Buch lesen: "Herzmord"
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Vorwort
Kapitel 1: Geburt – der kleine Scheißer will nicht
Kapitel 2: Aua, Masern!
Kapitel 3: Schlitten fahren mit Rums!
Kapitel 4: Leckere Zuckerstückchen
Kapitel 5: Matsch-Fresse
Kapitel 6: Raupen-Allergie
Kapitel 7: Mandeln und Polypen
Kapitel 8: Ziegenpeter
Kapitel 9: Windpocken – und es juckt und juckt
Kapitel 10: Der Trick mit dem Tick
Kapitel 11: Mmmhhh... lecker Nägel!
Kapitel 12: Kinderski mit Rums
Kapitel 13: Schlittschuhlaufen mit Rums
Kapitel 14: Handgelenksverstauchung
Kapitel 15: „Ich gehe meilenweit...“
Kapitel 16: Er hat immer gebohrt!
Kapitel 17: Schloss mit einem Auge
Kapitel 18: Koma-Saufen
Kapitel 19: Die Nase-auf-OP
Kapitel 20: Weisheitszahn mit Dauerschmerz
Kapitel 21: Kirmes-Kotzen leichtgemacht
Kapitel 22: Schützenfest mit Kotzerei
Kapitel 23: Neue innere Ruhe
Kapitel 24: Ich habe „Tiere“
Kapitel 25: Die Haare sind futsch
Kapitel 26: ... bis die Leiste bricht
Kapitel 27: Mein Immunsystem schlägt Kapriolen
Kapitel 28: Mein Rückgrat gibt nach
Kapitel 29: Wer schön sein will muss leiden
Kapitel 30: Überanstrengung mit Folgen
Kapitel 31: Tripper und anderes Gedöns
Kapitel 32: Prellung am Knie
Kapitel 33: Schlafstörungen
Kapitel 34: Vampir-Biss
Kapitel 35: A – B – C... und noch mehr?
Kapitel 36: Blut in der Schnauze
Kapitel 37: Positiv – reaktiv – fraglich - negativ
Kapitel 38: Terror, Tod und Therapie
Kapitel 39: Alles im Arsch
Kapitel 40: Papillom und „Spanischer Kragen“
Kapitel 41: 2003 + 2004 + 2005
Kapitel 42: HERZMORD
Kapitel 43: Keine Ruhe nach dem Herzmord...
Kapitel 44: Eine Woche Bettenstation Uni-Klinik
Kapitel 45: Vier Wochen Reha-Klinik
Kapitel 46: Das Schicksal schlägt um sich
Kapitel 47: 2007 bis 2008
Kapitel 48: Traue keinem Hautarzt...
Kapitel 49: Wadenkrampf und Nervenzucken
Kapitel 50: Das Kreuz mit meinem Kreuz
Kapitel 51: Und er raucht doch noch
Kapitel 52: Aufregung beim Kardiologen
Kapitel 53: Das dritte Krankenhaus-Chaos
Kapitel 54: „Geburt“ des Cyborg
Kapitel 55: Der verrückt-gewordene Transmitter
Kapitel 56: Keiner will mich!
Kapitel 57: Der verrückt-gewordene Defi
Kapitel 58: Der tödliche Defi
Kapitel 59: Die Sache mit dem Zahnersatz
Nachwort
Impressum
Titel:
HERZMORD – Der Patient Dietmar Wolfgang Pritzlaff
ISBN:
978-3-9650-8749-1
Auflage 1 / Oktober 2018

© Foto: Charly, Köln
Autor:
Dietmar Wolfgang Pritzlaff (Alle Rechte dem Autor vorbehalten.)
geb. in Altena/Westf., schreibt Romane, Kurzgeschichten, Lyrik, Haiku, Songtexte,
Theaterstücke, Hörspiele, Essays und Drehbücher, journalistische Texte
www.diwop.de
www.liesmichnet.de
Verlag:
@ 2018 • dwp –Dietmar Wolfgang Pritzlaff • veröffentlicht von: feiyr.com
© Coverbild: „DIE BEDROHUNG“ von Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Sand-Dispersion-Lacke-Gips-Telexschnipsel- und Klebstoffe auf Holz - 49,5 x 52 cm
© Text und Satz: Dietmar Wolfgang Pritzlaff, Köln
Vorwort
Ein Buch über Krankheiten? Also ein Sachbuch? Ein Buch von Ärzten und Krankenhäusern? Ein Ärzteführer? Ein Buch von einem Patienten und seinen Leiden? Ach, du liebe Güte! Kann das interessieren? Ich hoffe doch.
Im Internet gibt es nur vereinzelte Berichte und Leidensgeschichten zu einer Krankheit und einer Person. Ich würde gerne mal solche Lebens-Krankheits-Geschichten von anderen Schreibern lesen, so in ihrer Gesamtheit, aber das hat noch kaum einer gemacht. Ich schreibe mal dieses Buch als Beispiel-Lektüre. Vielleicht gibt es Kranke, die ihre gesamte Geschichte auch über Jahre erzählen wollen und sich nicht trauten oder keinen Verlag fanden. Gut, dass es heute so einfache wie geniale Lösungen gibt. Man schreibt und veröffentlicht einfach selbst und ruckzuck ist ein Buch digital erwerblich.
Ob es wirklich jemanden interessiert? Egal. Ich muss es erst Mal für mich aufschreiben und dann endlich loslassen. Warum nicht in Form eines eBooks?
Ich war bis heute ca. 700 Male bei Ärzten, Zahnärzten, Therapeuten, Gutachtern, Betriebsärzten und in Krankenhäusern. Ist das viel? So auf das ganze bisherige Leben gesehen? Ich bin jetzt 55 Jahre alt und denke, das ist schon eine stattliche Summe, die da zusammengekommen ist bis heute. Nicht mit eingerechnet sind die längeren Aufenthalte in Krankenhäusern. Diese sind dabei nur einmal erwähnt. Krankgeschrieben war ich auch für ca. 700 Tage. Über 2 Jahre krankgeschrieben? Puh...
Da gab es so viel Ärger mit Schwestern und Pflegern, falschen Medikamentengaben, Lügen, Verfehlungen und Fehlern von Ärzten. Ja, das muss ich mir alles von der Seele schreiben und wer weiß, ob sich nicht der eine oder andere in den Geschichten wiederfinden kann, sich identifizieren kann. Vielleicht hilft es anderen weiter in ihrem Leben.
Ich hoffe, man verliert nicht gänzlich den guten Glauben an die „Götter in Weiß“ durch mein hier vorliegendes Buch. Aber ich muss einige unter diesen Göttern, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind, einfach von ihren vergoldeten, unantastbaren Thronen zerren.
Außerdem hoffe ich, dass man nach der Lektüre dieser wahren Geschichten, meiner Geschichten, Ärzte mit anderen Augen sieht und auch mal was nachfragt und etwas distanziert betrachtet und nicht alles glaubt, was uns von diesen Göttern versprochen wird.
Es sind schließlich auch nur Menschen, die geschworen haben, nach bestem Wissen und Gewissen, Leben zu erhalten, zu retten, zu hegen und zu pflegen, womit auch immer und nach Möglichkeiten, mit neuesten Erkenntnissen und Techniken. Aber eben auch immer mit menschlichem Versagen.
Nach diesem Buch wissen Sie mehr. Viel Spaß und Spannung beim Lesen!
Kapitel 1: Geburt – der kleine Scheißer will nicht
Ich kam 1963 im Wonnemonat Mai zur Welt. Im Städtischen Krankenhaus in Altena. Ja, das gab es noch. Irgendwann in den 1980er Jahren hatten wir sogar mal zwei Krankenhäuser. Heute gibt es keines mehr in Altena. Die Kranken müssen in die Krankenhäuser nach Iserlohn oder Lüdenscheid gebracht werden oder sich hinschleppen. Je nachdem.
Im Jahr 1963 wurde der US-Präsident John F. Kennedy ermordet. Es gab Flugzeugabstürze und einen Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Bali. Ein Erdbeben der Stärke 6,0 in Skopje, dem damaligen Jugoslawien, forderte 1.100 Tote. Ein neuer Papst wurde gewählt, Kanzler Adenauer dankte ab und in den USA lief Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“ in den Kinos an.
Meine Geburt war für meine Mutter alles andere als schön, locker und leicht. Ich sollte als drittes Kind durch den engen Geburtskanal gequetscht werden, aber ich wollte nicht.
Man sieht ja auch hinterher so zerknautscht aus. Das macht keinen guten Eindruck und der erste Eindruck zählt doch!
Nach meinen älteren Schwestern und deren „Flutsch-und-raus-Geburten“, einer Fehlgeburt, vielleicht hätte es ein Bruder werden sollen, war ich nun das dritte Pritzlaff-Baby, das auf die Welt losgelassen werden sollte.
12 Stunden Qual im Krankenhaus. Kommt das Balg oder nicht? Hin und Her. Aber der kleine Scheißer, also ich, wollte einfach nicht an dem gewünschten Sonntag, den 05.05.1963 zur Welt kommen. Also wurde ich ein Montagskind. Das merkt man noch heute. Ich überlegte es mir viel zu spät und kam dann endlich 8 Minuten nach 01.00 Uhr nachts doch noch zur Welt. Ein Stier halt. Immer seinen sturen Kopf durchsetzen wollen.
Wahrscheinlich war es mir schön warm in Mutters Bauch. Ich wurde gut versorgt und behütet. Warum sollte ich da raus? Lieber noch eine Weile rumgetragen werden, das Bindegewebe weiten und wie wild unter Mutters Rippen treten, wenn es mir mal wieder zu langweilig wurde. Ich brauchte wohl mehr Beinfreiheit, aber die Rippen habe ich meiner Mutter dabei wundgetreten. Die Ärmste! Ich hätte „ordentlich gewirtschaftet“ im Mutterbauch und alle hätten angenommen, dass Zwillinge unterwegs wären. Waren sie aber nicht. Nur ich. Ätsch! Überraschung.
Ich war zwei Wochen übertragen. Das Fruchtwasser soll gestunken haben wie ... wie... zum Kotzen halt. Habe ich daher meinen Hang zu eher muffigeren menschlichen Gerüchen, als zu süßen Parfums? Oder ist das schon ein Fetisch? Lieber getragenes Leder, als blumig-frisches Seidenhemdchen. Lieber einen drei Tage nicht gewaschenen Kerl, als eine von Seife, Deo und Creme verschmierte „Husche“.
Ich soll 4,5 Kilogramm schwer gewesen sein. Ein dicker Junge. Mein Vater soll gleich ausgerufen haben: „Der Junge hat ein richtiges Schweinsgenick.“ Ich soll ausgesehen haben, wie ein nacktes Spanferkel mit einem Specknacken ausgerüstet. Gute Voraussetzungen also für ein Leben nach „dem Wurf“: Gleich auf den Grill damit!
Der kleine Specknacken hatte beim Rausklettern Mutters Steiß angebrochen. Fast zwei Jahre konnte meine arme Mutter nicht richtig sitzen. Immer nur mit Schmerzen. Aua!
Es sollte noch schlimmer kommen. Die Nachgeburt kam nicht richtig raus. Soll heißen, etwas blieb drin in meiner Mutter. Wie wird die Nachgeburt gemessen? In Zentimetern, Litern oder Tonnen? Jedenfalls löste diese weitere Misere eine Kettenreaktion an schlimmen Symptomen in meiner Mutter aus.
Fieberschübe, Eiter in den Brüsten, an den Finger- und Zehennägeln. Ein Arzt operierte die Brust meine Mutter zuhause im Bett. Was damals alles noch möglich war?
Der Rücken tat ihr weh. Man nahm sogar an, dass eine Lungenentzündung der Verursacher war. Das war aber falscher Alarm.
Durch die Verunreinigung von Eiter und Entzündungen, konnte mich meine Mutter nicht stillen. Ich war dazu verdonnert worden, ein Flaschenkind zu werden. Ich habe aber nie an der Flasche gehangen. So alkoholtechnisch, meine ich.
Ich habe nie an Mutters Brust gesaugt. Heul... Schluchz... Schnief... Vielleicht ein Zeichen dafür, dass ich noch heute auf dicke Titten abfahre und sie einfach geil finde. Wahrscheinlich, weil ich als Baby nicht an Brüste rangekommen bin. Ich schaue mir die dicken Dinger gerne an, was einige meiner schwulen Freunde irritiert.
Ich soll 56 cm gemessen und durch die Übertragung ganz verschrumpelte Finger gehabt haben. Irgendjemand muss sie wohl danach wieder glattgezogen haben. In meiner Kindheit waren sie nicht mehr schrumpelig, höchstens nach dem Baden oder Schwimmen. Und nun bin ich schon in dem Alter, in der die Haut wieder schrumpelig wird. Was für ein Scheiß!
Ich hatte schwarzes volles Haar von Anfang an. Ich fing also nicht mit einer Glatze an, sondern eher mit einer Mähne. Wie ein kleines Teufelchen, beschrieben in dem Roman „Rosemaries Baby“. Aber das Zeichen, die 6 6 6 aus dem Film „Das Omen“ sucht man in meinem Haaransatz vergeblich. Dafür begann die Glatzenbildung schon mit 28 Jahren.
Jetzt hatte mein Vater den ersehnten Stammhalter. Denkste! Ich halte lieber selber „sehnige Stämme“ in Händen, als den Familiennamen an Enkel und Urenkel weiterzugeben. Ein Schuss in den Ofen sozusagen. Alles umsonst. Aber das sollte alles erst viel später Thema werden.
Jetzt hieß es erst Mal viel saufen, aus der Flasche, essen und wachsen und ordentlich die Windeln vollscheißen. Die waren 1963 noch aus Stoff und wurden nicht einfach so weggeschmissen. Die wurden gewaschen und wiederbenutzt. Wieviel Scheiß die Mütter damals aushalten mussten!? Ausgekocht und gewaschen und gekocht und gewaschen... denn die Pampers kamen erst 1973 nach Deutschland, da war ich dann schon raus aus der größten Scheiße.
In unserer Waschküche stand noch ein alter Waschzuber, der mit Kohle geheizt wurde, und darin wurde Wäsche gewaschen. Das alte Wasch- oder Rubbelbrett habe ich heute noch als Andenken an diese Zeiten in meiner Wohnung stehen.
Kapitel 2: Aua, Masern!
1967 war ich vier Jahre alt und bekam die Masern. Woher kamen die „Biester“? Also, aus dem Kindergarten hatte ich sie nicht. Ich war nur drei Wochen im Kindergarten. Ich wollte nicht eingesperrt sein und rebellierte. Ich wehrte mich, doch meine Mutter meinte ich müsse und schleppte mich wortwörtlich hinter sich her zum Kindergarten. Nach drei Wochen hatte auch meine Mutter die Schnauze voll von dem täglichen Zieh- und Schlepp-Theater und ich brauchte nicht mehr in den mir verhassten Kinderknast.
Ich denke mal, die Masern kamen von meinen Schwestern. Sie hatten sie aus der Schule mitgebracht und dann ging es bei uns zuhause rund. Natürlich steckten wir uns alle drei nacheinander und voneinander an.
Was war das für ein Mist? Unsere Körperchen randvoll mit Hitze vom Fieber. Wir mussten im Bett liegen und fühlten uns schlecht und matt und waren zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Wir lagen in unserem durch Holzjalousien abgedunkelten Kinderzimmer, weil die Augen so lichtempfindlich waren und vegetierten den lieben langen Tag qualvoll vor uns hin. Drei Blagen im Halbdunkel. Von der Außenwelt abgeschnitten. In unserem gemeinsamen Kinderzimmer. Meine älteste Schwester in einem Einzelbett. Meine jüngere Schwester oben und ich unten im Stockbett. Kinder-Einzelzimmer „de luxe“ waren damals nicht üblich.
Man wollte sich ausgiebig kratzen und durfte nicht. Meine Mutter hatte uns sämtliche Kratzereien verboten. Aber sämtliche Verbote wurden über den Haufen geschmissen, wenn unsere Mutter aus dem Zimmer ging. Dann ging die wilde Kratzerei los. Wir konnten nicht anders. Auch die von ihr ausgemalten Horrorszenarien wie Löcher in der Haut oder schlimme Narben, die zurückbleiben würden, wenn wir uns kratzten, ließen uns nicht davon abhalten.
Unsere Hausärztin kam ins Haus und konnte auch so gar nichts anderes machen, als unsere ausgewachsene Krankheit zu bewundern.
Wir hatten Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und ordentlich Fieber. Weil durch Masern noch Schlimmeres, wie Mittelohr- Lungen- und Gehirn-Entzündung entstehen können, mussten wir viel trinken, obwohl mit den Halsschmerzen jeder Schluck zur Tortur wurde. Dem Fieber rückte man mit Wadenwickel zu Leibe. Außerdem schluckten wir Paracetamol gegen Schmerzen und um etwas das hohe Fieber zu senken. Das war es eigentlich schon. Den Rest musste man aushalten. Über drei Wochen ging die ganze Chose über die Bühne und zerrte an Mutters Nerven und an unseren Leibern.
Heute gibt es für alles so wunderbare Impfungen. Die Kinder müssen nicht mehr durch diese Kinderkrankheiten durch und sind vor Ansteckung geschützt. Was für ein Fortschritt!
Kapitel 3: Schlitten fahren mit Rums!
Im Winter 1968, ich war 5 Jahre alt, schneite es wie wild in Altena im Sauerland. Unsere Straße wies damals noch 5 Häuser eine große Schrägwiese, Schrebergärten und Wald auf. Heute ist alles von vorne bis hinten zugebaut.
Die schräge Wiese hatte den Namen Schäfchenwiese erhalten, weil im Sommer auf dieser Wiese ein paar Schafe eines Kleinbauern, der in der Nähe wohnte, angepflockt weideten.
Im Winter konnte man herrlich auf dieser Wiese Schlittenfahren. Und das taten wir Blagen auch. Die Wiese war nicht allzu schräg. Das erleichterte den Wiederanstieg für eine nächste Abfahrt. Aber man bekam genug Schwung für eine Rutschpartie.
Die Wiese hatte zu unserer Straße hin einen Steilabhang. Ein bis zwei Meter nix schräg, sondern eine steile Abbruchkante.
Mein Vater und ich im Schnee. Superspaßig. Wir machten Schneeballschlachten, bauten Schneemänner, ließen uns in den Schnee fallen und machten einen Schneeengel und natürlich fuhren wir mit dem Schlitten. Ein paar Male saß mein Vater mit auf dem Schlitten und hielt mich fest. Der eisige Wind pfiff uns um die Ohren und wieder ging es bergab.
Dann saß ich alleine auf dem Schlitten und sollte versuchen zu lenken. Wenn ich bemerken sollte, dass der Schlitten nicht dahinfuhr wo ich wollte, dann sollte ich abspringen.
Die Fahrt begann erst ziemlich langsam. Dann gab Papa mir einen Schubs und los ging es jetzt in zügiger Fahrt. Hei, wie machte das Spaß. Ich hielt mich mit meinen behandschuhten Händen an den Holzrippen des Schlittens fest, mit den Füßen oberhalb der Kufen abgestützt und der Abhang kam immer näher auf mich zu. Von hinten hörte ich meinen Vater schreien: „Spring ab, spring ab...“. Aber ich sprang nicht ab. Mutig ließ ich den Abhang immer näherkommen. Meine Fahrt sollte niemals enden.
Ein Telefonmast stand genau in der Mitte der Wiese an unserer Straße. Ja, damals waren die Telefonstrippen noch nicht unterirdisch verlegt und ich steuerte genau auf diesen Masten und den Abhang zu. Was heißt ich steuerte? Nein, mein Schlitten steuerte mich. Ich kannte mich noch nicht so aus mit dem lenken. Füßchen in den Schnee und abgebremst... Nö, das kam für mich nicht in Frage. Ich genoss die Schlittenfahrt in vollen Zügen. Dann der Abhang... Mein Schlitten machte einen Luftsprung mit mir und mein Kopf traf genau den Telefonmasten. Wie sich jeder vorstellen kann, der Mast war stärker als mein kleiner Kindernürsel. Es machte erst Zisch durch die Luft, ein kurzer Flug und dann RUMS! Mit dem Kopf vor den Mast. Stier halt. Bis zum Schluss hatte ich den Schlitten fest im Griff und er mich. Jetzt kam ich zwischen Schlitten und Telefonmast zum Liegen. Augenblicke später war mein Vater zur Stelle, hob mich auf und trug mich schnurstracks nach Hause. Das waren ja nur ein paar Meter.
Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Mir war schwindlig und mir war zum Erbrechen schlecht. Laute Geräusche waren die Hölle. Sofort rumorte es wieder in meiner Bumsrübe, also meinem Schädel. In den Armen und Beinen hatte ich keine Kraft mehr. Das Balancegefühl war völlig im Eimer.
Unser Hausarzt wurde gerufen und stellte eine mittelschwere Gehirnerschütterung fest. Bettruhe und viel trinken, war sein Rezept. Ein paar Schmerztabletten. Das war alles. Ich musste zuhause liegen bleiben, mich langweilen und abwarten bis sich meine angeschlagenen Hirnwindungen wieder entknotet hatten. Ein paar Tage war ich wie weggetreten und sah nur aufblitzende Pünktchen vor meinen Augen.
Zur Belohnung und zum Trost bekam ich ein gelbgrünes Plastikkrokodil geschenkt. Wow... Mein Flug vor den Telefonmast hatte sich mächtig gelohnt. Ich baute den größten Mist und bekam noch Spielzeug? Ich sollte vielleicht nochmal... Lieber nicht! Aber das Krokodil liebte ich heiß und innig und hat mich später immer an den Unfall erinnert.
Nach 1 Wochen war ich wieder wohlauf und konnte wieder aufrecht sitzen und auch schon stehen. Immer mal wieder gehorchten mir meine kleinen Beine nicht so, wie ich es wollte, aber es ging voran.
Und ich wollte, dass es voranging. Ich war schließlich 5 Jahre alt, verdammt nochmal. Ich musste doch wieder in die Welt hinaus und spielen und spielen und weitere Abenteuer bestehen.
Kapitel 4: Leckere Zuckerstückchen
An die ersten drei Polio-Schluckimpfungen in 1964 bis 1966 kann ich mich nicht erinnern. Aber an die Auffrischung in 1968. Es war ein großer Saal, ein Schulraum in der Grundschule Rahmede in Altena. Sehr viele kleine Kinder in einer Reihe hintereinanderstehend wurden abgefertigt. Medizin auf Zuckerstückchen, Mäulchen auf und rein mit der Impfe. Es hätte ruhig noch mehr Zucker geben können, denn die Impflösung schmeckte auch noch durch das Zuckerstückchen hindurch bitter, aber noch erträglich. Was sein muss, musste eben sein.
Die Kampagne der Regierung in Radio, TV und Zeitungen lautete: „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam!“ Der Slogan tat sein Werk und alle Eltern schleppten ihre Blagen zur Impfung. Damals noch mit Lebend-Impfstoff, der abgeschwächte Erreger enthielt.
Ich bekam weitere Impfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Tetanus (Wundstarrkrampf). Diese Impfungen waren aber kein Zuckerschlecken. Eine Spritze in den Oberarm. Die Spritze stach und der Einstich brannte den ganzen Impftag lang.
So impftechnisch ausgerüstet konnte es schon bald wieder auf die Spielwiesen der Welt gehen, ohne von irgendwelchen hässlichen Viren in Beschlag genommen zu werden.