Buch lesen: "Spuren im Schnee"

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Knud Meister

Carlo Andersen

Spuren im Schnee

Erzählung

Für Jungen und Mädchen

Saga

Jan – Spuren im Schnee

Aus dem Dänischen von Ursula von Wiese

Originaltitel: Sporet i sneen © 1944 Carlo Andersen, Knud Meister

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711458280

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes kapitel

Zwei Wetten

Der Kalender zeigte an, daß es nur noch acht Tage bis Weihnachten war – und natürlich log der Kalender nicht. Dem Wetter nach zu urteilen hätte man es sonst nicht glauben können. Der Regen strömte hernieder, wie Sturzbäche liefen die Wasserfluten durch die Ablaufrohre der Häuser, und der Wind zerrte wütend an dem alten Kastanienbaum, der mitten auf dem regennassen Schulhof stand und seine kahlen Äste zum grauen Himmel emporstreckte. Alles war grau und trostlos, sowohl die Natur als auch die Stimmung der Menschenkinder.

Vor dem großen Schulhaus herrschte sonst immer lautes Leben, wenn die Glocke zum letztenmal geläutet hatte und den vierhundert munteren Knaben die goldene Freiheit des Nachmittags winkte. Heute aber war es anders. Mit verdrossener Miene schlugen die Knaben den Mantelkragen in die Höhe, steckten die Hände in die Taschen und trotteten gebeugten Hauptes durch den peitschenden Regen. Nur ein paar Jungen aus der untersten Klasse fanden das schlechte Wetter sehr lustig. Mit vergnügten Jubelrufen planschten sie in die größten Pfützen, um zu zeigen, daß hohe Gummistiefel zu den besten Erfindungen gehörten, die sich für unternehmungslustige Buben denken ließen. Der keckste von ihnen tat außerdem seine Lebensfreude damit kund, daß er Wasser nach rechts und links verspritzte; doch verschwand er blitzschnell, als sich einer der »Großen«, der einen Guß abbekommen hatte, mit drohender Miene näherte, die Hand zu einer gelinden Abreibung erhoben.

Jan Helmer, der Sohn des bekannten Kriminalkommissars, und sein Freund Erling Krag waren unter den letzten, die das Schulhaus verließen.

Jan schlug den Kragen in die Höhe und spähte zum Himmel hinauf, um zu schauen, ob sich nicht doch eine kleine Aufhellung zeigte. Es sah keineswegs danach aus, und er wandte sich mißmutig an seinen Freund: »Scheußliches Wetter, nicht?«

»Das läßt sich nicht bestreiten, lieber Sherlock Holmes«, antwortete Erling und schlug ebenfalls den Kragen hoch.

»Und in einer Woche ist Weihnachten«, fügte Jan hinzu.

»Kann auch nicht bestritten werden«, nickte Erling mit leichtem Spott und machte sich auf den Weg. »Die sattsam bekannte ›weiße Weihnacht‹ findet sich schon seit langem bloß auf Weihnachtspostkarten und in der Phantasie der Romanschriftsteller ...«

»Was wirst du in den Ferien machen?« schnitt ihm Jan das Wort ab.

»Schlafen!«

»Schlafen? Du gedenkst doch wohl nicht die ganzen Ferien durchzuschlafen?«

»Doch, das will ich. Was könnte man denn bei solchem Hundewetter sonst unternehmen?«

Jan lachte. »Na, wenn ich dich richtig kenne, wird ein großer Teil der Zeit damit vergehen, daß du den Weihnachtsbraten und Süßigkeiten verspeist.«

»Nein, mein Lieber, ich mache gerade eine Abmagerungskur«, entgegnete Erling und seufzte so tief, daß es einen Stein hätte rühren müssen.

»Was machst du?« rief Jan und blieb mit verwundertem Ausdruck stehen.

»Eine Abmagerungskur«, wiederholte Erling mit Leidensmiene. »Die Verlängerung meines Rückens ist zu dick geworden, und ich habe mit Vater gewettet, daß ich vor dem ersten Mai zehn Kilo abgenommen haben werde.«

»Heiliger Bimbam!« staunte Jan überwältigt. »Das ist das letzte, was ich glauben kann. Das soll wohl ein Witz sein?«

»Nein, ich war noch nie in meinem Leben so todernst«, beteuerte Erling in düsterem Tone.

»Hm. Seit wann machst du denn die Abmagerungskur?«

»Seit heute morgen. Wenn du deinen Detektivblick etwas besser gebraucht hättest, wäre dir aufgefallen, daß ich heute nur acht belegte Brote mithatte.«

»Ich fand, dein Paket hätte das übliche Riesenformat gehabt.«

»Das ist unmöglich, denn es enthielt vier Brote weniger. Ich bat zwar unser Mädchen, die übrigen Brote deshalb etwas dicker zu belegen, aber ...«

»Soso«, lachte Jan. »Na, da wird die ›Abmagerungskur‹ ja sicher helfen! Ich hätte gute Lust, mich auf seiten deines Vaters an der Wette zu beteiligen.«

»Sei nicht so leichtsinnig, lieber Freund! Du kennst den eisernen Willen nicht, der sich unter dieser Mütze verbirgt. Am ersten Mai wird mein Vater um fünfzig Kronen ärmer sein, wenigstens glaube ich es.«

»Willst du die ganzen Weihnachtsferien durchschlafen, um den nagenden Hunger zu vergessen?«

»Ja. Hast du vielleicht einen besseren Vorschlag?«

»Noch nicht, aber es könnte sein, daß ich dir morgen einen mache.«

»Du sprichst immer in Rätseln, lieber Meisterdetektiv. Darf ich hoffen, daß du dich deutlicher ausdrücken wirst?«

»Ja, dazu bin ich gern bereit«, lächelte Jan. »Onkel Christian ist heute zu uns auf Besuch gekommen, und ich habe das Gefühl, daß er Lis und mich für die Weihnachtsferien nach Raunstal einladen wird. In diesem Falle wärest du natürlich auch dabei.«

»Nein, danke.«

Jan sah seinen Freund überrascht an. »Was? Du willst nicht mit nach Raunstal? Warum denn nicht?«

»Aus drei Gründen. Erstens: weil man in dem Kopenhagener Regen ebenso gut Fußbäder nehmen kann wie im jütländischen. Zweitens: weil ich beschlossen habe, die ganzen Ferien durchzuschlafen, und es ist mir noch nie gelungen, mich der Ruhe hinzugeben, wenn du in der Nähe bist. Drittens: weil es unhöflich wäre, auf alle die Leckerbissen zu verzichten, die Fräulein Madsen auf den Weihnachtstisch von Raunstal zaubern wird. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, wenn ich nur an die Hähnchen und an den Apfelkuchen denke, die Mads uns bei unserem letzten Besuch vorsetzte ... mhm!«

»Nein, das sind wirklich sehr flaue Entschuldigungen«, erwiderte Jan bestimmt. »Es wäre doch höchst sonderbar, wenn es während der ganzen Weihnachtsferien regnen würde, und es wäre noch sonderbarer, wenn wir auch diesmal in Raunstal auf einen Verbrecher stoßen würden, der uns beide in Atem hält. Was deine dritte Entschuldigung betrifft, so muß ich auf den eisernen Willen verweisen, von dem du vorhin sprachst; denn du kannst darauf bauen, daß Mads dich nicht zum Essen zwingen wird, wenn sie hört, daß du eine Abmagerungskur machst. Hingegen gibt es einen sehr wichtigen Grund für dich, nach Raunstal mitzukommen ...«

»So? Was denn für einen?«

»Du mußt natürlich mitkommen, um unsern alten Freund, den Klondyke-Carl, zu begrüßen. Er ist doch Landwirtseleve bei Onkel Christian geworden.«

»Ja, es war nett von dir, ihm den Gefallen zu tun und ihn dort unterzubringen«, nickte Erling und strich sich den Regen aus dem tropfnassen Gesicht. »Aber er verdiente es auch. Ach, weißt du noch, was für aufregende Dinge wir mit ihm und den andern Klondykern erlebten?«

»Und ob ich das noch weiß! An jede Einzelheit erinnere ich mich. Carl Jensen ist ein Prachtkerl, und Onkel Christian schrieb vor zwei Monaten, daß er sicher ein tüchtiger Landwirt werden würde. Er ginge mit Leib und Seele in der Arbeit auf. Es wird fein sein, ihn wiederzusehen!«

»Ja, da hast du recht«, räumte Erling ein wenig unsicher ein. »Aber eine Kleinigkeit hast du offenbar vergessen.«

»Was denn?« fragte Jan.

»Wir sind ja noch gar nicht eingeladen.«

»Ach, wenn’s weiter nichts ist!« lachte Jan. »Die Einladung wird schon erfolgen. Sonst laden wir uns eben selbst ein!«

»Du siegst immer mit deiner Freimütigkeit und Unbefangenheit«, seufzte Erling. »Ja, da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als für die Einladung zu danken ...«

Erling brach plötzlich ab und blieb vor einem Schokoladegeschäft stehen, in dessen Schaufenster alle möglichen Leckereien prangten.

»Du, nimm dich zusammen«, mahnte Jan, der sich sofort über die Lage klar war. »Heute gibt’s keine Rahmkaramellen!«

»Nur eine einzige ...«

»Unter keiner Bedingung! Du machst eine Abmagerungskur!«

Jan packte den Freund am Arm, und Erling ließ sich mit leichtem Widerstreben durch den Regen weiterziehen.

Kriminalkommissar Mogens Helmer saß in seiner behaglichen Wohnstube und unterhielt sich mit seinem Bruder, dem Gutsbesitzer Christian Helmer. Das ganze Zimmer war mit Zigarrenrauch gefüllt.

Der Gutsbesitzer lehnte sich in dem breiten Sessel zurück und tat ein paar kräftige Züge an seiner Zigarre. Dann betrachtete er seinen Bruder mit einem kleinen Lächeln und fragte: »Na, wagst du es, mit mir um eine Kiste Zigarren zu wetten, Mogens?«

»Du wirst die Wette verlieren, Christian«, entgegnete der Kriminalkommissar.

»Dann gehst du ja kein Wagnis ein, wenn du wettest«, lachte Christian Helmer. »Aber ich bin keineswegs sicher, daß ich verlieren werde. Auf alle Fälle könnte es ein sehr lustiger Weihnachtsspaß werden, findest du nicht auch?«

»Nun ja ...«

»Zieh die Sache doch nicht so in die Länge, alter Spürhund!« lachte der Gutsbesitzer gemütlich. »Es ist also abgemacht, wir wetten um eine Kiste Zigarren, daß der vortreffliche Jan ...«

Christian Helmer hielt unvermittelt inne, weil die Tür geöffnet wurde. Frau Helmer kam herein, um den Kaffeetisch zu decken.

»Puha!« rief sie lachend und wedelte mit der Hand durch den dichten Tabaksrauch. »Es ist doch unbegreiflich, daß ihr Männer einen Genuß davon habt, solche ... solche ...«

»Glimmstengel zu paffen«, schlug der Gutsbesitzer vor und lachte dröhnend. »Sag ruhig, was du meinst, liebe Schwägerin. Allerdings ist es schade um deine sauberen Gardinen, aber das Zeug schmeckt nun einmal verteufelt gut.«

Frau Helmer betrachtete ihren Mann und ihren Schwager lächelnd. Dann fragte sie unvermittelt: »Worum habt ihr eigentlich gewettet?«

»Gewettet?« wiederholte der Kriminalkommissar unschuldig.

»Ja, ich hörte es deutlich.«

»Dann mußt du an der Tür gehorcht haben, Mütterchen.«

»Nein, darüber bin ich seit vielen Jahren hinausgewachsen«, lachte Frau Helmer. »Aber Christian hat ja eine Stimme wie Diogenes.«

»Demosthenes, Mütterchen!« verbesserte Mogens Helmer. »Du irrst dich immer bei den alten Griechen. Diogenes war der Philosoph in der Tonne ...«

»Ja, und Demosthenes war der, der mit einem Stein im Mund Sprechübungen machte und den Sturm zu übertönen suchte ... jetzt weiß ich es wieder ... aber lassen wir uns nicht zu sehr auf die alten Griechen ein, Mogens, sonst vergessen wir, worüber wir eigentlich reden wollten. Ihr möchtet die Sache mit der Wette offenbar lieber verschweigen. Es handelt sich um Jan ...«

»Die Wette ist soweit kein Geheimnis«, fiel der Kriminalkommissar schnell ein. »Du wirst schon noch erfahren, worum sie sich dreht ... später ...«

Frau Helmer musterte leicht verwundert die beiden Herren, die augenblicklich zwei großen Schuljungen auf verbotenen Wegen glichen. Schließlich schüttelte sie ergeben den Kopf und begann den Kaffeetisch zu decken.

Mogens Helmer sah ihr ein Weilchen zu. Dann sagte er munter: »Christian hätte dich und die Kinder gern über Weihnachten in Raunstal. Ich kann leider wegen des Dienstes nicht gut weg ...«

»Dann möchte ich auch lieber hierbleiben, Mogens«, unterbrach sie ihn, »das wirst du wohl begreifen. Glaubst du etwa, ich könnte es ertragen, dich am Weihnachtsabend ganz allein zu wissen?« Frau Helmer wandte sich an ihren Schwager: »Lieb von dir, Jan und Lis einzuladen, Christian; sie werden sich sehr darüber freuen. Hoffentlich besteht diesmal nicht wieder die Gefahr, daß Jan in eine Wildereraffäre oder etwas Ähnliches gerät? Du weißt ja, daß man bei dem Jungen nie ruhig sein kann.«

»Ach was, er ist ja bald ein ausgewachsenes Mannsbild«, meinte der Gutsbesitzer mit einem beschwichtigenden Lächeln.

»Ja, das sagt ihr so, du und Mogens, aber eine Mutter sieht die Sache anders an. Als er die Ferienfahrt auf der ›Oceanic‹ machte, wurde er sogar niedergeschlagen, und bei ihm kann man nie wissen, ob er nicht in noch viel schlimmere Dinge gerät.«

»In der friedlichen Weihnachtszeit gibt es sicher keine Gefahren für den Jungen«, erwiderte der Gutsbesitzer gemütlich. »Zur Sicherheit kann er ja euren Boy und seinen dicken Freund Erling als Leibwächter mitnehmen. Erling habe ich seit fast anderthalb Jahren nicht mehr gesehen, und ich würde mich freuen, wieder einmal seine Gesellschaft zu haben. Die beiden Buben und der Hund sollten wahrhaftig mit jeder Lage fertig werden.«

»Es wird eines Tages schlimm enden, Christian!«

»Dummes Zeug, Mütterchen!« fiel der Kriminalkommissar ein. »Der kleine Denkzettel, den Jan auf der ›Oceanic‹ erhielt, hat ihn sicher vorsichtiger gemacht; und jedenfalls sind die Kinder in Raunstal in guten Händen. Du siehst bald wirklich überall nur noch Verbrecher.«

»Das kommt davon, wenn man mit dem ›Schrekken der Verbrecher‹ verheiratet ist«, lachte Christian Helmer.

Zweites kapitel

Eine unerwartete Begegnung

Das Wetter änderte sich plötzlich und besann sich auf die Überlieferung. Im Verlauf der beiden nächsten Tage fiel die Temperatur stark, und in der dritten Nacht barst der schneeschwere Himmel und entsandte seinen weißen Flockeninhalt fast über das ganze Land. Für die Kinder und den Schäferhund Boy wurde die Reise nach Raunstal zu einem Erlebnis. Die Kinder genossen die Fahrt durch das weiße Märchenreich, und Boy unterhielt sich damit, hinter den Fensterscheiben des Zugabteils nach den weißen Flocken zu schnappen, die draußen dicht fielen. Der kluge Polizeihund entdeckte zwar sofort, daß sich die weißen Flocken nicht fangen ließen; doch als er merkte, daß seine Reisegefährten sich über die vergeblichen Anstrengungen belustigten, schnappte er getreulich weiter, und Erling ermunterte ihn nach bestem Vermögen.

Am Nachmittag langten sie auf der kleinen ländlichen Station an, wo Gutsbesitzer Helmer sie abholen sollte. Der Zug konnte sich noch ohne Schneepflug behelfen; aber die Fahrt war für ihn nicht ganz einfach, und die Lokomotive keuchte schwer, als der Zug an dem schneebedeckten Bahnsteig hielt. Das Dach des kleinen Bahnhofs trug eine dicke Schneeschicht, die Bäume zeigten das schönste weiße Flechtwerk gegen den grauen Himmel, und auf der anderen Seite der Bahnlinie waren die Schneewehen in Mannshöhe angehäuft. Immer noch fielen die Flokken in dichter Menge, und die Augen der jungen Reisenden strahlten.

Jan sprang als erster aus dem Zug; er hob das gesamte Gepäck herunter. Dann folgte Lis mit Boy an der Leine, und zuletzt kam der würdige Erling mit drei Paar Schiern über der Schulter.

»Willkommen, Kinder!« ertönte eine laute Stimme, und Christian Helmer zeigte sich in der Tür des Wartesaals.

Er streichelte den begeisterten Boy mit der linken Hand, während er mit der rechten den Kindern einen so herzlichen Händedruck austeilte, daß ihnen die Finger weh taten. Dann kniff er Erling gemütlich in die runden roten Backen und bemerkte: »Du siehst ein bißchen hohlwangig aus, lieber Freund.«

»Ich mache ja auch gerade eine Abmagerungskur, Herr Helmer«, antwortete Erling höflich.

»Was? Eine Abmagerungskur? Du bist wirklich köstlich!« lachte der Gutsbesitzer. »Du warst ja immer ein Witzbold, Erling.«

»Das ist kein Witz, Herr Helmer«, entgegnete Erling mit großer Würde. »Ich mache wirklich eine Abmagerungskur.«

»Hahaha! Diese Mucken werden wir dir schnell austreiben!«

»Erling hat einen eisernen Willen«, fiel Jan nekkend ein.

»Einen eisernen Willen? Haha, den hat Mads wahrhaftig auch, darauf könnt ihr euch verlassen. Sie hat all die guten Sachen und Leckereien gemacht, von denen Erling so begeistert war, als er das letztemal hier war, und da möchte ich sehen, ob er es übers Herz bringt, nein zu sagen, wenn Mads sie ihm anbietet!«

»Das wird eine Qual werden«, sagte Erling bedrückt. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen beim Gedanken an alle die Herrlichkeiten, die Fräulein Madsen ihm vor anderthalb Jahren aufgetischt hatte.

»Mit Mads ist nicht zu spaßen, mein tapferer Freund; Qual ist also ein gelinder Ausdruck. Du kannst dich ebensogut von Anfang an unter ihren festen Willen beugen. Das habe ich schon vor mehreren Jahren getan. So, nun kommt aber zum Schlitten ...«

»Zum Schlitten?« rief Jan freudig. »Fahren wir denn mit dem Schlitten?«

»Ja, glaubst du etwa, du würdest im Landauer abgeholt, wenn der Schnee einen halben Meter hoch auf der Landstraße liegt? Es ist übrigens ein guter Gedanke, daß ihr die Schier mitgebracht habt. In der Nähe von Raunstal haben wir ja glänzendes Schigelände.«

»Oh, die Weihnachtsferien werden herrlich werden!« rief Jan und machte beinahe einen Luftsprung vor Begeisterung.

»Ist es nicht nett, zu sehen, wie der Junge sich freut, Onkel?« bemerkte Lis überlegen.

»Dich hat niemand gefragt, junger Naseweis«, sagte Jan. »Hör bloß auf, die Dame zu spielen. Wir haben wohl gesehen, wie deine Augen glänzten, als du dir im Zug die Nase am Fenster platt drücktest.«

»Die junge Dame ist vielleicht zu alt, um auf Schiern zu stehen«, zog Erling sie auf.

»Ich werde schon so laufen, daß du überhaupt nicht mitkommst, Dicksack!« erklärte Lis und warf den Kopf in den Nacken.

»Dazu gehört nicht viel, verehrtes Fräulein«, räumte Erling ein. »Es würde mir mehr Eindruck machen, wenn du so läufst, daß Jan nicht mitkommt; aber einen solchen Versuch wirst du wohlweislich unterlassen!«

Lis schnaubte nur und ging mit hocherhobenem Kopf durch den Wartesaal.

Fünf Minuten später waren Schier und Gepäck hinten im Schlitten verstaut, und Lis und die Buben saßen frohgelaunt unter einer dicken Lammfelldecke. Boy ließ sich folgsam auf dem Boden des Schlittens nieder, und Christian Helmer knöpfte das viereckige Lederstück ein, das den Hund und die Fahrgäste vor dem Schnee schützte.

»Na, sitzt ihr gut, Kinder?« erkundigte er sich.

»Ausgezeichnet!« antworteten die Buben wie aus einem Munde.

Lis begnügte sich damit, vornehm zu nicken. Helmer bestieg den Schlitten bock. »Dann fahren wir. Hü!«

Die beiden Braunen hatten offenbar in größter Ungeduld auf das Abfahrtszeichen gewartet. Sie legten den Kopf zurück und setzten die Vorderbeine fest in den weichen Schnee. Ihr spiegelblankes Fell dampfte, als sie sich in Gang setzten. Kurz darauf bog der Schlitten mit lustig klingelnden Schellen in die offene Landstraße ein.

»Jetzt ist es genauso wie auf den Weihnachtspostkarten«, sagte Erling.

»Noch viel besser!« erklärte Jan.

»Ihr seid zwei richtige Kopenhagener«, lachte Onkel Christian. »Macht euch denn so ein bißchen Schnee schon solchen Eindruck?«

»Ein bißchen?« wiederholte Erling und blickte sich verwundert um. »Offenbar sind Sie in Jütland einiges gewohnt. Ich habe jedenfalls noch nie so viel Schnee auf einmal gesehen. Du etwa, Jan?«

»Nein, noch nie. Aber Lis hat sicher schon oft noch viel mehr gesehen«, neckte er die Schwester.

»Witzige Herren!« schnaubte Lis und streckte ihr Stupsnäschen in die Luft.

»Gib acht, daß du nicht Schneeflocken in die kleinen roten Nasenlöcher bekommst«, warnte Erling. »Du könntest dich sonst erkälten.«

Lis kniff die Lippen zusammen. Sie wurde immer böse, wenn man auf ihre Himmelfahrtsnase anspielte – dabei war es ein allerliebstes Stupsnäschen, das ihr entzückend stand.

»Könnt ihr noch immer nicht Frieden halten, Kinder?« lachte der Gutsbesitzer und gab den Braunen einen leichten Schlag mit den Zügeln. »Ich weiß noch, wie ihr euch fortwährend aufzogt, als ihr das letztemal hier wart.«

»Ach, damals, als Fräulein Lis Helmer sich als Detektiv versuchte ...«

»Ganz recht, Erling«, fiel Jan ein. »Es war nur gut, daß wir beide zur Stelle waren, um sie aus der Klemme zu befreien. Soviel ich mich erinnere, war sie damals nicht so hochmütig wie jetzt.«

Der Schlitten war auf dem Kamm eines Hügels angelangt, und die Knaben hatten nun an anderes zu denken, als Lis zu necken. Es schneite nicht mehr so stark, und es bot sich hier oben die schönste Aussicht. Alles war weiß. Im Osten lagen die großen Wälder um die Himmelbergseen, und der Aussichtsturm auf Dänemarks berühmtestem Berg erhob sich dunkel über die Baumwipfel. Der Schnee verschleierte alles, was in der Ferne lag; aber die Buben konnten doch einzelne Blicke auf die Seen erhaschen, die wie blaugrüne Oasen in einer weißen Schneewüste wirkten.

Helmer ließ den Schlitten auf dem Hügelkamm ein Weilchen halten. Er wies mit der Peitsche ringsum zum Horizont und erklärte, was zu sehen war. Er erzählte den Kindern von der nächsten Stadt in der Gegend, von Silkeborg – »Dänemarks Birmingham«, wie die Einwohner ihre etwas langweilige Industriestadt gern nannten –, deren Straßen sich alle im rechten Winkel schnitten. Silkeborg war als einzige dänische Stadt buchstäblich von einem einzigen Manne gegründet worden, nämlich von Michael Drewsen, der 1844 die Papierfabrik baute, um die herum die Stadt dann entstand. Drewsen war Silkeborgs ungekrönter König gewesen, und in seiner prächtigen Villa hatte er oft Besuch von Dänemarks damaligem wirklichen König, Friedrich dem Siebenten, empfangen. Die beiden Könige waren Duzfreunde, und wenn sie abends auf der Veranda saßen und die schöne Landschaft betrachteten, überboten sie einander an Witzen und Gelächter. Im Jahre 1855 hatte Silkeborg seinen ersten Pfarrer erhalten. Es war Jens Christian Hostrup.

»War das der Dichter des Lustspiels ›Die Nachbarn‹?« fragte Jan gespannt.

»Richtig! Diese unsterbliche Studentenkomödie verschaffte ihm größere Berühmtheit als das Pfarramt in Silkeborg. Nun müssen wir aber weiterfahren, wenn wir nicht als Schneemänner heimkommen wollen.«

Bergab ging die Fahrt schneller. Der Schnee lag hoch auf der Straße, war aber recht fest. Man merkte, daß Helmer an diesem Tage nicht als einziger den Schlitten benutzt hatte. Zahlreiche Spuren bewiesen, daß die Straße ziemlich stark befahren war.

Der Schlitten war gerade in einen Seitenweg eingebogen, der nach Raunstal führte, als Jan eine große, gebeugte Gestalt erblickte, die mühsam durch den Schnee stapfte. Irgend etwas an der Gestalt kam Jan bekannt vor; aber die Entfernung war noch zu groß, so daß er keine Einzelheiten erkennen konnte. Zufällig fielen seine Augen dann auf den Onkel, und da sah er, daß Christian Helmer die Brauen gerunzelt hatte und daß um seinen Mund ein harter Zug lag.

Kurz darauf holte der Schlitten den Mann ein, der brummend zu einer Schneewehe am Wegrand auswich. Er hatte die Mütze tief in die Stirn gedrückt; trotzdem gewahrte Jan ein Paar dunkle, bösartige Augen, die ihn anstarrten. Der Mann war bleich und abgezehrt; Wangen und Kinn bedeckten mehrere Tage alte Bartstoppeln.

Der Gutsbesitzer machte ein finsteres Gesicht, indes er vorbeifuhr, und er antwortete überhaupt nicht, als der Mann ihm höhnisch nachrief: »Fröhliche Weihnachten, Herr Helmer!«

Jan merkte plötzlich, daß durch Boy ein Ruck ging, und unter der Lederdecke ertönte ein gedämpftes anhaltendes Knurren.

»Still, Boy!« befahl Jan, worauf der Hund sofort verstummte.

»Der Hund hat also die Stimme wiedererkannt«, sagte Helmer und warf einen Blick zur Seite.

»Ja«, gab Jan geistesabwesend zurück, während er Lis musterte, die am ganzen Leibe bebte. Er beugte sich zu seiner Schwester hinüber und streichelte beruhigend ihre Hand. »Frierst du, Lis?«

»Nein ...«

»Aber du zitterst ja.«

Lis schaute mit bangen Augen auf die große, gebeugte Gestalt, die gerade um eine Wegbiegung verschwand. Dann fragte sie unsicher: »Hast du ihn nicht erkannt, Jan?«

»Doch«, antwortete Jan widerstrebend. »Das war Niels Boelsen. Glaubst du, daß er mich wiedererkannt hat, Onkel?«

»Höchstwahrscheinlich«, erwiderte Helmer mit belegter Stimme. »Man vergißt sicher nicht so leicht einen Menschen, durch den man anderthalb Jahre ins Gefängnis gekommen ist.«

»Seit wann ist er denn wieder draußen?« fragte Erling, dem auch nicht ganz wohl in seiner Haut war.

»Seit einer Woche. Der Großknecht Anders erzählte es mir; aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Schlagt ihr es euch auch aus dem Kopf, Kinder. Von dieser Seite habt ihr nichts zu befürchten.«

»Ob er nicht doch auf Rache sinnt?« fragte Lis angstvoll.

»Dummes Zeug, Kind!« entgegnete Helmer lachend; aber sein Lachen klang nicht ganz überzeugend.

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100 S. 1 Illustration
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9788711458280
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