Chicago geschafft habe, dass Vaters ganze Sammelwut nichts bringe, dass man im kapitalistischen Ausland schneller sparen könne und ein Haus ohne Kredit aufbauen. Die Träume von Igors Vater sollten sich durch Igor verwirklichen. Ein Haus, ein schönes Haus, glänzend gebaut. Weiß. Hoch. Er würde allen zeigen, was man allein schaffen kann. Zeigen. Das Geld würden wir uns vom Mund absparen, wie man so sagt, aber wir aßen genug und nahmen Kredit auf. Im Sommer bauten wir am Traumhaus. Ich war in einen Film geraten, aber es gab keinen Regisseur, kein Ende der Drehtage und -nächte. Nach der Deckenfertigstellung sollte für alle Arbeiter ein Lamm zum Mittagessen gerichtet werden, ich musste für zwanzig Menschen kochen. Den Lammkopf abschneiden. Weiß unterlaufene Augen starrten mich an, der blutverschmierte Kopf, eine Verletzlichkeit ging von diesem Schädel aus, große, ins Leere starrende Augen. Ich legte den Kopf in den Wäscheeimer. Wenn ich Zeit hätte, würde ich ihn kochen, wie es Großmutter gerngehabt hat: Zunge, noch lieber Hirn von jedem Tier: Kalb, Ziege, Schaf, Lamm. Ich dachte, so einen nackten Kopf müsse Igors Vater gehabt haben, im Krieg.

Auch für Lamm gaben wir Dollar aus, und Igors Vater kaufte so sorgfältig ein, wie er das Geld bei seiner Magazineurarbeit in Kobeks verwaltete.

Ich mache schnell die Türe zu, schiebe den Koffer zur Wand. Die Tapeten sind weggerissen, die Wand gelb gestrichen. In der Wohn-Ess-Küche auf der südlichen Seite sieht es fast unverändert aus. Die Schatten des Feigenbaums fallen auf den Balkon, die Fenster ohne Vorhänge, aber mit Holzaufhängern, dunkelbraun geölt.

Die beiden Zimmer hinter den Eingangstüren, rechts und links, sind jetzt zu einem zusammengelegt, auf einer Seite ist die Küche, auf der anderen ein flaches Liegebett. Wo jetzt der Fernseher steht, war früher der Schrank für die Kleider von Igors Mutter und Schwester mit den Mottensäcken. Der Geruch ist für immer verschwunden, die weiß gestrichenen Wände eigentlich dunkelweiß, der Plafond war höher, fast um einen Meter. Der Korridor beginnt hinter einer Türe im Rücken des Wohnzimmers, unser erstes Zimmer liegt immer noch an seinem Platz, das kleine Fenster ist vergrößert, ein weißer Plastikrahmen, der Schrank ist geblieben, das Bett am selben Platz, aber auch das ist neu. Der Olivenbaum vor dem Fenster wirft dieselben Schatten. Im gegenüberliegenden Zimmer ist alles noch immer provisorisch, zwei Schränke voll mit Sachen, die auch Igor nicht wegwerfen konnte. Wo versteckt er die Pistole und wo sind Dokumente, Parteibuch, Uhr, Fotos, die Brillen seines Vaters?

Drei Lastwagen Abfall musste man nach dem Tod des Vaters wegführen, Flaschen, altes Eisen, Plastikgefäße. Hätte er es gesehen, wäre er noch einmal gestorben, weil er behauptete, man könne alles verwerten, wenn einem danach sei, sagte mir Mutter.

Von Igors älterem Halbbruder, Igel Martin, gibt es kein Restleben mehr in diesem Haus, seine Anwesenheit war mit dem Auszug vorbei, seine Abwesenheit komplett. Als er mit siebenundvierzig Jahren im Familiengrab beerdigt wurde, rief bis dato nur Igors Vater: Mein Sohn!

Neben dem Büchergestell sehe ich die Tapete, wo einmal Weinflecken waren. Man kann ohne seelische Berührung an die Vergangenheit denken, man kann auf sie schauen wie in einem Film, dessen Ablauf klar ist, seltsam ist nur, dass einem die Rolle, die einem zukommt, absurd erscheint. Ich bin aber gut davongekommen. Gedemütigte Frauen nehmen gerne die ganze Weltschuld auf sich. Gedemütigte Männer nehmen nur eine Kalaschnikow.

Ich schaue dann in den Kühlschrank, es gibt Speck, Käse, einen Salat mit traurigen Blättern und Schweineschmalz in einem Glas, die Kartoffeln sind sicher wie damals im untersten Stockwerk, die Zwiebeln auch.

Meine Nähmaschine steht unter dem Fenster. Ich ziehe die Schublade heraus, in der liegt mein Tagebuch, das ich 1991, bevor ich Hals über Kopf kriegsbedingt Glück verlassen musste, in dieser Schublade gelassen habe. Bin befreit, leicht. Ich öffne das Tagebuch, auf der ersten Seite steht mit meiner schrägen Schrift:

POESIEALBUM

Wäre das Leben eine erfundene Geschichte, wo man mit richtigen Handlungen Kapitel nach Kapitel abschließt und sich gegen Ende satt vor Erkenntnis im Glück wälzt oder sich mit einem Schuss in den Kopf niederstreckt, wo stünde ich heute? Ich schlittere wie der Wolf, den sich mein Vater ausdachte. Oh Schreck. Es war neben einem Fluss im kalten Winter. Eis, Schnee. Der Wolf wollte den Mann fressen, aber der Mann fand ein Fass neben dem Fluss und lockte den Wolf hinein. Der Wolf streckte seinen Schwanz durch das Loch für den Korken, der Mann fasste den Schwanz, ging mit dem Fass auf den vereisten Fluss und drehte es um sich herum, bis der Wolf den Verstand verlor und jaulte wie ein Fuchs. An dieser Stelle lachte Vater laut und wir lachten mit. Nie haben wir Kinder einen gefrorenen Fluss gesehen, aber Vater war doch beim Militär, in Zaječar, Serbien, dort wo eine Pferdekutsche die Straße hinuntergerollt war, mit wild gewordenen Pferden, und Vater hatte sie gestoppt. Es gab keinen schöneren Mann als Vater in der Militäruniform mit schrägem, gefährlichem Blick. Die Haare in der Mitte gewickelt zur Schmalztolle, seine breiten Lippen etwas zu fest zusammengepresst. Dieses Foto muss im Jahr 1957 aufgenommen worden sein; die Lungentuberkulose war noch nicht diagnostiziert. In der jugoslawischen Volksarmee bekamen solche Dorfjungen zum ersten Mal im Leben ordentliche Portionen von Bohnen mit Schweinsknochen zu essen. Sie haben Männer-Freundschaften geschlossen, sich gemessen. Ein Mate Turković, Spitz genannt, wurde später mein Taufpate. Vater hielt sich für was anderes als alle bäuerlichen Tollpatsche.

Ich träumte von Basilikum, bosiljak, ich hatte einen kleinen Topf, er war durstig, ich sollte ihn mit der Mutter umpflanzen. Die Mutter bekreuzigte sich mit der linken Hand und sang: »Einmal hatte ich eine glückliche Liebe, die mein Unglück war.«

Mutter fürchtete seit meiner Geburt das Leben, das einmal auf mich zukommen sollte, als wäre ich von Anfang an eine Kopie ihres Schicksals. Sie hielt mich an der Brust, als Mora kam, eine schwere Hexe, die sich auf sie legte, sie konnte keinen Ton von sich geben. Blutsturz, sagten die alten Frauen, das Kind war eine Frühgeburt, winzig, solches Unglück erleiden Frauen, die ihren Eltern ein Leid antun. Mutter ist aus dem Vaterhaus geflüchtet, um zu heiraten, einen Bräutigam, den die Familie nicht wollte.

Als sie schwanger wurde auf einer Wiese im selben Herbst, mit einem Mädchen und keinem Sohn, fluchte Vater: đava vas obe odnija, der Teufel soll euch beide holen.

Ich fühle ihre Hände auf mir, wie sie hinter den Ohren Schmutz wegschrubbte und am Hals und mich mit Seifenwasser begoss. Die Mutter, die alles mit festem Druck anfasste und drückte; meine Haare, die Knöpfe, die Kohlköpfe im Kochtopf, bis das Wasser sie bedeckte. Unter den Kohlköpfen lag geräuchertes Fleisch, dasselbe Fleisch, das über den Kinderköpfen hing, um in der warmen Luft zu trocknen, nachdem es monatelang beim Onkel im Kamin gehangen hatte. Nach einem derartigen Trockenfleisch-Winter stanken meine Haare und alle Kleider. Die Mutter unterhielt seit Jahren ein sehr enges Verhältnis zu Gott, erworben durch Pilgerreisen und bezahlte heilige Messen, verursacht durch das mystische Erlebnis eines Sprungs zum Himmel, während sie in Ohnmacht fiel und eine Blumenwiese sah.

Großmutters Vision 1919

Wärmere Tage kamen schon im Februar über Glück. Viele Männer aus dem Dorf gerieten in Deutsch-Tirol in Kriegsgefangenschaft. Ein verlorener Großer Krieg und ein Elend. Ein Dreiländer-Königreich statt dem K.-u.-K.-Reich, es entstand auf seinen Trümmern. In dem Dreiländer-Königreich gewannen die Bauern nichts außer Krankheiten und Witwenschaft und Sichplagen für die trockene Brotrinde. Großvater wurde nicht eingezogen, weil er schon Familie hatte, sein älterer Bruder verletzte sich den Fuß mit einer Axt, damit er zu Hause bleiben konnte. Einigen anderen wie Onkel Grgo ging es noch schlechter, er kippte sich Säure in die Augen und wurde blind.

Der hinkende Bruder konnte zu Hause bleiben und heiraten, dann aber nahm die Spanische Grippe seine Frau und die vier Kinder mit in den Tod, es wäre besser, sagte er, er wäre auch tot, das Weiterleben sei ein Strafvollzug des unbarmherzigen Gottes, mit dem er nichts mehr zu tun haben wolle, mit dem nicht.

Großmutter Marta Grlović war zwei Jahre verheiratet. Die Spanische Grippe hat das halbe Dorf Glück zu Grabe getragen, ihre zwei Kinder starben einundzwanzig und einunddreißig Tage nach der Geburt.

Das Schicksal bückte sich zu Großmutter hinunter und sandte ihr ein Wunderzeichen: Ein weißes Pferd, rund wie ein Ball, mit drei Beinen und spitzem Kopf, wie dem einer Ziege, geht geräuschlos neben Großmutter, während die Steine unter ihren Füßen quietschen. Großmutter traut sich kaum zu atmen, als sie den Kopf nach hinten dreht, zum Großvater, sie hat keinen Ton in der Kehle, öffnet den Mund, um zu sagen: Schau, schau, was ist das? Aber sie starrt ihn nur sprachlos an, hat die Stimme verloren. Großvater merkt gar nicht, dass sie ihm etwas sagen möchte. Das runde Pferd geht eine ganze Ewigkeit auf der linken Seite neben ihnen. Großmutter kann kaum atmen, das sind die letzten Minuten unseres Lebens, denkt sie. Das Unheimlichste, was passieren kann, ist, die eigene Stimme zu verlieren, wie sie sie schon damals im Kinderbett verloren hat, im Winter, in dem Wölfe Schafe gerissen haben.

Dann, so plötzlich wie es gekommen ist, verschwindet das runde weiße Pferd. Großmutter versucht, wieder ihre Stimme zu finden, und es gelingt ihr, zu flüstern: »Das Pferd ist neben uns gelaufen.« – Großvater fluchte: »Verdammt, du hättest es mir sofort sagen sollen. Nichts ist neben uns. Sapperlot.« – »Es war ein Zeichen des Himmels, ich konnte dir nichts sagen, meine Stimme war weg.« – »Was für ein Zeichen des Himmels?« Der Himmel war sternenbedeckt und klar. Vorahnung. Botschaft. Unglück kam auch so. Was war’s denn?

Eine Zeit lang gab Großvater der Großmutter die Hand und sie hielt sich daran fest wie ein Kind. Großvater glaubte nicht, dass sie das runde Pferd gesehen hatte, aber er sagte nichts. Sicher sei sie so schwach von der Entbindung und vor Hunger, dass sie Geister sehe.

Großmutter wollte sich nur hinsetzen, die Angst austreiben an der Brust des Großvaters, sie nahm ihre Schürze ab, der Großvater legte sie auf den steinigen Boden, dann seine Jacke darauf. Er schob Großmutters Unterkleid hinauf, sie mussten sich wärmen. Nachdem es vorbei war, weinte sie leise, ohne dass Großvater etwas davon merkte. Unter dem Herzen der Großmutter wuchs mein Vater heran.

Mein Vater war nicht in dieser Nacht in die Großmutter gekommen. Das runde Pferd wird so vieles wiedergutmachen müssen.

Gab es einen finalen Pfiff, eine Poleposition für alles, was später daraus entstand?

Die Entführung des Mädchens als Ausgangspunkt des Unheils für ein ganzes Dorf? Ein dreizehnjähriges Mädchen, festgehalten auf dem Pferd, sie hatten sie belogen, gesagt, sie solle zu ihrer Schwester nach Glück kommen. Es war sonderbar. In der Nacht, warum in der Nacht? Vielleicht war’s gegen Abend. Das Kind mit wunderschönen schwarzen Haaren, auf sie hatte es der alte Witwer abgesehen, aber der Plan wäre fast gescheitert. Die Besa, so hieß die Schöne, hütete Schafe und spielte mit anderen Dorfkindern oberhalb der großen Greda, der Witwer, ihr Entführer, trank Wein vor dem Haus ihres Onkels. Er redete über die Viehpreise, sagte, dass er dieses Jahr kaum etwas verdient habe, weswegen er jetzt die Besa zu ihrer Halbschwester nach Glück bringen werde, damit sie ihr helfe. Die Schwester habe nämlich mehr Vieh gekauft, er bringe Besa zu ihr. Er wollte vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein in Glück, er stellte sich vor, wie das Mädchen vor ihm auf dem Pferd sitzen würde, seine Hände auf ihrer Brust. Er hatte sie im Sommer bei ihrer Halbschwester gesehen, seitdem dachte er an das Unmögliche, wie er sie entführen, in sein Haus bringen könnte. Ihre Schreie in dieser Nacht hörte das ganze Glück, sie verstreuten sich und versanken, keine Hilfe. Besa verlor nach dieser Nacht ihren Verstand. Sie gebar dem Vergewaltiger zwei Kinder. Dass dieser Mann vorher die Frau seines Bruders geschwängert und dann eines Nachts ermordet hatte, in Lokva, wusste das ganze Dorf, die Untersuchungskommission aus Split fand nichts heraus. Es wusste auch, dass Besas Enkel seine Frau in der Hochzeitsnacht mit drei Stichen fast getötet hätte, dass er im Krieg gewesen war und später in den besten Militärakademien, dass er nicht verurteilt werden konnte.

Kindheit 1965

In die Geldtasche hatte Vater mein Gesicht gesteckt, das erste Foto für die Vergünstigung, für den Familien-Angestellten-Ausweis der Eisenbahn-Mitarbeiter. Er trug den Ausweis immer mit sich und dieses Kind, ein in sich versunkenes Kind mit großen dunklen Augen, mit dem Haarschnitt eines Jungen, Scheitel auf der linken Seite, geölt, gekämmt, schmale Pulloverzöpfe bis zur Brust. Dann hörte das Foto auf. Das Kind starrt in sich hinein, abwesend, fragend. Das Kind ist nicht verängstigt, eher neugierig. Abstechende Ohren fallen auf, große. Ein Heiratshindernis, obwohl die Mutter sie mit einem Wundpflaster anklebte, damit die Chancen, später für das Mädchen einen Bräutigam ausfindig machen zu können, sich vergrößerten. Dieser nach innen gerichtete Blick, ich schaue dieses Kind in mir an und es scheint mir unmöglich zu begreifen, dass dasselbe Ich in mich heute hinübergerettet wurde.

Die Mutter schloss sich manchmal hinter der Schlafzimmertür ein und kam für Stunden nicht heraus. Eine seltsame Unruhe ohne Lärm, wenn sie nach den Gegenständen griff, ihre Stimme, die Befehle oder Warnungen austeilte, verstummt. Wenn sie aus dem Zimmer endlich wieder in der Küche auftauchte, mit geschwollenen Augen und schmalen Lippen, bekam die Küche ihr normales Gesicht. Die seltene Erinnerung, wie sie lachte beim ersten Schneefall; sie spielte und lachte und warf Schneebälle um sich. Der Geruch ihres Schweißes und der Härchen unter den Armen, wenn sie uns wusch. Als sie die Sehbrille bekam, wurden ihre Augen vor der Welt geschützt. Schwarz umrandet, undeutlich.

Der Vater hütet das kleine Häuschen am Bahngleis-Übergang. Mit dem Vater kommt die Stille ins Haus. Wenn Besuch aus Glück bei ihnen ist, ziehen die Eltern eine andere, lachende Gesichtshaut an und die Wörter werden laut hinausgesagt. Wenn die Kinder allein mit den Eltern zu Hause sind, geben diese kürzeste Befehle durch geschlossene Lippen.

Der Wächter der Familie, der Fürst mit blauen Augen, Vater, der Gesetze und Regeln gab, die keines der Kinder gründlich ausführen konnte. Sein Lachen wäre Verschwendung der Zeit, nur die Nachbarin Jasna brachte ihn zu einem seltsamen Kichern. Er zeigte den goldenen Zahn beim Reden und einen silbrigen beim Fluchen, welcher weit hinten im Mund lag. In ihm kochte eine Zornmilchsuppe, die jederzeit überschwappen konnte wie Milch. Er konnte es auch immer begründen: Hast du keine Augen im Kopf? Er liebte lange Reden vor den Ohren anderer. Wir Kinder hatten kein Wort, sondern dienten als Empfänger seiner Verheißungen. Die Antwort: den Kopf senken und still sein. Die Disziplin, welche er erwartete, förderte, was er als gute Erziehung ansah; sicher war, dass es in seiner Macht stand, die Kinder zu biegen und zu brechen. Er musste aus Kindern die Schlechtigkeit aller Menschen rechtzeitig austreiben. Die Dorfprimitivität ein für alle Mal aus ihnen verbannen, des Dorfs Glück, in dem er nur primitive Menschen sah.

An Weihnachten verfiel er in eine zur Schau gestellte Gleichgültigkeit, weil es sich so gehörte, weil er sich in der Rolle des feierlichen Vaters gefiel. Weil Weihnachten war und die Kinder sollten sich an Weihnachten erinnern, weil er zwei Gläser bitteren Pelinkovac-Likör trank und den Kindern die Geschichte erzählte, wie er einem Wolf auf dem vereisten Fluss den Schwanz aus dem Körper gerissen hatte. Die Kinder trauten dieser Verwandlung nicht ganz und saßen auf seinen Knien, jederzeit bereit, abzuspringen. Die Mutter und die Großmutter hängten sich nicht an die gute Stimmung an, warnten ihn vor dem Alkohol, welcher ganze Familien schon zerstört habe, er werde auch seinem Magen nicht guttun. Der Vater brach in Zorn aus, schüttelte die Kinder von seinen Knien. Ihr gönnt mir gar nichts, wann war ich je betrunken? Die Kinder wünschten sich so sehr einen betrunkenen Vater, der Geschichten erzählte und scherzte. Weihnachten, das so kurz nach dem Schweineschlachten kam, hieß Zuckerbonbons auf dem kleinen Tannenbaum am Esstisch, Orangen darunter, Baumwolle, Watte, vier Glaskugeln wurden aufgehängt (wegen der Kinder). Aber die Kinder verstanden nicht, was gut daran sein sollte, diese Sachen zu sehen, aber nicht essen zu dürfen, die zuckerweißen Bonbons, die in Glitzerpapier eingewickelt waren. Es war unvorstellbar, was Weihnachten sollte und was die kleinen Kerzen, die in Öl schwimmenden Kerzen unter dem Baum, mit der Seele des Großvaters (den toten Seelen) zu tun haben könnten.

Dann die Nachmittage, an denen die Kinder zu Gott beteten und ihn baten, den Vater verschwinden zu lassen, er soll sterben, lieber Gott, aber der Gott sollte nicht verraten, dass er auf die Kinder hörte. Die Schrecklichkeit dieses Hasses, der ihre kleinen Körper zerschmetterte, so wie der Schmerz des Hosengürtels ihre rot gestreifte Haut platzen ließ. Dieses Brennen der Haut, das nicht zu stoppen war, und dann die Tage, an welchen das Sonnenlicht kam, an welchen sie Trost im Weglaufen fanden und im Versinken in den Schlaf. Die vergebliche Mühe des Gebets zeigte sich immer, weil ihre Schuld schon im Vorhandensein lag, nicht auszulöschen war.

Die Kinder quälten die kleinen Tiere und schauten zu, wurden herzlos, wenn kleinste Vögel im Nest ihren Schnabel aufsperrten und nach Luft rangen, wenn ihr Kopf sank und sich nicht mehr bewegte. Die Kinder überfütterten sie mit Feigenfleisch.

Die Kinder hatten Angst vor der Strafe, vor dem Hosengürtel, die Wunden sahen im Frühling schrecklich aus auf weißen Oberschenkeln. Erst dunkelblau, dann gelblich.

Ich sehe mich sitzen, auf einem flachen, unregelmäßigen, großen Stein auf dem halben Weg, welcher von der Straße berghinauf führt. Schutt und Steine hat Vater nachgefüllt, um den Weg auszubessern, damit das Pferd es leichter hat, den Wagen bis zum Haus hinaufschleppen kann. Der Stein drückt unter dem Gesäß, der dünne Stoff des Sommerkleidchens ist hinaufgerutscht, ich spüre den Stein unter dem Gesäß und den Oberschenkeln, der Stein klebt an der Haut.

Auf dem zweiten Foto, das in jenem Sommer gemacht wurde, auf dem Dorffest, hat die Mutter kleine Augen, durch das Schauen in Richtung Sonne und Fotokamera sind die Mutteraugen noch kleiner als sonst. Um ihren Kopf ist ein dünner Zopf gewickelt, weiße Sandalen, Schürze und eine helle Kurzarmbluse. »Schau, wie dünn ich da bin«, jedes Mal hat sie das gesagt, wenn ich dieses Foto mit ihr angesehen habe.

Ich sehe mich in der Spiegelkommode des neuen Elternschlafzimmers. Mutter hat Wasser erwärmt und es vor das Haus gestellt. »Du musst dich waschen, hinter den Ohren schrubben, hinter den Ohren sammelt sich am liebsten Schmutz.« Mutters Hände tun weh.

Ich erinnere mich nur an den Geruch des nassen weißen Stoffs, den sie wäscht, ich sehe die runde glitschige Seife aus Mutters Händen in den Wassereimer fallen, die Haare unter den Oberarmen, kleine Hände mit schmalem Goldring, ihren blumigen Unterrock, Combine genannt, darüber den Faltenrock. Mutter näht mit der linken Hand. Das Kleid mit Schiffen, das Mutter genäht hat, trage ich in der Erinnerung die ganze Kindheit. Mutter singt leise, kaum hörbar … meine Blumen, mein Glück, deine Ljuba … moj gaj, moja sreća, tvoja ljubav.

Ich glaube, Großmutter ist auf der Reise, die Großmutteraugen haben sie nicht beobachtet.

Einmal sagte Vater feierlich: »Wir gehen nach Čačak.« Nach diesen Worten hatte ich eine geräuschlose, steigende Aufregung in den Augen, in den Ohren, mein Herz unter dem vergilbten Unterhemd klopfte bis in den Rücken. Eine Zugreise, morgen. Die Reisekleider lagen schon auf Großmutters Bett, die Kleider, welche ausgeliehen waren und nur zu dieser Gelegenheit angezogen werden sollten. Ein hellgelber Wollpullover mit Zopfmuster, der um Gotteswillen nicht beschmutzt werden durfte, weil er von Tatjana Jagoda, der Cousine, ausgeliehen war. Tatjana Jagoda sprach Italienisch mit Nonna und Nonno und war ein »Augenapfel« für alle. Der Wintermantel wurde auch ausgeliehen. »Weil das Kind kalt haben wird«, sagte Mutter zum Vater; er hatte Holzknöpfe auf beiden Seiten, dunkelblau.

Der Vater trug seine dunkelblaue Eisenbahnuniform mit den Messingknöpfen und das blaue Eisenbahnhemd. Auf der Jacke der Uniform stand mit gelben Buchstaben geschrieben: JŽTP, Jugoslavensko željezničko transportno poduzeće.

In meinen Ohren klang diese Bezeichnung geheimnisvoll. Fernglück, das durch die Augen strömte, hinaus, hinein, eine Reise mit dem Zug. Die lange Nacht und den Tag der Zugreise über machte ich kein Auge zu, eine Zugreise nach Čačak. Aus Angst, allein zu sein im Korridor des nach Benzin stinkenden Zuges, ging ich nie auf die Toilette. Vater wird das nach der Rückkehr immer wieder erzählen. Der Geruch des Zugabteils, Urin, Holz, ölig, Häuser, welche mitreisten, draußen vorbeiflogen und von Bäumen begleitet wurden, Stromstangen wie Bleistifte. Ich war ein folgsames Kind, unglaublich gut hätte ich die Reise überstanden, wie eine Große, wird Vater sagen, an die Worte des Vaters erinnere ich mich. Ankunft. Treppen nach oben, Holztreppen. Ein dünner Mann, den ich Onkel nennen sollte, Onkel Tetak, der keine Kinder hatte und mich fest kitzelte. Ich weinte vor Lachen.

Ohne Großmutter ein einziger Ausflug als Familie nach Split. Eine Fotofamilie, die mit Wasser, Seife, dem neuen Rosenrock der Mutter präpariert wurde, auch mit dem glatten Gesicht des Vaters, welcher der Regisseur des Ausflugs war, mit Eis in zitternden Kinderhänden, weil sie sich in der Stadt nicht zu benehmen wussten und schnell schmutzig werden konnten. Die Mutter ernstfröhlich, weil das Kleid aus Italien stammte, nur an dem Tag angezogen werden durfte und sie erhellte, fremd machte, das Rosenkleid, und der Vater hatte ein Polyesterhemd, welches mit einer Farbtablette gekocht wurde, um blau zu werden. Mutter, ich und mein Bruder. Für den Ausflug wurden wir über Nacht anders, als wir gestern gewesen waren, eine vorsichtige Imitation der Städter, wobei der Vater als Einziger keinen wirklichen Respekt zeigte und als Anführer dieser unmündigen Familie mitging. Er hatte geölte Haare, die Frisur zeigte seine Weltläufigkeit, welche aus verschiedenen Tuberkulose-Aufenthalten in Spitälern in Zagreb und Varaždin bestand und aus Besuchen der Abendschule in Split. Auch seine Sprache und sein goldener Zahn konnten durchaus zu einem anderen Mann gehören wie auch die Kinder, die schon in der kleinen Küche ganz unpassend saßen, die Kinder, welche die Wörter flüsterten, weil sie nicht wussten, wie die richtige Stadt-Aussprache war und wie richtige Wörter auszusehen hätten. Ich konnte die herben Wörter der Erwachsenen aus Glück auswendig, aber für Split musste man sie waschen. Mutter trug eine Brille, was auf die Vererbung eines Sehfehlers mütterlicherseits hinwies. Diese Brille entfernte Mutter von den gesunden Bauern, aber sie brachte sie nicht in die Nähe der Städter, obwohl auch Städter Brillen trugen, aber die hatten andere, schönere Gestelle, nicht solche schwere schwarze. Gott sei Dank hatte Mutter ihre Zöpfe abgeschnitten, fürs Erste wurde eine halblange Version gewählt, weil es auch andere vergleichbare Frauen so hielten in diesem Wettbewerb der angleichenden Verwandlung, wobei keine zu schnell bei der Imitation der Stadtmenschen sein durfte. Das hat geholfen, dass die Mutter an diesem Tag nicht ganz wie Mutter war.

Split bestand aus Vaters Hemden in den Schaufenstern, aus Tellern, Wintermänteln, Unterhosen, Schuhen, Uhren, Büchern, Küchen, diesen unglaublichen Dingen, die Stadtmenschen beseelen, weil sie Teil ihres Lebens sind. Der Gestank der Fische auf dem Fischmarkt Ribarnica störte unser Bild, gesalzene Sardellen in den Holztöpfen, davon hat Mutter, als sie mit mir schwanger war, sechs Stück gegessen. Die Steinkinder im Park, aus deren Fingerkuppen Wasser spritzte, all dies gehörte zu einer Erhabenheit der Stadtmenschen, welchen wir nicht angehören, aber wenn wir groß würden … Vater nannte uns die Namen der Ärzte, die Namen der Straßen: Solinska, Prvoboraca, Bosanska Firule, Bačvice und Meje. In Meje, sagte er, wohnten die, welche es geschafft hätten, in einer Vorzeit den Reichen alles wegzunehmen, von Volksfeinden was zu retten, richtige Kommunisten.

Wir trauten uns fast nicht zu atmen, sondern schauten auf die Schuhspitzen beim Treppensteigen. Auch andere Familien stiegen stolz die Treppen hoch zum Marjan, wo der Zoologische Garten war, wobei ich nicht wusste, was Zoološki vrt bedeutete, nichts wusste, abgesehen von dem Wort. Ich stellte mir Tiere vor, die eingepflanzt wie Rebstöcke oder Bäume im Garten wuchsen. Am meisten liebte ich unseren Hund, der ständig bellte. Ich wollte immer eine andere Familie, einen Park, ein gelbes Haus, einen Papagei, Lackschuhe, ein schönes Kleid, Locken am Kopf. Zeichnungen, andere Zeiten, andere Menschen standen im Fortsetzungsroman auf der letzten Seite von Slobodna Dalmacija. Vater schlug den Bruder mehr als mich.

Die andere Großmutter fragte mich, wo ist dein Bruder, ist er in lokva, in der Tränke? Und ich dachte, ich sah ihn, wie er ins Wasser ging, als die Kühe von der Weide kamen.

»Er ist sicher in lokva«, sagte ich zu ihr. Großmutter rief nach den Nachbarn, zwei Männer nahmen die Schnur, sie suchten den kleinen Bruder im Wasser der Kuhtränke. Die Tante und die Großmutter weinten laut, plötzlich tauchte er an der Hand des Onkels auf, alle waren erleichtert, freuten sich, dass er nicht ertrunken war. Die Großmutter schlug mich, sagte: »Du hast falsches Zeugnis abgegeben, du Miststück, bist wie deine Mutter.« Ich weinte. Hatte Angst, dass die Großmutter das dem Vater erzählte, er mich auch schlagen würde.

Es war dieselbe Kuhtränke, dort, wo damals die erhängte Freundin der Mutter hing.

€12,99
Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
19 September 2025
Umfang:
151 S. 3 Illustrationen
ISBN:
9783751800044
Rechteinhaber:
Bookwire
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