Buch lesen: "The Who - Maximum Rock"

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Christoph Geisselhart

Maximum Rock

The Who

Die Geschichte der verrücktesten Rockband der Welt

Band 1


www.hannibal-verlag.de

Impressum

Eine Hannibal-Originalausgabe

© 2012 Koch International GmbH/Hannibal, A-6600 Höfen

www.hannibal-verlag.de

Lektorat und Korrektorat: Manfred Gillig-Degrave

Buchdesign und Produktion: Cooley Design Lab/bürosüd°, München, Bettina Wengenmeier

Coverdesign: bürosüd°

Epub: buchsatz.com

ISBN 978-3-85445-283-6

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags nicht verwertet oder reproduziert werden. Das gilt vor allem für Vervielfältigungen, Übersetzungen und Mikroverfilmungen sowie die ­Einspeicherung und Verarbeitung in ­elektronischen Systemen.

Inhalt

Vorwort und Danksagung

Teil 1: Overture (1944 bis 1964)

1. Geboren unter Blitz und Donner: Der erste Auftritt des Überlebenskünstlers Roger Daltrey

2.: Stille Geburt: Später einmal wird John Entwistle ein ziemlich lauter Bassist

3.: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Die Geburt einer musikalischen Spürnase

4.: Eine Legende wird geboren: Aber wann?

5.: Erster Lorbeer, erste Narben: Roger wird zum Rebellen

6.: Vereint im Zorn: Pete wird vom Schulhofkönig herausgefordert, und John, der Waldhornbläser, schaut ungerührt zu

7.: Über Umwege zum Ziel: The Detours und ihr beschwerlicher Weg durch Londoner Nächte

8.: Mondaufgang: Auf einer seltsamen Umlaufbahn

9.: Erste Anzeichen von Art & Beat: The Detours entwickeln sich zur ernsthaften R&B-Band

10.: Zwischen Fremden und Freunden: Keiths Moons erste Band

11.: „Surfin’ London Nights“: Mit den Beachcombers entlang der Themse

12.: Endlich The Who: Ein Geldgeber – und Rockstars kennen keinen Schmerz

Teil 2: Maximum Years (1964 bis 1971)

1.: Zwischen Dichtung und Wahrheit: Die Legende von Keiths fulminantem Eintritt in die Band

2.: The High Numbers: Oder die Suche nach dem dritten Weg

3.: Zwischen Tricksern, Profiteuren, Glücksrittern und Mentoren: Der winklige und laute Weg bis zur ersten Who-Single

4.: Erfolgreich in Erklärungsnöten: Wie der erste Who-Hit „I Can’t Explain“ zustande kam

5.: Richtungswechsel: Die Abkehr vom Modimage und die Proklamation von Pop-Art in der Musik

6.: Mythos von ewiger Jugend: „My Generation“ und der Kampf um die Macht

Erster Einschub: The Who Sings My Generation

Bildstrecke

7.: „A Legal Matter“: Viel Lärm ums Geschäft, neue Singles im Überschuss und eine heimliche Hochzeit

8.: A Quick One: Kurzbesuch in Deutschland, die erste Minioper und ein gefährlicher neuer Gitarrengott

Zweiter Einschub: A Quick One

9.: The Who Sell Out: Die Gratwanderung zwischen Pop und Rock durch neue und alte Welten

Dritter Einschub: The Who Sell Out

10.: Stille im Sturm: Ein stummer indischer Meister zähmt den redseligen Who-Komponisten und bahnt den Weg zum Opus Maximus

11.: Tommy: Ein tauber, stummer und blinder Junge öffnet vielen die Augen, Ohren und Münder

Vierter Einschub: Tommy

12.: „Welcome to the Opera“: Tommys Einzug in die Hohen Häuser, der Tod eines Chauffeurs und das großartige Livealbum Live At Leeds

Fünfter Einschub: Live At Leeds

13.: Lifehouse: Ein misslungenes Experiment, weitere Seifenopern, ein neues Instrument und die musikalische Vollendung im großartigsten Rockalbum aller Zeiten, Who’s Next

Statistischer Einschub

Exkurs: Bericht von einer einmaligen Erfahrung

Sechster Einschub: Who’s Next

Credits

Quellen und Weblinks

Fortsetzung folgt

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Vorwort und Danksagung

„Es ist höchste Zeit für ein deutsches Buch über The Who.“

Irish Jack in einem Brief an den Autor

Bis zur Verbreitung des Internets Anfang der neunziger Jahre hatten es Who-Fans in Deutschland schwer, Informationen über ihre Helden zu erhalten. Deutschsprachige Bücher über The Who waren Mangelware, und wenn sich in den Acht­zigern oder Neunzigern ein deutsches Musikmagazin einmal erbarmte, der Band einen größeren Bericht zu widmen, las sich das für gewöhnlich so traurig wie das Lamento­ eines einsamen Paläontologen, der in der Abstellkammer des Landesmuseums die Knochen einer besonders unrelevanten Spezies abstaubte.

Eigentlich gab es bis zum Erscheinen dieser Biografie nur drei nennenswerte Buchveröffentlichungen in deutscher Sprache. Zwei davon waren Übersetzungen von Originaltexten englischer Musikjournalisten: The Who – die härteste Rockband der Welt von George Tremlett (1975) und The Who – Die illustrierte Biografie von Chris Charlesworth (1982). Beide erschienen in Deutschland erst einige Jahre nach der englischen Originalausgabe und waren infolgedessen nie aktuell. Trotzdem fühlte­ man sich als Who-Fan glücklich, wenn man einmal ohne Englischlexikon in der Hand über seine Lieblingsband schmökern durfte.

Als Pioniere der deutschen Who-Literatur muss man Paul Sahner und Thomas Veszelits ausdrücklich loben, bevor man ihr Büchlein The Who, das 1980 im Lübbe Verlag erschien, wieder beiseite legt. Den Autoren standen nicht meine Quellen zur Verfügung, so dass sie über einige Wissenslücken hinweg dichten mussten. Trotzdem habe ich damals die knapp hundertvierzig Taschenbuchseiten begierig verschlungen, wofür ich den beiden Autoren nachträglich danken möchte.­

Und sonst?

Ruhe im Karton. Als ob es keine Who-Fans in Deutschland gäbe. Dauernd kamen neue Beatles- und Stones-Biografien heraus, aber für The Who interessierte­ sich anscheinend keiner. Zu schwer greifbar, zu unberechenbar und kaum einzuordnen in ihrer langen, häufig unterbrochenen musikalischen Zeitreise durch R&B, Beat und Pop und Rock erschien diese Band, zwischen elektronischer Unterhaltung und anspruchsvoller Konzeptmusik, zwischen Kunst und Kommerz, wüster­ Rockstarattitüde und feingeistiger Transzendenz. Mit dem Aufkommen des Internets entstanden jedoch bald die ersten Web­sites – in allen möglichen Facetten und zunächst vorwiegend im anglo-amerikanischen Raum. Ich entdeckte vieles, was ich noch nicht wusste, und erwartete, dass sich nun irgendwer in Deutschland der längst überfälligen Who-Biografie annehmen würde. Aber nichts geschah.

Ich selbst traute ich mir die Aufgabe längst nicht zu. Ich war kein fanatischer „Wholigan“, der seit Jahrzehnten alles sammelte, was er über die Band kriegen konnte, sondern nur ein ganz normaler Fan auf der Suche nach Unterhaltung und Information, wie es wohl Zehntausende in Deutschland gibt. Aufmerksam durchforstete ich das Netz, das Pete Townshend nach seinem eigenen Verständnis nicht etwa mit erfunden, sondern in einer Art Science-Fiction-Vision vorausgeahnt hatte, auf der Suche nach Aufklärung, nach Hinweisen, Kontakten, Spuren; doch niemand wollte mir den Gefallen tun, endlich mit einem deutschen Buch über meine Lieblingsband aufzuwarten.

Und so quälte ich mich weiter mit dem Wörterbuch durch englische Publikationen, die freilich meistens weit im alten Jahrtausend abrupt endeten. Am besten­ gefielen mir Dave Marshs umfängliches Standardwerk Before I Get Old sowie Maximum R&B von Richard Barnes mit Berichten aus der Frühzeit und aus dem inneren Zirkel­ der Band und Tony Fletchers extensive Keith-Moon-Biografie Dear Boy. Auf diese Autoren habe ich mich ausdrücklich gestützt, wofür ihnen mein tief­empfundener Dank gilt, und ich kann ihre Werke nach wie vor jedem interessierten Leser empfehlen (siehe Quellenverzeichnis am Ende dieses Buchs).

Anfang 2005 stieß ich per Zufall auf Christian Suchatzkis deutsche Fanseite The Who Information Center (www.the-who.net) und schrieb ihn an. Er hatte bereits eine Diskografie mit dem Umfang des Telefonbuchs einer Großstadt verfasst und für die Zeitschrift Oldie-Markt eine sechsteilige Artikelserie über The Who nach Keith Moons Tod geschrieben; außerdem gab er seit 1997 in unregelmäßiger Folge deutsche Fanmagazine heraus. Wer sonst in Deutschland konnte die Aufgabe übernehmen, eine deutsche Who-Biografie zu verfassen, wenn nicht er!

Eine Zeitlang schoben wir uns Mitteilungen über englische Bücher hin und her, bis ich ihn direkt fragte, was er davon halte, die Geschichte der Who für ein deutsches Publikum aufzuschreiben. Er war begeistert. Dass ich die schwere Bürde übernehmen wollte – toll!

Ich?

Zaghaft wandte ich ein, dass ich eher an ihn gedacht hatte ... aber Christian ließ keinen Zweifel daran, dass er in mir den richtigen Mann gefunden hatte. Ich hoffe, er hat recht behalten. Christian hat mir über manche Klippe hinweg geholfen und mich in dem fast zweijährigen Zeitraum, in dem dieses Buch entstand, uneigennützig unterstützt. Dafür schulde ich ihm mehr Dank, als er selbst denkt.

Auch Klemens Jäger hat mit seinem umfassenden Konzertarchiv (im Internet unter www.thewholive.de) zahlreiche unentbehrliche Informationen beigesteuert. Und Werni Grieder, der Keith Moon 1976 im Krankenhaus besuchte und in der Schweiz ein eigenes Fanarchiv aufgebaut hat, stellte mir seine Fotos, persönlichen Erinnerungen, Bootlegs und Videoclips selbstlos zur Verfügung. Auch bei ihm möchte ich an dieser Stelle besonderen Dank abliefern.

Mit so viel Unterstützung konnte eigentlich nicht mehr viel schief gehen, vor allem nicht, nachdem mein Literaturagent den erforderlichen Verlagsvertrag unter Dach und Fach gebracht hatte – ein herzliches Dankeschön an Dr. Matthias Auer sowie an meinen aufmerksamen Lektor Manfred Gillig-Degrave, ohne den dieses Buch nicht in der vorliegenden Güte und Breite veröffentlicht worden wäre. Nun brauchte es nur noch Zeit, viel Zeit, viel mehr Tage, Wochen und Monate, als ich erwartet hatte, und so danke ich auch dem Verlag, der mir für dieses Buch nicht nur wesentlich mehr Raum zur Verfügung stellte als vereinbart, sondern auch doppelt so viel Zeit zum Schreiben – freilich mit der notwendigen Konsequenz, das Werk wegen seines Umfangs auf zwei separate Bände zu verteilen

Die vielen Fans, die mich mit ihren Vorbestellungen, Anfragen und Textbeiträgen charmant unter Druck gesetzt haben, möchte ich natürlich ebenfalls nicht unerwähnt lassen, wenn es darum geht, Dank zu verteilen. Nicht alle eingesandten Berichte konnte ich verwerten (das hätte sonst ein kleines Buch für sich ergeben); aber motiviert und indirekt dazu beigetragen, haben alle, die mir über die Monate hinweg schrieben und mich anfeuerten. Dieses Buch ist in gewisser Weise ein Gemeinschaftswerk, ein eigentlich längst überfälliges Manifest einer Szene, einer weit verbreiteten Liebhabergemeinde, die seltsamerweise von der deutschen Verlagslandschaft übersehen wurde und in der ich mich zu meiner eigenen Überraschung als etwas überforderter Chronist wiedergefunden habe.

Ich habe dieses Buch schließlich genau so geschrieben, wie ich die ganzen Jahre selbst gern ein Buch über The Who gelesen hätte – mit möglichst vielen biografischen und musikalischen Details, und, das muss zugestanden werden, relativ unkritisch. Als Fan war ich der Auffassung, dass The Who sich mehr als genug selbst zerfleischt und zerpflückt haben; meine Aufgabe sollte vor allem darin bestehen, die vielen Quellen, Berichte, Meinungen zu einem anschaulichen Gesamtbild zusammenzufügen.

Das wäre mir natürlich nie gelungen: Ein wirklich authentisches, aktuelles und meiner Liebe zu The Who angemessenes Buch zu verfassen, eine deutsche Who-Bibel sozusagen, die den Werdegang der britischen Band für das deutschsprachige Publikum transparent macht und dem Anspruch der Who-Fans genügt – wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, viele hilfsbereite Menschen aus dem Umfeld der Band persönlich befragen zu können.

Besonders möchte ich natürlich Irish Jack hervorheben, der The Who seit 1962 begleitet hat und der den Traum aller Fans erlebte: mit seinen Idolen befreundet zu sein. Darüber wurde er fast so berühmt wie The Who selbst, die ihm in Quadrophenia ein Denkmal setzten. Es war immer ein besonderes Vergnügen, seine in der besten Tradition großer irischer Dichter abgefassten Botschaften von der grünen Insel zu empfangen – die deutschen Fans werden ihm seine großartige Mitwirkung an diesem Buch hoffentlich danken. Godfrey Townsend, der Mann, der sich trotz fehlendem „h“ im Nachnamen von 1994 bis 2002 mit John Entwistle auf der Bühne feurige Gitarrenduelle lieferte, verdient ebenfalls allergrößten Dank. Seine engagierte Unterstützung über viele Monate hinweg war ungeheuer wertvoll für dieses Buch. Unter den vielen Musikern, Anhängern und Geschäftspartnern der Gruppe, die mir mit wichtigen Auskünften zu Diensten standen, möchte ich vor allem auch Simon Phillips erwähnen, den Who-Schlagzeuger zwischen 1989 und 2000; ferner Shel Talmy, den Produzenten der frühen Who-Platten; Klaus Voormann, der Keith Moon in seiner irrwitzigsten Phase erlebt hat und davon immerhin genug Bruchstücke in Erinnerung behielt, um mir einen nächtlichen Liebesbrief zum verrücktesten Trommler der Welt zu entlocken; sowie Dave Snowdon und Lawrence Ball, die mir zu guter Letzt noch das Mysterium jener Software erklärten, mit der Pete eines Tages seinen Traum von einem Konzert verwirklichen will, das aus der individualisierten Musik seiner Zuhörer eine universale Sinfonie erzeugt (siehe Band 2 dieser Biografie). Oliver Baumann, Bassist der deutschen Coverband Whoareyou, der alles über Johns instrumentale Geheimnisse weiß, und Stefan Jahnke, Manager von Sweety Glitter & The Sweethearts, haben von deutscher Seite aus versucht, wichtige Fragen für mich zu klären.

Es bleibt spannend, The Who zu verfolgen, und ich bin mir sicher, dass das letzte Kapitel in der Geschichte der größten Rockband aller Zeiten noch nicht geschrieben ist. Ein kluger Mensch hat einmal gewarnt, wir Sterbliche sollten den Göttern besser nicht zu nahe kommen. Da scheint mir viel Wahres dran zu sein, wenn ich die vergangenen vierundzwanzig Monate an mir vorüberziehen lasse. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, dem Leser jene vier Unsterblichen so nahe wie möglich gebracht zu haben, die einst in den grauen Vierteln von Nordwest-London geboren wurden und heute wie für alle Zeiten aus dem Olymp der Rockgötter grüßen: Long live Rock!

Christoph Geisselhart, 17. Oktober 2008

Teil 1: Overture (1944 bis 1964)

„Warum sind wir vier zusammengekommen und haben diesen ganzen Krach gemacht?“

Roger Daltrey

„Der Anfang war der aufregendste Abschnitt unserer Karriere“, schrieb Pete Townshend 1997 im Buch The Who Concert File von Joe McMichael und „Irish“ Jack Lyons, ohne den Zauber zu erklären, den eben jene sagenumwobenen Gründerjahre auf einen Rockmusikfan ausüben, der sie nicht selbst erleben durfte.

Der Autor dieser Biografie wurde 1963 geboren, als Roger Daltrey, John Entwistle und Pete Townshend unter dem Namen The Detours bereits auf ihrer Ochsen­tour durch die Klubs und Tanzsäle von West-London waren und ein faunen­hafter Jüngling namens Keith Moon mit einer abgeblichen Surfsoundcombo­ namens The Beachcombers durch die Kneipen entlang des Themse-Ufers tingelte…­

Und schon sind wir mitten im Mythos.

Doch wie war es wirklich? Oder um mit Roger Daltrey zu fragen: Wie konnte­ es geschehen, dass vier so unterschiedliche junge Männer aus West-London, die außer ihrer Musik scheinbar nichts verband, die sich zeitweise sogar hassten, prügelten, bekriegten – dass diese vier Männer zu Weltruhm gelangten und fast ein halbes Jahrhundert lang Musikgeschichte schrieben?

Um den Zauber und das Wunder ihrer Zusammenkunft zu erklären, muss man weit zurück blicken.

Die Geschichte der trommelfellbetäubenden und für ihre exzessive Bühnenshow berüchtigten Rockband The Who beginnt im Kriegsjahr 1944, als Europa unter Bomben und Granaten erzitterte und die Schreie der Todgeweihten und Verwundeten in Rauch und Gas erstickten.

An seinem zweiundsechzigsten Geburtstag erklärte der im Krieg geborene Roger Daltrey, es sei wohl fraglich, ob die erstaunlich lange Phase des Friedens in Europa ohne Rock’n’Roll so ruhig verlaufen wäre, weil „der Rock’n’Roll diese ganze finstere Energie beanspruchte. Es sah vermutlich so aus, als würden wir die Kids anheizen; aber in Wirklichkeit haben wir eher einen Weltkrieg verhindert.“

Betrachtet man den Anfang der existenziellen Gratwanderung, die Roger ­Daltrey, John Entwistle, Keith Moon und Pete Townshend zu Ikonen der Rockmusik werden ließ, erscheint ihr gewaltiges Lärmen, Grollen, Zürnen, Toben wie ein donnerndes, episches Echo auf das Zeitgeschehen.

Die qualmenden, quietschenden, heulenden Verstärkerwände am Ende eines Who-Konzerts in den sechziger und siebziger Jahren erzeugten etwa den akustischen Eindruck eines Fliegerangriffs; die enthemmten Aktionen der Figuren auf der Bühne, die geisterhaft und wie fremdgesteuert zwischen Rauch und durch irrlichternde Lichtkegel über die Trümmer ihrer ehemals glorreichen Instrumente stolperten, erinnerten an die letzten Zuckungen auf einem Schlachtfeld. Jawohl, ein künstliches, in Musik getränktes, mit Ton und Note gemaltes Schlachtfeld war es, das diese vier britischen Jünglinge anrichteten, brutal, faszinierend, spektakulär, kraftvoll, respektlos. Und immer etwas lauter als alle anderen.

Ihre Schicksalsgemeinschaft begann im Krieg; und es blieb über viele Jahre ein Krieg, den The Who nach innen genauso vehement ausfochten, wie sie ihn mit harter Musik und unberechenbarer Bühnenpräsenz nach außen trugen. Die Generation der Väter hatte alles daran gesetzt, jede Beteiligung am wirklichen Krieg zu verdrängen. Ein Ersatzkrieg, ein künstliches Inferno musste her, um einer wirklichen Aufarbeitung und Heilung den Weg zu bahnen.

Keine Band der Welt hat diesen Aspekt der Rockmusik ernsthafter, erregender und unterhaltsamer aufgegriffen und in ihrem Werk verarbeitet als The Who.

Aus diesem Grund soll der Anfang ihrer Karriere auch besonderen Raum erhalten und wirklich am Anfang beginnen: im bis heute furchtbarsten Krieg der Menschheitsgeschichte, und zwar mit einer ganz und gar unglaubwürdigen Geburt, die es nach medizinischem Wissen nie hätte geben dürfen – mit einem Mythos also, wie es sich für eine Biografie über die verrückteste Rockband der Welt gehört.

1.: Geboren unter Blitz und Donner: Der erste Auftritt des Überlebenskünstlers Roger Daltrey

„Alle Häuser brannten.“

Rogers Mutter Irene Daltrey

Harry und Irene Daltrey dachten nicht daran, Shepherd’s Bush zu verlassen, nachdem sie geheiratet hatten. Das war erstaunlich; denn „The Bush“ war alles andere­ als ein paradiesischer Ort. Die übrigen Bewohner dieses typisch englischen Arbeiterviertels im Westen von London unterließen kaum eine Anstrengung, um anderswo ein besseres Leben führen zu können.

Nicht so Harry und Irene. Die bodenständigen Daltreys, beide gerade Anfang zwanzig, mieteten ein Häuschen in der Percy Road Nummer 15 und waren mit ihrem Dasein zufrieden. Harry arbeitete seit seinem vierzehnten Lebensjahr in der örtlichen Sanitärfabrik Armitage Shanks, wo unter anderem die damals aufkommenden Wasserklosetts hergestellt wurden. Seine Stellung erschien ihm nach zehn Jahren ausreichend sicher, um mit Irene an die Gründung einer eigenen Familie zu denken.

Was sich um diese Zeit, 1936, auf der anderen Seite des Ärmelkanals an politischen Umwälzungen ankündigte, beschäftigte ihn weit weniger als die Vorkommnisse, mit denen seine dreiundzwanzigjährige Frau bald zu kämpfen hatte. Denn neun Monate nach der Hochzeit wurde Irene – nein, nicht schwanger, wie man es erhofft und erwartet hatte, sondern sehr, sehr krank. Eine Niere musste in größter Eile entfernt werden. Noch schlimmer aber war: Die Ärzte erklärten der zu Tode Betrübten, dass sie in Folge dessen niemals Kinder bekommen werde. „Das brach mir fast das Herz“, erzählte Irene später; „ich hatte vier Schwestern, und alle konnten Kinder kriegen, nur ich nicht.“

Und es sollte für die Daltreys noch tragischer kommen. Irene erkrankte nach dem Eingriff an Polyneuritis, einer Form von Polio mit akuter Lähmung der Muskulatur und Störung des Nervensystems. Ein langes Jahr lag sie hilflos in der „Eisernen Lunge“, einem damals entwickelten Holzkasten, mit dem Patienten maschinell beatmet wurden; ohne jedes Gefühl im Körper starrte sie an die Krankenhausdecke. Nach ihrer Entlassung aus dem Hospital war sie weitere fünf Jahre, 1937 bis 1942, an den Rollstuhl gefesselt.

Doch die kleine, hübsche Frau war eine Kämpfernatur. Selbst als ihr Mann gleich nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zur Armee eingezogen wurde und sie nicht mehr pflegen konnte, blieb sie zuversichtlich – und hartnäckig. Ihr größter Wunsch war ein Baby, da mochten die Ärzte hundertmal erklären, dass es aussichtslos sei, mit nur einer Niere ein Kind zu empfangen.

Im August 1940, nach dem schnellen Sieg der Wehrmacht über Frankreich, begannen die deutschen Luftangriffe auf London. Harry blieb zunächst in England stationiert und erhielt eine großzügige Genehmigung für Heimatbesuche, doch bald musste auch er als Schütze in den Krieg, und Irene teilte nun noch die Sorge aller Soldatenfrauen, Witwe zu werden.

Doch da, während eines Heimaturlaubs im Sommer 1943, geschah das Wunder. Harry, ein kleiner, schlanker Mann mit irischen Gesichtzügen, widerlegte auf schönste Weise eine medizinische Regel. Irene wurde schwanger, mit über dreißig Jahren, und ungeachtet einer acht Jahre langen Krankheit und des Krieges, der sich nun auch auf die Britischen Inseln ausgeweitet hatte. Gegen den Rat der Ärzte beschloss sie, das Kind auszutragen.

Im Winter 1943/1944 war der Luftkrieg um Großbritannien für die deutsche Luftwaffe eigentlich längst verloren, doch nach wie vor wurden Vergeltungsangriffe gegen die englische Bevölkerung geflogen. Als die Alliierten eine verhee­rende­ Luftoperation namens „Big Week“ durchführten, eine Serie von todbringenden Bombardements mit mehr als sechstausend britischen und amerikanischen Flugzeugen über Nürnberg, Hamburg, Braunschweig, Leipzig, Magdeburg, ­Berlin­ und entlang der Ruhr, heulten wenig später auch in London die Sirenen. Die Reste der deutschen Luftwaffe rächten sich mit einer Angriffsserie, die den Bewohnern der Londoner Vororte als „Miniblitz“ in Erinnerung geblieben ist. Bomben detonierten mitten in Wohngebieten, Flakgeschosse durchfurchten den erleuchteten Himmel, Jäger heulten mit knatternden MGs über die Fliehenden – und Irene stand kurz vor der Niederkunft. In jener Nacht packte sie ihre Sachen und zog mit Decken und Kleidern in den öffentlichen Bunker, den die Behörden in der Tube, der Londoner U-Bahn, eingerichtet hatten: „Ich lag im U-Bahnbunker von ­Shepherd’s Bush und versuchte zu schlafen – da setzten die Wehen ein.“

Es war der 29. Februar; 1944 war ein Schaltjahr. Irene, mittlerweile zweiunddreißig Jahre alt, hatte keine Angst, ihr Baby mit nur einer Niere zu bekommen. Sie hatte nur entsetzliche Angst vor den Luftangriffen, die ausgerechnet jetzt tobten, als Sanitäter in den Schutzbunker hasteten, um sie ins nahe Hammersmith-Hospital zu bringen. Während dieser Angriffe wurde das direkte Nachbarhaus der Daltreys von einem Volltreffer zerstört. Zwanzig Menschen, Nachbarn, Freunde, Bekannte, starben. Irene war wie durch ein Wunder unverletzt geblieben; ihr Haus blieb sogar bewohnbar; aber sie konnte die Flugzeuge, die Detonationen und das Heulen der Geschosse über sich hören, als sie auf dem Weg ins Krankenhaus war. Sie sah den Rauch und die Flammen in der Percy Road, und sie fürchtete um so mehr, dass ihre Panik sich auf das Baby übertragen werde, das kurz davor stand, in eine apokalyptische Welt geboren zu werden. „Die Sanitäter holten­ mich um neun Uhr. Er wäre ein Schaltjahrsbaby geworden, aber ich bat darum, ihn nicht vor dem ersten März zur Welt kommen zu lassen. Sie fragten: ‚Warum?‘ Ich antwortete: ‚Weil das der Geburtstag meiner Mutter ist.‘“

Irene Daltrey hatte so viele Hindernisse bis zur Niederkunft ihres Kindes überwunden, dass ihr diese letzte Hürde wohl gering erschien.

Und tatsächlich gebar sie ihren Sohn Roger Harry Daltrey wie gewünscht am 1. März 1944, einem Mittwoch, kurz vor zwei Uhr morgens, und der Junge, der als wildgelockter Leadsänger der lautesten Rockband der Welt berühmt werden­ sollte, war ganz und gar gesund.

Altersbeschränkung:
0+
Umfang:
843 S. 23 Illustrationen
ISBN:
9783854454151
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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