Buch lesen: "Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path"

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Inhaltsverzeichnis

Was davor geschah …

Der erste Schritt zu einem neuen Lebensgefühl

Weitwandern? Könnte „gehen“!

Leben heißt Veränderung

Gut vorbereitet ist halb gewonnen

Wandern für den guten Zweck

„Are you crazy?“

„Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.“

„Ist dir klar, dass wir diesen Scheiß noch 57 Mal machen müssen?“

„I’m walking on sunshine!“

„Everywhere is walking distance, when you have the time.“

„So nah und doch so fern.“

„Yesterday’s socks are tomorrow’s socks.“

„Keep on walking, superheroes!“

„Wenn Englein reisen, dann lacht der Himmel“

„The only thing we do every single day is trying to survive.“

„Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen!“

Von Geistern und Gespenstern

„Conditions: stunning“

„Missing“

„It’s just around the corner.“

„What are you looking for?“

„What took you so long?“

„We kindly offer a shuttle.“

„Wo zum Teufel bist du?“

„Der Weg wird dich finden.“

„Everyone needs fudge.“

„Du siehst aus wie eine nasse Ratte.“

„Hiking is just walking where it is okay to pee.“

„What’s wrong with you guys?“

„SoWo – 999 miles“

„La Pellegrina“

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen!“

„The paradise is elsewhere but definitely not here.“

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.“

„You have reached Midway Point!“

„Golf is good for the soul.“

„I just had to run.“

„Boring path vs. life changing coffee“ ~

„Here comes the rain again“

„Here comes the sun“

Bildteil

„Men are simpler than you imagine.“

„If you get tired, learn to rest, not quit.“

„Lady, give my Wi-Fi back! NOW!“

„Come sit with us!“

„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“

Once in a Lifetime Adventure

„Nach Hause telefonieren“

„50 Shades of Cornwall“

„Sei glücklich, wenn es regnet, denn wenn du nicht glücklich bist, regnet es trotzdem!

„Am Montag ist alles ganz anders“

„Kleine Sünden straft Gott sofort.“

„That calls for a little drink.“

„Buy 3 for the price of 3“

„Zum Meer und zurück“

„That’s life, don’t take it too serious!“

„Welcome to the Jurassic Coast“

„The one that got away.“

„Of all the paths you take in life, make sure some of them are dirt!“

„Some People Feel the Rain. Others Just Get Wet.“

„Not far to the pub now!“

„Shut up, bitch!“

„She believed she could, so she did“

„Good luck, so help you God.“

„Schwieriger wird’s nicht mehr.“

„We have just finished!“

Was danach geschah …

Wir sind wieder da!

Ja, wir sind wirklich wieder da!

Statistik

Impressum

Was davor geschah …

Unser Wohnzimmer war von schallendem Lachen erfüllt. Das Gefühl beschlich mich nicht nur, es kam mit voller Wucht und ich realisierte: „Ich werde nicht ernst genommen!“ Gerade erzählte ich meinem Mann Peter, dass ich vorhabe, 2018 eine Weitwanderung von mindestens einem Monat, vielleicht auch zwei, zu unternehmen, und dass ich mir wünsche, dass er mein Begleiter, mein Motivator und meine Unterstützung ist. Diese ­Ahnung bestätigte sich kurz darauf, nachdem er offensichtlich wieder ­etwas Luft schnappen konnte und meinte: „Das wird niemals passieren!“. „Das wird passieren!“, entgegnete ich und ließ ihn mit seinen Gedanken allein. Ein paar Tage später beim Mittagessen fragte er dann: „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“, und plötzlich schwebten Wörter wie Sabbatical, Urlaub sparen und Abenteuer durch den Raum. Der Beginn war gemacht.

Wir haben dann lange überlegt, welchen Weg wir uns aussuchen sollten. Mein Papa und mein Großcousin sind bereits unterschiedliche Jakobs­wege gewandert – vielleicht liegt mir das Weitwandern ja in den Genen – doch die Pilgerzahl ist seit dem Jahr, als mein Vater dort unterwegs war, um 500 % gestiegen, der Weg kann die Massen kaum bewältigen, von den Herbergen ganz zu schweigen. Dort sehe ich mich nicht. Für andere Wege, z.B. den Appalachian Trail in den USA, bin ich körperlich nicht fit genug und ich kann mich auch mit der Tatsache, im Zelt zu schlafen, nicht wirklich anfreunden. Also muss es ein Weg sein, der zwar anstrengend, aber bewältigbar ist, einer, der mich am Abend in einem Zimmer mit Bett und Dusche schlafen lässt. Peter hätte am liebsten einen, der am Meer liegt. Ich erinnerte mich an eine Rundreise durch Großbritannien zurück und plötzlich war es klar, der „South West Coast Path“, das ist unser Weg. Er erstreckt sich entlang der gesamten, atemberaubenden Küste im Südwesten Englands und ist derzeit mit seinen 630 Meilen (1.014 Kilometern) der längste offizielle Fernwanderweg des Vereinigten Königreichs. Er verläuft von Minehead in der Grafschaft Somerset über Devon und Cornwall bis nach Poole Harbour in Dorset. Die malerische Landschaft, die von sanften Küstenabschnitten bis zu dramatisch ins Meer abfallenden Klippen und tiefen Schluchten alles bietet, kennen viele vielleicht von den ­Rosamunde Pilcher Filmen, die fast immer in diesem Teil Großbritanniens spielen.

Dass ich überhaupt eine solche Wanderung auch nur in Erwägung zog, kam für viele überraschend. Ich war nie eine große Wanderin, es wäre auch mit den 142 Kilos, die ich bis vor einigen Jahren noch wog, ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gewesen. Wobei, im Herzen war ich es vielleicht doch. Oft lag ich in unserem Swimmingpool zu Hause und schaute sehnsüchtig auf unseren Hausberg, die Flatzer Wand, hinauf. „Haushügel“ würde diese kleine Erhebung im niederöster­reichischen Industrieviertel wohl besser beschreiben, aber für mich war es ein unerreichbares Bergmassiv. Von unserem Haus bis zur Naturfreundehütte wären sagenhafte 240 Höhenmeter zu überwinden gewesen und das ging beim besten Willen nicht. Hätte mir damals jemand prophezeit, dass ich 2018 planen würde, 35.031 Höhenmeter in 56 Tagen zu wandern, ich hätte vermutlich eine ausgeprägte Wahrnehmungsstörung diagnostiziert und ihm eine Selbsteinweisung in eine psychiatrische Anstalt empfohlen.


Höchstgewicht: 142 kg.

An den Moment, der mein Leben von Grund auf änderte, erinnere ich mich derart glasklar, als wäre es gestern gewesen. Ich versuchte, mich in meinem großen, notwendigerweise stabilen Bett auf die andere Seite zu drehen, und trotz kräftigem Schwungholen und rudernden Armen, um ein wenig mehr Kraft zu entwickeln, schaffte ich es nicht. Eine Welle an negativen Emotionen überkam meinen Körper – Scham, Hilflosigkeit und maßloser Ärger auf mich selbst. Wie hatte ich es überhaupt so weit ­kommen lassen können? Wieso hatte ich nicht früher realisiert, dass ich so auf keinen Fall weitermachen konnte? Anstelle von glücklichen Augenblicken mit meiner Familie erinnere ich mich vor allem an beschämende Situationen, die keine kleinen Nadelstiche, sondern eher tiefe Schnitte in meiner Seele, wie von einem amerikanischen Nahkampfmesser, ver­ursachten. Flugreisen brachten bereits Tage zuvor Panikattacken, ausgelöst durch die Frage, ob der Gurt sich schließen lassen würde. Der Tag, an dem ich versuchte, mich in den Sitz gequetscht anzuschnallen, und die Stewardess hochnäsig erklärte: „Massiv übergewichtige Menschen müssen eine Gurtverlängerung in Anspruch nehmen“, hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Die ehrlich gemeinte Feststellung eines Kleinkindes: „Das ist die dickste Frau auf der ganzen Welt“, und die absichtlich verletzenden Äußerungen von pubertierenden Jugendlichen, die mich mit Wörtern wie Nilpferd, Tonne und fette Sau beschimpften, tat ich mit vorgespieltem Selbstbewusstsein ab. Wildfremde Menschen erklärten mir auf der Straße, ich solle endlich abnehmen. Kleidungsgeschäfte mied ich ohnehin schon jahrzehntelang, denn wenn mir eine Verkäuferin mit hochgezogenen ­Augenbrauen erklärte, dass man für „eine wie mich“ ohnehin nichts im Sortiment hätte, war das jedes Mal wie ein Schlag in die ­Magengrube – falls man die denn unter der Fettschicht überhaupt er­wischen würde. Gleichzeitig war aber der Übergrößenhandel auch der Meinung, dass dicke ­Menschen keinerlei Modebewusstsein oder Stil be­sitzen müssten und man diese mit Schmetterlingen oder Teddybären an schmuddeligen Shirts oder ebenso breiten wie langen Röcken, die die nicht vorhandenen Storchen­füße noch gezielter zur Geltung brachten, ­abfertigen könnte. Dies hat sich mittlerweile wesentlich verbessert, aber immer wieder stoße ich auch ­heute noch auf großgeschnittene Kleidungsstücke, bei denen der Designer bestimmt den unebenen Körper eines ­dicken Menschen mit all seinen „Stark-Stellen“ höchstens einmal aus der Ferne betrachtet hat.

Auch das Einkaufen hatte sich zu einem wahren Martyrium entwickelt, denn immer wieder fragten mich Leute, ob ich nicht besser Light Pro­dukte oder fettarmen Käse kaufen möchte. In der Öffentlichkeit zu essen, davon hatte ich mich ebenfalls schon lange verabschiedet, denn des Öfteren musste ich beobachten, dass Leute die Augen verdrehten, wenn sie mich essen sahen. Einmal nahm ich im Supermarkt all meinen Mut zusammen und kaufte selbst eine 300-Gramm-Tafel Schokolade; normalerweise ließ ich meinen mit einem dünnen Körper gesegneten Mann Süßigkeiten ­kaufen. Eine ältere Frau kam schnurstracks zu mir gelaufen und fragte, ob ich denn glaubte, dass ich damit abnehmen könnte. In solchen Momenten fiel es mir immer immens schwer, stark zu bleiben. Wann hat es aufgehört, dass ich als Mensch und nicht als überdimensionales Wesen wahrge­nommen wurde? Es gibt Menschen mit Übergewicht, genauso wie es ­Menschen mit Normal- und Untergewicht gibt, doch wer mehr wiegt, der wird diskri­miniert, durch Hasskommentare, verächtliche Blicke und ­unangenehme Fragen. Das hat sich in all den Jahren sogar deutlich durch die sozialen Medien verstärkt und Mobbing, vor allem jenes unter Jugendlichen, hat dadurch eine ganz andere Dimension angenommen.

Doch so verletzend das Verhalten der Gesellschaft auch war, es konnte keine Kehrtwende in meinem Lebensstil herbeiführen. Im Gegenteil, wenn ich traurig oder überfordert war, versuchte ich dies durch ein Glas Nutella oder eine Familienpackung Eis wiedergutzumachen, und die logische Konsequenz daraus war, noch mehr zuzunehmen. Ich habe mich selbst aber nie als so dick betrachtet, wie ich tatsächlich war. Die Eigenbetrugsmaschine arbeitete hervorragend und ich erinnere mich an Selbstge­spräche vor dem Spiegel, bei denen ich mir versicherte, dass es so schlimm nun wirklich nicht sei. Die Scheuklappen, die ich mir wohl als Bewältigungsstrategie angeeignet hatte, fielen erst Jahre später, als der verklärte Blick auf das „große Ganze“ verschwand und das wahre Ausmaß meines jahrzehntelangen ungesunden Lebensstils auch für mich sichtbar wurde, etwa auf Röntgenbildern, die mir die Knie einer 70-Jährigen bescheinigten, die viel zu lange viel zu viel Last zu tragen hatten.

Wirklich schwierig handzuhaben war die Erkenntnis, dass ich mit ­Mitte dreißig nur mehr Zuschauerin im Theaterstück meines eigenen ­Lebens war. Die Kinder mussten alleine im Garten herumtollen und von gesellschaftlichen Gruppenveranstaltungen zog ich mich bewusst zurück, denn zu hoch war die Wahrscheinlichkeit, bei einem Aktivprogramm nur am Spielrand sitzen zu können. Mittlerweile kannte ich selbst kaum mehr jemanden, der noch mehr Kilos auf die Waage brachte als ich, denn selbst in meiner von dickmachenden Genen hervorragend beglückten Familie war ich nun die unbestrittene Nummer eins.

Einzig in den Vereinigten Staaten fühlte ich mich immer wohl. Dort war ich unter meinesgleichen und vieles war auf übergewichtige Menschen ausgelegt. Die Sitze waren extrabreit, in den Toiletten konnte man sich ­einmal um die eigene Achse drehen, ohne irgendwo anzustoßen, und ­niemand nahm auch nur Notiz von mir, wenn ich mir den zweiten oder ­dritten Nachschub beim Frühstücksbuffet holte. Witzigerweise entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Wandern in den USA, denn die zahlreichen, traumhaft schönen Nationalparks konnte man nicht unbewandert zurücklassen. Bei den ersten beiden Besuchen allerdings bestand das ­Entdecken der Natur eher aus einem Viewpoint-Hopping, das heißt, wir fuhren von einem Aussichtspunkt zum nächsten und gingen höchstens 200 Meter in die eine und 200 Meter in die andere Richtung. 2007 allerdings wollte ich etwas ganz Besonderes machen. In den Coyote Butts der Paria Canyon-Vermilion Cliffs Wilderness ist an der Grenze zwischen Utah und Arizona die einzigartige „Wave“ zu finden, eine besonders ­sensible Sandstein­formation, die täglich nur zwanzig Besucher betreten dürfen. Damals ­wurden online im Vorfeld zehn Permits, also Zugangs­berechtigungen, vergeben und wir hatten das unglaubliche Glück, vier Stück zu ergattern, also nichts wie hin. Diese Wanderung würde als die ­allerschlimmste in die Dani-Geschichte eingehen. Mit über 140 Kilo bei 46° C zu wandern, ist eine unglaubliche Kraftanstrengung, und ich wundere mich heute noch, was mein Körper damals im Stande war zu leisten. Die Sonne ­brannte auf uns nieder und der kurze, sandige Aufstieg nach etwa fünf Kilometern war das anstrengendste, das ich je getan hatte. Auf allen vieren kraxelte ich in das Tal der Wave und suchte mir die erste flache ­Stelle als meine letzte Ruhestätte aus. Während Peter und die Kinder ­begeistert von all der Schönheit waren und jeden einzelnen Zen­timeter erkundeten und auf Fotos festhielten, versuchte ich, irgendwie ­meine ­Lebensgeister zurückzugewinnen und wieder annähernd regel­mäßig zu atmen. Es war mir nicht möglich, dieses wunderbare Naturschauspiel mit meinen Lieben zu teilen, denn ich hatte massive körperliche Probleme und die schlimme Vorahnung, dass sich der Rückweg mindestens ebenso anstrengend ge­stalten würde. Dies bestätigte sich auch kurz darauf und etwa einen Kilometer vor dem Ziel war ich mit meiner Kraft am Ende. ­Jeder Schritt tat weh, ich wollte mich in dem heißen Sand zur Ruhe betten und bot den anderen an, mich hier zurückzulassen. Irgendwie schafften diese es aber, mich zu motivieren, auch noch die letzten Schritte zu gehen, doch sobald klar war, dass Peter mich von der Stelle, an der ich mich befand, mit dem Auto abholen konnte, bewegten sich ­meine Füße keinen Zentimeter mehr. Es war mir unmöglich, die fünfzig Meter zwischen Parkeingang und Auto zu bewältigen, so gerne ich es auch gewollt hätte. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich derart leer gefühlt wie genau in diesem Augenblick. – Obwohl ich auch am South West Coast Path an meine Grenzen stoßen werde, werde ich mich kein einziges Mal so fühlen wie damals in den ­Coyote Buttes. – Allerdings sollte es trotz dieses unmenschlichen Ereig­nisses, das mir meine körperlichen Unzulänglichkeiten klar vor Augen führte, noch zweieinhalb weitere Jahre und unzählige gescheiterte Diät­versuche dauern, bis es endlich doch gelingen sollte, mich von meinem massiven Übergewicht zu befreien.

Der erste Schritt zu einem neuen Lebensgefühl

Warum genau dieser vermutlich 3.572ste Diätversuch dann tatsächlich funktionierte, war wohl die Summe aller Dinge, die mich an diesen Punkt gebracht hatten. Viele Menschen haben mich seither nach dem ausschlaggebenden Grund gefragt, doch diese Frage kann ich pauschal nicht be­antworten. Viele bitten mich auch, das Geheimnis hinter der Gewichts­abnahme zu verraten, und oft lasse ich die Leute dann enttäuscht zurück, denn ich bin mir sicher, dass es noch nie ein Geheimnis war, wie man Gewicht verliert. Vermutlich führen alle gängigen Diätformeln kurzfristig zum ­Erfolg: Low-Carb und Ketogene Diät, High-Carb und Low Fat, Clean Eating und Metabolic Balance, Trennkost und Weight Watchers. Je exotischer die Erklärungsansätze von Ernährungskonzepten sind, umso besser verkaufen sich Ratgeber, doch nur selten lassen sich diese Diäten lange durchhalten – am Ende grüßt der Jo-Jo-Effekt und man wiegt mehr als je zuvor. Die Glücksformel ist hier genauso simpel wie nachvollziehbar und allerorts bekannt: Weniger essen und mehr bewegen! Doch auch dies hilft nur, die Auswirkungen bei zu vielem Essen zu bekämpfen. Ich für meinen Teil bin nämlich der festen Überzeugung, dass Adipositas, wie Fettsucht in Expertenkreisen genannt wird, in ganz erheblichem Ausmaß mit der Psyche zu tun hat. Übergewicht wird immer noch meistens aus dem medizinisch-körperlichen Blickwinkel betrachtet und daher konzentrieren sich Gewichtsreduktionsprogramme allzu oft nur auf die Er­nährungs- und Bewegungsschwerpunkte. Dabei sind die Ursachen von Übergewicht nicht selten im psychischen Bereich zu finden. Die Crux an der Sache ist, dass viele Mechanismen unbewusst ablaufen und es schwer ist, die höchstpersönliche Belastung ohne professionelle Hilfe aufzu­decken. Diesen Schritt auszuprobieren, stellt für die meisten eine ­erhebliche Hürde dar, da ist es doch einfacher, es vorher noch mit der Blut­gruppendiät oder der Atkins-Methode zu probieren. Doch auch wenn es noch so schön schwarz auf bunt in Inseraten und auf Werbeplakaten steht: Wer rasch und einfach eine Gewichtsreduktion ohne Änderung von Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten verspricht, der lügt. Punkt. Nein, Ausrufezeichen!

Bevor ich mich also aufmachen konnte, um am South West Coast Path einen neuen Wanderweg für mich zu entdecken, musste ich einen ganz anderen und rückblickend viel steinigeren neuen Weg meistern, nämlich den des Gewichtsverlustes. Ein Weg, der Inspiration und Moti­vation für andere sein kann, aber eben meine Reise und meine persönliche Erfolgsgeschichte ist, die sich nicht eins zu eins übertragen lässt. Damit wir ­unseren eigenen Weg finden können, müssen wir wieder ­lernen, auf unseren Körper zu hören – etwas, das adipöse Menschen im Normalfall schon lange nicht mehr getan haben. Wir müssen uns wieder vermehrt auf das sprichwörtliche Bauchgefühl konzentrieren.

Mein Bauchgefühl sagte am Anfang, meine neuen Ambitionen besser niemandem zu erzählen. Meine Eltern starteten zeitgleich mit der Meta­bolic Balance Diät und ließen jeden, der es wissen wollte oder auch nicht, daran teilhaben. Ich hielt das damals für mehr als fragwürdig und setzte mir ein erstes Ziel: Ich werde meinen Eltern beweisen, dass man auch ohne Blutwertanalyse und Bezahlen eines nicht unerheblichen Geldbetrages an Gewicht verlieren kann. Ich bezweifle nicht, dass man mit dieser ­Methode Gewicht reduziert, denke aber, dass die Abnahme nicht zwangsläufig auf den persönlichen Ernährungsplan zurückzuführen ist, sondern auf die Tatsache, dass die Leute aufgrund der neu erlangten Motivation und der hohen Kosten bereit sind, ihre Selbstdisziplin auf Hochtouren zu schrauben. Ich hingegen war bereit für diesen Beweis, akkreditierte meine Eltern zu passenden, unwissenden Herausforderern und startete still und heimlich einen Wettkampf, den ich zu gewinnen gedachte – mit Pauken und Trompeten.


Die Sommerzeit war immer schwierig für mich.

Bereits zum damaligen Zeitpunkt war ich Meisterin im Kalorien­zählen. Ich kannte und kenne immer noch die Nährwerte der meisten ­gän­gigen Lebensmittel auswendig. Damit ich nicht selbst zählen musste, legte ich online ein Ernährungstagebuch an und führte anfangs tatsächlich tagtäglich Buch über jedes Lebensmittel, das den Weg in meinen Magen fand. Mir war von Beginn an wichtig, das Ganze nicht zu dogmatisch anzu­gehen, denn der gesunde Menschenverstand begreift sehr schnell, dass sich langfristige Erfolge nur sichern lassen, wenn es einen Ermessensspielraum gibt und man sich auch kleine Sünden erlauben darf. Ich hatte das Glück, dass ich immer schon gerne Obst und Gemüse aß und sich diese gesunden Gaumenfreuden nun mit weiteren hochwertigen Lebensmitteln wie Quinoa, Sprossen, Ingwer und großartigen Ölen, die etwa aus Trauben­kernen oder ­Oliven gewonnen werden, zu leckeren Speisen verarbeiten ließen. Auch vor sogenannten Superfoods wie Goji- oder Aronia-Beeren, Chia Samen oder Granatäpfeln schreckte ich nicht zurück – im Gegenteil, ich entdeckte sogar eine gewisse Vorliebe für jede Art von Beeren.

Außerdem wusste ich über mich selbst, dass ich sehr regelkonform agieren konnte; daher beschloss ich, mir eine Liste anzufertigen, mit ­Dingen, die mir gut taten und die ich für meine persönliche Gewichts­reduktion als zielführend erachtete. Darunter war etwa, dass ich nach 15.00 Uhr keine Kohlenhydrate und nach 17.00 Uhr überhaupt nichts mehr esse. Aber auch regelmäßige, im Privatumfeld angesetzte Pflege von Sozial­kontakten, die bis dahin aufgrund meines sozialen Berufs zumeist auf das ­Arbeitsfeld beschränkt war, Wechselduschen, Gesichtsmasken oder ­Sit-ups und Liegestütze – auf Knien, versteht sich – waren darauf zu ­finden. Diese Liste umfasste 35 Punkte, und wenn ich es über einen Zeitraum von einem Monat schaffte, täglich mindestens 20 Punkte zu ab­solvieren, dann gönnte ich mir ein besonderes Extra am Monatsende, ­etwas, das ich mir ansonsten nicht gekauft hätte. Manches Mal klappte es und manches Mal nicht, aber jeder neue Monat bot eine neue Chance auf ein Stück zusätz­liches Glück.

Außerdem entwickelte ich für mich ein ganz eigenes Belohnungs­system, so gab es etwa nach jeder Sporteinheit ein Stück Schokolade, denn auf diese himmlische Köstlichkeit wollte ich auf keinen Fall ver­zichten, schließlich bin ich bekennende Schokoholikerin. Das, was sich beim ersten Hören vielleicht eher nach einem scherzhaften Eingeständnis von Naschkatzen anhört, ist tatsächlich ein Begriff, der die Sucht nach Schokolade oder generell Süßem beschreibt. Ein Studienergebnis des bri­tischen Forschers Adrian Taylor, der meint, dass ein 15-minütiger Spaziergang die Lust auf Schokolade dämpft, kann ich absolut widerlegen. Vielleicht sollte ich ihm im Sommer während meiner Weitwanderung ­einen Besuch an der Universität Exeter abstatten und mich als Gegen­beweis ­seiner ­Theorie outen. Es wäre nur ein kurzer Katzensprung von Exmouth aus, aber die Reise wird noch zeigen, dass am Weg selbst für kleine Katzensprünge keine Zeit bleiben wird.


Schritt für Schritt – erstes Ziel erreicht – Flatzer Wand.

Dass Taylors Ansatz nicht klappen konnte, wusste ich von Anfang an, denn 15 Minuten Spazierengehen war genau die Art von „Sport“, mit der ich begann. Zum damaligen Zeitpunkt wäre wegen meines hohen Über­gewichtes auch nichts anderes möglich gewesen. Nach etwa einem Monat begann ich dann, auch langsam bergauf zu marschieren, was relativ einfach war, denn von meinem Haus aus führt so ziemlich jeder Weg bergauf. Unsere Ortschaft Flatz liegt an den Ausläufern der Gutensteiner Alpen am Fuße zweier kleiner Berge, der oben bereits erwähnten Flatzer Wand und dem etwas höheren Gösing, die gemeinsam einen Teil des Naturparks Sierningtal-Flatzer Wand bilden. Mein Trainingsgebiet begann – und ­beginnt immer noch – direkt vor der Haustür. Mein erstes Ziel war der eigentliche Ausgangspunkt für Entdeckungstouren auf der Flatzer Wand, der Parkplatz des „Waldbauers“. Dort, wo sich Kletterer, Wanderer oder Naturgenießer treffen, um ihr Abenteuer zu beginnen, war für mich anfangs bereits Schluss, denn der Parkplatz liegt 800 Meter und 50 Hö­hen­meter von meinem Zuhause entfernt, drei kurze Verschnaufpausen ­in­klusive. Nachdem ich diese Strecke ohne Stehenbleiben schaffte, ging es weiter vorbei am Grillplatz bis zur Forststraße, womit schon 134 Höhenmeter bewältigt waren. Es sollte vier Monate dauern, bis ich beim Naturfreundehaus der Flatzer Wand stehen und ins Tal blicken konnte. Dieser Moment war einer der bewegendsten, den ich je erlebt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich davon als fernes Ziel geträumt und nun stand ich tatsächlich dort, wo andere Dorfbewohner jedes Wochenende schnell mal bei einem kurzen Verdauungsspaziergang vorbeischauten. Ich hatte die Flatzer Wand erobert, ich ganz alleine. Dies war dann auch der Zeitpunkt, wo mein Umfeld schön langsam realisierte, dass sich irgendetwas in meinem Leben veränderte, auch wenn der große Abnehmerfolg immer noch nur von mir selbst wahrgenommen wurde, denn ob man nun 142 Kilo oder 125 wiegt, macht optisch noch nicht den großen Unterschied. Mir war aber wichtig, das Abnehmen nicht zu übertreiben, und ich folgte der WHO-Empfehlung, höchstens ein Kilo in einer Woche zu verlieren.

Auch eine weitere Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation sollte ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufs werden: 10.000 Schritte gehen. Das bedeutete aber gleichzeitig auch, dass ich täglich faktisch eine Stunde für das Gehen einplanen musste, denn die Alltagsbewegung brachte mir oft nicht mehr als 3.000 Schritte, wenn überhaupt. Jede Bewegung ist auf jeden Fall zu begrüßen, aber man kann auch 10.000 Schritte den ganzen Wiener Gürtel entlang gehen und hat trotzdem nichts abgenommen, weil eines fehlt: die Intensität. Das heißt, das Bergaufgehen ließ sich nicht vermeiden und auch das Suchen nach anderen Sportmöglichkeiten wurde über die Jahre immer intensiver. So überwand ich mein Schamgefühl und ging einmal in der Woche mit einer Kollegin schwimmen, mit drei Freundinnen startete ich eine Badmintongruppe und ich entdeckte meine Leidenschaft für Zumba. Außerdem begann ich mit Hanteltraining und versuchte so, meine massiven Oberarme in den Griff zu bekommen. Endlich traute ich mich aber auch, mich mit meinen Kollegen gemeinsam zu Wing Tsun anzumelden. Ich arbeite seit 2006 in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft „SoWo – Soziales Wohnhaus“ in Neunkirchen und ­betreue dort Jugendliche und junge Erwachsene, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer Familie leben können und daher über die Kinder- und Jugendhilfe im SoWo ein neues Zuhause gefunden haben. Hier kommt es immer wieder auch zu mehr oder minder gefährlichen ­Situationen und so ist das Erlernen einer Selbstverteidigungstechnik bestimmt von Vorteil. Wing Tsun stammt aus dem alten China und ist eine effiziente Form einerseits der Erkennung von Gefahrensituationen und andererseits auch einer möglichen Vermeidung. Lässt sich ein Angriff trotzdem nicht abwenden, so lernen wir hier, dass die körperliche Kraft eine untergeordnete Rolle spielt und durch ausgeklügelte Technik ausgeglichen werden kann. Diese Kampfkunst wurde von Frauen in erster Linie für Frauen entwickelt, damit sich diese gegen die meist körperlich über­legenen Männer zur Wehr setzen können, doch heute wird es sowohl für Männer als auch Frauen in einem gemeinschaftlichen Trainingsprogramm angeboten. Das Gute da­ran ist, dass bei Wing Tsun keinerlei ­körperliche Voraussetzungen nötig sind und es unabhängig vom Fitness­level erlernt werden kann – also genau etwas für mich.

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Altersbeschränkung:
0+
Umfang:
509 S. 200 Illustrationen
ISBN:
9783701181421
Rechteinhaber:
Bookwire
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